Skip to main content

Full text of "Zeitschrift"

See other formats




.'V. ,;U( 



Zeitschrift 



der 



Jnistorisehen Gesellschaft 

für die / j g g 

Provinz Posen, "V«^^ 

zu^ich 

Zeitschrift der Historischen Gesellschaft 



für den 



fietzedistrikt zu Bromberg. 



Herausgegeben 



Dr. Hodgero Prümers. 



^ V 






Seen sundz wanzigster Jahrgang. 



Eigentum der Gesellschaft. — Vertrieb durch Joseph Jolowicz. 
Posen 191 1. 



653087 



e • 3 , S7 



Inhalts- Verzeichnis. 



Seite 

t. Das Schulwesen der Brüderunität in Grosspolen bis zum 
Jahre 1586. Von Universitäts-Professor Dr. Jaroslav 
Bidlo zu Prag 1 

2. Aus einer Posener Kloster-Chronik. Von Professor Oswald 

Collmann zu Posen 23 

3. Die Stadt Posen in südpreussischer Zeit. III. Die Kirche. 

Von Geh. Archivrat Prof. Dr. Rodgero Prümers zu 
Posen 57 

4. Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 

Von Redakteur Hugo Sommer zu Posen 89 

5. Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. Von Pastor 

Lic. Dr. Theodor Wotschke zu Santomischel 161 

6. Das Posener Theater unter Franz Wallner. Von Oberlehrer 

Dr. Hans Knudsen zu Steglitz 225 

7. Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815 unter be- 

sonderer Berücksichtigung der Erziehungsanstalten für das 
weibliche Geschlecht. Von Seminarlehrer Otto Konopka 
zu Posen 243 

8. Graf Titus Dzialynskis politisches Debüt. Von Privatdozent 

Dr. Manfred Laubert zu Breslau 311 




Das Schulwesen der Brüderunität in Grosspolen 
bis zum Jahre 1586 

Von 
Dr. Jaroslav Bidlo. 

er Verfasser dieses Artikels, der sich seit meh- 
reren Jahren mit einer Geschichte der böhmi- 
schen Brüder in Polen befasst, teilt hier einige 
Ergebnisse seiner neusten Forschung 1 ) mit, die ein allge- 
meineres Interesse wecken dürften. Es entsteht die nicht 
unwichtige Frage, wie das ursprüngliche Schulwesen be- 
schaffen war, aus dessen Mitte der grosse Schulreformator 
Johann Arnos Komenius emporgewachsen ist, der seiner 
Zeit seine Wirkungsstätte, das Lissaer Gymnasium, zu 
einer Musteranstalt erhoben hat. Zwar gibt es mehrere 
Arbeiten, die sich mit dem Schulwesen der böhmischen 
Brüder beschäftigen, darunter besonders „Das Schulwesen 
der böhmischen Brüder" (Berlin 1898) von Hermann 
Ball, aber keine von ihnen vermag in jeder Beziehung 
zu befriedigen, woran besonders der Mangel des be- 
treffenden Materials schuld ist. Als Hauptquelle ist 
ein bisher unbekannter Synodalkodex anzuführen, der im 
reformierten Synodal-Archive des Königreichs Polen in 
Warschau aufbewahrt wird und den Titel „Sinodi bra- 



x ) Es ist ein Buch, im Verlage der kgl. böhmischen Gesell- 
schaft der Wissenschaften unter dem Titel „Jednota braterskä v 
prvnim vyhnanstvi", III. Teil (1572— 1586), Prag 1909 (Die Brüder- 
unität im ersten Exil). 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg., XXVI. 



2 JaroslavBidlo. 

terskie w Poznaniu ab anno 1569 et deinceps 
ad 1586" führt. Er enthält polnisch geschriebene Synodal- 
protokolle, deren Autor höchst wahrscheinlich der be- 
kannte Brüder-Bischof Simeon Theofil Turnovius ist 1 ). 
Daran reiht sich ein anderer handschriftlicher Synodal- 
kodex, der unter dem Titel „Synody braterskiew 
Polszcze. Ab anno Christi 1587 et deinceps" 
in der Bibliothek des böhmischen Museums in Prag unter 
der Signatur IX E 51 aufbewahrt wird. 

Man muss zwei Seiten des Unitätsschulwesens unter- 
scheiden, einmal die Erziehung der künftigen Geistlichen, 
sodann die Heranbildung der Laienjugend. Die Art und 
Weise, wie die Geistlichkeit erzogen und herangebildet 
wurde, ist ziemlich zur Genüge bekannt, über die Er- 
ziehung der Laien jedoch sind wir sehr mangelhaft unter- 
richtet. Es ist eine bekannte Tatsache, dass die Brüder- 
unität trotz ihrer Befürchtungen, die sie gegen die welt- 
liche Gelehrsamkeit hegte, aus praktischen Gründen ge- 
zwungenwar, für die Bildung des priesterlichen Nach Wuchses 
Sorge zu tragen. An die Spitze der Unität gelangten 
immer Männer, deren Kenntnisse das Niveau der allge- 
meinen Bildung weit überragten 2 ). Praktisch geschah die 
Erziehung in der Weise, dass ein jeder Priester seine 
zukünftigen Nachfolger, „Jünger", welche mit ihm ge- 
meinschaftlich, gleichsam als „Gesinde", im Brüderhause 
wohnten, erzog und unterrichtete. Besonders die Senioren 
erzogen in grösserer Anzahl und besser den priesterlichen 
Nachwuchs, als es andere Geistliche taten, sodaß dann 
namentlich in Jungbunzlau, Eibenschütz und Ostrorög 
diese Erziehungsweise, die grösstenteils eine praktische 
war, sich als eine schulartige gestaltete. Dass jedoch 
diese Erziehung den höheren Bedürfnissen 
der Unität keineswegs genügen konnte, das be- 
weist der Umstand, dass von einer bestimmten Zeit an 
begabte Jünglinge regelmässig studienhalber ausländische 

*) Ich citiere kurz Warsch. S>n. mit Angabe der Seiten des 
Originals. 

2 ) Lukas, Augusta, Blahoslav. 



Schulwesen der Brüderunität in Grosspolen bis J586. o 

Universitäten bezogen. Dieser akademisch gebildete Nach- 
wuchs kam dann an die Spitze der Unität als Mitglieder 
des „engeren Rates", und besonders als Bischöfe (Bla- 
hoslav, Stefan, Aeneas, Turnovius, Nemcansky und 
andere). 

Was die Erziehung der Laienjugend betrifft, so er- 
fahren wir nur, dass Schulen in Brüderhäusern selbst 
und auch in besonderen Schulhäusern errichtet waren; 
es lässt sich sogar auch eine annähernde Topographie 
der Brüderschulen zusammenstellen, aber von der Qualität 
und kulturellen Höhe dieser Schulen wissen wir so gut 
wie gar nichts. Verhältnismässig am besten sind wir über 
die Schule zu Eibenschütz (in Mähren) informiert. Diese war 
(im J. 1575) ein „Gymnasium" oder eine höhere lateinische 
Schule, welche an erster Stelle für die adelige Jugend be- 
stimmt war. Sie bedeutet jedenfalls das Höchste, wozu 
das Unitätsschulwesen bis zu Ende des sechzehnten 
Jahrhunderts gelangt ist. Wie etwa die Eibenschützer 
Schule vor ihrem Aufschwünge (vor 1575) aus- 
gesehen hat, davon unterrichtet sehr interessant der 
bekannte Bruder Simeon Theophil Turnovius im Jahre 
1568 und 1570, nach dessen Berichte es eigentlich 
ein Priesterseminar war 1 ), das sich im Brüderhause 
selbst befand und von „zahlreichen Söhnen gross- 
mächtiger und adeliger Herren" besucht wurde, die sich 
auch derselben Ordnung wie die Priesteramtskandidaten 
unterzogen und im Brüderhause (= Brüderpfarrhause) 
selbst wohnten 2 ). 

Im Seminar von Jungbunzlau, das jedenfalls auf 
gleicher Höhe mit dem Seminar von Eibenschütz stand, 
wurde Sprachunterricht gepflegt, („exercitia in unguis") — 
selbstverständlich Latein und wohl auch Griechisch. 
Bruder Johann Aeneas, der noch im Jahre 1565 in 



1 ) Wie zu gleicher Zeit in Jungbunzlau. 

2 ) Bidlo, Jednota braterskä Bd. 1 264—265, Beilage C. Ver- 
gleiche auch Herrnhuter Handschrift Sign. AB. II. R. 1. N. 6 
S. 513: „Vidi tum in aedibus eius (nämlich des Bruders Blahoslav 
in Eibenschütz) quadraginta circiter juvenes et adolescenteslectissimos." 



« JaroslavBidlo. 

Wittenberg studierte, hielt Vorlesungen über Theologie 
(„lectiones theologicas"). Ausserdem bestand in dem 
selben Brüderhause auch noch eine „Kinder"- oder 
„Knabenschule", denn „nach der Morgenandacht gehen 
alle an ihre Arbeit, die Knaben in ihre Schule, die Jüng- 
linge und die Älteren an ihre Studien, d. h. an ihre 
Sprachstudien und theologischen Vorlesungen." 

Es bestanden also um das Jahr 1570 in Böhmen 
und Mähren zwei Haupterziehungsanstalten der Brüder- 
Unität für die Priester derselben in ihrem Vaterlande, 
nämlich in Jungbunzlau, dem Sitze von Johannes Augusta, 
und in Eibenschütz, dem Sitze von Johannes Blahoslav. 
Turnovius hebt es als eine Eigentümlichkeit des Seminars 
von Eibenschütz hervor, daß es auch von der Adelsjugend 
besucht wurde — aber etwas ähnliches existierte auch in 
Jungbunzlau vor dem Jahre 1548. Solche Priester- 
erziehungsanstalten gab es zwar in jedem Brüderhause 
{d. h. im Wohnhause der Unitätsgeistlichen), aber sie be- 
fanden sich, wie ersichtlich, auf einer niedrigeren Stufe. 
In Jungbunzlau und Eibenschütz war es deswegen besser, 
weil diese Anstalten unter der Leitung von ersten Unitäts- 
bischöfen, meistens gebildeten Männern und hervorragen- 
den Schriftstellern, standen. 

Aus dem oben erwähnten Berichte des Turnovius 
geht hervor, daß es irgendwelche besondere Laienschulen 
in der Brüder-Unität nicht gab, und dass man die Schule 
von Eibenschütz (v. J. 1575 an) als ersten Versuch einer 
adeligen Laienschule zu bezeichnen hat. Die Laienjugend 
wurde vom Anfange bis zum Schlüsse im Brüderhause 
herangebildet und zwar auf der höheren Stufe gleich im 
Priesterseminare. Übrigens war es die Pflicht eines jeden 
Unitätspriesters, seinen Gläubigen soviel Kenntnisse bei- 
zubringen, dass sie im Stande waren, den Katechismus und 
die Bibel zu lesen und aus einem Kanzional zu singen. 
Es genügten auch die materiellen Mittel der Brüder- 
Unität nicht dazu, besondere Laienschulen und besondere 
Lehrer zu unterhalten. Die Unität durfte die in alten 
Zeiten gegründeten, über ständige Fundationseinkünfte 



Schulwesen der Brüderunität in Grosspolen bis j886. 5 

verfügenden Pfarr- oder Stadtschulen für ihre Zwecke 
nicht heranziehen 1 ). 

Besser erging es in dieser Hinsicht der Unität in 
Polen (Grosspolen), wo sie um das Jahr 1553 zugleich mit 
den Kirchen und Pfarreien auch die bestehenden Pfarr- 
schulen in ihre Macht bekam. Davon erfahren wir etwas 
besonderes aus den Stiftungsurkunden der Brüderpfarreien, 
die zum Teile bereits von Lukaszewicz („O ko£ciolach 
braci czeskich") veröffentlicht wurden, größtenteils aber 
noch in den Handschriften der Raczynskischen Bibliothek 
zu Posen aufbewahrt werden. Dort findet man Nach- 
richten über die Meister oder Bakalare, die unter der 
Aufsicht und Leitung der Pfarrer bleiben, welche zu ihren 
Unterhalt gewisse Einkünfte oder Nutzniessungen be- 
kommen sollten. 

So war es in Chodecz oder Chocz, wo zum Unter- 
halt „des Schulmeisters der Garten, gegenüber dem 
Pfarrhofe gelegen, in der Richtung zum Flusse zwischen 
dem Garten des Duchek und Staszek" bestimmt^ war. 
Ein gewisses Schulgeld („was von jedem Schüler je nach 
dem betreffenden Unterricht oder Klasse kommt' 4 ) erhielt 
offenbar der Pfarrer. Dem Sinne des betreffenden Ab- 
satzes gemäss kann man die Ansicht aufstellen, dass der 
Schulmeister auch das Amt des Kirchendieners versah, 
wofür ihm ein Viertel Korn, ein Viertel Hafer von jeder 
Halbhufe der Chodeczer Bürger als Ersatz zukam 2 ). 

In der Kwileczer Stiftungsurkunde bedingen sich die 
dortigen Patrone aus, dass „der Minister der Kwileczer Kirche 
verpflichtet sei, von Jahr zu Jahr immer einen braven und 
tüchtigen Meister für den Kirchengesang und für den 
Unterricht adeliger und sonstiger Kinder zu unterhalten." 
Zu dessen Unterhalt wurde das „Tischgeld" und der 



1 ) Komenius sagt: „Das dritte Hinderniss des Aufschwunges 
der Unität war die Armut, weil unsere Väter, ohne privilegierte, mit 
eigenen Einkünften dotierte Kirchen und Schulen eingenommen zu 
haben, andere heranzuziehen nicht im Stande waren." Beseda 
ucitelskä 1878, 24T. 

2 ) Lukaszewicz, O kosciolach 276—277. 



6 Jaroslav Bidlo. 

„Petersgroschen" bestimmt l), dessen Ertrag man leider 
nicht näher bestimmen kann. In Niemczyn Wielki 
(Grossniemtschin) erhielt der Bakalar am Feste des heiligen 
Stephan nach der Stiftungsurkunde vom Jahre 1583 von 
den Untertanen der fünf Dörfer des betreffenden Pfarr- 
sprengeis je zwei Groschen von jeder Hufe, wozu ihm 
der Patron jährlich zwei Gulden zugab 2 ). In Wieru- 
szewo bekam der Pfarrer vom Patron „zum Unterhalt 
eines Jüngers, der in der Schule lehrte" 5 Gulden viertel- 
jährlich 3 ). In Scharf enort (Ostrorög) befand sich die 
Schule „na kisach" (?) „neben Josua dem Hirten". Als 
ihren Rektor nennt Regenvolscius (117) um das Jahr 1570 
den Elias Thezbitsky (Thesbicius). Zum Jahre 1597 wird 
der Lehrer Jakob Wolfhag erwähnt 4 ). Die Schule ist zu 
unterscheiden von dem dortigen Brüderseminar, das zur 
Erziehung der Geistlichen bestimmt war. 

In der Bartschiner Stiftungsurkunde wird dem 
Pfarrer ein gewisser Bezug für den „Schuldiener" be- 
stimmt, was wohl ein Zeugnis von einer schon auf ziem- 
licher Höhe stehenden Schule sein könnte. Vom Jahre 
1574 an befand sich auch die Pfarrschule in Samt er in 
Händen der Brüdergemeinde 5 ). Im Jahre 1587 wird die 
Schule in Punitz erwähnt. 

Um das Jahr 1580 bestand eine Schule in Demb- 
nica, deren Rektor Valentin Kurio war 6). Im Jahre 1597 
wird von einer Schule in Krotoschin?) gesprochen. 

In Polen, wo bis zur Tätigkeit der Jesuiten keine 
beträchtliche Änderung im Schulwesen stattfand, wie in 
Deutschland und auch in Böhmen, blieb im ganzen dieselbe 
Organisation bestehen, dieselben Gattungen der Schulen r 
dieselbe Höhe der Bildung, wie im 15. Jahrhundert. Die 

*) Handschrift der Raczynski - Bibl. N. 62 f. 4. 

2 ) Ebendas. f. 109. 

3) Racz. N. 343 f. 45. 

4 ) Synody braterskie (Hdschft. des böhmischen Museums 
in Prag) f. 64. 

B ) Synody braterskie (Hdschft. d. böhm. Mus.) f. 7. 

6 ) Luksazewicz, BCz 282. Syn. braterskie (Ms.) f. 105» 

7) Syn. braterskie (Ms.) f. 102. 



Schulwesen der Brüderunität in Grosspolen bis 1586. 7 

Reformationsbewegung verursachte in dieser Hinsicht fast 
gar keine Veränderung. Einzig die kalvinistische und 
noch mehr die antitrinitarische Schule in Piiiczöw bedeu- 
tete einen Versuch, eine höhere protestantische Schule 
nach Art der humanistisch-protestantischen Schulen im 
Westen 1 ) ins Leben zu rufen. 

So gab es also Kathedral-, Kollegiat-, Kloster- und 
Pfarrschulen, wie im Mittelalter. Von diesen wurden nur 
die Pfarrschulen protestantisch, und zwar dort, wo 
sich ihr Patron der Reformation zuneigte; folglich geschah es 
hauptsächlich auf den Gütern des Adels und ausnahms- 
weise und nur auf eine kürzere Zeit in einigen grösseren 
Städten. Wie in älteren Zeiten war auch zur Zeit der 
Reformation der Unterricht an diesen Schulen nicht auf 
ganz gleicher Höhe, was von den Ortsverhältnissen und 
besonders von der Fülle der Fundationen abhing. Wie 
in früheren Zeiten, so versahen auch später Lehrerstellen 
an Pfarrschulen neben wirklichen Meistern und Bakalaren 
oft blosse Studenten, ja nicht selten auch nur Menschen 
welche in erster Reihe Orgelspieler und Kirchendiener 
waren („ministri ecclesiae"). 

Lesen, Schreiben, Singen und etwas Lateinisch hat 
ein Organist immer können müssen 2 ), und von dem 
Wenigen bot er dann seinen Schülern, soviel er konnte. 
Die Rektoren der Pfarrschulen in grösseren Städten hatten 
eine Ausbildung wie Notare, die sie schon aufgrund be- 
stimmter Prüfungen gewannen. Es gab also gar ver- 
schiedene Abstufungen von Pfarrschulen; darin stimmen 
aber alle überein, dass sie den Anfangsunterricht im Lesen, 
Schreiben und Rechnen in ihrer Muttersprache betrieben, 
daneben auch mehr oder weniger den lateinischen Unter- 
richt. Die Brüderunität stellte, als sie die ehemaligen 

i) Lukaszewicz, Historya szköl I 68. 73. Grabowski, 
Z dziejöw literatury kalwinskiej (Rozprawy akademii umiejetnosci 
w Krakowie Bd. 43) S. 373 ff. 

2 ) Karbowiak, Dzieje wychowania II 191. Ptasnik, Z 
iycia uczniöw Krakowskich w XV. i XVI. wieku. (Krakow 1900.) 
16. 17. 21—25. Karbowiak, Klecha XVI wieku (Przegla.d po- 
wszechny Bd. 59 S. 370 ff.) 



8 Jaroslav Bidlo. 

Pfarrschulen in ihre Verwaltung übernahm, als Lehrer 
und Rektoren in der Regel Priesteramtskandidaten, 
Akolyten oder Diakone an, für welche das Lehramt seiner 
geringen Einkünfte wegen nur ein Übergang in ihrer 
Laufbahn war. In wie geringer Achtung die Stellung 
eines damaligen Unitätslehrers war, davon gibt ein charak- 
teristisches und zugleich trauriges Bild der herzbrechende 
Jammer des Simeon Theophil Turnovius, als er im Jahre 
1571 zum Rektor der Kozmineker Schule ernannt wurde, 
die, wie ich später zeigen werde, doch eine höhere 
Bildungsanstalt gewesen ist. „Ich reiste mit dem Bruder 
Johannes Rokyta nach Kozminek ab," schrieb Turnovius 
in die Synodennotizen ein, „als ich überaus elend in den 
Schulstaub gestossen wurde, weil mich der Satan um das, 
was du, Gott, erteilst, beneidete und es mir entreissen 
wollte. Unerforschlich sind deine Beschlüsse . . . Siehe 
meine Thränen! Dein Wille geschehe, Dein Wille, Dein 
Wille, mein Herr 1 )." 

Die Stufe des Unterrichts, welche die durchschnittliche 
Brüderschule (Pfarrschule) bot, ist aus der späteren Visi- 
tationsinstruktion zu sehen, die jener Zeit, als Simeon 
Theophil Turnovius bereits erster polnischer Bischof war, 
angehört 2 ). Der Unitätssenior, welcher die Visitation 

-) Warsch. Syn. S. 78. Diese Notiz befindet sich hinter dem 
Protokoll der Synode vom Jahre 1571, welche zweifellos Turnovius 
zum Rektor bestimmt hat. Die ganze Wehklage ist jedoch viel 
länger als der oben angeführte Bruchteil. Dass Turnovius der Ver- 
fasser dieses Wehrufes ist, geht aus dem Ausdruck „Sperabo tarnen" 
hervor, den man in der Notiz findet und der Turnovius' Schlagwort 
war, von welchem er in allen seinen schriftlichen Äusserungen 
Gebrauch machte. 

2 ) Ms. Racz. N. 193. f. 106 Sp. „Visitatio". (Darunter steht, 
im 18. Jahrhundert geschrieben: „videtur esse manus S. T. Tur- 
novii.") „Przy wisitowaniu potrzeba B. Starszym byc pilnymi dozor- 
cami tych pia.cij rzeczy . . . „4. Szkola . . ." Eben diese Instruktio- 
nen bezieht Lukaszewicz, Wiadomosci 189 meiner Ansicht nach 
auf die Posener Schule (welche jedoch keine Pfarrschule war, son- 
dern vielleicht nur auf der Höhe einer Pfarrschule sich befand), 
in der Turnovius im Jahre 1590 die Visitation durchgeführt 
haben mag. 



Schulwesen der Brüderunität in Grosspolen bis 1586. 9 

einer Brüderkirche oder Brüdergemeinde ausführte, hatte 
sich von folgendem überzeugen sollen: „1. Ob es eine 
Schule gibt oder eine solche bestehen kann? 2. Wie 
die Schule geleitet wird ? Was gelehrt und gelesen wird? 
Ob es nicht irgend welche überflüssige Autoren gibt? 
In welcher Reihenfolge und zu welcher Zeit das oder 
jenes geleistet wird? Gebete? Rekapitulationen 
von Predigten? Katechismus? Gesang? Cisio- 
janus? Arithmetik? Verbesserung von Argu- 
menten? Disputationen? 3. Ob eine Hilfe zur 
Unterhaltung des Bakalars besteht? Ob etwas von 
irgend einer Seite zu erwarten steht? 4. Ob der Bakalar 
ein fremder, gemieteter Mensch ist? Oder ob er ein- 
heimisch und nicht gemieteter ist? Ob er eine anständige 
Versorgung und Übung hat? Ob er seiner Pflicht 
mit Erfolg bei den Schülern nachkommt? 6. Ob sich 
der Bakalar nicht in der Stadt oder auf dem Hofe (Adels- 
hofe) oder in der Schenke unterhält? 7. Ob nicht einige 
Gemeindemitglieder ihre Kinder in päpstliche Schulen 
schicken?" 

Aus diesen Fragen ist zu ersehen, dass also auch 
in Polen die Brüderunität bei den Schulen in erster Reihe 
ihre kirchlichen Bedürfnisse im Auge hatte 1 ), d. h. die 
Erziehung des priesterlichen Nachwuchses, der allem 
Anscheine nach in eigenen Unitätsschulen eine solche 
Bildung, hat erhalten sollen, während die mehr begabten 
Jünglinge, die durch ihre Fortschritte zu grösseren Hoff- 
nungen berechtigten, ihre Studien auf ausländischen Uni- 
versitäten fortsetzen könnten. Dazu war aber allerdings 
die Schule, auf welche in der oben erwähnten Instruktion 
hingewiesen wird, nicht hinreichend, und nicht einmal 



*) j/Gdyz szkola jest potrzebna dlia czwiczenia dziatek i mlo- 
dziencow kn sluzbie koscielniej, bowiem mlodz jest seminarium 
ecclesiae et rei publicae, starac sie. maja. Ich Msci panowie o posta- 
wieniu szköl distriktowych." Aus dem Beschluss der Posener 
Synode 1560 in der Handschrift des kgl. böhm. Landes- 
archivs in Prag Qednäni a Usneseni Jednoty bratrske 
v Polsku) S. 9. 



io Jaroslav Bidlo. 

das Priesterseminar in Ostrorög war meines Erachtens 
dazu genügend. Deshalb bestimmte schon die Synode 
in Posen im Jahre 1560, dass Distrikts- oder Kreisschulen 
errichtet werden sollten, und zwar in Lobsens, Kozminek r 
in Lissa und in Posen 1 ). Zuerst sollte die bereits in 
Kozminek in der Kollatur Jakobs von Ostrorög im Kalischer 
Kreise bestehende Schule, welche schon vor dem J. 1560 
einen höheren Rang erreicht hatte, gehörig ausgestattet 
werden. Im Jahre 1557 erfreute sie sich schon eines 
solchen Rufes, dass von ihr auf der Synode der katho- 
lischen Geistlichkeit in Petrikau gesprochen und be- 
schlossen wurde, bei dem Könige dahin zu wirken, dass 
sie ebenso, wie die kalvinistische Schule in Pinczöw, ge- 
schlossen werde 2 ) — und die Piriczower Schule stand 
zu der Zeit, in welcher Peter Statorius an ihr unterrich- 
tete, sehr hoch; es war tatsächlich ein Gymnasium, wo 
in der höchsten Klasse (von 4 Klassen) Rhethorik und 
Dialektik gelehrt, Vergilius und Horatius erklärt, Xeno- 
phon und Demosthenes übersetzt wurde 3 ). Dass die 
Schule von Kozminek in dieser Hinsicht an die Pinczower 
Schule heranreichte, lässt sich aus der interessanten 
Nachricht in der Biografie des Simeon Theophil Turno- 
vius von Regenvolscius 4 ) schliessen, dass nämlich Turno- 
vius im Jahre 1559 in diese Schule kam und daselbst 
lateinisch, die Anfänge von Griechisch, Geometrie und 
Astronomie lernte, welche sämtliche Gegenstände damals 
der dortige Rektor Stanislaus Grzepski vortrug, ein 
Kenner der hebräischen Sprache 5 ), der später als einer 
der besten Professoren an der Krakauer Universität be- 
rühmt wurde. 



1 ) „Item ta wszystka summa zgromadzona ma byc obrocena 
na szkoly distriktowe i na wychowanie i opatrzenie praeceptorow i 
zakow. A te szkoly sa. w Lobzenicy . . ., na ktore szkoly panowie 
dawac maja., ktorzy ku temu distriktu naleza/' (Jednäni a 
Usneseni Ms. S. 9—10). 

2 ) Bidlo, Jednota I 171. 

3 ) Lukaszewicz, Historya szköl I 71 — 72. 

4 ) Regenvolscius 385, Bidlo II 151— 152. 

5 ) Starovolscius, Hecatontas S. 79. 



Schulwesen der Brüderunität in Grosspolen bis 1586. II 

Wie viel Nutzen der oben erwähnte Beschluss der 
Posener Synode vom 1. November 1560 der Kozmineker 
Schule gebracht hat, darüber haben wir keine Nach- 
richten. Wir wissen nur, dass im Jahre 157 1 der schon 
genannte Bruder Turnovius ihr Rektor wurde, der vordem 
seine Studien an der Universität in Wittenberg beendete 
und aufgrund seiner Bildung und Begabung auf dem 
Wege war, ein zweiter Blahoslav zu werden. 

Seine Tätigkeit daselbst war aber nur von kurzer 
Dauer, denn schon im Jahre 1572 wurde er Pfarrer in 
Lutomirz. 

Im Jahre 1565 wirkte als Lehrer an der Kozmineker 
Schule Daniel Printz „Leobergensis", d. h. aus Löwen- 
berg in Schlesien, eiu Klient des berühmten Arztes 
Kaiser Maximilians IL, Johannes Krato, auf dessen Rat 
er diesen Auftrag übernommen hatte. Er war aber nicht 
besonders zufrieden, weil er sich nach höherer Univer- 
sitätsbildung sehnte und seinen Lehrerberuf als einen 
unangenehmen Ballast in seinen wissenschaftlichen Be- 
strebungen betrachtete 1 ). Es ist interessant, dass dieser 
Schlesier sich dann später Rat des Kaisers Rudolf IL 
nennt und in dessen Namen gewisse Missionen in Polen 
während der Regierung Siegmunds III. ausführt 2 ). Es 
hat daher den Anschein, als ob seine Lehrertätigkeit in 
Kozminek zum Deckmantel irgendeiner politischen Mission 
gedient hat, die wohl mit den späteren Kandidaturen der 
Habsburger auf den polnischen Thron im Zusammen- 
hange steht. 

An die Kozmineker Schule reiht sich auch die 
Schule in Lissa, über deren ältere Schicksale ihre bis- 



!) Interessanter Brief von Printz an Krato im Kodex Nr. 249 
f. 85 (N. 62) der Rhedigerschen Sammlungen in derstädti- 
schen Bibliothek zu Breslau. Im Kodex Nr. 244 derselben 
Sammlung sind einige Briefe junger Ostroroger an Krato von Heidel- 
berg, Basel, Kozminek und Leipzig (J. 1563 — 1565). Es scheint, als 
ob Krato direkt ersucht worden wäre, einen Lehrer für die Kozmi- 
neker Schule zu bestimmen. 

2 ) Wierzbowski, Krz. Warszewickiego niewydane pisma 
181 — 182. Vgl. Mosbach, Przyczynki do dziejöw polskich 152. 



12 Jaroslav Bidlo. 

herigen Historiker 1 ) nicht mehr zusagen imstande waren, 
als Andreas Wqgierski 2 ) von ihr berichtete. Sie soll um 
das Jahr 1555 errichtet und der Leitung der böhmischen 
Brüder anv r traut worden sein. 

Nach der Stiftungsurkunde vom Jahre 1579 3 ) stand 
an der Spitze der Schule in Lissa ein Rektor 4 ), dem 
einige Praeceptoren oder Meister untergeordnet 
waren, die angeblich von den Ältesten der Unität er- 
nannt wurden. Auf der Synode in Posen im Jahre 1573 
wies Rafael Leszczyriski, indem er andere Patrone der 
Brüderunität zu grösseren Opfern für die Schulen be- 
stimmen wollte, darauf hin, er allein gebe nur für die 
Meister der Lissaer Schule 200 Gulden jährlich, sonstige 
Auslagen nicht gerechnet, aus 5 ). 

Es muss also die Schule in Lissa schon damals 
mehrere Klassen enthalten haben. Wie hohe Kenntnisse 
sie wohl geboten haben mag, wie nahe sie etwa dem 
Typus eines „Gymnasiums" stand oder wie sie mit einem 
solchen übereinstimmte, muss vorderhand unbeantwortet 
bleiben. 

*) Ziegler, Beiträge zur älteren Geschichte d. kgl. Gymna- 
siums zu Lissa (Publication „Zur dreihundertjährigen Jubelfeier . . . 
jetzigen kgl. Gymnasiums zu Lissa 13.11. 1855"). San den, Zur 
Geschichte der Lissaer Schule 1555 — 1905. 

2 ) R e g e n v o 1 s c i u s 118. Aus der Inskription In 
Globo Turris Lesnensis Reperta 1639, dem Inhalte nach 
wenn nicht genau 1639, doch um das Jahr 1639 verfasst (veröffent- 
licht von Kvacala in Z. H. G. Posen 1893, 33, Sp.) vermute ich 
Regenvolscius und die bekannte Predigt des Comenius v. J. 1636 zu 
hören, sodass ich glaube, dass der Verfasser der Inskription Regen- 
volscius selbst sei, der eine gewisse Zeit Pastor und Rektor in 
Lissa war und dieselbe etwa nach der Predigt des Comenius ge- 
schrieben haben mag. 

3 ) Ziegler, Beiträge S. XXVII. Beilage IIb. 

4 ) Die Rektoren hiessen David Knobloch, Johann Gyrk (wäh- 
rend dessen Rektorats im J. 1579 die Schule die schon genannte 
Stiftungsurkunde bekam — dies ist nur eine Vermutung Zieglers), 
Georg Waldax, Michael Fiedler und Andreas Fabricius (vom Jahre 
1587 an). Ziegler a. a. O. IV— V, S a n d e n 10. 

b ) „Bo ja w Lesznie na same mistrze na rok dawam 200 fL 
opusciwy co inszego." War seh. Syn. 152. 



Schulwesen der Brüderunität in Grosspolen bis 1586. 13 

Der Ausgabe nach zu schliessen, die der Patron auf 
sie aufwendete, scheint sie einem „Gymnasium" ziemlich 
nahe gestanden zu haben. Der Betrag von 200 fl. pol., 
der für die Schule bestimmt war, war wohl ein ziemlich 
grosser, wenn man erwägt, dass der Posener Bischof für 
die Erhaltung des Jesuitenkollegiums in Posen (für 30 
Personen) einen jährlichen Betrag von 700 fl. poln. als 
Grundeinkommen des Kollegiums bestimmt hat 1 ). 

Auch in Posen bestand neben einer lutherischen 
eine Brüderschule höheren Ranges, wie z. B. aus den 
Posener Konsignationen zu sehen ist (1570), die ausser 
anderen von Valentin Kornelius, Akolyt und Rektor der 
Brüderschule in Posen, unterschrieben sind 2 ). 

Im Jahre 1587 war Martin Grazian Gerüchen (Ger- 
tichius) 3 ) Rektor an dieser Schule. Weil diesen Rektor 
der Geistliche der deutschen Brüdergemeinde unterhalten 
sollte, dürfte es wohl eine deutsche Schule gewesen sein 4 ). 
Wie weit die Behauptung Lukaszewicz's von dem Be- 
stehen einer (BCz 389) Mädchenschule, die von einer 
gewesenen Dominikanerin Praxeda geleitet wurde, der 
Wahrheit entspricht, kann man nicht bestimmen. 

Von der Schule in Lobsens bestehen keine Nach- 
richten, ausser erst aus späteren Zeiten. In den Synodal- 
protokollen vom Jahre 1597 5 ) wird sie erwähnt. Nach 
der Stiftungsurkunde des Pfarramtes von Lobsens vom 
Jahre 1603 hatte der Bakkalar 25 Gulden jährlich zu be- 
kommen 6 ). 

Die Schulen von Kozminek, Lissa und wohl auch 
diejenige von Posen standen wohl auf der Stufe der so- 
genannten Partikularschulen, wo nur ein Teil der Uni- 
versitätsbildung geboten wurde, hauptsächlich allerdings 
die gründliche Kenntnis der lateinischen Sprache bis zu 

1 ) Chotkowski, Szkoly jezuickie in Przegl. powszech.. 
1893, 11 155. 

2) B i d 1 o , Jednota II 166. 

3 ) Regenvolscius 388. 

4 ) S y n. b r a t e r s k i e f. 9. 
ö) A. a. O. f. 53. 69. 

") R a c z. M. 7 (Originalliste). 



14 Jaroslav Bidlo. 

ihrer vollständigen Beherrschung. Das Programm und 
die Höhe der Kenntnisse, welche sie boten, richtete sich 
je nach der Befähigung der Lehrer, die den Schulen das 
Gepräge ihrer Individualität verliehen. Bei der beabsich- 
tigten Reform oder Verbesserung der oben genannten 
Schulen handelte es sich jedenfalls darum, dem Adel ein 
solches Institut zu verschaffen, das gewissermassen ihm 
auch die Universität ersetzen konnte, sodass auch der 
Kleinadel, dessen Mittel zum Besuch der schweizerischen 
oder deutschen Universitäten nicht hinreichten, eine 
höhere Bildung erlangen könnte. 

Im Westen, in Deutschland (und auch in Böhmen), 
gelangte das humanistisch -protestantische Schulwesen 
kurz zuvor zur Schaffung ähnlicher Institute, der soge- 
nannten akademischen Gymnasien (auch gymnasium illustre) 
die hie und da sich so hoch emporgeschwungen haben, dass 
sie sich von Universitäten nur dadurch unterschieden, 
dass sie keine akademische Würden erteilen durften 1 ). 
Was akademische Gymnasien im protestantischen Schul- 
wesen waren, das wurden alsbald jesuitische Kollegien 
im katholischen Schulwesen, die ebenfalls dreijährige 
philosophische Kurse und vierjährige theologische Studien 
boten. Wenn auch die Kollegienschulen in erster 
Reihe zur Bildung des priesterlichen Nachwuchses be- 
stimmt waren, standen sie für Laien doch vollkommen 
offen. Ihre feste Organisation, eine tüchtige Bildung der 
Lehrer und eine strenge Disziplin waren die Gründe 
ausgezeichneter Erfolge des jesuitischen Unterrichts, be- 
sonders in Bezug auf die Hauptforderung jener Zeit — 
auf die Erlernung der lateinischen Sprache, deren voll- 
kommene Beherrschung schon an und für sich der Zweck 
höherer Bildung war. Die Errichtung jesuitischer Kollegien 
auf polnischem Boden, besonders im Centrum des Ge- 
bietes der Brüderunität in Posen im Jahre 1571, wo 1573 
(am 25. Juni) öffentlicher Schulunterricht begonnen hat, 
und in Kaiisch (1584), war vermutlich der Hauptanlass 



J ) Pauls en, Gesch. d. gelehrten Unterrichts I 319—321. 



Schulwesen der Brüderunität in Grosspolen bis 1586. 15 

einer erneuerten Bemühung der Unität und des Brüder- 
adels um den Aufschwung des eigenen Schulwesens. 

Das Posener Kollegium eröffnete zwar anfangs nur 
einen humanistisch -rethorischen Kursus mit 3 Klassen, 
Grammatik, Syntax und Humanität 1 ), und schloss folglich 
in sich nur „studia inferiora" oder ein Gymnasium, etwa 
soviel wie die Schule in Kozminek; es war jedoch vor- 
auszusehen, dass es in kürzester Zeit (bis die Schüler 
heranwuchsen) sein Programm erweitern würde, was im 
Jahre 1585 auch geschehen ist, indem ein dreijähriger 
philosophischer Kursus eingeführt wurde. 

Die Jesuiten, welche ihre Kollegien nur dann er- 
richteten, wenn ihnen die Herrscher oder die Hierarchie 
oder die Magnaten eine hinreichende materielle Unter- 
stützung zusicherten, hatten auch in Posen ihre Existenz 
durch die Freigebigkeit des dortigen Bischofs so ge- 
sichert, dass sie, wie überall, den Unterricht unentgeltlich 
erteilen konnten. Deshalb strömte in ihre Schulen von 
allem Anfang sowohl die katholische, als auch die prote- 
stantische Jugend. Wenn nun die Brüderschulen in 
Kozminek, Lissa und Posen bei dem damaligen Verfall 
des polnischen Schulwesens, das fast ganz in den Händen 
der Geistlichkeit und Patrone lag, einen gewissen Fort- 
schritt bedeutet hatten, so waren sie doch zweifellos von 
den Kollegienschulen der Jesuiten weit übertroffen. Daher 
der grosse Unterschied zwischen dem Beschluss der 
Posener Synode vom Jahre 1560 und dem vom Jahre 1573, 
von welchen der erstere einen Schulbeitrag von 4 Groschen 
für einen Untertanen bestimmt, während der andere ihn 
auf 1 Gulden erhöhte (also um 26 Groschen); allerdings 
kommt wohl in diesem Falle auch die fortschreitende 
Verteuerung der Lebensbedürfnisse in Betracht. Im Jahre 
1573 wurde von dem Bedarf zweier höherer Schulen 
(„praecipuae") und der übrigen niederen („inferiores") ge- 
sprochen, was wohl dahin zu verstehen ist, dass über 

2 ) Chotkowski, Szkoly jezuickie in Przegl. Powsz. 
1893, II I 57» Zaleski, Kolegium OO. jezuitöw w Poznaniu in 
Prz. Powszech. 1897, 11. 



16 Jaroslav Bidlo. 

eine Errichtung zweier „akademischer Gymnasien" ver- 
handelt wurde, eines Brüder- und eines lutherischen 
Gymnasiums, während die übrigen Partikularschulen ge- 
blieben wären. Dass unter niederen Schulen nicht Pfarr- 
schulen zu verstehen waren, scheint aus dem Umstände 
zu folgen, dass die Unität solche eigentlich schon hatte. 
Die Synode im Jahre 1560 hatte höchstwahrscheinlich nur 
eine Errichtung von vier Kreispartikularschulen im Sinn. 
Weil seit drei und einem halben Jahr nichts geschah, und 
alle diejenigen, die ihre Kinder in katholische Schulen 
schickten , sich damit herausredeten, drängte die 
Geistlichkeit auf der Synode 1577 die Se- 
nioren, den Adel zu diesem Zwecke zu einer 
Versammlung einzuladen. 

Diesem Verlangen wurde in der Tat willfahren, 
jedoch geschah es verhältnismässig ziemlich spät, erst am 
4. September 1579, wo ältere Brüder in Peisern mit den 
adeligen Patronen zusammentrafen. „Dort handelte es 
sich hauptsächlich um die Beendigung der Schulsamm- 
lung, die auf der Posener Synode (1573) beschlossen 
wurde 1 )." Das Protokoll (ein sehr bündiges) von dieser 
Versammlung in Peisern enthält folgende Nachricht dar- 
über: „Und dort hat es so begonnen, dass auf das dort- 
hin gesammelte Geld im Betrag von 1310 Gulden Herr 
Jacob Niemojewski sein Dorf Ibramow 2 ) in dem Ino- 
wrazlawer Kreise übergeben und es den General- 
senioren einschreiben soll. Und von diesen soll er 
es nur rechtsgemäss und wie in Miete halten. Dann 
war es im Jahre 1580 am 8. April 3 )." Mit Ausnahme 
des letzten Satzes ist alles vorausgehende im Ori- 
ginal durchgestrichen. Warum es durchgestrichen worden, 
ist schwer zu erraten. Interessant ist aber, dass im 
Manuskripte der Raczynskischen Bibliothek sich eine 
Notiz erhalten hat, welche die obere Anmerkung über 
die Verhandlung des Kongresses in Peisern im ganzen 

!) War seh. Syn. 266. 

2 ) Zrödla dziejowe XII 247. Wybranowo. 

3) War seh. Syn. 266. 



Schulwesen der Brüderunität in Grosspolen bis 1586. 17 

bestätigt und erklärt: „Dort wurde unter allgemeiner 
Übereinstimmung die Kollekte, welche nach gemeinsamem 
Beschluss zur Erhaltung der Kozmineker Schule ge- 
sammelt wurde, Herrn Jakob Niemojewski im Betrage 
von 1366 Gulden übergeben, von welchen er jährlich 
80 £1., je 6 von hundert, zu zahlen hat 1 )." Es scheint, 
dass diese zweite Notiz der wirkliche end- 
giltige Beschluss ist, durch den wahrschein- 
lich der Beschluss der ersten Notiz verändert 
und annulliert worden ist. 

Der Erfolg der sechs Jahre hindurch gepflegten 
Schulsammlung war also, wenn wir ihn mit den Plänen 
der Posener S3mode vom J. 1573 vergleichen, auf welcher 
der Ertrag der Sammlung auf 4000 Gulden geschätzt 
und doch als nicht ausgiebig genug betrachtet wurde, 
ein ziemlich trauriger. Aber aus dem Verlauf der gleich 
darauf folgenden Brüdersynode in Posen 1579, die 
am 1. Oktober zusammentrat, ist zu sehen, dass die 
Schulsammlimg als nicht beendigt betrachtet wurde 2 ) 
Die Unitätssenioren antworteten auf die Aufforderung 
der Priester, die Patrone zu ihrer Beendigung zu 
bewegen 3 ), damit, dass sie zum Schlüsse der Synode 
den Priestern entsprechende schriftliche Aufforderungen 
(„Uniwersal") an die Brüder und Schwestern des 
Ritterstandes einhändigten. Dass jedoch auch dieser 
moralische Druck keine grosse Wirkung hatte, geht aus 
der Wiederholung derselben Bitte der Geistlichkeit auf 
der Synode 1580 4 ) und 1582 5 ) hervor. Auf der letzteren 
wurde über der Sache mit den Lutheranern verhandelt. 
Es war jedoch nicht nur ein Mangel an Opfer- 

i) Ms. Racz. N. 193 f. 1. 

2 ) „Okolo dokonczenia i do skutku przywiedzienia collecty na 
szkoly." (War seh. Syn. 280). 

3 ) „Prosimy, ze by bracia starsi nieprzestawali o tym sie. 
starac i pany patrony do tego przywodzic, ze by ta rzecz strony 
szkol koniec wzie_la, ze by i ubodzy diseipuli wychowani bydz 
mogli." (M s. Racz. N. 46 f. 54). 

4 ) Ms. Racz. N. 46 f. 61. 

5 ) Warsch. Syn. 330. 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Pcs.en. Jahr?. XXVI. 2 



1 8 Jaroslav Bidlo. 

Willigkeit, der den Erfolg der Sammlungen hin- 
derte, sondern auch eine gewisse Uneinigkeit 
und Eifersucht unter den Patronen, was aus dem 
Vorschlag der Geistlichkeit auf der Synode von 1580 
(29. August) hervorgeht, wo gesagt wird, dass viele für 
die Schule von Lissa nicht beitragen wollten, sondern 
nur für die Schule von Kozminek 1 ), und deshalb er- 
suchten die Priester um Errichtung einer General- oder 
höheren Schule in Kozminek. Dass die Schule in Lissa 
als eine höhere ausgestattet und emporgehoben wurde, 
war zweifelsohne der Wunsch des Herrn Rafael Leszczyri- 
ski und seiner Anhänger. Die Schule in Kozminek 
wurde anscheinend von der Partei der Ostrorög in Schutz 
genommen, denen Kozminek gehörte. Mit diesen Zwistig- 
keiten hängt wahrscheinlich eine Urkunde des Rafael 
Leszczyriski zusammen, in der er dem damaligen Rektor 
der Schule in Lissa ein Feld in der Grösse von 3 / 4 Hufe 
zugleich mit den Wiesen, Gärten, Teichen und dem an- 
liegenden städtischen Graben schenkt und es von jeder 
Abgabe und Belastung, welche der Herrschaft gehören 
würden, befreit. In dieser Schenkungsurkunde ist der 
Zweck des Geschenkes ziemlich deutlich angeführt: Ver- 
besserung und Erhebung der Lissaer Schule 2 ). 

In wie weit und in welcher Richtung die erwähnte 
Reform die Lissaer Schule berührte, lässt sich nicht 
sagen. Wir kennen nur den Bestand der Lissaer Schule, 
den die Reform vom J. 1604 eingeführt hat. Wotschke 
hat ihn in seinem Aufsatz „Das Lissaer Gymnasium am 
Anfange des siebzehnten Jahrhunderts" (in dieser Zeit- 
schrift 1906 Jahrg. XXI) geschildert. Vielleicht wäre es 
richtiger, das bekannte, interessante, aber weniger lob- 
reiche Epigramm des Schlesiers Johannes Linin- 
gius von Strehlen über die Lissaer Schule auf deren 



i) Ms. Racz. N. 46 f. 62. 

2 ) „. . . in usum, commodum ac reformationem scholae prae- 
dictae ecclesiae praefatae." (Ziegler, Beiträge XXVII). Das- 
Original dieser Akte hat das Staatsarchiv in Posen. (Ar eh. Unit 
XIII. Privilegia in Pergameno descripta). 



Schulwesen der ßrüderunität in Grosspolen bis 1586. 19 

Bestand vor der Reform des Jahres 1604 zu be 
ziehen. 

Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass das 
Niveau der Lissaer Schule zur Zeit ihres Begründers viel 
höher war als nach dessen Tode, — man kann ver- 
muten, dass um das J. 1580 ihr Bestand sich dem vom 
J. 1604 näherte. 

Die Frage, ob das akademische Unitätsgymnasium 
in Kozminek oder in Lissa errichtet werden sollte, hatte 
einen wichtigen wirtschaftlichen Hintergrund, denn das 
Gedeihen der Schule konnte nicht ohne Wirkung auf 
das Aufblühen des städtischen Gewerbes und Handels- 
verkehrs bleiben. Rafael Leszczynski, der sich als guter 
Hauswirt erwies und bereits grossen Aufwand für die 
bestehende Lissaer Schule leistete, konnte nicht den 
Wunsch hegen, dass all der Aufwand sozusagen verloren 
gehe, obwohl andererseits die Ostroroger seine nahen 
Verwandten waren. 

Auf der Petrikauer Generalsynode der polnischen 
Protestanten (den 1. Juni 1578) wies man auf das Beispiel 
des Herrn Leszczynski hin, „der bereits mit grossem 
Aufwand die Schule in Lissa errichtet hatte". Der an- 
wesende Herr Johannes Olesnicki wurde gebeten, nach 
dem Beispiele seines Vaters das Pinczower Kloster zum 
Gebrauche einer Schule zu widmen. Aus der ganzen 
Verhandlung der Generalsynode ist ersichtlich, dass es 
sich nur um eine Schule der kleinpolnischen Kalvinisten 
handelte l). Nur die anwesenden kleinpolnischen refor- 
mierten Patrone verpflichteten sich zu einer Schulkollekte 
von je einem poln. Gulden von jedem Untertanen. Es 
ist zu sehen, dass die kleinpolnischen Kalvinisten zwar 
dem Beschlüsse der Brüdersynode vom Jahre 1573 (im 
November) folgten, dass aber bis jetzt kein gemeinsames 
Vorgehen mit der Unität gepflegt wurde. Eine bessere Aus- 
sicht schien einem Plane der Brüderunität und den gross- 
polnischen Lutheranern beschieden zu sein, der auf der 

!) Protokolle des Thomas We.gierski (in der Biblio- 
thek der Wilnaer reformierten Kirche) 79. 



20 Jar oslav Bidlo. 

gemeinsamen Posener Synode vom 14.— 16. Februar des 
Jahres 1582 gefasst wurde, und zwar im Sinne des Be- 
schlusses der Posener Novembersynode der Unität (1573), 
wo der lutherische Superintendent Erasmus Gliczner be- 
auftragt wurde, die lutherischen Patrone für die Errich- 
tung von gemeinsamen Schulen zu gewinnen 1 ). Wahr- 
scheinlich nahmen jetzt (im Februar 1582) die lutherischen 
Patrone einfach den älteren ßeschluss (vom Jahre 1573) 
der Brüderpatrone an. „Alle christlichen Herren" haben 
sich nämlich verpflichtet, je 1 Gulden (poln.) von jedem 
Untertanen zu bezahlen. Stanislaus von Görka versprach 
500 Gulden. Es wurden auch vier Diakone, Mathias 
Orzelski, der Richter von Nakel, Severin Palecki, Bartho- 
lomaeus Splawski und Lukas Smuszewski zum Empfange 
des Geldes erwählt. Diese sollten zweimal jährlich be- 
hufs der Verrechnung des eingesammelten und der Ein- 
treibung des ausstehenden Geldes zusammenkommen. 
Als Frist wurde der Michaelistag bestimmt 2 ). 

Der wichtigste Beschluss der Posener Lutheraner- 
und Unitätssynode ist derjenige, der endlich über die 
Stätten, wo die beiden höheren Schulen errichtet 
werden sollten (akademische Gymnasien) entschied; 
es wurden Kozminek und Grätz als ihre Sitze bestimmt, 
woraus ersichtlich ist, dass die eine Schule brüderlich, 
die andere lutherisch sein sollte 3 ). 

Wie es mit der beschlossenen Schulkollekte weiter 
ging, erhellt aus der Verhandlung der nächstfolgenden 
protestantischen Generalsynode in Wtodzislaw (19. Juni 
I 5^3)- Unter ihren Beschlüssen liest man auch die 
symptomatische Ermahnung, dass die Generalsynode 
„ernstlich bittet und beschwört . . ., alle Herren Patrone 

i) War seh. Syn. S. 152: „Pan starosta (= Raph. Leszczynski) 
przypomnial, iz pan brat jego odkazal 300 grzywien na szkole. a 
przy tym mowil, iz by dobrze, ze by sie. w tym panowie augustanae 
confessionis z nami zla.czyli. Obiecal K. Erasmus (n. Gliczner) re- 
ferre ad suos." 

2) War seh. Syn. 330. Siehe auch Ms. Racz. N. 219 f. 6 ff. 
Vgl. Lukaszewicz, Wiadomosci 90. 

••*) War seh. Syn. 330. Ms. Racz. N. 219 f. 6 ff. 



Schulwesen der Brüderunität in Grosspolen bis 1586. ^r 

im Königreiche Polen und Grossherzogtum Lithauen 
möchten endlich die Kollekten zur Errichtung und Unter- 
stützung der Schulen . . . einsammeln." Daraus geht 
klar hervor, dass man durch den Druck der höchsten 
Autorität der General synode zu erzielen hoffte, was die 
einzelnen Kirchen und Bekenntnisse durch ihre Partikular- 
synoden von ihren Patronen nicht zu erreichen ver- 
mochten. Aber umsonst, denn die Bedrohung mit der 
Gottesstrafe und Kirchenzucht, „durch die die Nach- 
lässigen, Verstockten und Unverschämten mit vollem 
Rechte bestraft werden sollten," hatte wahrlich einen recht 
schalen Klang. 

Aus der Verhandlung der Unitätskreiss}mode, die 
am 12. Mai 1586 in Stawiszyn gehalten wurde, erfährt 
man, dass die Schulkollekte immer noch nicht zum Ab- 
schluss gebracht wurde, so dass wieder die Klage über 
den Besuch der päpstlichen Schulen seitens der Unitäts- 
kinder erhoben wurde. Die Unitätsgeistlichen und die 
weltlichen Senioren des Stawiszyner Kreises sollten in 
den anderen Kreisen in Erfahrung bringen, was mit der 
Schulkollekte vor sich gehe, „wer sie für seine Privat- 
schulen vorbehalten habe" (womit vielleicht die Leszczyri- 
skische Partei gemeint wurde), und wer dieselbe nicht 
bezahlt habe. Herr Johann Grodziecki bot sich mit 
seinen Brüdern an, noch 50 Gulden zu der vorhandenen 
Summe zuzugeben in der Hoffnung, die Jünglinge, welche die 
Generalschule absolviert hätten, würden von den Senioren 
als Lehrer an den Patrikularschulen bestellt werden 1 ). 

Weil ich die weitere Entwickelung der Schulfrage 
der polnischen Brüderunität bishei nicht verfolgt habe, 
beschränke ich mich zum Schlüsse darauf, auf Johannes 
Lasitius kurz hinzuweisen, der in seiner Schrift über die 
Brüderunität, die er um das Jahr 1585 schrieb, den Miss- 
erfolg aller dieser Bemühungen beklagt 2 ). 

*) Syn. braterskie MS. f. 1. 

2 ) Lasitius, Historiae de origine et rebus gestis fratrum 
BohemoFum 92. 



Aus einer Posener Kloster-Chronik. 

Von 
Oswald Collmann. 

I. 

■n seinem Buche „Krötki opis kosciolöw parochial- 
nych . . . w dawnej dyecezyi poznariskiej" . . . sagt 
J. Lukaszewicz (I, 106) : 
„Das Kloster der Benediktinerinnen in Posen besass 
zwei Ortschroniken, von denen der verstorbene X. Tan- 
culski, der letzte Beichtvater dieser weiblichen Ordens- 
gemeinde, die eine der Raczynski'schen Bibliothek ver- 
ehrte, während er mit der andern mich beschenkte." 

L. hat daher sowohl für das eben genannte Werk, 
wie auch für sein „Historisch-statistisches Bild der Stadt 
Posen" . . . noch diese beiden polnischen Chroniken 
benützen können. Da es unbekannt ist, was nach dem 
Tode dieses Gelehrten aus seinem Exemplar der Chronik 
geworden sein mag, so kommt hier nur noch das der 
Raczyriskischen Bibliothek gehörige Exemplar in Betracht. 

Dieses besteht in einem Folioband von 400 numme- 
rierten Blättern eines starken Papiers, von denen aber 
nur 137 beschrieben sind, und zwar folgendermassen : 

Bl. 1. Überschrift : „Kurzes Memorial unsrer Grün- 
dung." — Bl. 2 leer, Bl. 3 fehlt. Bl. 4—15: Die zwölf 
Monate, d. h. mit der Feder gezeichnete Darstellungen 
der in jedem Monat üblichen Arbeiten in Haus, Garten 
und Feld. Bl. 16 leer. Bl. 17. Titelblatt: „Buch der ge- 
wöhnlichen Begebenheiten unseres Klosters des heil. 
Benedikt in Posen." — Darunter eine Vignette, ebenso 
eine grössere derselben Art auf der Rückseite des Blattes. 



24 Oswald Coli m a n n. 

Bl. 18. Register (nach Seitenzahlen, von i — 174). Bl. 19 
bis 22 leer. — Bl. 22 (Rückseite) Federzeichnung : Der 
heil. Benedikt, auf Wolken thronend, weist die Nonnen 
in ihr neues (Posener) Heim, an dessen Pforte sie von 
der heil. Scholastica begrüsst werden. 

Mit Bl. 23 beginnt dann die eigentliche Chronik. Diese 
zerfällt in 2 Hauptteile : 

I. Hauptteil. A. Bl. 23—87 (S. 1—128). Von 
derselben Hand, wie die ersten 16 Blätter, das Register 
und die s ä mtlichen Federzeichnungen. Dieser Teil 
A umfasst die Zeit von der Gründung bis 1654. 

B. Bl. 87 (2) — ito (S. 129 — 175). Von einer anderen 
Hand geschrieben, umfasst dieser Teil die Zeit vom 
26. Juli 1655 (Einmarsch der Schweden in Posen) bis zum 
25. Juli 1665 (Tod der Äbtissin Magdalena Gloskowska), 
also genau 10 Jahre. Die letzten 4 Seiten sind wieder 
von einer anderen, gleichzeitigen Hand geschrieben. Auch 
auf Bl. 116 (S. 184 — 185) steht noch eine gleichzeitige 
Eintragung über das J. 1704 (zweiter schwedischer Krieg). 
Bl. 120 — 310 sind leer. 

II. H a u p 1 1 e i 1. Bl. 312 — 328: Ein Verzeichnis der 
Mitglieder der Posener Filiale dieses Ordens, meist mit 
kurzem Lebensabriss der betr. Nonne. Also eine Art 
Personenstandsregister oder Nekrologie. Das Titelblatt ist 
auch hier wieder auf beiden Seiten mit einer Feder- 
zeichnung geschmückt. 

Von späteren Eintragungen findet sich nur noch ein 
Bericht über die Generalvisitation des Klosters im J. 1780. 
Dieser Bericht, von dem Konsistorialsekretär Walicht ver- 
fasst, ist kalligraphisch schön geschrieben, während die 
übrigen Teile der Chronik mehr oder weniger schwer zu 
entziffern sind. 

Wie ist diese Chronik entstanden? Darüber wird 
auf Bl. 70 folgende Auskunft gegeben: 

„In Folge einer gewissen Nachlässigkeit oder auch 
Verschiebung einer so notwendigen Sache waren seit der 
Gründung bis zum J. 1 649 keine Bücher der ge- 



Aus einer Posener Kloster-Chronik. 25 

wohnlichen Angelegenheiten des Klosters eingerichtet 
worden. Diesen [Mangel] einsehend, Hess die Äbtissin 
4 Bücher einrichten." 

„1. Dasjenige, in welchem diese [bisher] übergangenen 
Dinge gemäss der Gewohnheit anderer Klöster eingetragen 
werden. Dies Buch zu schreiben machte [jedoch] anfangs 
grosse Schwierigkeit wegen der Länge der verflossenen 
Zeit. Doch hatte der liebe Gott einer alten Schwester 
ein so gutes Gedächtnis gegeben, dass sie sich der Sachen 
erinnerte, die man [nunmehr] niedergeschrieben hat, so 
vorsichtig, wie es möglich war, und mit Auslassung vieler 
»Sachen, deren man sich nicht mehr sicher erinnern 
konnte" u. s. w. 

An dem Teil der Chronik, welcher die Zeit 
von 1607 bis 1654 umfasst, haben also zwei Schwestern 
gearbeitet. Die alte Nonne mit dem guten Gedächtnis 
dürfte Ursula Jawasköwna aus Schroda gewesen sein, 
denn von ihr heisst es in der Nekrologie: „Es war 
dies eine Schwester von gutem Gedächtnis, uner- 
müdlich im Schreiben geistlicher Dinge. Sie hat auch 
mehrere Bücher mit religiösen Betrachtungen geschrieben." 
Auch mit der Zeit lässt sich meine Annahme ihrer 
Mitarbeiterschaft wohl vereinigen, denn sie legte die 
Profession im J. 1613 ab und war im J. 1654 noch im 
Kloster. 

Wer aber war die eigentliche Verfasserin jenes 
ersten Teils der Chronik und zugleich Anfertige™ der 
Federzeichnungen ? 

Das war ohne Zweifel die Schwester Johanna Ja- 
skölska. Über diese wird nämlich (S. 147) erzählt, dass 
sie, mit einer schönen Handschrift begabt, das Personen- 
stands-Register geführt und darin auch über sich selbst 
berichtet hat : „Sie hat jenes Buch terminatum der ver- 
storbenen Schwestern, wie sie aufeinander folgten, ein- 
gerichtet. Auch sich selbst hat sie in der Reihe auf 
Blatt . . , l ) eingetragen, und aus dem, was sie über sich selbst 



*) Die Zahl des Blattes (326) ist nicht angegeben. 



126 Oswald Collmann. 

dort niedergeschrieben hat, kann man ihre Demut klar 
erkennen." 

Diesem Urteil entspricht der Inhalt der betr. Notiz 
in der Tat vollständig. Eine Vergleichung der Hand- 
schriften ergibt aber, dass dieselbe Hand, welche das 
Personenstands-Register angelegt hat, auch diesen ersten 
Teil (1607 — 1654) der eigentlichen Chronik geschrieben 
haben muss. 

Hieraus erklärt es sich auch, warum die Fort- 
setzung (vom J. 1655 an) von einer anderen Hand ge- 
schrieben worden ist. Denn Johanna Jaskölska, die im 
Juli 1655 mit den anderen Nonnen vor den Schweden 
geflohen war und in Trebnitz Aufnahme gefunden hatte, 
ist nie wieder nach Posen zurückgekehrt, sondern am 
26. Juli 1656 in Trebnitz gestorben. 

Wer hat nun aber die Chronik fortgesetzt? Aller 
Wahrscheinlichkeit nach die Schwester Barbara Mar- 
szewska. In der Schilderung jener Flucht vor den 
Schweden lesen wir nämlich (Bl. 135) : „Die damalige 
[Sub-] Priorin Sophia Grabowiecka fuhr mit Barbara Mar- 
szewska zu ihrer Verwandten, dem Fräulein Gorziriska, 
wo sie gut aufgenommen wurden. . . . Nach zwei Wochen 
kam der Bruder der [Sub-] Priorin dorthin und nahm sie 
[beide] zu sich. Und bei der Fähre bei Kqpa trafen wir 
viele Wagen und Karren. . . . Die Überfahrt wäre an 
jenem Tage unmöglich gewesen, wenn nicht der Herr 
Gloskowski gewesen wäre, der eine Hälfte der Fähre be- 
sass, und so mussten sie uns übersetzen." 

„Wir trafen viele Wagen" . . . „Sie mussten uns 
übersetzen." Die Schreiberin erzählt also hier ihre eigenen 
Erlebnisse, und da diese nur den beiden oben namhaft 
gemachten Nonnen begegnet sind, so muss eine derselben 
diesen Teil der Chronik geschrieben haben — aber sicher- 
lich nicht die, welche — als Subpriorin — im Orden 
den höheren Rang hatte, sondern die ihr beigeordnete 
Begleiterin, die Marszewska. 



Aus einer Posener Kloster-Chronik. 27 

II. 

Über den Inhalt der beiden von ihm benützten 
Chroniken macht Lukaszewicz folgende allgemeine Be- 
merkungen: 1 ) „Die Verfasserinnen dieser Chroniken sind 
Nonnen. Eingeschlossen in den Klostermauern, konnten 
sie nicht viel von dem sehen, was sich ausserhalb der- 
selben zutrug. Daher enthalten die Chroniken sehr 
wenige Schilderungen von zeitgenössischen Ereignissen, 
die den Leser fesseln können. Sie sind angefüllt mit 
Strassen- und Klosterklatsch, wie auch mit Dingen, welche 
die Ordensgemeinde näher interessierten, denn so ist es 
von jeher gewesen und wird es immer sein : 
de ventis nauta, de bubus agricola". 

Nach diesem Urteil wird es wohl berechtigt sein 
wenn ich mich hier auf die Wiedergabe eben jener 
Erzählungen von Zeitereignissen beschränke, wobei 
ich mir jedoch gelegentlich erlauben werde, diese 
Schilderungen aus anderen Quellen zu erläutern, bezw. 
zu ergänzen. 

Es sind nun besonders drei Arten von Ereignissen,, 
durch welche diese frommen Klosterfrauen in ihrem be- 
schaulichen Leben gestört oder wohl gar in den bewegten 
Strom der Öffentlichkeit hineingezogen wurden. Diese 
sind : 1) Die Ankunft fremder Gäste, die in dem Kloster 
auf kürzere oder längere Zeit Herberge oder Schutz 
suchten ; 2) Pestilenz, und 3) Krieg durch welche 
Piagen die Nonnen ihrerseits gezwungen wurden, ausser- 
halb ihrer Klostermauern Obdach oder Schutz zu suchen. 

1. Fremde Gäste im Kloster. 

„Gleich nachdem das Kloster eingerichtet war, (lesen 
wir auf Blatt 30 a) setzte es der Posener Bischof [Andreas 
Opalinski] . . . bei der Kulmer Äbtissin durch, dass sie 
zum Wohnen in unserm Kloster die Frau Opalinska,. 
Starostin von Lezajsk, aufnahm, die schon eine Zeitlang 



*) Krötki opis histor. kosciolöw parochialnych . . . w dawnej- 
dyecezyi poznanskiej. Poznan 1858/63, I, 106. 



28 Oswald Collmann. 

bei Fräulein Petrusöwna 1 ) incognito gewohnt hatte. Es 
geschah dies wegen der grossen Streitigkeit und blutigen 
Fehde [ihres Gemahls] des Herrn Lukas Opalinski mit 
dem Herrn Stadnicki, welche — um einen Hund in Streit 
geraten — nicht nur mit einander kämpften, sondern auch 
ihre beiderseitigen Verwandten befehdeten. Aus diesem 
Grunde wohnte diese Frau Opalinska, die Schwägerin 
des Herrn Bischofs, in unserem Kloster vom Advent des 
Jahres 1609 bis zum Palmsonntag 1610." 

Daneben, am Rande, steht die Glosse: „Des Herrn 
Opalinski Krieg mit dem Herrn Stadnicki um einen Hund." 

„Während dieser Zeit war Frau Opalinska sehr frei- 
gebig gegen unsere Schwestern, indem sie dem Kloster 
reichliche Almosen spendete. Sehr oft Hess sie ihnen in 
ihrer Küche, die im Brauhaus des Klosters war, herrliche 
Mahlzeiten bereiten, erkundigte sich immer danach, was 
für die Nonnen gekocht wurde, und schickte ihnen bis- 
weilen Schüsseln zu Tisch ins Refektorium." 

Diese Eintragung fordert zu näherer Erläuterung auf, 
nicht allein wegen des nachher mitzuteilenden Briefes der 
Frau Opalinska, der ja ohne Kommentar unverständlich 
sein würde, sondern besonders auch deshalb, weil sich 
uns damit ein interessanter Einblick in die politischen und 
sozialen Zustände des damaligen Polens eröffnen wird. 

Zur allgemeinen Orientierung bemerke ich zunächst, 
dass die hier erwähnte Frau Anna Opalinska, geb. Pilecka, 
verwitwete Kostka, die Gemahlin des Lukas von Bnin- 
Opalinski, Starosten von Lezajsk, war. Dieser Lukas 
Opalinski hatte zwei Brüder, einen älteren, Peter, und 
einen Jüngern, Andreas, seit 1607 Bischof von Posen. 

Wer war nun aber jener Stadnicki, mit dem Lukas 
Opalinski — angeblich wegen eines Hundes — jene 
grimmige Fehde führte, die damals weite Kreise in Auf- 
regung versetzte? 

x ) Anna Petrusöwna, eine Schwester des Posener Bürger- 
meisters, war jene fromme Person, die zuerst die Gründung des 
Posener Klosters angeregt und durch materielle Unterstützung ge- 
fördert hatte. 



Aus einer Posener Kloster-Chronik. 29 

Darüber findet sich Näheres in dem Werke „Prawem 
i lewem. Obyczaje na Czerwonej Rusi w pierwszej polowie 
XVII wieku przez Wl. Loziriskiego. Lwöw, 1904." Tom II, 
312 f. f., dem wir folgendes entnehmen: 

Sein Vater hiess Stanislaus Mattheus Stadnicki und 
war Starost von Zygwulsk in Galizien, sowie Erbherr auf 
Laricut. Dieser ältere Stadnicki, verheiratet mit Barbara 
Zborowska, einer Schwester des berühmten Samuel 
Zborowski, war einer der eifrigsten Dissidenten in Polen, 
und sein Schloss Niedzwiedz in der Wojewodschaft 
Krakau war ein Zufluchtsort der „Ketzer". Im J. 1551 
fing Stadnicki senior an, die Reformation auch im Bezirk 
von Przemysl zu verbreiten, indem er ihr einen neuen 
Stützpunkt zu Dubiecko verschaffte, wo er u. a. zwei wegen 
Ketzerei von der katholischen Kirche verfluchte Priester 
aufnahm und beschützte. Darüber geriet er mit dem 
Bischof von Przemysl, Jan Dziaduski, in einen Streit, über 
welchen Gabriel Therla dem Herzog Albrecht von 
Preussen damals einen interessanten Bericht *) erstattet hat. 

Stadnicki senior blieb jedoch dem Luthertum nicht 
treu: er ging später zum Kalvinismus über und nahm in 
Dubiecko sogar den Antitrinitarier Franciscus Stancaro 2 ) 
auf, durch den er seine bereits lutherisch getauften Söhne 
noch einmal, und zwar ritu sacramentario, taufen Hess. 
Diese doppelte Taufe hinderte sie freilich nicht, später 
wieder zur katholischen Kirche zurückzukehren. — Nur 
einer, der älteste, eben unser Stadnicki, wie sein Vater 
„Stanislaus" geheissen, blieb der evangelischen Lehre treu, 
wenigstens äusserlich. Denn von einem inner- 
lichen Verhältnis zu ihr kann doch gar keine Rede 
sein bei diesem Menschen, dessen Leben eine ununter- 
brochene Kette von Gewalttaten und Grausamkeiten war, 
die ihm in der Geschichte den Beinamen „Dyabel lari- 
cucki" — der Teufel von Laricut — verschafft haben. 
Dieses Musterexemplar eines skrupellosen Klopffechters 

*) Abgedruckt in dem Werk: „Briefwechsel der Schweizer 
mit den Polen, herausg. von Theodor Wotschke, S. 422/23. 
2 ) Vgl. Wotschke, Briefwechsel, S. 144. 



30 Oswald Collmann. 

lag nämlich mit alier Welt im Streit, mit seinen Guts- 
nachbarn, mit seinen eigenen Verwandten, mit König und 
Reichstag. Er führte nacheinander Fehden mit den 
Familien Ligqza, Wapowski, Ostrogski, Pilecki usw., vor 
allem aber mit der Familie Lukas Opalinski. 

Hier kam nun allerdings auch der religiöse Gegen- 
satz zur Geltung — die Opalinskis waren streng katho- 
lisch — , dann aber auch der den Streit noch mehr ver- 
giftende Einfluss der Frauen. 

Das Feuer des gegenseitigen Hasses schlug in hellen 
Flammen empor, als Stadnicki den Bürgermeister des 
Städtchens Lezajsk, einen gewissen Godlewski, der wegen 
einer Gewalttat von den Beamten des Opalinski verfolgt 
wurde, in seinen Schutz nahm. Dass die Opalinskis diese 
Provokation nicht ruhig hinnahmen, versteht sich von 
selbst, zog ihnen aber von Seiten des Stadnicki nur neue 
und immer bösartigere Angriffe zu. 

Es folgt nun ein Einritt auf den andern, ein Schar- 
mützel auf das andere, denn Opalinski, nach Vermehrung 
seiner Haustruppen, fängt nun auch an, Gleiches mit 
Gleichem zu vergelten. Aber es häufen sich auch die 
dem Grodgericht eingereichten Beschwerden, wobei 
Stadnicki immer als Kläger auftritt: nach jedem Überfall 
selbst wenn er der Angreifer war, reicht er gegen 
Opalinski einen Protest ein ; dass er zehn Leute er- 
schlagen hat, das erwähnt er nicht, aber er ruft die Rache 
des Gesetzes an dafür, dass man ihm einen erschlagen 
hat . . . 

Da Lukas Opalinski sich in seiner prächtigen Re- 
sidenz zu La.ka (Kr. PrzemySl) nicht mehr halten konnte, 
verlegte er seine Wohnung nach Lezajsk (Kr. Lancut), 
um von Stadnicki etwas weiter entfernt zu sein. Als er 
aber auch hier sich nicht mehr sicher fühlte, beschloss er, 
sich in den Schutz der Mauern von Przemysl zu begeben. 
Er brach dorthin auf an der Spitze einer zahlreichen 
Truppe. Aber Stadnicki, von dem Marsche in Kenntnis 
gesetzt, erschien plötzlich mit seinem ganzen Heer, sogar 
mit Geschützen. Es kam zu einer regelrechten Schlacht, 



Aus einer Posener Kloster-Chronik. 3 r 

und — Stadnicki wurde vollständig geschlagen. Seine 
Leute flohen unter die Mauern von Laiicut, wohin die 
Sieger ihnen folgten. Stadnicki selbst entwischte, Hess 
aber Frau und Kinder in Laiicut zurück. Auch dieses 
Schloss wurde nun von den Soldaten des Opalinski er- 
stürmt, verwüstet und eingeäschert, doch wurde die 
Familie des Stadnicki geschont. 

Als gewaltiger Nimrod hatte Stadnicki in Lancut 
einen grossen Hundezwinger nebst einer Menge Jagd- 
falken. Diese Tiere wurden von den Siegern in einen mit 
Schafen angefüllten Stall gesperrt und der Stall mit allem, was 
darin war, verbrannt. Aus diesem Vorkommnis hat sich 
wahrscheinlich jene Sage gebildet, wonach diese blutige 
Fehde wegen eines Jagdhundes entstanden sein soll. 

Stadnicki behauptete später, die Feinde hätten ihm 
damals auch einen grossen Schatz an Gold und Silber 
geraubt, den er auf dem Grunde eines Fischteiches ver- 
borgen hatte. Es ist ja möglich, dass die Söldner des 
Opalinski bei dieser Gelegenheit gute Beute gemacht 
haben. Andrerseits steht es fest, dass Opalinski selbst 
damals nur mit der grössten Schwierigkeit die zur Fort- 
setzung der Fehde nötigen Geldmittel aufzutreiben ver- 
mochte. Denn mit der Katastrophe von Lancut war der 
Krieg keineswegs zu Ende. Im Gegenteil, sobald Stadnicki 
wieder eine genügende Anzahl von Söldnern beisammen 
hatte, begann er seinen Gegner mit verdoppelter Wut zu 
drangsalieren. Dieser suchte nunmehr Schutz bei den 
Behörden, beim König. Ein aussichtsloses Bemühen! 
„Die öffentlichen Behörden waren machtlos, sie existierten 
überhaupt kaum noch ; die königlichen Mandate waren 
bloss eine papierne Drohung, die jeder beliebige Schlachziz 
— und nun gar ein solcher Kerl wie Stadnicki! — ver- 
höhnte." (Lozinski). Gleichwohl gab Opalinski noch nicht 
die Hoffnung auf, beim König und den Gesetzen des 
Landes Hilfe zu finden. In der Erwartung, dass sein 
Gegner ein Gleiches tun werde, gehorchte er für seine 
Person dem Befehle des Königs und begab sich nach 
Krakau, um weiteren Streitigkeiten aus dem Wege zu 



32 Oswald Collmann. 

gehen und der königlichen Vermittlung freie Bahn zu 
lassen. 

Aber Stadnicki wollte gar keine Versöhnung. Er 
benützte diese Entfernung seines Gegners vom „Kriegs- 
schauplatz", um dessen Besitzung Laka zum dritten Male 
zu verheeren. Dann verwüstete er die Güter der Frau 
Opalinska und bemächtigte sich schliesslich sogar der 
ganzen Starostei Lezajsk. 

Lukas Opalinski eilte aus Krakau herbei, um zu 
retten, was noch zu retten war. Seine Frau hatte er 
schon vorher nach Grosspolen geschickt. Er selbst sah 
nun auch nachgerade ein, dass er auf die königliche Hilfe 
nicht rechnen konnte und nur zu wählen hatte zwischen 
völligem Untergang oder dem Kampf bis aufs Messer, bis 
zum letzten Heller. 

Bei diesem letzten Heller war er aber eigentlich 
schon angelangt. Der Verlust aller Einkünfte von den 
Gütern seiner Frau und denen der Starostei Lezajsk, die 
ungeheuren Kosten, die er bisher schon zur Bezahlung 
seiner Söldner hatte aufwenden müssen — das alles hatte 
die Vorräte besserer Zeiten verschlungen und ihn in 
Schulden gestürzt. Es war eine verzweifelte Lage! 
Während er gegen seinen Bedränger kaum das Feld zu 
halten vermochte, sass seine Gattin indessen in Posen, 
„wo sie sich zur Rolle einer Almosensammlerin erniedrigen 
musste", um ihrem Manne Geld zu verschaffen. Es ist 
von ihr ein Brief 1 ) erhalten, den sie im September 1608 von 
Posen aus an ihren Gatten geschrieben hat, und welcher 
einen tiefen Einblick in ihre traurige Lage gestattet. 

„Als ich an Ew. Gnaden diesen Brief geschrieben 
hatte, habe ich den Makzewski noch dabehalten, weil 
das Geld sich nicht so schnell zusammenbringen Hess. 
Auch schien es mir nicht richtig zu sein, ihn mit diesem 
geringen Betrag auf einem Wagen fortzuschicken 2 ). In 

J ) Mitgeteilt von Lozinski in seinem Werk „Prawem i lewem", 
Bd. II, S. 407 u. f. 

2 ) Wahrscheinlich wegen des Missverhältnisses der Summe 
zu den Transportkosten. 



Aus einer Posener Kloster-Chronik. 33 

Erwägung jedoch, dass den Soldaten die Gelder aus- 
gehen, schicke ich den jungen (wyrostka) Peter Opalinski x ) 
zu Pferde mit 1200 Dukaten, welche, zu je 70 Groschen 
gerechnet, 2800 Gulden ausmachen . . . Spätestens am 
Mittwoch wird Matczewski ihm nachfolgen. Wir bemühen 
uns, Ew. Gnaden soviel wie möglich zu schicken, ich 
wage aber nicht, für mehr zu garantieren, als für die 
Gelder, welche sie 2 ) am Dienstag aufzuzählen haben, 
nämlich vom Abt zu Paradies 3000 Gulden auf Bemühung 
des [Posener] Bischofs; im Hause werden vielleicht noch 
500 Gl. sein." . . . 

Dann zählt sie die Beträge auf, auf deren Eingang 
noch nicht mit Sicherheit zu rechnen ist, und sagt, dass 
Malczewski auf dies alles warte. 

„Aber wir borgen und borgen", fährt sie fort, „wo- 
mit aber werden [Ew. Gnaden] bezahlen ? Wloczako wice 3 ) 
muss „futsch gehen" (pekac sie.), denn auch jetzt [schon] 
kann man vor den Gläubigern kaum noch die Tür zu- 
halten, jenem Kaufmann ist für die Kersey 4 ) nichts ge- 
geben worden, kann auch nichts gegeben werden. Jener 
Mieczkowski, dem wir 500 GL schuldig sind, schickt 
fortwährend [danach]; dann der Richter, dann der Za- 
blocki, dann Teichmann; die Paplowa mahnt, [ebenso] 
Wröbel und die anderen Posener Kaufleute — es ist, 
um den Verstand zu verlieren! Im Brauhaus ist kein 
Geld da für Weizen. Wir essen nur Brackschafe, Ochsen- 
fleisch; Wildpret wird alle paar Wochen einmal ein 
Viertel in Wschowa 5 ) gekauft. Ach über diesen leidigen 
Krieg!" 



!) Das kann nicht (wie Lozinski meint) der Krontruchsess 
(krajczy koronny) und leibliche Bruder (rodzony brat) des Lukas 
gewesen sein, denn der war schon 1600 gestorben. Wahrscheinlich 
war es der jüngere Sohn des Jan von Bnin- Opalinski, Kastellans von 
Rogasen, welcher — 1587 geboren — im J. 1608 erst 21 Jahre alt 
war, also gar wohl ein wyrostek genannt werden konnte. 

2 ) d. h. die Darleiher. 

3 ) Ein Gut der Familie Opalinski = Luschwitz bei Fraustadt. 

4 ) Karazya, ein grobes Tuch. 

5) = Fraustadt. 

Zeitschrift der Kist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XXYI. 3 



34 Oswald Collmann, 

„Die Gelder, welche Ew. Gnaden jetzt geschickt 
werden, x ) sind aus Posen für jene preiswürdigen Klein- 
odien, welche sämtlich mit der Schatulle verkauft, nicht 
verpfändet worden sind." 

Es folgt eine Liste dieser Wertsachen; dann fährt 
sie fort : „Das alles ist für 3000 Gl. verkauft worden ; 
200 Gl. haben sie 2 ) noch zuzulegen. Bei mir selbst ist 
schon gar nichts mehr vorhanden, ausgenommen das, was 
ich Ew. Gnaden in dem ersten Briefe schrieb, und das 
bemühe ich mich, schleunigst zu verkaufen. Dafür werden 
900 Gl. einkommen, ferner für die Perlen 600, für den 
Pelikan 3 ) 300 — denn so steht es hier in ihren Registern. 4 ) 
Gott gebe, dass wir damit mit dem Feinde fertig werden, 
denn wir haben keine weiteren Hilfsquellen." 

Sogar ihre Garderobe verkauft die bedauernswerte 
Frau, denn in der Nachschrift zu dem Briefe lesen wir : 
„Die Sachen (szmaty) bemühe ich mich, nach und nach 
zu verkaufen, aber in Polen wird das nicht gekauft; ich 
schicke es nach Deutschland, bis nach Stettin. Die 
Häubchen verkaufe ich in Kaiisch oder in Posen, wo ich 
kann. Und mit dem Bettzeug schicke ich auch [jemand] 
nach Stettin und mit den Handtüchern; ich weiss also 
nicht, ob er das verkaufen wird, denn es ist kein ganzes 
Bett dabei. Und auch jene Shawls (powidla) muss ich 
nach Deutschland schicken, denn in Polen geht man nicht 
so, [ich meine] jenes [Zeug] zum Einhüllen, angeblich von 
türkischer Arbeit. Das haben sich diese Kleidungsstücke 
doch wohl nicht träumen lassen." 

Dieser Brief ist dadurch erhalten geblieben, dass er, 
ob m i t oder ohne die 1200 Dukaten, ist nicht bekannt, 
von Stadnicki aufgefangen und alsbald dem Grodgericht 
zu Przemysl zu den Akten eingereicht worden ist. Er 
wollte damit den Beweis liefern, dass die Opalinska ge- 
wissermassen an den Kriegsrüstungen ihres Gatten tätigen 

*) d. h. die oben erwähnten 3200 Dukaten. 

2) „sie", d. h. die Käufer. 

3 ) Wahrscheinlich ein Trinkgefäss. 

4 ) d. h. wohl: in den Preisverzeichnissen der Kaufleute. 



Aus einer Posener Kloster-Chronik. 35 

Anteil nähme, übersah aber, dass eben dieser Brief gegen 
ihn selbst zeugte, da er seine Behauptung Lügen strafte, 
dass die Schätze aus dem Fischteich von Lancut in die 
Hände der Opalinskis gelangt seien. 

Auf den Inhalt dieses kulturgeschichtlich inter- 
essanten Briefes kann hier nur insoweit eingegangen 
werden, als er mit der Eintragung der Chronik zusammen- 
gehört. Vorher aber muss ich noch kurz erwähnen, wie 
das oben erzählte Drama aus der Zeit des polnischen 
Faustrechts zum Abschluss gekommen ist. 

Im Sommer 1610 war Stadnicki entschlossen, zum 
entscheidenden Schlage auszuholen, und zwar sobald die 
ihm von dem siebenbürgischen Wojewoden Gabriel Batory 
versprochenen Hilfstruppen in seinem Hauptquartier 
Wojutycze (Kr. Sambor) eingetroffen sein würden. Um 
ihre Ankunft zu beschleunigen, ritt er ihnen mit nur 100 
Pferden entgegen. Während dessen überfiel Opaliriski, 
der eine beträchtliche Söldnerschar zusammengebracht 
hatte, die in Wojutycze stehenden feindlichen Streitkräfte 
und zersprengte sie. Dann rückte er dem Stadnicki nach, 
um ihn, wenn möglich, zu vernichten, ehe die fremden 
Söldner zu ihm gestossen wären. Der Plan gelang voll- 
ständig. Stadnicki wurde am 20. August 1610 auf dem 
Gutshof seines Bruders Christoph in Tarnawa unweit 
Chyröw (bezw. Dobromil) umzingelt und, da er die Flucht 
ergriff, von verfolgenden Kosaken erschossen. 

Nun zurück zu unserem Brief! Man wird schon 
bemerkt haben, dass er die Darstellung der Chronik in 
dem Hauptpunkt bestätigt, nämlich darin, dass es wirklich 
„der Krieg um einen Hund war", was die Frau Opalinska 
damals nach Posen getrieben hat. Andrerseits aber steht 
sein Inhalt in scheinbarem Widerspruch zu den Mitteilungen 
der Chronik über die grosse Freigebigkeit der Dame, über 
die reichen Almosen und die herrlichen Mahlzeiten (panskie 
obiady), welche sie den Nonnen gespendet haben soll. 

Nun, die „Almosen" waren doch wohl weiter nichts 
als die angemessene Entschädigung für die ihr gewährte 
Unterkunft. Aber die herrlichen Mahlzeiten! Eine Frau, 



36 Oswald Collmann. 

die ihre Betten verkaufen muss, pflegt doch keine üppigen 
Diners zu geben! Aber im Kloster hatte Frau Opalinska 
doch erst 14 Monate nach der Abfassung des obigen 
Briefes Wohnung genommen. Inzwischen konnten sich 
ja die Verhältnisse für sie bereits erheblich gebessert 
haben. 

Im J. 1657 kam der polnische König Johann Kasimir 
nach Posen, und seine Gemahlin, Marie Louise, nahm mit 
ihrem Hofstaat bei den Benediktinerinnen Quartier. Als 
die Äbtissin am Weihnachtstag die Ehre gehabt hatte, 
das hohe Paar in den Räumen des Klosters herumzuführen, 
wagte sie bei der Verabschiedung eine Bitte auszusprechen : 
„prosita o wode/', heisst es in der Chronik — sie bat um 
Wasser. 

Wie kam die Äbtissin dazu, gerade diese Bitte vor- 
zutragen? Ohne Zweifel gab ihr die Veranlassung zu 
derselben ein Vorkommnis, welches in der Chronik fol- 
gendermassen erzählt wird: „Fräulein d'Arquien besuchte 
unmittelbar vor dem Advent unser Kloster. Als der vor- 
nehmsten Dame unter dem weiblichen Hofstaat der 
Königin hatte ihr die Priorin zur eigenen grossen Unbe- 
quemlichkeit ihr eigenes Zimmer abgetreten, und als sie 
[sc. Frl. d'Arquien] erkrankte, schickten die Majestäten 
ihren Leibarzt zu ihr. Durch den Aufenthalt dieses 
Fräuleins im Kloster fühlten sich auch die anderen 
Nonnen nicht sehr erbaut Denn sie wurden dadurch, 
dass der Arzt auch des Nachts zu ihr gelassen werden 
musste, und überdies viele Senatoren sie besuchten, 
sehr belästigt und in ihrer Nachtruhe gestört. Da 
die Kranke oftmals Bäder nehmen musste, und kein 
Wasser im Kloster vorhanden war, so musste es 
beständig von Mannsleuten aus der Stadt dorthin ge- 
schafft werden. Auch hatte sie ihre eigenen Dienerinnen 
sowie eine Hofmeisterin und erhielt die Speisen aus der 
königlichen Küche." 

Dieses Fräulein Marie d'Arquien war als kleines 
Kind (sie war 1641 zu Nevers geboren) von Marie Louise 



Aus einer Posener Kloster-Chronik. 37 

nach Polen mitgenommen worden, wo sie bekanntlich 
eine glänzende Karriere machte. Ihr hat der Historiker 
K. Waliszewski sogar ein ganzes Buch gewidmet: Mary- 
sienka, reine de Pologne, femme de Sobieski. Paris 1898. 
Darin erwähnt er auch die oben angeführte Stelle aus 
-unserer Chronik und macht darauf aufmerksam, dass man 
sich unter den Senatoren, deren Besuche das 16jährige 
reizende Hoffräulein empfing, nicht etwa alte Graubärte 
vorzustellen hat, nicht solche politischen Männer, wie 
Boguslaw Leszczynski oder Stefan Czarniecki, denen die 
Königin in dem Kloster Audienzen gab. Nein — die 
Besucher des Fräuleins d'Arquien waren junge Herren 
vom Hochadel, und die Unterhaltung in der „ruelle" des 
pikanten Hoffräuleins dürfte sich schwerlich um Politik 
gedreht haben. Dass die Nonnen von diesem freien Ver- 
kehr nicht sehr erbaut waren, ist begreiflich. Man muss 
nur bedenken, unter welch' strenger Klausur sie selber 
lebten. Darüber sagt die Chronik u. a. (auf Bl. 72): „Die 
Äbtissin war sehr streng bezüglich der Zulassung [von 
Besuchen]. Insbesondere wurden Mannspersonen nicht 
^ur Pforte zugelassen, ausser wenn es sich um eine sehr 
wichtige Angelegenheit handelte. So war sie denn auch 
einmal sehr böse auf die Subpriorin, weil sie, ohne ihre 
Genehmigung einzuholen, einmal einen Handwerker her- 
eingelassen hatte." 

Und nun musste man sich diese Französin gefallen 
lassen, die sogar die ganze Hausordnung auf den Kopf 
stellte ! Aber sich darüber zu beschweren, das war nicht 
angängig, denn die junge Dame stand bei dem Königs- 
paar hoch in Gnade. Ihre Mutter war ehemals in Frank- 
reich die Gouvernante der Marie Louise gewesen, und die 
Tochter, eben unsere Maria Casimira de la Grange 
d'Arquien, war von der Gemahlin des Johann Kasimir 
erzogen worden, und wie man auch über die Erfolge 
dieser sogenannten Erziehung denken mochte, jedenfalls 
war das „liebe Mariechen" (Marysienka) der verhätschelte 
Liebling der Königin, und eine Beschwerde gegen sie 
-wäre sicher vergeblich gewesen. Auch war ja das gra- 



38 Oswald Collraann. 

vamen, ihr Aufenthalt und Benehmen im Kloster, nur vor- 
übergehend. Der dauernde Übelstand, der sich jetzt 
nur besonders unangenehm geltend machte, war der 
Mangel einer Wasserleitung, der auch in normalen 
Zeiten dazu nötigte, die Dienste von Wasserträgern in 
Anspruch zu nehmen. 

Gab es denn aber, so wird man vielleicht fragen, in 
Posen damals überhaupt schon eine Wasserleitung? 
Gewiss ! eine städtische Wasserleitung muss es hier sogar 
verhältnismässig früh gegeben haben 1 ). „Schon 1398 er- 
wähnen die Stadtbücher als Röhrenmeister (rormistrz) 
einen gewissen Hannos „Wasserfurer", 1432 und 1433 
einen Stanislaus als ductor aquae. Das Wasser wurde 
damals durch Röhren aus der Bogdanka in die Häuser 
und die Brauereien geleitet und dafür eine Bezahlung 
erhoben, die in den Stadtbüchern unter dem Titel Percepta 
ex aquis canalium ad cerevisie braxacionem verzeichnet 
war. Im J. 1521 hatte der Magistrat mit dem Besitzer des 
benachbarten Gutes Strzeszynko 2 ) zwecks Versorgung der 
Stadt mit Wasser ein Abkommen geschlossen. Das 
Wasser, von dort durch hölzerne Röhren herbeigeführt,, 
verteilte sich durch alle Strassen und den Markt, wo auch 
Brunnen und Fontänen waren. Die Oberaufsicht über die 
Wasserleitung führte, von Röhrenmeistern unterstützt, der 
Herr Wassermeister (pan wodny), der von den Brauereien 
eine Abgabe von 8 Groschen von jedem Sud Bier erhob. 
Aus dieser Einnahme wurden die Röhren in gutem Zu- 
stande erhalten." 

An diese städtische Wasserleitung muss auch der 
für die Posener Benediktinerinnen angekaufte Görkasche 
Palast in der Wasserstrasse angeschlossen gewesen sein,, 
denn auf Blatt 23 der Chronik lesen wir: „Die Familie 
Czarnkowski z Görköw hatte dieses Haus oder vielmehr 
Palast mit grossen Kosten für ihren eigenen Gebrauch 
herrichten lassen und zwar hatten sie alles so erbaut, wie 

J ) Quellen dieses Absatzes : Warschauer, Stadtbuch, und Giedroyc^ 
Wodocia.gi i kanaly miejskie (Przegla.d Historyczny, tom V. 1907.) 
2 ) jetzt Seewörth, Kr. Posen O. 



Aus einer Posener Kloster-Chronik. 39 

es für ein Kloster passend war ; u. a. auf dem Giebel des 
Hauses, wo jetzt der Altan ist, war ein tiefer Teich, dem 
man durch Springbrunnen immer frisches Wasser zu- 
führte, indem man es durch Röhren wieder nach unten 
abliess, alles ohne jeden Schaden für die Mauern wegen 
des sehr starken zwiefachen Blechs. In diesem Behälter 
waren immer eine Menge Fische." Also eine recht kunst- 
volle Anlage, die auch auf das Vorhandensein eines 
Druckwerks schliessen lässt, welches das Wasser in den 
Röhren zu einer gewissen Höhe trieb. 

Wir erfahren aber noch mehr über die bei der Ein- 
richtung des Klosters auf diesem Grundstück herrschenden 
Wasserverhältnisse. 

In dem auf Bl. i der eigentlichen Chronik voran- 
gehenden „Kurzen Memorial unserer Gründung" finden 
sich darüber folgende Angaben: „Im J. 1608 kam Frl. 
Agnes Szoszcz^nka x ), gebürtig aus Zagorowo, einem 
Städtchen des Abts von Lekno, zu dem Posener Kloster. 
Sie fand daselbst zwei für das Kloster angekaufte Häuser 
vor, und zwar das eine zur Wohnung für die Nonnen 
und zur Kirche, das andere für die dem Kloster zur Er- 
ziehung (na cwiczenie) übergebenen weltlichen Fräulein. 
Eine [eigentliche] Kirche war jedoch noch nicht vorhanden. 
Kommunion und Gottesdienst wurde in der Stube abge- 
halten, wo jetzt der Krankensaal ist. Die Hälfte dieses 
Zimmers war durch einen Vorhang abgetrennt und diente 
als Speisezimmer für die Schwestern, deren sie bereits 
fünf vorgefunden hatte." 

„Die Pforte war damals da, wo jetzt die Mägdestube 
ist, [nämlich] bei der Brauerei und jenem zweiten, für die 
weltlichen Fräulein bestimmten Hause." Bei der Pforte 
und dem Pensionat war ein Wirtschaftshof. „Er war zwar 
abgetrennt, aber recht schlecht Gleichwohl schloss man 
ihn ab, denn es war auf ihm ein Brunnen, den man jetzt 2 ) 



!) Die Szoszczanka war damals noch nicht als Nonne geweiht, 
wurde aber schon wie eine solche im Ordensdienst verwendet. 
2 ) d. h. später, zur Zeit der Abfassung dieses Memorials. 



40 Oswald Collraann. 

in den Abtritt 1 ) für die weltlichen Fräulein hineingelassen 
hat." „Bei diesem Brunnen war ein ziemlich grosser 
Trog, in dem gewöhnlich die Pferde getränkt wurden, 
aber nicht bloss die des Klosters, sondern auch die von 
verschiedenen anderen Leuten . , . Das Wasser aus- 
diesem Brunnen war sehr stinkend und weder zum Kochen 
noch zur Bierbereitung geeignet. Auf diesem Hofe liegt 
jetzt gewöhnlich Brennholz." 

„In dem Hauptgebäude . . . befand sich ein zweiter 
Wirtschaftshof, aber ohne Wasser. Erst später hat die 
verstorbene Frau [Starostin] von Meseritz uns auf ihre 
Kosten mit Röhren Wasser in diesen Hof hineingeleitet." 

Erst später! Also ursprünglich gab es auf keinem 
der beiden Höfe ein trinkbares Wasser. Erst auf Bl. 60 
(S. 72) erfahren wir, „woher unser Kloster [sein] Wasser 
hat und seit wann": 

„Im Monat November des J. 1608 erlaubte uns den 
Gebrauch dieses Wassers der Herr Peter Czarnkowski r 
der Posener Kämmerer, welcher damals der erbliche Be- 
sitzer dieser Quelle und jenes Gebäudes war, das für die 
Herren Kostka auf der Allerheiligen gasse gekauft worden 
war, und zu welchem Gebäude ... sie [d. h. die Quelle] 
gehört. Eben dieses Wasser wurde zuerst zu dem Hof 
des Gebäudes der weltlichen Fräulein geleitet, weil dort 
zuerst die Klosterpforte war. Die Kulmer Äbtissin 2 ), die 
Gründerin unseres Klosters, erlangte von der Frau Czarn- 
kowska nach dem Tode ihres Gemahls die Erlaubnis, 
das Wasser auch in den Klosterhof hineinzuleiten. Bis 
zum , . . 3 ) Oktober des J. 1610 hatten wir den freien 
Gebrauch dieses Wassers im Überfluss auf beiden Höfen,, 
und der städtische Röhrenmeister hielt auf Kosten der 
Äbtissin die Röhren im Stande, was damals keine grossen 
Kosten verursachte, weil die Röhren [noch] unbeschädigt 
waren. Es gab zwar ein paarmal mit den Herren Kostka 

x ) „w transyt". Das wäre also jedenfalls das erste Posener 
Wasser-Kloset gewesen! 

2 ) Frl. de Mortang. 

3 ) Das Datum fehlt. 



Aus einer Posener Kloster-Chronik. 4 1 

Streitigkeiten um dieses Wasser, aber da es ihnen be- 
kannt war, dass der Herr Kämmerer es dem Kloster 
gewährt hat, so fügten sie uns darin keine Beeinträchtigung 
zu, obwohl es uns nicht durch Verschreibung garantiert 
ist" . . . „Fräulein Zeroriska, die erste Äbtissin dieses 
Klosters, hatte [nämlich] nicht daran gedacht, sich das 
•durch Verschreibung sicher zu stellen. Eine solche hätte 
sie bei Lebzeiten derer, die uns diese Quelle gewährt 
hatten, leicht haben können . . . Wie nun die Karmeliter 
ihre [Kloster-] Gründung begannen, erbaten sie sich auch 
Wasser, [und zwar] bei der Frau Zebrzydowska, der 
Kastellanin von Schrimm, denn diese hatte inzwischen 
das Haus auf der Allerheiligenstrasse gekauft, zu 
welchem . . . jenes Wasser gehörte. Die Kastellanin . . . 
gewährte ihnen auch das Wasser, aber mit der Bedingung, 
dass unserem Kloster kein Abbruch geschähe. Nach Er- 
langung dieses Wassers hat der Pater Kos, der erste 
Prior der Karmeliter, unter Hinzuziehung vieler achtbaren 
Personen mit uns im J. 1619 einen gerechten Vergleich 
abgeschlossen, gemeinschaftlich für die Röhren Sorge zu 
tragen. Die Äbtissin lieferte das Holz, und er übernahm 
■die Kosten für die Handwerker bei der Auslegung der 
Röhren. Wie aber die Priore zu wechseln begannen, so 
gestaltete sich diese Angelegenheit immer schwieriger, 
und oft kommt das Wasser nicht zu uns, weil die Kar- 
meliter es zu sich hinleiten, und [obgleich] sie die Quelle 
durch Dämmung verschlämmten, verlangten sie von uns 
eine Obligation, zu der wir nicht verpflichtet sind, [nämlich] 
•dass wir für die ganzen Kosten aufzukommen haben." 

Da die Chronik über den Ausgang dieser Misshellig- 
keiten nichts berichtet, so muss angenommen w T erden, dass 
man sich friedlich vertragen hat. 

Diese Wasserleitung war nun aber im Schwedenkriege 
gänzlich zerstört worden, und es hatten sich daraus die 
eingangs geschilderten unerträglichen Zustände ergeben: 

„Während der Unruhen, als die Schweden rings um 
Posen Schanzen aufwarfen, da sie willens waren, sich zu 
verteidigen — damals haben sie uns die Röhren ver- 



42 Oswald Collmann. 

dorben, durch welche das Wasser in unser Kloster kam. 
Infolgedessen hatten die Schwestern einige Jahre hin- 
durch unerträgliche Drangsal zu erdulden. Das Gesinde 
musste zu seiner grossen Belastung das Wasser beständig 
aus der Stadt herbeitragen, daher musste die Frau 
Äbtissin darauf bedacht sein, wie man dies Wasser [wieder] 
durch Röhren in das Kloster leiten möchte." 

Ihr erster Schritt — der Versuch, den König selbst 
für diese Angelegenheit zu interessieren — hatte gar 
keinen Erfolg. Johann Kasimir speiste sie auf ihre Bitte 
um Wasser mit einem recht lahmen Witze ab: „Das ist 
noch eine leichtere Sache als [eine Bitte] um Wein' 4 — 
und dabei blieb es. Der Äbtissin stand danach nur noch 
ein Weg offen, nämlich der Versuch, durch direkte Ver- 
handlungen mit der Stadtverwaltung ihren Zweck zu 
erreichen. Dabei hatte sie nun freilich nicht geringe 
Schwierigkeiten zu überwinden, denn „die Herren Bürger 
verlangten einen sehr hohen Preis, ehe sie sich zu einer 
gerechten Übereinkunft herbeiliessen. Nach vielen Trak- 
taten, Bitten und Gesuchen, welche die Äbtissin dieser- 
halb den Bürgern submissest einreichte, erlangte sie 
mit Mühe und Not einen Kontrakt, in welchem die Herren 
Bürger nur zu einem Röhrchen ihre Einwilligung gaben, 
und auch dieses schätzten sie sich sehr hoch ein 1 ). Daher 
hatte die Äbtissin noch eine neue Schwierigkeit durch- 
zumachen wegen eines zweiten Röhrchens zur Brauerei 
für die Bierbereitung, was sie auch wieder erst nach 
langen Suppliken und Demütigung von der Stadt erlangte. 
Ein ganzes Jahr und länger zog sich diese Angelegenheit 
hin, die aber doch mit einer guten Bezahlung und lebens- 
länglichen 2 ) Entschädigung [für die Stadt] abschliesst, 
worüber ein genügender Kontrakt besteht. Das Wasser 
wird durch Röhren aus dem städtischen Röhren [-Netz] 
noch vor Weihnachten 1660 [dem Kloster] zugeführt." — 

Damit hatte also die Wasserkalamität ein Ende. 

*) d. h. Hessen es sich teuer bezahlen. 
2 ) d. h. dauernden. 



Aus einer Posener Kloster-Chronik. 43 



2. Die Nonnen auf der Flucht vor Pest oder Krieg. 

Innerhalb eines Zeitraumes von noch nicht 30 Jahren 
(1624 — 1653) sind die Nonnen dreimal durch die Pest aus 
Posen vertrieben worden. Zuerst im J. 1624/25. Die 
Chronik berichtet darüber wie folgt : „Im J. 1624 entstand 
eine grosse Pest. Die Äbtissin (Anna Zeronska) ging zum 
Herrn Bürgermeister und fragte ihn um Rat, ob sie schon 
aus dem Kloster abreisen sollte. Von der Bereitwilligkeit 
der Äbtissin, ihr Verhalten nach seinem Rate einzurichten, 
war dieser weise Mann sehr angenehm berührt. Er ver- 
sprach, ihr mitzuteilen, wann es nötig sein würde abzu- 
reisen, und das tat er auch. Er kam selbst in das Kloster 
und befahl, die Vorbereitungen zur Abreise zu treffen. 
Die Äbtissin empfahl die Schwestern, die im Kloster 
zurückbleiben mussten, seinem Schutze. Er besuchte denn 
auch das Kloster jede Woche und erkundigte sich nach 
dem Befinden und den Bedürfnissen der Schwestern 1 )." 

Die Äbtissin reiste nun am ersten Adventssonntage 
1624 mit den Schwestern aufs Land, nach dem Klostergut 
Goslina 2 ). 

„Auf dem Gute wurde von ihnen in allem dieselbe 
[Haus-] Ordnung beobachtet wie im Kloster. Der Gottes- 
dienst fand anfangs in einer Stube statt, später Hess der 
Ortspfarrer für die Posener Nonnen einen besonderen 
Chor in der Dorfkirche erbauen. Den Zugang zu dem- 
selben von dem Gutshof bis zur Kirche grenzten die 
Hörigen durch ein „Gässchen" ab. Am 5ten Tage nach 
der Ankunft auf dem Gute starb der Klosterkaplan und 
wurde . . . vor dem Malzhaus begraben . . . Danach 



*) Dies Verhalten des Stadtoberhaupts steht in erfreulichem 
Gegensatz zu dem, was aus dem folgenden Jahre berichtet wird. 
Damals (1625) ergriffen die städtischen Behörden feige die Flucht, 
ohne irgendwie für das Nötige zu sorgen. (Warschauer, Chronik 
der Stadtschreiber ... S. 123.) 

2 ) Dluga Goslina (Lang-Goslin), mit dem Vorwerk Loskon, 
beide jetzt im Besitze der Ansiedelungskommission. 



44 Oswald Collmann. 

beichteten die Schwestern bei dem [aus Posen herbei- 
gerufenen] Priester Veit, und der [Orts-] Pfarrer reichte 
ihnen die Hostie durch eine Rauchwolke, die von einem 
Feuer aufstieg. Sie genossen an jedem Morgen geröstete 
Brotscheiben mit Essig und Kräutern, woran sie sich aber 
gar sehr den Magen verdarben. Auch erlagen damals die 
Schwestern Anna Kolakowska und Barbara Kijowska der 
Seuche und wurden zu Goslina in der Kirche (!) begraben. 
Die Hörigen weigerten sich [zuerst], die Kolakowska zu 
Grabe zu tragen. Als sie aber die Tote sahen, verloren 
sie alle Scheu, denn sie war im Tode sehr schön. 
Übrigens starben auch viele von den Hörigen, und alle 
lebten in sehr grosser Angst." 

Stärker als die Furcht vor der Ansteckung war aber 
doch die Habsucht: „Damals wurden aus dem Malzhaus 
viele Sachen gestohlen, insbesondere erzählte der [dort 
wohnende] Priester Veit, dass man ihm iooo Gulden ge- 
stohlen hätte." 

Nach dem Eintreten starker Fröste kehrte die grössere 
Hälfte der Schwestern in das Kloster zurück, aber einige 
blieben noch auf dem Gute bei den Erkrankten. 

Nach einer Hungersnot trat im J. 1630 abermals eine 
schwere Seuche auf, die auch in dem Kloster alsbald 
einige Opfer forderte: „Wir alle", heisst es in der Chronik,, 
„ängstigten uns sehr, und die Bürger nahmen es der Frau 
Äbtissin sehr übel, dass sie nicht, ihrem Rate folgend,, 
sich aus dem Kloster wegrührte, [sondern nur ihre Nonnen 
fortschickte]. Bald wurde auch gemeldet, dass die Sub- 
priorin Poniecka auf dem Lande [d. h. in Goslina] an 
Pestbeulen erkrankt war . . . Nach ihrem Tode wollte 
niemand die Poniecka zu Grabe tragen, bis man Hörige 
dazu zwang, welche sie ohne Sarg auf dem Kirchhof 
begruben" . . . 

Die Novizen wurden damals in Begleitung einer 
älteren Nonne nach dem Klostergute Promno geschickt. 
Von dieser Pest wurde auch der Beichtvater des Klosters, 
der oben erwähnte Priester Veit, hingerafft, dem die 
Chronik folgenden Nachruf widmet: 



Aus einer Posener Kloster-Chronik. 45 

„Er schien ein Mensch aus einer anderen Welt zu 
sein. Einmal kam er, anscheinend aus Zerstreutheit, mit 
der Nachtmütze auf dem Kopfe in die Kirche, woraus 
man leicht entnehmen konnte, dass er nur darauf bedacht 
gewesen war, sich möglichst schnell dort einzufinden." 

Das Pestjahr 1653/54. Da die Seuche schon seit 
einiger Zeit im ganzen Kronland Polen an verschiedenen 
Orten geherrscht hatte, war man in Posen in der Lage 
gewesen, gewisse Vorkehrungen dagegen zu treffen. In 
seinem Werke „Zbiör wiadomosci do historyi sztuki 
lekarskiej w Polsce" (II, 76) hat Dr. Ludwig Gasiorowski 
aus den Posener Kapitelakten die folgenden, im J. 1652 
erlassenen sanitätspolizeilichen Anordnungen mitgeteilt : 
„Pestis Posnaniae fit ordinatio ejus modi. Praesidens 
totius Summi constituitur canonicus Wolski, penes quem 
sit omnis potestas, regimen et cura omnium personarum 
cum juris dictione tarn domini officialis quam procuratoris 
capitularis. Hie clausuram portarum 1 ) curabit et custodes 
earum constituet, quaeque foramina murorum obturari 
faciet. Familiam dominorum superfluam amovebit, si quem 
infectum deprehenderit, expellet et domum oecludet." 

Dass man die von der Seuche Befallenen aus der 
Stadt trieb, ist auch aus anderen zeitgenössischen Schilde- 
rungen bekannt. Andrerseits aber hat die clausura por- 
tarum den Zweck gehabt, die Bewohner eines Hauses, 
in dem ein Pestfall vorgekommen war, von der Aussen- 
welt abzuschliessen. Näheres hierüber ist u. a. ersichtlich 
aus der von dem Pfarrer Syganski verfassten Geschichte 
von Neu-Sandec (I, S. 86/87) : 2 ) „Zuerst begruben sie 
[d. h. die von dem Bürgermeister gemieteten Totengräber] 
die Majchrowa, eine Büttnersfrau, und verschlossen ihr 
Haus zugleich mit ihren verwaisten Kindern, indem sie 
Türen und Fenster mit Haken vernagelten. Den armen 
Waisen wurden Lebensmittel gereicht." Und an einer 
anderen Stelle : „Der städtische Schmied lieferte fort- 



1 ) G. schreibt: Hie clausarum (!) portarum curabit . . . 

2 ) Syganski, Ks. Jan, T. J. Historya Nowego Sa.cza 
Lwöw, 1901—02. Tom I— III. 



46 Oswald Collmann. 

während Vorlegeeisen (wrzeciadze), um die verpesteten 
Häuser zu vernageln. Die Schuljugend bei der Stifts- 
kirche war auch unter den Eingeschlossenen, und die 
Stadt nährte sie mit Brot und Fleisch." 

Das Verstopfen der Öffnungen (foramina) in den 
Mauern geschah deshalb, weil man selbst die aus den 
Häusern herauskommende Luft für gefährlich hielt. 
Daraus erklärt sich die Stelle in unserer Chronik auf 
Bl. 83: „Es wurden (1653) in dem Kloster 9 Schwestern 
zurückgelassen, nämlich 4 wegen hohen Alters, eine die 
den Verstand verloren hatte, zwei Kranke und zwei zur 
Bedienung . . . Von diesen starben drei an der Seuche, 
drei standen wieder auf. Wie diese sich angesteckt haben, 
darüber hat man keine sichere Kenntnis. Als erste Ursache 
gaben sie an, dass sie, zur Frühmesse aufstehend, die 
Fenster geöffnet hatten, so dass der ganze Staub, den 
man nachts in der Stadt in den verseuchten Häusern 
[aus]gestaubt hatte, in das Kloster gedrungen war." 

Was war nun inzwischen aus dessen anderen Be- 
wohnerinnen geworden? Als die Seuche sich schon in 
der Nähe des Klosters zeigte, schrieb die Äbtissin (Eva 
Magdalena Gloskowska) an den Posener Bischof und 
stellte ihm vor, dass es im Falle einer Ansteckung doch 
nicht so leicht sein würde, mit einigen Dutzend Personen 
irgendwo unterzukommen, ungeachtet dessen, dass einige 
der Schwestern bereits von ihren Verwandten aufge- 
nommen worden waren. Darauf gab dann der Bischof 
die Erlaubnis zur Abreise und zur Abhaltung der Messe 
in einer [gewöhnlichen] Stube 1 ). Nun begann sie, die 
Schwestern zu zweien oder zu dreien fortzuschicken, bezw. 
von Verwandten abholen zu lassen. Nachdem sie auf 
diese Weise 19 Schwestern weggeschafft hatte, reiste sie 
selbst am 20. Juli mit den andern nach dem Klostergut. 
Pradno (= Promno) ab, wohin ihr Tags darauf die Sub- 
priorin mit noch zwei Schwestern und dem Beichtvater folgte. 

Die Sorge der Äbtissin war darauf gerichtet, eine 
möglichst grosse Zahl ihrer Schäflein an einem Orte zu 

x ) Also in einem nicht geweihten Raum. 



Aus einer Posener Kloster- Chronik. 47 

versammeln. Deshalb begab sie sich, nach einem kurzen 
Aufenthalt in Sierakowo, einem Gut des Posener Woje- 
woden, schliesslich nach Bentschen, weil sich dort bereits 
einige Schwestern befanden. Hier machte sie die Bekannt- 
schaft des damaligen Abtes von Paradies, Graf Johannes 
von Leszno Leszczyriski. Dieser erbot sich, auch noch 
die in Promno verbliebenen Schwestern samt dem Beicht- 
vater bei sich aufzunehmen. Er schickte mehrere Wagen 
nach Promno, welche die ganze Gesellschaft abholten und 
nach „Chocisowo" (= Kutschkau, Kr. Meseritz) brachten, 
wo sie am 20. Oktober ankamen. 

„Der Abt lieferte ihnen mit Hülsenfrüchten und 
Mehlspeisen den Lebensunterhalt sehr anständig, nament- 
lich Fische, fast herrliche, gab es immer. Es fehlte ihnen 
nur daran, dass dort alles deutsch war, auch die Predigt 
bei der Messe wurde deutsch gehalten, und die Weiber 
sangen schauderhaft. Die gewöhnlichen Leute waren 
Ketzer, insbesondere war die Unterstarostin eine Ketzerin, 
und diese wurde die Ursache einiger Verlegenheiten für 
die Schwestern, jedoch unbeschadet des guten Rufes 
unseres Ordens. Zwei Schwestern nähten Zwehlen 
(towalnie) für den Abt, der um den Dreikönigstag zum 
Kaiser reiste" 1 ). 

Die Äbtissin kehrte am Tage des heil. Benedikt 
(20. März) nach Posen zurück. Nachher fanden sich auch 
die übrigen Mitglieder der Ordensgemeinde allmählich 
dort wieder zusammen : „Keiner war etwas Unangenehmes 
passiert, was den Ruf des Klosters hätte beflecken können, 
ausgenommen einige Unvorsichtigkeiten in der Rede 
einiger. Möchte es indessen der Ordensgemeinde ver- 
gönnt sein, bei solchen Vorkommnissen zusammen zu 
wohnen, wie es früher geschah. Aber, wie erwähnt, es 
konnte das [diesmal] nicht sein." 

Dass es später noch weniger zu erreichen war, zeigte 
sich sofort beim Ausbruch des schwedischen Krieges. 

!) Wegen der im Fürstentum Glogau (Kr. Schwiebus) be- 
legenen Klostergüter war der Abt dem Kaiser lehnspflichtig. 



48 Oswald Collmann. 

Auf die Kunde von dem drohenden Einfall der 
Schweden begann die Äbtissin, Magdalena Gloskowska, 
zu überlegen, wie sie die Schwestern und die wertvollen 
Kirchengeräte am besten in Sicherheit bringen könnte. 
Deshalb reiste sie vor Pfingsten 1655 auf einige Tage 
nach Trebnitz in Schlesien, wo damals Dorotea Bninska 
dem Cistercienserinnen-Kloster vorstand, und erlangte von 
ihr das Versprechen, im Falle der Not einige der Posener 
Nonnen aufzunehmen. Dieser Notfall trat denn auch sehr 
bald ein, da die Schweden am 21. Juli in Grosspolen 
einrückten. Daraufhin brach in Posen eine allgemeine 
Panik aus und natürlich am stärksten in den Mauern des 
Klosters in der Wasserstrasse. 

Schon am 22. Juli reiste eine der Nonnen, von ihren 
schwer erkrankten Eltern nach Hause gerufen, in ihre 
Heimat Ostrzeszöw (Schildberg) ab, jedoch nicht allein, 
sondern in Begleitung von zwei anderen Schwestern 1 ). 

Danach schickte die Äbtissin vier der Schwestern 
auf einem Wagen zu ihrem jüngeren Bruder nach Przy- 
bystawki 2 ). Zwei derselben, die Frl. Szultoska und 
Swie.cicka, fanden bald eine Fahrgelegenheit nach Trebnitz, 
wo aber die Äbtissin ihnen die Aufnahme verweigerte, 
weil sie schon den Benediktinerinnen zu Owinsk Quartier 
zu geben versprochen hatte. Zum Glück fanden diese 
beiden Nonnen bei Frau Konarska, einer Verwandten der 
Szultoska, sehr freundliche Aufnahme. Als sie aber die 
Pferde, mit denen sie gekommen waren, zurücksandten, 
griffen die Schweden dies Gespann auf und zogen die 
auf ihm zurückfahrende Frau Modrzewska „bis auf das 
letzte Unterröckchen" aus. 

Die beiden anderen jener vier Nonnen, die Frl. 
Traj)czynska und Zychlinska, gelangten zunächst nach 
Schrimm in das dortige Kloster. Gleich darauf aber 
drangen auch die Schweden in die Stadt ein und plün- 



*) Es war offenbar Ordensvorschrift, niemals eine Nonne 
allein reisen zu lassen. 

2 ) Richtig wohl „Trzebistawki" bei Kurnik (s. unten). 



Aus einer Posener Kloster-Chronik. 49 

derten sie. [Wunderbarerweise] verschonten sie das 
Kloster. Die Schwestern mussten sich jedoch loskaufen 
und erhielten dafür eine Schutzwache. Eine gewisse 
Swinarska — ein weltliches Fräulein, das in den Orden 
eintreten wollte — war jenen beiden Schwestern nach 
Schrimm nachgefahren, hatte aber mit ihnen nicht Schritt 
halten können und wurde von den Schweden ausge- 
plündert. Sie brachen ihr den Schrein auf und nahmen, 
was ihnen beliebte. Sie selbst musste für diese Nacht 
mit den Pferden und dem Wagen bei ihnen im Lager 
bleiben, war jedoch dort in guter Obhut, denn der 
Oberst selbst erliess darüber Befehl. „Dieser Mensch 
hatte etwas Katholisches an sich, denn als er das Bild 
des Erlösers in dem Schränkchen fand, seufzte er und 
Hess es darin." Am anderen Morgen wurde sie unter 
schwedischer Bedeckung nach Schrimm gebracht und fuhr 
von dort mit den beiden andern Schwestern über Borek 
nach Trebnitz. 

Inzwischen (am 26. Juli) waren die Schweden in 
Posen eingerückt, und nun erst erlangte die Äbtissin von 
dem Bischof, Kasimir Czartoryski, die Erlaubnis zur Ab- 
reise. Das Reisegeld hatte sie sich durch den Verkauf 
einiger Wertsachen beschafft, die nötigen Wagen erhielt 
sie von ihrem eigenen Bruder, dem Herrn Martin Glos- 
kowski, der zufällig einige Fuhren Hafer zum Verkauf 
nach Posen geschickt hatte. 

Die Abreise erfolgte am 26. Juli mittags. Im ersten 
Wagen sass die Äbtissin mit einigen Schwestern. Diesem 
folgten noch zwei Wagen mit dem Gepäck . . . Ein oder 
zwei Stunden später fuhr die Subpriorin auf einem dritten 
Gepäckwagen ab, und ein vierter Wagen mit dem Silber 
folgte ihr. Sie hatte die Schwestern Szwiejkowska und 
Gablinska bei sich. Da es ihnen nun auf dem Gepäck 
etwas zu eng wurde und die Subpriorin glaubte, dass der 
Wagen mit dem Silber nachkommen und sie einholen 
würde, (das war aber ein grosser Irrtum, denn dieser 
Wagen war schon voraus gefahren), so befahl sie der 
Gablinska, abzusteigen und sich auf diesen ihrer Annahme 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XXVI. 4 



50 Oswald Collmann. 

nach nachfolgenden Wagen zu setzen. Dadurch kam die 
arme Gablinska in eine böse Lage. Sie wusste nicht, 
wohin sie sich wenden sollte. Wegen der grossen Anzahl 
der aus der Stadt herausfahrenden Wagen verbarg sie 
sich zunächst in einem Roggenfeld, wo sie aber von einem 
Landmann, wahrscheinlich dem Besitzer, sehr grob be- 
handelt, ja sogar mit der Heugabel bedroht wurde. Dann 
suchte sie vor dem strömenden Regen Schutz in einem 
Bauernhaus und musste sich endlich entschliessen, zu Fuss 
nach Posen zurückzukehren. 

Was nun die Äbtissin und ihre Reisegefährten an- 
betrifft, so kamen sie am ersten Tage bis nach Trze- 
bislawki 1 ) zu dem jüngeren Bruder der Äbtissin. Das 
zweite Nachtquartier war in Czarnotki, 2 ) bei dem älteren 
Bruder der Äbtissin. Von da fuhren sie weiter nach 
Dubin 3 ), welches [Gut] eben jener [ältere] Bruder besass. 
„Von ihm", heisst es in der Chronik, „erfuhren wir viel 
Güte und Wohltaten; er nahm uns allenthalben gastlich 
auf und war unser Führer bis nach Schlesien." 

Um der Äbtissin die Sorge wegen der Unterbringung 
der Schwestern zu erleichtern, reisten die Szwiejkowska 
und die Bukowiecka von Dubin aus zu ihren Verwandten. 
Auch die Subpriorin, Sophia Grabowiecka, fuhr mit Bar- 
bara Marszewska ebenfalls zu Verwandten, zunächst zu 
einem Frl. Gorzinska, die, obwohl Lutheranerin, die beiden 
Nonnen gut aufnahm. Aber die Reise dahin war mit 
Schwierigkeiten verbunden gewesen: „An der Fähre bei 
Kqpa 4 ) trafen wir viele Wagen und Fuhrwerke, welche 
von dem [polnischen] Lager [bei Usch] zurückkehrten. 
Dort erzählten sie, wie sie das Lager verloren hatten, wie 
die Unsrigen keinen Widerstand geleistet hatten, welche 



!) 3 km O von Kurnik. 

2 ) O von Santomischel, an der Maskawa, Nebenfluss der 
Warthe. 

3 ) Dubin, Städtchen S von Jutroschin, an der Orla gelegen. 

4 ) „u Kqpy." Entweder Mala Ke.pa, S von Czarnotki, Über- 
gang über die Maskawa, oder wahrscheinlicher das nicht weit davon 
gelegene Wielka Ke.pa, Übergang über die Warthe. 



Aus einer Posener Kloster-Chronik. 51 

Verträge die Magnaten mit den Schweden gemacht hatten. 
Die Überfahrt wurde sehr schwierig und würde wegen 
des Gedränges an jenem Tage unmöglich gewesen sein, 
wenn nicht der schon mehrmals erwähnte Herr Gtos- 
kowski [gewesen wäre], der eine Hälfte der Fähre hatte *), 
und [so] mussten sie uns übersetzen." 

Die Äbtissin kam auf St. Ignatz (1. Febr.) mit fünf 
Schwestern nach Trebnitz, wo sie jedoch erst nach vielem 
Bitten aufgenommen wurden. Auch der Beichtvater fand 
sich dort ein, ebenso die anderen Sclrwestern, die noch 
in Dubin geblieben waren. Diese aber wurden für 1 Taler 
wöchentlich in einer Mietswohnung untergebracht, weil in 
dem Kloster selbst kein Platz mehr für sie war. 

Da nun dieses sich in der Welt Herumdrücken den 
Schwestern grosse Kosten und viele Unbequemlichkeiten 
verursachte, so war die Äbtissin darauf bedacht, ihnen in 
schlesischen Klöstern Unterkunft zu verschaffen. Das 
gelang ihr, zunächst in Liegnitz, für 4 ihrer Nonnen nebst 
einer Dienerin. 

Diese Schwestern fuhren am ersten Tage bis Leubus, 
wo sie von dem Abt sehr gastlich aufgenommen wurden. 
Leider verstand dieser Würdenträger nicht polnisch, und 
überdies waren die bei ihm aufgetragenen Speisen, obwohl 
es ein Freitag war, mit Butter (!) zubereitet. Am andern 
Mittag erfolgte die Ankunft im Liegnitzer Kloster. Die 
Posener Gäste wurden dort gut aufgenommen; ... es 
konnte sogar ein polnisch redender Beichtvater für sie 
beschafft werden: die Benediktiner von Lubin hatten 
nämlich ihre Kirchengeräte in dem Liegnitzer Kloster ge- 
borgen und ein paar Mönche zur Bewachung dabei zurück- 
gelassen. Leider konnten diese Lubiner Patres die 
schlesische Kost nicht vertragen und reisten vor der Zeit 
wieder ab . . . 

Für einige andere ihrer Schäflein hatte die Posener 
Äbtissin bei den Ursulinerinnen zu Liebenthal Quartier 
erlangt. Es waren dies u. a. die Subpriorin Grabowiecka 



J ) Als Besitzer des nah gelegenen Gutes Czarnotki. 

4* 



52 Oswald Collmann. 

mit Barbara Marszewska, die bisher bei dem Bruder der 
Grabowiecka geweilt hatten. Diese wurden von den 
Liebenthaler Nonnen überaus freundlich aufgenommen. 
Sie selbst bewunderten die Wohlhabenheit dieses Klosters 
und die hohe Bildung seiner Bewohnerinnen: „Während 
der Probezeit", heisst es von den letzteren in der 
Chronik, „lernen sie die lateinische Sprache, so dass sie 
alles übersetzen und sich auf Lateinisch verständigen 
können." 

Inzwischen empfand die Posener Äbtissin grosse 
Sehnsucht nach ihrer Ordensgemeinde ; denn so lange sie 
selbst in Trebnitz wohnte, war es für sie ausserordentlich 
schwierig, Nachricht zu erhalten, sowohl von den 
Schwestern, die in Posen geblieben waren, wie auch von 
denen, die sie auf verschiedene Orte verteilt hatte. Des- 
halb beschloss sie, nach Breslau überzusiedeln, denn dort 
wohnten viele Leute aus Polen, und sie konnte daher 
auch dort über alles schnellere Kenntnis erlangen. Ihr 
Wunsch, in dem dortigen Kloster der heil. Clara unter- 
zukommen, Hess sich zwar nicht erfüllen, weil die Äbtissin 
von Olobok sich dort schon Wohnung bestellt hatte. 
Aber auf die Verwendung seiner Tochter, welche Äbtissin 
von St. Clara war, überliess der kaiserliche Kamerarius 
Bulchhaber der Posener Äbtissin eine kleine Wohnung,, 
für die er keinerlei Bezahlung verlangte. 

Demgemäss siedelte die Frau Äbtissin gleich nach 
St. Mattheus 1655 mit 3 Schwestern und einer Dienerin 
nach Breslau über, liess auch die Wertsachen aus Trebnitz, 
wo sie vor den Schweden nicht mehr sicher waren, dort- 
hin bringen. „Sie erhielt dort Wohnung wie in einem 
Kloster bei der Marienkirche auf dem Sande ... in der 
Nähe des Doms. Auch der Beichtvater hatte beim Dom 
seine „Residenz" 1 ) und den Tisch gemeinsam mit der 
Frau Äbtissin. Ihren Unterhalt hatte sie aus Almosen und 
Erwerb 2 ). Auch gab ihnen der Herr Abt [des Augustiner* 



*) Im Text steht „rezygnaciia" st. rezydencya. 

2 ) Besonders durch Näharbeit für Breslauer Klöster. 



Aus einer Posener Kloster-Chronik. 53 

klosters] eine gewisse Ration an Brot und Bier und einen 
Taler auf die Woche." 

In ihrer Besorgnis für die in Posen zurückgebliebenen 
Schwestern bemühte sich die Frau Glogowska, noch einige 
derselben anderswo unterzubringen. Infolgedessen wurde 
die Gabliriska, eben jene Nonne, die das Abenteuer in 
dem Roggenfeld bei Posen gehabt hatte, mit der Rozycöwna 
in das Benediktinerinnenkloster nach Striegau geschickt. 
Diese beiden Schwestern hatten unterwegs grosse 
Schwierigkeiten und Gefahren zu bestehen, weil sie auch 
Betten und etwas von den kirchlichen Gerätschaften mit 
sich führten. Ihre schwedische Bedeckungsmannschaft 
geriet nämlich wegen dieser Sachen mit herumstreifenden 
schwedischen Soldaten in Streit. Diese Marodeure be- 
schuldigten die Leute von der Eskorte des Verrats, weil 
sie dabei behilflich wären, Sachen aus Polen auszuführen. 
„Es war in der Tat damals nicht erlaubt, etwas aus Polen 
auszuführen x ) ; jeder, [der das versuchte,] wurde vorher 
beraubt, und ihm Zoll abgenommen." Aus diesem Anlass 
wäre es zwischen den beiden schwedischen Kommandos 
beinah zum Kampfe gekommen. Unsere beiden Nonnen 
kamen aber allem Anschein nach diesmal mit dem blossen 
Schrecken davon und gelangten über Breslau glücklich 
nach Striegau, wo sie 2 x /a Jahre blieben. 

In Trebnitz weilten noch 5 Schwestern, die von der 
dortigen Äbtissin unterhalten wurden, wofür sie ihr für 
ihre Kirche nähten. Eine von ihnen, Johanna Jaskölska, 
starb dort nach schwerem Leiden am 27. Juli 1656, also 
gerade ein Jahr nach ihrer Flucht aus Posen, und wurde 
zu Trebnitz in der grossen Kirche begraben und zwar 
(auf ihren Wunsch) unter der Schwelle bei der Kapelle 
der heil. Hedwig. Die anderen vier verliessen Trebnitz, 
als dort die Pest ausbrach, und fanden teils bei Verwandten, 
teils in Liebenthal Aufnahme. 

Wie es inzwischen den in Posen zurückgebliebenen 
Schwestern ergangen war, ist in unserer Chronik ebenfalls 

i) Von einem ähnlichen „Ausfuhrverbot" für Breslau wird 
weiter unten berichtet. 



54 Oswald Collmann. 

ausführlich erzählt. Da aber dieser Bericht von Luka- 
szewicz in sein bekanntes Werk über Posen aufgenommen 
ist, so wird hier auf seine Wiedergabe verzichtet. 

Vom Herbst 1657 an begannen sich die Flüchtlinge 
nach und nach in ihrem Kloster wieder einzufinden. Die 
Äbtissin selbst kehrte mit zwei Schwestern am 5. Oktober 
dorthin zurück. Ihre Rückreise war unter „grossem 
Schrecken und Gefahr" vor sich gegangen, denn die 
Kaiserlichen, obwohl als Verbündete in das Land gekommen, 
benahmen sich wie Feinde, aber noch schlimmer trieben 
es die eigenen Leute, „denn während die Deutschen nur 
zu essen und zu trinken nahmen, vernichteten die 
Unsrigen noch obendrein alles, schlugen die Fenster her- 
aus, warfen die Öfen um und richteten vielen Schaden 
an, besonders in den Dörfern . . . Damals plünderten sie 
unsere Güter vollständig aus und nahmen weg, was etwa 
nach dem Kloster gefahren wurde". 

Doch scheinen diese Reisenden damals mit dem 
blossen Schrecken davongekommen zu sein. Weniger 
gut erging es einigen Schwestern, die aus Liebenthal 
zurückreisten. Sie waren beim Abschied von ihren freund- 
lichen Wirtinnen mit Geld und reichen Geschenken 
(zinnernen Tellern und Kannen) bedacht worden. Aber 
in Breslau wurden sie mitten auf dem Ring angehalten 
und „zu ihrer grossen Beschämung" beraubt, denn: „es 
war ein Befehl vom Kaiser [ergangen], dass man jeden 
berauben sollte, der nach Polen reiste" 1 ). Auch unter- 
wegs hatten sie noch einen grossen Schreck: „irgend- 
welche Soldaten rupften sie und spannten ihnen die Pferde 
aus", so dass sie nur durch die Hilfe der Trebnitzer 
Priorin die Reise fortsetzen konnten. 

Es war aber nicht allein die Unsicherheit der Wege, 
was die Wiedervereinigung der ganzen Ordensgemeinde 
erschwerte. Auch weil ihr nicht genug Lebensmittel zur 
Verfügung standen, musste die Äbtissin die Zurück- 

!) Ist das denkbar — eine Beraubung auf offenem Markt und 
noch dazu auf Befehl des Kaisers ? Es dürfte sich doch wohl bloss 
um die Erhebung eines Ausfuhrzolls gehandelt haben (s. oben). 



Aus einer Posener Kloster-Chronik. 55 

berufung der übrigen Schwestern noch aufschieben. Auch 
im J. 1658 war die Lage nicht erheblich besser geworden: 
„Die Güter waren gänzlich ruiniert. Unsere Herren 
Schuldner, bei denen noch ältere Schulden stehen ge- 
blieben waren, bezahlten nicht; denn durch jene zwei 
Jahre, während deren der Feind in Polen war, sind alle 
Procente [d. h. Zinszahlungen] aufgehoben worden, und 
sie zu mahmen war niemandem erlaubt" 1 ). — Aber der 
neue Bischof (Tholibowski) drang darauf, dass die Nonnen 
sämtlich zurückgerufen würden, und diesem Verlangen 
musste die Äbtissin sich fügen. 



x ) Es war also eine Art von moratorium angeordnet worden. 
Im Original steht hier übrigens für „Schuldner" das Wort 
„Kredytorowie". Aber dem Sinne nach können doch nur die 
Schuldner des Klosters (bes. die Gutspächter) gemeint sein. 
Die Chronistin braucht überhaupt die Fremdwörter öfters falsch, so 
oben rezygnacya für rezydencya u. a. 





Die Stadt Posen in südpreussischer Zeit. 

in. 
Die Kirche. 

Von 
Rodgero Prümers. 

n der Spitze der katholischen Geistlichkeit stand Kathol. 
der Bischof. Ihm gebührte die Verwaltung der K" pche - 
Diözese, mit ihm musste die Kammer in kirch- 
lichen Dingen oft genug unterhandeln, um sich seine Ein- 
willigung zu Änderungen zu sichern. Und zu ändern war 
sehr viel, denn Posen litt geradezu an einer Überfülle von 
kirchlichen Einrichtungen, die aber fast durchweg derart 
verwahrlost waren, dass sie die bessernde Hand geradezu 
herausforderten. 

Posen hatte für seine 7437 Katholiken 3Kollegiatkirchen r 
13 Klosterkirchen und 8 Kapellen, mit 6 Pfarrern und 136 
sonstigen Geistlichen, ohne die Klosterbrüder zu rechnen. 

In der Parochie Maria Magdalena befanden sich noch 
die ehemalige Jesuitenkirche St. Stanislai, die Kirche Aller- 
heiligen, die St. Annenkirche, die Jesuitenkapelle in der 
Judenstrasse, die evangelische Kreuzkirche, in der Parochie 
St. Martin die kleine Hospitalkirche des hl. Kreuzes und 
die Lazaruskirche, in der Parochie St. Adalbert das Ora- 
torium St. Leonhardi im Dorfe Winiary, in der Parochie 
St. Nicolai die Kirchen St. Laurentii, St. Barbarae, St. Mariae 
in Summo, der Dom, das Oratorium St. Rosaliae und die 
Kirche von St. Roch 1 ). 

13 Klöster werden in Posen genannt, das der Bene- 
dictinerinnen im alten Gorkapalast auf der Wasserstrasse,. 

!) Stadt Posen C. XV. A. 1. 



58 RodgeroPrümers. 

der barfüssigen Carmeliterinnen vom Orden der h. Theresia 
in der Schulstrasse, da wo jetzt das städtische Kranken- 
haus steht, der Franziskanermönche, der Nonnen St. Katha- 
rinae in der Wronkerstrasse, der Dominikaner, der Domini- 
kanerinnen der dritten Regel dem Dominikanerkloster 
gegenüber, der ßernardiner am Bernardinerplatz, der Ber- 
nardinerinnen St. Clarae in der Nähe der vorigen, der 
Pfarrnonnen oder Conwenzonki, der Philippiner auf der 
Schrodka, der Reformaten ebendaselbst, der beschuhten 
Karmeliter mit der Corpus Christi-Kirche, wozu die Jesu- 
kapelle auf der Judenstrasse gehörte, und der barfüssigen 
Karmeliter an Stelle der jetzigen Garnisonkirche. 

Die Einkünfte der Geistlichkeit waren im allgemeinen 
nur gering, bei der Maria Magdalenenkirche hatte allein 
der Propst ein gesichertes Auskommen. Eine vom Bischof 
zur Regulierung der Geistlichkeit, Festsetzuug ihrer Ein- 
künfte für die Zukunft und Bestimmung ihrer Pflichten 
angeordnete Kommission war der Ansicht, dass an der 
Pfarrkirche mindestens 8 Geistliche nötig seien. Zur Ver- 
mehrung ihres Einkommens beschloss man, mehrere nörd- 
lich der Kirche belegene geistliche Wohnungen, die aus 
Mangel an Mitteln dem Einsturz drohten, auf Erbpacht 
auszugeben 1 ). 

Die Stolgebühren der katholischen Geistlichkeit 
waren erheblich niedriger als heutzutage. Sämtliche 
Eingepfarrte waren in 3 Klassen geteilt, Adel, Bürger und 
Bauern. Der Adel hatte wieder 3 Unterabteilungen mit 
mindestens 10 000, 2 000 und unter 2 000 Rtl. Vermögen. 
Die Städte unterschieden sich nach einer Bevölkerung 
von 6 000, mehr als 600 und weniger als 600 Einwohnern, 
die Dörfer nach 4 Ordnungen, je nach Stand und Ver- 
mögen. Ein Begräbnis erster Klasse für einen Bürger 
kostete z. B. an Gebühren für den Pfarrer 10 FL, den 
Kirchenbedienten 3 FL, letzteres aber nur, wenn der ge- 
meinsame Opfergang für Pfarrer und Kirchenbedienten 
fortfiel, weil die Leiche ausserhalb der Parochie begraben 
wurde. Für Leichen von 11 — 21 Jahren wurde 2 / 3 , für 

*) Stadt Posen C. XV A 10. 



Die Stadt Posen in südpreussischer Zeit. 59 

Kinder unter 1 1 Jahren die Hälfte der Taxe gezahlt. An 
weiteren Kosten für Amtshandlungen, die aber besonders 
verlangt sein mussten, entstanden für eine Leichenpredigt 
4 FL, die Abdankung 2 FL, den Lebenslauf 2 FL, für das 
Ausläuten ein jeder Puls 18 Gr., für jede gesungene 
Messe 3 FL, für eine stille Messe 1 FL 6 Gr., für Absingen 
der Vigilien 1 Fl. 12 Gr., für jedes brennende Licht 12 Gr., 
für jede brennende Lampe 6 Gr. Der Totengräber 
erhielt für Anfertigung des 3 Ellen tiefen Grabes im 
Sommer 1 FL, im Winter 1 FL 15 Gr. 1 ). Die Grabstelle 
eines Kaufmanns auf dem evangelischen Kirchhofe kostete 
18 FL, eines Handwerkers 12 Fl. 2 ), auf dem Kirchhofe 
ad s. Mariam Magdalenam für einen Bürger 1. Klasse 
24 Fl. Letztere Bestimmung wurde getroffen, weil bis 
dahin gar keine Taxe existierte, sondern die Geistlichen 
und Kirchenvorsteher um die Grabstelle handelten und 
oft ungeheure Forderungen machten 3 ). 

Rechnet man die einzelnen Posten zusammen, so 
wird man finden, dass ein ganz erheblicher Unterschied 
zwischen den Kosten eines Begräbnisses vor 100 Jahren 
und jetzt besteht. 

Für den Bau des Domes waren in den Jahren 1791/95 Der ^ om * 
insgesamt 159 278 FL 20V2 Gr. p. ausgegeben, wovon dem 
Bischof zwei Drittel zur Last fielen. Nunmehr war der 
Bau eingestellt worden, weil weitere Fonds mangelten. 
Veranschlagt wurden die noch erforderlichen Gelder von 
Bauinspektor Wernicke i. J. 1799 auf 12380 RtL, die 
jährliche Unterhaltung auf 500 RtL Einen Antrag des 
Domkapitels um Unterstützung für diese Ausgaben lehnte 
das südpreussische Departement ab, da sein Baufonds 
kaum zu seiner eigenen Bestimmung hinreichend sei und 
gerade jetzt zum bevorstehenden Retablissement mehrerer 
abgebrannter Städte stark in Anspruch genommen werde. 

*) Allgemeine Stolgebühren -Verordnung für Süd- und Neu- 
Ostpreussen in Absicht der römisch-katholischen Geistlichkeit. 
Berlin, den 13. Juny t8ot. Stadt Posen C. XV A 19. 

2 ) Ebendas. 

3 ) Ebendas. Bericht vom 7. Januar 1806. 



-6o Rodgero Prümers. 

Das einzige Mittel zur Erleichterung der Baulast würde 
sein, wenn sich unter den vom Domkapitel abhängigen 
Kirchen einige unbrauchbare und überflüssige fänden, 
und es unbedenklich wäre, deren Niederlegung und den 
Verkauf der dabei zu gewinnenden Materialien herbei- 
zuführen, um aus den zu lösenden Geldern einen Bau- 
und Unterhaltungsfonds für die Kathedralkirche zu 
gewinnen 1 ). 

Dem im Juni 1793 verstorbenen Bischof Okqcki war 
Graf Raczynski in der bischöflichen Würde gefolgt, der 
vom russischen Hofe empfohlen, durch das Domkapitel 
gewählt und vom Könige am 10. Oktober bestätigt war. 

Raczynski wollte das Gehalt von 765 Rtl. für den 
Weihbischof sparen, doch wurde auf ausdrücklichen 
königlichen Befehl v. Mathy zum wirklichen Weihbischof 
deklariert. 

Zur Besorgung der Geschäfte stand dem Bischof ein 
General-Offizial zur Seite. Auch für diesen zögerte man, 
ein Gehalt auszuwerfen, aber der Domherr v. Wolicki 
erklärte es für unumgänglich nötig. In vorigen Zeiten 
habe jeder das Amt eines General-Off izials sehr gern 
übernommen, weil dieser Posten alle Aussicht zu höherer 
Beförderung und zu besseren Einkünften gewährte. Denn 
er habe die Hoffnung auf ansehnliche Präbenden, Abteien, 
Krondignitäten, Bistümer gehabt. Das alles finde jetzt 
nicht mehr statt. Die Präbenden trügen statt mehrerer 
tausend nur noch einige hundert Taler, so die des Dom- 
propstes statt 6000 Rtl. nur noch 1000 Rtl; Abteien 
existierten gar nicht mehr, Kronwürden, um die man sich 
früher sehr beworben, wären gleichfalls nicht mehr da. 
Drum könne ein Generaloffizial nicht mehr ohne fixes 
Gehalt dienen. Dasselbe galt dann von dem Auditor und 
den Surrogaten. 

Auch der Justitiar war mit seinem Gehalte von 
400 Rtl. nicht mehr zufrieden, weil ihm die früheren 
Sportein sehr gekürzt waren. In polnischen Zeiten waren 

*) Verfügung vom 17. Juni 1800. Kgl. Staatsarchiv zu Posen: 
S. P. Z. B II 50. 



Die Stadt Posen in südpreussischer Zeit. 6l 

diese sehr ansehnlich gewesen. Der Offizial hatte sie 
nach Willkür festgesetzt, und es war vorgekommen, dass 
ein Geistlicher, der eine Pfarre erhielt, ioo auch 200 Rtl. 
Sportein zahlen musste. 

Der Dompropst v. Miaskowski war als Bischof auf 
den neu errichteten Bischofsstuhl zu Warschau berufen, 
an seine Stelle trat an der Posener Kathedrale i. J. 1797 
Prinz Moritz v. Broglie, der aber seine Einkünfte in Berlin 
verzehrte und wohl wenig nach Posen gekommen ist. 
1805 verzichtete er auf die Dompropstei, weil er 
zum kaiserlichen Almosenpfleger in Frankreich ernannt 
worden war 1 ). 

Für die durch die Wahl Raczynskis zum Bischof 
erledigte Scholasterie am Dome hatte der Kanonikus von 
Niemojewski die päpstliche Provision erhalten, ohne dass 
die landesherrliche Genehmigung eingeholt worden wäre. 
Deshalb beschloss das südpreussische Departement, ihn 
zur Domscholasterstelle nicht zuzulassen, befahl auch 
dem Domkapitel, die bezügliche päpstliche Bulle sofort 
im Original beim Ministerium einzureichen 2 ). 

Ein Jahr später erst wurde die Wahl des Domherrn 
v. Kotarbski zum Scholaster genehmigt, dem seitens der 
Kammer einstimmig das Zeugnis der Rechtschaffenheit 
und vorzüglich guten Denkungsart von der jetzigen 
Regierung, sowie seines guten patriotischen Benehmens 
gegen verschiedene Offizianten zur Zeit der Insurrektion, 
die er in seinen Schutz genommen, gegeben wurde 3 ). 

Domherr an Stelle des verstorbenen Propstes von 
Niemojewski wurde der vom Bischof präsentierte und von 
der Staatsregierung 1797 bestätigte Stanislaus Zarnowiecki, 
Pfarrer zu Pempowo und Dechant zu Kröben, der nach 
dem Berichte des Landrats v. Grothuss ein sehr redlicher 
Mann war, sich nicht allein durch einen musterhaften 
moralischen Lebenswandel, durch Gelehrsamkeit und 
fleissiges Studium sehr vorteilhaft auszeichnete, sondern 

*j S. P. Z. B II 53. 

2 ) S. P. Z. B II 52. Verfügung vom 17. Dez. 1795. 

3 ) Bericht vom 20. Nov. 1796. 



62 Rodgero Prümers. 

auch eine grosse Anhänglichkeit an die gegenwärtige 
Verfassung während der Insurrektion gezeigt hatte, wo- 
durch er sich von der Regierung die goldene Verdienst- 
Medaille erworben. 

Ebenso wurde der Pfarrer und Dechant zu Grätz 
Michael Konarski, als Domherr bestätigt, von dem die Er- 
kundigungen ergeben hatten, dass er still und eingezogen 
lebte, sich um keine politischen Angelegenheiten be- 
kümmerte, sein Amt als Seelsorger mit der gehörigen 
Treue verwaltete, ein kluger und gelehrter Mann war, der 
von der jetzigen Landesverfassung besonders gut dachte, 
auch keinen Anteil an der Insurrektion genommen hatte. 
Gegen eine grössere Anzahl von Domherren erklärte 
sich das Domkapitel selbst. Die Einkünfte der Domherren 
seien derart vermindert, dass sie zu keinem anständigen 
Lebenswandel hinlänglich seien; ihr väterliches Vermögen 
hätten sie bei der republikanischen Regierung zu öffent- 
lichen Funktionen verwandt, in der Hoffnung, dass sie 
mit dem, was ihnen die Vorsehung gegeben, bis an ihr Ende 
auskommen würden. Als sie sich nun aber gänzlich ohne 
Lebensmittel gesehen, hätten sie sich an die Staatsregierung 
mit der Bitte um Barmherzigkeit für die Verbesserung 
ihres Schicksals gewandt. Diese habe nun, da kein 
anderes Mittel vorhanden gewesen, ihren traurigen Zustand 
zu verbessern, ihnen den Rat erteilt, die Zahl der Mit- 
glieder herabzusetzen, um damit wenigstens den in Zukunft 
existierenden einen besseren Lebensunterhalt zu sichern. 
Sie hätten nun in Gemeinschaft mit dem Bischof be- 
schlossen, keinen Zutritt zum Domstift stattfinden zu 
lassen, bis die Zahl auf 12 Mitglieder herabgekommen sei 1 ). 
Pfarr- Die im Jahre 1263 gegründete Pfarrkirche Mariae 

kirche Magdalenae auf dem jetzigen Neuenmarkte war im 
Jahre 1773 durch einen Blitzschlag zerstört. Die Bürger 
sammelten grosse Summen, um sie wiederherzustellen. 
Aber während der Arbeiten stürzte das Deckengewölbe 
ein, und die ganze Kirche bildete nur noch einen 
Trümmerhaufen. 



Mariae 
Magda 
lenae. 



!) S. P. Z. Generalia B II. n. 



Die Stadt Posen in südpreussischer Zeit. 63 

1796 fasste daher die Kammer den Plan, die ab- 
gebrannte Kirche fortzuräumen und dadurch einen öffent- 
lichen Platz zu schaffen, an denen es in Posen so sehr 
mangele. Die Kirche sei nur noch ein unförmlicher 
Schutthaufen, der unbeschädigte Turm aber, auf dem die 
besten Glocken der Stadt seien, solle stehen bleiben. 
Der Bischof war mit der Sache einverstanden. Es war 
aber noch mit den Inhabern der 12 Privatkapellen 1 ) zu 
verhandeln, die in deren Niederlegung willigen mussten. 
Die meisten machten einige Vorbehalte, mussten sich aber 
schliesslich damit zufrieden geben, dass ihnen die Über- 
tragung der Fonds auf einen Altar in der Jesuitenkirche 
zugestanden wurde 2 ). 

Der Bischof hatte 1797 eine Kommission eingesetzt, 
die eine Revision der St. Marien-Magdalenen-Kirche vor- 
nehmen sollte. Diese forderte den Magistrat als Patron 
zu einer Erklärung auf, ob und bis wann er die ruinierte 
Pfarrkirche wieder aufbauen wolle. Könne er dies aus 
Mangel an Mitteln nicht, so solle er den Abbruchswert der 
Ruinen feststellen lassen 3 ). 

Der Bauführer Niederäcker veranschlagte die Mate- 
rialien auf 4974 Rtl. 4 Gr., dazu kam dann noch der Turm, 
von dem sich auch herausstellte, dass er stark gelitten 
hatte und abgebrochen werden musste, mit 4490 Rtl. 

Unter diesen Umständen entschied sich auch der 
Magistrat für den Abbruch. 



x ) Es waren die - 1 ) capella canonicorum Zaja.czkoviana dicta, 
Patrone die Domherren, 2 ) capella primariae über der Sakristei 
Patron der Magistrat, 3 ) St. Crispi et Crispiniani, Patron das Schuster- 
gewerk, 4 ) S. Joannis Nepomuceni, Patron Familie Potarzycki, 5 ) S. 
Barbarae, Patron das Maurergewerk, 6 ) S. Joannis Baptistae, Patrone 
successores Lamparsciani, 7 ) St. Petri et Pauli, Patrone successores 
Dretneroviani, 8 ) S. Trinitatis Skalaviana dicta, Patronin Gräfin Miel- 
zynska in Chobienice, 9 ) S. Casimiri Miedzwiedzciana, Patron das 
Bütner-Gewerk, 10) S. Antonii de Padua, Patrone successores 
Winkleroviani, n ) S. Crucis, Patron das Schneidergewerk, 12 ) S. 
Ursulae, Patron das Kürschnergewerk. 

*) Stadt Posen C. XV. B. b. 34. 

3) XV. B. b. 42. 



64 Rodgero Prümers. 

Jesuiten- Pfarrkirche ist seitdem die Jesuitenkirche St. Stanislai,, 

kirche. die ^ em Bischof Okqcki von der Edukationskommission durch 

einen Vergleich vom 24. März 1781 überlassen war. Bischof 

Raczynski überwies sie nunmehr der Maria Magdalenen-Ge- 

meinde als Pfarrkirche und gab dem Magistrate das Patronat. 

Der Erlös aus dem Abbruchmaterial kam der Stanis- 
lauskirche übrigens sehr zu statten. 1804 war deren Dach 
so schadhaft, dass der Regen überall eindrang. Putz und 
Balken waren nass, es tropfte von den Ständern. Da war 
es sehr erfreulich, dass aus den für die alte Kirche ver- 
einnahmten Geldern 4500 Rtl. zur Ausbesserung der Stanis- 
lauskirche verwandt werden konnten 1 ). 

Bischof Okqcki hatte aber auch das der Kirche gegen- 
überliegende Jesuiter-Schulgebäude, das ihm durch die 
Edukations-Kommission zur freien Verfügung überlassen 
war, der Jesuitenkirche zu einem Reparaturfonds im Jahre 
1782 übergeben. Bischof Raczynski aber verkaufte dies 
Gebäude für 4000 Rtl. an den Fiskus zu Schulzwecken. 
Die 4000 Rtl. sollten zur Pflege alter Geistlichen dienen. 

Der Magistrat, als Patron der Kirche, klagte nun auf 
Rückgabe des Gebäudes. Die Kammer jedoch meinte, es 
könne nur der Ersatz der 4000 Rtl. verlangt werden, da 
die inzwischen eingerichtete Schule doch auch der Stadt 
zu Gute käme 2 ). Die 4000 Rtl. aber musste der Bischof 
wieder herausgeben. 

Für Wachslichte zur Fronleichnamsprozession zahlte 
der Magistrat jährlich 50 Fl. 16 Gr., ferner 4 Rtl. an den 
Organisten Kornatowski für die Musik vom Rathausturme 
an diesem Tage, „welche Ausgabe von jeher die Kämmerei 
geleistet hat", heisst es in einem Berichte des Magistrats 
im Jahre 1795. Die Kammer erklärte sich mit der Ein- 
stellung dieses Betrages in den städtischen Etat einver- 
standen, wie sie überhaupt bemüht war, die ihren katho- 
lischen Untertanen lieb gewordenen Gewohnheiten nach 
Möglichkeit zu schonen 3 ). 

i) XV. B. b. 29. 
2) XV. B. b. 29. 
3; XV. A. 5. 



Die Stadt Posen in südpreussischer Zeit 65 

Als im Jahre 1797 der Propst der Pfarrkirche ge- 
storben war, und an seine Stelle Propst Hantusch trat, 
hatte er gleich seinen Amtsbrüdern einen Treueid zu leisten, 
von dem ich wenigstens einen Teil hier mitteilen will. 
Er schwört u. a., seinen Kirchengemeinen und Beicht- 
kindern sowohl durch öffentliche als Privatermahnungen 
in und ausser dem Beichtstuhle eine unverfälschte Treue 
gegen Se. Königl. Majestät von Preussen zur unverbrüch- 
lichsten Beobachtung nachdrücklichst einzuschärfen und 
ihnen mit dem besten Exempel vorgehen zu wollen, und 
da etwa wider Se. Kgl Majestät, Dero Kgl. Haus, Lande, 
Armee, Interesse und Dienste von Jemandem etwas vor- 
genommen werden sollte und solches zu seiner Wissen- 
schaft gelangte, wolle er solches seinem besten Wissen 
und Gewissen nach entdecken und anzeigen, nichts ver- 
hehlen und sich allezeit so verhalten, wie es einem recht- 
schaffenen Geistlichen und getreuen Untertanen gegen 
seine rechtmässige Landesobrigkeit eigne und gebühre; 
wie er sich denn auch ausdrücklich anheischig mache, 
dieser eidlichen Verbindung sich zu keiner Zeit und unter 
keinerlei Vorwande zu entziehen, und wenn er es tun 
sollte, ihm dieserhalb keine Vergebung weder in diesem 
noch in jenem Leben zu statten kommen solle 1 ). 

Ober seine Kirchenvorsteher führte Propst Hantusch 
Beschwerde. Die Schlüssel zur Kirchenkasse hätten sie 
in häuslichem Gewahrsam, trotzdem ihm selbst der eine 
Schlüssel zustände. So erfahre er überhaupt nicht, 
welche laufenden Ausgaben aus ihr genommen würden. 
Eine kleine Orgel hätten sie verschenkt, eine andere 
verliehen, die Kirchenkeller benutze der Vorsteher Sobo- 
lewski als Brantweindepot. Hantusch bittet um Ernennung 
anderer Vorsteher aus der Mitte des Magistrats, wie es 
Vorschrift sei. 

Aber auch über den Propst wurde lebhafte Klage 
geführt; unter anderem wurde ihm vorgeworfen, dass er an 
Stolgebühren bei einem Begräbnisse 5 Dukaten statt der 
gesetzmässigen von 1 Rtl. 8 Gr. gefordert habe. 

i) Stadt Posen XV. B. b. 33. 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XXVI. 5 



66 Rodgero Prümers. 

Um den vielfach vorgekommenen Unregelmässigkeiten 
in den Rechnungen der Pfarrkirche ein Ende zu machen, 
wurde für das Jahr 1803/4 ein Etat vorgelegt, der in 
Einnahme und Ausgabe mit 3 418 Fl. 3V2 Gr. abschloss. 
Die Einnahmen setzten sich zusammen aus den Zinsen 
der meist zu 3V2 % ausgeliehenen Kapitalien, den 
Begräbniskosten mit 2 231 FL, dem auf 300 Fl. ge- 
schätzten Opfergeld bei Kindtaufen und Hochzeiten, 
und 42 Fl. 10 Gr. aus dem Klingebeutel. Unter den 
Ausgaben bemerken wir 200 Fl. für den Schullehrer 
Lange, 60 Fl. für den Kantor Gerner, 60 Fl. dem 
Organisten Pietrowski, 16 Fl. dem Bälgetreter, 24 Fl. dem 
Totengräber, 144 Fl. der Stadtkapelle, 86 Fl. an Un- 
kosten bei der Fronleichnamsprozession. 350 Fl. Über- 
schuss sollten zur Sammlung eines Aktivkapitals zurück- 
gelegt werden. 

Für den deutschen Prediger an der Pfarrkirche war 
ein Einkommen von 25 Rtl. und 16 Rtl. Holzgeld aus- 
gesetzt. Der Magistrat hatte sich damit einverstanden 
erklärt, weil bei der wachsenden Zahl der Beamten und 
des deutschen Militärs ein der deutschen Sprache kundiger 
Prediger nötig sei. Auch die Kirchenvorsteher bitten 1806 
um schleunige Ernennung, da eine unumgängliche Not- 
wendigkeit vorliege 1 ). Das Einkommen für den deutschen 
Prediger rührte von einer Stiftung her, die bereits im 
Jahre 1476 gemacht war 2 ). 

Interessant ist ein Inventar der Pfarrkirche aus dem 
Jahre 1805, wonach der Bestand an Kirchengeräten und 
Gewändern in Gold, Silber, edlen Steinen und Perlen 
auf 21974 Fl. 16V2 Gr. abgeschätzt wurde 3 ). 
Adalbert- Die Einnahmen der Adalbertkirche beliefen sich 

kirche. au f 2 ß ö R^l. 5 Gr. 5% Pf. Sie setzten sich zusammen 
aus Gefällen von den Untertanen (14 Rtl. 12 Gr.), von 
den Gärten und Wiesen (3 Rtl. 5 Gr. 6 Pf.), Zinsen 
(23 Rtl. 8 Gr.), Messalien und Compositen (220 Rtl. 

i) XV. B. b. 31 Bl. 37. 
2) XV. B. b. 32 Bl. 3. 
8) XV. B. b. 56. 



Die Stadt Posen in südpreussischer Zeit. 67 

22 Gr. 6 Pf.) Die Kirche hatte 4 Altäre, St. Annae, 
St. Mariae, St. Trinitatis, Litteratorum. 

Im Jahre 1803 starb der Propst Rokossowski, dessen 
Einkommen auf 500 Fl. angegeben war, und um seine 
Nachfolge bewarb sich u. a. auch der Domherr Cudniewicz, 
dem die Kammer im Februar 1805 die Propstei übertrug, 
nachdem er ausdrücklich auf die von ihm bisher inne- 
gehabte Pfarre zu Wilczyn verzichtet hatte. Der neue 
Propst sollte nun die Huldigung leisten und 1 / 4t des ersten 
Jahresgehaltes bestimmungsgemäss für den Schulfonds 
abgeben. Doch hatte er schon als Propst von Wilczyn 
gehuldigt, dort auch 1 / i der Einnahme gezahlt. So be- 
gnügte sich denn der Fiskus mit der Zahlung der Differenz. 
Andererseits gelang es dem Cudniewicz, seiner Kirche 
eine erhöhte Einnahme zuzuführen. Bei der Aufhebung 
des Karmeliterklosters Corpus Christi hatte sich ein 
Kapital von 28008 Rtl. 8 Ggr. vorgefunden, aus dessen 
Zinsen die Geistlichen besoldet werden sollten, die die 
dem Kloster obliegenden geistlichen Verrichtungen über- 
nehmen würden. Nun musste das Kloster jährlich 2 000 
Messen stiftungsmässig lesen, dafür waren aber nur noch 
4 Geistliche vorhanden. Deshalb bestimmte Bischof 
Raczynski, dass von diesen 4 Geistlichen jeder jährlich 
364 Messen lesen solle, der Rest aber mit dem auf ihn 
entfallenden Geldbetrage wurde der Kirche St. Adalbert 
zugewiesen 1 ). 

Cudniewicz hatte übrigens an die Regierung durch 
den Bischof die Bitte richten lassen, ihm vom päpstlichen 
Stuhle die Erlaubnis zur Bekleidung der Propstei neben 
seinem Kanonikate zu erwirken. Die Regierung kam 
diesem Wunsche nach und übersandte die vom Papste 
erteilte Bulle, indem sie zugleich bemerkte, dass sie 
dieser Bulle nur den Effect der Gewissens-Beruhigung 
des Cudniewicz beigelegt wissen wolle. Die Kosten für 
diese Bulle betrugen 48 Scudi 40 Bajocchi, und wenn 
man rechnet, dass der Scudo = 1 Rtl. 15 Ggr. ist, so 



!) XV. B. d. 3. 

5* 



68 Rodgero Prümers. 

ergibt sich, dass die Kurie mit ihrer Erlaubnis gar nicht 
billig war. 

Cudniewicz muss in guten Verhältnissen gelebt 
haben, denn 1806 richtete er eine Eingabe an die Kammer, 
die mit den Worten beginnt: „Seit meiner Anstellung 
als Probst ad St. Adalbertum hierselbst habe ich mir 
vorgenommen, dem Stande, dessen Mitglied zu seyn ich 
mir zur Ehre anrechne, der Dioeces, der ich meine Bildung 
zu verdanken habe, dem Staate, dem ich meine Beförderung 
schuldig bin, und dessen liberale Grundsätze ich bey 
meiner Amtsführung zu würdigen so oft die Gelegenheit 
gehabt habe, einen Beweis meiner Achtung, meiner Dank- 
barkeit und der tiefsten Verehrung zu geben. Zu diesem 
Behuf, veranlasst durch den Mangel an hinlänglichen 
Unterhaltungsfonds der seelsorgenden Geistlichkeit, wie 
auch eines Emeritenfonds, habe ich mich entschlossen, ein 
Capital von 6 333 Rtl. 8 Ggr. auszusetzen und die Zinsen 
davon mit 316 Rtl. 16 Ggr. für zwey der Seelsorge bei 
der St. Adalberts Kirche sich zu widmende Geistlichen 
auch dann zu bestimmen, wenn sie durch die schwere 
von ihnen zu erfüllende Pflichten entkräftet zur Seel- 
sorge untauglich werden sollten." 

Die Kammer ging natürlich sehr gern hierauf ein r 
zumal der Propst die Stiftung ganz aus eigenen Mittein 
errichtete 1 ). 
Die Die Martinskirche lag in der Posener Vorstadt, 

Martins- die etwa den Raum vom Breslauer Tor bis zur genannten 
kirche. Kirche einnahm. Sie hatte ihre eigene Jurisdiction. Gross 
kann aber die Zahl der Einwohner nicht gewesen sein, 
da 1780 die Kommission der guten Ordnung nur 8 Holz- 
häuser und einige wüste Plätze verzeichnete. 

1797 bat der auf den Trzinskischen Gütern Pawlowo 
und Karczewo angestellte Kapellan Budzynski den Posener 
Magistrat, ihn für die Propstei an St. Martin in Vorschlag 
zu bringen. Dieser jedoch erwiderte, die Propstei sei 
seines Wissens nicht vakant, und wenn sie es wäre, sei 



i) XV. B. d. 5. 



Die Stadt Posen in südpreussischer Zeit. 69 

Magistrat nicht Collator, habe mithin auch keine Gelegen- 
heit, sich dem Bittsteller gefällig zu erweisen 1 ). 

Zur Pfarrei des Nikolai Collegiatstifts auf der Nikolai 
Zagorze gehörte die Walischei und das Vorwerk Berdy- Collegiat- 
chowo; sie hatte im Jahre 1795 an Kapital 5347 Rtl. 4 Gr., 8t,ft " 
die Propstei 1453 Rtl. 4 Gr., die Literarische Kapelle 
650 Rtl., der Altar Conceptionis Mariae 550 Rtl, der 
Altar St. Nicolai et St. Annae 725 Rtl. 2 ). 

Die Kirche aber war baufällig, der Turm hatte 
Sprünge und musste nach Aussage der Bausachver- 
ständigen abgetragen werden. Dabei aber, fürchteten sie, 
würde ein Teil der Kirche nachstürzen. Deshalb wurde 
sie 1804 vorläufig geschlossen 3 ). 

Das mit 13000 Fl. fundierte Hospital, in dem 1793 
nicht weniger als 70 Arme sich befanden, verfügte über 
^ine Gesamteinnahme von 959 Fl. 27 Gr. Davon gingen 
für den Propst Wojciechowski 305 Fl. 7V2 Gr., für 
^ Altaristen 254 Fl. ab. Es blieben somit für die 
70 Armen 400 Fl. 19 1 / 2 Gr. übrig, so dass auf die 
einzelne Person ausser freier Wohnung wenig mehr als 
40 Fl. jährlich entfiel 4 ). 

Auch die Margare then Kirche auf der Schrodka Marga- 
war baufällig. Daher erklärte sich die Gemeinde mit der rethen- 
Schliessung der Kirche und der Zuweisung zum Dome Kirche - 
einverstanden 5 ). 

Die Kirche St. Roch auf dem Städtchen stand Kirche 
unter den Franziskanern, deren jedesmaliger Gardian St. Roch. 
Propst der Kirche war. Sie hielten hier die Andachten 
ab. Messalien wurden von den Einwohnern von Lacina 
nicht geliefert 6 ). 

Zu Beginn des Jahres 1805 wandte sich der Posener 
Magistrat an die Kammer, mit dem Abbrechen der beiden 



!) XV. 


B. 


c. 


1. 


2) XV. 


B. 


i. 


1. 


3) XV. 


B. 


i. 


3- 


4 ) XV. 


B. 


i. 


I. 


5 ) XV. 


B. 


i. 


3- 


*) XV. 


B. 


k. 


1. 



70 Rodgero Prümers. 

Kirchen Kirchen St. Barbarae und St. Laurentii auf der Walischei 
St. Bar- vorgehen zu wollen, weil die Materialien von den im Jahre 
b * r * e 1803 abgebrannten Häusern grösstenteils verbraucht seien,. 
Laurentii. und sich nunmenr ein Mangel an Ziegelsteinen heraus- 
stelle. Die Kammer erwiderte jedoch, dass über die Ein- 
ziehung dieser Kirchen noch nichts festgesetzt sei. Erst 
auf eine erneute Eingabe im August d. J. genehmigte 
die Kammer den Abbruch der desolaten und nicht be- 
nutzten Kirchen. Die Ausführung wurde der geistlichen 
Behörde überlassen, die geistlichen Pflichten von der 
Domkirche übernommen. Einen Antrag des Magistrats, 
die aus dem Abbruchsmaterial gewonnenen Gelder zu 
einem [städtischen Armenfonds herzugeben, lehnte der 
Bischof ab, weil sie zur Unterhaltung des zur Bestreitung 
der geistlichen Functionen notwendigen niederen Klerus 
bestimmt seien 1 ). 
Malteser Auf der Malteser Komthurei, zu der die Johannis- 

Komthurei. knxne gehörte, sass der Malteser Ritter von Miaskowski. 
Er bezog als solcher ein jährliches Einkommen von 13000 FL 
aus den Revenuen der Ostrogschen Güter in Wolhynien. 
Nach der Konstitution von 1775 waren für ganz Polen ein 
Gross-Prior und 6 Ritter des Malteser-Ordens festgesetzt. 
Als nun 1798 der Gross-Prior Fürst Poninski verstarb r 
glaubte Miaskowski verbriefte Anrechte auf das Gross- 
Priorat zu haben, das mit 42000 Fl. ausgestattet war. 
Minister v. Voss erklärte jedoch, hierfür nicht eintreten zu 
können, da durch die Petersburger Konvention von 1797 
alle Verbindung geistlicher Stiftungen, Korporationen, Kom- 
munitäten und Individuen mit ihren auswärtigen Oberen 
gelöst sei. Sollte es dem Ritter v. Miaskowski trotzdem 
gelingen, das auf jetzt russischen Besitz fundierte Gross- 
priorat zu erlangen, so müsse er vielmehr die zu diesem 
nicht mehr gehörige Posener Kommende aufgeben 2 ). 
Bern- Das Personal des Bernhardinerklosters am Bern- 

hardiner- hardinerplatze bestand im Jahre 1803 aus 34 Köpfen 3 ),. 

kloster. 

i) XV. B. 1. 1. 

2) S. P. Z. B. II 62. 

3) Stadt Posen C. XV. A. 21. 



Die Stadt Posen in südpreussischer Zeit. 7 1 

1806 war es bereits auf 18 Geistliche und 8 Laienbrüder 
gesunken 1 ). 

Im Bernhardinerinnen- oder St. Claren-Kloster lebten 
1803 elf Nonnen 2 ). Sie hatten ein Kapital, das 1000 Fl. 
Zinsen bringen sollte, aber diese gingen nicht pünktlich 
ein, so dass die Nonnen in Not gerieten 3 ). 

Die Klosterkirche der Dominikaner — es waren Domini- 
im Jahre 1803 dort 17 Mönche und 8 Conversen — war kaner- 
dem grossen Brande von 1803 zum Opfer gefallen, und k,08ter - 
die Kammer beabsichtigte nunmehr, das Kloster ganz auf- 
zuheben, die Mönche nach auswärts zu verteilen, den 
Grund und Boden für das Retablissement und die stehen 
gebliebenen Klostergebäude zu einem öffentlichen Zwecke 
zu verwenden. Aber man sagte sich doch, dass der Geist 
der Nation noch zu sehr an diesen Geistlichen hinge. 
Auch der allgemeine gute Ruf des Priors und der Mönche 
und das vorzüglich gute Beispiel, das sie durch ihre Mora- 
lität dem Publikum gaben, bestimmten den Minister v. Voss, 
den Wiederaufbau zu genehmigen. Das Kloster reichte 
auch Pläne hierfür ein. Diese wurden jedoch nicht an- 
genommen, vielmehr beschloss man, nach den von dem 
Oberbaudirektor Triest gemachten Entwürfen zu bauen. 
Das Kloster müsse sich die solide Wiederherstellung der 
Kirche, der Türme und der übrigen Gebäude, die dem 
Ganzen nicht zuwider seien, gefallen lassen und könne 
nur bezüglich der inneren Einrichtung Vorschläge machen- 
Das Kloster wünschte einen besonderen Glockenstuhl- 
Den hielt die Kammer für überflüssig, da die Glocken in 
dem einen Turme oder in der Laterne über dem Hoch- 
altar angebracht werden könnten. Bestehe aber das 
Kloster durchaus auf einem zweiten Turm für die Glocken 
und habe es das nötige Geld dazu, so müsse dieser 
zweite Turm conform mit dem ersten an der anderen 
Seite der Kirche angebracht werden 4). 



i) XV. C. c. 4. 

2) XV. A 21. 

3 ) XV. C. c. 4. 

4) XV. C. d. 1. 



72 Rodgero Prümers. 

Erwähnen will ich noch, dass im Kloster zu Ehren 
des h. Hyacinth eine Votive abgehalten wurde, wofür der 
Magistrat in altgewohnter Weise die Zahlung von 10 Fl. 
genehmigte 1 ). 
Dominika- Das Kloster der Dominikanerinnen war gleich- 

nerinnen- falls 1803 abgebrannt, die 4 noch vorhandenen Nonnen 
Kloster. n i cn t i n der Lage, an einen Wiederaufbau zu denken, da 
ihre ausstehenden Kapitalien nur 26000 Fl. p. betrugen. 
Die alten Materialien hatten sie dem Dominikanerkloster 
verkauft, von der Retablissements-Baukommission erhofften 
sie Vergütigung für den Platz. Sie selbst hatten zunächst 
Zuflucht im Katharinenkloster gefunden, lebten von den 
Zinsen in Höhe von 915 Fl. und verdienten, was ihnen 
zu ihrem Unterhalte noch fehlte, durch Nähen, Stricken 
und andere Handarbeit, sowie durch Unterricht der weib- 
lichen Jugend. Im folgenden Jahre finden wir die eine 
Nonne noch im Katharinenkloster, die zweite bei den 
ßernhardinerinnen zu Posen, die dritte im Kloster zu 
Owinsk, die vierte war indes gestorben. Zu ihrem 
Unterhalte wurde ihnen die etatsmässige Kompetenz von 
705 Rtl 20 Gr. 4 Pf. zugebilligt 2 ). 
Katha- Im August 1803 hatte das Katharinenkloster, 

rinen- gleichfalls zur Regel des h. Dominicus gehörig, noch 
kloster. x ^ Nonnen 3 ). Ausser diesen Conventualinnen unterhielt 
es 1 Kirchendiener, 1 Knecht und 5 Dienstmädchen. Die 
Einnahmen bestanden aus einer Kompetenz in Höhe von 
755 Rtl. 9 Ggr. 10 Pf. und den Zinsen der ausstehenden 
Kapitalien in Höhe von 22 170 Rtl. 4 Gr. Allerdings 
gingen diese Zinsen nicht regelmässig ein. Manche 
Schuldner zahlten gar nicht oder nur abschläglich, so dass 
man nur auf 700 Rtl. jährlich rechnete. Davon ging dann 
noch das Gehalt des Propstes mit 83 Rtl. 8 Gr. ab. 
Ferner mussten abgezogen werden die Abgaben mit 
224 Rtl. 14 Gr. 4 Pf., die Kirchenbedürfnisse mit 246 Rtl. 
8 Gr., Lohn für den Kirchendiener mit Kost 16 Rtl. 16 Gr., 

i) XV. C f. 1. 

2) XV. C. e. 3. 

3) XV. A. 2T. 



Die Stadt Posen in südpreussischer Zeit 73 

den Knecht 10 Rtl., die 5 Dienstmädchen je 6 Rtl. 16 Gr. 
Mithin blieben für die 12 Nonnen nur 841 Rtl. 23 Gr. 
6 Pf. übrig, offenbar nicht ausreichend für ihren Unterhalt 1 ). 
Das Kloster erschien im Jahre 1805 baufällig. 
Nach einem Gutachten des Bauinspektors Wernicke war 
der obere Teil des Giebels vom zweiten Gesims ab, ebenso 
das Gesims an beiden Seiten des Giebels sehr desolat, indem 
die Steine nur noch lose darauf lagen, so dass es zur Sicher- 
heit nötig erschien, die obere Spitze und die Seitengesimse 
des Giebels abzubrechen, den Giebel wieder neu aufzu- 
bauen, die Seitengesimse aber gänzlich zu kassieren und 
nur flach abzudecken. Die Kammer war dafür, die ganzen 
Wohn- und Kirchengebäude abzubrechen und die Steine 
zur Erbauung der Schul- und Lehrergebäude für das 
Gymnasium, das am Wronkerplatze geplant war, zu ver- 
wenden. Die Nonnen sollten in dem Benedictinerinnen- 
kloster untergebracht werden. Eine Frist von 8 Tagen 
wurde für den Umzug festgesetzt. So schnell ging dies 
aber doch nicht, denn die dort freistehenden Zellen waren 
in einem derart fragwürdigen Zustand, dass ihre vorherige 
Einrichtung unbedingt als nötig sich erwies. Ja der 
Bischof schrieb an die Kammer, der Raum im Kloster sei 
viel zu beschränkt, die Lage ungesund, so dass die 
Benedictinerinnen, um frische Luft zu schöpfen, sich in 
den Klostergarten hätten begeben müssen. Da dieser 
nun aber für das Retablissement in Anspruch genommen 
sei, so würde dadurch ein noch engeres Zusammenwohnen 
sich ergeben mit der Folge von Krankheit und Tod. 
Deshalb schlage er vor, die Katharinerinnen auf die Klöster 
zu Owinsk, Sochaczew und Gnesen zu verteilen, oder 
falls dies nicht angängig sei, ihnen Wohnung in einem 
Nebenhause des Benedictinerinnenklosters anzuweisen. 
Letzterem Ersuchen wurde stattgegeben; ehe aber die 
erforderlichen Reparaturen ausgeführt waren, hatte die 
preussische Herrschaft in Posen ihr Ende gefunden, und 
so ist uns das alte Katharinenkloster in der Wronkerstrasse 
erhalten geblieben 2 ). 

!) XV. C. e. 1. 
2) XV. C. e. 5. 



7^ RodgeroPrümers. 

Die unbe- Die barfüssigen oder unbeschuhten Karmeliter 



schuhten na tten ihr Kloster ad St. Tosephum vor dem Wronkertore. 
".arme 
liter. 



Ihre Klosterkirche ist die jetzige Garnisonkirche. 1801 



befahl die Kammer, dass die Mönche im Kloster der 
beschuhten Karmeliter bei der Corpus Christikirche auf- 
genommen würden. Ihr Besitztum wurde vom Fiskus 
eingezogen 1 ). 1803 lebten noch 9 Mitglieder dieses 
Convents, von denen 7 im Corpus Christikloster, 2 im 
Theresiennonnenkloster sich aufhielten 2 ). 
Elias- Die hinter ihrem Kloster liegende Elias kapeile 

kapeile, verkaufte der Magistrat im Jahre 1806 an den Hauptmann 
v. Borck vom Zastrowschen Infanterie-Regiment für 361 Rtl. 
und Übernahme des jährlichen Kanons von 11 Rtl. 16 Ggr. 3 ). 
Das der Adalbertskirche gehörige, ganz verwitterte, 
KapelleSt. ohne Dach stehende massive Bethaus, die Kapelle 
Leonardi. St. Leonard i, mitten im Dorfe Winiary gelegen, wurde 
im Jahre 1805 gleichfalls zum Abbruch bestimmt Der 
Magistrat hätte die Materialien gern für eine in Winiary 
zu bauende Parochialschule benutzt, der Bischof jedoch 
widersetzte sich dem, weil die Steine zur Verbesserung 
der desolaten Mauern bei der Pfarrkirche ad St. Adalbertum 
nötig seien 4 ). 
Franzis- Das Franziskanerkloster an seiner jetzigen Stelle 

kaner- war j m j a h re jß^j [ m ß au begonnen, aber erst um die 
Mitte des 18. Jahrhunderts in seiner heutigen Gestalt 
vollendet. 1803 wurde es von 17 Mönchen und 7 Laien- 
brüdern bewohnt. Zu ihm gehörte die Kirche St. Roch, 
wie schon vorhin erwähnt ist, die 1658 in seinen Besitz 
gelangt war. Zum Jahre 1795 erfahren wir, dass im 
Kloster jährlich drei Votiven oder gesungene Ämter zu 
Ehren der drei Stadtpatrone St. Florian, St. Roch und 
St. Anton abgehalten wurden. Dafür wurden die schon 
in polnischer Zeit gezahlten 30 Fl. aus der Stadtkasse 
weiter gewährt 5 ). 

!) XV. A. 28. 

2) XV. A. 21. 

3) XV. B. 1. 3. 

4) XV. B. 1. 4. 

5) XV. C. f. 1 . 



Die Stadt Posen in südpreussischer Zeit. 75 

Stadtpatrone ist übrigens nur so zu verstehen, dass 
es die Patrone der Franziskaner in Posen waren. Der 
heilige Antonius steht ja noch auf der Kuppel der 
Franziskanerkirche. 

Die Philippiner Kongregation zur hl. Margarethe Philip- 
auf der Schrodka hatte ihre Kirche, die zu den ältesten P iner Kon_ 
Posens gerechnet wird, seit 1665 in Besitz. Durch Station. 
Kabinetsordre vom 13. April 1805 wurde die Kongregation 
aufgehoben. Das Generaldirektorium zu Berlin bemerkte 
dazu, dass sie nach kirchlichen Grundsätzen überhaupt 
nicht mehr als solche betrachtet werden könne, da sie 
nur noch aus 2 Mitgliedern bestände. Darum sei zu ihrer 
Einziehung auch der päpstliche Konsens nicht nötig. 
Die bisher in der Philippinerkirche den Gottesdienst 
Besuchenden wurden dem Dome zugewiesen 1 ). 

Das Reformatenkloster, in der Mitte des 17. Jahr- Re- 
hunderts auf der Schrodka gegründet, wurde 1804 auf- formaten- 
gehoben, die Räume zu einem Schullehrerseminar ein- os er * 
gerichtet. Die Mönche, von denen nur noch 2 vorhanden 
waren, sollten in einem der geistlichen Häuser auf dem 
Dome untergebracht werden. Aber weder bei den Philip- 
pinern, noch im geistlichen Seminar, weder in der alten 
Burse, wo die Kleriker wohnten, noch in der Psalterie war 
ein freier Platz auszumitteln. So blieb denn nichts übrig, 
als sie in einem Teile ihrer alten Behausung zu belassen 2 ) 

Die Kammer zu Warschau hatte 1805 bei dem süd- Theresien- 
preussischen Departement beantragt, das Kloster der Barm- kloster. 
herzigen Brüder in Lowicz aufzuheben und mit dem zu 
Warschau befindlichen zu vereinigen. Das wurde nun 
nicht genehmigt, weil die nötigen Fonds für den Unter- 
halt der vereinigten Mönche nicht vorhanden seien. Viel- 
mehr beabsichtigte man, da dieses Kloster zu den wohl- 
tätigen Krankenanstalten gehöre, und in Posen noch eine 
gute Kranken- und Armenanstalt fehle, es mit seinem 
Fonds nach Posen zu verlegen und mit der dort zu organi- 
sierenden öffentlichen Armen-Anstalt zu verbinden. Die 



i) XV. C. 1. 1. 
2) XV. A. 23. 



76 Rodgero Prümers. 

Posener Kammer wollte hierzu das Theresienkloster 
bestimmen. Zu dem Zwecke musste zunächst eine Nach- 
weisung der Nonnen, sowie des übrigen geistlichen und 
weltlichen Personals gefertigt werden, um wegen dessen 
Translocierung die nötigen Vorkehrungen treffen zu 
können. Da erfahren wir nun, dass 13 Nonnen, un- 
beschuhte Karmeliterinnen, im Theresienkloster waren. 
Dazu kamen dann noch der Prokurator, der Reformaten- 
Gardian als Beichtvater, der aber nicht im Kloster wohnte, 
vier dort untergebrachte Pfarrnonnen und fünf Personen 
zur Bedienung. Der Posener Bürgermeister Flesch war 
der Ansicht, dass alle diese ganz gut im Kloster der 
Benediktinerinnen untergebracht werden könnten, wenn 
nur dessen wüste Gewölbe und Räume einigermassen 
ausgebaut würden 1 ). 

Beginnen. Die Pfarrnonnen oder Beginnen verfügten über 

ein jährliches Einkommen von 286 Fl. 21 Gr. Sie hatten 
allerdings noch weitere Kapitalien ausstehen, aber Zinsen 
waren davon nicht zu bekommen. Entweder waren die 
Häuser, auf die sie eingetragen, völlig ruiniert und zu- 
sammengestürzt, oder der zeitige Besitzer war nicht zu er- 
mitteln. Mehrfach wird auch gesagt, dass das Haus von 
den Schweden demoliert sei. 

Das bei der Jesuitenkirche belegene Wohngebäude 
der Beginnen, die, ursprünglich sieben, auf zwei zusammen- 
geschmolzen waren, wurde mit Genehmigung der welt- 
lichen und geistlichen Behörde schon 1804 zur Verfügung 
des städtischen Armenfonds gestellt, der dafür den beiden 
Nonnen auf Lebenszeit die jährliche Zahlung von 36 Rtl. 
zusicherte 2 ). 

Begräbnis- Die Begräbnisstellen der Katholiken befanden sich 

stellen, in der Stadt, entweder in den Kirchengewölben selbst oder 
auf dem bei der Kirche befindlichen Kirchhofe, für die 
Wohlhabenden meist in den Gewölben. Die Kirchhöfe 
lagen in den Vorstädten bei der Parochialkirche, der zur 
Maria Magdalenen-Kirche gehörige in der Allerheiligen- 

i) XV. C. i. 2. 
2) XV. C. a. 2. 



Die Stadt Posen in südpreussischer Zeit. 77 

Vorstadt bei der Kirche gleichen Namens. Übrigens war 
schon zu polnischer Zeit bestimmt worden, dass vom 
1. Mai 1792 ab keine Leichen mehr in der Stadt oder sehr 
nahe zwischen Gebäuden, viel weniger noch in den Kirchen- 
gewölben beigesetzt werden sollten. Das war aber bei Ver- 
änderung der Regierung nicht zur Ausführung gekommen. 

Der Steuerrat v. Timroth ordnete nunmehr 1795 an, 
dass die im Lazarett gestorbenen Soldaten und polnischen 
Kriegsgefangenen mindestens in 8 Fuss tiefen Gruben 
bestattet werden müssten. Ausserdem erhielt der Magistrat 
den Auftrag, einen gemeinsamen Platz zum Begräbnis für 
sämtliche katholische Leichen ausserhalb der Stadt auszu- 
mittein. Der Magistrat berichtete, dass schon jetzt auf der 
Karmeliterwiese begraben würde. Eventuell brachte er 
als Universalkirchhof den Acker bei den barfüssigen Kar- 
melitern, also bei der jetzigen Garnisonkirche in Vorschlag. 
Die Karmeliter weigerten sich jedoch, den Acker zu ver- 
kaufen, weil sie dazu gar nicht berechtigt wären. Des- 
halb richtete man sein Augenmerk auf einen Platz hinter 
dem Mäuseberge, also hinter dem Stadttheater, zwischen 
den nach Buk und Samter führenden Wegen. 

Die Vorschrift wegen der Tiefe der Gräber scheint 
aber nicht befolgt zu sein, denn schon im März beschwerten 
sich einzelne Bürger, dass die Särge auf der Karmeliter- 
Wiese und dem Allerheiligen-Platze nicht nur äusserst 
flach, sondern auch zum Teil übereinander gesetzt würden. 
Die Grabenvorstadt liege hier sehr nahe, habe Grund- 
wasser, sobald nur einige Ellen tief gegraben würde. 
Dazu führten die unterirdischen Quellen und die jährlichen 
Überschwemmungen von hier der Warthe Wasser zu, sa 
dass dieses, das zum Kochen und Brauen gebraucht werde, 
verunreinigt würde. Es wurde daher die frühere Ver- 
fügung den Totengräbern bei Androhung erschwerter 
Geld- und Leibesstrafe aufs neue eingeschärft 1 ). 

Die Verhandlungen wegen des gemeinschaftlichen 
Kirchhofes zogen sich sehr in die Länge. Die beteiligten 
Pröpste erklärten den in Aussicht genommenen Platz für 

i) XVI. A. l. 



78 Rodgero Prümers. 

zu entlegen, und so kam man wieder auf das Kloster der 
barfüssigen Karmeliter zurück, das sich 180 1 auch bereit 
erklärte, ein mit Mauer umgebenes Grundstück ihres Kloster- 
gebietes gegen einen jährlichen Kanon von 50 Rtl. ab- 
zutreten. Der Bischof hatte hierzu seine Genehmigung 
gegeben. So wäre alles in bester Ordnung gewesen, 
wenn nur nicht das Militär protestiert hätte. Unterdes 
war nämlich in Aussicht genommen, das Kloster aufzu- 
heben und seinen Besitz zu militärischen Zwecken zu 
verwenden. Deshalb erklärte sich die militärische Behörde 
allerdings mit der Einrichtung des Militärkirchhofes gern 
einverstanden, erhob aber Einspruch gegen die Anlage 
eines allgemeinen Begräbnisplatzes, weil sie das ganze 
Terrain für ihre Zwecke verwenden wolle. 

Endlich einigte man sich mit dem Karmeliter-Kloster 
auf der Wiese, dass dieses gegen einen Kanon von 
70 Rtl. einen Platz von 160,000 □ Fuss für die Parochien 
St. Martin, St. Adalbert und Maria Magdalena abtrat. 
Die Kammer genehmigte dieses Abkommen mit der Be- 
stimmung, dass vom 1. August 1803 kein Toter mehr auf 
den früheren Kirchhöfen begraben werden dürfe, ein 
Termin, der später bis zum 1. September ausgedehnt 
wurde. Natürlich wurde auch dieser Zeitpunkt nicht ein- 
gehalten. Die kirchliche Behörde weigerte sich, den 
Kirchhof einzuweihen, weil sie von der ganzen Sachlage 
überhaupt noch nicht unterrichtet sei, und der Propst von 
St. Adalbert wollte zu dem Kanon nichts beitragen, weil 
er dazu keinen Fonds, wohl aber einen gelegeneren Platz 
habe. Und als nun gar im April 1804 zur Sprache kam, 
dass der Kirchhof bereits 14 Tage durch die Über- 
schwemmung unter Wasser war, gab die Kammer An- 
weisung, eine andere Stelle für St. Adalbert zu suchen, 
und nur 2 / 3 des Platzes für Maria Magdalena und St. Martin 
gegen einen Kanon von 50 Rtl. zu benutzen 1 ). 

Die übrigen Kirchhöfe gingen ein, ein Teil des Aller- 
heiligenkirchhofes 2 ) wurde von der Retablissementskom- 

i) XVI. A. 2. 

2) XVI. B. 4. 5. 6. 



Die Stadt Posen in südpreussischer Zeit. 79 

mission 1805 erworben, ebenso der griechische Kirchhof 1 ) 
zur Regulierung der vom Bernhardinerkloster und St. 
Martin nach den neuen Gärten führenden Strasse. 

Die griechische Gemeinde der Provinz unter Griech. 
ihrem Protopopen bestand aus 243 Seelen, von denen auf Ge- 
Posen 64 entfielen. Unter den 243 waren nicht weniger melnde - 
als 70 Kaufleute, die gegen 40000 Dukaten jährlich an Zoll- 
gefällen entrichteten, ein Umstand, der von nicht zu unter- 
schätzender Bedeutung war. 

Mit ihrem Geistlichen, den die Regierung bestätigte 
und als Dekan anerkannte, geriet die Gemeinde aber bald 
in Unfrieden, und da er nur auf Zeit angenommen war, 
so w T andte sie sich an den griechischen Bischof zu 
Czernowitz mit der Bitte um Sendung eines neuen Geist- 
lichen. Dieser traf im März 1799 ein und wurde auch von 
der Gemeinde angenommen, von der Kammer jedoch nicht 
anerkannt, da eine Klage auf Aufhebung des Kontraktes 
mit dem früheren überhaupt noch nicht angestellt sei 2 ). 

Infolgedessen musste ein Geistlicher aus Kaiisch 
am Ostertage 1799 den Gottesdienst abhalten, wofür dem 
Protopopen die Schlüssel zur Kapelle abgefordert wurden. 
Nachher weigerte sich nun aber der Vorsteher, die 
Schlüssel dem Protopopen wieder auszuliefern, weil er 
kein Recht darauf habe. Auch wurde ihm der Vorwurf 
gemacht, er habe von den Kirch engerätschaften, deren 
Anschaffung über 600 Dukaten gekostet, manche bei Seite 
gebracht. Die Kammer verfügte nun zwar die Rückgabe 
des Schlüssels, brachte die Gemeinde aber dadurch in die 
Verlegenheit, dass sie am Pfingstsonntage keinem Gottes- 
dienste beiwohnen konnte. Denn einem fremden Geist- 
lichen weigerte sich nun der Protopope die Schlüssel 
herauszugeben, und bei ihm wollte die Gemeinde die Messe 
nicht hören, da er sie verflucht und in den Bann getan 
habe mit Weib und Kind bis ins dritte und vierte Glied. 

Es kam zu einem weitläufigem Prozesse, in dem 
schliesslich der Protopope mit vierwöchentlichem Ge- 

!) XVI. D. 1. 2. 3. 
2 ) XV. F. t. Vol. I. 



8o 



Rodgero Prüm er s. 



Kirche 



fängnis wegen Verpfändung von Kirchengerätschaften 
verurteilt wurde 1 ). Ein zweites Urteil vom 7. März 1799 
exmittierte ihn sodann auch aus seiner Wohnung in 
dem der griechischen Gemeinde gehörigen Hause 2 ). 

Bald darauf starb er, das von ihm verwaltete Dekanat, 
mit dem ein Einkommen von 400 Rtl. verbunden war, 
wurde nicht wieder besetzt, seiner in grösster Not be- 
findlichen Witwe, die sogar ihre Kleider schon hatte 
veräussern müssen, eine Pension von 100 Rtl. bewilligt. 

Die Gemeinde erhielt einen neuen Geistlichen mit 
einem Jahresgehalte von 66 Rtl. 16 Gr. 3 ). 
Ewange- Am 26. April 1777 hatte König Stanislaus August 

tische den Evangelischen Augsburgischer Konfession seiner 
■ Stadt Posen die Erlaubnis erteilt, eine Kirche, Schule und 
Krankenhaus, jedoch mit der vorgeschriebenen Bescheiden- 
heit zu erbauen, gemäss dem mit der Kaiserin von Russ- 
land geschlossenen Tractate 4 ). Bis dahin waren die Evan- 
gelischen, seit im Jahre 1616 ihre Kirche durch die Jesuiten- 
schüler zerstört worden, zur Befriedigung ihrer religiösen 
Bedürfnisse nach Schwersenz zur Kirche zu gehen ge- 
zwungen gewesen. 

Die evangelische Kreuz-Kirche hatte im Jahre 
1794 eine Schuldenlast von 5050 Rtl., die mit 5 %, zum Teil 
auch mit 6 % verzinst werden mussten. Als Einnahmen 
werden angegeben die sonntäglichen Sammlungen in den 
Becken oder Schalen, die nach Beendigung des öffent- 
lichen Gottesdienstes von den dazu bestellten Kirchen- 
vätern an den Kirchentüren gehalten wurden, wie in den 
neben den Türen befindlichen Armenkästchen, der Miet- 
zins aus den Kirchensitzen, die Einnahme für das Aus- 
läuten der Verstorbenen, die Abgabe für die Grabstätte,, 
freiwillige Beiträge, die durch Umhersendung der Kirchen- 
väter 4 mal im Jahre für das Gehalt des Pastors, 4 mal 
für das der Schullehrer gesammelt wurden, und 8 Ggn 



Kreuz- 
Kirche. 



*) Erkenntnis vom 24. Januar 1799. 
*) XV. F. 1 Vol. III. 

3) XV. 1 Vol. III. 

4) XV. E. b. i Vol. I. 



Die Stadt Posen in südpreussischcr Zeit. 8l 

von jedem Hauswirte in den zur Kirche eingepfarrten 
Dörfern. Das hätte im Ganzen etwa 150 Rtl. jährlich 
gebracht, ausreichend für die Bedürfnisse. Neuerdings 
aber war sowohl an Miete für die Kirchensitze wie 
an freiwilligen Beiträgen erheblich weniger einge- 
kommen, so dass man mit Besorgnis in die Zukunft 
blickte. Die Einnahme des Pfarrers Stechebahr belief 
sich auf 480 Rtl., 150 Rtl. Fixum und 330 Rtl. an 
Accidentien, die sich aus den Stolgebühren bei Trauungen 
und Begräbnissen und 3 Opfern am ersten Tage der 
drei hohen Feste, einem Neujahrsgeschenk und dem 
Beichtgroschen zusammensetzten. 

Bedenklich wurde die finanzielle Lage der Gemeinde, 
als sich Risse in der Kirche zeigten, und die Fundamente 
des an der Warthe belegenen Schulhauses zu weichen 
drohten. Es blieb nichts übrig, als zwei der Kirche ge- 
hörige Grundstücke auf dem Graben zu verkaufen. 
Ausserdem bewilligte die Kammer 300 Rtl. aus dem 
Unterstützungsfonds für die südpreussischen evangelischen 
Kirchen. Natürlich hatte sie vorher eine Nachweisung 
der Ausgaben verlangt. Aus ihr erfahren wir für das 
Jahr 1794, dass der Kantor 300 FL, der Glöckner 80 FL, 
der Leichenbitter 72 FL 1 ), der Bälgetreter 50 Fl. und der 
Kirchenwächter 70 Fl. jährlich erhielt. Die Kirchenmusik 
an den 3 hohen Festen erforderte 42 FL, das Kranken- 
hospital 836 Fl. 13 Gr. Auch den Kirchenvätern waren 
für Einsammeln der freiwilligen Beiträge 72 FL zuge- 
standen. 1795 kamen noch hinzu 474 Fl. zu schwarz- 
tuchenen Mänteln für die Kirchenväter. 

Kleinere Unterstützungen seitens der Kammer wurden 
der Kirche noch mehrmals zuteil, eine grössere aber von 
2948 Rtl. 6 Gr. im Jahre 1802 zum völligen Ab putz und 
zur äusseren Dekoration, Herstellung eines Portals, sowie 
zur Aufstellung einer 27 Fuss hohen mit Kupfer einge- 
deckten Kuppel auf dem Turme 2). 



i) XV. E. b. 1 Vol. I. 
2) XV E b 1 Vol. I. 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XXVI. 



$2 Rodgero Prümers. 

Das Krankenhaus der Kreuzkirche ging in dem 
grossen Brande von 1803 zu Grunde. Mittel zum Wieder- 
aufbau fehlten völlig. Auch glaubten die Kirchenältesten ein 
eigenes Krankenhaus, das zu polnischen Zeiten allerdings 
nötig gewesen, entbehren zu können, weil das Stadtkranken- 
haus nunmehr auch die evangelischen Kranken aufnehme. 
So wurden denn auch die aus dem Brande geretteten 
Bettstellen und Betten mit Genehmigung der Kammer 
dem Armendirektorium überwiesen 1 ). 

Nicht ohne Interesse ist, dass der einzige in Posen 
vorhandene Blitzableiter das Gotteshaus der Lutherischen 
schützte. Unter den Vorstehern und Deputierten der 
Gemeinde finden wir Namen von altem guten Posener 
Klang, wie Helling, Wossidlo, Stremler, Hildebrandt, 
Rehfeld, Wolkowitz, Stimming und Berger. 
Re- Das Reglement wegen künftiger Verfassung der 

formierte evangelisch reformierten Kirchenangelegenheiten in 
Kirche. Südpreussen vom 25. August 1796 setzte fest, „dass die 
evangelisch reformierten Kirchen- und Schulangelegen- 
heiten in Südpreussen künftig, so wie bisher, durch die 
Seniores und Collegium seniorale, so wie in Ansehung 
des ganzen Inbegriffs dieser Anstalten durch die General- 
synode besorgt werden; dieses jedoch unter der unmittel- 
baren Aufsicht unsers Consistorii zu Posen geschehen 
und durch besagtes Consistorium alle diese Angelegen- 
heiten unserm reformirten Geistlichen Departement in 
Berlin subordinirt sein sollen." 

Bei dem Konsistorium, das eine Abteilung der Re- 
gierung ausmachte, wurde ein Consistorialrat aus der 
Geistlichkeit bestellt. 

In der reformierten Gemeinde fehlte (1794) schon 
seit längerer Zeit der Geistliche, mithin wurde auch kein 
Gottesdienst gehalten. Das veranlasste nun den Cantor, 
Organisten und Glöckner Eitner zu einer beweglichen 
Klage wegen der ihm entgehenden Accidentien. Mit seiner 
Frau und 5 zum Teil noch unerzogenen Kindern könne 



i) XV. E. b. 1. Vol. II. 



Die Stadt Posen in südpreussischer Zeit. 83 

er von seinem Gehalt im Betrage von 66 2 /% Rtl. unmög- 
lich leben. Die Schule werde auch nur von einigen 
katholischen und 3 reformierten Kindern besucht, die im 
Ganzen wöchentlich 16 Ggr. Schulgeld zahlten. Eitner 
berechnet seine monatlichen Ausgaben auf 23 Rtl. 
27 Sgr. und zwar für das Mittagessen 7 Rtl. d. i. 
1 Sgr. täglich für die Person, Frühstück 3 Rtl., Brod 
.3 Rtl., 3 — 4 Fuder Holz für 4 Rtl. 15 Sgr., Hackerlohn 
15 Sgr., täglich auf Bier i l / 2 Dittgen, macht monatlich 
1 Rtl. 15 Sgr., Butter 2 Rtl., 6 Quart Salz 12 Sgr., 
Seife und Stärke 2 Rtl. Dem stand an Einnahme nur 
das Gehalt mit 5 Rtl. 16 Sgr. 4 Pf., Schulgeld mit 
3 Rtl. und 2 Informationen mit 2 Rtl. gegenüber, im 
Ganzen also 10 Rtl. 16 Sgr. 4 Pf. 

Der Prediger der reformierten Gemeinde hatte 
kurz vor der Besetzung Posens durch Preussen einen 
Ruf nach Küstrin angenommen, und da sich nicht gleich 
•ein geeigneter Bewerber für seinen Posten fand, war der 
Gottesdienst durch einen Diakonus der Unität versehen 
worden, der aus freiwilligen Beiträgen unterhalten werden 
musste, weil der Kirchenfonds nur 1140 Rtl. bei 200 Rtl. 
Schulden betrug. Deshalb beantragte die Gemeinde i. J. 1793 
bei der Kammer, indem sie sich des Rechtes der Wahl 
begab, ihr einen Seelsorger mit dem Charakter eines 
Hof predigers mit etwa 600 Rtl. Gehalt zu bestellen. Das 
Geld könnte vielleicht aus dem Ex jesuiter - Fonds ent- 
nommen werden. Erst 1797 aber wurde ihr Wunsch er- 
füllt, indem aus 3 von ihr vorgeschlagenen Personen der 
Generalsenior Cassius zu Lissa als Prediger mit 700 Rtl. 
Gehalt bestätigt und zugleich zum Consistorialrat mit Sitz 
und Stimme ernannt wurde. 

Eine sehnliche Bitte von ihm ging nach einer 
eigenen Wohnung. Drum schrieb er an seine vorgesetzte 
Behörde (1798): Diese Seligkeit irdischen Lebens, eigener 
Wohnung und Gartens, haben alle Prediger in Süd- 
preussen, von allen Confessionen, auch ich hatte sie in 
Lissa nahe bei der Kirche und Schule. Hier wohne ich 
von dem Betsaal durch schmutzige Strassen entfernt, ohne 



84 RodgeroPrümers. 

Hofraum und Garten, in 3 Stuben und 3 Kammern ein- 
geengt, unter dem nächst nachbarlichen Getöse von 
3 Eisenschmieden, 2 Kupferschmieden und mehreren 
Stellmachern und Sattlern. Für diese Unbequemlichkeit 
muss ich nun jährlich 190 Rtl. von meinem Salarium 
zahlen. Des Glücks einer eigenen schicklichen Wohnung 
wünsche ich gern bei meinen schon alternden Tagen und 
schwächlicher Gesundheit noch teilhaftig zu werden, in- 
dessen würde ich mich doch herzlich freuen, mit dem 
Bewusstsein zu sterben, hierinnen mehr meinem Nach- 
folger, als eigenen Genuss, der doch nur kurz sein kann,, 
vorgearbeitet zu haben 1 ). 

Der Gottesdienst wurde in einem städtischen Ge- 
bäude abgehalten, wofür 30 Rtl., später 16 Rtl. 16 Ggr. 
Miete zu zahlen waren. Über diesen Saal schreibt der 
Prediger Cassius (1798): „Wir bedienen uns jetzt eines 
über der Wage am Rathhause, dichte an der Hauptwache 
gemietheten Saales, zu welchem eine lange für Alte sehr 
beschwerliche Treppe führet; der Fussboden ist so dünne, 
dass man hin und wieder durchsehen kann, und jedes 
Geräusche oder was stark geredet wird, von unten her- 
auf schallet. Die Dekke ist von blossen Brettern und 
das Dach so schlecht, dass bei starkem oder anhaltenden 
Regen das Wasser häufig herunter trippet. Die Fenster 
sind so elend beschaffen, dass der Wind überall durch- 
fähret; vor 4 Wochen hatte der Sturm eines ganz heraus- 
gehoben, mit Gehölze und allem an den Bänken dicht 
an der Kanzel es zertrümmert, und so musste ich im kalten 
Zuge der Luft predigen." 

1803 gab der König seine Einwilligung, dass die 
Kirche des aufgehobenen Karmeliterklosters zum 
Simultan-Gottesdienst der Garnison und der reformierten 
Gemeinde bestimmt würde. Der Bischof erhielt den 
Auftrag, die gottesdienstlichen Bilder, Reliquien und son- 
stige zum katholischen Gottesdienste gehörigen Gerät- 
schaften auf eine angemessene Art nach der Klosterkirche- 



!) S. P. Z. Generalia BI 20 b Bl. 58. 



Die Stadt Posen in südpreussischer Zeit. 85 

auf der Wiese transportieren zu lassen, jedoch ohne da- 
durch eine störende Sensation zu verursachen. Der evan- 
gelische Gottesdienst sollte ganz einfach und ohne jedes 
Gepränge eröffnet werden, um auf keine Art den Fana- 
tismus der Katholiken zu reizen 1 ). 

Dem Wunsche der Staatsregierung, die Einweihung 
möglichst unauffällig zu gestalten, wurde freilich nicht 
Rechnung getragen. Vielmehr berichtet die Südpreussische 
Zeitung vom 29. Februar 1804: „Gestern wurde in der 
hiesigen ehemaligen Josephiner Karmeliter-Klosterkirche 
zum ersten Male lutherischer Gottesdienst gehalten, und 
dieselbe feyerlich zur Garnison-Kirche eingeweiht. Vor 
Anfang des Gottesdienstes stellte sich das ganze hoch- 
löbliche Infanterie-Regiment von Zastrow auf dem nahe 
bey dieser Kirche befindlichen erst vor einigen Jahren 
dazu eingerichteten schönen Exercier - Platze in Parade 
und marschierte sodann mit der diesem Regimente eigenen 
grossen Ordnung in die Kirche. Der Gottesdienst begann 
mit feyerlichen Gesängen, die in Ermangelung der noch 
nicht wieder aufgestellten Orgel mit Instrumental-Musik 
-der Regiments-Hautboisten begleitet wurden, welche 
beym Gesänge eines Chorals eine vorzügliche Wirkung 
hervorbringt. Hierauf hielt der Feldprediger Herr 
Steinbarth eine auf diese Feyerlichkeit passende schöne 
Kanzelrede über den Text 2 ) Psalm 26 Vers 8, und 
der Gottesdienst endigte sich mit eben der Ordnung, 
womit er begann, obgleich die ganze Kirche mit Zu- 
hörern angefüllt war. 

Diese auf einer Anhöhe in der Vorstadt St. Adalbert 
belegene jetzt neu abgeputzte Kirche mit den dabey be- 
findlichen ehemaligen Kloster-Gebäuden der beschuhten 3 ) 
Karmeliter, die jetzt zu einem sehr gut aptirten Garnison- 
Lazarett eingerichtet sind, macht mit dem daran stossenden 



i) XV. E. c. 1 Vol. IL 

2 ) Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, 
■da deine Ehre wohnet. 

3 ) Unrichtig für unbeschuhten. 



g6 Rodgero Prümers. 

mit zwey Reihen Pappeln bepflanzten neuen Exercier- 
Platze, welcher das Ende der schönen Allee der seit der 
Besitznahme Südpreussens neu angelegten Wilhelmsstrasse 
bildet, eine der schönsten Parthien unserer Stadt und 
wird sich noch mehr heben, wenn das an der westlichen 
Seite dieser Kirche angefangene grosse Fourage-Magazin 
Gebäude erst beendigt seyn wird." 

Die Mitbenutzung der Kirche durch die Reformierten 
war ein Entgegenkommen des Fiskus wegen der von 
ersteren auf das Karmeliterkloster erhobenen Ansprüche. 
Dort hatte früher die erste i. J. 1548 gegründete reformierte 
Kirche gestanden, die im J. 1616 durch die Jesuiten 
zerstört war. Der Grund und Boden war damals den 
Karmelitern übergeben worden. Jetzt hatten die Re- 
formierten ihr un verjährtes Eigentum zurückverlangt. 
Wenn sie nun auch die gestattete Mitbenutzung dankbar 
anerkannten, so glaubten sie, doch auch die Erbauung 
einer Schule und Dienstwohnungen für den Geistlichen,. 
Organisten und Schullehrer, sowie Übernahme der Bau- 
last durch den Fiskus beanspruchen zu dürfen. Minister 
v. Voss war nicht abgeneigt, den Bau von Wohnungen 
für die Kirchenbedienten zu bewilligen, wenngleich 
vorläufig wegen des nötigen Retablissements der Stadt 
nicht daran gedacht werden könne; von einem Schul- 
hause und Wohnung für den Lehrer aber wollte er 
nicht wissen, da Se. Majestät sich bereits bei anderen 
Gelegenheiten geäussert habe, dass es für Lutheraner 
und Reformierten so wenig besonderer Schulen als 
Kirchhöfe bedürfe 1 ). 

General-Major v. Zastrow schrieb an die Vorsteher 
der reformierten Gemeinde, es sei des Königs Wille, dass 
ihr Gottesdienst mit dem der Garnison wechselsweise 
gehalten werden solle. Und da der Gottesdienst für die 
Garnison nur alle 14 Tage gehalten würde, so stände es 
den Reformierten frei, ob sie zu dem ihrigen auch noch 
den Nachmittag verwenden wollten. 



a ) Verfügung vom 7. Juli 1804. 



Die Stadt Posen in südpreussischer Zeit. 87 

Infolgedessen wurde vom Ostersonntage 1905 ab alle 
14 Tage um 9 Uhr vormittags vom reformierten Prediger 
die Andacht gehalten. Von Nachmittagspredigten sah man 
ab, weil die Erfahrung gelehrt hatte, dass sie sehr wenig 
besucht wurden. Um aber den Wünschen einiger Mit- 
glieder der reformierten Gemeinde entgegenzukommen, 
wurde auch an den auf die Garnison entfallenden Sonn- 
tagen während der Monate Mai bis Ende Oktober Früh- 
gottesdienst um 8 Uhr gehalten. In den anderen Monaten 
sei es selten um 8 Uhr des Morgens hell genug, um in 
dieser bei trübem Himmel zu wenig erhellten Kirche singen, 
beten und vorlesen zu können 1 ). 

Die bei der reformierten Gemeinde üblichen Kom- 
munionssonntage, nämlich der erste Ostertag und der Sonn- 
tag nach Ostern, der Sonntag vor dem Erntefest und der 
des Erntefestes selbst verblieben ihr ausschliesslich, weil 
sie wegen der auswärtigen Mitglieder nicht gut verlegt 
werden konnten. 

Einen sehr grossen Prozentsatz der Bevölkerung, Die 
etwa den vierten Teil, machten die Juden aus. 3021 Juden. 
wohnten in Posen, die grösste Anzahl von ihnen, 2355, 
eng zusammengepfercht im Judenquartier. Das Posener 
Ghetto, die heutige Judenstrasse, war noch 1780 durch 
einen mit dem Magistrate abgeschlossenen Vertrag ihnen 
erneut als allein erlaubter Wohnort angewiesen. Infolge 
davon war hier jeder Fussbreit ausgenutzt, die Haupt- 
strasse sehr eng, — die jetzige Judenstrasse hat erst 
1803 nacn dem Brande durch Zusammenlegung mit 
der Holzmarktstrasse ihre Breite erlangt. Von der Haupt- 
strasse ausgehend eine Menge Winkel- und Sackgassen, 
in denen von einer geordneten Strassenflucht nirgends 
die Rede war. Mitten in der grossen Judengasse stand 
ein düsteres zerfallenes Tor, das die Stelle bezeichnete, 
an der ehedem das Juden-Quartier endigte. Im Norden 
und Westen stiess die Judenstadt an die Stadtmauer. 
„Kein freier Luftstrom," sagt ein gleichzeitiger Bericht, 

i) XV E. c. 1. Vol. 1. 



88 Rodgero Prümers. 

,konnte durch diesen verbauten, abgeschlossenen und 
dazu von Unreinlichkeiten erfüllten Stadtteil hindurch- 
ziehen." 

Politisch bildete die Judenstadt ein vollkommen 
von der übrigen Stadt abgesondertes Gemeinwesen 
mit besonderer Verwaltung und Gerichtsbarkeit, ge- 
sonderten polizeilichen und Wohlfahrtseinrichtungen. 
Für die religiösen Bedürfnisse sorgten sechs Haupt- 
synagogen, die Hohe, Neue, Alte, Kleine, Nehemias- 
und Lehrschule. 





Posen als militärischer Standort in süd- 
preussischer Zeit. 

Von 
Hugo Sommer. 

ls bei der ersten Teilung Polens 1772 Friedrich 
der Grosse Westpreussen und den Netzedistrikt 
erhalten hatte, wodurch der preussische Staat 
einen Gebietszuwachs von 645 □ Meilen mit rund 1 / 2 Mil- 
lion Einwohnern erhielt, wurden bereits Oktober 1772 
bei der Infanterie 5 Regimenter, bei den Husaren ein 
Regiment sowie ein Artillerie-Regiment neu errichtet und 
nebst einigen alten Regimentern in die neuerworbenen 
Landesteile in Garnison gelegt. Als jedoch nach Ab- 
schluss der die zweite Teilung Polens festsetzenden 
Petersburger Konvention, die dem Staate einen Zuwachs 
von 1036 □ Meilen mit rund 1 Million Einwohner brachte, 
der Einmarsch nach Südpreussen erfolgte, da wurden für 
das dazu bestimmte Korps des Generals der Infanterie 
von Moellendorff zwar westpreussische, pommersche, 
märkische und niederschlesische Truppenteile mobil ge- 
macht; aber diese Regimenter waren nicht als Besatzung 
der neuen Landesteile bestimmt. Denn von den nach 
der Rangliste von 1793 hierzu beorderten Regimentern 
nebst einiger Artillerie waren nicht alle als ständige 
Landesbesatzung ausersehen worden, weshalb sich beim 
Ausbruche des polnischen Aufstandes von 1794 zeigte, 
dass die preussischen Garnisonen in Posen und Kaiisch 
unzureichend waren. Friedrich Wilhelm IL hatte es näm- 
lich unterlassen, dem Beispiele seines grossen Vorgängers 
auf dem Throne zu folgen und, der Vergrösserung des 
Staatsgebietes im Osten entsprechend, auch eine Ver- 
mehrung des Heeres vorzunehmen. Zwar hatte das 



90 Hugo Sommer. 

Ober-Kriegskollegium in seinem Schreiben vom 27. April 
1793 über die für die Organisation des Militärwesens in 
Südpreussen massgebenden allgemeinen Grundsätze 1 ) 
dem Minister v. Voss auf dessen Anfrage vom 22. April 
Mitteilungen gemacht, denen zufolge für die nach Süd- 
preussen zu verlegenden Besatzungstruppen nach einem 
ungefähren Überschlage an Kosten 2 700000 M. erforder- 
lich gewesen wären. 

Trotzdem die Zahl dieser Truppenteile im Hinblick 
auf die Grösse des Landes und die unruhige Bevölkerung 
als äusserst gering bezeichnet werden muss, so erschien 
die eben genannte Summe dem Minister v. Voss zu hoch, 
und es entspann sich daher ein längeres schriftliches 
Hin- und Herhandeln, bis die Angelegenheit im Juli 1793 
zu einem völligen Bruche zu kommen drohte. Das Ober- 
Kriegskollegium, dem es meiner Ansicht nach mit Recht 
auf eine stärkere Belegung Südpreussens mit Garnisonen 
ankam, schrieb deshalb an den General v. Moellendorff,. 
der sich jedoch auf die Seite des Ministers schlug 2 ). 

Das Ober-Kriegskollegium entschied sich wohl oder 
übel zur Nachgiebigkeit und einigte sich in dem Protokoll 
zu Petrikau vom 16. August 1793 über die Einrichtung 
der militärischen Verhältnisse in Südpreussen mit dem 
Minister. Nach der „Rangliste der Königl. Preussischen 
Armee für das Jahr 1794" stellte sich die tatsächliche erste 
Garnison Verteilung in Südpreussen folgendermassen: 

Depotbataillon des Inf.-Rgts. von Franckenberg Nr. 24 
in Fraustadt und Lissa, 

Inf.-Rgt. Graf Schwerin Nr. 52 in Thorn (1. u. 2. Bat.),. 
„ „ von Hollwede Nr. 55 in Posen (1. u. 2. Bat.),, 

Westpreuss. Füs.-Brig. mit dem 

Füs.-Bat. von Lieberoth Nr. 4 in Bromberg, 
„ n von Hinrichs Nr. 17 in Lowicz, 
„ „ von Oswald Nr. 16 in Petrikau, 

von der Niederschles. Füs.-Brig. 



i) Kriegs-Min.-Arch. III Vol. I Bl. 3 f. 
2) Kriegs-Min.-Arch. III Vol. I Bl. 32 f. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. QI' 

Füs.-Bat. von Pollitz Nr. 14 in Czenstochau, 
„ von Rühle Nr. 15 in Radomsko, 

vom Drag.-Rgt. von Prittwitz Nr. 3 ein Kommando 
von 1 Kapitän, 2 Sekondeleutnants u. 70 Dragonern 
in Posen, 

Hus.-Rgt. von der Trenck Nr. 7 in Kutno, Klodawa, 
Rawa, Ilowo, Sieradz, Wolborz, Konin,, 
Lenczyc, ßolimow u. Warta mit je 1 Esk. 
(das Depot des Rgts. war in Schneidemühl), 

vom Hus.-Rgt. von Czettritz Nr. 1 nur 5 Esk. in 
nicht näher bezeichneten Standorten, 

die 2. Invaliden-Kompagnie in Meseritz. 

Diese wenigen Truppen hatten ihre Standorte vor- 
zugsweise in den Hauptorten der neuen Provinz erhalten ;. 
nur einzelne Infanterie-Abteilungen und Eskadrons waren 
in Ortschaften gegen die Grenze vorgeschoben worden, 
die durch ihre Lage militärisch besonders wichtig er- 
schienen. Dass man nicht mehr Städte mit Militär belegte 
oder einzelnen Orten grössere Garnisonen zuteilte, lag 
vor allem an ihrer traurigen Beschaffenheit. Der General 
v. Moellendorff schrieb unterm 30. Juni 1793 an das Ober- 
Kriegskollegium, dass ausser Posen, Thorn, Fraustadt 
und allenfalls noch Petrikau fast gar kein Ort sei, der 
sich zur Belegung mit Garnison eigene, „indem die 
hiesigen Städte von einer weit schlechteren Beschaffen- 
heit sind als bey uns die ordentlichen Dörfer. . . . Die 
inneren Einrichtungen der Gebäude sind äusserst schlecht, 
ohne Eintheilung und Zweck, und wenig Gelass darin;, 
dazu kommt noch, dass der Eigenthümer nur selten Betten 
hat, sondern er bedient sich statt deren einen Strohsack,, 
häufig aber liegt er ohne diesen, und besonders das Ge- 
sinde auf der blossen Erde. An Lazareth-Utensilien und 
sonstige zur Einrichtung nöthige Erfordernisse mangelt es 
gänzlich, so wie auch an die nöthigen Ställe zur Unter- 
bringung der Königlichen Dienstpferde" 1 ). Verwunderlich 
bleibt, dass weder vom Feldartillerie-Korps noch von der 



*) Kriegs-Min.-Arch. III t— 42 Vol. I Bl. 19. 



9 2 H u g o S o m m e r. 

Garnisonartillerie Kommandos nach der neuen Provinz 
gelegt worden sind. Dafür aber waren gleich drei Komman- 
danturen eingerichtet worden: in Thorn, Czenstochau und 
Posen, wo als Kommandant der Oberst von Dietherdt 
vom Drag.-Rgt. von Prittwitz Nr. 3 fungierte. 

Wie aus diesen Ausführungen ersichtlich ist, spielte 
in südpreussischer Zeit unsere Provinzialhauptstadt 
Posen in militärischer Hinsicht eine ziemlich unter- 
geordnete Rolle und hatte trotz ihrer Lage, und obgleich 
sie damals noch Festung war, nicht die Bedeutung wie 
heute. Die Befestigungswerke befanden sich seit dem 
Jahre 1756 bereits in einem Zustande, der jeder Be- 
schreibung spottete; denn die Mauern wiesen stellenweise 
grosse Lücken auf oder waren geborsten, die Gräben mit 
allerlei Unrat angefüllt und gewährten dieser Befestigung 
zwar noch einigen Halt; im übrigen aber war die letztere 
so schwach, dass sie irgend welchen kräftigen Angriff 
nicht auszuhalten vermocht hätte. Am 6. Februar 1793 
wurde der Oberst v. Dietherdt 1 ) durch den General 
v. Moellendorff als interimistischer Kommandant von Posen 
bestellt und durch den König endgültig in dieser Stellung 
bestätigt; er gehörte dem Dragoner-Regiment von Prittwitz 
Nr. 3 an und behielt von seinem Regiment ein Kommando 
zur Aufrechterhaltung der Ordnung in Posen zurück. 
Oberst v. Dietherdt ist nach den Ranglisten der erste 
und auch der einzigste Kommandant von Posen in 



!) Nach der Rangliste von 1793 datierte sein Patent als Oberst 
vom 16. Januar 1793; er stammte aus Pommern, war damals 51 Jahre 
alt und hatte eine Dienstzeit von 34 Jahren hinter sich. Er hatte 
für sein Verhalten in Südpreussen den Orden pour le merite er- 
halten, verblieb bis 1797 in Posen und wurde als Generalintendant 
der Armee in das 1. Departement des Ober-Kriegskollegiums zur 
Abteilung für das Proviantwesen und die Verpflegung der Armee 
versetzt. Das Amt des Kommandanten von Posen behielt er aber 
noch bei, wurde jedoch von dieser Stellung enthoben, da Posen als 
Festung aufgegeben und zur Schleifung bestimmt worden war. Am 
.21. Mai 1801 erfolgte seine Beförderung zum Generalmajor und 
gleichzeitige Ernennung zum Direktor des 1. Departements und 
Kriegsminister; als solcher ist er 1807 i m Alter von 65 Jahren 
gestorben. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 93 

damaliger Zeit gewesen und hat sich in dieser schwierigen 
Stellung bewährt. 

Die Schleifung der Posener Festungswerke erfolgte 
in den Jahren 1797 bis 1805, infolgedessen die hiesige 
Kommandantur aufgehoben wurde. 

Posen blieb aber trotzdem bis 1806 Truppenstandort, 
dessen erste preussische Besatzung, weil der General 
v. Moellendorff einem Teile der Bevölkerung nicht recht 
traute, das 4. Bat. des Inf.-Regts. v. Franckenberg Nr. 24 
und Teile des Drag.-Regts. v. Prittwitz Nr. 3 bildeten 
Die erste ständige Garnison in Posen bildete nach der 
Rangliste von 1794 das Inf.-Rgt. v. Hollwede Nr. 55, 
das vordem in Mewe und Preuss.-Stargard gestanden hatte 
und bis 1795 in Posen verblieb. Dieses Regiment war 
eins der jüngeren der alten preussischen Armee, 1773 in 
Westpreussen errichtet und hatte seit 1792 den General- 
major v. Hollwede zum Chef. Stetigkeit unter der 
Garnison von Posen kehrte erst seit 1795 ein, als das 
Inf.-Rgt. v. Crousaz Nr. 39, das bei der mobilen Armee 
am Rhein gewesen war, nun aus seinen neumärkischen 
Standorten Königsberg, Soldin und Pyritz hierher verlegt 
wurde. Dies Regiment verdankte seine Entstehung gleich- 
falls Friedrich dem Grossen, der es 1740 zu Templin für 
den Prinzen Ferdinand von Braunschweig errichtet hatte,' 
bis 1770 behielt es Angehörige des braunschweigischen 
Herzogshauses als Chefs. 1793 erhielt der damalige 
Oberst v. Crousaz das ausgezeichnete Regiment, mit dem 
er 1795 als Generalmajor in Posen einrückte. Das Regiment 
hatte weisse Kragen, Klappen und Aufschläge. Um den 
Hut hatten die Offiziere eine schmale, goldene Tresse 
und auf dem Uniformrock 18 geschlungene, goldene 
Schleifen, davon 2 unter den Klappen, 2 hinten, 3 auf 
dem Ärmelaufschlage und 3 auf jeder Tasche. Die 
Gemeinen hatten 6 weisse, rotgestreifte Schleifen, nämlich 
je 2 unter den Klappen und 2 hinten. Hier in Posen 
standen seit 1795 die beiden Musketierbataillone und die 
Grenadiere, die 1799 nach Lowicz, 1802 aber wieder 
nach Posen verlegt wurden. 



94 Hugo Sommer. 

Die Garnison von Posen gehörte nach der Rangliste 
von 1794 zur Westpreussischen Inspektion von der 
Infanterie des Generalleutnants Grafen von Schwerin in 
Thorn, nach der von 1796 zur Ersten Südpreussischen 
Inspektion von der Infanterie des Generalmajors v. Grevenitz 
in Glogau; sie wurde jedoch 1797 kurzweg Süd- 
preussische Inspektion von der Infanterie benannt 
und bestand als solche bis 1806. Diese Inspektion war 
im Vergleich zu den übrigen nur sehr klein. 

Der Vollständigkeit halber muss schliesslich auch 
noch das Inf.-Rgt v. Reinhardt Nr. 52 erwähnt werden, 
das allerdings nur kurze Zeit während des Jahres 1806 
in Posen stand. Es gehörte ebenfalls zu den jüngeren 
Regimentern des damaligen preussischen Heeres und war 
im Oktober 1772 zu Preuss.-Holland errichtet worden; 
aus seinen ostpreussischen Standorten rückte es im 
Sommer 1806, nachdem das Rgt. v. Zastrow Nr. 39 nach 
Thüringen ins Feld abmarschiert war, nach Posen, von 
wo aus sein Chef nach Glogau berufen wurde. Nach 
der Katastrophe von Jena und Auerstädt musste das 
Regiment Posen verlassen und wurde an die Weichsel 
gezogen. Es ist das jetzige Gren.-Rgt. Graf Kleist Nr. 6. 

Die Einrichtung des Garnisonwesens in Posen 
konnte nicht sogleich von statten gehen, und an eine 
wirklich friedensmässige und dauernde Belegung mit 
Militär konnte erst von dem Augenblicke der Aufgabe 
des Kriegszustandes und Zurückführung des Heeres auf 
den normalen Stand gedacht werden. Da aber nach der 
Besitzergreifung Südpreussens 1794 der erste polnische 
Aufstand erfolgte und infolge der zerrütteten Verhältnisse 
Polens 1795 eme letzte Teilung dieses Landes stattfand, 
so kam auch das Posener Garnisonwesen erst von da ab 
in ruhige und geordnete Bahnen. Aus diesem Grunde 
weisen die städtischen Akten aus den ersten Jahren der 
südpreussischen Zeit wenig darüber auf, und erst mit dem 
Einrücken des Inf.-Rgts. v. Crousaz Nr. 39 begannen die 
auf die Einquartierungs Verhältnisse, das Lazarettwesen, 
<die Montierungskammern und sonstigen militärischen Be- 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 95 

dürfnisse abzielenden Verhandlungen. Obwohl der 
Minister v. Voss bereits unterm 31. Mai 1793 die Posener 
Kammer damit beauftragt hatte, alle diesbezüglichen 
Untersuchungen durch die Steuerräte vornehmen zu lassen, 
so ist tatsächlich die spezielle Regelung des Einquartierungs- 
wesens bis 1795 nicht über die allerersten Anfänge hinaus- 
gekommen. Ich will hier zunächst das Serviswesen in 
Posen etwas näher beleuchten, weil darüber interessantes 
Material aus den Jahren 1800 bis 1803 aktenmässig vor- 
handen ist, und darauf hinweisen, dass Graf Hoyms erster 
Plan, das schlesische Serviswesen auch auf Südpreussen 
zu übertragen, nicht weiter erwogen wurde, und es bei 
der Naturaleinquartierung sein Bewenden behielt, obgleich 
dieselbe allenthalben sehr drückend empfunden wurde. 
Denn damals gab es nur in den grösseren Städten und 
in den Festungen einige Kasernen, doch auch hier nicht 
einmal in ausreichendem Umfange, so dass man in allen 
Garnisonorten gezwungen war, auf die Bürgerquartiere 
zurückzugreifen. Von jedem Hauswirt forderte nun die 
Militärbehörde, dass er seiner Einquartierung eine Schlaf- 
stelle nebst einem Bett und ein Behältnis zur sicheren 
Aufbewahrung ihrer Ausrüstungs- wie Montierungsstücke 
und seiner sonstigen Habseligkeiten gewähren musste. 
Ausserdem waren die Quartiergeber verpflichtet, je nach 
der Jahreszeit für ein Erwärmnis, allenfalls in ihrer eigenen 
Wohnstube, zu sorgen und den bei ihnen einquartierten 
Mannschaften die Mitbenutzung des Kochfeuers auf ihren 
Herden zu gestatten. Hieraus ist ersichtlich, dass das 
Unterkunftswesen bei der alten preussischen Armee 
keineswegs zu den Annehmlichkeiten für die Hausbesitzer 
gehörte und mancherlei Plackereien veranlassen musste, 
so dass gerade das Serviswesen eine dringende Rege- 
lung erheischte. Zu diesem Zwecke war, wie hier neben- 
bei bemerkt sein mag, bereits im Jahre 1799 eine Kom- 
mission zusammen berufen worden, deren Arbeit jedoch 
auf so viele Schwierigkeiten stiess, dass sie bis 1806 noch 
zu keinem Abschlüsse kommen konnte. Weil nun auch 
in Posen die drückende Last der Naturaleinquartierung 



96 HugoSommer. 

bereits bekannt war, so hatte gleich nach der Besitznahme 
Südpreussens am 11. April 1793 die hiesige Kaufmann- 
schaft in einer Eingabe an die Minister von Danckelmann 
und Struensee um Servis- und Einquartierungsfreiheit für 
die Handlungshäuser gebeten. Doch führten die Verhand- 
lungen hierüber zu einer Ablehnung, indem das Ober- 
Kriegskollegium ganz mit Recht darauf hinwies, dass „die 
Befreiung der Einquartierung keineswegs und umso 
weniger stattfinden kann, weil dadurch ihre Mitbürger 
mehr belästigt und diese Begünstigung für sie in eine 
Bedrückung der letzteren ausarten würde" 1 ). Was der 
Servis anbetrifft, so sei zur Erläuterung hier voraus- 
geschickt, dass jeder Garnisonort für die in Kasernen 
oder in anderen öffentlichen Gebäuden Einquartierten, 
ferner für alle Offiziere, die in der Regel für ihre Wohnung 
selber zu sorgen hatten, sowie endlich für alle etwaigen 
Selbstmieter den für einen jeden festgesetzten Servis- 
betrag, der allerdings gering war, zahlen musste. 

Ehe ich mich nun aber der Betrachtung im einzelnen 
zuwende, möchte ich vorausschicken, dass am n. Mai 1799 
die Posener Kammer einen Bericht 2 ) über die „Aus- 
mittelungen der hiesigen städtischen Revisions-Kommission 
in Absicht der Militär- Angelegenheiten" an das Süd- 
preussische Departement des Generaldirektoriums er- 
stattete, der sehr ausführlich war. Diesem Berichte ist 
zu entnehmen, dass das Servis- und Einquartierungs- 
wesen noch in grosser Unordnung und eigentlich noch 
gar kein Servisamt organisiert war. Die Kammer be- 
antragte angesichts dieses Missstandes, dass der Billeteur 
Tatzler die Serviszettel nicht mehr allein unterschreiben 
und für das Zahlungsgeschäft, das am Ende jeden Monats 
erfolgen sollte, auf dem hiesigen Rathause eine besondere 
Stube eingeräumt werden solle. Der Magistrat wurde 
seitens des Generaldirektoriums dazu angehalten, erstens 
eine Quartierrolle aufzustellen und sodann ein eigentliches 

!) Geh. St.-A. Berlin: Gen.-Dir. Südprss. Ortsch. Nr. 978, 
Bl. 19—26. 

2 ) Ebenda: Milit. LXXI Nr. 20. Vol. IV Bl. 6—17. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 97 

Servisamt einzurichten, in dessen Dienstraum sich auch 
gleichzeitig die Zahlstelle für die monatlich zur Aus- 
zahlung kommenden Servisgelder befand. 

Was die Einrichtung des Serviswesens an- 
langt, so verursachte diese hier in Posen aus dem Grunde 
ganz besondere Schwierigkeiten, weil es erst langwieriger 
Verhandlungen mit der Judenschaft bedurfte. Die Kammer 
hatte dem Magistrat unterm 24. September 1799 auf- 
gegeben, die „Judenschaft durch einen zu entrichtenden 
Exemptionsservis mit zur Einquartierung heranzuziehen 
und deshalb mit den Bürgerschaft-Repräsentanten sowie 
mit der Judenschaft zu unterhandeln." Diese Verhand- 
lungen sollten nun nach dem Wunsche der Kammer 1 ) 
nicht einseitig, sondern mit allen Teilen zusammen geführt 
werden, was der Magistrat jedoch nicht tat, da er von 
den Repräsentanten der Bürgerschaft erst eine gericht- 
liche Vollmacht verlangte. Die Judenschaft erklärte sich 
infolge der mit ihren Repräsentanten am 29. Januar 1800 
erfolgten Verhandlung bereit, 400 Tlr. zu zahlen, indem 
sie geltend machte, dass die Judenstadt nur den zehnten 
Teil des Stadtgeländes umfasse und sie demgemäss nur 
diese Summe aufzubringen brauche. Hiergegen erhoben 
die christlichen Bürgerschafts-Repräsentanten Einspruch 
bei dem Königl. Servisamt, welches unterm 26. März 1800 
nachwies, dass die Bürgerschaft rechtlich nicht verpflichtet 
sei, gegen einen ihr offerierten Serviszuschuss die auf die 
Judenschaft entfallende Einquartierung zu übernehmen; 
auch sei aus der Erklärung der letzteren nicht zu ersehen, 
weshalb „das Judenrevier nur als der zehnte Teil des 
städtischen Territorii angenommen; vielmehr müsse der 
Magistrat auf die Anzahl der Einquartierungspflichtigen 
und die Umstände derselben" sehen. Nach der Auf- 
fassung des Servisamts war die Judenschaft als der 
siebente oder höchstens achte Teil der einquartierungs- 
pflichtigen bürgerlichen Grundstücke anzusehen, und der 
Einwand, dass „die jüdischen Gebäude äusserst bruilliert 



A ) Stadtarchiv Posen C XXII C 2 und 3. 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XXVI. 



98 HugoSommer. 

wären," sei hinfällig, da dieses nur von den wenigsten 
gesagt werden könne. 

„Nach dem Allerhöchsten Orts approbierten Etat" 
belief sich die Stärke der Garnison auf: 144 Unter- 
offiziere und Hautboisten, von denen jeder nach § 25 des 
Servisreglements für 2 Mann gerechnet werden musste, 
= 288 Mann, 964 Gemeine, 355 Weiber und 427 Kinder 
ä 3 für einen Mann = 143 Mann, insgesamt also 1750 
Mann. Hierzu kamen noch während der sogenannten 
Exerzierzeit 750 Mann Unteroffiziere und Gemeine auf 
2 Monate, also der 6. Teil der Mannschaft zur ständigen 
Garnison hinzurechnen mit 125 Mann, so dass die 
wirkliche Stärke des Regiments sich auf 1875 Mann 
stellte. Das Servisamt entschied darnach, dass auf die 
Judenschaft der achte Teil mit 234 Mann zu entfallen 
habe. Diese Berechnung wurde als recht und billig an- 
gesehen. Die Einquartierungskosten für den achten Teil 
der Garnison wurden auf 1537 Taler berechnet; es blieben 
daher abzüglich der von der Judenschaft angebotenen 
Pauschalsumme von 400 Talern noch immer 1137 Taler 
aufzubringen übrig. 

Dagegen erhoben die Bürgerschafts Vertreter unter 
Anführung Roses Einspruch und machten in einer Zu- 
schrift an den Magistrat vom 27. August 1800 geltend, 
dass 1296 Taler notwendig seien, hoben auch ausdrücklich 
hervor, dass die Bürgerschaft keinen Gewinn verlange, 
aber ebenso gegen eine Vermehrung der Lasten sei. In 
ihrem Anschreiben vom 4. November 1800 sprach die 
Kammer dem Magistrat ihre Unzufriedenheit darüber offen 
aus, dass kein gütlicher Vergleich zwischen den christ- 
lichen und jüdischen Hausbesitzern zustande gekommen 
sei, obwohl bereits über ein Jahr verstrichen wäre. Nach 
erneuten Verhandlungen mit allen Teilen kam endlich 
am 9. März 1801 der gewünschte Vergleich zustande, 
demzufolge die Judenschaft sich zur Zahlung eines 
Exemptionsservises von 1000 Tlr. entschloss, die Bürger- 
schaft aber in die Übernahme der auf die Juden ent- 
fallenden Einquartierung willigte; auch wurde die Juden- 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 99 

schaft verpflichtet, sofort ein Beitragsregister für ihre 
Gemeindemitglieder aufzustellen, das eine Quartalsabgabe 
von 274 Tlr. 18 Sgr. 6 Pfg. ergab. Das Servisamt legte 
am 11. Mai dem Magistrat eine umgeänderte Quartier- 
rolle vor. 

Ein Einblick in die verbesserte Quartierrolle ist nicht 
uninteressant, weil er uns Klarheit gewährt über die Zahl 
der Eigentümer und ihre Bequartierung. Dabei ist auch 
zu ersehen, dass folgende Grundstücke frei von jeglicher 
Einquartierung waren: das Rathaus, die Stadtwage, Haupt- 
wache, Fleischbänke, das griechische Bethaus, die beiden 
Apotheker Stimming und Wossidlo, die Nrn. 232 — 236, 
238 — 250, 254 — 256 der Altstadt als geistliche Wohnungen, 
das neue Gefängnis, Jesuitenkollegium, Stadtschulgebäude, 
die Kgl. Zolldirektion, der Gasthof von Speichert, die 
Klöster und endlich die Bastionen. Es gab darnach: 

1. in der Stadt 523 Eigentümer, belegt mit 571 Mann u. 224 Frauen. 

2. auf,, Fischerei 337 „ „ „ 38 „ „ 12 „ 

3. „ St. Martin 180 „ „ „ 147 „ „ 44 „ 

4. „ St. Adalbert 108 „ „ „ 76 „ „ 29 „ 

5. „ der Wallischei 117 „ „ „ 101 „ „ 14 „ 

6. „ „ Zagorze 16 „ „ „—.,„—„ 

(nur in der Exerzierzeit „ 17 „ ) 

7. „ Ostrowek 

u. Schrodka 80 Eigentümer, belegt mit 43 Mann u. 11 Frauen. 

8. „ Zawady 36 „ „„—„„—„ 

(nur in der Exerzierzeit „ 72 „ ) 

9. „ St. Roch 28 Eigentümer, belegt „ — „ „ — „ 

(nur in der Exerzierzeit „ 39 „ ) 
10. im Judenbezirk 107 Eigentümer, belegt „ 129 „ „ 38 „ 

Am 27. Juli 1802 genehmigte die Kammer das Ab- 
kommen mit der Massgabe, dass die Judenschaft diese 
1000 Tlr. Serviszuschlag jährlich vom 1. Januar 1801 bis 
1. Januar 1807 zu zahlen habe; das Geld sollte gemäss 
•dem Antrage der christlichen Bürgerschaft als „Bürger- 
vermögen" angesehen und zu einem „den Nutzen des 
Ganzen ab zweckenden Behuf" verwendet werden. Und 
der Minister von Voss bestätigte am 14. Juli 1802 den 
Vertrag, wonach der Fonds von dem Magistrat und der 
Bürgerschaft gemeinsam besonders verwaltet werden sollte. 

7* 



IOO Hugo Sommer. 

Dieser Vergleich erhielt am 10. September 1802 erst die- 
königliche Bestätigung. 

Von neuem aufgerollt wurde die Angelegenheit durchs 
den am 15. April 1803 in Posen stattgefundenen grossen 
Brand, indem die Judenschaft die Zahlung des Servises. 
einstellte. Am 29. Oktober 1803 baten nun die jüdischen 
Repräsentanten, als sie zur Nachzahlung der fälligen. 
Servisraten aufgefordert worden waren, dass man ihnen; 
gestatten möchte, die Rückstände nicht auf einmal, sondern 
alle Vierteljahre eine doppelte Rate abzuführen; auch 
machten sie in ihrer Vorstellung geltend, dass durch den 
Brand der grösste Teil der Judenstadt zerstört worden, 
und deshalb eine anderweitige Regulierung der Sache 
notwendig sei. Hierauf teilte aber die Kammer dem 
Kriegs- und Steuerrat v. Timroth unterm 15. November 1803. 
mit, dass die Judenschaft keinen Anlass zu einer Be- 
schwerde über die Einquartierungslasten habe, da die 
christliche Bürgerschaft mehr als jene verloren habe. 
„Bekanntlich hat", so heisst es in der Zuschrift, „der hand- 
lungstreibende Teil der Judenschaft seine Waren grössten- 
teils gerettet und hierdurch die Mittel, sein Gewerbe fort- 
zusetzen, in Händen behalten; ihr ganzer Verlust reduziert 
sich mithin auf ihre höchst elenden Häuser." Und weiter: 
„Überdies nimmt die Judenschaft bei dem Retablissement 
ihrer Häuser an denen von Unserer Allerhöchsten Person 
bewilligten Bauhilfsgeldern mit der christlichen Bürger- 
schaft gleichen Anteil, wird bei der Verteilung der 
milden Beiträge mit letzterer ganz gleich behandelt 
und muss daher auch vor wie jetzt die Kosten der Ein- 
quartierung nach dem hierüber getroffenen Abkommen 
tragen." Die restlichen 2690 Tlr. 23 Sgr. an Exemptions- 
servis sollten bis Ende Dezember 1803 beigetrieben 
werden. Hierzu hatte mittlerweile der Magistrat am 
8. November verfügt, dass der Servis, der von den ab- 
gebrannten Häusern nicht eingezogen werden könne, auf 
die stehen gebliebenen zu repartieren sei, da diese nun 
auch die stärkere Einquartierungslast tragen müssten.. 
Auf Ersuchen der Judenschaft schob der Magistrat jedoch. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit IOI 

■die angeordnete Exekution noch bis zum 15. April 1804 
hinaus. 

Die Frage der Naturaleinquartierung machte 
überhaupt mancherlei Schwierigkeiten, obwohl diese 
Sache eigentlich durch das Servis- und Einquartierungs- 
Reglement vom 21. September 1797 geregelt worden 
war. Der Magistrat selber verlangte nämlich von der 
Kammer Einquartierungsfreiheit für die städtischen Spritzen- 
und Röhrmeister 1 ), indem er diese in der Quartierrolle 
nicht berücksichtigte. Dagegen aber machte die Kammer 
unterm 1. März 1800 geltend, dass zu den laut § 4 und 5 
des Reglements eximierten Häusern wie Personen ledig- 
lich die Kriegs- und Steuerräte gehörten. Sodann hatte 
der Magistrat auch für die Mitglieder des städtischen 
Kollegiums Einquartierungsfreiheit beansprucht, wurde 
aber von der Kammer unterm 31. Mai 1800 ebenfalls 
abschlägig beschieden. 

Wie die Akten ausweisen, muss es wohl nicht 
^möglich gewesen sein, das ganze Inf.-Rgt. v. Crousaz Nr. 39 
in der Stadt Posen selbst unterzubringen, so dass auch 
'die Posener Kämmereidörfer Jersitz, Wilda, Winiary, 
Zawade, Schrodka, St Roch, Pietrowo und Berdychowo 
onit zusammen 14 Unteroff z., 2 Spielleut., 178 Gem., 
131 Frauen und 114 Kindern belegt werden mussten. 
Dies schien aber nicht nach dem Willen des General- 
direktoriums zu sein, da dieses 2 ) unterm 25. September 1796 
anbefahl, dass der auf den Kämmereidörfern liegende 
Teil des Regiments in die Stadt zu ziehen sei. Die 
Posener Kammer ordnete in Gemässheit dieser königlichen 
Order am n. Oktober an, dass eine Untersuchung des 
•Quartierstandes durch eine Kommission erfolgen solle, 
die sich aus dem Domänenrat Buchholz, dem Steuerrat 
v. Timroth, dem Polizeidirektor Bredow und einem Offizier 
-des genannten Regiments zusammensetzte, indem sie der 
Ansicht zuneigte, dass das ganze Regiment innerhalb der 

i) Stadtarchiv Posen C XXII C. 2. 

2 ) Geh. St. Arch. Berlin; Gen. - Dir. Südprss. Milit. LXXI, 
:Nr. 20. Vol. IL 



102 Hugo Sommer. 

Stadt selbst Unterkunft werde finden können, wenn aucb 
die bisher noch nicht mit Naturaleinquartierimg bedachten 
Häuser, vor allem aber die bis jetzt ganz ausser Betracht 
gelassene Judenstadt, mit zur Einquartierung herangezogen 
werden möchten. Die Kommission entledigte sich des 
ihr gewordenen Auftrags in sehr kurzer Zeit, so dass 
am i. Dezember schon das ganze Regiment innerhalb der 
eigentlichen Stadt untergebracht werden konnte. 

Immerhin müssen die damaligen Posener Bürger- 
quartiere doch nicht den billigsten Anforderungen genügt 
haben. Denn schon 1793 hatte der General v. Moellendorff 
über die schlechte Beschaffenheit der Häuser und ihre 
mangelhaften Einrichtungen Klage geführt, so dass, als 
für Posen eine ständige Garnison bestimmt war, ein Aller- 
höchstes Reskript vom 1. Januar 1796 zur Anschaffung 
von 100 Soldatenbetten, u. z. 12 Tlr. für ein vollständiges 
Gebett, mithin im ganzen 1200 Tlr. für die hiesige Bürger- 
schaft 1 ) bewilligte. Von dieser Summe wurden 600 Tlr. 
als königliches Geschenk, 600 Tlr. aber als Vorschuss,. 
der wiedererstattet werden sollte, vorgesehen. Nach einer 
Anzeige des Magistrats fehlten jedoch nur 89 Gebette. 
Allein schliesslich waren nur 22 Soldatenbetten für den 
halben Preis wirklich erforderlich gewesen, so dass von 
den als Geschenk überwiesenen 534 Tlrn. noch 402 Tlr. 
erspart wurden, die gemäss dem Vorschlage der Kammer 
vom südpreussischen Departement am 17. Juli 1798 dem 
südpreussischen Garnisoneinrichtungsfonds zugeschlagen 
wurden. 

Doch scheinen sich trotzdem die Zustände in der 
Folgezeit noch keineswegs gebessert zu haben, weshalb 
sich das Regiment v. Crousaz mit einer Beschwerde über 
wesentliche Mängel der Soldatenquartiere an dea 
Minister v. Voss wandte. Dieser übergab die Angelegen- 
heit dem Kriegs- und Steuerrat v. Timroth, der am 
17. August 1801 wiederum dem Magistrat davon Mit- 
teilung machte und eine Revision der Quartiere nebst 



!) Ebenda: Milit. LXXI, Nr. 20 Vol. III Bl. 68. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 103 

den Lagerstellen anordnete. Letztere sollte nun am 
1. September nachmittags 2 Uhr auf Kuhndorf bei dem 
von Mycielskischen Hause beginnen; der Magistrat depu- 
tierte dazu den Ratmann Cassius, dem seitens des 
Regiments der Kapitän v. Borck beigegeben wurde. Am 
8. September war die Besichtigung beendet. Das hierüber 
aufgenommene Protokoll vom 10. September ergab, dass 
zu den Quartieren, „wo es durchaus an Gelegenheit fehlt, 
den Einquartierten mehr Bequemlichkeit zu verschaffen," 
eine Anzahl Häuser gehörte, aus denen notgedrungen die 
Einquartierung anderweitig untergebracht werden musste. 
Ferner wurden einige Häuser ermittelt, „wo es Dürftigkeit 
behinderte, bessere Einrichtungen des Quartiers und 
bessere Lagerstellen zu bewürken." Diese sollten entweder 
gleichfalls von der Einquartierung befreit, oder doch sofort 
die Liquidation der Kosten für anzuschaffende vorschrifts- 
mässige Lagerstellen eingereicht werden. Ferner ergab 
sich, dass in den Heringsbuden 1 ) die Einquartierung 
schlecht unterzubringen war, dass in sämtlichen Quartieren 
der Wilda und Wallischei die Unterbetten fehlten, und 
dass die Vorstädte Ostrowek, Schrodka und Zawade 
gar nicht belegt werden konnten; doch sollte der Magistrat 
dafür sorgen, dass auch diese letztgenannten Stadtteile 
instandgesetzt würden, falls eine Belegung der Quartiere 
erfolgen müsste. Neben diesen Ausstellungen gab die 
Kammer dem Magistrat auf, dass er sich in Zukunft über- 
haupt besser um das Einquartierungswesen bekümmern 
und nicht alles dem Militär allein überlassen solle, worauf 
der Magistrat denn auch anordnete, dass laut § 30 des 
Servisreglements vierteljährlich eine Revision der Quartiere 
mit Hinzuziehung eines Offiziers vorzunehmen sei. 

Am 9. Oktober 1801 veranlasste das Servisamt eine 
nochmalige Revision der Quartiere. Der abermals hinzu- 
gezogene Kapitän v. Borck gab sein Gutachten bezüglich 
der oben geschilderten Übelstände dahin ab, dass er aus der 
geplanten Umquartierung bloss neue Klagen und Unzu- 

*-) Schmuddelbuden an der Ostseite des Mittelblocks am 
Alten Markt. 



104 Hugo Sommer. 

friedenheit befürchten müsse, weil, wie er schrieb, „jetzt 
Bürger und Soldat miteinander bekannt und zufrieden 
lebt;" er schlug aber vor, mit neuen Massnahmen abzu- 
warten, bis die „projektierte Garnisonveränderung mit 
den Grenadieren" stattgefunden haben werde. Damit 
war die ganze Angelegenheit auf unbestimmte Zeit ver- 
tagt, und die elenden Quartierverhältnisse blieben bis 
1806 bestehen. 

Der Magistrat jedoch beobachtete seitdem aufs pein- 
lichste die Ausführung seiner Anordnung und Hess in 
Zukunft regelmässige Besichtigungen der Quartiere vor- 
nehmen. Die am 19. Januar 1802 stattgefundene Revision 
durch den Stadtquartiermeister Tatzler und den Kapitän 
v. Borck brachte wiederum neue Mängel ans Tageslicht, 
so dass der Magistrat durch Kurrende vom 5. März deren 
sofortige Abstellung verfügte; allein trotz wiederholter 
Exekutionen war bis zum 9. Juli 1802 noch nichts zur 
Verbesserung in den genannten Quartieren geschehen. 
Leider enthalten die Akten keine weiteren Berichte über 
die Beschaffenheit der Soldatenquartiere und schweigen 
sich auch darüber aus, ob späterhin noch die gerügten 
Übelstände abgestellt worden sind. 

Zu- erwähnen bleibt nur noch, welche Verwendung 
denn nun eigentlich der von der Judenschaft geleistete 
Exemptionsservis gefunden hat, worüber auch die Posener 
Kammer schon unterm 26. Dezember 1801 einen Bericht 
vom Magistrat eingefordert hatte. Dieser Fonds sollte 
nach einem Beschlüsse der Bürgerschaft teilweise zur 
Verbesserung der Soldatenquartiere bei den armen 
Bürgern benutzt werden, da, wie die weiter oben bereits 
erwähnte Kostenliquidation ergab, für angeschaffte Soldaten- 
betten die Summe von 166 Tlr. 2 Sgr. 4^/5 Pfg. notwendig 
ausgegeben worden war. Die Bürgerschaft ihrerseits 
zahlte die Hälfte dieses Betrages „als Geschenk für arme 
Bürger" und verlangte sodann, dass die andere Hälfte 
aus dem Exemptionsservis-Fonds der Judenschaft be- 
stritten werden sollte; diesem Verlangen pflichtete die 
Kammer denn auch bei. 






Posen als militärischer Standtort in südpreussischer Zeit. 105 

Die Verpflegung der Truppen war von ihrem 
Einmarsch in Südpreussen bis zum 24. Juni 1793 durch 
das Feld-Kriegskommissariat geregelt worden, das den 
Bedarf festgestellt, diesen auf die einzelnen Kreise verteilt 
und sie zur Lieferung des auf sie entfallenden Anteils 
veranlasst hatte. Später wurden aber sämtliche Liefe- 
rungen an Unternehmer vergeben und die Kosten nach 
den landbesitzenden Feuerstellen der Provinz verteilt. 
Diese Repartition scheint indessen nicht ganz ordnungs- 
mässig erfolgt zu sein; denn unterm 11. Mai 1799 berichtete 
diePosener Kammer 1 ) an das südpreussische Departement 
des Generaldirektoriums, dass der Magistrat der Stadt 
Posen wegen der Fourage-Lieferung und des Vor- 
spanns, ingleichen wegen der Militärfuhren, die von den 
Kämmereidörfern geleistet werden müssten, keine ordent- 
liche Repartition angelegt habe. Infolgedessen hätten 
sich diese Dörfer häufig über den Druck beschwert, dem 
sie durch diese Lasten ausgesetzt seien. Die Kammer 
wies hierbei darauf hin, dass im Posener Kreise die 
Fourage nicht in natura geliefert werde, und daher eine 
gehörige Repartition ein dringendes Bedürfnis sei. 

Infolge der gemachten Ausstellungen hatte der 
Magistrat nach dem Wunsche der städtischen Revisions- 
kommission ' vom Jahre 1800 an Wandel geschaffen und 
eine ordentliche Repartition aufgestellt, so dass wir über 
die Verteilung der Fourage-Zuschussgelder, allerdings 
nur in sehr beschränkter Weise, unterrichtet sind. 
Die noch erhaltene Repartition betrifft die Vorstadt 
Schrodka, die ja zumeist Ackerwirtschaft trieb. Das 
in den städtischen Akten befindliche Register 2 ) stammt 
aus dem Jahre 1801 und zeigt uns, dass in der genannten 
Vorstadt im ganzen 28 Ackerbürger ansässig waren, die 
nach dem Umfange ihrer Ländereien Barbeträge von 
monatlich 2V2 Sgr. bis zu 1 / 2 Taler, in Summa 2 Tlr. 
20 Sgr. aufzubringen hatten, welche Beiträge an die 

!) Geh. St.-A. Berlin: Gen.-Dir. Südpreuss. Milit. LXXI, Nr. 20 
Vol. IV Bl. 6—17. 

2 ) Stadtarchiv Posen: C. XXII B 2. 



Io6 Hugo Sommer. 

Königl. Preussische Posensche Kreiskasse abgeführt werden 
mussten. 

Mit der Fouragelieferung in engem Zusammenhange 
stand auch das Vorspannwesen, das in jener Zeit eine 
ganz andere Bedeutung und einen weit grösseren Umfang 
hatte als heutzutage. Auch bezüglich dieser Einrichtung 
wurde der Magistrat veranlasst, darauf zu halten, dass 
seit dem Jahre 1800 zur Vorspanngestellung nicht bloss 
die Kämmereidörfer, sondern auch die übrigen Land- 
gemeinden mitherangezogen würden. Die Kammer ver- 
langte nämlich, dass hierbei nicht willkürlich, sondern 
nach einem „dem Pferdebestande der Dorfschaften" an- 
gemessenen Modus verfahren werden sollte, um zu ver- 
hindern, dass einzelne Kämmereidörfer allzu stark belastet 
würden. 

Ehe aber alle Verhältnisse in geordnete Bahnen 
gebracht waren, musste die Stadt noch mancherlei andere 
Lasten tragen. So enthält ein weiteres Aktenstück 1 ) An- 
weisungen an die Kämmereikasse für allerhand Garni- 
sonbedürfnisse während des Jahres 1795/96. Unter 
diesen nahmen die Ausgaben für an das Militär geliefertes 
Brennholz ganz stattliche Beträge in Anspruch; so wurden 
damals für die Zeit vom Juni 1795 bis Ende Januar 1796 
in Summa 5999 Tlr. 12 Sgr. bezahlt. 

Aus einer Reihe von weiteren Belägen ist auch er- 
sichtlich, dass im Jahre 1795 während einer kurzen Zeit 
im Sommer das Inf. -Regt. Graf Kunheim Nr. 1 vorüber- 
gehend in und bei Posen im Lager gelegen haben muss, 
da für selbiges folgende Bedürfnisse bezahlt worden sind: 
für in das Lager gelieferte Töpfergeschirre 27 Tlr. 4 Sgr.,. 
für gelieferten Wein, Weinessig, Lichte und Öl 500 Tlr., 
20 Sgr. 4 4 / 5 Pfg., für gelieferte Lichte 377 Tlr. 17 Sgr. 
io 2 / 5 Pfg. Sodann wurden für die Lazarettwärter 72 Tlr. 
12 Sgr. und schliesslich für Lagerstroh 60 Tlr. veraus- 
gabt. Endlich geben diese Beläge auch einen Aufschluss 
über die Miete, die für die Wohnung des damaligea 



i) Ebenda: C XXII. B. 1. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 107' 

Kommandanten, des schon genannten Obersten v. Diet- 
herdt, entrichtet werden musste; diese stellte sich nämlich 
einer Anweisung zufolge auf 125 Tlr. für ein halbes Jahr. 
Dies führt mich zur Wohnung des Regiments- 
chefs, des Generalmajors v. Crousaz, für den seitens des 
südpreussischen Departements 1 ) unterm 14. November 
1796, aber nur für ein Jahr, 650 Tlr. bewilligt wurden mit 
dem ausdrücklichen Hinzufügen, dass der General „sich 
von der Serviseinrichtung an selbst das Quartier besorgen" 
müsse 2 ). Auch wurden ihm für den von ihm gemieteten 
von Kwileckischen Stall die geforderten 45 Tlr. zugestan- 
den, alle weiteren Kosten aber abgelehnt und ihm bedeutet, 
für die Unterbringung seiner Bedienten selber zu sorgen. 
Wegen dieses Wohnungsgeldes entstand späterhin ein 
weitläufiger Schriftwechsel, und als die Ansprüche des 
Generals vom Grafen Hoym abgewiesen worden waren, 
wandte er sich in seiner Verlegenheit schliesslich am 
16. April 1797 an den König direkt, indem er diesem vor- 
stellte, dass er „bei denen unerhörten Preisen der hiesigen 
Quartiere" noch eine sein „Vermögen weit übersteigende 
Summe von 500 Tlr." zu seinem Servis würde zulegen 
müssen, um, wie er wörtlich ausführte, eine „für den in 
einer Stadt wie Posen commandirenden Offizier, welcher 
sich oft genöthiget siehet, die ihm von Eurer Königlichen 
Majestät verliehene Würde in aller Art zu behaupten, 
einigermassen anständige Wohnung zu erhalten". Darauf 
verfügte der König in seinem eigenhändigen Schreiben 
vom 21. April an den Grafen Hoym, dass, vorausgesetzt, 
die Angaben des Generals erwiesen sich als zutreffend, 
„entweder ein angemessener Servis auszusetzen oder wenn 
zu Posen noch für des Königs Rechnung gebauet wird, 
für den jedesmaligen Inhaber des dortigen Regiments ein 

i) Geh. St.- A. Berlin: Gen.-Dir. Südpreuss. Mil. I, XXI, Nr. 20* 
Vol. II. 

2 ) Der General stammte aus Bern, hatte ein Patent vom 
7. 1 . 1794 und war damals 53 Jahre alt ; seine Dienstzeit im preussi- 
schen Heere betrug damals 38 Jahre, im Frühjahr 1800 wurde er 
auf sein wiederholtes Ansuchen mit Pension in den Kuhestand 
versetzt. 



108 Hugo Sommer. 

eigenes Hauss aufführen zu lassen" sei. Der Minister 
Graf Hoym trat noch einmal in die Prüfung dieser An- 
gelegenheit ein und schlug nunmehr dem Könige in An- 
betracht der tatsächlich schwierigen Verhältnisse am 7. Mai 
vor, dem General anstatt der ihm zukommenden 204 Tlr. 
Servis die doppelte Summe, also 408 Tlr. an Servis zu 
gewähren, weichen Betrag der König denn auch am 13. Mai 
genehmigte. 

Allein auch mit diesem Entscheide gab sich der 
General noch nicht zufrieden, obwohl er statt des sonst 
üblichen Monatsservises von 17 Tlr. doch 34 Tlr. erhalten 
sollte, vielmehr machte er geltend, dass die an sich schon 
enorm teuren Mietspreise in Posen noch eine weitere 
Steigerung erfahren hätten und „hier in Posen kein Quartier 
für 400 Tlr. zu haben" sei, womit sich „der commandirende 
Offizier bey dem besten Willen behelfen könnte". Ja, er 
gab sogar der Befürchtung Ausdruck, dass er sich schliess- 
lich „gänzlich ohne Obdach in dieser seiner Friedens- 
garnison befinden" werde, und wies auf den in den älteren 
Provinzen üblichen Gebrauch hin, wo der Magistrat ver- 
pflichtet sei, für einen jeden Offizier, der nicht imstande 
sei, für das ihm gewährte Quartiergeld eine Wohnung 
nach seinem Bedarf zu erhalten, ein geeignetes Quartier 
auszumitteln. Auch betonte er in seiner Auseinander- 
setzung, dass er neben der bereits erwähnten militärischen 
Repräsentation nicht nur alle dienstlichen Geschäfte er- 
ledigen, sondern auch die Aktenstücke usw. dort in Ver- 
wahrung halten müsse. Er erreichte mit seinem wieder- 
holten Schreiben, dass der Minister die Posener Kammer 
jetzt anwies, dem General bei der Ausfindigmachung einer 
passenden Wohnung behilflich zu sein. 

Die Angelegenheit trat im Frühjahre 1800 in eine 
neue Phase, nachdem der Generalmajor v. Crousaz sein 
Entlassungsgesuch eingereicht hatte und deshalb auf eine 
neuerliche Anfrage der Kammer keine Antwort mehr gab. 
Daher teilte diese dem Minister mit, der Polizeidirektor 
ßredow habe angezeigt, dass der Kaufmann Kaiser bereit 
sei, die Wohnung des verstorbenen Landrats v. Krzycki 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 109 

nebst Stallung, Wagenremise und sonstigem Gelass für 
den Preis von jährlich 550 Tlr. zum „Chefsquartier" zu 
vermieten. Weil nun am Wohnungsgelde 145 Tlr. erspart 
werden konnten, so bat die Kammer 1 ) unterm 12. Juni 
um eine Weisung, wie es mit der Kündigung der Woh- 
nung zu halten sei. Am 22. Oktober wurde der General- 
adjutant des Königs, Oberst von Zastrow, zum Chef des 
39. Inf.-Rgts. in Posen ernannt und ihm vom 1. Dezember 
1800 ab 596 Tlr. Miete bewilligt. Damit gab sich jedoch 
der neue Regimentschef nicht zufrieden, sondern schrieb 
am 23. Dezember an den Minister, es müsse unbedingt 
ein Irrtum obwalten, da er nicht glaube, wie er wörtlich 
schrieb, dass „der König die Absicht gehabt habe, mir 
schlechter stellen zu wollen". Er bemerkte gleichzeitig, 
er habe den Regimentsquartiermeister veranlasst, dieses 
Geld nicht anzunehmen, so dass mithin keine Miete für 
ihn bezahlt worden wäre. Eine Untersuchung der Sache 
ergab, dass der Irrtum durch einen Schreibfehler (596 
statt 695 Tlr.) entstanden sei, worauf die richtige Summe 
zur Zahlung angewiesen wurde. 

Die schon weiter oben erwähnte Revisions-Kommission 
hatte im Jahre 1799 des weiteren beanstandet, dass der 
Billeteur mit dem Servisrendanten Hübner die An- 
schaffung der Wacht- und Lazarettbedürfnisse allein be- 
sorgte, und darum der Kammer vorgeschlagen, diese „Be- 
dürfnisse per modum licitationis einem Entrepreneur" zu 
überlassen, da sie der Meinung war, auf diesem Wege 
alles Erforderliche für ein billigeres Geld erhalten zu 
können. Wie aus den Akten zu ersehen ist, sind in der 
Folgezeit alle Bedürfnisse für die Posener Garnison im 
Wege der öffentlichen Ausschreibung an den Mindest- 
fordernden vergeben, ebenso aber auch alle Veräusse- 
rungen von nicht mehr brauchbaren Gegenständen auf 
ähnliche Weise dem Meistbietenden zugeschlagen worden, 
so dass nach einiger Zeit alles in die sonst in den 
preussischen Provinzen üblichen Bahnen gelenkt und 
damit auch für die Stadt Posen die gewünschte Uniformität 

i) Ebenda: Vol. IV. 



HO Hugo Sommer. 

erreicht war. Eine Ausnahme machten nur die Lazarett- 
bedürfnisse, deren Beschaffung dem Regimentschirurgen 
für eine Pauschalsumme überlassen wurde; doch musste 
auch hier in den Jahren 1804/06 eine Erhöhung wegen 
der stattgefundenen Preissteigerungen eintreten, die auf 
den Bericht der Kammer ohne weiteres durch das süd- 
preussische Finanz-Departement genehmigt wurde. 

Zu den Erfordernissen des Heerwesens der alten 
preussischen Armee gehörte auch für jede Garnison ein 
sogenanntes O rdonnanzhaus, in dem die auf dem Marsche 
befindlichen Rekruten während ihres Nachtaufenthalts 
untergebracht wurden, um ihr Entweichen zu verhindern. 
In Posen hatte seit dem 1. Juni 1793 das Militär für diesen 
Zweck das Gertrudenhospital in der Wassergasse in Be- 
nutzung genommen, ohne dass man sich in jenen unruhigen 
Zeiten, wo noch dazu die Verhältnisse sehr wirr waren, 
um die Vergütung dieser Räume bekümmert hätte, wie 
sich erst später herausstellte. Im Winter 1796/97 müssen 
aber hier im Ordonnanzhause unleidliche Zustände ein- 
getreten sein, so dass auf einmal eine Kündigung dieser 
Räume erfolgte 1 ), weil „das Militär in den Stuben Holz 
gehauen" hatte, wodurch angeblich „das Gebäude ruiniert" 
worden wäre. Erst jetzt verlangte das städtische Armen- 
direktorium neben einer angemessenen Miete auch die 
Lieferung von Holz, Licht und Lagerstroh, worauf jedoch 
das südpreussische Departement nicht eingehen wollte, 
da diese „Anträge so übertrieben" wären; es bewilligte 
lediglich die auch sonst in dieser Hinsicht übliche Miete 
von 30 Tlr. jährlich. Am 23. April 1798 bat das Armen- 
direktorium um die „Fortschaffung des Ordonnanz-Hauses" 
aus dem genannten Hospital und begründete seine Bitte 2 ) 
damit, dass dort „verarmte Kranke" untergebracht werden 
müssten, deren Gesamtzahl in der Stadt auf 368 gestiegen 
war, so dass es an Raum für sie gebrach. Allein dies 
Gesuch wurde am 13. Mai kurzerhand abgelehnt und 



i) Ebenda: Vol. II. 
2 ) Ebenda: Vol. III. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. I II 

sogar die Miete nicht bewilligt, da „in den alten Provinzen 
die Klöster und Stifter" ebenfalls diese Räume unent- 
geltlich hergeben mussten. 

Zwar war nun der Magistrat von der Kammer ver- 
anlasst worden, einen geeigneten Raum für das Ordonnanz- 
haus auszumitteln, mit dem direkten Hinweise, einen Gast- 
wirt dafür auszusuchen. Infolgedessen erklärte sich auf 
St. Martin der Gastwirt Morawski zur Aufnahme bereit 1 ), 
fand jedoch einen starken Widerstand bei dem General- 
major v. Crousaz, der dagegen geltend machte, „durch 
das Unterbringen der Rekruten in irgend einer Vorstadt 
würde diesen öfters sehr unsicheren Leuten das Ent- 
weichen erleichtert werden, und um dergleichen Ent- 
weichungen zu verhindern, würden viel stärkere Wachen 
im Ordonnanz-Hause gegeben werden müssen, als in der 
Stadt erforderlich sind." Sodann würde auch das „Herum- 
schleppen der Rekruten" Anlass zu Beschwerden geben, 
indem sie, sobald sie nach einem stärkeren Marsch ein- 
rückten, von den Torwächtern auf die Hauptwache 
gebracht und dort dienstgemäss angemeldet würden, hier- 
auf aber wieder zum Tore heraus wandern müssten, um 
in einer entlegenen Vorstadt untergebracht zu werden. 
Diese Einwände müssen für die Kammer massgebend 
gewesen sein; denn es behielt mit dem Ordonnanzhause 
sein Bewenden, bis sich am 16. September d. J. das 
Armendirektorium wiederum beschwerte und darauf hin- 
wies, dass das Ordonnanzhaus im Gertrudenhospital nicht 
bleiben könne, weil es „nicht ratsam sei, die mit ver- 
schiedenen Krankheiten behafteten Armen mitten in der 
Stadt zu dulden." Schliesslich bat das Direktorium noch, 
doch wenigstens 24 Tlr. Jahresmiete zu bewilligen, da von 
dieser Armenanstalt nicht zu verlangen sei, dass sie die 
Räume umsonst hergeben müsse, und schlug vor, in den 
hiesigen Klöstern einen Raum für die Rekruktenunter- 
bringung ausfindig zu machen. Diesmal hatte das Armen- 
direktorium wenigstens den Erfolg, dass ihm für 2 Jahre 



i) Ebenda: Vol. IV Bl. 26—28. 



112 Hugo Sommer. 

4 Mon. von 1797 — 1799 eine monatliche Miete von 2 Th\ 
im ganzen also 56 Tlr. bewilligt wurden 1 ) und dem 
Magistrat aufgetragen wurde, einen geeigneten Raum zu 
ermitteln. Dieser brachte am 5. April 1799 ein Zimmer 
im Seitengebäude des Dominikanerklosters hierfür in 
Vorschlag. Inzwischen hatte die städtische Revisions- 
Kommission einen Bericht über den Garnisonbefund er- 
stattet und darin u. a. auch getadelt, dass das Ordonnanz- 
haus „wider den Willen des Armendirektorii zum Nach- 
teile der Armen in einem Hospital" untergebracht worden 
sei. Die Kommission war der Ansicht, es könne in Posen 
„bei den vielen Kammergebäuden" nicht schwer halten,, 
eine anderweitige Gelegenheit zur Unterbringung des in 
Rede stehenden Hauses zu erlangen. Auf Grund dieses 
Berichtes ersuchte denn auch das Generaldirektorium 
bereits am 27. Mai den General v. Crousaz, nicht „gegen 
die Annahme eines anderen Ordonnanz-Hauses" zu sein,, 
und erforderte gleichzeitig von der Kammer einen Bericht 
darüber, ob die vorgeschlagene „Stube im Dominikaner- 
kloster so beschaffen" sei, dass „das Kloster und am 
wenigsten die gottesdienstlichen Übungen desselben nicht 
gestört" wurden. Denn nach der Ansicht des Ministers 
v. Voss wäre es vorteilhafter, das Ordonnanzhaus einem, 
Gastwirt zu überlassen. 

Der General muss in der Zwischenzeit auch nicht 
untätig gewesen sein; denn er teilte am 17. Mai dem 
Minister mit, dass er „im Franziskanerkloster eine Gelegen- 
heit zu einem Ordonnanzhause entdeckt" habe 2 ). Jetzt 
kam die Sache in schnelleren Fluss, zumal das Armen- 
direktorium am 19. Juli nochmals bei der Kammer wegen 
der Räumung des Hospitals vorstellig wurde und ganz 
energisch erklärte, es könne nicht länger auf dieses 
Hospital verzichten, da es nach dem Verkauf des bau- 
fälligen Heiligen Geisthospitals bei der Menge der Armen 
sich keinen Rat mehr wisse und diese nicht unterzu- 



!) Stadtarchiv Posen: C. XXII. E. 2. 

2) Geh. St. A. Berlin: Gen.-Dir. Südprss. Milit. LXXI. Nr. 20 
Vol. IV. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 113 

bringen vermöge. Überdies sei die geringe Miete von 
24 Tlr. jährlich bei den hohen hiesigen Mietspreisen keine 
angemessene Entschädigung. Der Minister wies nunmehr 
unterm 8. September die Kammer an, die Räumung des 
Hospitals zu bewirken, da entgegen der Ansicht der 
Kammer das Armendirektorium keine Verpflichtung dazu 
habe, für eine anderweitige Unterbringung des Ordonnanz- 
hauses Sorge zu tragen, und gab den strikten Befehl, 
dass die Räumung spätestens am 1. Januar 1800 erfolgt 
sein müsse. Dieser bestimmten Weisung des Ministers 
gemäss unterhandelte die Kammer nun, dem Antrage des 
Generals entsprechend, mit dem Prior des Franziskaner- 
klosters und schloss mit diesem am 10. September einen 
Kontrakt ab, demzufolge sie die gewünschten Räume für 
eine Jahresmiete von 40 Tlr. erhielt und sich zur Tragung 
der Kosten der Instandsetzung sowie zur Lieferung von 
Holz, Licht und Lagerstroh verpflichtete. Am 26. September 
genehmigte der Minister diesen Vertrag unter der aus- 
drücklichen Bedingung, dass „keine Störung im Gottes- 
dienst und keine Unterbrechung in der bestimmungs- 
mässigen klösterlichen Stille zugefügt, auch kein öffent- 
licher übler Eindruck" durch Verwendung des Klosters 
zum Ordonnanzhause erregt werden möchte. Aber er 
forderte, dass die Bürgerschaft oder die Stadtkämmerei, 
da der Servisfonds nicht so übermässig belastet werden 
könne, die Miete nebst sämtlichen übrigen Kosten tragen 
müsse; aus dem genannten Fonds sollten nur die 4 Pfg. 
Nachtlagergeld für den Kopf bezahlt werden. Damit war der 
Magistrat nun nicht einverstanden, sondern führte in seiner 
Vorstellung vom 8. November aus, dass er von der Ver- 
bindlichkeit zur [Zahlung der Miete nicht überzeugt sei, 
sowie dass die 4 Pfg. Schlaf geld für den Mann, wofür über- 
dies noch Holz, Licht und Stroh beschafft werden sollten, 
höchst unwahrscheinlich die Miete ersetzen dürften; daher 
bat er, die Bürgerschaft von dieser Verpflichtung zu ent- 
binden. Daraufhin bewilligte am 2. Dezember das General- 
direktorium, dem diese Angelegenheit zur Entscheidung 
vorgelegt worden war, einen Zuschuss zur Miete von 

Zeitschrift der Hist.Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XXVI„ 8, 



114 Hugo Sommer. 

20 Tlr., die in den Militäretat eingestellt wurden, während 
alle übrigen Kosten von der Kämmerei zu übernehmen 
waren. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass 
das Generaldirektorium 1 ) am 18. Januar 1800 die zur 
Instandsetzung des Ordonnanzhauses erforderlich ge- 
wesenen Kosten von 13 Tlr. 4 Sgr. bewilligte, nachdem 
die Kammer nachgewiesen hatte, dass „gar keine Uten- 
silien im alten Ordonnanzhause vorhanden gewesen" seien 
und „selbige erst angeschafft werden" mussten. 

Nun müssen sich aber in den neuen Räumen bald 
nach deren Übernahme Übelstände eingeschlichen haben, 
die die Kammer veranlassten, am 18. März 1800 an den 
Magistrat zu schreiben 2 ). Die Kammer brachte auf Grund 
der ihr zugegangenen Andeutungen dem Magistrat eine 
königliche Order zur Kenntnis, in der u. a. gerügt wird, 
dass „in mehreren Ordonnanzhäusern dem Wirte auf- 
gegeben ist, Musik und selbst Freudenmädchen zu halten ; 
da indessen eine solche Wirtschaft in einem solchen 
Hause schlechterdings nicht statthaft ist, weil sie nicht 
allein Veranlassung gibt, dass der Rekrut sein Handgeld 
auf dem Transport verschwendet, sondern weil auch die 
Schwelgerei, zu welcher derselbe gemeinhin hingerissen 
wird, unstreitig oftmals auf seine Gesundheit den nach- 
teiligsten Einfluss haben muss, so haben wir in einer 
besondern an das Ober-Kriegs-Kollegium erlassenen K.- O 
vom 6. d. Mts. erklärt, dass wir diesem Übel durchaus 
abgeholfen wissen wollen, und befehlen Euch demnach, 
hinführo in den Ordonnanz- oder sonstigen Wirtshäusern, 
worin Rekruten auf dem Transport einquartiert werden, 
zu keiner Zeit weder Musik noch Freudenmädchen Zugang 
finden lassen". Der Magistrat wies am 16. April den 
General v. Crousaz darauf hin, dass ihn diese Angelegen- 
heit ja deshalb nichts angehe, weil das Ordonnanzhaus 
bei keinem bürgerlichen Wirte untergebracht sei und die 
„Disposition darüber lediglich dem Regiment" zustehe. 

i) Ebenda: Vol. IV Bl. 149. 

2) Näheres darüber ist in Bd. XXII der Zeitschrift d. Histor. 
Ges. bereits mitgeteilt. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 115 

Am 23. April antwortete der General, dass „dergleichen 
Unfug im hiesigen Ordonnanzhause nicht geduldet werden" 
solle. 

Wie schon ausgeführt, musste die städtische Käm- 
mereikasse einige Jahre lang die Hälfte der Miete für das 
Ordonnanzhaus mit 20 Tlr. bezahlen, bis die Bürger da- 
gegen vorstellig wurden. Unterm 14. Februar 1803 näm- 
lich erklärten die Bürgerschafts-Repräsentanten zu Proto- 
koll, dass laut § 62, Abs. III des geltenden Servisregle- 
ments die billig zu regulierende Miete für den Ordon- 
nanzwirt aus dem allgemeinen Servisfonds bezahlt werden 
müsse; daher könne nach ihrem Dafürhalten zur Zahlung 
der halben Miete für das Ordonnanzhaus ebenso wenig 
die Kämmereikasse als auch die Bürgerschaft angehalten 
werden. Der Magistrat reichte diese Erklärung an die 
Kammer weiter, die sich den von der Bürgerschaft geltend 
gemachten Gründen anschloss und infolgedessen am 29. Juni 
verfügte, dass die „Miete für das Ordonnanz-Haus im 
Franziskaner-Kloster" aus der Kriegs- und Domänenkasse 
zu zahlen sei. 

Aus den Akten geht dann weiter hervor, dass 
während des Winters 1805/06 grössere Truppendurch- 
märsche und Rekrutentransporte 1 ) stattgefunden haben 
müssen. Denn am 21. Januar 1806 liquidierte das eben- 
genannte Kloster durch seinen Prior Alexander Oppell 
wegen „während diesen Winter zu Allerhöchstem Dienst bei 
Gelegenheit der Militärdurchmärsche und Rekrutentrans- 
porten zur Heizung des grossen Ofens im Refectorio ver- 
abfolgten Holzes" den Betrag für 2 Klafter und bat um 
Vergütung desselben. Die Kammer bewilligte unterm 
30. März dafür „wegen der Geringfügigkeit des Gegen- 
standes" 6V3 Tlr., wies aber ausdrücklich darauf hin, dass 
diese Kosten eigentlich „auf irgend eine Art von den 
Quartierständen hätten beschafft werden müssen. Aus 
dem gleichen Grunde war aber auch die Lieferung einer 
grösseren Menge von Lagerstroh erforderlich geworden, 



l ) Stadtarchiv Posen: C. XXII E. 2. 



1 16 Hugo Sommer. 

was einen Mehraufwand von 5 Tlr. 18 Sgr. verursacht, 
hatte. Die Kammer 1 ) stellte dies am 11. April dem süd- 
preussischen Departement vor und begründete diese Aus- 
gabe mit den „im vorigen Quartal hierselbst stattgefun- 
denen häufigen und bedeutenden Transports von Rekruten 
und kranken Soldaten," fügte aber auch gleichzeitig hinzu r , 
dass der Ankauf dieses Lagerstrohs deshalb hätte er- 
folgen müssen, weil „im Ordonnanz-Haus im Franziskaner- 
Kloster kein Wirt existiert, der die sonst bestehende 
Verbindlichkeit, Holz, Lagerstroh und Licht gegen eine 
Vergütung von 4 Pfg. pro Kopf auf 24 Stunden her- 
zugeben", übernehmen kann. Das Generaldirektorium 
hielt aber am 30. April erst eine Rückfrage, um festzu- 
stellen, wie es damit früher gehalten worden wäre. Denn 
nach dem „südpreussischen Einquartierungs - Reglement 
vom 4. Juni 1797, § 62 sollen die Regimenter, für deren 
Rechnung die zu transportierenden Rekruten angeworben 
sind, die dem Ordonnanz-Gastwirt für verabreichtes Holz r 
Licht und Lagerstroh zustehende Vergütung zahlen." Die 
Kammer antwortete darauf am 15. Juli, dass zufolge dem 
vom Steuerrat v. Timroth eingeforderten Berichte „der Huth- 
mann Schneider" das nötige Lagerstroh bis zu seinem 
Tode geliefert und als Entschädigung dafür die nach dem/ 
Reglement festgesetzten 4 Pfg. Schlafgelder bezogen hätte.. 
Das notwendige Holz und Licht sei dagegen von der 
Militärkasse geliefert worden, weshalb im Etat eine Wacht- 
stube mehr berechnet wurde. Unter diesen Umständen 
und weil der damalige Garnisonchef Oberstleutnant 
v, Somnitz 2 ) der Militärkasse leider keine „Liste über die 
im Ordonnanzhause untergebracht gewesenen Rekruten und 
Knechte" eingereicht hätte, erhielt die Kammer eine An- 
weisung zur Zahlung des Betrages. 

Am 1. Juli 1806 war der Kontrakt mit dem Franzis- 
kanerkloster abgelaufen, und nun sollte ein anderes 



!) Geh. St.-A. Berlin: Gen.-Dir., Südpreuss., Ortschaften, LXXIE 
Nr. 1109. 

2 ) Kommandeur des 3. Bats. Inf.-Rgts. v. Tschepe, das die 
interimistische Besatzung bildete. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 117 

'Gebäude für die Zwecke des Ordonnanzhauses, am liebsten 
bei einem der hiesigen Gastwirte, ausfindig gemacht 
werden, womit der Magistrat beauftragt wurde. Das 
Servisamt 1 ) befragte deshalb alle Gastwirte der Stadt, 
auch die weiblichen Tabagieinhaber, ob sie das Ordonnanz- 
haus bei sich etablieren wollten; aber alle ohne Aus- 
nahme gaben teils deutsch, teils polnisch die proto- 
kollarische Erklärung ab, dass sie gegen die geringe Ent- 
schädigung von 24 Tlr. Jahresmiete und 4 Pfg. Schlaf- 
geld für den Kopf das Geschäft nicht übernehmen 
könnten. Der Rendant Bauer bat nach Kenntnisnahme 
von diesem negativen Ergebnisse am 3. Oktober den 
Magistrat, doch bei der Kammer vorstellig zu werden, dass 
ein höherer Vergütungssatz bewilligt werden möchte. 
Die ganze Angelegenheit bedurfte aber keiner ander- 
weitigen Regelung mehr, weil bald darauf die Katastrophe 
von Jena und Auerstädt der preussischen Herrschaft in 
Posen ein vorläufiges Ende bereitete. 

Lange Verhandlungen und viele Schreibereien ver- 
ursachten dem Magistrat auch die anderen Garnisonanlagen. 
So beanspruchte der General v. Crousaz, als sein Regi- 
ment im Herbste 1795 in Posen eingerückt war, auch ein 
Exerzierhaus 2 ) und beantragte deshalb unterm 16. No- 
vember bei der Posener Kammer, ihm das „ehemalige 
polnische Exerzierhaus" vor dem Bromberger Tore 3 ) einst- 
weilen zum Exerzieren einzuräumen. Da aber dies Ge- 
bäude als Salz- und Hafermagazin verpachtet war, so bat 
er, den „wenigen darin befindlichen Hafer und Salz ander- 
weitig unterzubringen". Die Kammer forderte zunächst 
einen Bericht vom Magistrat ein, der darauf antwortete, 
•dass dem Verlangen des Generals nichts im Wege stehe, 
falls eine angemessene Miete für das Gebäude an die 
Kämmereikasse entrichtet würde. Da jedoch das Haus in 
einem mangelhaften Zustande war, so fügte er einen 
Kostenanschlag über die Herstellung der fehlenden Fenster 

*) Ebenda: C. XXII E. 2. 

2 ) Stadtarchiv Posen: C. XXII E. 1. 

3 ) Gemeint ist das ehemalige Wronker Tor. 



Il8 Hugo Sommer. 

bei, deren Anbringung der General verlangt hatte, der 
88 Tlr. dafür vorsah. Hierauf begehrte die Kammer unterm. 
17. Januar 1796 zu wissen, ob das in Rede stehende Ge- 
bäude, das „bei dem Aufhören der polnischen Besatzung 
nicht weiter als Exerzierhaus benutzt" worden war, nicht 
etwa „widerrechtlich vermietet" worden wäre. Die Ant- 
wort des Magistrats lautete dahin, das Haus wäre „wegen 
der schlechten Witterimgsverhältnisse lediglich dem pol- 
nischen Militär zum Exerzieren überlassen" worden, ohne 
dass dafür eine Miete gezahlt worden sei, doch sollte 
nunmehr das Regiment Crousaz 18 Tlr. Miete zahlen. 
Die Sache blieb dann auf sich beruhen, bis am 15. Juni 
1796 der Regimentskommandeur, Oberst v. Kamecke, den 
Magistrat ersuchte, ihm das Haus „nunmehr zum Exer- 
zieren der eingezogenen Kantonisten" einzuräumen. In- 
folgedessen ordnete der Magistrat eine Untersuchung an r 
die am 28. Juli durch eine Magistrats-Deputation unter 
Hinzuziehung des Kapitäns v. Borck stattfand und ergab, 
dass der „Schuppen" ganz und gar nicht zum Exerzieren 
eingerichtet werden könne, und bei der schlechten bau- 
lichen Beschaffenheit desselben die „geringsten Repara- 
turkosten vergeblich" aufgewandt werden möchten. Auf 
Grund dieses protokollarisch festgelegten Befundes stellte 
der Magistrat am 2. August bei der Kammer den Antrag,, 
dass ein neues Exerzierhaus erbaut werden möchte, das 
um so mehr erforderlich sei, weil darin zugleich die Mon- 
tierungskammern des Regiments untergebracht werden 
sollten. 

Zwar hatte bereits am 18. Juli die Kammer den 
Magistrat aufgefordert, einen geeigneten Platz für ' ein 
neues Exerzierhaus auszumitteln und darüber Bericht zu 
erstatten. Allein der Magistrat kümmerte sich zunächst 
um die Erledigung dieser Angelegenheit nicht, sondern 
beobachtete, wie dies nachweislich in allen Militärsachen 
von ihm beliebt wurde, vollkommene Gleichgültigkeit, bis 
er erst von der Kammer ganz energisch an die Ausführung 
des erhaltenen Auftrages gemahnt wurde. So verging: 
fast ein Jahr, ohne dass die Sache weiter gefördert wurde,. 



Posen als militärischer Standort in sudpreussischer Zeit. 1 19 

weshalb sich der General v. Crousaz mit einer längeren 
Beschwerdesehrift direkt an den Minister wandte, indem 
er darüber bittere Klage führte, dass infolge eines man- 
gelnden Obdachs, „worunter der Soldat bei übler Witterung 
dressiert werden" könne, der Exerzierdienst leide. Gleich- 
zeitig beklagte er sich aber auch über die elende 
Beschaffenheit der Wachtstuben am Wronker und 
Warschauer Tor. Seitens des Regiments, das doch ein 
grosses Interesse an der Lösung dieser Frage hatte, wurde 
endlich am 3. August 1797 der alte „Kämmereischuppen" 
vor dem Brummer Tore besichtigt, wo das „ehemalige 
alte Garnisonlazarett" belegen gewesen war; doch wurde 
auch dieser Raum als unzulänglich zum Exerzieren befunden, 
wie er denn auch als Montierungskammer sich als durchaus 
ungeeignet erwies, da „das Gebäude aus Holz erbaut 
und nur ein Stock hoch" war. Ebensowenig zu gebrauchen 
war die sogenannte „Geislersche Reitbahn, wo das Theater 
untergebracht" war, weil sie nach der erfolgten Ausmessung 
„nur 106 Fuss lang" war, das Regiment aber einen Raum 
mit einer Länge von wenigstens 200 Fuss benötigte. 
Nach langem Herumsuchen wurde schliesslich als ge- 
eigneter Platz zum Neubau eines Exerzierhauses „ein Teil 
von dem neben dem alten Garnisonlazarett belegenen 
von Zarlinskischen wüsten Grunde" ermittelt, wo gleich- 
zeitig „oben drüber die Kammern angebracht" werden 
könnten. Doch genehmigte die Kammer in ihrer Zuschrift 
vom 23. August 1797 diesen Plan nicht, worauf unterm 
4. September „der Dobrzyckische Platz am Fusse des 
Mäuseberges" l ) als geeignet von allen Teilen in Vorschlag 
gebracht wurde. Hiermit erklärte sich denn auch die 
Kammer am 24. Oktober einverstanden und forderte einen 
Bauanschlag ein. Zur Aufstellung des letzteren entsandte 
der Generalmajor v. Crousaz am 7. November den Kapitän 
v. Kossboth, bemerkte aber in seiner Anzeige an den 
Magistrat: „Es ist mir kein Platz unter diesem Namen 
bekannt; jedoch ist zu vermuten, dass Euer Wohl- und 
Hochedelgeboren bestimmt unterrichtet sein werden, von 
l ) Der heutige Wilhelmsplatz, damals Mysza oder Musza göra. 



120 Hugo Sommer. 

welcher Stelle hier eigentlich die Rede ist." Nachdem 
dieser Platz die Zufriedenheit aller beteiligten Faktoren 
gefunden hatte, bat der General am 23. November noch- 
mals um Beschleunigung des Baues und legte einen Entwurf 
nebst Kostenanschlag vor, der die beträchtliche Summe 
von 9670 Tlr. 17 Sgr. 10 Pfg. erforderte. Ferner wünschte 
der General noch, dass auch der um das Exerzierhaus 
befindliche Platz gepflastert werden möchte, wofür nach 
einem ebenfalls beigefügten Voranschlage 141 Tlr. 10 Sgr. 
5 Pfg. gezahlt werden sollten. Die Sache zog sich hin, bis 
endlich am 6. Dezember 1798 der Minister v. Voss 1 ) dem 
General eröffnete, dass die Fonds zu den südpreussischen 
Garnison-Einrichtungen schon längst erschöpft seien, und 
der König wohl schwerlich diesen hohen Betrag bewilligen 
werde. Er stellte dem General anheim, seine Bitte dem 
Könige selber vorzutragen. Ob dies der General getan 
hat, ist aus den Akten nicht zu ersehen. 

Noch mehr Zeit beanspruchte die Ausmittelung 
eines Exerzierplatzes 2 ) für das Regiment v. Crousaz 
Nr. 39. Leider ist nichts darüber aufzufinden, wie es 
damit in den ersten Jahren der südpreussischen Zeit ge- 
handhabt worden ist; denn erst # am 12. Juli 1797 berichtete 
der Generalmajor an den Minister Grafen Hoym, dass in 
Ermangelung eines in der Nähe der Stadt belegenen 
Platzes das Regiment den „zwischen Gluwno und Schwer- 
senz belegenen Revueplatz" habe benutzen müssen. 
Wörtlich fährt er sodann fort: „Zu diesem Marsche sind 
für die entlegensten Kompagnien des Regiments drei 
Stunden erforderlich, folglich müssen selbige, so oft im 
Frühjahr mit dem Regiment exerziert wird, sechs Stunden 
auf dem Hin- und Rückmarsch zubringen." Er beklagte 
sich darüber, dass eine solche öfters wiederholte Anstren- 
gung des Soldaten „alle menschlichen Kräfte" übersteige, 
und infolgedessen der „gesundeste Mensch in kurzer Zeit 
zum Militärdienst unbrauchbar" gemacht, ferner dass 

!) Geh. St.-A. Berlin: Gen.-Dir. Südprss. Milit. LXXI Nr. 20 
Vol. III. 

2 ) Stadtarchiv Posen: C. XXII E. 1. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 121 

„durch solche Fatiguen der Soldat zur Desertion" verleitet 
werde, was die Komplettierung des Regiments ausser- 
ordentlich erschweren würde. Der General muss nun 
wohl bereits Umschau nach einem ihm geeignet er- 
scheinenden Exerzierplatze gehalten haben, da er in 
seinem Berichte an den Minister „die auf dem Wege nach 
Dembsen befindliche Niederung" hierfür ausersehen hatte. 
Schon unterm 18. Juli verlangte die Kammer vom Magistrat 
zu erfahren, ob die eben bezeichnete Stelle dem Regiment 
eingeräumt werden könne, und da der Magistrat eine 
befriedigende Zusage abgab, so fand am 3. August eine 
Besichtigung dieses Platzes statt. Er wurde unter der 
Voraussetzung als geeignet befunden, dass die dort vor- 
handenen Sumpflöcher zugeschüttet und die Erhebungen 
eingeebnet werden müssten. Am 23. August genehmigte 
die Kammer die Einebnung dieses Platzes, worauf die 
Angelegenheit ins Stocken geriet; denn erst im Januar 1798 
fand die Vermessung desselben statt. Hierbei nun stellte 
sich heraus, dass er wirklich 120 Magdeburger Morgen 
Flächenraum umfasste, während seitens des Magistrats, 
als die Sache angeschnitten wurde, eine weit geringere 
Morgenzahl infolge des Versehens eines Beamten ange- 
geben worden war. Deshalb schrieb unterm 20. Januar 
der Ratmann Schoenfeld, dass der Magistrat „nomine der 
Kämmerey" protestieren müsse, „indem sonst die ganze 
Hutungen und Wiesen eingehen mögten." Am 1. Februar 
wurde eine nochmalige Ausmessung des Geländes vor- 
genommen und der Bürgerschaft die Zusage gemacht, 
dass sie schadlos gehalten werden sollte, doch zog sich 
die endgültige Erledigung der Angelegenheit bis zum 
10. Mai 1800, also über 2 Jahre hin, weil mittlerweile erst 
noch Verhandlungen mit dem Johanniter-Ordenskomtur 
von Miaskowski gepflogen worden waren. Über das Er- 
gebnis derselben berichtete die Kammer 1 ) am 11. Juni 1799 
an das südpreussische Departement, dass der genannte 
Komtur zur Hergabe des hiesigen Johanniterkomtur-Vor- 

!) Geh. St.-A. Berlin: Gen.-Dir. Südprss. Milit. LXXI Nr. 20 
Vol. IV Bl. 50. 



122 Hugo Sommer. 

Werksfeldes für einen Exerzierplatz nicht zu bewegen 
gewesen war, da er das Land seinem gegenwärtigen 
Pächter v. Lossow noch n Jahre in Pacht lassen müsse 
und diesen in keiner Weise einschränken wolle. Auch 
sei es nicht ausgeschlossen, dass er selber während der 
Pachtzeit sterben könne, weshalb er „in die Seele seines 
Nachfolgers keine Verfügung treffen" möchte. Gegenüber 
dieser Begründung sah die Kammer von dem genannten 
Gelände ab und schlug dem Minister vor, das Regiment 
solle sich mit den „städtischen Wiesen oder anderen in 
der Nähe der Stadt belegenen Plainen" als Exerzierplatz 
begnügen, event. bei grösseren Übungen sich des Revue- 
platzes bei Glowno bedienen. Unter sotanen Umständen 
wurden dem Magistrat für 1799/ 1800 seitens der Kammer 
für die städtischen Wiesen 100 Tlr. als Jahresmiete be- 
willigt. Vom Jahre 1803 an jedoch sollte dies Geld aus der 
Militärkasse gezahlt werden; tatsächlich ist dieser Betrag 
im Militäretat für 1803/4 in Abgang gebracht worden. 

Das Garnisonlazarett 1 ) war nach Ausweis der 
städtischen Akten ursprünglich im Bromer Tor 2 ) unter- 
gebracht gewesen. Dies Gebäude war jedoch bereits 
am 23. April 1795 geräumt worden „aus der Ursache, 
weil solches der Unreinigkeit wegen der Gesundheit 
nachteilig sein" sollte. Es muss dann ins Karmeliter- 
kloster 3 ) übergesiedelt sein, dessen Räume auch nicht, 
in besonders gutem Zustande waren, da die Lagerstuben 
nach dem Berichte der Posener Kammer vom 11. Ok- 
tober 1796 einer „schleunigen Reparatur" bedürftig waren; 
besonders die Öfen, Türen und Fenster waren sehr 
mangelhaft. Nun war zwar wohl bereits eine Verlegung 
seitens des südpreussischen Departements im Mai d. J. 
ins Auge gefasst worden; allein alle Bemühungen, ein 
neues zweckentsprechendes Gebäude auszumitteln, blieben 
erfolglos, weil „schon die gewöhnlichen Quartiere nicht 

!) Stadtarchiv Posen: C. XXII A. 1. 

2 ) Wronker Tor. 

3 ) Geh. St.-A. Berlin: Gen.-Dir. Südprss. Milit. LXXI Nr. 20 
Vol. II. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 123.: 

hinreichend und enorm teuer 1 ' waren, und ein ganzes 
Gebäude nur dann erhältlich gewesen wäre, wenn man 
„dafür eine übertriebene Miete" hätte bezahlen wollen. 
Es stellte sich unter diesen Umständen, wie die Kammer 
am 19. Oktober berichtete, die Notwendigkeit heraus, ein 
Lazarettgebäude zu erbauen. Das Karmeliterkloster liess 
sich erst nach langen Verhandlungen dazu bewegen, das 
Lazarett noch auf ein weiteres Jahr gegen eine Miets- 
entschädigung von 150 Tlr. zu behalten und die er- 
forderlichen Reparaturkosten zu übernehmen. Als einen 
geeigneten Platz zu dem geplanten Neubau empfahl die 
Kammer die alte, jetzt abgebrochene sogenannte Domini- 
kanermühle, die vor dem Wronker Tore belegen war,, 
da sie sich wegen ihrer „Lage an der Warthe am besten 
qualifizieret und daselbst auch eine gesundere Luft als in 
der Stadt für die Kranken zu finden sein dürfte." Dieser 
Bau wurde seitens des Generaldirektoriums am 1. No- 
vember gutgeheissen. 

Allein eine im Sommer 1797 stattgefundene neue 
Untersuchung dieses Platzes, an der Vertreter des Regiments 
teilnahmen, ergab, dass er in keiner Weise sich für ein 
Lazarettgebäude eignete, „da er eingeschränkt, von den 
Wachen zu entlegen und für die Kranken zu ungesund 
befunden" wurde. Weitere Bemühungen in dieser An- 
gelegenheit führten zu einem Platze auf der Wilda 1 );, 
doch bedurfte es des Abbruchs des dort befindlichen 
Kämmereihauses und der „Chaluppen" 2 ). Deren Besitzer 
sollten 250 Tlr., der Magistrat 488 Tlr. 3 Sgr. 7V3 Pfg. als 
Entschädigung erhalten. Aber auch der Magistrat muss 
sich um die Ermittelung eines Grundstücks bemüht haben,, 
da am 6. Oktober d. J. der Kämmerer Zborowski an die 
Kammer 3 ) berichtete, dass von brauchbaren Plätzen nur 
einer „auf der Vorstadt Pulwsie, wo die alte Ziegeley 



1) Die ehemalige Jesuiter-Ziegeley," die nach Aufhebung des 
Ordens in den Besitz der Stadt kam. 

2 ) Vom poln. chalupy d. h. elende Bauernhütten. 

3 ) Geh. St.-A. Berlin: Gen.-Dir. Südprss. Milit. LXXI Nr. 20 
Vol. in. 



124 Hugo Sommer. 

gestanden", in Betracht käme. Denn der Platz am Mäuse- 
berge sei nach dem Gutachten des Regimentschirurgus 
Dr. Moennich „wegen des ganz nahe dabei belegenen 
Judenkirchhofes dazu ganz und gar nicht anwendbar." 
Sodann befinde sich noch am Ende der Vorstadt St. Martin 
„nach denen neuen Gärten zu noch ein wüster Platz", 
der aber dem Militär zu weit abgelegen war. Ebenso 
ungeeignet wäre ein Platz auf dem Stadtanger, wo das 
Schützenhaus gebaut wurde, weil diese Gegend der Über- 
schwemmung ausgesetzt sei. Endlich berichtete er noch, 
ein „sehr gut und frei gelegener Platz wäre auf dem 
Dohm, wo kürzlich die alte Burg von Seiten des Bischofs 
abgebrochen" worden sei; allein dieser sei kein städtisches 
Eigentum, sondern gehöre dem hiesigen Domkapitel. 

Von all diesen in Vorschlag gebrachten Plätzen 
scheint jedoch keiner so recht geeignet gewesen zu sein, 
weshalb die ganze Angelegenheit zum Stillstand kam. 
Das Garnisonlazarett verblieb also im schon genannten 
Kloster bis zum Ende der südpreussischen Zeit. In den 
Akten taucht das Lazarett erst wieder auf, als Preussen 
im Herbst 1805 einige Korps zur Besetzung der schlesisch- 
polnischen Grenze mobil machte, und infolgedessen grössere 
Truppenbewegungen stattfanden. Im August verliess auch 
das Inf.-Rgt. v. Zastrow Nr. 39 seinen Posener Standort, 
und es wurde das 3. Bataillon des Inf.-Rgts. v. Tschepe 
Nr. 37 aus Zduny vorübergehend hier einquartiert, dessen 
Kommandeur der Oberstleutnant v. Somnitz war. Dieser 
hatte unterm 16. Februar 1806 dem Magistrat x ) angezeigt, 
die Anzahl der an ansteckenden Krankheiten darnieder- 
liegenden Soldaten habe sich in dem Masse vermehrt, 
dass es dringend erforderlich sei, die leichten Kranken 
von ihnen abzusondern. Er habe daher „im hiesigen 
Karmeliter-Kloster auf der Wiese" das für die letzteren 
nötige Gelass ausgemittelt, und das Kloster habe sich 
auch bereit erklärt, die Lazaretträume herzugeben. Die 
Einrichtung dieses interimistischen Garnisonlazaretts ver- 

!) Ebenda: Gen.-Dir. Südprss. Ortschaften LXXII Nr. 1109. 
Bl. 26. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 125 

ursachte 97 Tlr. 5 Sgr. Unkosten, die zur Anschaffung 
der notwendigen Utensilien verausgabt werden mussten. 
Am 16. Juni 1806 begründete die Kammer diese Ausgabe, 
worauf sie vom südpreussischen Finanzdepartement zur 
Zahlung angewiesen wurde. 

Wie ich schon bemerkte, hatte Preussen während 
des Krieges der sogenannten dritten Koalition seine Truppen 
im Osten der Monarchie mobilisiert. Gelegentlich des 
Marsches der dritten Reservearmee unter Generalleutnant 
v. Thiele, die nach Schlesien ging, wurde ein grosser 
Teil dieses Korps in Posen während einer Nacht sowie 
eines darauf folgenden Ruhetages einquartiert, was eine 
sehr starke Belegung aller Häuser zur Folge hatte. Am 
11. Oktober 1805 wandte sich nun ein Graf Szoldrski 
aus Czempin, dem einer seiner Bedienten nach Berlin 
von der Einquartierung Mitteilung gemacht hatte, mit einer 
Beschwerde 1 ) direkt an das Generaldirektorium, indem 
er sein Vorgehen damit begründete, dass er von der 
Posener Kammer bei Klagen über Militärlasten stets un- 
gerecht behandelt worden sei. Er teilte mit, dass nach 
dem Abmärsche des Regiments v. Zastrow in Posen das 
schon vorgenannte Bataillon eingerückt sei, und der 
Magistrat dem Kommandeur desselben die zu seinem 
eigenen Gebrauch bestimmten Zimmer als Wohnung an- 
gewiesen habe. Infolgedessen sei er jetzt ohne Wohnung 
in Posen und müsse sich erat selber ein Obdach suchen,, 
da er von seinem Hause am Alten Markt einige Zimmer 
zur Unterbringung der bei dem grossen Brande der Stadt 
obdachlos gewordenen Personen hergegeben habe und. 
den Rest wegen der Kränklichkeit seiner Frau dringend 
benötige. 

Eine eingehende Prüfung dieser Beschwerde durch 
die Kammer ergab, dass sie lediglich in dem einen Punkte 
begründet sei, der die Einquartierung des Oberstleutnants 
von Somnitz in das gräfliche Haus beträfe. Was dagegen 
die gänzliche Befreiung des Grafen von der Naturalein- 

i) Ebenda: Gen.-Dir. Südprss. Milit. LXXI Nr. 20 Vol. V" 
Bl. 2T9. 



I2Ö Hugo Sommer. 

«quartierung anlange, so seien seine Angaben nicht der 
Wahrheit entsprechend; denn in die Stadt Posen seien 
ausser dem vorerwähnten Bataillon auch noch die Depots 
^der Füsilierbataillone 1 ) von Oswald Nr. 16, von Greiffen- 
berg Nr. 4 und von Kloch Nr. 8 eingerückt, so dass 
die Garnisonstärke genau die gleiche wie in Friedens- 
zeiten sei. 

Bemerkt sei hier noch, dass die genannten Besatzungs- 
truppen nur etwa 6 Monate in Posen verblieben, und im 
März 1806 die ständige Friedensgarnison wieder zurück- 
kehrte. 

Wie ich schon erwähnt habe, kam im Oktober 1800 
der Oberst v. Zastrow als neuer Regimentschef nach Posen, 
der sich bisher in der Umgebung des Königs befunden 
hatte, und dem nun wohl die grossartigen Berliner und 
Potsdamer Garnisonverhältnisse vorschwebten, von denen 
er etwas auch auf seinen neuen Standort zu übertragen 
wünschte 2 ). Denn wie die Kammer 3 ) am 3. November 1801 
an das südpreussische Departement berichtete, hatte der 
neue Garnisonchef sogleich nach seinem Eintreffen bei ihr 
beantragt, den Wühelmsplatz zum Paradeplatz für sein 
Regiment herrichten zu lassen; der gleichzeitig vorgelegte 
Kostenanschlag des Bauinspektors Wernicke sah dafür 
1562 Tlr. 17 Sgr. als erforderlich vor. Dass der Antrag 
des neuen Regimentschefs solange unerledigt geblieben war, 

!) Diese bildeten die 2. Warschauer Füs.-Brigade. 

2 ) Der neue Regimentschef stammte aus Ruppin, war seit 
1793 Flügel- und sodann Generaladjutant des Königs gewesen, diente 
bei Verleihung des Regiments 34 Jahre und war erst 49 Jahre alt, 
als er in Posen eintraf. Er war am 10. Januar 1796 Oberst geworden, 
stieg am n. Juni 1801 zum Generalmajor auf und führte in der letzten 
Hälfte des Krieges 1806/7 die Geschäfte eines Kabinettsministers. Am 
4. Mai 1807 wurde er als Generalleutnant beim L'Estocqschen Korps 
angestellt, bald darauf verabschiedet, 1817 aber wirklicher Offizier 
von der Armee ohne besondere Dienststellung, bald darauf preussischer 
Gesandter in München, 1822 zum General der Infanterie befördert 
und 1824 zum Gouverneur des Fürstentums Neufchätel ernannt, in 
welcher Stellung er am 22. Juli 1830 im Alter von 80 Jahren starb. 

3) Geh. St.-A. Berlin: Gen.-Dir. Südprss. Milit. LXXI Nr. 20 
Vol. IV Bl. 267—279. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 127 

hatte seinen Grund darin, dass für Posen etliche ganz 
neue Garnisoneinrichtungen geplant waren, vor allem die 
Anlage eines Proviantmagazins, über dessen Unterbringung 
man sich nicht so schnell schlüssig werden konnte; man 
schwankte zwischen dem Wilhelms- und dem bereits 
angekauften Zarlinskischen Platz 1 ). Am 11. September 
•d. J. hatte das Militärdepartement der Kammer eröffnet, dass 
beabsichtigt sei, zum Besten der Garnison die Wilhelms- 
strasse für das Magazin auszuwählen und den Zarlinski- 
schen Platz zum Exerzierplatz einzurichten, statt des 
letzteren aber für die Magazin Wirtschaft eine Stelle zwischen 
den Gärten des Geisler und des Dominikanerklosters 
auszuwählen, die einen Teil des Karmeliterklosters aus- 
mache. Denn hier werde das Magazin „mehr der freien 
Luft" ausgesetzt, „von Feuersgefahr entfernter," auch „in 
der Absicht der wenigeren Baukosten besser, dabey vom 
Strom nicht merklich entfernter liegen." Auf Grund dieser 
Mitteilung fragte nun die Kammer an, ob die „Grundstücke 
•des Karmeliter- Josephiner-Klosters" zu diesem Bau ab- 
getreten werden sollten, und stellte dem Minister vor, es 
sei besser, den ehemaligen Zarlinskischen Platz dem 
Regiment zum Paradeplatz einzuräumen, weil auf der 
einen Seite des Wilhelmsplatzes „das Schauspielhaus 
plaziert" werden solle. Sie fügte auch hinzu, dass die 
Kosten der Herrichtung dieses Platzes sich um 190 Tlr. 
10 Sgr. geringer stellen würden. 

Der Minister v. Voss eröffnete der Kammer hier- 
auf am 18. November, dass die Grundstücke dem genannten 
Klosterkonvent nicht ohne Entschädigung genommen werden 
können; denn „die bei der Einziehung der wirklichen 
Klostergebäude stattgefundene Maasregel kann nicht eben- 
falls auf die Vorwerksgebäude angewendet werden, da es 
bei der Translokation des Josephiner-Klosters keinesweges 
Unsere Absicht war, demselben auch die Einkünfte und 
die zu dem Kloster gehörigen sonstigen nutzbaren Grund- 
stükke zu entziehen," zu denen das Vorwerk gehört. 

!) Dieser lag vor dem Wronker Tore neben dem alten Garnison- 
Lazarettgebäude, also auf dem heutigen Wronker Platz. 



128 Hugo Sommer. 

Dem General v. Zastrow dauerte aber die Sache zu 
lange, und er schrieb am i. Dezember an den Minister, 
dass er nicht mehr so lange warten könne, bis der Zarlinski- 
sche Platz vom Militär-Departement gegen 6 Morgen des 
Klostergartens abgetreten sein werde. Es sei eine drin- 
gende Notwendigkeit, dass sein Regiment zum März k. J. 
einen Paradeplatz habe, da zu dieser Zeit die „Kantonisten 
einkommen" und auf dem „tiefen hiesigen Boden im 
zeitigen Frühjahr nicht vor dem Tor exerziert werden kann." 
Daher habe er den Zarlinskischen Platz auf Kosten seines 
Regiments vorläufig planieren lassen, um ihn im Frühjahr 
in Gebrauch zu nehmen. Die Einebnungsarbeiten habe 
er von den Soldaten unter der Aufsicht von Offizieren 
verrichten lassen, weil sich dies billiger stelle, als wenn 
es durch Tagelöhner geschehen würde. Unterm 7. De- 
zember gab der Minister seine vorläufige Genehmigung zu 
dieser Massregel, und am 13. Februar 1802 bewilligte 
denn auch das südpreussische Departement die durch 
diese Arbeiten entstandenen Kosten in Höhe von 1372 Tlr. 
7 Sgr. 

Wenn man sich die Posener Militäretats durchsieht, 
so fallen sofort die ganz beträchtlichen Ausgaben auf, 
die nach Titel IV zur Unterhaltung der Wachen her- 
gegeben werden mussten. Es hingen diese Aufwendungen 
vor allem mit der elenden Beschaffenheit der hiesigen 
Wachgebäude zusammen, die in polnischer Zeit ebenso 
dem Verfalle preisgegeben worden waren, wie die Be- 
festigungswerke überhaupt, und deren Wiederinstand- 
setzung ziemlich teuer zu stehen kam. Wie ein roter 
Faden zieht sich gerade diese Angelegenheit durch alle 
Aktenstücke der südpreussischen Zeit, die den Garnison- 
stand in Posen betreffen, und die Klagen und Beschwerden 
der Regimentschefs scheinen niemals ein Ende gefunden 
zu haben. Schon am 11. Oktober 1796, als die äussere 
Ruhe und Ordnung in dem neu erworbenen Landesteile 
einigermassen eingekehrt waren, ersuchte die Kammer 1 ) 

i) Geh. St.-A. Berlin: Gen. -Dir. Südprss. Milit. LXXI Nr. 2a 
Vol. II. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 129 

um den Bau eines neuen Wachthauses am Bromberger 
(richtiger Wronker!) Tor, weil die dort befindliche Wache 
„wirklich viel zu eng, finster und dumpfig" war, reichte einen 
Kostenanschlag dazu ein und bat um die Genehmigung zur 
Anbringung von „Laternen am Wallascheyer Thor", was 
das südpreussische Departement am 24. Oktober bewilligte. 
Gleich darauf beschwerte sich der Regimentschef über 
das schadhafte Dach auf der Hauptwache, das in einem 
so schlechten Zustande war, dass „sich der Wachthabende 
nicht mehr vor dem Regen sichern" konnte; diese letztere 
Reparatur war auf 81 Tlr. 6 Sgr. veranschlagt. Doch 
auch die Torwache „am Wallascheyer Thor" bedurfte eines 
Neubaues, zu welchem Behuf e am 10. März 1797 seitens 
des genannten Departements der ihm vorliegende Kontrakt 
mit dem Schlosser Heese genehmigt wurde, der einen 
Fleck seines Gartens neben diesem Tore zur Erbauung 
des Wachgebäudes für 65 Tlr. abtrat. 

Im Frühjahr d. J. bereiste der Inspekteur der süd- 
preussischen Infanterie, Generalmajor v. Grevenitz aus 
Glogau, Südpreussen und erstattete an den Minister Grafen 
Hoym seine Meldung über den Garnisonbefund. Er be- 
richtete am 14. Juni darin über die Stadt Posen, dass es 
höchst notwendig sei, die Wachtstube am Warschauer 
Tore 1 ) zu vergrössern und schrieb wörtlich: „Es ist ein 
wahres dunkles Hundeloch, worin nur eine Wache von 
1 Unteroffizier und 4 Mann Platz hat. Die Passage ist 
dort grösser als am Sand- und Oder-Thor in Breslau zu- 
sammen, und der Dohm und die Vorstädte dabey grösser 
als die Vorstadt vorm Oder- und Sand-Thore, und den- 
noch ist darin bey Tage kein einziger Soldat zur Wache, 
welches bey Unruhen oder Feuers-Gefahr sehr bedenk- 
lich ist. Die Unkosten, um die Wachtstube zu vergrössern, 
können nicht gross seyn, da sich nicht 100 Schritt davon 
ein alter, bereits halb abgebrochener Thurm und Gebäude 
befindet, welche die Strasse schänden und davon die 
Ziegeln zur Vergrösserung der Wachtstube leicht und 
nützlich angewendet werden können." 
l ) Das Dom- oder Wallis chei-Tor. 

Zeitschrift der Hist. Ges. för die Prov. Posen. Jahrg. XXVI. 9 



13° Hugo Sommer. 

Nachdem er sodann die Mängel anderer Garnison- 
orte aufgezählt hatte, schloss er seinen Bericht mit folgen- 
dem interessanten Nachsatze: „Sonst habe ich Euer 
Exzellenz gehorsamst zu melden, dass die Revue bei 
Posen gut gehalten worden ist. Der Zulauf von vielen 
vornehmen Pohlen war ausserordentlich, und sie sind 
über unsere Truppen erstaunet, weil das Manoeuvre am 
2. Revue-Tage, wo die Cavallerie und Infanterie zusammen 
nach meiner Disposition als ältester General manoeuvrirt, 
sehr in die Augen fiel und gut exekutiret ward, ohn- 
geachtet das Regiment Hiller über iooo und das Regiment 
v. Crousaz über 900 Recruten seit 2 Jahren hatte. Seiner 
Königlichen Majestät habe ich das Vergnügen gehabt zu 
melden, dass es bei der Revue und im Lager an nichts 
gefehlet hat, sondern alles im Überflusse da gewesen; 
auch dass die Stadt Posen seinem Canton - Regiment 
v. Hiller 61 Achtel Bier und eine grosse Tonne Brandt- 
wein zum Geschenk ins Lager geschickt hat" 

Es bedurfte aber nicht mehr des Berichts des Inspek- 
teurs, da das südpreussische Departement bereits am 
5. Juni zum Bau des Wachthauses am Warschauer Tore 
857 Tlr. 16 Sgr. 6 Pfg. bewilligt hatte, indem es aus dem 
ihm vorgelegten Voranschlage die Kosten der geplanten 
Verblendung mit 87 Tlr. 8 Sgr. 8 Pfg. in Abstrich 
brachte. 

Anders gestaltete sich jedoch die Sache inbetreff 
des Wronker Tores, zu dem für den Neubau des Wacht- 
hauses ein Kostenanschlag von 2083 Tir. 7 Sgr. 2 Pfg. 
am 26. Mai einging, den das Ober-Baudepartement nach 
sorgfältiger Prüfung am 23. Dezember auf 1885 Tlr. 4 Pfg. 
herabminderte. Allein für die Ausführung dieses Baues 
fand sich, wie die Kammer am 23. Mai 1798 berichtete, 
„kein Lizitant", weshalb sie denselben für 1841 Tlr. 19 Sgr. 
4 Pfg. dem Stadtbauinspektor Niederäcker zu übertragen 
gedachte und hierzu am 14. Juni die Genehmigung ein- 
holte. Das südpreussische Departement jedoch beschied 
die Kammer am 19. Juli dahin, dass „die Notwendigkeit 
des Wachthaus- Baues noch gar nicht einmal recht dar- 



Posen als militärischer Standort in südpreussisc.her Zeit. 131 

•getan" sei, anderseits erlaubten aber auch augenblicklich 
<lie Fonds keinen so kostspieligen Bau. 

Der Bau der Torwache am „Wallascheyer" Tor 
zeitigte, wie die Kammer 1 ) am 25. August 1798 meldete, 
noch ein kleines Nachspiel. Der Magistrat nämlich hatte, 
als im November des Vorjahres der Abbruch des alten 
Gebäudes vor sich ging, die wachthabenden Soldaten in 
die Schankstube des dicht am Tore wohnenden Brauers 
Chejcinski gelegt, worüber sich der letztere nunmehr be- 
schwerte und gleichzeitig eine übertriebene Miete ver- 
langte. Die Untersuchung der Angelegenheit ergab, dass 
der Magistrat vorher keinen Kontrakt mit dem Beschwerde- 
führer abgeschlossen hatte, sondern die Wache war durch 
den Stadt-Quartiermeister Tatzler mit Bewilligung der 
damals in der Schankstube befindlich gewesenen Schän- 
kerin hier eingelegt worden, ohne zu wissen, dass Chq- 
cinski der Eigentümer des Hauses sei. Bei dieser Sachlage 
hatte die Kammer dem Magistrat aufgegeben, die Wache 
sofort anderweitig unterzubringen. Dies erwies sich aber 
als unausführbar, weil das Regiment verlangt hatte, dass 
die Wache hier verbleiben müsse; ferner war eine Be- 
setzung dieser Torwache von der Hauptwache aus des- 
halb nicht zu bewirken gewesen, weil es „wider alle Vor- 
sichtsmassregeln laufen würde, wenn man ein Thor, wo 
eine sehr starke Passage sei, bloss mit einer Schildwacht 
besetzen wollte". Was den Beschwerdeführer anlangte, 
so zahlte er jährlich 16 Dukaten Miete und vierteljährlich 
3 poln. Gld. Abgaben. Aus diesem Grunde sowie weil 
nach der Aussage des Schankers in einem Zeitraum von 
5 Wochen „nur 4V2 Tonnen Bier und 50 Quart Brand- 
wein ausgeschenkt" wurden, mithin der Nutzen nur sehr 
gering sein könne, habe der Magistrat vorgeschlagen, den 
Che.cinski mit einer monatlichen Miete von 4 Tlr. 4 Sgr. 
abzufinden. Mit diesem Satze wollte Ch. nicht zufrieden 
sein, sondern verlangte 9 Tlr. Am 17. September erhielt 
«er für 7 Monate 68 Tlr. 9 Sgr. 7V5 Pfg. als Entschädigung. 

!)* Geh. St.-A. Berlin: Gen.-Dir. Südpreuss. Milit. LXXI, Nr. 20. 
Vol. III Bl. 80. 

0* 



13 2 H u g o S o m m e r. 

Die Erweiterung der Stadt nach der Schleifung der 
Festungswerke bedingte auch eine Vermehrung der Sicher- 
heitswachen. Aus diesem Grunde teilte der Generalmajor 
v. Zastrow am 25. August 1801 der Kammer mit, dass- 
„mehrere Rücksichten es nothwendig machten, die zur 
Ablösung der auf der Wilhelmsstadt verteilten Schild- 
wachten erforderliche Mannschaft auf einen Fleck zu kon- 
zentriren", und bat, den mittleren Teil der der Frohnfeste 
gegenüber angelegten Nischen zu einer Wacht für 1 Offi- 
zier und etwa 24 Mann einrichten zu lassen. Die Kammer 1 )* 
sah die Notwendigkeit dieser Wachanlage ein, befürwortete 
das Gesuch des Generals am 15. September und hob in 
ihrem Bericht an den Minister hervor, es sei nötig,, 
die „immer mehr sich ausdehnende Wilhelmsstadt unter 
militärische Aufsicht" zu nehmen, an der es gänzlich 
ermangele, sie auch „abends und nachts gehörig abpatrouil- 
liren" zu lassen, ferner die mit „einer grossen Anzahl 
Maleficanten angefüllte Frohnveste unter die Augen" zu 
haben und endlich die durch die Mühlenpforte passieren- 
den Personen „gehörig examinieren" zu können. Die 
Miete würde 24 Tlr. betragen; die Wache werde der 
Magistrat einrichten lassen. Der Minister antwortete darauf 
am 30. Oktober, die Herstellung der neuen Wache sei zu 
kostspielig, weshalb er es für angezeigt halte, diese Wache- 
in dem Josephinerkloster oder in einem zu diesem ge- 
hörigen Nebengebäude unterzubringen. Dies Arrangement 
sei um so zweckmässiger, als dort gleichzeitig das Garni- 
soniazarett untergebracht werden solle. Er gab der Kammer 
auf, erst noch eine Rücksprache mit dem General zu, 
nehmen und, falls der Kostenanschlag sich zu teuer steilem 
sollte, mit dem Magistrat wegen Abtretung der Nischen, 
in Unterhandlungen einzutreten. 

Die Kammer entsprach den Anordnungen des Ministers^ 
und berichtete über das Ergebnis ihrer Schritte 2 ) arm 
12. Dezember an das südpreussische Departement folgen- 
des: Im Kloster sei kein Raum mehr für eine Wacht- 



i) Ebenda: Vol. IV Bl. 248. 
2) Ebenda: Vol. V Bl. 6—10. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 133 

•stube vorhanden, weil dort nur notdürftig das Lazarett, 
-.sämtliche Montierungskammern des Regiments, die Militär- 
Industrieschule x ) und die Säle zum Unterricht für die 
Offiziere, Junker und Unteroffiziere untergebracht, und 
<3abei schon der ganze Dachboden des Klosters zu Hilfe 
genommen worden wäre. Auch die Nebengebäude des 
Klosters hätten sich bei einer stattgefundenen Besichtigung 
.als ungeeignet erwiesen. Auf dem vorgeschlagenen Platze 
zwischen der Frohnfeste und der einen Bastion könne das 
meue Wachthaus aus dem Grunde nicht erbaut werden, 
weil dieser Platz „wegen der zu translocirenden Bogdanka- 
Mühle hinter das Gehöfte der Frohnveste zu einer öffent- 
lichen Mühlenstrasse" benutzt werden müsse. Es blieben 
somit nur die Nischen als geeignete Stelle übrig, wegen 
deren Überlassung zu Wachtzwecken der Magistrat sich 
unterm 28. November einverstanden erklärt und sich auch 
verpflichtet habe, die Unterhaltung des Wachtgebäudes 
zu übernehmen, sofern ihm 24 Tlr. jährliche Miete gezahlt 
würden. Die Kosten für die Einrichtung würden sich nach 
einem Voranschlage auf insgesamt 1231 Tlr. 1 Sgr. 2 Pfg. 
stellen. Das Generaldirektorium wies die genannte Summe 
aus der Extraordinarium-Kasse am 5. Januar 1802 zur 
.Zahlung an. 

Der Vollständigkeit halber muss ich schliesslich 
noch mitteilen, dass bei dem grossen Brande Posens auch 
das „Wachthaus am Wallascheyer Thor" ein Raub der 
Flammen geworden war. Am 27. November 1804 be- 
richtete die Kammer 2 ) an das südpreussische Departement, 
dass aus diesem Anlass die Wache in dem „Rathause 
auf der Wallascheyer Vorstadt" hätte untergebracht werden 
müssen. 

Was das Wachtwesen überhaupt anbetrifft, so 
müssen in den ersten Zeiten der südpreussischen Ver- 



1 ) Der Unterricht der Soldatenkinder erstreckte sich auch 
auf Handfertigkeiten. Siehe „Cavan, das Kfiegs- oder Militärrecht". 
Berlin 1801, S. 273. 

2 ) Geh. St.-A. Berlin: Gen.-Dir. Südprss. Milit. LXXI, Nr. 20. 
Vol. V Bl. 184. 



134 Hugo Sommer. 

waltung seitens der Zivilbehörden wohl etwas übertriebene- 
Anforderungen an das Militär gestellt worden sein, die- 
den Generalleutnant v. Favrat, den damaligen komman- 
dierenden General in Posen, veranlassten, darüber unterm 
14. Oktober 1795 Beschwerde x ) bei dem Ober-Kriegs- 
Kollegium zu führen. Der General schrieb u. a., dass 
„verschiedene Zivilbehörden das Recht, Schild wachen 
fordern zu können, bis zur höchsten Ohngebühr ausdehnen",,, 
und legte die Verhältnisse eingehend dar. Diese An- 
gelegenheit wurde dem Könige vorgetragen, auf dessen 
Befehl der General der Infanterie v. Rohdich, der Erste 
Kriegsminister und Präsident im Ober-Kriegs-Kollegium,, 
unterm 19. Oktober verfügte, dass „wenigstens vor jezo 
noch immer zur Sicherstellung der Cassen und Dicasterien 
mehr als in allen übrigen Provinzen von Seiten des 
Militärs concurriert werden" müsse. Am nämlichen Tage 
erging auch ein Schreiben an den Minister v. Struensee,, 
dass zwar auf dessen Antrag vom 21. September d. J. die 
Truppenteile angewiesen worden seien, die „zu den Salz- 
magazinen und Cassen nöthigen Schildwachten" herzugeben, 
dass jedoch einzelne Rendanten in ihren Forderungen, 
zu weit gingen, indem sie, wenn sie nicht „dicht bei den 
Magazinen oder eigentlichen Kassengebäuden" wohnten,, 
noch überdies eine „besondere Schildwacht vor ihrer 
Privatwohnung" verlangten. Eine derartige Forderung 
werde in den übrigen Provinzen nicht gestellt und könne 
auch für Posen nicht erfüllt werden, ebenso sei ein Posten; 
auch dann nicht notwendig, wenn eine Zeitlang keine 
Geldvorräte in den Kassen vorhanden seien. Im übrigen 
werde es militärischerseits für „vollkommen hinreichend" 
erachtet, dass bei „geringfügigen Kassen nur eine Nacht- 
post" gestellt werde. 

Eigentümlich mutet es uns an, wenn wir in den 
Akten auf ein Schreiben des Generals v. Crousaz 2 > 

stossen, in dem er am 2. Dezember 1797 an den Kriegs- 



i) Arch. d. Gen.-Stabs IV, Nr. 110. 

*) Geh. St.-A. Berlin: Gen.-Dir. Südpreuss. Milit. LXXI,. 
Nr. 20. Vol. III Bl. 6. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 135 

minister die Bitte um Erbauung eines Galgens 
richtete, an den „die Namens der Deserteurs angeschlagen 
werden können," weil in Posen kein Galgen existierte. 
Die Fahnenflucht nämlich war in jenen Zeiten eine Begleit- 
erscheinung der ganzen Ergänzungsweise des Heeres, weil 
jede Kompagnie bei der Infanterie 76 geworbene Mann- 
schaften zählte. Durch diesen Krebsschaden des Heeres 
wurde ihm der Auswurf der Gesellschaft zugeführt, so 
dass Scharnhorst *) sagte, es seien darunter „die Vaga- 
bunden, Trunkenbolde, Diebe, Taugenichtse und andere 
Verbrecher aus ganz Deutschland gewesen." Die meisten 
dieser Leute dienten nur, um sich ein vorläufiges Unter- 
kommen zu verschaffen, und suchten, bei der ersten besten 
Gelegenheit fahnenflüchtig zu werden. Sobald nun ein 
Deserteur nicht ergriffen werden konnte, musste ihm der 
Prozess gemacht and sein Name an den Galgen geschlagen 
werden. Der General wusste wohl, dass er als Chef des 
Regiments zur Tragung der Exekutionskosten verpflichtet 
war, nicht aber zur Erbauung eines Galgens; denn ein 
solcher befand sich in jeder Garnison, und der Chef 
brauchte dann bloss die Kosten, die das Anschlagen der 
Namen verursachte, zu tragen. Das Militär-Departement 
verwies den Antragsteller aber mit seinem Anliegen an 
den Grafen Hoym, und dieser wiederum veranlasste 
unterm 9. Februar 1798 die Posener Kammer, dem Ersuchen 
des Generals stattzugeben. 

Da die Artillerie damals noch nicht so organisiert 
war wie heute, vielmehr jedes Infanterieregiment 2 sechspfd. 
Kanonen als sogenannte Regimentsgeschütze besass, 
so benötigten diese in der Garnison auch eines Unter- 
standsraumes. In Posen nun hatte man die Kanonen im alten 
Zeughause untergebracht, das am Alten Markte zwischen 
den Heringsbuden und den Fleischbänken lag. Da es 
äusserst baufällig war, so wollte man es verkaufen, wozu 
Graf Hoym am 25. März 1797 seine Genehmigung erteilte 2 ). 

!) M. Lehmann, Scharnhorst. Leipzig, 1887. II 79. 
2 ) Geh. St.-A. Berlin: Gen. -Dir. Südpreuss. Milit. LXXI, 
Nr. 20 Vol. IL 



136 Hugo Sommer. 

Einen geeigneten Raum zur Unterbringung der Regiments- 
kanonen glaubte man in dem bei der Regierung be- 
findlichen Kämmereihofe gefunden zu haben, der aber 
einer Erweiterung bedurfte, weshalb ein Kostenanschlag 
dafür aufgestellt wurde, der sich auf 114 Tlr. 15 Sgr. 1 Pfg. 
belief. Doch fand sich, nachdem der Bau genehmigt 
war, wie es heisst, trotz der erfolgten „Licitation zur 
Entreprise dieses Baues durch die Zeitungen und Intelligenz- 
Blätter kein Entrepreneur" für die Herstellung des neuen 
Kanonenschuppens, so dass der Stadtbauinspektor Nieder- 
äcker sich veranlasst sah, mit dem Maurermeister Schulz 
und dem Zimmermeister Nerger einen Kontrakt zwecks 
Übernahme dieses Baues abzuschliessen. Dieser sollte 
sich auf 847 Tlr. 10 Sgr. 10 Pfg. stellen, wurde am 17. No- 
vember 1798 vollendet und hatte einen Mehraufwand ver- 
ursacht, der nicht ganz bewilligt wurde; denn die Unter- 
nehmer erhielten nach einigen Abstrichen nur 872 Tlr. 
14 Sgr. 9 Pfg. Was das Schicksal des alten Zeughauses 
anbetrifft, so meldete die Posener Kammer 1 ) unterm 
20. Dezember 1799 dem südpreussischen Departement, 
dass „der Vorderteil" für 545 Tlr. an den Kaufmann 
Hoffmann verkauft, während „der Hinterteil als inte- 
rimistisches Gefängnis für das Inquisitoriat" eingerichtet 
worden sei. 

Weiter benötigte das Regiment in Posen auch einen 
Pulverturm, der wegen seiner Gefährlichkeit von den 
Wohnstätten abgelegen sein musste. Wie aus den 
Akten 2) ersichtlich ist, beabsichtigte man, einen solchen 
Turm auf einem Platze gegenüber der Commenderie zu 
erbauen. Allein „der Maltheser — Ritter von Miaskowsky" 
wollte sich zur Abtretung desselben nicht verstehen, weil 
„bey einem möglichen Unglücksfalle nicht nur seine, 
sondern auch die nahe gelegenen Gebäude und sogar die 
Kirche 8 ) der Gefahr ausgesetzt" sein würden. Ebenso 
weigerten sich auch die anderen Besitzer, die vom General- 

i) Ebenda: Vol. II. 

2) Ebenda: Vol. IL 

3 ) Die Johanneskirche vor dem Warschauer Tor. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 137 

major v. Crousaz für diesen Zweck ausgewählten Plätze 
herzugeben, bis endlich „nach vielen Bemühungen ein an 
der Strasse nach Naramowiez und ohngefähr 300 Schritte 
von dem ersten Gebäude des Kämmereidorfes Bonin 1 ) 
belegener, dem Kaufmann Helling zugehöriger Platz" ge- 
funden wurde, den der Maurermeister Schildner gegen 
«ine Abstandssumme von 100 Tlr. dem Militär überlassen 
wollte. Am 22. März 1797 erteilte Graf Hoym die Ge- 
nehmigung zum Ankauf dieses Platzes und zur Erbauung 
des Pulverturms, der von dem genannten Maurermeister 
für 375 Tlr. erbaut und am 26. August 1798 vollendet 
war. Auf der Höhe bei Winiary stand, wie aus der Ge- 
nehmigung zur Verlegung des Pulverturms vom 10. Sep- 
tember 1798 hervorgeht, auch die Trainremise 2 ). Am 
31. März 1799 wurde die Anbringung eines Blitzableiters 8 ) 
an diesem Pulverturm beantragt, den der Stadtbauinspektor 
Niederäcker für 54 Tlr. herstellen wollte; doch bemerkte 
die Kammer hierzu, dass es wohl ratsamer sei, die Anlage 
des Blitzableiters in der gleichen Weise auszuführen wie 
in Fraustadt. Das südpreussische Departement bewilligte 
hierfür 76 Tlr. 14 Sgr. mit der Massgabe, dass die Fraustädter 
Anlage den Vorzug verdiene. 

Nun sollte aber noch der Platz, auf dem der Pulver- 
turm zuerst gestanden hatte, im Wege des Meistgebots 
versteigert werden; doch konnte, wie die Kammer schliess- 
lich berichtete, „trotz mehrfacher Lizitationstermine" dafür 
kein höheres Gebot als nur 15 Tlr. erzielt werden, wes- 
halb denn am 30. März 1801 endlich dieser Platz dem 
Zimmermeister Nerger mit Genehmigung des südpreussi- 
schen Departements zugeschlagen wurde. 

Wie ich weiter unten nachweisen werde, benötigte 
in damaliger Zeit die Garnison eine ganz bedeutende 
Menge von Klobenholz zum Heizen der militärischen Ge- 
bäude, das in Posen von dem königlichen Holzhofe abgeholt 



*) Ein Schulzengut in der Nähe von Winiary. 

2 ) Geh. St.-A. Berlin: Gen. -Dir. Südpreuss. Milit. LXXI, 
Nr. 20 Vol. III. 

3) Ebenda: Vol. IV. 



138 Hugo Sommer. 

werden musste. Um die Abgabe desselben an die Truppen 
bequemer bewirken zu können, wurde von der städtischen 
Kämmerei ein Militär-Holzschuppen gemietet, für den 
unterm 18. Februar 1800 die Kammer l) bei dem General- 
direktorium eine jährliche Miete von 12 Tlr. beantragte. 
In der Begründung dieses Antrages hiess es, es musste 
„bey der weiten Entfernung des Holzhofes die Einrich- 
tung getroffen werden, dass das Holz täglich von dort aus 
an die Wachten geliefert werde, da der Holzhof besonders 
zur Frühjahrszeit öfters überschwemmt, und die Holzab- 
fahrt nicht anders als durch Kähne zu bewirken ist." Die 
geforderte Miete wurde in den Militäretat eingestellt. 

Die Regimenter des alten preussischen Heeres bil- 
deten nicht nur als höchste taktische Einheit ein mili- 
tärisches Ganze, sondern auch gesonderte Kirchen- und 
Schulgemeinden. Darum gehörte zum Unterstabe eines 
jeden Regiments auch ein Feldprediger, der zusammen 
mit dem Regimentsküster zum Unterricht der Soldaten- 
kinder verpflichtet war; dieser erstreckte sich auf Biblische 
Geschichte, Katechismus, Lesen, Schreiben, Rechnen und 
Gesang. Unterhalten wurden die Regimentsschulen aus 
dem sogenannten Traugelderfonds, zu dem jeder Soldat, 
der sich verheiratete, den festgesetzten Betrag von 3 bis 
5 Tlr. entrichten musste. Patron einer solchen Schule 
war der jedesmalige Regimentschef, der auch den Küster, 
nachdem dieser durch eine Prüfung vor dem Feldprediger 
seine Brauchbarkeit als Schulmeister dargetan hatte, an- 
stellte. Durch die K.-O. vom 9. Februar und 22. Oktober 
1788 war es jedem Regimentschef zur Pflicht gemacht,, 
der Schule seines Regiments die erforderliche Aufmerk- 
samkeit zuzuwenden und für die Durchführung eines 
geregelten Schulbesuchs zu sorgen. Deshalb beauftragte 
auch der Generalmajor v. Crousaz, nachdem sein Regi- 
ment Nr. 39 Posen als Friedensstandort zugewiesen er- 
halten hatte und im August 1795 hier eingerückt war r 
den Feldprediger dieses Regiments, Wegener, er möge 



i) Ebenda: Vol. IV Bl. 150. 



Posen als militärischer Standtort in südpreussischer Zeit. 139 

sobald als tunlich mit der Einrichtung einer Garnison- 
schule 1 ) vorgehen. 

Wegener setzte hiervon am 19. August den hiesigen 
Magistrat in Kenntnis und bat in seinem Schreiben, es 
möge „ihm das der Kämmerei zugehörige Haus, worin 
bisher das Lazarett" sich befunden hätte, für die Schul- 
zwecke des Regiments überlassen werden, weil es, wie 
er sich ausdrückte, „das einzige in der Stadt ist, was sich 
bequem dazu schickte." Wegener muss sich das Gebäude 
wohl schon vorher daraufhin angesehen haben; denn er 
erbat sich einige Tage später die beiden vorderen Zimmer 
für die Schulzwecke, weil sie die grössten in dem Gebäude 
waren. Dieser Wunsch war ihm nicht zu verdenken,, 
weil ja das Regiment über 400 Soldatenkinder zählte, von 
denen sicher die Hälfte schulpflichtig war. Diese beiden' 
«Zimmer aber waren bereits von den Büchsenmachern des. 
Regiments eingenommen worden. Der rührige Feldprediger, 
dem viel daran lag, den Befehl des Chefs auszuführen, 
wusste sich aber Rat, und da er mit dem Unterricht so 
bald als möglich beginnen wollte, weil er seit Mitte No- 
vember bereits „seine Schullisten beisammen" hatte, so 
machte er in dem alten Gebäude doch noch zwei geeignete 
Stuben ausfindig und Hess dieselben kurzerhand seinen 
Weisungen und Wünschen gemäss herrichten, wodurch 
ganz beträchtliche Unkosten entstanden. Durch dieses- 
energische Vorgehen hatte zwar die Garnisonschule ein: 
Unterkommen gefunden; allein die Folge davon war, dass 
sich ein Streit darüber entspann, wer denn nun eigentlich 
die Kosten der Instandsetzung, die der Posener Kriegs- 
und Domänenkammer viel zu hoch erschienen, bezahlen 
sollte. Sie verweigerte entschieden die Erstattung der 
Kosten an die städtische Kämmereikasse, indem sie mit 
Recht hervorhob, keine Anweisung seitens des General- 
direktoriums erhalten zu haben. Der Magistrat forderte 
also von dem Stadtbaumeister Braun eine eingehende Dar- 
stellung des Sachverhalts ein. Er rechtfertigte unterm 



i) Stadtarchiv Posen: C. XXII. A. 1. 



14° Hugo Sommer. 

21. Januar 1796 die Notwendigkeit der umfangreichen 
Reparaturen an den beiden Zimmern und berief sich aus- 
drücklich auf die ihm vom Feldprediger Wegener 
erteilten Weisungen. Sein ausführlich begründeter Be- 
richt war für den Magistrat von Erfolg gekrönt, indem 
der Minister Graf Hoym am 1. Juli 1796 von Warschau 
aus die Bezahlung der aufgelaufenen Kosten im Be- 
trage von 127 Tlr. 16 Sgr. durch die Kämmereikasse 
verfügte. 

Die Posener Garnisonschule entwickelte sich ruhig 
weiter, nachdem durch die K.-O. vom 19. Februar 1797 eine 
endliche Regelung der Militärschulverhältnisse erfolgt war, 
die neben der materiellen Besserstellung auch eine durch- 
greifende Reform der Schule brachte. Denn nun traten 
als neue Unterrichtsgegenstände Geschichte, Moral, Erd- 
kunde und Naturgeschichte in den Lehrplan ein. Daneben 
erhielten die Mädchen wie die Knaben durch eine Industrie- 
iehrerin Unterricht im Nähen, Stricken und Spinnen, 
wodurch die geübteren Kinder in den Stand gesetzt 
wurden, durch Arbeit etwas zu verdienen. Die neu ein- 
gerichtete Militär-Industrieschule wurde in dein ehemaligen 
Josephinerkloster untergebracht. Neben dem jährlichen 
Zuschuss aus den Zinsen des seit 1789 ange- 
sammelten Schulfonds mussten die Kompagniechefs fest- 
stehende Beiträge von je 6 Tlr. jährlich leisten, was für 
unsere Schule 72 Tlr. ausmachte, und ausserdem flössen 
dem Schuletat die Erlöse aus den Trauscheinen des 
Regiments zu. Die Verwaltung der Schule lag einer 
militärischen Schulkommission ob, deren Tätigkeit so ge- 
regelt war, dass die Offiziere den Schulbesuch überwachten, 
die säumigen Väter ermahnten und bestraften, der Auditeur 
Guischard die Schulkasse verwaltete, und dem Feldprediger 
Wegener als Direktor eine strenge, geregelte Schulaufsicht 
sowie die Berichterstattung an das Kriegsministerium zufiel. 
Um den Eltern die Wohltaten der Schulbildung vor 
Augen zu führen und ihr Interesse für die Schule anzu- 
regen, fand alljährlich vor der Revue eine öffentliche 
Prüfung statt. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 141 

Darüber hatte man jedoch vergessen, einen Kontrakt 
mit dem Magistrat abzuschliessen sowie die vom Magistrat 
geforderte Jahresmiete zu bezahlen, bis endlich am 
17. August 1798 der Kämmerer Zborowski dem Magistrat 
anzeigte, dass die Garnisonschule die Miete nicht bezahle. 
Der Magistrat wandte sich dieserhalb an das Regiment. 
Da das Regiment aber erst vom 1. Februar 1796 ab „vom 
Feldetat gekommen und demselben Posen zu seinem 
Standquartier festgesetzt" worden war, so bezahlte es nur 
vom 1. Februar 1796 bis 1. Oktober 1798 die rückständige 
Miete mit 64 Tlr. und ermächtigte den neuen Feldprediger 
Steinbart zum Abschluss eines Kontrakts. 

Die Garnisonschule sollte sich jedoch nicht lange der 
gepflegten Ruhe erfreuen. Denn unterm 12. November 
1798 verlangte die steuerrätliche Inspektion vom Magistrat 
eine Taxe des Hauses und des Reparaturkosten- Anschlags,, 
da das Gebäude verkauft werden sollte, und ersuchte um 
Anzeige, wo die Garnisonschule anderweit untergebracht 
werden könnte. Hiervon muss auch der Regimentschef 
v. Crousaz etwas erfahren haben und fragte deshalb am 
8. Februar 1799 beim Magistrat an, ob „die sich verbreitete 
Sage", dass das Grundstück veräussert werden solle, auf 
Wahrheit beruhe. Noch ehe der Magistrat dem General 
eine Antwort erteilt hatte, forderte die Kammer am 23. März 
einen Bericht darüber ein, ob „die hiesige Garnisonschule 
in der Stube des Schulmeisters abgehalten oder eine 
besondere Stube dazu geheizt wird." Der Stadtquartier- 
meister Tatzler, dem der Magistrat die beiden Schriftstücke 
zur Untersuchung und schleunigen Erledigung übergab,, 
berichtete daraufhin schon am 30. März, er habe sich alle 
Mühe gegeben, um „eine ähnliche Gelegenheit, worin die 
Garnisonschule untergebracht werden könnte, auszumitteln", 
doch sei es ihm unmöglich, „dergleichen für dieselbe 
Miete l ) zu beschaffen". Weil nun die Eigentümer sich 
weigerten, ihre Wohnungen zu diesem Behufe herzugeben, 
so machte er dem Magistrat den Vorschlag, ob es nicht 

x ) In andern kleineren Orten zahlte man z. B. 30 Tlr.. 
Jahresmiete. 



14 2 Hugo Sommer. 

angängig wäre, die Garnisonschule ins Karmeliterkloster x ) 
zu verlegen. Er setzte seine Untersuchungen aber noch 
weiter fort und zeigte dem Magistrat am 2. April an, dass 
er „die alte Burg auf der Zagorze" für ganz geeignet zur 
Schule halte, und fügte dieser Anzeige auch gleichzeitig 
die Mitteilung hinzu, dass die „Garnisonschule nicht in 
der Stube des Schulmeisters abgehalten" werde. 

Nach langwierigen Verhandlungen wurde der Verkauf 
des alten Lazarettgebäudes unterm 18. Oktober 1799 
endlich genehmigt; doch für die Garnisonschule wurden 
keine geeigneten Räume gefunden, obwohl dies dem 
Magistrat zur Bedingung gemacht worden war. Wegen 
der Saumseligkeit in der Behandlung dieser Sache drohte 
unterm 13. November die steuerrätliche Inspektion dem 
Magistrat eine Geldstrafe von 10 Tlr. an, falls die Schule 
nicht bis Ende des Monats untergebracht worden sei. 
Nunmehr begab sich der schon genannte Stadtquartier- 
meister zusammen mit dem Feldprediger Steinbart auf die 
Suche. Es wurde eine Besichtigung der sämtlichen hiesigen 
Klöster vorgenommen, aber nichts Passendes gefunden, 
wie ein darüber aufgenommenes Protokoll besagt. Tatzler 
hielt zwar die „grosse Stadtschule" im Jesuitenkollegium 
für ein geeignetes Gebäude; doch erhob Steinbart dagegen 
Einspruch, „weil", wie er darüber schriftlich erklärte, „die 
grössten Zänkereyen und Zwistigkeiten unter den Schülern 
zweier verschiedenen Schulen entstehen würden." Die 
Kammer gab sich mit dem in breitester Ausführlichkeit 
vom Magistrat abgefassten Berichte keineswegs zufrieden, 
nahm vielmehr die Angelegenheit in eigene Hand und 
erteilte dem Hofrat Carove einen unmittelbaren Auftrag, 
-„einen schicklichen Gelass zur Unterbringung gedachter 
Schule auszumitteln " Wie nun der Steuerrat v. Timroth 
unterm 28. Februar 1800 dem Magistrat mitteilte, war es 
dem vorgenannten Oberbeamten gelungen, in wenigen 
Stunden die Sache dahin zu ordnen, dass das Dominikaner- 
Nonnenkloster 2 ) die „Hälfte des Klostergebäudes, bestehend 

1 ) Neben der Fronleichnamskirche. 

2 ) Das Katharinenkloster in der Wronkerstrasse. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit 143 

aus dem Refectorio oder Oratorio, zwei Stuben, das grosse 
Vorhaus und Alles, was auf der rechten Seite vom 
Eingange sich befindet, nebst dem kleinen Garten gegen 
Beschaffung der Klausur und Bewilligung einer Miete" 
.abtrat. Dem Magistrat wurde gleichzeitig mit unverblümter 
Deutlichkeit vorgehalten, dass „selbst handeln dem 
Schreiben weit vorzuziehen sei." Aus dem mit der Oberin 
stipulierten Kontrakte ist ersichtlich, dass das Regiment 
fortab eine Jahresmiete von 50 Tlr., die in halbjährlichen 
Raten zahlbar waren, zu entrichten hatte. Am 31. Juli 
1800 hat die Garnisonschule das alte Lazarettgebäude ver- 
lassen und die neuen Räume bezogen. Es gab nur noch 
»ein kleines Nachspiel wegen der Zahlung der Rauchfang- 
steuer für die von der Schule bezogenen Klosterräume, 
die das Regiment am 14. April 1801 bezahlen musste, 
nachdem der Magistrat die Nach Weisung erbracht hatte, 
•dass diese Steuer gezahlt werden müsse. 

Wie ich bereits erwähnt habe, befand sich der 
Revueplatz zwischen Glowno und Schwersenz und muss 
für das Militär anscheinend zu weit entfernt gewesen sein. 
Deshalb sollte bei Posen ein neuer Truppen -Revue- 
platz für die südpreussische Inspektion eingerichtet 
werden. Am 5. Juli 1801 erging in dieser Angelegenheit 
ein Schreiben des Ministers v. Voss an die Posener 
Kriegs- und Domänenkammer 1 ), die 1 mit der Ausmittelung 
eines geeigneten Geländes beauftragt wurde. Die Sache 
wurde von dem Kammerdirektor Schmaling gemeinsam 
mit dem Generalmajor v. Zastrow ausgeführt, und als 
.„einzig tauglich die Gegend bei Gonentzien 2 ) und Solacz" 
ermittelt. Es blieb noch die Entschädigung für die beiden 
genannten Dominien festzustellen, und da machte die 
Kammer den Vorschlag, von dem „eigentlichen Ab- 
schätzungs- und Entschädigungsgeschäfte und der deshalb 
anzulegenden Vergütungs-Liquidation bis einige Wochen 
vor einer jedesmaligen Revue Anstand zu nehmen, weil 

!) Geh. St.-A. Berlin: Gen.-Dir. Südprss. Milit. LXXI, 
Nr. 18. Bl. 1. 

2 ) Gemeint ist Golencin. 



144 Hugo Sommer. 

eine jetzt vorzunehmende Bonitirung, da der Acker an 
Güte äusserst ungleich, meistenteils diesjahr ßraachland 
und ein grosser Theil nach der Überzeugung des Landraths 
von Brause unbrauchbar ist, zu unsicher seyn würde." 
Denn die Kammer befürchtete, wie sie weiter ausführte,, 
dass die Interessenten vielleicht geltend machen könnten, 
dass „sie gesonnen wären, diesen Herbst alle entlegenen 
und Dröschländer mit Winterung zu bestellen." 

Bemerkenswert ist ein Schreiben des Generals von 
Zastrow 1 ) an die Kammer vom 10. September 1801. Er 
führte darin u. a. aus, wie „es in militärischer Hinsicht 
sehr zu wünschen sey, dass die Felder vor der Revue 
nicht umgeackert würden, in dem es nicht nur der 
Infanterie äusserst beschwerlich und selbst nachteilig wird,, 
über die in dieser Gegend gebräuchlichen schmalen und 
hohen Beete zu marschieren und ihre Evolutions mit 
Genauigkeit zu exekutieren, sondern auch die Cavallerie 
bey schnellen Bewegungen unausbleiblich stürzen muss, 
und würde es seiner Majestät dem Könige gewiss sensible 
seyn, wenn durch das üble Terrain Leute und Pferde 
Schaden nehmen sollten. Ingleichen stehet zu besorgen, dass 
auch des Königs Majestät Allerhöchst eigene Person beym 
raschen Reiten mit dem Pferde fallen und Schaden nehmen 
könnten." Auf Grund dieser Darlegungen bat nun der 
General, dafür sorgen zu wollen, dass die in Frage 
kommenden „Felder unbeackert" gelassen werden sollten, 
wenn auch, wie er annahm, „die Dominien ihre Ent- 
schädigungs-Forderungen etwas höher spannen sollten." 

Auf den Bericht der Kammer antwortete das süd- 
preussische Departement 2 ) am 23. Oktober, es sei mit 
der getroffenen Wahl des neuen Revueplatzes einver- 
standen, ordnete aber an, dass die „eigentliche Grenze" 
des Revueplatzes durch einen sachverständigen Offizier 
im Verein mit dem Landrat bestimmt festgelegt, und 
Warnungstafeln angebracht werden sollten. Dagegen sei 
die Ausmittelung der Vergütigung für den Flurschaden 

i) Ebenda: Nr. 18, Bl. 4. 
2) Ebenda: BL 5. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 145 

bis zum Frühjahre hinauszuschieben und dabei nach den 
„diesfältigen Prinzipien" zu verfahren. Da solche nun in 
Posen nicht bekannt waren, so hatte die Kammer aus 
eigenem Antriebe eine Anfrage nach Warschau 1 ) ge- 
richtet und unterm 7. Oktober folgende Antwort erhalten: 
,,Wir lassen den Ertrag der Grundstücke, auf welchen 
die Revue gehalten wird, durch den concernirenden 
Landrath mit Zuziehung des Intendanten der hiesigen 
Intendantur ausmitteln und die Preise des Getreide- 
Ertrags nach der Kammer-Taxe festsetzen. Hierbei kömmt 
bey nicht besäeten Feldern das Saatkorn in Abzug, auch 
wird in Hinsicht der ersparten Saat- und Erndte-Bestellungs- 
kosten für das verlohren gehende Stroh nichts liquidirt." 
Doch war mit dieser Anordnung die Angelegenheit 
noch nicht ganz erledigt. Denn dem Minister v. Voss 
war es darum zu tun, die Abschätzung der seitens des 
Militärs verursachten Flurschäden endgiltig zu regeln, und 
so schrieb er unterm 17. November an das Militär- 
Departement inbetreff der Prinzipien wegen der „den 
Eigentümern kompetierenden Bonifikation," indem er gleich- 
zeitig um Bekanntgabe der Grundsätze ersuchte, die be- 
züglich der Flurentschädigung bei Revuen in den anderen 
königlichen Provinzen massgebend seien. Er erhielt die 
erbetene Auskunft am 28. November. Aus den An- 
weisungen des Militär- Departements ergab sich, dass all- 
gemein die „Revueplätze in den Gegenden, wo die Brache 
fällt, genommen werden" sollen; es sei nun allgemein 
üblich, bloss „die Winterfelder, welche den geräumig sein 
sollenden Revueplatz verengen möchten, unbestellt" zu 
lassen, weil die Sommerung doch erst nach der Revue 2 ) 
eingesät würde, und daher „in der Regel keine bedeutenden 
Feldschäden entstehen" können. Diesen Grundsätzen 
schloss sich denn auch der Minister an und beschied 
nunmehr die Posener Kammer dahin, dass die „durch 
die südpreussische Revue entstehenden Feldschäden den 

!) Ebenda: Bl. 11. 

2 ) Die Revue fand zwischen Ostern und Pfingsten, entweder 
Ende April oder Anfang Mai statt. 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XXYI. 10 



146 Hugo Sommer. 

Acker-Eigentümern nach den Berliner Grundsätzen boni- 
fiziert werden" sollten. 

Nachdem ich alle die Einrichtungen, die eine damalige 
Friedensgarnison für sich beanspruchte, geschildert habe, 
wende ich mich der Betrachtung der Militäretats der 
Stadt Posen zu, die insofern recht interessant ist, als 
das viele Zahlenmaterial doch auch manchen Einblick in 
die kulturellen Verhältnisse vor 100 Jahren gewährt und 
nicht nur in rein finanzieller, sondern auch in wirtschaft- 
licher wie sozialer Hinsicht Aufschlüsse gibt. Leider 
geben uns die darüber vorhandenen Akten kein Bild von 
der ganzen südpreussischen Zeit, sondern erschliessen 
uns nur die Etatsjahre von 1799 bis 1807, wobei ich 
gleich nebenbei bemerken möchte, dass ein altpreussisches 
Rechnungsjahr von Trinitatis ab begann, d. h. also vom 
1. Juni bis 31. Mai reichte. 

Die Garnison Posen erforderte nach dem Haupt- 
Militär-Kassen-Etat 1 ) für das Departement Posen für 
das Rechnungsjahr 1799/1800 an Servis insgesamt 
16770 Tlr. 7 Sgr. 6 Pfg., wovon für die Beurlaubten, die 
sogenannten Frei Wächter, deren „Beurlaubung eine er- 
wünschte Einnahmequelle für die Kompagniechefs, mittel- 
bar auch für den Staat bildete", weil sie „ausser der 
Exerzierzeit, jedoch nur innerhalb der Garnison kürzere 
oder längere Zeit" beurlaubt werden durften, im ganzen 
605 Tlr. 7 Sgr. 6 Pfg. vorgesehen waren. Ausserdem waren 
aus diesem Titel die Kosten für die Montierungskammern 
und das Ordonnanzhaus mit 174 Tlr. sowie die Salarien 
für die Servisbeamten zu bestreiten. Endlich waren im 
Extraordinarium „auf den Fall, dass die Beurlaubten 
früher als gewöhnlich oder Kantonisten eingezogen werden 
sollten oder auch sich mehrere Weiber im Regimente 
befinden", 130 Tlr. vorgesehen. 

Die Wachtkosten verursachten im ganzen 943 Tlr. 
15 Sgr. 3V6 Pfg- Aufwand, darunter für weiches Holz nebst 
Anfuhrlohn, weil „die Wachen von dem Königlichen 



i) Geh. St.-A. Berlin: Gen.-Fin.-Kontr. XV 51. Vol. I Bl. 3. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 147 

Holzhofe weit entlegen" waren, 528 Tlr. 1 Sgr. 2 2 / 3 Pfg. 
Für Beleuchtungsmaterialien waren zusammen 174 Tlr. 
18 Sgr. 8V2 Pfg- un d zur Unterhaltung der Utensilien für 
sämtliche Wachten 30 Tlr. angesetzt. Die Schreib- 
materialien verursachten überhaupt 59 Tlr. 26 Sgr. Kosten, 
während unter der Rubrik „Insgemein'' die Rauchfangs- 
gelder für die Hauptwache, die Besen zur Reinigung für 
die Wachtstuben, die Reinigung des Abtritts bei der 
Hauptwache sowie der Schornsteine bei der Haupt- und 
den Torwachen und der Trainremisen- Wacht, für Schwefel- 
lichte, Kien zum Unterzünden und andere unvorhergesehene 
Ausgaben und endlich an Entschädigung „der hiesigen 
Kämmerei für die ihr abgehende Nutzung der Stadtwiese, 
welche zum Exerzieren gebraucht" wurde, zusammen 
also 150 Tlr. 28 Sgr. 10 Pfg. veranschlagt waren. 

Die Ausgaben für das Lazarett verursachten im 
ganzen 1439 Tlr. 1 Sgr. Kosten, wovon allein auf den 
Holzbedarf 637 Tlr. 6 Sgr. 10 Pfg. entfielen. Dazu kam 
noch das Anfuhrlohn mit 83 Tlr. 3V2 Sgr., so dass mit- 
hin für diese Position 720 Tlr. 10 Sgr. 4 Pfg. benötigt 
wurden. Die Miete für die Lazarettstuben und alle übrigen 
Behältnisse verursachte eine jährliche Ausgabe von 150 Tlr., 
die Krankenwärter erhielten 96 Tlr. Gehalt, die Unter- 
haltung der Lazarettutensilien erforderte 100 Tlr., die 
Reinigung des Bettzeuges 20 Tlr., und für Stroh zur 
Füllung der Strohsäcke und Strohkissen wurden 32 Tlr. 
gebraucht. Zu Schreibmaterialien waren 11 Tlr. und für 
die sonstigen Lazarettbedürfnisse, als Besen, Streusand, 
Weinessig und Wachholderbeeren zum Räuchern, Schwefel- 
lichte, Kien zum Unterzünden und andere unvorher- 
gesehene Ausgaben waren 52 Tlr. 16 Sgr. 8 Pfg. ein- 
gestellt. Eine Anmerkung hinter diesem Etatstitel besagt: 
„Die Reinigung der Schornsteine wird von dem Karmeliter- 
kloster, welches die Miete erhält, bezahlt." Daraus er- 
sehen wir, dass sich im Jahre 1799 das Garnisonlazarett 
im ehemaligen Kloster der barfüssigen Karmelitermönche 
befunden hat, d. h. in der heutigen St. Adalbertkaserne 
an der evangelischen Garnisonkirche. Bis zum 23. April 1795 

10* 



14° Hugo Sommer. 

war es in einem städtischen Gebäude vor dem ehemaligen 
Wronker Tore untergebracht gewesen. 

Was nun den Titel IV anbetrifft, so waren die 
Unterhaltungskosten der Wachen folgendermassen 
verteilt: i) Reparatur der Wachthäuser, zusammen 371 Tlr. 
22 Sgr. 6 Pfg., 2) Reparatur des Lazaretts 177 Tlr. 25 Sgr. 
6V4 Pfg-, 3) zur Anschaffung neuer und Reparatur alter 
Schilderhäuser 245 Tlr. 22 Sgr. 6 Pfg.; letztere Summe 
erscheint ungewöhnlich hoch gegriffen, zumal jede Be- 
gründung fehlt. 

Wie aus den diesem Militär-Kassen-Etat schliesslich bei- 
gefügten Erläuterungen ersichtlich ist, betrugen die Mehr- 
aufwendungen gegen das Jahr 1798/99 insgesamt 756 Tlr. 
19 Sgr. i 7 /i2 Pfg- Als Grund für diese Erhöhung werden 
die grösseren Ausgaben für die Wachtkosten sowie die 
Unterhaltungsgelder in dem eben behandelten Titel IV 
angeführt. 

Diese Mitteilungen gewähren einen genauen Einblick 
in die Bedürfnisse einer preussischen Garnisonstadt jener 
Zeit, nebenbei aber geben sie uns auch einen Aufschluss 
über die wirtschaftlichen Verhältnisse und die damals 
üblichen Preise für die persönlichen und sächlichen Aus- 
gaben; zugleich legen die bis auf kleine Pfennig- Bruch- 
teile berechneten einzelnen Posten beredtes Zeugnis davon 
ab, dass die von Friedrich Wilhelm I. begründete Geld- 
wirtschaft noch in der gleichen Weise fortgeführt wurde. 

Der Etatl) für das Jahr 1800/01 zeigt eine Gesamt- 
ausgabe von 19360 Tlr. 10 Sgr. 5V5 Pfg-, mithin ein 
Weniger gegen das Vorjahr von 508 Tlr. 6 Sgr. 3V3 Pfg. 
Ersparnisse wurden erzielt: an Miete bei dem Ordonnanz- 
hause 10 Tlr., bei den Lichten für die Wachen und das 
Lazarett und bei der Unterhaltung der Postenlaternen. 
An Lazarettkosten waren nur 226 Tlr. 13 Sgr. 4 Pfg. 
vorgesehen; es wurde aber die Beschaffung der sämt- 
lichen Bedürfnisse dem damaligen Regimentschirurgen 
Dr. Moennich „gegen eine jährliche Aversionalsumme" von 
200 Tir. überlassen. 



) Ebenda Vol. II Bl. 123 u. 124. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 149 

Nach dem Etat für 1801/02 x ) steigerten sich die 
Serviskosten von 16760 Tlr. 6 Sgr. auf 18 411 Tlr. 12 Sgr., 
weil das 3. Musketier-Bataillon einrücken sollte und dieser- 
halb die Mietskosten von 164 auf 939 Tlr. stiegen. 
Darunter waren für den Chef des Regiments 695 Tlr., 
für Montierungskammern 204 Tlr. und für das Ordonnanz- 
haus die Hälfte mit 20 Tlr. in Ansatz gebracht worden. 
Ferner trat eine Erhöhung der Wacht- und Lazarett- 
kosten ein. Das Jahr 1802/3 erforderte abermals einen 
Mehraufwand von 2888 Tlr. 2 Sgr. 9 Pfg. 

In den folgenden drei Jahren traten nur geringe 
Steigerungen bei den Ausgaben ein. Es finden sich da 
als neue Ausgabeposten „Wasserzins für das Karmeliter- 
kloster zu St. Adalbert" an die Kämmereikasse mit 65 Tlr. 
und an „Grundzins für den Paradeplatz" gleichfalls an 
die Kämmerei mit 1 Tlr. 22 Sgr. Ebenso musste bei der 
Unterhaltung der Gebäude eine Erhöhung auf 832 TJr. 
8 Sgr. 5 Pfg. eintreten, und zwar wegen „Erleuchtung der 
Militärgebäude." Im Jahre 1805/6 wurden an „Servis für 
165 Weiber" zu je 5 Tlr. = 825 Tlr. erspart 2 ). Ferner 
brauchte die Miete für die Montierungskammern nicht 
mehr entrichtet zu werden, weil inzwischen wohl der 
Neubau eines Exerzierhauses auf dem Dobrzyckischen 
Platz am Mäuseberge, in dessen oberen Räumen auch 
die genannten Kammern untergebracht werden sollten, 
erfolgt sein muss. Einen Mehraufwand beanspruchten 
aber in diesem Jahre die Beschaffung des Holzes für die 
Wachen und das Lazarett mit 518 Tlr. 6 Sgr. 10 Pfg., 
sowie eine neue Ausgabe an Nachtwächterlohn für die 
ehemaligen Josephiner-Klostergebäude. 

Der letzte Militär-Kassen-Etat der Stadt Posen 3 ) aus 
dem Jahre 1806/7 weist in Einnahme und Ausgabe eine 
Balance von 20030 Tlr. 21 Sgr. 10 Pfg. auf, was eine 
Abnahme der Kosten um 1247 Tlr. 14 Sgr. 5 Pfg. bedeutete. 



i) Ebenda Vol. III Bl. 55—60. 

2) Ebenda Vol. VI Bl. 63—69. 

3) Ebenda Vol. VI Bl. 171—177. 



15° Hugo Sommer. 

Nach einer Bemerkung zu diesem Etat waren im genannten 
Jahre das i. und 2. Bataillon des Inf.-Rgts. v. Zastrow 
nebst den beiden Grenadier - Kompagnien des Majors 
v. Collin hier einquartiert. Dies hatte eine Verminderung 
an Serviskosten von 1661 Tlr. zur Folge, wozu noch eine 
Ersparnis bei den Lazarettkosten trat. 

Nunmehr wende ich mich dem Kantonwesen zu, 
da gleich im März 1793 unter der Leitung des Posener 
Kommandanten v. Dietherdt eine regelmässige Werbung 
eingerichtet worden war. Der Minister v. Voss schrieb 
hierüber an den Kriegsminister v. d. Schulenburg 1 ) unterm 
22. April: „dass zum Vortheil der alten Provinzen Süd- 
Preussen nicht bloss zum Canton für neues Militär bestimmt 
sey, vielmehr ein Theil der alten Regimenter darauf mit 
angewiesen werde, die durch Kleinheit ihrer Cantons den 
alten Provinzen zur Last fallen, dass . . . überhaupt aber 
mit der Canton-Einrichtung nicht geeilt werde, damit nicht 
in dieser neuen Provinz alle neue Einrichtungen auf ein- 
mal zusammen treffen und dadurch einen nachtheiligen 
Eindruck hervorbringen." 

Das Kriegsministerium erklärte sich mit diesen Vor- 
schlägen einverstanden, und der General v. Moellendorff^) 
schlug unterm 30. Mai u. a. vor: „5. Rathe ich aus der 
Ursach der Errichtung der neuen Regimenter vor der 
Hand nicht an, damit Süd-Preussen nicht gleich in Can- 
tons eingetheilt zu werden brauchet, weil der blosse Ruf 
hiervon verschiedene Auswanderungen veranlasset, worüber 
mir häufig Klagen zugekommen . . . Meine Meinung geht 
demnach dahin, vor der Hand bloss durch Lieferungen 
den Abgang der hier liegenden Husaren und Füselier zu 
ersetzen, damit sie mehrere Beurlaubten bekommen, und 
der gemeine Mann zum Soldaten-Stande dadurch gewöhne, 
die alten Cantons hierdurch auch beträglich gewinnen, 
weil diese Abgaben mehr Unwillen und Austreten ver- 
ursachet, als man glaubet." 



*) Kriegs-Min.-Arch. III 1—42 Vol. 1 Bl. 1. 

2) Geh. St.-Arch. Berlin: R. 96, Nr. 242 A. Vol. I Bl. 88. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 151 

Nach langen Verhandlungen gelang es endlich dem 
Minister, durchzusetzen, dass die Einführung des Kanton- 
wesens in Südpreussen erst nach Trinitatis 1795 vor sich 
gehen sollte; er gab aber trotzdem bereits unterm 20. Juni 
1793 der Posener Kammer auf, den Bestand der Feuer- 
stellen und der Einwohnerzahl der neuen Provinz auf- 
zunehmen 1 ). Am 26. Februar 1794 genehmigte der König 
seine Vorschläge. Für uns kommt hierbei lediglich in 
Betracht, dass der Kreis Posen mit dieser Stadt dem Inf.- 
Rgt. Prinz Heinrich von Preussen Nr. 35 in Königsberg 
in der Neumark als Kanton zugewiesen wurde. Die Sache 
selbst sollte am 1. November 1795 beginnen, „wo der 
Landmann bereits seine Felder bestellt hat und also in 
seinem Wirtschaftsbetrieb weniger gestört wird." Gleich- 
zeitig war auch das ebengenannte Regiment dahin ver- 
ständigt worden, bei der demnächst erfolgenden Aufnahme 
der Kantonpflichtigen mitzuwirken. 

Was nun speziell die Einrichtung des Kanton- 
wesens in der Stadt Posen anbetrifft, so wickelte sich 
diese nicht so ganz glatt ab. So berichtete 2 ) der Steuer- 
rat v. Timroth am 4. Januar 1796, dass er auch in Posen 
„einen sehr grossen Teil von ausländischen Gesellen, die 
nur deshalb auswandern, weil sie vor der Kantonaufnahme 
Furcht haben, und in dem Wahne stehen, dass sie durch- 
aus Soldaten werden müssen", vorgefunden habe. Um 
nun dieser keineswegs erwünschten Abwanderung, durch 
die dem Gewerbebetriebe Schaden erwachse, zu steuern, 
bat er um eine öffentliche Bekanntmachung in den Blättern, 
worauf ihm Graf Hoym bereits unterm 27. Januar auftrug, 
dass den ausländischen Handwerksburschen zur Verhütung 
der Auswanderung ihre Enrollementsfreiheit bekannt ge- 
macht und ausdrücklich zugesichert werden sollte. 

Aus dem noch vorhandenen militärischen Berichte 
über diese Kantonaufnahme ist von Interesse, dass am 
17. April 1796 die Stadt Posen im ganzen 1002 Feuer- 



*) St.-Arch. Posen: Südpreuss. Kammer A. II Nr. 12 Vol. 1. 
2) Ebenda: A. II Nr. 12 Vol. II. 



I5 2 Hugo Sommer. 

stellen besass, während das ganze Posener Departement 
deren 15 406 zählte. Nach der Generaldesignation zählte 
sie insgesamt 3079 Söhne bei 2497 Wirten und Ein- 
liegern, darunter 1892 im Alter von 1 bis 16 Jahren und 
1187 im Alter von 17 bis 40 Jahren, die für die Enrol- 
lierung in Betracht kamen. Am 1. August 1796 verfügte 
Graf Hoym, dass „das ältere Kantonreglement so lange 
für Südpreussen stattfinden muss, bis Zeit und Umstände 
erlauben, ein neues zu promulgieren." 

Ehe ich diese Sache weiter verfolge, muss ich zuvor 
noch einer anderen Schwierigkeit, die der Staatsverwal- 
tung auf diesem Gebiete erwuchs, Erwähnung tun. Es 
verlangten nämlich verschiedene Städte bezw. Stände für 
sich die sogenannte Kantonfreiheit, was seinen Grund 
darin hatte, dass beträchtliche Landesteile von der Kan- 
tonpflicht ausgeschlossen waren, wozu u. a. die Städte 
Berlin, Breslau, Potsdam, Brandenburg, Altstadt-Magdeburg, 
Stettin, DanzigundThorn, sowie eine lange Reihe geringerer 
Orte in Schlesien und in der „eisenreckenden" Grafschaft 
Mark gehörten 1 ). Insbesondere die Stadt Posen machte 
mehrere dahin abzielende Versuche, deren erster noch 
vor der Huldigung bereits am 11. April 1793 seitens der 
Posener Kaufmannschaft unternommen wurde und „En- 
rollementfreiheit für die ganze Stadt, Servis- und Ein- 
quartierungsfreiheit für die Handlungshäuser" forderte. Ein 
anderer Versuch nach dieser Richtung wurde von dem 
ehemaligen Posener Stadtpräsidenten v. Natalis am 9. April 
I 793 gemacht, der im Namen der ganzen Bürgerschaft 
den König direkt um Enrollierungsfreiheit für die Stadt 
bat. Allein beide Versuche waren ebenso vergeblich wie 
die spätere Fürsprache des Ministers Grafen Hoym am 
28. November 1794. Trotzdem haben sich die Posener 
Bürger damit nicht zufrieden gegeben, sondern nach 
dem Thronwechsel im Januar 1798 wiederum Schritte 
getan, um für die Stadt die sehnlichst erwünschte 



!) Stammliste aller Regimenter und Corps der Königl. Preuss. 
Armee. Berlin 1806, S. 12. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 153 

Kantonfreiheit zu erlangen, jedoch wiederum ohne den 
erhofften Erfolg. 

Die Stadt Posen wurde also in die Bestimmungen 
des Kantonreglements einbezogen, was keineswegs zu den 
Annehmlichkeiten gehörte; denn es war darin nicht deut- 
lich ausgesprochen, wie lange eigentlich die Kantonpflicht 
währen sollte. Zwanzig Jahre nämlich waren die kürzeste 
Dauer der Dienstzeit, da es in dem Reglement wörtlich 
hiess: „Unter den Verabschiedungsursachen soll eine 
zwanzigjährige Dienstzeit eines Kantonisten eine der vor- 
züglichsten sein, wenn er nachweisen kann, wie er nach 
Vollendung derselben, ohne den öffentlichen Versorgungs- 
anstalten zur Last zu fallen und ohne etwas mehr als das 
freie Bürger- und Meisterrecht zu verlangen, sich zu er- 
nähren imstande ist." 

Der Stammliste von 1806 zufolge gehörte Posen zum 
Kanton des Inf.-Rgts. v. Tschepe Nr. 37, das in Fraustadt, 
Lissa, Rawitsch und Zduny garnisonierte, während das 
in Posen selbst liegende Inf.-Rgt. v. Zastrow Nr. 39 als 
seinen Kanton die damaligen Kreise Powidz, Gnesen, 
Wongrowitz sowie Teile der Kreise Inowrazlaw und Brom- 
berg nebst 71 Dörfern im Caminschen und Croneschen 
Kreise hatte. Aus Posen mussten auch die „Einländer" 
an das 1797 errichtete Füsilier-Bataillon v. Boguslawski 
in Neumarkt sowie an die beiden zu Berlin garnisonieren- 
den Feldart.-Rgtr. Nr. 1 und 3 abgegeben werden, die 
ihrerseits wieder die Magdeburgische und Pommersche 
Garnisonartillerie komplettierten. Auf diese Weise wurden 
Posener Kinder nach Fraustadt, Lissa, Rawitsch, Zduny, 
Berlin, Magdeburg, Stettin, Kolberg und Neumarkt in Ober- 
schlesien zum Militär ausgehoben. 

Nachdem das Kantonsystem in Südpreussen durch- 
geführt war, erging unterm 13. März 1797 eine königliche 
Order an die Militär-Organisations-Kommission, für die aus 
den alten Provinzen hierhin verlegten Regimenter „ihren 
Einländerstamm aus diesen zu ergänzen und dagegen die 
alten Beurlaubten aus den anderen Regimentern abge- 
tretenen Kantons zu überlassen, aber nur successive, wie 



154 Hugo Sommer. 

die Regimenter imstande sind, dagegen Rekruten aus dem 
neuen Kanton einzuziehen, damit sie stets im kompletten 
Zustande bleiben." Am 4. April 1797 bat der Posener 
Magistrat 1 ) um eine Nachweisung der Kantoneinteilung 
für Südpreussen und begründete diese Bitte damit, dass 
er „wegen Be Wirkung von Wanderpässen oder Verab- 
schiedung sich hier niederlassender Professionisten" sich 
mit den Regimentern in Verbindung setzen müsse und 
häufig nicht wisse, welchem nun eigentlich eine Stadt 
oder ein Dorf zugewiesen sei. Die Kammer willfahrte 
dieser Bitte. 

Es scheint nun aber, dass die Kantonisten sich ge- 
flissentlich der Militärpflicht zu entziehen versucht 
haben. Denn unterm 22. Oktober d. J. machte der Steuer- 
rat v. Timroth der Kammer die Anzeige, dass „viele ein- 
ländische Handwerksgesellen und Söhne der angesessenen 
Bürger sich gegen Eintritt der Kantonrevisionszeit von 
ihrer Heimat entfernen und sich geraume Zeit anderswo 
herumtreiben, jedoch dazu gar keine Kundschaft nehmen 
oder einen Wanderpass nachsuchen," und bat, dem 
Magistrat aufs neue seine Pflichten einzuschärfen. Die 
Kammer jedoch lehnte dies mit dem Hinweise ab, dass 
es Sache des Steuerrats sei, den hiesigen Magistrat dahin 
anzuweisen und „die Konfiskationsprozesse gegen sie in 
Antrag zu bringen"; überhaupt sei es notwendig, die 
einzelnen Ge werke zur strengsten Verantwortung zu 
ziehen. Trotz dieser Massnahmen scheint eine Besserung 
der beregten Umstände in der Folgezeit nicht eingetreten 
zu sein; denn die Klagen über die Unzuverlässigkeit der 
Kantonrekruten rissen nicht ab. Daher sah sich der 
Minister v. Voss 2 ) veranlasst, am 2. April 1799 zu ver- 
fügen, dass „solange indessen die ausgehobenen süd- 
preussischen Rekruten für zu unsicher gehalten und 
deshalb gleich den angeworbenen Leuten bewacht werden 
müssen," freilich nichts anderes übrig bleibe, als dieselben 



!) St-Arch. Posen: Südpreuss. Kammer A. II Nr. 12 Vol. V. 
2) Ebenda: A. II Nr. 12 Vol. VII. 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 155 

gleich den Geworbenen in den Ordonnanzhäusern unter- 
zubringen. Welchen Erfolg diese Massnahme gehabt hat, 
geht aus den Akten nicht hervor; doch kann man wohl 
auf eine Besserung schliessen, weil weitere Klagen in 
dieser Richtung nicht vorliegen, und die Gewerke unter 
dem Zwange mit zur Abstellung der Übelstände bei- 
getragen haben dürften. 

Mit den Kantonisten hatte sich der Magistrat 
späterhin noch einmal zu beschäftigen, indem er sich 
wegen der Verheiratung derselben 1 ) am 25. Januar 1805 
in einer Vorstellung an die hiesige Kammer wandte und 
darin darlegte, dass eine solche Heirat sehr oft von den 
traurigsten Folgen begleitet sei, weil der Mann in vielen 
Fällen nicht imstande sei, die Frau, geschweige denn gar 
5 Kinder zu ernähren. Eine unausbleibliche Folge dieser 
Soldatenehen sei nun, dass solche Familien dem städtischen 
Armenfonds zur Last fielen. Nach den Reglements über 
das Heiraten der Soldaten durfte kein Unteroffizier oder 
Gemeiner sich verheiraten, ohne vorher die Erlaubnis 
eingeholt zu haben. Dem Regimentschef stand das Recht 
zu, den Gemeinen, die Ausländer waren, den Trauschein 
„je nach dem Vermögen der Weibsperson, ihrer Auf- 
führung [und ihrer Fähigkeit, sich durch ihrer Hände 
Arbeit zu ernähren," zu bewilligen. „Wenn sie Landes- 
kinder und beurlaubt waren," — dieser Fall trifft wohl 
auf die in Rede stehenden Klagen des hiesigen Magistrats 
zu — „so brauchten weniger Schwierigkeiten gemacht zu 
werden; wenn sie wohl gar zur Fortsetzung ihrer Nahrung 
eine Frau nötig hätten, so sollte ihnen der Trauschein 
nicht verweigert werden." Es müssen sich nun allem 
Anscheine nach gerade in Posen besonders schwierige 
Verhältnisse herausgebildet haben, die das Magistrats- 
kollegium veranlassten, diese Frage eingehend zu erörtern. 
Doch kam man trotz langer Verhandlungen zu keiner 
Einigung. Ein Teil des Magistrats nämlich war der 
Ansicht, dass der Konsens zur Verheiratung den Kanto- 



i) Ebenda: A. II Nr. 12 Vol. IX. 



156 Hugo Sommer. 

nisten unbedingt vorenthalten werden müsse, während 
der andere sich gegen eine derartige Massnahme aus- 
sprach, da „die Beurteilung, ob jemand eine Familie 
ernähren kann, sehr schwierig und ungewiss" sei. Bei 
diesem Widerstreit der Meinungen kam es nun dem 
Magistrat darauf an, eine „festere königliche Bestimmung" 
über diese Materie zu erhalten. Allein die Kammer 
mochte, weil sie der gleichen Ansicht war, die der 
andere Teil des Magistrats vertrat, das Generaldirektorium 
nicht erst mit der Sache behelligen, sondern erklärte 
in ihrem Antwortschreiben vom 2. Februar 1805 dem 
Magistrat, dass „die natürliche Freiheit nicht be- 
schränkt" werden dürfe. Aus den Akten ist nicht zu 
ersehen, ob in der Folgezeit hierin eine Besserung 
eingetreten ist. 

Schliesslich sei auch noch etwas über die letzten 
Tage der südpreussischen Garnison hier angeführt, worüber 
wir durch ein Aktenstück x ) unterrichtet sind, das von den 
Nachrichten über das weitere Vordringen der franzö- 
sischen Truppen und die Verhaltungsmassregeln 
bei ihrer Ankunft 1806 handelt. Daraus erfahren wir 
zunächst, dass bei der Posener Kammer am 21. Oktober 
nachts die Meldung von der Einstellung des Postkurses 
Posen-Berlin eingelaufen ist. Gleich darauf kam als Kurier 
der Graf Nesselrode durch Posen, der die Nachricht von 
der unglücklichen Wendung des Krieges mitbrachte, 
worauf die Kammer, die sofort einen Aufstand der 
polnischen Bevölkerung befürchtete, von Kaiisch und 
Warschau aus eine Auskunft über denMarsch der russischen 
Truppen sowie über deren Stärke und den Termin ihres 
Eintreffens in Posen begehrte und auch gleichzeitig um 
Mitteilungen über die Stimmung im Innern der genannten 
beiden Departements bat. Die Posener ständige Garnison, 
das Inf.-Regt v. Zastrow Nr. 39, war zur preussischen 
Hauptarmee an die Saale abgerückt, worauf nach dessen 
Abmarsch die Bürgerschaft für mehrere Wochen den 



!) St.-Arch. Posen: Südprss. Kammer All Nr. 11. 






Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 157 

Wachtdienst übernahm und gewissenhaft ausübte, bis als 
Ersatz vorübergehend das Inf.-Rgt. v. Reinhardt Nr. 52 
in Posen einrückte. Bereits am 18. Oktober war ein 
Befehl des Königs hier eingetroffen, demzufolge das ge- 
nannte Regiment seinen Abmarsch beschleunigen sollte, 
und eine weitere Order vom 23. bestimmte, dass das 
Regiment sich zum Marsche nach Thorn an das rechte 
Weichselufer bereithalten möge. Deshalb hatte die Kammer 
das Militärdepartement dringend um anderweites Militär 
gebeten, das die Ruhe und Sicherheit in der Stadt auf- 
rechterhalten sollte. 

Am 23. Oktober war auch eine Anfrage der Glogauer 
Kammer hier eingelaufen, die bezweckte, etwas Näheres 
über die dort umlaufenden Gerüchte zu erfahren, denen 
zufolge die russische Armee zur Unterstützung der 
preussischen Truppen bereits in das Posener Departement 
eingerückt und auf ihrem Anmärsche bis in die Gegend 
von Posen gelangt sein sollte. Diese Gerüchte entbehrten 
jedoch jeder tatsächlichen Unterlage, und so wurde denn 
auch für Posen die Lage immer bedenklicher, nachdem 
am 25. der Steuerrat v. Glasenapp zu Karge gemeldet 
hatte, dass ein französisches Korps in Berlin eingetroffen 
sei. Was die Posener Garnison anbetrifft, so stand der 
Train zwar mobilgemacht noch hier und sollte gemäss 
einer früheren Order dem Inf.-Rgt. Nr. 52 folgen. Allein 
da jetzt keine neuen Verhaltungsbefehle für denselben 
eingegangen waren, so erklärte der Kommandeur dieses 
Regiments, Generalmajor v. Krajewski, über denselben 
aus eigener Machtvollkommenheit nicht disponieren zu 
können. Infolge dieser Unschlüssigkeit des militärischen 
Kommandierenden nahm der Posener Kammerpräsident 
Graf von Koller Veranlassung, weil ein längeres Verweilen 
des Trains der Stadt Posen sehr lästig fallen würde, an 
den Generalmajor v. Zastrow 1 ) direkt zu schreiben, was 
mit dem Train denn eigentlich geschehen solle. Zwar 
verblieb das Regiment Nr. 52 einstweilen noch immer in 



!) Zastrow gehörte der Königl. Suite an. 



158 Hugo Sommer. 

Posen, bis der Kommandeur in der Nacht zum 31. Oktober 
die Meldung erhielt, dass Feinde schon diesseits der Oder 
streiften. Als er daraufhin sein Regiment auf zwei Sammel- 
plätzen biwakieren Hess, entstand durch diese Massnahme 
im Publikum die erste Unruhe. Diese wuchs immer weiter 
an, als nun auch fortgesetzt Truppen durchkamen „unter 
dem Vorgeben, dass sie entweder von ihrem Regiment 
nicht wussten, wo es geblieben, oder dass es total auf- 
gerieben sei." 

Damit schliessen die Akten ab, und es lässt sich 
nicht weiter daraus ersehen, wann die letzte Garnison 
Posen verlassen, und welches Schicksal wohl den hier 
befindlichen Train ereilt hat. Dagegen weiss ich auf Grund 
einer mündlichen Familienüberlieferung zu berichten, dass 
Generalmajor von Krajewski in der Nacht zum 1. No- 
vember 1806 seinen Abmarsch nach Westpreussen hin 
bewirkt , hat, und dieser sich über Hals und Kopf voll- 
zogen haben soll, weil die Franzosen nach einer hier 
eingelaufenen Estafettenmeldung an diesem Tage schon 
die südpreussische Grenze bei Meseritz überschritten 
hatten. 

Das Regiment v. Zastrow Nr. 39, das die ständige 
Garnison von Posen während der Jahre 1795 bis 1806 
gebildet hatte, gehörte, wie ich der Vollständigkeit halber 
noch erwähnen muss, zum Korps des Fürsten Hohenlohe, 
machte am 14. Oktober 1806 die Schlacht bei Jena mit, 
in der es „im stärksten Feuer eine Ruhe zeigte, die man 
auf Exerzierplätzen nicht immer findet", und bewies an 
diesem Tage „durch seine Kaltblütigkeit im Feuer, dass 
die Disziplin, das Beispiel der Offiziere und der Muth ? 
nicht das Alter des Regiments, den Soldaten machen." 
Nach der Schlacht auf dem Rückzuge zur Elbe lösten 
sich die Grenadiere grösstenteils auf, während der nach 
Magdeburg entkommene Rest derselben dort mit den 
Musketieren am 11. November die Waffen strecken 
musste. Das Regiment wurde deshalb 1807 für aufgelöst 
erklärt, sein Kanton aber zum Herzogtum Warschau 
geschlagen. Das Posener Kantonregiment v. Tschepe 



Posen als militärischer Standort in südpreussischer Zeit. 159 

Nr. 37 stand beim Korps des Generals v. Rüchel 
machte ebenfalls die Schlacht bei Jena mit und kapitu- 
lierte in Magdeburg, während die Grenadiere in die 
Kapitulation von Prenzlau einbeschlossen wurden; von 
dem Regiment blieb ebenfalls nichts übrig, da sein 
Kanton gleichfalls zum Herzogtum Warschau geschlagen 
wurde. 





Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 

Von 
Theodor Wotschke. 

„Weil des Liedes Stimmen schweigen 
Von dem überwundnen Mann, 
So will ich für Hektorn zeugen." 

ine Stunde östlich von Meseritz an der alten Land- 
strasse nach Posen liegt in idyllischer Lage am 
g^ waldumrahmten See das kleine Dorf Bobelwitz. 
Die Mauern des Herrenhauses spiegeln sich in dem Wasser, 
sie grüssen den Wanderer, der aus dem Waldesschatten 
heraustritt und seine Augen ruhen lässt auf dem lieblichen 
Bilde zu seinen Füssen. Vor 25 Jahren stand hier nicht 
selten ein Knabe traumverloren, versunken in den Reiz 
der Landschaft, sich hingebend dem freien Spiel der Ge- 
danken. Im Buche des Ahnen hatte er gelesen von dem 
„Arianerneste", das das altersgraue Herrenhaus drüben 
jenseits des Sees einst gewesen, und seine Phantasie spann 
darüber so manchen Traum. Aus dem Knaben wurde ein 
Mann, und was des Knaben kindliche Seele sann im leichten 
Spiel der Gedanken, dem galt des Mannes emsiges Forschen 
und wissenschaftliche Arbeit. 

Als die Reformation gegenüber der Veräusserlichung 
christlicher Frömmigkeit in Formenwesen und Zeremonien- 
dienst lebendigen Glauben forderte, gegenüber der auf- 
gerichteten Hierarchie das allgemeine Priestertum der 
Gläubigen vertrat, entstand neben ihr eine Richtung, die 
hierin mit ihr eins, noch energischer denn sie auf die Heili- 
gung des Wandels, auf eigenes persönliches Glaubens- 
leben, wirkliche Lebenserneuerung drang, im radikalen 
Bruch mit der Vergangenheit jedes offizielle dogmatische 
Kirchentum ablehnte, eine neue Kirche von wahrhaft 
Gläubigen, eine sichtbare Gemeinde der Heiligen, zu 
gründen suchte und als Kennzeichen der Zugehörigkeit 
zu ihr die Taufe der Bekehrten ansah, — der Anabaptismus, 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XXVI. 11 



IÖ2 Theodor Wotschke. 

das Täufertum. Trotz furchtbarer Verfolgungen, ja gerade 
infolge entsetzlicher Niedermetzeleien, die seine Anhänger 
versprengten, die Taufgesinnten schlimmer wie gehetztes 
Wild von Land zu Land trieben, verbreitete sich der 
Anabaptismus schnell und weit, auch in Polen. Aber hier 
verlor er am frühsten seine Eigenart und ging bald in 
einer anderen religiösen Gemeinschaft auf. Gab es auch 
in Deutschland zwischen ihm und den Kirchen refor- 
mierten Gepräges manche Berührungspunkte, in Polen ver- 
schmolz er seit 1562 geradezu mit dem in der refor- 
mierten kleinpolnischen und littauischen Kirche sich ent- 
wickelnden Antitrinitarismus oder Unitarismus. Da dieser 
die führenden Geister, die Theologen, stellte, konnte es nicht 
ausbleiben, dass das Täufertum in der Folgezeit in der 
Lehrentwicklung dieser Gemeinschaft mehr und mehr auf- 
gesogen wurde l ) und nur noch als Ferment im Gemeinde- 
leben nachwirkte 2 ). Hier bekundete es sich in der Innerlich- 



!) Vergl. z. B. den Kampf der Theologen Volkel, Krell, 
Ostorod und Schmalz gegen die auch bei den polnischen Brüdern 
tief wurzelnden, aus dem Täufertum stammenden kommunistischen 
Ideen. Ostorod und Schmalz haben besondere Bücher gegen den 
Kommunismus geschrieben. Folgerichtig verfocht ihn dagegen der 
dem Anabaptismus zuneigende Daniel Zwicker. 

2 ) Die Folge hiervon war, dass es nie zu einer Verbrüderung 
zwischen den polnischen Unitariern und den mährischen Täufern ge- 
kommen ist, so oft auch Verhandlungen deshalb angeknüpft worden 
sind. Vielfach bestand zwischen ihnen eine gewisse Gereiztheit. 
Als die Unitarier in Danzig um 1590 mit den polnischen Uni- 
tariern in Verbindung traten, hielten die Mennoniten oder Anabap- 
tisten um Danzig sich fem. Der Schmiegeier unitarische Geistliche 
Ostorod klagt am 20. Okt. 1591, „dass bei den Mennoniten noch viel 
grober Mängel sei als Hülf zur Hoffart, Geiz, Wucher, eine 
wunderliche Verwirrung des vielen Bannens und Scheidens, und 
dass sie auch getrunken haben vom Geist des Antichrists, dass so 
bald man etwas so nicht versteht wie ihre Lehrer, so muss er ge- 
bannet sein, wie das danach etliche unsere lieben Brüder, die zuvor 
bei ihnen sein gewesen, mal sein inne geworden." Doch waren die 
Differenzen zwischen den Sozinianern und Anabaptisten gering, 
vor allem haben beide dieselbe Taufpraxis gehabt. Der bekannte 
holländische orthodoxe Dogmatiker Hoornbeek urteilte : „Anabaptista 
indoctus Socinianus, Socinianus autem doctus Anabaptista". Doch 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz Bobelwitz. 163 

keit des Glaubens und in der sittlichen Energie der „pol- 
nischen Brüder", wie sie sich nannten, in ihrem Brudersinn 
und in ihrer sozialen Betätigung, in der Kraft, mit der es 
die selbstherrlichen, herrischen Schiachtschitzen umzubilden 
vermochte, sie zu den ersten und opferwilligsten Dienern 
der Gemeinden machte. Schon um 1600, nachdem Fausto 
Sozino in zwanzigjährigem Kampfe ihm fort und fort Boden 
entrissen, kann von einem besonderen Anabaptismus in 
Polen nicht mehr gesprochen werden, da haben sich die 
ehemaligen Taufgesinnten zu Unitariern oder Sozinianern 
gewandelt 

Wann zuerst der Anabaptismus in Meseritz und 
Umgegend Freunde und Anhänger gefunden, wie weit 
also die ersten Anfänge der späteren unitarischen Ge- 
meinde hier zurückgehen, entzieht sich unserer Kenntnis. 
Wegen der Verfolgung, die die Täufer immer befürchten 
mussten, lebten sie still und verborgen, entfalteten sie 
nur im tiefsten Geheim ihre Propaganda, vermieden sie 
streng alles, was die Aufmerksamkeit auf sie lenken 
konnte. Aber zweifellos wird in der verkehrsreichen 
Stadt an der grossen Handelsstrasse, in der die Refor- 
mation so schnell Anklang gefunden hat, früh auch die 
werbende Tätigkeit von Tauf gesinnten eingesetzt haben. 
Hat nicht einer der bekanntesten ihrer Apostel, Melchior 
Hoffmann, der Pelzer, schon 1524 durch Polen bis nach 
Livland ihre Gedanken getragen ? Als 1535 die mährischen 
Täufer infolge eines Ausweisungmandates König Ferdi- 
nands aus ihrer Heimat weichen mussten, etliche in 
Raudten und Wohlau Aufnahme fanden, andere durch 
Grosspolen nach Preussen zogen und von hier, durch die 
herzoglichen Räte abgewiesen, nach dem Posener Lande 
zurückkehrten, werden etliche sich auch in Meseritz 
niedergelassen haben. Die Lage der Stadt an der 



als der Danziger Anabaptist Radecke sich 1592 den Socinianern an- 
schloss, Hess er sich von neuem taufen, hinwieder trat der Sozinianer 
Daniel Zwicker, der als Augenarzt auch in Gnesen tätig war, hier 
aber 1643 als „turbator conscientiae ac religiosae tranquillitatis 
civium" ausgewiesen wurde, formell zu den Anabaptisten über. 

11* 



164 Theodor Wotschke. 

schlesisch-märkisch-polnischen Grenze war für sie be- 
sonders günstig. Wie leicht konnten sie hier bei drohender 
Verfolgung in einem der Nachbarländer Unterschlupf 
finden, wie unauffällig in der verkehrsreichen Grenzstadt 
ihre Verbindung mit den fernen Ländern pflegen, ihre 
Sendboten empfangen, eigene abordnen! Auch über das 
Eindringen unitarischer oder sozinianischer Gedanken in 
ihre Reihen, oder falls sie vielleicht von Anfang an anti- 
trinitarisch dachten, über ihre Verbindung und Ver- 
schmelzung mit den polnischen Unitariern wissen wir 
nichts. Möglich, dass der beredte Apostel des Antitrini- 
tarismus Martin Czechowicz aus ßentschen, der Frühjahr 
1566 im Posener Lande Anhänger warb, auch in seinem 
Heimatkreis Meseritz gewirkt hat 1 ). 

Erst in den achtziger Jahren des 16. Jahrhunderts 
beginnt sich das Dunkel, das über der Meseritz-ßobel- 
witzer unitarischen Gemeinde liegt, ein wenig zu lichten. 
Der Übertritt etlicher hochangesehener, weithin bekannter 
Männer zu ihr zog die allgemeine Aufmerksamkeit auf 
sie. Der erste Pfarrer der Stadt Johann Caper, einst 
Senior der ganzen grosspolnischen lutherischen Kirche, der 
seine Ordination in Wittenberg empfangen hat 2 ), schloss 
sich ihr an, und einige Glieder der Bauchwitzer Erbherrn- 
familie von Schlichting oder, wie sie sich häufig mit pol- 
nischem Namen nach ihrem Wohnsitze nannte, Bukowiecki, 
folgten. Noch vor ihnen erklärte sich für den Unitarismus 
der Besitzer von Bobelwitz 3 ) Georg Nadelwitz, nach dem 



Vergl. Th. Wotschke, Die Unitarier in Posen. Hist. Monatsbl. 
1909 S. 33 ff. 

a ) Über Caper (Kosel) vergl. Wotschke, Gesch. d. ev. Gem. 
Meseritz Z. H. G. Posen 1906 S. 110 und 116. Er hat zuerst das 
Pfarramt in Schmollen zwischen Züllichau und Unruhstadt bekleidet. 
Vergl. Buchwald, Wittenberger Ordiniertenbuch I S. 64 unter dem 
24. Juli 1549: „Johannes Kosel vonn Zahr, Coadjutor zu Schwibissen, 
beruffen gein Schmölen zum Priesterambt." 

3 ) Über Bobelwitz vergl. die Eintragung „Vadium subditorum 
Radobiczki contra Boboviczky" Inscript. Posn. 1549 Bl. 113, wo uns 
eine Reihe Bobelwitzer Bauern, Georg Lehmann, Wittchen, Driessner, 
Puchstein etc. mit Namen genannt werden. Noch 1549 verkaufte 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 16 



Familiengut seines Geschlechts Kranz bei Bomst auch 
Krenski genannt. Er war der Sohn des Johann Nadelwitz- 
Krenski und der Martha Bukowiecki-Schlichting, die in 
zweiter Ehe mit dem Besitzer von Weissensee und 
Grunzig verbunden war. Im Jahre 1552 hat er in Frank- 
furt studiert und hier wahrscheinlich Beziehungen ange- 
knüpft, die ihn später der Reformation entfremden sollten. 
Ich denke an eine Freundschaft mit Georgio Negri, dem 
Sohn des Chiavennaer Lehrers Francesco Negri aus 
Bassano, Stancaros Begleiter, der in demselben Jahre 
an der Viadrina uns begegnet und der später als Pfarrer 
der italienischen Fremdengemeinde in Pinczow und sonst 
gegen die altkirchliche Trinitätslehre geeifert hat 1 ). Nach- 
dem Georg von Nadelwitz etliche Jahre als Agent dem 
sächsisch churfürstlichen Hofe in Dresden gedient hatte 2 ), 
erwarb er Bobelwitz, vielleicht in der Absicht, der kleinen 
Zahl seiner Glaubensgenossen in der nahen Stadt eine 
Stütze zu sein. Mit ihm hebt die Zeit an, da das Bobel- 
witzer Herrenhaus der Mittelpunkt der Meseritzer Ge- 
meinde, ja sämtlicher Unitarier an der märkisch-polnischen 
Grenze wurde. 

Natürlich fehlte es nicht an Versuchen, den Edelmann 
für die evangelische Kirche zurückzugewinnen. Abgesehen 
von den Pastoren der Umgegend Hessen die Frankfurter 
Professoren und der Superintendent Andreas Winzel sich 
dies angelegen sein. Fühlte sich doch die Viadrina 
damals besonders zum Wächteramt gegen den andringen- 
den Unitarismus berufen, Ihr Pelargus hatte gegen 
Sozinos 1591 erschienene „Examinatio 3 ) argumenti pro 



Hans Radobicki, bei Warminski, Geschichte des Klosters Paradies 
S. 300 Popelwicki genannt, „medietatem villae et haereditatis Bobo- 
wiezko", die er als Mitgift seiner Gattin Katharina von Wolf gang 
Bobowicki erhalten hatte, an Nikolaus von Prittisch (Przetocki). 

!) Vergl. Wotschke, Briefwechsel der Schweizer mit den 
Polen S. 274 und 320. 

2 ) Vergl. Beilage Nr. 1. 

3 ) Im Jahre 161 t erschien in Rakow die Schrift Sozinos zum 
zweiten Male unter dem Titel „Tractatus de deo Christo et spiritu 
saneto". 



166 Theodor Wotschke. 

trino et uno deo omnium potissimi aut certe usitatissimi 
una cum responsione perbrevi ad quasdam theses" 1593 
herausgegeben 1 ) „Arianorum recentiorum libello, cui haud 
ita pridem edito titulum fecerunt ,argumenti pro trino et 
uno deo . . . examinatio' opposita brevis responsio sive 
antithesis scripta ad &eoyvwoiag s. confirmationem". Als 
hierauf der Schmiegeier Katechet Valentin Schmalz 
aus Gotha für seinen Meister in der Schrift „Responsio 
brevis et simplex ad libellum d. Ch. Pelargi pro trino et 
uno deo contra novos Arianos toti orbi christiano ignotos" 
eine Lanze gebrochen, hatte Pelargus in der Replik 
„'AvTaTtÖKQLGig opposita responso cuiusdam Ariani" geant- 
wortet 2 ), 1593 auch gegen den Rektor des Klausenburger 
Gymnasiums und Superintendenten der siebenbürgischen 
Unitarier Georg Enedin in der Schrift „ De trinitate testa- 
menti veteris insigniora testimonia" polemisiert. Jetzt, da die 
Unitarier zum 9. Oktober 1594 eine grosse Synode in 
Schmiegel planten, zu der auch Abgeordnete aus dem 
Krakauer und Lubliner Lande, ja aus Wolhynien und Sieben- 
bürgen erwartet wurden, beschlossen sie, auch die Gegner,, 
sonderlich die Frankfurter Professoren, zu laden, ihnen eine 
Disputation anzubieten und so die in den Streitschriften 
angehobene Kontroverse auszutragen. Der Bobelwitzer 
Grundherr sollte die Einladung übermitteln. Am 5. Sep- 
tember schrieben ihm deshalb die Geistlichen, die Diakone 
und weltlichen Senioren der Schmiegeier Gemeinde. Am 
12. des Monats entsprach Georg von Nadelwitz dem An- 
liegen seiner Glaubensgenossen 3 ). In einem eindringlichen 
Schreiben bittet er den Frankfurter Superintendenten 
Winzel und den Professor Pelargus, nach Schmiegel zu 
kommen oder, wenn sie keinen Urlaub erhielten, wenig- 

*) Im Jahre 1594 setzte auch der Abt des Zisterzienserklosters. 
Priment oder Fehlen (Kr. Bomst) Stanislaus Ostrowski, der ver- 
schiedentlich seine Feder gegen den Unitarismus gespitzt hat, der 
Schrift Sozinos eine Polemik entgegen. Vergl. Refutatio examina- 
tionis Fausti infausti Socini. Posnaniae. 

2 ) Beide Schriften des Pelargus sind in seinem Buche „Ad~ 
monitio de Arianis" 1605 von neuem gedruckt. 

3 ) Vergl. Beilage Nr. 2 und 3. 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 167 

stens „ein Paar gelehrte Gesellen aus ihren Studiosis" 
zu senden. In Bobelwitz wolle er sie erwarten, mit ihnen 
zur Synode fahren, in jeder Beziehung für sie aufs Beste 
sorgen. Ob die Frankfurter die Einladung angenommen, 
nach Schmiegel, wo am 1. Oktober Elias Arciszewski das 
Vorwort zu Sozinos Buch „de Jesu Christo servatore" 
schrieb, gekommen sind? Anscheinend nicht 1 ). Doch 
mag der römische Gegner Sozinos, der Primenter Abt 
Ostrowski, der gleichfalls zu kommen gebeten war, der 
Einladung entsprochen haben 2 ). 

Bald nach der Schmiegeier Synode wird Georg von 
Nadelwitz gestorben sein. Bobelwitz ging in andere Hände 
über, ein Georg von Wedel erwarb es. Da musste 1604 
die evangelische Gemeinde in Meseritz aus ihrer Kirche 
weichen. Bald gebot ein königliches Mandat selbst Ein- 
stellung der Gottesdienste auf dem Rathause und 
Schliessung der Schule. Auch die gottesdienstlichen 
Versammlungen der Unitarier wurden untersagt, und deren 
kleine Schar durfte nicht wagen, dem königlichen Gebote 
zu trotzen, den Zorn und Verfolgungseifer des neu einge- 
setzten römischen Priesters zu reizen. Sie konnte zu ge- 
meinsamer Andacht nicht mehr zusammenkommen. Nicht nur 



! ) Leider konnte ich die Akten der Schmiegeier Synode, die 
noch Bock vor 120 Jahren vorlagen, nicht ermitteln. Über die 
Fragen, die auf ihr verhandelt wurden, gibt uns Sozinos Schreiben 
an Elias Arciszewski vom 15. Februar 1595 aus Krakau indessen 
zum Teil wenigstens Aufschluss. Oder bezieht sich dieser Brief 
auf die Beratungen des Pfarrkonvents, der in Lipa bei Schmiegel, 
dem Erbsitze des Hieronymus Moskorowski, gegen Ende des Jahres 
1594 gehalten wurde ? 

2 ) Man kann dies schliessen aus den Worten Sozinos an 
Schmalz vom 14. Februar 1595: „Arbitror deum ipsum curasse, ne 
in synodo vestra praeterita adessem, ne mihi cum abbate illo con- 
certandum esset, cuius adversus me nominatim editus liber tot blas- 
phemiis et calumniis est refertus et tantae disputandi inscitiae plenus, 
iit mirer eiusmodi hominem inveniri." Übrigens hat man Sozino 
das Fernbleiben von der Schmiegeier Synode sehr verdacht; „aliqui 
putant congerendis me pecuniis nunc prorsus intentum esse" schreibt 
er den 15. Februar 1595 an Arciszewski, und Schmalz antwortet er: 
„quid de me loquantur et sentiant quidam, qui inter fratres haud 
infimum locum obtinent, iam nihil curare constitui" 



168 Theodor Wotschke. 

sie, die ganze polnische unitarische Kirche litt darunter. 
Meseritz war ja die nach Westen am weitesten vorge- 
schobene unitarische Gemeinde, sie lag Deutschland am 
nächsten. Hierher kamen die Anhänger, welche die Send- 
boten der Unitarier in Deutschland gewonnen, um das 
Gemeindeleben kennen zu lernen, um durch die Taufe 
sich aufnehmen zu lassen in die religiöse Gemeinschaft 
der „polnischen Brüder". Welch Verlust für die weit- 
zerstreuten Gemeinden, dass gerade dieser Stützpunkt 
ihnen verloren zu gehen drohte, der Schlüssel ihrer Ver- 
bindung mit Deutschland ! Da trat ein reicher Bruder an 
der brandenburgischen Grenze, der Besitzer von Möstchen 
im Schwiebuser Kreise Caspar von Sack 1 ), in den Riss. 
Um seinen Glaubensgenossen eine neue religiöse Erbau- 
ungsstätte zu schaffen, ihnen einen neuen Stützpunkt zu 
geben, kaufte er das der Stadt nächste adelige Gut, das 
der Gemeinde schon durch Georg von Nadelwitz teure 
Bobelwitz 2 ). Der See in unmittelbarer Nähe bot zugleich 
die günstigste Gelegenheit zur Vollziehung der üblichen 
Erwachsenentaufe. 

Von einer Feier, da im Bobel witzer Herrenhause 
die Aufnahme und Taufe Neugewonnener erfolgte, haben 
wir zufällig nähere Nachricht und können uns in ihrem 
Bilde die in Bobelwitz üblichen Initiationsfeiern vergegen- 
wärtigen. Am 14. September 1614 trafen zwei Altdorfer 
Studenten Martin Ruarus aus Krempa (Holstein) und 
Matthias Rhau 3 ) aus Klausenburg, denen sich in Jena 
Johann Vogel aus Nürnberg angeschlossen hatte, in 
Meseritz ein 4 ). Bei dem Bürger Nikolaus Hoffmann, dem 
angesehensten Gliede der unitarischen Gemeinde, stiegen 

x ) Im Jahre 1577 hatte Sack die Frankfurter Hochschule besucht. 

2 ) Den 17. Juli 1606 bekennen Caspar von Schlichting und 
Stephan Kottwitz-Krzycki von Zbiszowiecz, der dritte Sohn des 
Meseritzer Vogts Andreas Kottwitz, dass Caspar von Sack für 
1000 Taler Bobelwitz von Georg von Wedel gekauft habe. 

3 ) Rhau hatte seit dem 7. Febr. 1614 in Altdorf studiert. In 
Siebenbürgen war er später in dem Kampfe um das Amt und die 
Anbetung Christi der Hauptgegner der judaisierenden Richtung. 

4 ) Vergl. Zeltner, Historia Crypto-Socinismi, Lipsiaei729S.39o. 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelvvitz. 169 

sie ab. Am folgenden Tage begrüsste sie hier Valentin 
Schmalz, seit Juli 1598 Pfarrer in Rakow, der im Auftrage 
der Maisynode des Jahres 1614 mit dem Philippower 
Hauptmann Christoph von Morsztyn (Morstein) *), dem 
Lubliner Pfarrer Christoph Lubieniecki 2 ) und dem Zarszyner 
Johann Grotkowski 3 ) die Meseritzer Gemeinde visitierte. 
Mit eine'm grossen Zuge von Anhängern führte er sie 
gleichsam im Triumph nach Bobelwitz. Hier pries er in 
einem Gottesdienste den Allmächtigen, der seiner Gemeinde 
Wachstum gegeben, und nahm sie und andere, darunter 
einen ehemaligen reformierten Geistlichen, durch die Taufe 
in die unitarische Kirche auf, feierte auch mit ihnen das Abend- 
mahl. Vogel ging über Meseritz 4 ) nach Wittenberg zurück. 
Ruar wollte seine neuen Brüder noch besser kennen 
lernen und über ihre Gemeinden sich orientieren. Mit 
Rhau zog er in Begleitung des Wolfgang Schlichting nach 
Schmiegel, wo er Elias Arciszewski aufsuchte, aber auch 
den lutherischen Pfarrer Lewin Drum, und mit ihm über 
die Glaubensartikel disputierte. Nach 14 Tagen reiste er 
mit dem Schmiegeier Grundherrn Brzeznicki über Kaiisch, 
wo das grosse Jesuitenkollegium seine Bewunderung er- 
regte, und er den Todfeind seines Glaubens, Martin 
Smiglecki sah, nach Petrikau und Rakow 5 ), wo gerade 
die Abgeordneten der Klausenburger Gemeinde zur 

x ) Er hatte den Beinamen „der Grosse" und war Sozinos 
Schwiegervater. 

2 ) Über sein Studium in Strassburg und Basel vergl. Wotschke, 
Stanislaus Ostrorog Z. H. G. Posen 1907 S. 103. Durch seine Frau 
Anna war er der Schwiegersohn des bekannten Erasmus Otwinowski, 
von dessen wichtiger Elegie „Heroes christiani" uns Wengierski 
S. 529 wenigstens den Inhalt kurz mitteilt. 

3 ) Grotkowski war Schmalz' Schwiegersohn und bekleidete seit 
16 12 das Pfarramt in Zarszyn bei Sanok (Galizien). 

4 ) Leider ist von dem Briefe, den er unter dem 27. September 
1614 aus Meseritz an seinen Freund Peuschel schrieb, nur ein Frag- 
ment erhalten. Vergl. Zeltner S. 389. 

5 ) Aus Schmiegel schrieb Ruar an seinen Freund Johann Kob 
nach Altdorf und an seinen Bruder Joachim Ruar, den späteren 
Berliner Arzt, aus Rakow an Peuschel. Vergl. Zeltner, Ruari 
epistolae S. 426, 427 ff. und 447 ff. 



170 Theodor Wotschke. 

Heimreise sich anschickten. Unter wissenschaftlichen 
Arbeiten und im engsten Verkehr mit den Leuchten und 
Säulen des Unitarismus, mit Schmalz, dem Rektor Paul 
Kroquierius, dem Professor des Griechischen Johann Krell,. 
dem Geistlichen Johann Statorius, mit dem verdienten 
Hieronymus Moscorowski, dem Frommen, und dem 
Rakower Grundherrn und Palatin von Podolien, Jakob 
Sieninski, verbrachte er den Winter. Im Frühjahr 1615 
kehrte er über Czarkow, wo er den Pfarrer Simon 
Pistorius aus Oppeln besuchte, über Krakau, wo die Feier 
des jüdischen Osterfestes ihm viel Neues bot, nach Altdorf 
zurück 1 ). 

Einen besonderen Geistlichen hatte die Meseritz- 
Bobelwitzer Gemeinde nicht. Ihre ältesten und angesehen- 
sten Glieder, der Bobelwitzer Herr und der Bürger Nikolaus 
Hoff mann 2 ), scheinen seine Funktionen ausgeübt zu haben. 
Als im November 1610 in Verfolg eines Beschlusses der 
Lubliner Pfingstsynode und Rakower Zusammenkunft vom 
3. Oktober verschiedene Abgeordnete nach Buschkau 
(Kreis Karthaus) gingen, wo Christoph Ostorod durch 
seine mehr als strenge Kirchendisziplin fast die Gefahr 
einer Gemeindespaltung heraufbeschworen, wurden zu 
dieser Kommission aus Meseritz Caspar von Sack, ein 
Trzebinski 3 ) und Nikolaus Hoffmann hinzugezogen. 

Erst 1613 erhielt die Gemeinde einen besonderen 
Pfarrer in Johann Frank aus Dresden, der das Jahr 



1 ) Aus Krakau schrieb Ruar- an Schmalz, Krell und an den 
Palatin Sieninski, von dem er sich nicht hatte verabschieden können. 
Vergl. die beiden letzten Briefe in der Zeltnerschen Briefsammlung. 
S. 429 und 431. Noch bemerke ich, dass die Wolfenbüttler Bibliothek 
zehn unveröffentlichte Schreiben Ruars aus den Jahren 1608 — 1632. 
besitzt. 

2 ) Über Hoffmann vergl. Wotschke, Gesch. d. ev. Gemeinde 
Meseritz S. 63. Im Jahre 1621 war H. Bürgermeister der Stadt. 

3 ) Haben wir an Lukas T., der 1589 den Nachlass des Mese- 
ritzer Vogts Andreas Kottwitz-Krzycki teilen half, zu denken (vergl. 
Insc. Posn. 1589 II Bl. 514 f.) oder an Jakob T., gegen den wie auch 
gegen Abraham und Elias Krenski und Heinrich Schlichting sich der 
Prittischer Pfarrer Andreas Benschen 1607 ein Vadium auswirkte? 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 17 1 

zuvor nach Polen gekommen und sich den Uni- 
tariern angeschlossen hatte. Im Bobelwitzer Herren- 
hause scheint er gewohnt zu haben. Als er 1618 nach 
Straschin, 10 Kilometer südlich von Danzig, ging, 
folgte ihm im Pfarramte der Nürnberger Nikolaus Dümler. 
Seit 1608 hatte dieser in Altdorf studiert, war dort von Ruarus 
für den Unitarismus gewonnen und ihm, da dieser, um 
seinen polnischen Freunden näher zu sein, mit seinem 
Zögling Abraham von Burgsdorf Anfang Wintersemester 
1616 die Frankfurter Universität bezogen hatte, nach dem 
Osten gefolgt. Zugleich mit Johann Krell, dem Lehrer am 
unitarischen Athenäum in Rakow, ward er gelegentlich 
der Maisynode zu Rakow 1618 für Meseritz-Bobelwitz 
ordiniert. 

Dümler hoffte in seiner geistlichen Stellung täglich 
den Verkehr mit seinem hochbegabten Freunde Ruarus, 
der unlängst die Erziehung der Sackschen Söhne in 
Bobelwitz übernommen hatte, gemessen zu können. Doch 
er täuschte sich. Kaum war er angezogen, so ging 
Ruar mit seinen Zöglingen auf Reisen. Er führte die 
Bobelwitzer Herrensöhne nach verschiedenen deutschen 
Universitäten, dann auch nach Holland, England, Frank- 
reich und Italien. Noch November 1618 sehen wir ihn in 
Leiden 1 ), im nächsten Frühjahr in London, dann im 
Herbst in Paris. Der Briefwechsel musste an die Stelle 
des ersehnten mündlichen Gedankenaustausches treten. 
Noch besitzen wir ein Schreiben, in dem Dümler Bobel- 
witz, den 6. November 1619 seinem Freunde dankt für die 
aus den Niederlanden ihm gesandten Nachrichten über 
die Synode zu Dordrecht und die Leiden der Remon- 
stranten. Auch meldet er ihm das Neuste, was der bejahrte 
Andreas Voidowski, damals sein Gast, ihm soeben mit- 
geteilt, dass die polnischen Brüder Jonas von Schlichting 
zu den Remonstranten abgeordert hätten, der aus Frank- 
reich zurückgekehrte Paul Kroquierius das Rektorat der 
Rakower Schule nicht mehr übernehmen wolle, und man 

J ) Hier traf Ruar Jonas von Schlichting und hörte mit ihm 
den Arminianer Episkopius. 



172 Theodor Wotschke. 

ihn, Ruar, für dies Amt in Aussicht genommen habe x ) r 
und bittet ihn schliesslich um Auskunft über die unlängst 
gegründete Rosenkreuzer-Gesellschaft 2 ). Leider ist es der 
einzige Brief, den wir von dem Bobelwitzer Pfarrer be- 
sitzen, und so interessant Ruars Schreiben an Dümler 
vom 1. Oktober 1619 aus Paris ist 3 ), es reicht in seinem 
Werte nicht heran an die Bedeutung, die ein weiteres 
Schreiben des Bobelwitzer Pfarrers aus diesem Brief- 
wechsel für uns haben würde. Schon 1621 ist Dümler, 
der in Ruars Bruder Joachim, der seit Winter 1618 in 
Frankfurt studierte, einen kleinen Ersatz für den in die 
Ferne gezogenen Freund gefunden hatte, verstorben. 

Obwohl die Synode 1622 auf die Bitte des Bobel- 
witzer Herrn, den wir im folgenden Jahre in Beuthen 
sehen 4 ), beschloss, einen neuen Prediger zu senden r 
und keinen geringeren als den namhaften Johann Krell 
hierfür in Aussicht nahm, blieb das Pfarramt unbesetzt. 
Die Schreckenstat eines grosspolnischen Unitariers aus 
angesehener Familie gegen einen Glaubensbruder scheint 
die leitenden kirchlichen Kreise gegen die Grosspolen 
erbittert zu haben. Christoph Arciszewski, dessen oben- 
erwähnter Vater Elias die Herrschaft Schmiegel 161 1 an 
den Unitarier Jaruzel Brzeznicki verkauft hatte, hielt seine 



i) Tatsächlich leitete Ruar das Rakower Gymnasium vom 
Mai 1621 — 1623. In diesem Jahre ging er mit Andreas Wissowatius, 
Sozinos Enkel, dem späteren Herausgeber der bibliotheca fratrum 
Polonorum, mit Joachim Pastorius von Hirtenberg, Georg Niemierzyc, 
Nikolaus Lubieniecki und Peter Suchodolski auf Reisen. 

2 ) Ruari epistolae S. 500 ff. 

3 ) Ruari epistolae S. 55. Übrigens hat Ruar an demselben 
Tage auch an den Vater seiner Zöglinge geschrieben. Von dem 
Briefwechsel zwischen Ruar und dem Bobelwitzer Grundherrn ist 
uns aber nichts erhalten. 

4 ) Im Jahre 1623 klagte man den gelehrten Professor am 
Schönaichianum Georg Vechner des Arianismus an, weil er den 
bekannten Arianer von Sack etliche Tage in seinem Hause gehabt 
hätte. Klopsch, Gesch. d. Schönaichischen Gymnasiums S. 119. Ein 
Schüler Elias v. Schlichting wurde als Unitarier vom Schönaichianum 
verwiesen. Er ist ein Bruder des bekannten Jonas Schi., des 
späteren Burggrafen von Kosin. 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 173 

Familie durch den Käufer geschädigt und ermordete ihn 
in Schmiegel am 19. April 1623 auf offener Strasse 1 ). Bald 
schien es auch nicht mehr nötig, einen besonderen Geistlichen 
nach Bobelwitz zu berufen, da das v. Sacksche Haus der 
Sammel- und Wohnort verschiedener ganz hervorragen- 
der gelehrter Unitarier wurde, die des Sonntags auch des 
Lehr- und Predigeramtes warteten und die Gemeinde er- 
bauten. Hier in Bobelwitz, dann auch im Sackschen 
Hause zu Möstchen sehen wir 1624 ff. Martin Ruarus 2 ), 
den Schlesier Melchior Schäffer aus Freistadt, der 1619 in 
Frankfurt studiert und sich den Unitariern angeschlossen 
hatte, den gelehrten Florian Crusius 3 ), dem der Freiherr 
Johann Ludwig von Wolzogen seine Schwester zur Frau 
gegeben hatte, gelegentlich auch diesen, ferner andere, die 
der Kriegssturm aus Deutschland vertrieben hatte, auch 
Jonas von Schlichting, der vielfach die Gemeinde visitierte. 
Kein Haus in unserer Provinz barg damals so reiches 
geistiges Leben in seinen Mauern, war der Mittelpunkt 

*) Christoph Arciszewski, übrigens ein Onkel des Theologen 
Jonas von Schlichting, flüchtete nach Holland und trat hier in den 
Seedienst. Den 17. Mai 1629 segelte er mit einer holländischen 
Expedition nach Brasilien ab. Unter Wladislaus IV., der ihm Krakau, 
den ti. August 1637 einen Geleitsbrief gewährte (Rel. Posn. 1637 
Bl. 580) durfte er nach Polen zurückkehren. Er starb 1656 in Danzig. 

2 ) Von Ruars Briefen sind zwei vom 1. Dezember 1626 und 
9. Januar 1627 an den Frankfurter Professor Konrad Berg aus 
Möstchen, zwei vom 18. Juli 1629 und it. April T630 an den Frei- 
städter Friedrich Schosser aus Bobelwitz datiert. Sein Schreiben vom 
7. Dezember 1628 an Ruar schliesst Samuel Naeran, der ehemalige 
Rektor der Gymnasien zu Sedan und Amersfoort, der als Remon- 
strant lange Zeit Holland meiden musste , mit den Worten : 
„Salve cum magnificis et illustribus d. d. Saccis et d. Joanne Franco." 
Ruar hat hiernach damals in Bobelwitz gelebt und den ehemaligen 
Bobelwitzer Pfarrer Joh. Frank bei sich gehabt. Oder sollte eine 
Verwechslung mit Adam Frank vorliegen, der 1631 — 1633 als Joachim 
Stegmanns Nachfolger Rektor in Rakow, dann Pfarrer in Klausen- 
burg war? Vergl. Ruari epistolae S. 95, in, 116, 120, 609. 

3 ) Am 21. Juli 1628 war Crusius mit Ruar und seinem 
Schwager Wolzogen in Möstchen und erwartete dort Jonas von 
Schlichting und die beiden Goslawski, Adam und Andreas, welche 
die Synode zu Kisielin (bei Luzk in Wolhynien) 1638 unter die sieben 
Kuratoren oder Direktoren der Kirche wählte. Vergl. Zeltner S. 808. 



174 Theodor Wotschke. 

so weit verzweigter Verbindungen wie das Bobeiwitzer 
Herrenhaus. Hier liefen Fäden zusammen, die zu den 
Remonstranten und Mennoniten Hollands und zu den 
Independenten Englands reichten und wiederum zu den 
unitarischen Gemeinden nach Kleinpolen und Littauen, 
nach Wolhynien und Siebenbürgen gingen. Hier weilten 
Männer, die Cambridge, Leiden und Amsterdam, London 
und Paris so gut kannten wie Rakow, Danzig und Krakau; 
R u a r , dessen Gelehrsamkeit die Zeitgenossen bewun- 
derten, der ausser den klassischen Sprachen des Alter- 
tums das Französische, Italienische, Syrische, Hebräische 
und Äthiopische vollkommen beherrschte und schon 1619 
als Dreissigjähriger eine Professur in Cambridge ange- 
boten erhielt, der mit Hugo Grotius, dem gefeierten 
holländischen Gelehrten und Staatsmann, den Remon- 
strantenführern Courcelles und Episkopius, dem streng- 
orthodoxen Lutheraner Abraham Kalow und dem frei- 
gesinnten Helmstädter Kalixt in Briefwechsel stand; 
Crusius, der scharfsinnige Denker und exakte Mathe- 
matiker, der in Linz (Österreich) mit Johann Kepler 1 ), in 
Genf mit Gringallet in vertrautem Umgange gelebt, die 
Schweiz, Österreich und Frankreich durchwandert hatte, 
und dessen Buch gegen den Atheismus oder die göttliche 
Vorsehung der Pariser Mersennus gern veröffentlicht 
wissen wollte; Jonas von Schlichting, der zu den 
Füssen des Episkopius gesessen, als Exeget und Dog- 
matiker einen Ruf weit über Polen hinaus hatte, nach 
Johann Krells Tode 1633 der Führer, das geistige Haupt 
der polnischen Brüder; der junge Freiherr von Wol- 
zogen, der Diplomat und Gelehrte, der 1626 die 
brandenburgische Prinzessin Katharina aus Berlin ihrem 
Verlobten Bethlen Gabor, dem Fürsten von Siebenbürgen 
und Könige von Ungarn, zuführte, 13 Jahre später mit 
der polnischen Gesandtschaft nach Paris ging, der 

!) Über Crusius Verbindung mit Kepler vergl. Frisch, Joannis 
Kepleri opera omnia Bd. VI S. 72. Sein erster Brief an den Astro- 
nomen ist Strassburg, den 31. Januar 1617 datiert. Strassburg, den 
15. November 1621 berichtet er ihm, wie er auf seiner Reise von 
Genf nach Paris eine Sonnenfinsternis beobachtet habe. 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 175 

mit dem berühmten Züricher und Heidelberger Professor 
Hottinger in öffentlicher Disputation die Waffen zu 
kreuzen sich nicht scheute und dessen Predigten noch 
nach seinem Tode ins Holländische übersetzt sind. Gewiss 
eine gelehrte Tafelrunde im Bobelwitzer Herrenhause! 

Wir verstehen, dass eine Gemeinde, die solche Männer 
zu ihren Führern hatte, gerade für die Gebildeten An- 
ziehungskraft besitzen musste, dass auch die evangelischen 
Pastoren der Umgegend gern mit ihnen Rede und Gegen- 
rede ausgetauscht haben und manche darüber der frei- 
sinnigen unitarischen Theologie sich zuzuneigen begannen. 
Wenigstens sagte man es dem Brätzer Pfarrer Adrian 
Luscinian sowie dem Birnbaumer Zacharias Brün 1 ) nach, 
und in Meseritz vollzog der begabte, von seiner Gemeinde so 
geliebte Georg Schwarz tatsächlich den Obertritt. In Iglau 
in Mähren geboren, hatte er zugleich mit Ruar Oktober 
1616 die Viadrina bezogen. Hier war er in Verkehr mit 
dem gelehrten Unitarier getreten, und die Freundschaft, 
der Gedankenaustausch mit ihm hatte ihn damals schon an 
der altkirchlichen Trinitätslehre irre gemacht. Nicht gleich 
jedoch hatte er seine neue Überzeugung offen bekannt. 
Eine ganze Reihe von Jahren stand er als heimlicher Uni- 
tarier auf der Meseritzer Kanzel. In der richtigen Annahme, 
dass er so besser ihre Grundsätze verbreiten und ihnen 
Boden gewinnen könne, hatten sich die polnischen Brüder 
mit einem vorläufigen heimlichen Anschluss des Meseritzer 
Pfarrers begnügt, hatten sie, die sittenstrengen, über die 
Unwahrhaftigkeit und Unlauterkeit, die darin lag, hinweg- 
gesehen 2 ). 



1 ) Als Zacharias Bryn aus Meseritz 1612 an der Viadrina 
inskribiert. Radtke, Gesch. d. ev. Kirche Birnbaum S. 170. lässt ihn 
fälschlich aus Schwiebus stammen. In Birnbaum entlassen, ward er 
Pfarrer in Prittisch, das Kaspar von Sack neben Heinrich von 
Schlichting besass. 

2 ) Vergl. Joh. Krells Brief an Ruar vom 19. Juli 1624 aus Rakow, 
den Thomas Crenius in seinen „Animadversiones philologicae" Leiden 
1699 Bd. V S. 252 ff. mitteilt : „Domino Schwartzio aditus ad nos hac 
ratione non est praeclusus". Damals hatte Schwarz sein Meseritzer 
Pfarramt angetreten und legte es erst während der Pest 1630 nieder. 



176 Theodor Wotschke. 

Ein Jahr nachdem Schwarz dem betrügerischen Spiel 
ein Ende gemacht und sich offen als Unitarier bekannt 
hatte, 1631, löste sich der Kreis im Bobelwitzer Herren- 
hause auf. Ruar ging 163 1 nach Danzig, wo er für eine 
Niederlassung unitarischer Familien einen grösseren Besitz 
zu erwerben suchte, 1632 nach Holland, um an einer Union 
der polnischen Brüder mit den Arminianern zu arbeiten, 
Crusius, mit seinem Schwager Wolzogen durch einen Streit 
um das väterliche Erbe entzweit, 1 ) wandte sich gleichfalls 
nach Danzig, wo er als Arzt sich niederliess. Schwarz, der 
unlängst eine wohlhabende Witwe geheiratet hatte, blieb in 
Meseritz und wirkte fleissig für den Unitarismus. Seine Arbeit 
schien von dem grössten Erfolg begleitet, und um die aus- 
sichtsvolle Propaganda im Meseritzer Kreise und im nahen 
Brandenburgischen mit noch grösserem Nachdruck zu 
betreiben, bewilligte der opferfreudige Bobelwitzer Grund- 
herr 300 Gulden für eine zweite geistliche Kraft. Die Ra- 
kower Synode des Jahres 1633, auf der Ruar neben seiner 
Mission in Holland auch der Meseritzer Verhältnisse gedacht 
haben wird, sandte Lorenz Stegmann, den Bruder des ehe- 
maligen lutherischen Geistlichen zu Fahrland (Ephorie Pots- 
dam) Joachim Stegmann, und richtete an eine märkische 
Edelfrau (Elisabeth von Falckenreh?), die sich den polnischen 
Brüdern angeschlossen, ein ermunterndes Schreiben 2 ). 

Die Arbeit der unitarischen Apostel erregte einen 
gewaltigen Aufruhr. Mit grosser Kraft warf sich ihnen 
Schwarz' Nachfolger im Meseritzer Pfarramte Daniel Halts 
aus Altsohl in Ungarn, der 1609 an der Viadrina studiert hatte, 
entgegen 3 ). Sein Adjunkt M. Georg Hartmann, der Ztilli- 

*) Der Rakower Synode des Jahres 1635, die Gizel, Statorius 
und Jonas von Schlichting die Durchsicht der polnischen Bibelüber- 
setzung befahl, trug Wolzogen den Erbschaftsstreit vor und bat um 
ihre Entscheidung. 

2 ) Fr. Samuel Bock, Historia Antitrinitariorum S. 964. 

3 ) Nähere Nachrichten über Halts gibt Warschauer, Zacherts 
Chronik der Stadt Meseritz S. 49. Schon i6i4 — 1620 war er als 
Diakonus in Meseritz tätig, übernahm dann aber das Pfarramt in 
Matschdorf unfern Frankfurt. Von seinen Söhnen hat Samuel, der spätere 
Drossener Konrektor 1635, Christoph 1643 an der Viadrina studiert. 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 177 

chauer Pastor, der mit dem grössten Teile seiner Gemeinde 
infolge der Schrecken des Religionskrieges vom Sommer 
1633 — 1635 inMeseritz weilte 1 ), sekundierte ihm aufs beste. 
Auch zur Feder griff dieser. Joachim Stegmanns Schrift : 
„Probe der einfältigen Warnung vor der neuphotianischen 
oder arianischen Lehr" mit dem Motto Matth. 5, 11 — 12, 
welche von Ruar und Jonas von Schlichting auf Synodal- 
beschluss durchgesehen, soeben 1633 bei Sternacki in 
Rakow erschienen war und in Meseritz und Umgegend 
verbreitet wurde, setzte er „Vindiciae oQ^oöo'^lag pro dei- 
tate Christi adversus Stegmannum", die noch 1647 in Witten- 
berg erschienen, entgegen 2 ). 

Ende 1633 und 1634 war Schwarz in Rakow als 
Rektor tätig 3 ). Da aber bis zu seiner Rückkehr 4 ) Lorenz 
Stegmann in Meseritz arbeitete, und als dieser 1634 als 
letzter Rektor die Leitung des Rakower Athenäums über- 
nahm, der Freistädter Melchior Schäffer den beredten 
Schwarz unterstützte, wie vorher schon Stegmann, ruhte 
der scharfe Kampf zwischen dem unitarischen und luthe- 
rischen Bekenntnis keinen Augenblick. Nicht immer stritt 
man mit reinen, geistlichen Waffen wider einander. Mit 
gutem Grunde mag Schäffer über Widersacher klagen, 
„die nicht mit Sanftmut, wie rechtschaffenen Christen 



J ) Am 25. Mai 1648 schloss Hartmann mit der Tochter des 
Meseritzer Kaufmanns Georg Seiler Rosine den Ehebund und als 
diese nach 18 Wochen starb (vergl. des Meseritzer Oberpfarrers 
Joh. Roll „zatpog xojv (pdovvzcov" Frankfurt 1660 S. 157), am 11. Januar 
1651 mit der Tochter des Lissaer Arztes Gottfried Freudenhammer 
Eleonore. 

2 ) Das Buch ist heut verschollen, selbst das Auskunftsbureau 
der deutschen Bibliotheken konnte es nicht ermitteln. 

b ) Als zweiter Nachfolger des Joachim Stegmann, den die 
Klausenburger 1631 nach des Superintendenten Valentin Radecke 
Tode von der Rakower Synode zum Pfarrer der deutschen uni- 
tarischen Gemeinde erbeten hatten, und als direkter Nachfolger des 
Schlesiers Adam Frank, der 1633 gleichfalls nach Klausenburg ging, 
um den verstorbenen Stegmann zu ersetzen. 

4 ) Schwarz, der seine Frau und Kinder in Meseritz zurück- 
gelassen, hatte den Ruf nach Rakow von vornherein nur für ein 
Jahr angenommen. 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XXVI. 12 



178 Theodor W o t s c h k e. 

geziemet, nicht durch Überzeugung der Wahrheit andere 
auf den rechten Weg zu bringen suchen, sondern mit 
unchristlichem Lästern und Schmähen" und sonderlich 
über Halts, „wie denn dieser Mann fast keine Predigt 
verrichten kann, da er der Unsrigen nicht aufs schimpf- 
lichste gedenken sollte, sie bei allen Menschen, sonderlich 
bei der Obrigkeit, verhasst zu machen, ja in Leibs- und 
Seelengefahr zu bringen sucht." 

Mit Halts hatte Schäffer verschiedene Unterredungen 
über theologische Lehren, besonders natürlich über die 
Christologie und hier über die damals viel erörterte Frage, 
ob Christus sich selbst von den Toten auferweckt habe. 
Er glaubte zu merken, „dass dem Pfarrer mit dem 
mündlichen Gespräch, da einem Teil so wol als dem 
andern erlaubt, nach Notdurft seine Meinung zu reden, 
nicht gedient, sondern dass er viel lieber seine Wider- 
sacher auf der Kanzel 1 ), da ihm nicht durfte widersprochen 
werden, widerlegte". Er beschloss deshalb in einer öffent- 
lichen Schrift seine Gedanken zu vertreten, „damit Halts auf 
solche Weise desto besser zu stand gebracht und ohne 
Umschweif und Ausflucht, dergleichen er bishero gesucht, 
klar und rund darauf f zu antworten Ursach haben möchte." 
„Zwar ist solches," schreibt Schäffer weiter, „nicht darumb 
von mir geschehen, dass ich so grosse Hoffnung schöpfen 
sollte, ihn dadurch, welches ich von Hertzen wünschen 
wollte, zu mehrer Erkenntnis der göttlichen Wahrheit zu 
bringen. Denn diejenigen, welche den Reichtumb der 
Gnade Gottes also mutwillig verachten, . . . solche Lästerer 
und mutwilligen Verächter der göttlichen Gnaden pflegt 
Gott nicht würdig zu achten, dass sie das Licht seiner heil- 
samen Wahrheit bescheine, sondern giebt sie oft in einen 

!) Dass Halts in seinen Predigten auf den dogmatischen Streit 
eingegangen ist, sehen wir auch aus den Worten: „Dieses ist gar ein 
geringer Einwurf, dass mein Gegentheil Herr Halsius einsmals auff 
der Kantzel aus der Offenbarung Johannis angezogen nach Luthers 
Version: „Ich war todt vnd siehe ich bin wieder lebendig", daraus 
er beweisen wollen, Christus sey damals, als er tot war, gleichwol 
lebendig gewesen vnd habe sich also wohl von den Todten auff- 
wecken können." 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 179 

verkehrten Sinn, dass sie mit sehenden Augen nicht sehen 
und mit hörenden Ohren nicht hören. Ich habe aber mit 
diesem kleinen Werklein fürnemblich gesehen auff etliche 
christliche und gottselige Herzen, die sich in derselbigen 
lutherischen Gemeine zu Messritz befinden und mit den 
Stricken der Finsternis unwissend gebunden gehalten 
werden, ob Gott seine Gnade verleihen wollte, dass 
etwan einer oder der ander von denselbigen seine Augen 
eröffnen und der göttlichen Wahrheit die Ehre geben 
möchte." Schliesslich spricht er von der Hoffnung der 
polnischen Brüder: „Die Aufrichtigen werden kommen 
zu dem grossen Licht der Erkenntnis Gottes, welches 
nun an allen Orten der Welt zu funkeln begönnet und, 
ob Gott wolle, in kurzem den ganzen Erdboden mit 
seinem Schein erleuchten wird. Da werden sie denn 
erst erfahren, was das für eine Lehre sey, welche die 
Nachteulen dieser Welt, die die Ungerechtigkeit mehr 
lieben als die Wahrheit, in ihren Augen nicht leiden 
mögen, und wer auch wir seien, die wir zu Lob unsers 
Gottes dieselbige Lehre bekennen und deswegen gehasset 
und verfolgt werden, und werden sich freuen und fröh- 
lich sein über der grossen Barmherzigkeit, die Gott an 
ihnen erwiesen." 

Schaff ers Buch 1 ), recht eigentlich aus dem Meseritzer 
Streit heraus geboren, erregte nicht nur in Meseritz, sondern 
in ganz Grosspolen und Brandenburg das grösste Auf- 
sehen. Kein geringerer als Arnos Comenius trat für den 



J ) „Kurtzer Bericht auff die Frage, Ob der Herr Jesus, als er 
gestorben vnd todt gewesen, sich selbst aus eigener kraft von den 
todten aufferwecket habe. Gestellet von Melchiore Schaffero Frey- 
stadiensi Silesio. Im Jahr Christi 1637" in 8 > 45 s - Auf dem Rück- 
blatt des Titels lesen wir: 

„Man schilt vns, so segnen wir, 

man verfolgt vns, so dulden wirs, 

man lestert uns, so flehen wir." 
Und : „Demjenigen nichts schaden kan 

Die falsche zung, die ihn sticht an, 

Welcher Christo sein sanfftes Joch 

Mit allen frewden träfet nach." 



l8o Theodor Wotschke. 

Lutheraner Halts gegen Schäffer in die Schranken. Ver- 
schiedentlich war an den Senior der „böhmischen Brüder" 
die Propaganda der „polnischen Brüder" herangetreten. 
Mai 1628 hatten Johann Statorius, der Rakower Geist- 
liche, im folgenden Herbst Christian von Schlichting und 
1632 wohl auf seiner Reise nach Meseritz Lorenz Steg- 
mann ihm den Unitarismus als allein schriftgemäss ge- 
priesen, jetzt suchte er sich mit ihm auseinanderzusetzen. 
Er schrieb 1638, zugleich einer Aufforderung des Lissaer 
Statthalters und Fraustädter Landrichters Johann Georg 
von Schlichting Folge leistend, „Kurze und gründliche 
Antwort auf die Frage, ob der Herr Jesus sich selbst von 
den Toten auf erwecket habe" und widmete das Büchlein, 
bezw. Hess es durch Schlichting widmen den Ratmannen von 
Meseritz und Schwerin J ). Selbst dem Grossen Kurfürsten 
war Schäffers Buch in die Hände gekommen. Er forderte 
von der Königsberger theologischen Fakultät seine Wider- 
legung. In ihrem Namen schrieb sie der bekannte Abra- 
ham Kalow 2 ). 

Der religiöse Kampf in Meseritz musste nach Lage 
der Dinge mit einer Niederlage des Unitarismus enden. 
Die Sittenstrenge und rigorose Kirchenzucht der pol- 
nischen Brüder, der schwere Druck, unter dem sie standen, 
Hessen immer nur einzelne besonders religiöse Naturen 
sich ihnen anschliessen, und wie sollte eine kleine Minder- 
heit, auch wenn sie den kräftigsten Rückhalt am Bobel- 
witzer Erbherrn hatte, in der königlichen Stadt sich be- 



!) Das in Lissa gedruckte deutsche Büchlein ist heut ver- 
schollen. Nach Zeltner, Ruari epistolae S. 115 hob die Widmung 
an: „Es hat sich ohnlengst ein gottlästerlicher Mann, in Ewrer Nach- 
barschaft sich aufhaltend, Nahmens Melchior Scheffer von der 
Freystadt" u. s. w. Die in Amsterdam 1659 erschienene lateinische 
Ausgabe der Schrift besitzen wir noch. 

2 ) Vergl. „Schriftmässiger wolgegründeter Gegenbericht auf 
die Frage, ob der Herr Jesus sich selbst aus eigener Kraft von den 
Toten auferwecket habe. Wider Michel Schäfers ungegründeten 
photinianischen Bericht. Auf christlöblichster Vorsorg gnedigstes 
Ansinnen I. Ch. D. zu Brandenburg gestellet von der theologischen 
Fakultät." Königsberg 1641. 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobehvitz. l8l 

haupten können, wo der Starost und Magistrat wider sie 
stand? Über dem allen begann auch der Meseritzer 
Propst Nikolaus Nochowicz, unter dem Schwarz schon 
als Stadtpfarrer so viel zu leiden gehabt hatte, ihn und seine 
Anhänger von neuem zu verfolgen 1 ). Schon 1637 wusste 
die Rakower Synode Schwarz keinen anderen Rat zu 
geben, als Meseritz zu verlassen. Trotzdem blieb er 
wenigstens in Bobelwitz, aber doch nur, um bald in 
anderer Weise seinen Gegnern ganz das Feld zu über- 
lassen 2 ). Er starb, und wenig später folgte ihm Melchior 
Schaffen Nicht wenige wollten in dessen Tode ein 
Gottesurteil sehen 3 ). 

In dieser schweren Zeit vergassen die polnischen 
Brüder ihrer Meseritzer Glaubensgenossen, nach Auf- 
lösung der Schmiegeier unitarischen Gemeinde die einzigen 
in Grosspolen, nicht. Auf der Synode zu Kisielin in 
Wolhynien 1640, wo sie die Sorge um die Aufrichtung 
einer neuen höheren Schule an Stelle des 1638 zerstörten 
Rakauer Athenäums beschäftigte und sie Philipp Kosmius, 
d. i. Theodor Simonis aus Bergstedt (Holstein), einen tüch- 

!) Auch der Bobelwitzer Erbherr, den Nochowicz schon 1623 
wegen Nichtzahlung des Dezems vor das Königliche Tribunal citiert 
hatte (vergl. Danysz, Kathol. Pfarrkirche und der Magistrat in 
Meseritz S. 19, und was Krell unter dem 19. Juli 1624 aus Rakow an 
Ruar nach Danzig schreibt: „Anxius sum imprimis de geheroso dn. 
Sacco et amicis quibusdam nostris, quos periclitari audiveramus." 
Siehe ferner Relat. Posn. 1625 ff. Bl. 516, 1627/8 Bl. 168 und 210, wo 
Heinrich von Sack, der Bevollmächtigte des Kaspar von Sack, be- 
kennt, dass Nochowicz befriedigt sei), blieb nicht verschont. Schon 
1628 war ein Verfahren gegen ihn eingeleitet, weil er Pieske besass, 
ohne das polnische Indigenat zu haben (Relat. Posn. 1527/8 Bl. 1209), 
und 1635 ff. zog ihn Nochowicz von neuem vor das Posener Gericht 
(Relat. Posn. 1635 Bl. 222). Ein Johann von Sack, ein Bruder des 
Bobelwitzer Erbherrn, ist den 24. Juli 1627 von einem gewissen 
Andreas Zernicki in Meseritz getötet worden. 

2 ) Bock S. 556 schreibt: „Cum paulo post tristia sociniani in 
hoc loco experirentur fata, ipsi 1637 * n synodo consilium dabatur 
mutare locum, quo ipso tempore Mesericio excessisse videtur". 
Nach Zacherts Chronik ist Schwarz indessen in Bobelwitz gestorben 
und begraben. , 

3 ) Kvacala, Joh. Arnos Comenius S. 220. 



182 Theodor Wotschke. 

tigen Kenner des Griechischen, zum Rektor des in Kisielin 
zu errichtenden Lyceums beriefen, gedachten sie des ver- 
storbenen Schwarz und seiner Gemeinde. Seinen ältesten 
Sohn x ) beschlossen sie, auf Kosten der Kirche zu erziehen 
und überwiesen ihn der Schule in Luclawice, die seit 
1636 unter des Böhmen Johann Hradecki Leitung stand. 
Der Gemeinde gewährten sie die einzige, freilich auch 
die beste Hülfe, die sie ihr zuteil werden lassen konnten, 
sie sandten ihr einen neuen Geistlichen. Und zwar sollte 
Lorenz Stegmann, der schon 1633 in Meseritz gewirkt hatte 
und alle Verhältnisse aufs beste kannte, den Angefochtenen 
dienen. Die Zerstörung des Rakauer Gymnasiums 1638 
hatte ihn heimatlos gemacht, die Infamerklärung, die ihn 
getroffen, zur Änderung seines Namens, zu seiner Gräci- 
sierung in Tribander, veranlasst. Nach Siebenbürgen 
war er gezogen, in Klausenburg hatte er ein Lehramt 
übernommen. Jetzt dirigierte ihn die Synode nach 
Bobelwitz. 

Nicht sogleich trat er sein Amt an. Nach den Akten 
der Synode zu Piaski (südöstlich von Lublin) weilte er 
1641 noch im Auslande, vielleicht in Amsterdam, woher 
sein Rakauer Freund Johann Statorius 2 ) trotz Ächtung 
und Infamerklärung, nach der Heimat und dem Verkehr 
mit den Brüdern verlangend, soeben 1641 zurückgekehrt 
war, um in Szersznie, der östlichsten unitarischen Gemeinde, 
bei dem Kiejewer Jäger Stephan Woinarowski einen Unter- 
schlupf zu finden. Der Czarkower Konvent 1642, viel- 
leicht auch der Siedliskaer 1643, dem der Danziger Zwicker 
beiwohnte und auf dem der ehemalige Durchlacher Pastor 
und Badener Superintendent Isaak Vogler mit den 
polnischen Brüdern Handschlag austauschte und die Lei- 
tung der Schule in Uszomir am Usch, dem Nebenfluss 



1 ) Sein Sohn Gregor Ludwig ist sechs Jahre alt 1644 getauft 
und in die ev. Kirche aufgenommen worden. Zacherts Chronik S. 50. 

2 ) Er war der Enkel des Petrus Statorius aus Diedenhofen, 
den Lismanino 1556 nach Polen gezogen hatte (vergl. Wotschke, Brief- 
wechsel S, 47, 50, 86), und durch seine Mutter Anna auch der Enkel 
des bekannten Antitrinitariers Gregorius Pauli. 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 183 

des Dniepr, erhielt, mag Stegmann neue Weisung erteilt 
haben. Aber so glücklich die Wahl schien, sie war es 
nicht, sollte es wenigstens — die Nachrichten über die 
nächsten Jahre versiegen ganz — nicht werden. Das 
schlimmste, was die kleine gefährdete Gemeinde noch 
treffen konnte, traf sie. Zwistigkeiten zwischen dem 
Pfarrer und den seiner geistlichen Sorge Anvertrauten 
spalteten sie. 

Schon auf der Czarkower und Siedliskaer Zusammen- 
kunft 1652 bezw. 1653 scheint die Bobelwitzer Gemeinde 
über Stegmann Beschwerde geführt zu haben. Die Czar- 
kower Synode 1654, die sich auch mit dem von dem Luc- 
lawicer Pfarrer Johann Moszowski 2 ) gebotenen Ärgernis 
beschäftigte, die auch Johann Krell, den Jüngeren, zu Ruars 
Unterstützung nach Straschin abordnete, Christian Mors- 
cowski aus Klausenburg zurückrief, und auf der der 
Schlesier Jeremias Felbinger den polnischen Brüdern seine 
Dienste anbot, sah sich bestimmt, einen anderen Geist- 
lichen nach Bobelwitz zu senden. Ihre Wahl fiel auf 
Johann Preuss. 

Dieser war um 1620 als Sohn eines Weissgerbers 
in Guben geboren 3 ), war vielleicht unter Unitariern in 
Kreuzburg aufgewachsen und hatte seit dem 17. September 
1644 in Königsberg, dann auch in Holland studiert. Von 
dem Konvent zu Raszkow 1650 hatte er dazu ein Stipendium 
von 100 Talern erhalten. Nach seiner Rückkehr war ihm 
von der Czarkower Synode 165 1 der Dienst an den Ge- 
meinden in VVolhynien überwiesen; besonders in Iwanice, 
unfern von Krylow am Bug, sollte er tätig sein. Im folgen- 
den Jahre hatte die Siedliskaer Synode seine Ordination 
beschlossen und ihn nach Luclawice gesandt. Jetzt ward 
er für den schwierigen Posten in Bobelwitz ausersehen. 
Die durch äusseren Druck und inneren Unfrieden ver- 
wüstete Gemeinde sollte er neu aufbauen und, wie der 
Raszkower Konvent des Jahres 1655 weiter bestimmte, 

!) Sand S. 243 sagt von ihm : „In Hungaria quondam ob reli- 

gionem a Lutheranis, quorum sacra deseruerat, ad rogum damnatus". 

2 ) Vergl. Bock S. 647, Lauterbach, Ariano-Socinismus S. 437. 



184 Theodor Wotschke. 

in der Mark Brandenburg, in der Lausitz und Schlesien 
eifrig Propaganda treiben. 

Unter recht ungünstigen Verhältnissen trat Preuss 
sein Amt an, unter den ungünstigsten sollte er es führen. 
Wir stehen dicht vor der Katastrophe, die über den 
polnischen Unitarismus hereinbrach, und unter der die 
Bobelwitzer Gemeinde nicht minder zu leiden hatte als 
die Brüder in Kleinpolen, Podolien und Wolhynien. Am 
2. August 1655 kamen die Schweden nach Meseritz, brand- 
schatzten die Stadt und die Umgegend. Im Mai des 
folgenden Jahres brachten ihre Reiter die volksverwüstende 
Pest, und gleich darauf rückten die Polen an. Das Schick- 
sal Lissas fürchtend, Hessen die Bürger und Bauern ihren 
Besitz im Stich und flohen über die Grenze nach Schwie- 
bus, Liebenau, Züllichau, vor allem aber nach Krossen 1 ). 
Auch die Unitarier flüchteten. Die meisten werden in 
Möstchen auf dem Erbsitze der Bobelwitzer Herrenfamilie 
Aufnahme gefunden haben. Ihren Seelsorger Preuss sehen 
wir 1656 in seiner Vaterstadt Guben 2 ), in den folgenden 



*) Vergl. hierzu Warschauer, Zacherts Chronik d. Stadt Meseritz 
S. 89 und 107. Zachert erwähnt, dass in Krossen Paul Kramm, ein 
Wohltäter der Meseritzer Kirche, und Peter Krantzig verschieden 
seien. Auch die Frau des Ratmannen Peter Krause, Eva, geb. 
Seiler ist in Krossen verstorben. Die von dem Superintendenten 
Nikolaus Vogelhaupt ihr gehaltene Leichenpredigt „Iucundissimum 
piae emigrantis animae tripudium" ist 1660 in Leipzig erschienen. 
Ihr Gatte verblieb in Krossen und starb am 22. April 1681. Die 
vom Diakonus Kaspar Genge ihm gehaltene Leichenpredigt ist in 
Guben gedruckt. 

2 ) Dem Gubener Oberpfarrer Sturm schrieb Preuss am 3. Mai 
1656 oder 1657 unter anderem: „Ich bin gemahnt worden, mit dem 
ungelehrten Pöbel und Zuhörern Ew. Ehrw. nichts in Religionssachen 
vorzunehmen noch sie zu turbieren. Dieses ist nach Möglichkeit 
geschehen, es sage eine Seele in der Stadt das Gegenspiel. Aber 
da ich von jemand angefallen werde, der mich entweder zu Gaste 
bittet, oder zu dem ich alter Bekanntschaft halben komme, da hab 
ich mich auch wider mein Wohlgefallen verantworten müssen und 
von der Hoffnung, die in mir ist, Rechenschaft geben. Ich meyne, 
Ew. Ehrw. würden solchs auch zu Rom nicht unterlassen, und sollte 
es deswegen auch zum Feuer kommen. Sonst habe ich keinem 
Menschen Rede abgewonnen oder angeboten, viel weniger ihn zu 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-ßobelwitz. 185 

Jahren bald in Küstrin, bald in Krossen. Die Propaganda 
für seinen Glauben brachte ihn hier und dort in Gegensatz 
zur Obrigkeit. In Guben, auch an anderen Orten ward 
er verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Als er in 
Möstchen wo auch Stegmann weilte 1 ), Zuflucht suchte, 
wollte ihn der Schwiebusser Fiskal verhaften. Er rettete 
sich nach dem nahen brandenburgischen Selchow, wo 
die Edelfrau Elisabeth von Falckenreh geb. von der Gröbin 
und ihr Schwiegersohn Hans von Sack, schon seit vielen 
Jahren den polnischen Brüdern zugetan, ihn aufnahmen, 
auch anderen Glaubensgenossen Wohnung gewährten. 
Freilich verstiessen sie damit gegen frühere Mandate, die 
an sie ergangen, und gegen den Landtagsabschied vom 
26. Juli 1653 , der ausdrücklich Papisten , Arianern, 
Photinianern, Weigelianern und Wiedertäufern den Aufent- 
halt in der Mark untersagte. Sie mussten deshalb auch 
verschiedene Anfechtungen über sich ergehen lassen'^). 
Als nach Beendigung des Schwedenkrieges die Geflohenen 
nach Meseritz zurückkehrten, blieb den Unitariern die 
Heimat verschlossen. Vergebens wiesen sie in einer 
Verteidigungsschrift, die sich gerade auch gegen einen 
Traktat des Danziger lutherischen Ministeriums richtete, 
darauf hin, dass höchstens dreissig von ihnen in die 
schwedische Armee eingetreten und diese sofort von 
ihnen vom heiligen Abendmahl ausgeschlossen seien. 

unserer Kirchen zu überreden willens gehabt, es sey denn meinen 
Bruder, wie wol weder er noch andere dazu tüchtig sind, weil sie 
das Joch derDisciplin nicht ertragen würden. Ja ich habe, die mir 
zu Hause kommen und Krieg angeboten, als incapaces tantae rei 
abgewiesen." 

„Ich kann mich nicht genug wundern, dass durch ein Edikt 
in Meissen unsern Brüdern Herberge verboten ist, weil solches Für- 
nehmen nicht nur der PäbstlerProcess mit den Lutheranern approbieret, 
weil jene diese ja so wenig vor Kinder Gottes halten als diese uns, 
sondern noch derselben Tyranney weit übertrifft." Unschuldige 
Nachrichten 1713 S. 572 ff. 

!) Die letzten Nachrichten, die wir über Lorenz Stegmann 
besitzen, gibt Beilage 5. Daselbst finden wir auch mitgeteilt, was 
seine MeseirUer Gemeinde ihm vorwarf. 

2 ) Vergl. die interessanten Beilagen Nr. 4 und 5. 



l86 Theodor Wotschke. 

Durch Reichstagsbeschluss war ihnen der Aufenthalt in 
Polen nach dem 10. Juli 1660 bei der strengsten Strafe 
verboten. 

So ist Preuss nur etwa zwei Jahre Seelsorger in 
Bobelwitz gewesen. Gleichwohl müssen wir seiner vor 
anderen gedenken. Zur Förderung des religiösen Lebens 
in seiner Gemeinde und zur Belebung ihrer Andachten 
pflegte er das religiöse Lied, und weil die unitarischen 
Gemeinden sämtlich polnisch waren, Bobelwitz allein rein 
deutsch, ward er der Schöpfer des deutschen unitarischen 
Kirchenliedes 1 ), einer der fruchtbarsten deutschen Dichter 
unserer Provinz im 17. Jahrhundert überhaupt. Wir freuen 
uns eines Johann Heermann, Abraham Kiesel, Johann 
Herden, Jeremias Gerlach, Zacharias Herrmann, können wir 
da an Preuss vorübergehen, etwa weil sein Bekenntnis 
nicht das unsrige ist? Sein Gesangbuch bietet 192 von ihm 
selbst gedichtete Lieder, darunter 51 Bearbeitungen von 
Psalmen, mit 58 eingedruckten Melodien. Es trägt den 
langen Titel: „Hertzliches Seyten-Spiel oder Geistreiche 
und Schrifftmässige LJeder, bey allen Christen so wol in 
öffentlichen Versammlungen als ausser denselben zu jeder 
Zeit und in allen Anliegen zu gebrauchen. Zur Ehre 
und Lobe Gottes, zu Trost und Freude seiner Gläubigen 
itzo neulich geschrieben und hervorgegeben von Johann 
Preussen, Dienern der Gemeine Jesu Christi am Worte 
Gottes. Im Jahr 1657 druckte es Erasmus Rösner zu 
Frankfurt an der Oder." 

Über den Charakter und Zweck seines Gesangbuches 
lässt sich Preuss in dem Vorwort an den christlichen 



!) Das unitarische polnische Gesangbuch: „Liber psalmorum 
Davidis et hymnorum seu cantilenarum, quo fratres Poloni in 
ecclesiis suis utuntur" ist 1610 in Rakow erschienen. Auf Grund 
der Akten der Rakower Synode 1615 bemerkt Bock, dass ein ge- 
wisser Hernwirt unitarische polnische Lieder ins Deutsche über- 
tragen habe, doch ist von seiner Arbeit uns nichts Näheres bekannt. 
Die meisten Lieder zum polnischen Gesangbuch hat V. Schmalz 
beigesteuert. Sollte er nicht auch in seiner Muttersprache für die 
Schmiegeier Gemeinde, die doch überwiegend aus Deutschen be- 
stand, Lieder gedichtet haben? 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 187 

Leser also aus, indem er zugleich zu den älteren evan- 
gelischen Liederdichtern Stellung nimmt und den frivolen 
Ton der zweiten schlesischen Dichterschule beklagt, aber 
leider mit keinem Worte auf das unitarische Kirchenlied 
eingeht: 

„Es ist am Tage, dass die Alten, wie sehr es ihnen an der 
Andacht und dem Geiste nicht gemangelt, nicht nur viel Irrthumb 
aus dem Babstumb mit in ihre Lieder gebracht *), sondern auch die 
reine deutsche Sprache unverrückt und die Wörter ungezwungen 
und vollkommen in ihre Gesänge nicht haben bringen, noch der 
gebrochenen und deutschen Reden, wodurch offt auch der Verstand 
zumal den Einfältigen, derer die meisten seyn, verdunckelt worden , 
sich enrbrechen können. Welche Wissenschaft und edle Kunst 
der gütige Gott uns Hochteutschen vor wenig Jahren geschencket 
hat 2 ). Aber wolte Gott, dass diese köstliche Gabe zu dem Ende, 
wozu sie uns verlihen, von denen, die ihrer theilhafftig werden, 
angewand würde. Es ist ja zumal bei Christen hoch zu beklagen, 
dass die meisten Verssmacher lieber den heydnischen Götzen oder, 
dass ich mit dem Apostel 1. Cor. X, 20 rede, den Teuffein (denn 
was ist Venus und Bacchus als fewrige Pfeile des Satans?) zu Ehren 
dichten und singen, als Gotte und seinem Sohne ihre Gaben auf- 
opfern wollen. Denn es leyder bey diesen Sprachmeistern so weit 
kommen, dass, welcher nicht Zoten reissen, schandbare Worte und 
Schertz, die den Christen nicht geziemen, ausschütten kann oder 
will, derselbe eines Poeten oder Dichters Namens unwürdig ge- 
achtet wird. Daher ists kein Wunder, dass solchen, wenn sie auch 
bissweilen etwas geistliches setzen und unter ihre fleischliche Lüste 
mengen wollen, der Geist Gottes nicht beiwohnet und von ihrer 
Mühe die blosse Künsteley und Klang der Wörter nur übrig bleibet , 
Kraft und Andacht ist weg . . . Derowegen wie schon auch solcher 
Leute Wörter und Reime gerathen und klingen möchten, wie wol 



a ) Er hat hier die kirchliche Trinitätslehre und Christologie im Auge. Vergl. 
2. B. Luthers : „Wir glauben all an einen Gott" mit Preuss' Lied : 

„Wir giauben all einen Gott und sagen frey, 
Dass ausser ihm kein anderer Gott nicht sey, 
Der von ihm selbst hätt' alle Macht und Güte : 
Er ist fürwahr ein Vater von Gemüte. 
Des Himmels Blau, das Meer und trockne Land, 
Kommt einig her von seiner weisen Hand." 

„Auch glauben wir zugleich an Jesum Christ, 
Der da ein Sohn des höchsten Gottes ist, 
Den er uns selbst zum Herren auserkoren, 
Der wunderbar empfangen und geboren" u. s. w. 

„Wir glauben all auch an den heü'gen Geist. 
Der Gottes Kraft und unser Tröster heisst" u. s. w. 
2 ) Vergl. Martin Opitz, Büchlein von der deutschen Poeterei. 1624. 



188 Theodor Wotschke. 

sie oft aussländisch und ungereumt genug reden, so sind sie doch 
der Arbeit der gottseligen Alten, welche keine Rechenschafft wie 
diese des übel angewendeten Schatzes geben dürfen, weit nicht 
gleich zu achten. Denn jene haben auf Gottes Ehre und des 
Nechsten Erbawung gesehen, diese suchen ihren eigenen Nutzen, 
und wie sie ihnen ein Ansehen bey der Welt machen. Daher 
kommts, dass sie mit Gott und von Gott nicht so andächtig und 
demütig reden, als sich gebieret, achten auch nicht, ob es der 
Einfältige verstehe oder nicht, wenns nur künstlich, stoltz und selt- 
zam geredet ist." 

„Das Ziel, wonach ich meinen Fleiss gerichtet, ist vornemlich 
die Ehre Gottes, darnach auch die Erbawung meiner Mitchristen. 
Damit ich nun in beyden Stücken meinen Vorsatz ins Werk setzen 
möchte, als habe ich mich für allen Dingen an Gottes Wort ge- 
halten, also dass ich auch demselben zu Ehren manchmal mit 
Wissen und Willen die Zier des Reims, auch wol die Regeln und 
Gesetze der Poeten hintan gesetzt Viel Orter der H. Schrift, 
darinnen die Hauptlehren des Newen Bundes oder die christlichen 
Tugenden begriffen, herein gebracht, mit Fleiss auch erklärt die 
denkwürdigsten Geschichten Jesu Christi unseres Heilandes, als da 
ist seine Empfängnis, Geburt, Leyden und Tod, Auferstehung, 
Himmelfahrt, mit eignen Worten der H. Schrift, so viel als möglich, 
beschrieben. Weil aber des Propheten Davids seine Psalmen von 
allen Frommen billich hochgeachtet werden, dass ohne dieselben 
fast kein Gesangbuch noch Gemeine gefunden wird 1 ), als habe ich 
auch, damit man des ganzen Psalters nicht so hoch von nöten 
habe, einundfünfzig auserlesene aufs new verdolmetschet und die- 
selben unter die Lieder, wo ein jeglicher seines Inhalts halben hin- 
gehöret, ordnen wollen. Ich habe daneben nicht nur auf Festtage 
und in der Gemeine, sondern auch für alle Menschen, insonderheit 
in allen Anliegen zu Hause und auf Reysen zu singen, umb Lieder 
mich bemühet. In allen habe ich mich der heutigen reinen Art 
Reime gebrauchet und dennoch der verständlichen Einfalt beflissen." 

„Endlich weil es schwerer ist, newe Melodeyen als newe 
Lieder einführen, ja weil ich mir auch neue und anmuthigere 
Weisen zu setzen nicht getrawet, als habe ich bey den alten und 
bekanten, jedoch nicht ohne Auslesung der allerlieblichsten, die 
man mehrenteils in des Lutheri Gesangbuch und in dem französi- 
schen Psalter oder dem Lobwasser 2 ) finden wird, bleiben und mit 



*) Wie die reformierte Kirche hat die unitarische stets den Psalmengesang ge- 
pflegt. „Liber psalmorum Davidis et hymnorum seu cantilenarum" war der Titel ihres 
Gesangbuches. 

2 ) Lebwassers 1573 erschienener „Psalter des königlichen Propheten Davids", 
eine Übersetzung des französischen Psalters von Marot und Beza, war das Gesangbuch 
der Reformierten in Deutschland. Seine Melodien wurden z. T. auch von lutherischen 
Gemeinden gesungen. 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 189 

zwo Stimmen über einander dieselbe hinzu setzen wollen. Daher 
denn fast bey einem jedem Gesänge angezeiget wird, aus welchem 
Psalm (verstehe Lobwassers) oder Liede Lutheri die Weise genom- 
men und wo sie in diesem Buche zu finden." 

Preuss bekennt bei Behandlung biblischer Stoffe zu 
Gunsten des biblischen Textes „mit Wissen und Willen 
die Zier des Reims, auch wohl die Regeln und Gesetze 
der Poeten hintangesetzt zu haben". In der Tat sind die von 
ihm in Verse gebrachten biblischen Geschichten poetisch 
wertlose Reimereien 1 ), und seine Psalmenübersetzungen 
— die Übertragung des 46. Psalmes im Ton „Ein feste 
Burg" nicht ausgenommen — steif. Ein allzu enges An- 
lehnen an den biblischen Text hemmt den Flug des 
dichterischen Geistes. Verschiedene seiner Lieder tragen 
auch einen durchaus lehrhaften Charakter wie Nr. 3 „Um 
Gottes Huld soll alle Welt sich inniglich bewerben", Nr. 
143 „ Die Slind ist in die ganze Welt durch einen Menschen 
kommen", von Nr. 74 und 75, die beide Gottes Gebote 
bringen, ganz zu schweigen; sie sind ohne Schwung und 
tiefere Empfindung. Aber daneben stehen andere, die 
nach Form und Inhalt ganz vortrefflich sind und geradezu 
einen Meister verraten, der den Ton echten religiösen 
Liedes aufs beste zu treffen weiss. Ich denke an Nr. 5 
„O starker Gott, du hast die Welt" 2 ), an Nr. 19 und 155, 
die Weihnachtslieder: „Stimm an, du werte Christenheit", 
und „Nun lobe Gott, du Christenheit", an Nr. 28, das 
Osterlied: „Steh auf, du ganze Christenheit", an etliche 
Lob- und Danklieder wie Nr. 139 und 142 und das Lied 
Nr. 192 „Herr Jesu, meine Zuversicht, mein Heil und 
meines Lebens Licht." In einem freilich enttäuscht das 



!) Vergl. besonders Nr. 23: „Ein Lied, darinnen die ganze Ge- 
schichte vom Leyden Christi begriffen, aus allen vier Evangelisten. 
Im Ton des 36. Psalmes." Das Lied besteht aus 43 zwölfzeiligen 
Strophen. Vergl. ferner Nr. 21: „Ein Lied von der Geburt Jesu 
Christi", Nr. 70: „Vom Christentum aus dem 12. und 13. Kap. an die 
Römer, im Ton des 89. Psalmes", Nr. 85: „Von der christlichen Liebe, 
im Ton des 3. Psalmes nach Nr. XIII." 

2 ) Ich möchte dieses nach Form und Inhalt gleich vortreffliche 
Lied geradezu eine Perle religiöser Dichtung nennen. 



190 Theodor Wotschke. 

Gesangbuch. Da es bestimmt ist für ein Häuflein, das in 
allen Landen so viel Verfolgung erfahren, sich überall 
seinen Feinden preisgegeben sah, so erwarten wir Streit- 
und Märtyrerlieder in ihm zu finden, durchglüht von 
heiligem Zorn und tiefem Schmerz über die Gewalttaten 
gegen „die Gemeinde Jesu Christi", durchdrungen von der 
jauchzenden Zuversicht weltüberwindenden Glaubens. 
Aber wenn auch die Kreuz- und Verfolgungslieder Nr. 
90 — 115 uns eine schwer leidende Gemeinde zeigen, den 
heroischen Ton treffen sie nicht. Am ehesten wären hier 
noch zu nennen Nr. 113 „Sei getrost, du Heer der 
Frommen" x ), Nr. 95 „Herr Jesu Christ, du Heil der Welt" 
und Nr. 105 „O starker Helfer, Gott von reicher Güte." 
Aber können wir Preuss einen Vorwurf machen, dass 
ihm nicht alles geglückt? Jedenfalls gehören seine 
geistlichen Lieder zu den besten, die in unserer Provinz 
ihre Heimat haben. 

Die Unitarier in der Mark. 

Als die polnischen Brüder gezwungen wurden, bis 
zum 1. Juli 1660 die Heimat zu verlassen und in das 
Exil zu gehen, zogen die meisten nach Siebenbürgen, 



!) Vergl. Vers 4 und 5: 

„Ob sie uns gleich gar entziehen 
Hab und Gut mit frecher Hand, 
Ob wir, ihnen zu entfliehen, 
Suchen ein wildfremdes Land, 
Unser Reich wird nicht zerstört, 
Unser Schatz bleibt unversehrt, 
Welchen wir dort oben haben, 
Wo kein Feind ihm nach kann graben.'' 

„Wenn sie uns aufs höchste schmähen, 
So nimmt unsere Ehre zu. 
Wann im Elend sie uns sehen, 
Fühlet unsere Seele Ruh. 
Alles Unglück und Gefahr, 
So nur die verdammte Schar 
Irgend auf uns zu kann wenden, 
Muss sich uns zum Besten enden." 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 191 

etliche nach Ostpreussen 1 ) und Schlesien 2 ), einige aber 
auch nach der Mark und stärkten die Reihen der schon 
in Folge des Schwedenkrieges hierher geflüchteten Bobel- 
witzer 3 ) Gemeinde. Verschiedene zerstreuten sich in den 
märkischen Städten. Ein Petrus Stegmann 4), der Bruder 
des Meseritz-Bobelvvitzer Pfarrers, den 1640 die Synode 
zu Kisielin in die Zahl der unitarischen Geistlichen auf- 
genommen, Hess sich in Zehdenick als Arzt nieder. Jeremias 
Felbinger, der in Straschin, aber auch in Luclawice bei 
Krakau tätig gewesen, begegnet uns nach einem mehr- 
jährigen Aufenthalt in Preussen und Friesland, in Frank- 
furt an der Oder und in Berlin. Die meisten nahmen in 
Selchow unfern Lagow (Kreis Sternberg) auf dem Gute 
der Edelfrau Elisabeth von Falckenreh geb. Gröbin, in 
Möstchen auf dem Rittersitze der Familie von Sack, in 
Griesel, das den Schlichtings gehörte, und in Neuendorf 
unfern Krossen Wohnung. In Selchow hatte der Theologe 
Jonas von Schlichting, den seit 1647 °b seines Bekennt- 
nisses so viel Leid getroffen 5 ), schon 1657 eine Zuflucht 
gesucht, und hier im Hause der Falckenreh schloss er am 
1. November 1661 auch seine müden Augen. Seinen drei 



!) Vergl. Joh. Sembrzycki, Die poln. Reformierten und Uni- 
tarier. Königsberg 1893. Separatabdruck aus der Altpr. Monats- 
schrift Bd. XXX. 

2 ) Vergl. Th. Wotschke, Die polnischen Unitarier in Kreuzburg. 

3 ) Bobelwitz kam 1660 in den Besitz der Familie von Seidlitz, 
Anfang des 18. Jahrhunderts erwarb es ein Herr von Kalckreuth und 
50 Jahre später kam es in den Besitz der Dziembowski, die es noch 
heute besitzen. 

4 ) Petrus Stegmann war schwedischer Feldprediger, dann von 
1630 — 1633 Geistlicher in Marienburg gewesen. 1633 ging er nach 
Polen und schloss sich den Unitariern an. 

5 ) Die Synode, die zu Dazwa in Wolhynien, dem Sitze der 
Suchodolski, 1647 tagte, richtete an ihn wie übrigens auch an Valentin 
Baumgarten aus Memel, den Rektor der Schule in Luclawice, der 
gleichfalls geächtet war, ein Trostschreiben. Während Baum- 
garten nach Klausenburg ging, „Slichtingius in patria exul et in 
liberrima republica adversariorum veritatis libidini obnoxius incertis 
sedibus vagari et oras Transborysthenias, Ponto Euxino et Moschicae 
et Scythicae barbariei vicinas adire et incolere necesse habuit." 



192 Theodor Wotschke. 

Söhnen Christoph, Jonas und Paul, ferner Johann Preuss, 
den er wie einen Sohn liebte, und Stanislaus Lubieniecki *), 
dem späteren Historiker, empfahl er noch auf dem Sterbe- 
bette die Herausgabe seiner Kommentare. Hier in 
Selchow Hess auch Johann Preuss sich nieder. Frau von 
Falckenreh baute ihm ein Haus und übergab ihm einen 
Acker. Zu den Gottesdiensten, die er auf dem Hofe der- 
selben Frau hielt, kamen auch die Brüder aus Möstchen, 
aus Griesel 2 ) und die, welche sich noch heimlich im pol- 
nischen Grenzgebiet aufhielten. Zu Preuss' Unterstützung 
ordnete 1663 die Kreuzburger Synode noch den früheren 
Pfarrer von Czerniechow Georg Ciachowski, einen Enkel 
des bekannten Unitariers Georg Schomann, und den 
greisen Daniel Lechocki, der seit 1619 der Gemeinde zu 
Lazin unfern Lodz gedient hatte, ab ; doch wissen wir nicht, 
wo sie ihren Wohnsitz nahmen 3 ). 

In Griesel sehen wir von den polnischen Brüdern 
Bogislaus Alexander von Schlichting mit seinen Ver- 
wandten, besonders mit Gliedern der Familie Lubieniecki, 
mit der die Schlichtings vielfach verschwägert waren 4 ). 
Hier nahm auch der alte Gabriel Morsztyn (Morstein) aus 
Raciborsk bei Krakau mit seinem Sohne Bogislaus Woh- 
nung, während Zbigniew Morsztyn, der über das Exil 
seine Trauerharfe zum ergreifendsten Klageliede stimmte, 
in Ostpreussen Zuflucht suchte, ferner Andreas Rup- 
niowski, Glieder der ehemaligen Schmiegeier Familie 



2 ) Ob Lubienecki, der 1661 aus Kopenhagen nach Stettin 
zurückgekehrt war, auch an seinem Sterbebette gestanden hat 
wie Preuss ? 

2) Vergl. Beilage Nr. 6. 

3 ) Bock S. 101 „Ciachovius 1663 stationem ad terminos Marchiae 
tenuit et cum Daniele Lechockio exulum ex Polonia in Germaniam 
elabentium curam habuit sollicitam." 

4 ) Zbigniew Lubieniecki hatte seit 1655 die Tochter des 
Vespasian Schlichting, des Bruders des Theologen Jonas von Schlich- 
ting, aus seiner zweiten Ehe mit Agnes Suchodolska, Elisabeth Agnes, 
die in erster Ehe mit Hieronymus Mierczinski verheiratet gewesen 
war, zur Frau. Die Gattin des Jonas Schlichting war wieder Anna 
Lubieniecka, eine Enkelin des Stephan Morsztyn. 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 193 

Arciszewski 1 ), wohl auch etliche Orzechowski, Stano, 
Moscorowski, Taszycki u. a. u. a. 

Kurfürst Friedrich Wilhelm, dem die polnischen 
Brüder das von Jonas von Schlichting aufgestellte Glaubens- 
bekenntnis 2 ) überreichten, war tolerant. Einige Unitarier, 
wie den gelehrten Samuel Przypkowski, hat er unter die 
Zahl seiner Räte aufgenommen. Aber die Stände wollten 
von einer Duldung der „Ketzer" nichts wissen. Alle 
Protokolle der brandenburgischen Landtage jener Zeit 
hallen von Klagen über die eingedrungenen Arianer wieder. 
Auch der tolerante Kurfürst sah sich deshalb zuweilen zu 
Schritten wider sie genötigt, zumal da mit oder ohne 
Grund über Propaganda, die die Brüder trieben, geklagt 
wurde. Im Jahre 1664 ward Preuss in Küstrin gefangen 
gesetzt und auf Landesverweisung wider ihn erkannt 
Der Kurfürst begnadigte ihn jedoch und wollte ihn auch 
ferner in der Mark dulden, wenn er von der öffentlichen 
Ausübung seines Glaubens abstünde. Unter dem 31. Juli 
1666 verfügte er in einem Schreiben an die neumärkische 
Regierung, „der Falckenrehin die Abschaffung ihres 
Pfarrers alles Ernstes anzubefehlen. Auch habt ihr durch 
den Fiscalen fleissig acht geben zu lassen, wo etwa einer 
oder der andere von solchen Arianern sich unterfangen 
würde, Conventicula zu halten und ihre Lehre mit 
predigen oder sonsten fortzupflanzen, die einfältigen Leute 

x ) Wolfgang Schlichting, Vater des Fraustadter Richters Johann, 
des Elias, Jonas und Vespasian Schlichting, war mit Barbara Arci- 
szewska, der Tochter des Schmiegeler^ Grundherren Elias A., ver- 
heiratet gewesen. 

2 ) Auf dem Warschauer Reichstage 1647 durch Henkershand ver- 
brannt, hat es seinem Verfasser bekanntlich die Ächtung eingebracht. 
Ursprünglich lateinisch geschrieben, ist es bald in das Polnische, 
Deutsche, Holländische, Französische übertragen worden. 

Auch Johann Preuss hat verschiedene Bekenntnisse auf- 
gestellt, sie sind datiert Krossen, den 7. Dezember 1661, Möstchen, 
den 24. Dezember i66t, Möstchen, den it. Februar 1662. Welche 
Gestalt stellt das I662 in einer Stadt Pommerns gedruckte „Glaubens- 
bekenntnis der allgemeinen christlichen Wahrheit zu Steuer, zu 
Rettung aber seiner eigenen Unschuld an den Tag gegeben von Joh 
Preussen" dar? 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XXVI. 13 



194 Theodor Wotschke. 

irre zu machen, dass dieselben gebührend angemeldet 
und fernerer Verfügung gewärtig sein sollten". Als es 
1668 anlässlich der Beerdigung der alten Frau Morstein 1 ) 
in Griesel zu einem Streit zwischen dem Ortspfarrer 
Kromer und den polnischen Brüdern kam, verfügte der 
Kurfürst: „Ihr habt den Arianern anzudeuten, dass es uns 
lieb sein würde, wenn sie die Mark verliessen; so lange 
sie aber noch in unsern Landen sein, habt ihr nicht zu ver- 
statten, dass sie Geistliche oder auch einen Präceptoren 
so ihrer Sekte zugethan, bei sich haben." Auch Güter 
sollen an Arianer nicht verkauft werden. Auf eine Be- 
schwerde des Griesel er Pfarrers Georg Tietze verfügte der 
Kurfürst unter dem 29. März 1684 an die neumärkische 
Regierung: „Wir befehlen euch, die Gerichtsobrigkeit zu 
Griesel förderlichst für euch zu bescheiden und so wol 
derselbigen als auch dem Mianowicz und Samuel von 
Stano 2 ) und Preussen von Selchow anzudeuten, dass sie 
sich alles arianischen Gottesdienstes enthalten oder 
gewärtig sein, dass ihnen die Güter zu verkaufen würde 
auferlegt werden. Die obgenannten drei, Preussen, Mia- 
nowicz und Stano aber, welche ihr gleichfalls zu citiren 
habt, sollet ihr ehe nicht dimittieren, bis sie Kaution gestellet, 



3 ) Küstrin, den 21. Mai 1668 hatten die Räte dem Kurfürsten 
berichtet, dass Boguslaus Morstein vor etwa vier Jahren einen Anteil 
des Lehngutes in Griesel gekauft habe. „Als unlängst seiner Mutter 
Leiche er still auf dem Kirchhofe beerdigen lassen wollte, habe sich 
der Pfarrer dawider gesetzet, dem allen aber ungeachtet er dennoch 
mit der Beerdigung solcher Leiche jedoch in der Stille fortgefahren, 
nur dass ohne Glockenklang dabei die polnischen Gesänge verrichtet. 
Und weil er mehr seiner Gefreundten bei sich habe, so 
alte abgelebte Leute sein sollen, er Anlass genommen uns zu 
fragen, wie er hinfüro in dergleichen sich verhalten solle." Unter 
dem 13. November 1668 berichten die Räte, „dass die Arianer in 
Griesel ihre Toten auf einem Weinberg in die Erde legen und 
daselbst anfangen, ihnen einen besonderen Kirchhof abzuliegen." 

2 ) Vielleicht ein Sohn des Franz Stano, den die Kreuzburger 
Synode 1663 mit Tobias Iwanicki nach Siebenbürgen abordnete, oder 
ein Sohn des Andreas Stano, der 1680 in Griesel verstarb. Vergl. 
die letzte Beilage. Samuel Stano ging nach Ostpreussen, wo er am 
14. Oktober 1684 auf dem Rudowker Konvent das Protokoll führte. 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 195 

das Dorf Griesel zu meiden und in unsern Landen keinen 
arianischen Gottesdienst zu exercieren" 1 ). 

Schon dass fortgesetzt Verfügungen gegen die Ab- 
haltung arianischen Gottesdienstes ergehen mussten, 
beweist, dass die polnischen Brüder ihre Geistlichen zu 
behalten und ihr religiöses Leben wohl zu pflegen wussten. 
In den Jahren 1661, 1663 und 1668 haben sie die Synoden 
in Kreuzburg 2 ) besucht, 1665 den Konvent in Kessel bei 
Johannisburg (Ostpreussen), der Preuss seinen Dank für 
treue Arbeit, aber auch seine Missbilligung über die vor- 
eilige Ausgabe der Kommentare des Jonas Schlichting aus- 
sprach 3 ), beschickt. Auch auf der Synode, die den 24. Oktober 
1678 in Rudowken bei Rhein (Ostpreussen) zusammen- 
trat, den Konventen, die Februar und Juni des folgenden 
Jahres und am 14. Oktober 1684 gleichfalls in Rudowken, 
1682 aber in Andreaswalde 4 ) gehalten wurden, sehen 
wir sie 5 ). Sie selbst hielten 1687 zu Selchow eine Sy- 
node, zu der auch die Brüder in Preussen Abgeordnete 
sandten. Boguslaus Morstein in Griesel, Paul Schlichting 6 ) 
der auf der Synode als Notar fungierte, Samuel Krell, der 



*) Aus dem weiteren Erlass sehen wir, dass eine Jungfrau 
von Schlichting evangelisch werden wollte. Der Fiskal wird ange- 
wiesen, ihr gegenüber ihren Eltern beizustehen. 

2 ) Vergl. Th. Wotschke, Die polnischen Unitarier in Kreuzburg. 

3 ) Wir wissen nicht, wie weit Preuss Schuld daran trug, dass 
die Brüder in Holland die Kommentare 1665 drucken lassen konnten, 
bevor sie, wie die Synoden 1662 und 1663 bestimmten, von Christoph 
Krell, Andreas Wissovatius, dem nach Mannheim gesandten Joachim 
Drozowski und Samuel Przypkowski durchgesehen waren. 

4 ) Der Andreas wald er Konvent beriet vornehmlich über 
Fragen der Kirchenzucht und -Ordnung. Vgl. Bock S. 947. 

5 ) Auf dem Rudowker Konvent ist Stanislaus Demianowicz 
aus dem Krakauer Lande, der 1655 von der Raszkower Synode 
ein Stipendium zum Studium in Deutschland erhalten und am 2. Juni 
dieses Jahres mit Alexander Sierakowski in Frankfurt sich hatte 
inskribieren lassen, wieder in die Kirchengemeinschaft aufgenommen 
worden. Wegen seiner in der Mark verbreiteten und wohl gegen 
die Brüder in der Mark gerichteten Schrift „Philadelphia" war er 
exkommuniziert worden. 

6 ) Der Sohn des Jonas. 

13* 



196 Theodor Wotschke. 

nach Abschluss seiner Studien aus Holland zurückgekehrt 
war, wählten sie hier zu Senioren, beklagten Georg 
Geizanowskis trauriges Ende 1 ), bestimmten die Ordination 
des Samuel Stano und übertrugen ihm das Pfarramt in 
Rudowken, wo der sprachenkundige Daniel Jaskiewicz, 
einst Preuss' Nachfolger in Iwanice, gestorben war. 

Noch vor zwanzig Jahren hatten die Synoden 
wissenschaftliche, apologetische, exegetische und historische 
Arbeiten angeregt und gefördert, und gerade der Selchower 
Pfarrer Preuss war gern wissenschaftlich tätig 2 ). In seinem 
Schwiegersohne Samuel Krell war ihm ein scharfer Denker 
und gründlicher Theologe 3 ) zur Seite getreten, aber der 
andauernde numerische Rückgang der kleinen Gemeinden 
und ihre Verarmung wirkte lähmend auf den wissenschaft- 
lichen Geist, der bis dahin in den Kreisen der polnischen 
Brüder so lebendig gewesen war. Nur zwei kleine, durch die 
kirchlichen Bedürfnisse geforderte praktische Arbeiten 
veranlasste die Selchower Synode. Samuel Arciszewski, 
der Leiter der Rudowker Synode vom 14. Oktober 1684 
und spätere Andreaswalder Pfarrer, und Benedikt Wisso- 
watius, der Sohn des in Amsterdam verstorbenen 
Herausgebers der Bibliotheca fratrum Polonorum Andreas 
Wissowatius, der Urenkel Fausto Sozinos, erhielten den 



x ) Geizanowski, der 1655 mit Demianowicz von der Rakower 
Synode zum Studium nach Deutschland geschickt, dann seit 1660 
den in Polen heimlich zurückgebliebenen Brüdern und sonderlich 
den Frauen, deren Männer katholisch geworden waren, gedient 
hatte, war elendiglich ums Leben gekommen. 

2 ) Angelegentlich hat sich Preuss z. B. mit dem Märtyrer 
seines Glaubens Servet, dessen Werk „Christianismi restitutio" er 
durch den Klausenburger Rektor und Superintendenten Daniel 
Marcus Szentivani erhalten hatte, beschäftigt. Er schrieb auch ein 
„Carmen de morte Michaelis Serveti". Unter dem 1. Februar 1721 
suchte es der Kirchenhistoriker Mosheim durch den Berliner Polyhistor 
Lacroix zu erhalten. 

3 j An seinen Grossvater Johann Krell, den Rakower Rektor 
und Pfarrer, reicht er allerdings nicht heran. Bekannt ist seine 
Mitarbeit an Pierre Bayles grossem „Dictionnaire historique et critique." 
Ein Brief Bayles an Krell findet sich in dessen Oeuvres diverses 
IV. Bl. 874. 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 197 

Auftrag, einen Katechismus für die Jugend lediglich aus 
Schriftworten zusammenzustellen 1 ). Samuel Krell hinwider 
wurde gebeten, Peter Morskowskis, des Czarkower Pfarrers^ 
Agende 2 ), die auf Anordnung der Czarkower Synode 1652 
Jonas Schlichting, Joachim Stegmann, Andreas Wisso- 
watius wie schon vorher Samuel Przypkowski, Johann 
Arciszewski, Gratian Statorius und Ruarus durchgesehen 
und über deren Druck Wolzogen und Preuss 1659 auf 
Anordnung des Czarkower Konvents vergebens beraten 
hatten, mit Erklärungen und ergänzenden Anmerkungen zu 
versehen. 

Schon 1678 hatte Johann Preuss eine neue Sammlung 
geistlicher Lieder anonym herausgegeben, „Fasten-Speise, 
kranke Gewissen damit zu erquicken, von einem wol- 
erfahrenen bekehrten Sünder vor bussfertige und zer- 
knii sehte Herzen zubereitet und auf freien Tisch getragen", 
fünfzig Lieder, in denen er von neuem sein warmes 
religiöses Empfinden und seine dichterische Kraft bezeugt. 
Im Jahre 1682 Hess er von einem gewissen Christoph 
Gruber in Guben ein umfangreiches, mehr denn 1000 Quart- 

*) Erst 1680 und 1684 waren in Amsterdam zwei neue Auf- 
lagen des Rakower Katechismus erschienen. Wenn die polnischen 
Brüder in der Mark jetzt gleichwohl um einen neuen Kate- 
chismus sich bemühten, so ist dieses nur so zu verstehen, dass sie 
mit dem berühmten Lehrbuche ihrer Religionsgemeinschaft nicht 
mehr zufrieden waren. Des Arciszewski und Wissowatius polnischer 
Katechismus liegt uns nicht mehr vor, aber seine Übersetzung und 
Bearbeitung durch Krell „Kurzer Unterricht in der christlichen 
Religion" ist tatsächlich in der Rechtfertigungslehre vom Rakower 
Katechismus wesentlich verschieden. 

2 ) Sie führt den Titel „Politia ecclesiastica, quam vulgo 
Agendam vocant, sive forma regiminis exterioris ecclesiarum christia- 
narum in Polonia, quae unum deum patrem per filium eius uni- 
genitum Jesum Christum in spiritu s. confitetur, tribus libris explicata 
a Petro Morscovio" und ist 1747 von dem Feuchtwanger Dekan 
Georg Ludwig Öder herausgegeben worden. Morskowski hat die 
Agende, die die offizielle Kirchenordnung der unitarischen Gemeinden in 
der späteren Zeit darstellt, wohl in den dreissiger Jahren des 17. Jahr- 
hunderts geschrieben, als der Tod dem Klausenburger Superinten- 
denten Valentin Radecke, der an einer unitarischen Kirchenordnung 
arbeitete, die Feder aus der Hand genommen hatte. 



198 Theodor Wotschke. 

Seiten starkes Buch drucken. Hier vertritt ein be- 
schränkter Schneider die orthodoxe Lehre, und ein 
wohlunterrichteter Schuster den unitarischen Standpunkt. 
Über den christlichen Glauben unterhalten sie sich, und 
da sie zu keinem Ergebnis kommen, suchen sie ihre 
Pfarrer auf, die auch drei Tage disputieren, ohne den Streit 
auszutragen; doch wird die unitarische Lehre mit ge- 
wichtigeren Gründen gestützt 1 ). Als Preuss und sein 
Schwiegersohn Krell dieses nebst anderen unitarischen 
Büchern 1689, bei dem Frankfurter Buchhändler Jeremias 
Schreyer zu verkaufen suchten, erstattete dieser bei der 
Universität Anzeige. Eine eingehende Untersuchung gegen 
Preuss und Krell und besonders auch gegen den Drucker 
ward eingeleitet. Der Kurfürst gebot unter dem 9. Sep- 
tember 1689, Preuss und Krell wegen des Bücherverkaufs 
den strengsten Verweis zu erteilen und ihnen anzudeuten,, 
„dafür sie sich noch einmal in dergleichen Fall betreten 
lassen, sie und alle ihre Adhärenten aus unseren Landen 
geschaffet werden sollen". Mit Mühe entgingen beide 
dem Geschick, zur Überführung des Druckers nach Guben, 
wie die sächsische Regierung forderte, transportiert zu 
werden. Februar 1696 starb Preuss. 

Unter dem 18. Dezember 1704 verfügte König Friedrich L 
auf einen Bericht der neumärkischen Regierung, „dass 
Morstein aus sonderlichen Gnaden, die Gebrüder von 
Schlich ting laut Reskript vom 17. Dezember 1698 ohne Ge- 
wissenszwang die Güter, womit sie ehemals aus gewisser 
Konsideration belehnt worden, behalten können, aber sie 
sollen von allem exercitio publico ihres angemassten 
Gottesdienstes abstrahieren." Demgemäss versagte auch 

i) „Theologia oder Geistliche Gespräche von unterschiednen 
Artikeln der christlichen Religion, insonderheit von der wahr- 
haftigen und heiligen Dreieinigkeit". S. 985 — 1010. Unüberwind- 
licher Entsatz, das ist zehen unbetrügliche Kennzeichen, woraus un- 
widersprechlich geschlossen wird, dass derer in Jahr 1660 den 10. Juni 
vertriebenen polnischen Brüdern ihr Glaubensbekenntnis die wirk- 
liche Wahrheit Gottes sein müsse. S. 1011 — 1078. Gespräch vom 
christl. Glauben und Gemeinschaft der Heiligen, vornehmlich aber 
von der Taufe und dem Abendmahl. 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 199 

der König vier Jahre später, als Boguslaus Morstein in 
Griesel gestorben war, und sein Sohn Stephan ihn feierlich 
mit den üblichen Zeremonien beerdigen lassen wollte, das 
öffentliche Begräbnis mit Glockengeläut l). 

In Königswalde bei Zielenzig, das Achatius von 
Taszycki, der seit dem 26. November 1709 in Frankfurt 
studiert hatte, vom Grafen Schmettau pfandschillingsweise 
erwarb, erhielten die Unitarier für etliche Jahre einen 
neuen Stützpunkt. Hier Hess sich neben anderen ihr 
Geistlicher Samuel Krell nieder, kaufte ein Haus und 
einen Acker. Auch wohnten hier eine verwitwete Frau 
v. Sack, ein Samuel Schannewitzki, ein Schneider Johann 
Maniowski, ein Samuel Glodomski. Im Hause des letzteren 
hielten die Unitarier ihre Gottesdienste. Ihre Kinder 
unterrichteten sie nach einem Katechismus, der erst in 
Duodezformat, 1717 vermehrt in Oktav erschienen war 2 ). 



1 ) Die Regierung hatte unter dem 17. November 1708 dem 
Könige berichtet: „Die der sozinianischen Sekte Zugetane sind alle- 
mal dahin gewiesen, dass sie ihre Toten ohne einiges Geläut und 
anderen bei den Evangelischen gebräuchlichen Leichenceremonien 
in der Stille beerdigen müssen. Da in Griesel wie auch anderwärts 
die Arianer zum Begräbnisplatz sich einen eignen locum oder aratrum 
gewählet, würde es sonderbar sein, wenn die Begräbnisse evan- 
gelischer Weise stattfänden." 

2 ) Vergl. Beilage 10. „Kurzer Unterricht in der christlichen 
Religion. I. Tim., 2, 3. Es ist nur ein einiger Gott und ein einiger 
Mittler Gottes und der Menschen, der Mensch Christus Jesus.' Es 
ist eine durch Krell besorgte deutsche Übersetzung und Bearbeitung 
des im Auftrage der Selchower Synode 1687 polnisch geschriebenen 
und in Amsterdam gedruckten Katechismus ,,Nauka nabozenstwie 
-christianskim krotko zebrana", der auch bei den Unitariern in 
Preussen eingeführt war und in der Rechtfertigungslehre vom 
Rakower Katechismus stark abwich. Jablonski urteilte von ihm : 
Der Katechismus Unitariorum bemühet sich zwar möglichst, die 
eigentlichen unitarischen Lehrsätze entweder zu dissimulieren oder 
doch aufs allergelindeste vorzutragen und führet sonderlich in den 
drei Hauptartikeln von Christi Gottheit (§ 10 — 12), von desselben 
Opfer und Verdienst (§ 19 ff. inprimis § 22) und von der Recht- 
fertigung (§ 28) eine solche Sprache, welche denen Catholicis viel 
näher zu kommen scheinet, als von Arianis und Socinianis zu ge- 
schehen pfleget. Jedoch behält dieser Katechismus das gemeine 



200 Theodor Wotschke. 

Als der Drossener Superintendent Johann Georg 
Walther nach einer Visitation am 15. Juni 17 18 Beschwerde 
wider die Unitarier erhoben und der König ihnen deshalb 
am 21. Oktober eine Verwarnung hatte zukommen lassen,, 
auch alle religiösen Zusammenkünfte verboten hatte, richteten 
sie am 28.November ein längeres Bittgesuch an den Herrscher. 
In ihm baten sie unter Hinweis, dass sie in der ganzen 
Neumark nur 72 Seelen, in Königswalde gar nur 20 zählten,, 
ihre bisherigen Gottesdienste bei verschlossenen Türen ihnen 
weiter zu gestatten oder zu gebieten, dass Lutheraner und 
Reformierte sie zu ihren Abendmahlsfeiern zuliessen 
Schon 1700 hatte Krell eine Schrift erscheinen lassen: 
„Kurze und einfältige Untersuchung, ob und warum die 
reformierte evangelische Kirche die also genannten Sozi- 
nianer mit gutem Gewissen dulden oder auch in ihre 
Gemeinschaft aufnehmen könne und solle". Als die Brü- 
der Stephan und Thomas Widawski, die als preussische 
Offiziere in Kleve standen, ihren Grieseler Verwandten 
August 1717 ihre religiöse Not geklagt hatten, dass sie 
fern von den Glaubensgenossen der kirchlichen Gnaden- 
mittel entbehren müssten, hatte er im Namen der kleinen 
Grieseler Gemeinschaft ihnen geraten, sich zu den Re- 
formierten zu halten. Die Gutachten 1 ) der vom König 



Visum ihrer ganzen Religion, dass dieselbe viel Wahrheiten vor- 
traget, aber nicht alle. Er hält sich auch in solchen Schranken, 
dass man den Gegensatz zwischen den Catholicis und Unitariis in 
vielen Stücken nicht leicht merken kann, wie z. E. § 29 redet er von 
der Auferstehung der Gläubigen so verstecket, dass daraus nicht zu 
ersehen ist, dass er die Auferstehung der Gottlosen leugne, und 
§ 37 nimmt einen subtilen Weg, um nicht deutlich sagen zu 
dürfen, dass er allen Eid verboten halte". Berlin, den 28. Juni 1718. 
!) Die Gutachten finden sich im Berliner Staatsarchiv 
„Acta der Unitarier 1718 — 1720." Jablonski legte seinem Gutachten 
noch folgendes Schreiben bei: „Ich erinnere mich, dass a. 1692, da 
ich noch in Königsberg stund, ein Vornehmer vom Adel, welcher 
die Radziwillschen Güter in Lithauen mitadministrierte und vor 
einen Reformierten angesehen worden, im Herzen aber ein Arianer 
war, bei dasigem Ministerio sich angegeben und in den Schoss der 
reformierten Kirchen angenommen zu werden verlanget, jedoch 
heimlich, damit die Sache nicht eclatierte, weil in Polen verboten 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 20T 

befragten Berliner Theologen sprachen sich gegen eine 
Zulassung der Unitarier zur Sakramentsfeier aus. Der 
König gestattete ihnen darum ihre privaten Gottesdienste 
auch fernerhin. 

Fast zusehends schwand seit 1720 ihre kleine Zahl. 
Mehr wie 40 Jahre hatte Krell über sie gewacht, ihr reli- 
giöses Leben gepflegt und gehütet, jetzt, Ende 1725 ver- 
liess er das zusammengeschmolzene Häuflein. Er ging 
nach England, wo er sein Buch: „Initium evangelii s. Jo- 
hannis ex antiquitate ecclesiastica restitutum" drucken 
liess, dann April 1727 nach Amsterdam. Hier ist er im 
Alter von 87 Jahren am 12. Mai 1747 verstorben. Seine 
beiden Töchter drückten ihm die Augen zu. Seine drei 
Söhne hatten in Georgien jenseits des Weltmeeres eine 
neue Heimat gesucht. Taszycki verkaufte Königswalde 
und ging nach Ostpreussen, wo er in der Herrschaft Bey- 
nuhnen sich ansässig machte. Das Haupt der kleinen 
Grieseler Gemeinschaft, der Erbherr und königliche 
Fähnrich Gottlieb Tobias von Morstein, nahm eine Evan- 
gelische zur Frau, Johanna Sophie von Lossow aus dem 
Hause Gross-Gandern, und liess wohl im Einverständnis 
mit seinen wenigen noch unitarischen Verwandten seine 
Kinder in der evangelischen Kirche taufen und erziehen. 
Als er 1761 im Alter von 54 Jahren starb, folgte ihm im 
Besitze Griesels sein fünfzehnjähriger evangelischer Sohn 
Maximilian Ehrenreich Samuel 1 ). Gottlob Benjamin von 
Schlichting und seine Frau Juliane Sophie geb. Morstein, 
die 1762 bezw. 1768 in Griesel starben, waren, so weit 
wir wissen, die letzten ihres Glaubens in der Neumark. 



ist denen Krypto-Antitrinitariis, zur evangelischen Kirche zu treten, 
sondern sie päpstisch werden müssen, wenn sie ihre Ehre und 
Güter salvieren wollen. Er wurde von dem Presbyterio angenommen, 
aber weil er nicht dociren konnte, ob und wie er getaufet worden, 
unter Beding, dass er heimlich in praesentia presbyterii sollte ge- 
taufet werden. Er agreirete dieses, doch ehe es konnte bewerk- 
stelligt werden, stiess ihm eine dringende Reise vor, und darüber 
kam ich von Königsberg weg, weiss auch nicht, wie es weiter ab- 
gelaufen. Berlin, den 25. Martii 1720." 

*) Am 8. Februar 1763 an der Viadrina inskribiert. 



202 Theodor Wotschke. 

Mein Urgrossvater Martin Tiebel, der das Pfarramt in Griesel 
bekleidete, zeigte noch vor 70 Jahren meiner Mutter die 
Trümmer des unitarischen Gotteshauses. Heut ist in Griesel 
jede Erinnerung an die polnischen Brüder erloschen, auch 
ihr Kirchhof geschwunden 1 ). Nur das hinter dem Guts- 
hause gelegene kleine Gewässer, der Urianerteich, wie 
ihn das Volk nennt, weist noch den Kundigen auf sie hin ;.; 
hier haben sie ihre Taufen vollzogen. 

Ein tragisches Geschick hat die polnischen Brüder 
getroffen. In das Exil gestossen, zerstreut, wussten sie 
sich nicht zu erhalten 2 ). Sie sind untergegangen, ihre 
Spur ist verweht. Sie, die so oft glaubenskühn meinten, vor 
der Stunde zu stehen, da alle Welt ihnen zufallen würde 3 ),, 
die da rühmten, dass die Zukunft ihnen gehöre, mussten 
untergehen wie das Laub, das der Herbstwind von den 
Bäumen reisst und herumstreut. Und doch war ihre Hoff- 
nung keine ganz trügerische. Zwar sind sie hinweg- 
gespült vom Strom der Zeit, zwar ist ihre Glaubenslehre 
als Ganzes, das System ihrer Theologen, vergessen, aber 



i) Er lag hinter dem Gutsgarten und ist durch den Bau eines 
Eiskellers schon vor vielen Jahrzehnten zerstört worden. 

2 ) Noch vor den polnischen Brüdern in der Mark sind die 
nach Holland geflüchteten in ihrer Umgebung aufgegangen, 1803 
schliesslich auch die nach Ostpreussen gezogenen. Sembrzycki, Die 
poln. Reformierten und Unitarier in Ostpreussen S. 40. In Sieben- 
bürgen giebt es dagegen in 106 Kirchgemeinden noch heut an 60000 
Unitarier. Freilich sind diese Unitarier trotz ihrer Verbindung mit 
den polnischen, trotz des engsten Zusammenhanges, in dem gerade 
die Klausenburger Gemeinde mit Polen stand, den polnischen Brüdern 
nicht gleich zu setzen. Von Blandrata her überwog bei ihnen das 
Erbe der Renaissance, das humanistische Element, war der Einschlag 
des Täufertums viel, viel schwächer. Preuss sagt in seinem dritten 
Kennzeichen der polnischen Brüder, „dass die Siebenbürger mit der 
polnischen Brüder Bekenntnis nichts mehr als nur den Artikel vom 
einigen Gott dem Vater, woher sie auch Unitarii heissen, gemeines 
hatten. Sind auch bis heute noch nicht in allem mit ihnen eins, 
sintemal sie weder eine solche Kirchenzucht, wie diese haben, noch 
auf eigenes Bekenntnis des Glaubens, sondern unmündige Kinder 
vor dem und ohne den Glauben taufen." 

3 ) Sein Buch „Theologie oder geistliche Gespräche" hat Preuss« 
datiert: „Im Jahr, als die Hauptirrtümer begannen zu wanken". 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 203 

nicht wenige ihrer Gedanken sind gleichwohl heut Allge- 
meingut geworden. Ich will nicht den Finger darauf legen, 
dass die Polemik ihrer Theologen an ihrem Teil mit dazu 
beigetragen hat, den festgefügten Bau des alten ortho- 
doxen Systems zu stürzen und damit die neuere Theo- 
logie zu begründen, überhaupt auf einzelnes nicht eingehen, 
nur betonen, dass der Grundzug ihres Lebens, die Liebes- 
betätigung gegen jedermann, ihre Forderung nach Frei- 
heit des religiösen Lebens von jedem staatlichen Zwang, 
auch von Luther erhoben, doch im Altprotestantismus 
wieder vergessen, in dem sozialen und freiheitlichen 
Gedanken ihren Siegeszug in der ganzen Kulturwelt 
angetreten haben. 



Beilagen. 

I. 

Georg von Nadelwitz an Kurfürst August von Sachsen 1 ). 

Ew. Churfürstlichen Gnaden soll ich nicht vorhaltenn, das auf 
diesem ietzigen Monat alhie in denn Weichpildernn etliche Parti- 
eularlandtage, desgleichen folgends auf dem 21. Septembris eine 
allgemeine Convocation angestellt sei wordenn, von dannen sich die 
Stende stracks auf die Election eines neuen Königs nach der War- 
schaw abermals begeben werdenn. Demnach, wofern Ew. Chur- 
fürstlichen Gnaden Befelich sei, das ich dieselben besuche, so ge- 
langet ahnn Ew. Churfürstlichen Gnaden mein vnterteniges Pitten, 
Ew. Churfürstlichen Gnaden wollt diese gnedigste Anordnungk thun, 
darmitt mir mitt dem allererstenn ettlich Gelt zu Zehrungk durch 
Jacob Griebenn vonn Leipzigk zu seinem Factor gegenn Frankfurt 
ann die Oder vberschicket mocht werdenn, vnd ich durch diesen 
Pötten verstendigett, zu welcher Zeitt vnd Stelle solchs abzufordern. 
Wohin vnd worauf ich auch die vorigen 200 fl. gewendet, wird die 
Rechnung, so bei Abraham Bocke, geben . . . 

Das sonsten allhie einige Praktiken wider andere Nation son- 
derlich deutschenn Landes solten furgenommen werden, ist in War- 
heitt nicht zuuormerken. Einer grossen Zertrennung aber zwischen 
sich selbst haben wir vns, wie sich alle Dingk ansehen lassen, 
gewisslichen zu befaren. Datum Prittisch, den 13. Augusti 1575. 
Ew. Churfürstlichen Gnaden vnterthenigster gehorsamer Diener 
•Georg von Nadelwitz. 

x ) Aus dem Dresdener Staatsarchiv. 



204 Theodor Wotschke. 

IL 

Die Unitarier in Schmiegel an Georg von Nadelwitz 1 ). 

Generose Domine, amice perquam reverenter colende et obser- 
vande. .Cognovit Gen. Dom. Vra ex quorundam nostrorum literis,. 
indictam esse apud nos synodum ad diem novam futuri mensis 
Octobris secundum calendarium novum seu Gregorianum, quae erit 
vicesima nona mensis Septembris secundum calendarium vetus, ad 
quam non dubitamus ex terris Cracoviensibus, Lublinensibus, sub- 
montanis et aliis forte remotioribus locis fratres venturos esse. Cum 
vero nollimus illorum et nostrorum illum laborem non nisi ad pro- 
pagandam divini nominis gloriam susceptum esse frustaneum, sed 
cum aliquo saltem non tantum nostro, verum extraneorum etiam 
fructu et utilitate coniunctum, at non ignoremus, ita de nobis persua- 
sos esse quosdam in vicina Germania quasi in iis, quae illustrandae 
divinae veritatis erga ab aliquot annis a nobis pio sane zelo doceri 
coepta sunt, toto coelo, quod dicitur, errare debeamus, seorsum vero 
dominos professores academiae seu universitatis Francofordianae 
ad Oderam, quorum aliqui integros libros errores illos, quos Uli 
putant, taxantes in lucem ediderunt. Ad eos autem cum ob facul- 
tatem tum temporis etiam penuriam nobis respondere integrum non 
fuerit, nihil magis tarnen expetivimus hactenus, quam ut oblata 
occasione aliqua cum eis de conscriptis illis et in lucem editis libris 
tum reliquis omnibus, in quibus nos errare illi existimant, conferre 
potuissemus. Ea occasio cum nunc se aliquo modo per hanc insti- 
tutam synodum nostram offerre videatur, cum eis autem nulla nobis 
intercedat neque notitia neque familiaritas, Gen. Dom. Vram, cuius 
nomen novimus esse per Germaniam satis celebre, maiorem in 
modum rogamus, ut ad dominos professores illos suas literas dare 
illosque ad indicatam illam synodum nostram et familiäre de rebus 
quibuscunque divinis colloquium invitare haud gravate velit. Polli- 
cemur ipsos non minus secure quam domi suae apud nos versaturos 
et omne humanitatis et benevolentiae genus experturos esse. Quam 
in rem nostrae hae literae obsidum eis loco futurae sunt. Iniuriarum r 
quas alii ipsorum libris sibi irrogatos existimare possint, nos non 
tantum obliviscemur, sed si ex divinis oraculis erroris alicuius con- 
victi fuerimus, ab eo non tantum desistemus (cum non nostram, sed 
dei gloriam quaeramus), sed illis gratiam insuper habebimus, quod 
nos ab errore revocaverint et in viam rectam reduxerint, cum scia- 
mus, non omnia unis data, sed varia esse dei opt. max. inter homines 
dona. Quod non minus ipsos quoque (quemadmodum id ipsa 
aequitas postulat) in se haud difficulter admissuros esse confidimus. 
Quod superest, Gen. Dom. Vram in Jesu Christo domino feliciter 
valere cupimus, cui paratissima nostra studia et obsequia deferimus* 



2 ) Aus der Breslauer Stadtbibliothek. 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 205 

Smiglae die 5. mensis Septembris stylo novo anno a Jesu Christi 
natu 1594. Gen. Dom. Vrae studiosissimi ministri, diaconi et seniores 
coetus Smigliani. 

in. 

Georg von Nadelwitz an Andreas Winzel 1 ). 

Edler, achtbar, hochgelarter ehrwürdiger Herr Doctor, mein 
besonders geliebter Herr vnd Freund. Negst Wunschung göttlicher 
Gnadt vnd Segens zu gesundt vnd allem Wolergehen seindt dem 
Herrn meine vnbekandte, aber doch willige Dienste in aller Lieb 
vnd Freundschaft stets zuuor vnd bereitt. Vnd nachdem ich mich 
zu erinnern hab, dass vngefehrlich vor zweyen Jahren der Herr 
Pfarrherr zum Stentsch, mein auch besonders lieber Herr vnd 
Freundt, mir ein Schreiben gezeigett, darinnen ihn der Herr Doctor 
piettlichenn vermahnet, nachdem derselbe meiner wenigen Perschon 
in Religionssachen zu mehr mahlen hette hören gedenken, er wolle 
doch darob sein, das der Herr Doctor mit mir zu freundtlicher 
Vnterredung vnd als möglich zwischen hier vnd Frankfurtt auf 
halbem Wege, alss im Stedtlin Reppin oder sonsten, zusammen 
kommen möchte, welches ich den hertzlich gern bewilliget vnd bis 
daher mit grossem Verlangen darauf gewartet, nicht der Meinung, 
das ich mich mit dem Herrn Doctor in einige Zwiespalt hette ein- 
lassen wollen, si quidem christianorum disputationes collationes esse 
debent, non aitercationes, sondern von ihnen alss einer hochgelarten 
Perschon, ob ich inn ettwas geirret, het mögen vnterrichtet vnd 
eines bessern aus heiliger göttlicher Schrifft (cum nullus sit liber 
catholicus praeter scripturam sacram, cui adversari nefas duco) 
dociert werden. Wan es aber mir aus vnbewussten Vrsachen nicht 
darzu kommen mögen, vnd ich gleichsehr von Herzenn wünsche, ja 
von Gotte dem Allmechtigen stets seufzen und bitten thue, er wolle 
nach seiner vnerforschlichen Weissheit vnd vnaussprechlichen Gütte 
Mittel vnd Wege seiner Christenheidt verleyhen, damit die Menschen 
einsmals zu seinem vnd seines Sohnes wahrem Erkendtnis kommen ' 
vnd ihn im Geiste und in der Warheidt anruffen vnd endtlich selig 
werden möchten, so habe ich mich keinesweges an den Herrn 
Doktor zuschreiben abstiniren können mit hochvleisiger Pidt, mir 
solches zu keinem seltzamen Nachdenken zugereichen lassen, son- 
dern da immer menschlich vnd möglich auf dem angestellten Syno- 
dum ettwan mit Herrn Christophoro Pelargo, weil sonderlich der- 
selbe vnsere Meinung zu refutiren schrifftlich Fürhabens, oder wer 
sonsten dieselben auss der Herrn Mittell sein möchten, nach Smiegel 
anzulangen, von welchem Sinodo der Herr Doctor aus dem ein- 
geschlossenen Schreiben, so die Gemeine daselbst diesfals an mich 
gethan, mit mehrem wirdt zuuernehmen haben. 



J ) Aus der Breslauer Stadtbibliothek. 



206 Theodor Wotschke. 

Denn es duncket mich ja gar ein vnchristliches vnd vnbilliges 
Ding sein, das vnsere Antagonisten vns alleine vmb der erkandten 
Warheidt willen (als wir gewis hoffen) also mögen hassen, verfolgen, 
lestern, schmehen vnd bey aller Welt hohen und niedrigen Standes 
verhast machen, da sie doch, so viel ich noch zur Zeit ihrer 
Schrifften gelesen, aus Gottes Wortte nichts erhebliches wider 
vnsere Religion aufzubringen vermocht vnd alleine sich mit ihren 
patribus, scholasticis vnd andern Kallmeusern, die sie selbst nicht 
zulassen, wenn sie mit den Papisten vom Fegefeuer, Heiligen- 
anruffen, Sehlmessen etc. etc. disputiren, gegen vns behelfen thun. 
Cum nihil sit turpius, quam incognito damnare solique opinionibus 
praeiudicatis de aliquo iudicare. Cur non potius abiecto gladio 
magistratus et brachio saeculari provocant nos ad pugnam et arma 
spiritualia, quibus solis Christus sathanam prostavit et cum sola illis 
porrigantur a Christo et apostolis eius. Nee sunt alia ad haereticos 
iiudicandos et iugulandos efficatiora, neque igitur nostrae neque 
llorum causae sint patroni patres. Sedeat Christus cum prophetis et 
apostolis tantae controversiae iudex, ad quorum tribunal ipsos 
citamus. 

Ich will dem Herrn Doctor mein Leib vnd Leben vnd alles, 
was ich vormag, verfallen haben, so bald man den Vnsrigen vom 
Gegentheil auss clarer, heller, vnuerfelschter vnd vnzweifelhaftiger 
Schriefft (sinceritas enim scripturae custodienda est) ein gewisseres 
denn sie haben, beweisen wirdt, das sie ganz williglich cediren vnd 
ihren lrthumb revociren werden. Weil denn in quaestionibus et 
dogmatibus definiendis non persona sed causa speetanda est, so 
mache ich mir keinen Zweifel, es werden die Herren sich nach 
diesem richten vnd ihren Eifer, auch vnbilligen Hass gegen vns 
christlicher Weise zu Erkundigung der Warheit einstellen vnd 
aussen zubleiben sich nicht abwenden lassen. Solchs wird den 
Herrn der gantzen löblichen Universitet bey aller Welt ein Ruhm 
sein, ohne das es vnser lieber Herre Gott ohne allen Zweifel ihnen 
auch nicht wirdt ausfallen lassen. 

Hetten die Herren aber auch einig Bedenken, das sie sich 
solches hinter Vorwissen vnd Zulassung ihrer hohen Obrigkeit 
(sintemal diese calva excusatio oftmals von ihnen vorgewandt wirdt) 
nich vnterstehen durffen, so piett ich doch abermals zum aller- 
freundlichsten vnd vleissigsten, sie wolten etwa ein Paar gelerter 
Gesellen auss ihren Studiosis, die mit keiner Pflicht oder Dinsten 
der hochgemelten Obrigkeit verbunden, zur Stelle zu kommen 
mögen, die ettwa den Freytag zuvorn anhero gehen Bobelwitz in 
meine Behausung, zu negst Medserietz gelegen, weil sonsten diese 
Strassen bey mir durchgehet, zu mir gelangen möchten. Ich wil 
sie vnd die Herren von Herzen gerne sehen, ihnen mildiglich mit- 
theilen, was mein Hauss vermag, vnd folgendts ihr gutter Geleitsman 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 207 

biss zur Stelle sein, desgleichen sie wiederumb mit mir, wils Gott, 
ohn alle Gefahr vnd einig Nachteil zurucke bringen, welches ich 
inen bei meinen christlichen vnd adelichen Treuen vnd Ehren 
hirmit wil versprochen vnd zugesaget haben, das sie spuren vnd 
mercken sollen, wie hoch vnd viel ich mir an dieser Sachen gelegen 
lasse sein. Vnd wie wol ich den Herrn allen samptlichen gewogen 
bin, welche ich alle mit einander göttlicher Bewahrung, mich aber 
in ihre Liebe, Gunst vnd gute Reputation hiemit trewlich wil 
empfolen haben, schriefftliche vnabschlegige Antwort vleissig 
piettende. Datum Bobelwitz, den 12. Septerabris anno I594. Des 
Herrn dienstwilliger Freundt Georg von Nadelwitz von Krancz auf 
Bobelwitz. 

IV. 

Prälaten, Herren, Ritterschaft und Städte des Sternberger 
Kreises an den Kurfürsten 1 ). 

Ew. Ch. D. müssen wir berichten, dass im Sternbergischen 
Kreise in dem Dorfe Selchow sich eine arianische und photinianische 
Frau Elisab. Magd, von Falckenrehin geb. von der Gröbin wegen 
einiger auf selbigem Gute prätendirender Schuldforderung nebenst 
ihrem Schwiegersohne Hansen von Sack und anderen ihrer Secte 
Zugethanen aufhalte, zwene Pfaffen, einen Stegmann und den andern 
Preusse genannt, umb sich habe, von Tage zu Tage mehr Arianer 
aus Polen und Schlesien, an sich ziehe, auch die Pauerhäuser mit 
solchen Leuten anfülle, allermassen dann oftermals das Dorff Selchow 
so voller Kaiessen, worauf diese Leute heufig angezogen kommen, 
stehet, dass es zuverwundern. Ja, es will verlauten, sambt die Frau 
Falckenrehin sich nicht allein unternimbt, ihr Gesinde so wohl durch 
Zwang als gute Worte zu ihrer Ketzerei zu nötigen, sondern es 
beginnet sich auch der eine Pfaffe Preusse an die Dorfprediger zu- 
machen und dieselbe auf seinen irrigen Weg zuverleiten. Dergestalt 
er denn den Pfarrer zu Kay, dessen Zunahme ist Jancovius, im 
Züllicho wischen Kreise dahin bracht, dass derselbe öffentlich pro 
concione spiritus sancti deitatem et trinitatem negiret und solchen 
Schwärm seinen Zuhörern beizubringen ihme gelüsten lassen." Auf 
Grund des Landtagsabschiedes vom 26. Juli 1653 bitten sie um 
Abhülfe. 

V. 

Der Fiskal Joh. Matth. Polenius an die Räte. 

Als mir am 7. huius befohlen, wegen der zu Selchow ver- 
sammleten Arianer Erkundigung einzuziehen, bin ich am 9. huius von 
hinnen gereiset, und als ich am 10. gegen Abend auf der Komptorey 

] ) Diese und die folgenden Urkunden sind dem Berliner Geh. Staatsarchiv 
entnommen. 



208 Theodor Wotschke. 

Lagow angelanget, habe ich den Pfarr daselbst vor mich gefordert 
und desselben Aussage verzeichnet. Des andern Tages bin ich nach 
Schönow gereiset und den Pfarrer daselbst abgehöret. Von dar bin 
ich nach Selchow kommen, Melchior von Grünberg, welcher das 
3. Teil dieses Gutes besitzet, nebst den verständigsten Pawern im 
Dorfe wie auch von der Fr. Falckenrehin Gesinde abgehöret, wie 
solches alles mein darüber gehaltenes Protokoll bezeuget. Von 
Selchow bin ich auch auf die Grnnowische Mühle gefaren, den all- 
dar wohnendenPriester, so aus Schlesien vertrieben und ex concessione 
des Herrn Grafen von Waldeck in dem Stockvorwerke denen aus 
den benachbarten schlesischen Dörffern ankommenden Leuten 
prediget, gleichfalls abhören wollen. Weil aber derselbe verreiset 
gewesen, habe ich bey seinem Abwesen hinterlassen, er möchte mir 
seine von den Arianern zu Selchow ihm bey wohnende Nachricht 
mit ehestem schriftlich zuschicken, welches bisher noch nicht 
geschehen 1 ). . . Küstrin, den 27. August 1659. 

Protocollum in puncto exsurgentis Arianismi in pago 
Selchoviensi. 

Actum Lagow am 10. Aug. 1659. 
Matthäus Wagner, in die 32 Jahr Prediger in der Komptorei 
Lagow, berichtet: Es sei publica fama, dass zu Selchow die Arianer 
bei der Falckenrehin ihr exercitium religionis hetten, dahin auch 
etliche von Mestichen sich einfinden. Im Dorfe Selcho weren dieser 
Sekte zugethan: Martin Buckscheib, Wilhelm Berger Schneider und 
dessen Schwester, item noch eine Näterin, so bey der Fr. Ritt- 
meister Seidlitzin gedienet. Diese solle sich newlich zu der ariani- 
schen Sekte bekand haben, wiewohl er, gedachter Prediger, sie 
vormahls gewarnt , sie möchte sich die Arianer nicht verführen 
lassen. Mit den arianischen Pfaffen habe er keine Gemeinschaft. 
Er wisse aber wol, das vor diesem einer mit Nahmen Stegmann 
den Arianern gepredigt. Als aber derselbe einsmahles zu Zielentzig 
auf einer Hochzeit gewesen, seine Töchter mit jungen Gesellen 
getantzet und aufm Abend mit Trompeten zu Hause ge- 
bracht worden, hetten ihm dieses seine Sect- Verwandten verdacht 
und ihn deshalb ab officio removiret, weswegen er genötigt 
worden, sich auf die Medizin zulegen und halte er sich zu Mestichen 
auf. Der itzige wirkliche Prediger der Arianer heisse Joh. Preusse, 



*) Erst den 16. Sept. 1659 schrieb aus der Grunowschen Mühle Martin Roggius, 
„Diener der Gemeine theils aus Schlesien unter dem Ampt Lagow aufwartender, olim 
Pastor von Wutschdorf, Möstchen und Heinersdorf" und erhebt Klage gegen Preuss. 
Er habe verschiedene, darunter eine Levina Säckin geb. Knobelsdorfin, für seine Lehre 
gewonnen, um ein weniges auch die Tochter des Sigismund von Schlichting auf Wutsch- 
dorf. Er äussere, „wenn der gemeine Mann lesen könnte, er wollte sie alle auf seinen 
Glauben bringen." 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobehvitz. 209 

und weil er von dem Hofferichter in Schwiebussen zu Mestichen 
sollen aufgenommen werden, habe er sich nach Selchow begeben, 
woselbst er sich noch befinde und predige. Dieser steckte den 
Leuten hin und wieder die arianischen Bücher zu. 

Actum Schönaw, den 11. August. 

Melchior Sylvanus Junior, Pfarrer daselbst, berichtet, das er 
sich bald anfangs bey Antretung seines Pfarrdienstes über die Ari- 
aner zu Selchow in der Ordensregierung zu Sonnenberg beschweret, 
dass sie so ungeschewt ihr exercitium religionis in seinem Filial 
Selchow trieben. Darauf habe der H. Kanceler zu Sonnenburg der 
Fr. Falckenrehin und ihren Sectverwanten solches verwiesen, und 
als die Fr. Falckenrehin dieses und anderer Punkten halben nach 
Küstrin appeliret, were durch einen Abschied der punctus religionis 
zu Sr. Churf. D. fernem Verordnung ausgestellt worden, vnd dieses 
sey seines Behaltens a. 1649 vorgangen. Als nun durch den letzten 
Landtagsabschied de a. 53 den Arianern so wol privatum als 
publicum religionis exercitium verboten, diese Arianer aber zu 
Selcho ihre Zusammenkünften jeder Zeit gehalten, habe so wol er 
als die andern Selchowischen Creditores ihnen solches zu inhibiren 
gebeten. Darauf habe der H. Kanceler zu Sonnenburg den Aria- 
nern den Landtagsabschied vorgelesen, sie mündlich, auch schrift- 
lich vermanet, sie möchten davon abstehen, endlichen bedrawet, 
die Sache der höheren Obrigkeit zu hinterbringen. Diesem allen 
aber ungeachtet weren sie bisher fortgefahren, ihre Zusammen- 
künften zu halten, da dann aus Polen und Schlesien bei zimlicher 
Menge die Arianer zu Selcho sich einfinden. Die Einwohner in 
Selcho hätten sie zwar mit gutten Worten zu ihren Predigten invi- 
tiret, aber keinen gezwungen. Die Fr. Falckenrehin habe etlichen 
ihrer Sect- Verwandten im Dorffe Selcho Gütter eingegeben, die sie 
bewohnen. Der Pfarr Preusse steckte den Leuten hin und wieder 
ihre Bücher zu, wie sie dann ihm, dem Pfarrn, gleichfalls des 
Crellii Buch „de uno deo patre" zu lesen offeriret, umb sich zu 
erkundigen, ob sie so böse Lehre führeten, als sie wol beschuldigt 
würden. Sonst hielten sich die Arianer friedlich und still im 
Dorffe. 

Die übrigen Protokolle berichten nur noch: „Dass das Holz 
zur Besserung der Selchowischen Kirche schon angeführet, auch 
die Zimmerleute albereit gedinget gewesen, aber die Fr. Falcken- 
rehin hette das Holz gebrauchet, ihren Seckt-Verwanten Häuser 
damit gebawet 1 )." 



a ) Preuss scheint nach diesen Feststellungen zu seiner Verteidigung nach 
Küstrin geeilt zu sein, um bei der Neumärkischen Regierung sich zu rechtfertigen. 
Küstrin, den 26. Oktober I659 schrieb er einen längeren Brief an den Berliner Hof- 
prediger Stosch, in dem er seine jämmerliche Lage schilderte. Den 29. Dez. 1659 gebietet 
der Kurfürst der Falckenreh die Abschaffung des Preuss. 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Pos™. Jahrg. XXVI. 14 



2IO Theodor Wotschke. 

VL 

Samuel Halle an die Küstriner Regierung. 

Es haben Ew. Wolw. Hochedle Gestrenge mir nicht allein f ürm Jahre 
sub datoKüstrin, den 15. Juli, sondern anitzo abermahlen unterm 6. Julii 
aufgetragen undt anbefohlen, f leissige Erkundigung einzuziehen, wi e sich 
die arrianische Parthey zu Selchow mit ihrem Kirchenambt vnd 
Konventiculis verhalte, als welche Se. Churfürstl. Durchlaucht mit 
Ernst abgeschafft wissen wollen. Nun verspür ich, es müssen Ew. 
Wolw. Hochedle Gstr. in denen Gedanken stehen, als ob dieses 
bisher von mir noch nicht sey verrichtet undt schuldigster Massen 
davon Relation eingeschicket worden, da ich doch bereits fürm 
Jahre den 6. Augusti eigen persöhnlich nachher Selchow gereisset 
bin undt aufs genauste nach allen diesen Sachen gefraget, Herr 
Christoph Sigissmundum von Winnigen insonderheit sowol auch den 
einen Kirchvater nebst den Gerichtseltesten umb gründliche Nach- 
richt vermocht, bevorab aber den Schuster im Dorfe, der ein 
arrianisch Weib hat undt stets umb diese Leute ist, dannenhero er 
auch in etwas verdächtig gehalten wird, zu mir fordern lassen vndt 
viel Nothwendigkeiten von denselben erfahren, welche ich per 
modum relationis sub dato den £4. Augusti dem seligen Herrn 
Kancellario von Branden gehorsahmlich übergeben habe, hoffe 
demnach, Ew. Wolw. Hochedle Gestr. werden mich ausser aller Schuld 
halten. Der Inhalt meiner vorjährigen Relation ist eigentlich dieser: 

Es sagen vorernannte Perschonen bey ihrem christlichen Ge- 
wissen aus, vnd gestehts auch ermelter Schuster, als welcher mich 
damals nicht kannte, selber zu, dass so woll an denen Sonn- als 
auch zum offtern an den Werkeltagen eine ziemliche starke Ver- 
sammlung auf der Frauen von Falckenrehin Hoffe gehalten würde, 
in dem balt aus Schlesien, insonderheit von Möstichen, balt von 
Griesel aus dem Krossnischen, balt aus Pohlen dieser Sekten Zu- 
gethane gefahren kehmen vndtungescheuet sich auff gedachten Hoff 
begeben sollen. Ja man hette wahrgenommen, das dieser inge- 
sambt, ohnerachtet ihrer zuweilen bei vier Tische wehren, von 
mehr erwehnter Frauen von Falckenrehin mit Futter und Mahl vor- 
sehen vndt freygehalten würden. 

Ihr Kirchenambt betreffendt, so halt sich auf beregtem Hoffe 
auff ihr vermeinter Kirchendiener Johann Preusse von Guben. 
Selbten habe ich in einem weis cannefassen Wammst, grauen 
Beinkleider vndt am Degen gehen sehen. Er treibet darzu Handel 
und Wandel vndt gebrauchet sich des Ackerbaues. Demselben zu- 
gute lasset die Frau von Falckenrehin ein neues Logement aus- 
bauen vndt zwar hardt an ihrem adelichen Hause gelegen, welches 
ich bei gehaltener Kirchenrevision selber gesehen. Der Pfarrer Ern 
Melchior Sylvanus schreibt mir vom 5. Juli dieses Jahres : 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 211 

Es sey dieses neue Häusichen dergestalt angefertiget, dass 
dieser Minister Preusse aus der Stuben in die Kammer, in den 
Keller, auff den Boden vnd aus allen dehnen Orthen widerumb in 
den nahe bey angelegenen Baumgarten kommen könnte, vndt hette 
er vielleicht diese Wohnung selber also angegeben, damit er sich 
zu seinem Vortheil im Fall der Noth der Schlupfwinkel bedienen 
möchte. 

Wan die Parthey zusammen kommt, als dan singen sie mit 
einander aus des Preussen gedrucktem Gesangbuche, welches das 
hertzliche Seitenspiel genennet wirdt. Nach diesem lieset der 
Minister ein Kapittel oder Stücke aus dem Newen Testament 1 ) vndt 
erklärt eines nach dem andern. Folgendts wird das Gebeth ge- 
halten, etwa auch aus des Preussen Gebethbuch, welches im Druck 
ist vndt der geistliche Weyrauch intituliert wirdt 2 ), welches sich bey- 
nahe in die anderthalb oder zwo Stunden verweilett. Wen sie 
Kommunion halten, setzen sie einen Tisch voll. Der Minister nimbt 
das Brodt, überwirfft (?) es vndt giebt es ihnen hin mit diesen 
Wordten: „Das ist des Herren Brodt", desgleichen den Kelch, 
sprechende: „Das ist des Herrn Kelch". Sonsten siehet man 
nicht, das die neugebohren Kinder getaufet, sondern nur gesegnet 
werden, bis sie zum Verstände kommen. Es wirdt auch berichtet, 
dass sie mit der Kirchendisciplin pro statu praesenti sehr blöde sein 
und nicht gross heraussbrechen sollen. 

Von theils gemeinen Leuten habe ich selber gehöret, das sie 
gesagt: Es wehre zu beklagen, das dergleichen widerwertiger 
Glaube im Dorffe wehre. Man wüsste sich schier nicht darein 
zu richten. 

Vber das alles hatt der Pfarr des Ortes Ern Melchior Syl- 
vanus ein scriptum polemicum contra reformatos bey seinem Küster 
gefunden, dem es einer von den Arrianern mit Nahmen Bockscha 
abzuschreiben gegeben, darauss mit Verwunderung zu ersehen, 
welchergestalt der wahre vndt eigentliche Verstandt im hohen 
Artickel von der Auferstehung der Todten aufs spitzfindigste ver- 
drehet vnd angefochten wirdt. Denselben Tractatum habe ich meiner 
ersten Relation beygefügt vndt eingeschicket. 

Ferner bezeuget ernenter Pfarr, dass nun fast für zweyen 
Jahren eine adeliche Jungfer zu des Preusse Irrsal getretten sey, 

! ) Mit Benützung von Vorarbeiten, die Ostorod und Schmalz geliefert, gaben 
Johann Krell und Joachim Stegmann, der Ältere, unterstützt von Ruar, eine Über- 
setzung des Neuen Testaments, die 1630 in Rakow gedruckt wurde : „Das Newe Testa- 
ment, d. i. Alle Bücher des newen Bundes, welchen Gott durch Christum mit den 
Menschen gemacht hat." Die von Krell' verfasste Vorrede an den christlichen Leser 
äussert sich über das Verhältnis der Übersetzung zu früheren Übertragungen. Eine 
neue unitarische Übersetzung lieferte Felbinger. Sie erschien 1660 in Amsterdam. 

2 ) „Geistlicher Weyrauch Gotte zum Opfer und süssem Geruch, dem Nächsten 
aber zu Erweckung inbrünstiger Andacht angezündet von Johann Preussen, Dienern 
der Gemeine Jesu Christi am Worte Gottes", 1662 in 8°, 375 S. 

14* 



212 Theodor Wotschke. 

die doch keine beständige Ursachen, warumb sie dieses thete, hette 
anzeigen können. Desgleichen wehre auch von einem, Wilhelm 
Bergk genannt, geschehen. Vndt ob man woll soeben anitzo nicht 
vernehme, dass sie Leute nach sich ziehen solten, so hette dennoch 
hiebevor eine Magd auff dem Hoffe zu diesem Wesen sollen ge- 
zwungen werden, also gar das sie aus dem Dienste hette ent- 
lauffen müssen 1 ). 

Solches alles habe nach sorgfältiger Erkundigung mit gewissen- 
hafter Aufrichtigkeit vndt ohn Ansehen der Perschon Ew. Wolw. 
Hochedle Gestr. ich hiermit gehorsahmlich hinterbringen vndt ver- 
melden sollen, insonderheit aber weiln der Pfarr vom vergangenen 
5. huius berichtet, das es noch alles mit den Arrianern in dem 
Stande wehre, wie ichs hiebevor befunden hette, vndt bestellete der 
Preusse das Seinige gleichwie hiebevor. Dannenhero er mich vmb 
Rath gefraget, wie er sich zu verhalten hette, weil gesaget würde, 
es würden zum Theil Arrianer auch nach Schönow, woselbst die 
mater ist, kommen und gelangen. Lasse alles zu Ew. Wolw. Hoch- 
edl. Gestr. hohen Wollgefallen gestellet seyn. Bitte mir mit forder- 
samer Gunst vndt Aneignung iderzeit woll zugethan zu verbleiben. 
Sonnenberg, den 13. Juli 1663. Unterdinst vndt gebetswilligster 
M. Samuel Halle, pastor et inspector Sonnenbergensis. 

VII. 

Stosch und Kromer an den Krossener Amtshauptmann. 

Es hat die . . . Neumärkische Regierung unterm dato Küstrin, 
den 28. Novembris 1668 schon damals reskribieret und zu wissen 
verlanget, wie die allhier zu Griesel wohnenden Arianer, nemlich 
Boguslaus Morstein de Raciborsko und Alexander von Schlichting, sich 
bei denen Begräbnissen ihrer Verstorbenen verhielten, ob sie evange- 
lische Ceremonien dabei gebraucheten, auch sonsten Zusammen- 
künfte hielten und geistliche Personen oder Präceptores, so ihrer Lehre 
zugethan, umb und bei sich hielten. Hiernebst hat das churf. Verweser- 
ambt, als ich, Hans Kaspar von Stosch, am 14. Mai dieses Jahres mit dem 
von Morsteinen und deme von Schlichting vorgewesen, unter anderen 
ihrer Konventiculen wegen interloquendo erkennt, dass derselben 
Untersuchung bis zu künftiger Diaet ausgesetzet bleiben solle, 
inzwischen aber würden sie sich in Acht zu nehmen haben, damit 
sie denen disfalls ergangenen churf. Rescriptis und Verordnungen 
nicht zuwider lebten. Nachdem nun aber der von Morstein und 
der von Schlichting für ihren eigenen Kopf, sonder das sie 
iehmanden darumb, wie doch billig gewesen, begrüsst, sich nicht 



*) Nach diesem Berichte ist Preuss gefangen gesetzt worden. Sand S. 103 
notiert von ihm unter dem Jahre 1664 : „Epistola ad amicos Beigas, agentes de vinculis 
ac detentione sua in carcere." 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 213 

allein einen Kirchhoff, und zwar auf einem noch streytigen Orte mit 
einen Planken umgeben, eingerichtet nnd darauf ihre bisher Ver- 
storbenen, nachdem sie vorhero öffentlich in ihren Höfen in Gegen- 
wart der ganzen Gemeine des Dorffs weitläuftige Leichenpredigten 
gehalten, dabei stehende gesungen und endlich in solchem Proces 
singende bis zu dem Begräbnisorte fortgegangen, woselbst noch eine 
vnd zu Zeiten auch mal zwey Orationen oder Predigten gehalten 
worden, begraben und zur Erden bestattet haben, besondern halten 
auch zum offteren mit fremden ihrer Lehre Zugetharien hier Zu- 
sammenkünfte in grosser Anzahl, wobey sie allemal ihre Geistlichen 
und Lehrer haben. Und berichtet das Gesinde, dass sie das Brod 
brechen und taufen die Jhrigten, wenn sie zum Verstände kommen 
wehren, und sonst ihre Ceremonien oder Sacra hielten und trieben. 
Weshalb denn ich Johannes Cromerus 1 ), ordentlich beruffener Prediger 
alhier, gross Ärgernis in meinem Ambte empfinde, bevorab da sie 
auch die Sonn-, Fest- und Busstage schlecht feyern, Feldt- und 
andere Arbeit treyben, gestalt den am nechst gehaltenen Buss- und 
Bettage der eine mit drei Pflügern im Felde ackern lassen. Darneben 
mir auch die Accidentia, so mir und dem Küster von denen Trau- 
ungen und Begräbnissen gebüren, entzogen werden. . . . 2 ). 

VIII. 

Die Frankfurter Universität an Churfürst Friedrich. 

Von denen sich hier in der Nähe zu Selchow aufhaltenden 
sogenannten Socinianern haben Johann Preuss und dessen Schwieger- 
sohn Krellius sich unternommen, einige sowohl des Preussens eigene 
als andere socinianische Bücher und Schriften, namentlich die in 
beyliegendem Verzeichnis spezifizirten 3 ), allhier einzuführen, massen 



*) Kromer war von 1639 — 1676 Pfarrer in Griesel. 

2 ) Das undatierte Schreiben ward dem Kurfürsten am 18. Dezember 1673 
überreicht. 

ä ) Es waren folgende Bücher : 

1. Preussens Theologia oder geistliche Gespräche unterschiedener Artikel christ- 
licher Religion, insonderheit von der wahrhaftigen und heiligen Dreyeinigkeit. 

2. Göttliche Gnadenwahl und Christlicher Sabbath, in zwei Sendschreiben auf 
Begehren erklärt von S. T. G. Libri 3. 

3. Joannis Krellii Von dem einigen Gott dem Vater. (Es ist die von Ludwig von 
Wolzogen besorgte, von Ruarus durchgesehene, auf Betreiben der Synode von 
Siedliska (südöstlich von Lubin) 1644 im Jahre 1645 gedruckte Übersetzung von 
Krells auch in das Holländische und Englische übertragenem Buch „De uno deo 
patre". Die Siedliskaer Synode des Jahres i64i hatte auch die Übersetzung des 
Buches ins Griechische beschlossen und dem Holsteiner Philipp Cosmius, damals 
Rektor der Schule in Kisielin bei Lusk in Wolhynien, übertragen. Doch ist diese 
Übersetzung nicht gedruckt worden). 

4. Jonae Schlichtingii notae in Hugonis Grotii votum pro pace et contra Come- 
nium 1645. 



214 Theodor Wotschke. 

sie denn selbige bey hiesigem Buchführer Jeremias Schreyer gegen 
andere Bücher zuverkaufen gesucht. Welches, als es uns von diesem 
gebührend denunciret, uns veranlasst, vorgemelte Personen sofort 
vorzufordern und warumb sie sothane Bücher, welche doch ihrem 
eigenen Wohlwissen nach im heil, römischen Reich unzulässig, hier- 
herzubringen sich nicht gescheuet, zu Rede zu stellen, auch daneben 
wegen des Orts, woselbst und von wem sie gedruckt, sie zu ver- 
nehmen. 

Ob sie nun zwar anfangs vorgegeben, dass sie dieselben auf 
ihrer Hinreise nach Berlin von dem Kantore zu Alten Landtsberg, 
welcher auch ein Socinianer und neulich nach Holland verreyset, 
bekommen und sie mit anhero gebracht hetten, selbige aber alhier 
zuverkaufen nicht gemeinet gewesen wehren, so haben sie doch 
nicht in Abrede stellen können, dass sie dieselben obenerwähntem 
Buchführer, weil sie bey selbigem bibliothecam Socinianam im cata- 
logo gefunden haben, gegen andere Bücher haben verlassen wollen 
und teils verlassen, auch schon vordehm dergleichen an andere 
verhandelt hetten mit angehengter Expression, dass sie ihre Bücher 
zwar bei niemandem anböten oder offerirten, hingegen aber sich im 
Gewissen verbunden hielten, demjenigen, welcher sie von ihnen 
verlanget, davon zu überlassen. Danebenst sie denn auch, als man 
aus dem Kennzeichen des Pappirs und litteris sie überführt, dass 
einige sothaner Schriften in hiesigem Lande müssen gedruckt seyn, 
zugestanden, dass zu Guben in hiesiger Nachbarschaft der Buch- 
drucker N. Gruber unterschiedene ihrer Bücher und Schriften bis- 
hero zum Druck befördert hätte, trügen auch kein Bedenken, sich 



5. Jonae Schlichtingii Apologia pro veritate accusata ad £11. Hollandiae et West- 
frisiae ordines. (Das Buch ist lateinisch in Holland und in Deutschland ge- 
druckt, auch ins Holländische übertragen). 

6. Jonae Schlichtingii Notae in Georgii Vechneri concionem. (Es ist eine Polemik 
gegen die Johann Georg von Schlichting und den Lissaer Ratsherren Martin 
Lindnowski, Philipp Held, Simeon Daniel, Kaspar Skultetus, Michael Henrici, 
Georg Stricker, Martin Dlugoss, Balthasar Beck und dem Notar Samuel Specht 
gewidmete Predigt: „Der Anfang des Evangelii Johannis von dem Worte, das 
da Gott war und Fleisch worden ist, durch eine Weihnachtspredigt bey der 
Gemein Gottes zur Lissa in Polen abgehandelt von Georgio Vechnero 1639.") 

7. Jonae Schlichtingii Confessio fidei christianae edita nomine ecclesiarum Polo- 
nicarum secunda editio. (Diese Schrift ist nach Schlichtings Ächtung von dem 
Henker in Warschau 1647 öffentlich verbrannt -worden). 

-8. Jonae Schlichtingii Confessiones christianae ad rogum damnatae et combustae 

manium a rev. d. Nicoiao Cichovio lacessitorum sui vindices 1652. (Schlichtings 

Antwort auf des Jesuiten Cichowski Polemik 'gegen sein Glaubensbekenntnis). 

9. Jonae Schlichtingii, Nicolai Cichovii centuria argumentorum caesa. 

io. Consideratio vocum quarundam terminorum et phraseum, quae in doctrina trini- 

tatis usurpantur. 

11. Brevis dissertio de visionibus apocalypticis Roberto Jansonio auctore seu Andrea 
Voidovio. (Nach Sand in Klausenburg 1625 erschienen). 

12. Religionis christianae institutio brevis. Racoviae 1939. 

13. Tombeau du Socinianisme. 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 215 

zu dem im vorigen Seculo wegen seiner grausamen Gotteslästerung 
zu Strafe öffentlich verbrannten Serveto zu bekennen und gleich zu 
achten, ob man sie von diesem Gotteslästerer Servetianer oder So- 
cinianer nennen wollte. 

Wann nun aber dieser Leute ihre Bücher und Schriften so- 
wohl als ihre Lehre per conclusum ac recessum imperii verworfen 
und für unzulässig gehalten worden, und zu besorgen stehet, dass 
im Fall ihnen nicht in Zeitten vorgebeugt würde, sie solche ihre 
Bücher, worinnen doch ein durchdringendes und ansteckendes Seelen- 
gift nebenst der erschröckenlichsten Lästerung verborgen, weiter 
ausbreiten dürffen, als haben wir nicht allein oben spezifizirte ihre 
Schriften bei uns in Beschlag genommen, sondern auch ihnen dar- 
neben angedeutet und sie ernstlich gewarnt, sich hinfüro mit der- 
gleichen Schriften hier nicht wieder betreten zu lassen, in mittelst 
auch wir nicht mangeln würden, Ew. Ch. D., als welche davon ein 
ungnädiges Missfallen tragen würde, Bericht abzustatten. Gestalt 
denn solches hierdurch gehorsamst haben bewerkstelligen wollen, 
E. Churf. D. jedoch unterthänigst anheimstellende, wie sie diese 
schädlichen Leute wehren wollen, ihre schädliche Lehre auszubreiten, 
und ob dieselbe etwas gnädigst geruhen wolle, bey ihrer hochfürstl. 
Durchlaucht zu Merseburgk oder Regierung in der Lausitz es dahin 
übermitteln, dass obenerwähntem ihrem Buchdrucker Grubern zu 
Guben sein Beginnen wegen des von ihm übernommenen Druckes 
sothaner höchst schädlicher Bücher möge nachdrücklich verwiesen 
und dass er sich hinfür dergleichen enthalte .... Frankfurt, den 
20. August 1689 1 ). 

IX. 

Johann Preuss an den Kurfürsten Friedrich. 

Es hatte die churfürstliche hochlöbl. Neumärkische Regierung 
auf des ehrb. Raths von Guben subsidiarisches Suchen mir und 
meinem Eydam Samuel Crellio anbefohlen, dass wir uns persönlich 
nach Guben gestellen und wider den Buchdrucker daselbst, weil er 
nicht gestehen will, einige sogenannte socinianische Schriften zum 
Druck befördert zu haben, ein Zeugnis ablegen sollen. Worauff ich 
der hochlöbl. Regierung meine wichtigen und erheblichen Ursachen, 
warumb ich sammt meinem Eydam mich zu Guben zu gestellen 
eine Schew und Bedenken trage, demütig vorgetragen, welches 
auch die Regierung so weit angenommen, dass uns nach Guben zu 
reisen mehr nicht auferlegt worden. Weil aber Ew. ChurfürstL 
Durchlauchtigkeit selbst ad instantiam Ihrer ChurfürstL Durchl. von 



*) Köln, den 9. September 1689 schrieb der Kurfürst wegen des Druckers- 
Gruber in Guben an den Herzog Christian zu Merseburg. 



2l6 Theodor Wotschke. 

Merseburg an dero Neumärkischen Regierung eine Verordnung ab- 
gehen lassen, mir und meinem Schwiegersöhne anzubefehlen, dass 
wir persönlich zu Guben compariren, unsere Entschuldigung aber 
E. Ch. D. von dero hochlöbl. Regierung nicht kundgetan worden, 
so werde ich genötigt, zu E. Ch. D. selbst Zuflucht zu nehmen, 
unterthänigst und demüthigst flehende, E. Ch. D. geruhen mich, der 
ich in die 34 Jahr unter dero Schutz gesessen und alles Gehor- 
sams mich beflissen, in diesem Landt gnädigst zu protegiren und 
zu erhalten, dass ich mit den meinigen der Stadt Guben in fremde 
Gewalt, ja in meiner Feinde Hände nicht übergeben werde. Sinte- 
mal diese Stadt Guben, sonsten mein Vaterland, von 30 Jahren her 
bloss und allein, weil ich mich in der Religion etwas reformiret, 
grossen Hass wider mich spüren lassen. Mir ist daselbst mit 
Schimpf gedrohet, ja der Zutritt zu meinem leiblichen Vater, die 
Herberge in der Stadt selbst versaget worden, dass ich von langer 
Zeit her bis dato die Stadt meiden müssen. Nun befürchte ich sehr, 
dass man bey dieser Gelegenheit mich zwar als einen Zeugen 
fordert, aber unterdessen als einen profugum oder apostatam von 
ihrer Religion mit den meinigen arrestieren und quälen will, in 
Hoffnung, E. Ch. D. werden sich unserer, weil wir der verhassten 
Secte, welcher überall widersprochen wird, zugethane Leute, anzu- 
nehmen einen Bedenken tragen. 

Dieses ist allergnädigster Herr, welches mich und meinen 
Eydam von der Sistirung zu Guben abschrecket, also dass, wenn 
wir schon ein sicheres Geleit von J. Churf. Durchl. von Merseburg 
selbst in unsern Händen hätten, welches wir billich haben sollten, 
ehe wir uns in solche Gefahr notwendig begeben müssen, wir den- 
noch nicht allerdings trauen könnten, weil die Erfahrung gelehret, 
dass auch die hohen Potentaten und Kaiser ihre salvus conductus 
in causa religionis in Ansehung derer, so sie vor Ketzer gehalten, 
gebrochen oder durch eine Glosse und Interpretation invalidiret 
haben. Hiergegen, wo es allein umb Überzeugung des Druckers 
zuthun, so kann ja dieses in E. Ch. D. Gebiethe füglich geschehen. 
Wir sind auch bereit, zu Küstrin oder Frankfurt oder zu Krossen, 
welches nicht weit von Guben, oder im Fall auch mein hohes, über 
70Jähriges Alter und grosse Schwachheit, die mich zu reisen oft 
untüchtig machet, in Consideration gezogen würde, an dem Orte, 
wo ich wohne, oder wo es sonst Ew. Churf. D. oder der Regierung 
belieben möchte, in diesem territorio ad interrogatoria, die uns von 
Guben zugeschicket würden, zu antworten, auch ein eidliches Ge- 
zeugnis der Wahrheit im Fall der Not zu geben und unserseits alles 
mögliche zur Convincirung dieses Mannes zu contribuiren, da sich 
auch solche Zeugen finden können, dass die Confrontation gantz un- 
vonnöthen seyn möchte. Bitte demnach unterthenigst, Ew. Churf. 
D. geruhen gnedigst, mich und meinen Eydam von der persönlichen 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 217 

Erscheinung zu Guben absolvirende, dero Neumärkischen Regierung 
anzubefehlen, dass sie der Oberamtsregierung zu Lübben vorstellen 
solle, dass wenn dieselbe in hac provincia commissarios etwa aus- 
bitten und uns über die articulos und interrogatoria wie gewöhnlich 
abhören lassen wolten, ihnen dazu gebührend verholffen werden 
sollte. Versehe mich gnädigster Erhörung. E. Ch. D. unterthänigster 
demütigster Vorbitter Johann Preuss 1 ). 

x. 

Die Unitarier in der Neumark an König Friedrich Wilhelm 1 2 ). 

Aus Ew. Königl. Maj. an uns ergangenem den 21. Oktob. in 
Königswalde insinuirten allergnädigstem Befehl ist zu sehen, das Ew. 
Maj. berichtet worden, als wenn wir Unitarii in der Neumärkischen 
Provinz, insonderheit aber zu Königswalde, uns sehr ausbreiten 
sollten, worauf Ew. Königl. Maj. sich allergnädigst erklären, dass Sie 
zwar nicht gesinnet sind, jemandem einen Gewissenszwang anzuthun, 
dennoch aber auch nicht gestatten wollen, dass wir unsere Lehrsätze 
in dem Lande weiter ausbreiten und daher uns von allen Ver- 
samblungen und Zusammenkünften, auch Publikation unser Lehr- 
sätze, wenn wir nicht ohnausbleiblich aus dem Lande geschaffet 
werden sollten, uns zu enthalten befohlen, wie die beigelegte Kopia 
sub. litera A mit mehrerm bezeuget. 

Ew. Königl. Maj. geruhen dann hierauf allergnädigst zu ver- 
nehmen, dass nachdem Dero Herr Grossvater Friedrich Wilhelm 
Churf. D. glorwürdigsten Andenkens unsere aus Polen wegen der 
Religion vertriebenen Eltern und Vorfahren in Dero Landen wohnen 
lassen (welche Barmherzigkeit auch Ew. Maj. uns bishero aller- 
gnädigst erzeiget haben, wofür wir allerunterthänigst danken) 
unsere Anzahl nach und nach so merklich vermindert 
worden, dass unserer nicht über 72 Seelen theils adeliche 
theils unadeliche, worunter nur das dritte Theil männ- 
lichen Geschlechts ist, itzo in der gantzen Neumark und 
inkorporirten Kreysen in allem zu finden, die Unerzogenen 
und Säuglinge mitgerechnet. Weil nun von diesen 72 Seelen 
sich nicht mehr als 20 in Königswalde befinden, wo- 
runter nur viererwachsene oder bejahrteMänner und 



J ) Den 2. August 1690 veriügte darauf der Kurfürst, der Rat von Guben solle die 
interrogatoria an die Neumärkische Regierung senden. 

2 ) Die Eingabe ist von Samuel Krell verfasst. Noch bemerke ich, dass dieser 
nach Einreichung eines aus neun Artikeln bestehenden Glaubensbekenntnisses I706 die 
Aufnahme seiner zwei Söhne in das Joachimstaler Gymnasium erlangte. Zwei Jahre 
später wollte man sie auf dem Gymnasium aber nur dulden, falls sie die reformierte 
Konfession annähmen. Vergl. M. Hering, Beiträge z. Gesch. d. reform. Kirche i. d. 
Preussisch EranJei.burgischen Landen. Breslau 1784 II S. 151. 



2l8 Theodor Wotschke. 

unter diesen Vieren drey einfältige seyen, die kaumihren 
Namen schreiben können, wir auch mit niemandem daselbst 
und anderswo von der Religion disputieren, niemanden aus der 
Neumark und inkorporirten Kreysen zu unserer Religion beredet 
oder darzu gebracht haben, unsere Kontroversien-Bücher oder Dis- 
putationes nicht ausstreuen, unsere Andacht in sehr kleiner Anzahl 
in verschlossenem Hause bishero verrichtet haben, so ist es weit 
davon, dass wir uns und insonderheit zu Königs walde sehr ausbreiten 
solten, dass das contrarium klärlich zu sehen. 

Weil nun die Herren Reformierten und Lutheraner uns zum 
Abendmahl des Herren und Gemeinschaft der Heiligen nicht ad- 
mittieren wollen, Gott selber aber in seinem Worte 1. Cor. n, 20, 
33; Hebr. 10, 25; 1. Petr. 11, 5; Act. 20, 7 f. unsere Gewissen 
obligiret, das h. Abendmahl in einigen Zusammenkünften und Ver- 
samblungen zu begehren und uns zu erbauen, Ew. Königl. Maj. auch 
Sich allergnädigst erklären, dass sie nicht gesinnet sind, jemandem 
einen Gewissenszwang anzuthun (Gott segne Sie hier und dort 
dafür), als bitten Ew. Maj. wir allerunterthänigst, entweder uns 
bey unseren bisherigen Privatversamblungen, darinnen wir in 
sehr kleiner Anzahl in verschlossenem Gemache unsere Andacht 
privatissime ohne jemandes Ärgernis geübet, noch ferner zu lassen, 
zumahl weil in dem römischen Reiche ausser denen dreyen publice 
recipirten Religionen auch die Juden selbst, welche Christum Jesum 
gäntzlich verwerffen, den wir anbethen und anruffen, ihrer religionis 
exercitium haben; oder es geruhen Ew. Königl. Maj. allergnädigst 
zu declarieren, was für Zusammenkünfte und Versamblungen un- 
verbothen und welche hiergegen uns zugelassen seyn sollten, damit 
wir auch hierin zugleich Gotte und Ew. Maj. gehorsam seyn könnten. 
Welche Gnade von Ew. Königl. Maj. wir desto mehr allerunterthänigst 
hoffen, weil Ew. Maj. uns nur allein von solchen allen Versamb- 
lungen und Zusammenkünften, die auf weitere Aussbreitung unserer 
Lehrsätze in dem Lande ihre Absicht haben möchten, uns zu ent- 
halten allergnädigst anzubefehlen scheinen, wonach wir uns auch 
alleruntertänigst verhalten werden. 

Oder aber, welches uns das allerangenehmste wäre, wenn die 
Christenheit bereits solchen Vertrag leiden könnte, geruhen Ew. 
Königl. Maj. beydes denen Reformirten und Lutherischen, weil wir 
uns weder von den Reformierten noch Lutherischen trennen 
wollen, andeuten zu lassen, dass sie uns zum Tisch des Herrn 
admittiren, zugleich aber auch, damit diese Admission geschehen 
könne, und damit sie sich beyde untereinander und auch alle Pro- 
testanten mit ihnen vereinigen könnten, öffentlich vor der ganzen 
Welt erklären, dass sie das Abendmahl des Herrn nicht zum Mit- 
zeichen des Reformirten oder des Lutherthums, sondern des 
allgemeinen Christenthums allein hinführo halten wollen, dessen 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 219 

wichtige Raisons in der Beylage sub lit. B *) unmassgeblich an- 
gezeiget werden. 

Zum zweiten bitten Ew. Königl. Maj. wir allerunterthänigst, 
allergnädigst zu verordnen, dass wenn bey Ew. Maj. wir angeklagt 
werden, uns die Anklage unserer Widersacher möge communiciert 
werden, weil auß Dero allergnädigsten Rescriptis wir nicht genugsam 
wissen können, was wider uns eingebracht worden, und wie wir 
uns dagegen exculpieren mögen. 

Zum dritten weil bey Gelegenheit Ew. Königl. Maj. hochge- 
meldeten Befehles, da uns alle Versamblungen und Zusammenkünfte 
verbothen worden, ein lutherischer Prediger zwey unitarische adeliche 
Brautleuthe 2 ) zu copuliren ersuchet worden, dieser aber es ohne 
speciale Vorwilligung hochlöbl. Neumärkischen Regierung nicht thun 
wollen, so hat dieselbe zwar solches nicht abgeschlagen, aber auch 
laut der Beylage sub lit. C der lutherischen Kirche zuförderst drey 
Thaler zu erlegen anbefohlen, da doch vor diesem mehr dergleichen 
copulae der unitarischen Personen von lutherischen Predigern ge- 
schehen, ohne etwas für die lutherische Kirche abgefordert zu haben. 
Zumahlen wenn es Edelleute seyn, so allemahl davon liberiret. 
Weil nun nach aller Apparence auch künftig die unitarischen Exu- 
lanten in solchem Falle allemahl würden drey Thaler der lutherischen 
Kirche erlegen müssen, als bitten Ew. Maj. wir allerunterthänigst, 
uns davon allergnädigst frey zu sprechen. Wir versehen uns aller- 
gnädigster Erhörung als ... . sämbtliche und insonderheit zu Königs- 
walde sich aufhaltende Unitarii. Den 28. Novembris 1718 3 ). 



J ) Es ist Krells Schrift: „Ursache, warumb die Herren Reformierten und 
Lutharaner die Unitarios und sich Selbsten untereinander zum Abendmahl des Herren 
admittieren könnten und sollten." 

2 ) Hans von Taszycki auf dem Döltziger Hammer und Sophie Charlotte von Breski- 

3 ) Berlin, den 6. Dezember verfügte der König: 

i. Der Name Unitarii sei den Petenten nicht zu gestatten. Sie könnten sich wie ehe- 
dem nennen oder „die wegen ihrer besonderen Religion aus Polen Vertriebenen.** 

2. Schon vor 20 Jahren hätten sie die Zulassung zum Abendmahl bei Reformierten 
und Lutheranern verlangt, damals auch die jetzt überreichte Schrift drucken und 
ausstreuen lassen. Das Buch sei konfisziert, und sie vor ähnlichen Unternehmungen 
durch den Fiskal gewarnt. 

3. Sie hätten die Tendenz, andere zu gewinnen. Im Sternbergischen Kreise seien 
einige Arianer, auch in Berlin, wenigstens heimlich. Eine Zulassung zum Abend- 
mahl gebe ihnen Gelegenheit, ihre Lehre zu verbreiten. 

4. Sie sollen mit keinem Gewissenszwang belegt werden, aber auch nicht Proselyten 
machen. 

Wer sind die heimlichen Arianer in Berlin? Ich weiss es nicht. Doch möchte 
ich hinweisen auf den Maler und Radierer Theodor Lubieniecki, den Sohn des be- 
kannten Geschichtsschreibers St. Lubieniecki. Wie sein jüngerer I659 in Stettin geborener 
Bruder Christoph, der als Historienmaler einen grossen Ruf hatte, war er, ein Schüler 
des Amsterdamer Lairesse, ein namhafter Künstler. König Friedrich I. lud ihn nach 
Berlin ein und ernannte ihn zum Direktor der Malerakademie. Da er indessen für den 
Glauben seiner Väter Propaganda machte, auch in einem Buche für den Unitarismus, 
eintrat, musste er 1706 Berlin verlassen. 



220 Theodor Wotschke. 

XL 

Aus den Kirchenbüchern der Gemeinde Griesel. 

1667 Sonntag Misericordias wurde ein Arianer 1 ) von den 
Arianern auf dem Weinberge begraben mit ihrem Gesänge aus 
Herrn Morsteins Hofe bis an die Grabstätte. Bei der Grabstelle 
hat der alte Herr Morstein einen polnischen Sermon gehalten und, 
wie gesagt wird, unsern apostolischen Glauben erzählet, und seind 
auch dabei 3 Lieder gesungen worden. Weils was Neues war, lief 
alt und jung zu diesem Begräbnis. 

1668 Misericordias d. Die alte Frau Morstinen 2 ) auf dem 
Weinberg begraben, weil sie eine Arianerin gewesen. Die Arianer 
haben im Tragen der Leiche polnisch gesungen. Erst auf dem Hofe 
bei Aufhebung der Leiche ist ein polnischer Sermon gehalten. Auf 
dem Berge hat Bogislaus Alexander von Schlichting die deutsche 
Abdankung gethan. 

1668 23. Juni ward ein arianisches Kind auf dem Weinberg be- 
graben, den 15. Juli Maria Khoisona (?), eine arianische Jungfrau 
von 12 Jahren, noch nicht getauft; item zuvor nach Pfingsten 
ward auch der Frau Morsteinin Schwester auf dem Weinberg 
begraben. 

1669 Sexages. begraben Herrn Morsteins ungetauftes Töchterlein 
auf dem Weinberge, den 16. nach Trinit. der alte Herr Gabriel 
Morstein de Raciborsky 3 ). 

1673 d. 26. Dez. auf dem arianischen Kirchhof begraben Frau 
Liebewetzkin Jgfr. Tochter Christine 4 ), 1674 Sexages. die arianische 
Frau Casimirius, 15. p. Trin. des Herrn Boguslaus Morstein uxor in 
puerperio, 1676 3. p. Trin. Herrn Andreas von Rommell 5 ) Arriani 
Eheliebste, Herrn Boguslaus Morsteins Schwester Dorothea, einer 
Tochter genesen, welche den Namen Sophie erhalten. Montag 

2 ) Leider ist der Name nicht genannt. 

2 ) Alexandra Lubieniecka, Tochter des 1648 verstorbenen Rakower und Lubliner 
Geistlichen Christoph Lubieniecki und der Katharina Philippowska, die Schwester des 
Kirchenhistorikers Stanislaus Lubieniecki. 

8 ) Sohn des 1642 verstorbenen Christoph Morsztyn, „des Grossen", Starosten 
von Philippow, und Bruder des Severin Morsztyn, den die Synode zu Dazwa 1650 zum 
Pfarrer von Luclawice ernannt hatte, und der später in Raciborsk bei Krakau, auf dem 
Stammgute seiner Familie, und in Robkow bei Bietz Geistlicher war. Severin M. wusste 
nach 1660 in Polen zu bleiben und auf seinem Gute Jankowce bei Krakau eine kleine 
Gemeinde zu sammeln. 

4 ) Eine Tochter des Kirchenhistorikers Stanislaus Lubieniecki und seiner Frau 
Anna geb. Brzeska oder des Zbigniew Lubieniecki und seiner Frau Elisabeth Agnes, 
Tochter des Vespasian Schlichting? 

5 ) Doch wohl Andreas Rupniowski, Sohn des 1641 verstorbenen Joachim Rup- 
niowski, der den Gemeinden in Lachowce, Lublin, Krzelow, Rakow und Beresteczko 
(Sand Seite 238) gedient hat und seit 1628 als Nachfolger seines Schwiegervater Andreas 
Lubieniecki auf den Synoden die Protokolle zu führen pflegte. 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 221 

darauf ist die Mutter gestorben und am Mittwoch nach ihrer Art 
begraben. 

1677 10. Sept. geb. Herrn von Orschcowski *) Ariani Söhnlein 
Samuel. Den 7. Oktober ist Herrn Boguslaus von Schlichting Ehe- 
liebste von einer toten Tochter entbunden, die den folgenden Tag 
zur Erde bestattet. Ein Knecht hat das Kind in einem schlechten 
Sarge auf den arianischen Kirchhof getragen. Der Vater hat seine 
Tochter auf den Armen gehabt und ist gefolgt. Ich habe wegen 
des Begräbnisses zu ihm den Küster geschickt und fragen lassen, 
wie ers in seinem Falle wolle gehalten haben. Resp. Sie hätten es 
bei dem vorigen Pastor niemals angesaget. Er hätte die Dank- 
sagung etc. von sich selber gethan. 

1677 am 4. März Boguslaus Alexander von Schlichting ist zu 
Klein Gandern von dem Pfarrer von Neuendorf mit Anna Wil- 
kowski 2 ) copuliert worden. 

1678 20. Febr. Herrn Morsteins Ariani Töchterlein Sophie 
Dorothea; Oculi des jungen Herrn Stano Ariani Töchterlein Anna 
geboren, den 9. April die alte Frau, Herrn Hans von Schlich- 
tings churf. Rates Witwe, so 15 Jahre krank gelegen, begraben. 
Ariana erat. 

* . 1679 Gestorben in Polen bei dem Dorfe Rakwitsch, in der er 
eine geladene Calessa halten wollte und bis zum Tode gequetscht 
worden, Herr Stanislaus von Kasimirski, ein junger fertiger Cheva- 
lier arianae religionis, ist auch allda beerdigt worden. 25. Nov. ge- 
traut durch einen arianischen Priester von Hansdorf der Herr 
Albrecht von Schlichting und Jgfrau Bogumilla Morsteinin. Mir 
haben sie einen Tisch voll Speisen geschickt nebst i Dukaten. 
Weil nun der Kurfürst solches zulässt, muss ich auch zu- 
frieden sein. 

1680 festo ascensionis gest. Herr Andreas von Stano 3 ), Arianus 
68 Jahre alt. Geboren Herrn Boguslaus Alex, von Schlichting 
Tochter Anna Katharina Ariani, begraben Herrn Christoph von 



x ) Wohl Stanislaus Orzechowski, der uns 1661 in Kreuzburg begegnet. Ein 
Theodor Konstantin und Christoph Wladislaus Orzechowski haben sich den 8. März 1679 
in Frankfurt immatrikulieren lassen. Die Orzechowski waren Patrone der Kirche in 
Krupe. Piaski, südöstlich von Lublin, und in Suraz am Narew. Vielleicht ist oben aber 
auch an Arciszewski zu denken, dem die Selchow r er Synode 1687 die Abfassung eines 
Katechismus empfahl. Sein 1677 geborener Sohn wäre dann der spätere Geistliche von 
Andreaswalde. 

2 ) Über die Familie Wilkowski vergl. Wotschke, Die polnischen Unitarier in 
Kreuzburg. 

3 ) Die Familie Stano hat sich früh der Reformation angeschlossen und dann zum 
Teil dem Unitarismus zugewandt. Ein Hieronymus Stano begegnet uns auf der Wlo- 
dzislawer Septembersynode 1558 und auf der Wlodzislawer Junisynode 1559 und wurde 
auf der Xionser Generalsynode 1560 zum Senior des Distriktes Sanok (Galizien) 
gewählt. 



222 Theodor Wotschke. 

Schlichtings Ariani Töchterlein Sophie von 6 Jahren, so zu Krossen 
gestorben und tot zu uns gebracht. Geb. Herrn Arschevski Ariani 
Sohn Elias Albrecht. 

1681 21. Jan. gest. Christiane Lubewitzken *), eine arianische 
Jgfr. von 48 J. Den 13. Aug. gest. Frau Elisabeth de Moscoryowo 
Ariana, begraben Frau Catharina Lieboinskin de Welokoskin Ariana. 
14. Nov. geb. Herrn Samuel von Stano 2 ) Ariani Sohn Casirairius. 

1682 13. Okt. getraut durch den lahmen arianischen Priester 
Herr Wiesebrosse 3 ) mit Jgfr. Barbara Casimirchny bei der Frau 
Schlichtingin ; 23. p. trin. begr. die arianische Frau, so 1681 den 
13. Aug. gestorben, von ihrem Sohn Achatio de Luclawice Taper- 
siowsky 4 ), Königl. Wachtmeister, Herr auf Koppokewitz. Gest. der 
alte Herr Casimirschy Arianus. 

1683 28. April begraben eine arianische Jgfr. Marianna Damo- 
radua 5 ). Geb. Herrn Trietzkowski Ariani medici Töchterlein. Am 
jo. Sept. eine erschreckliche Feuersbrunst in Junker Boguslai 
Alexandri von Schlichtings Ariani adlichem Hause, der alte Ritter- 
sitz genannt. Es fing oben nach Herrn Morstein zu anzubrennen 
und nahm alsobald überhand, dass die im Hause kaum ent- 
springen können. Etliche arianische Knaben haben oben in einer 
Kammer gelegen und sind solches zuerst gewahr geworden. . . • 
Fast zugleich ist auch Herrn Morsteins angegangen, doch hat 
dieser noch etwas retten können, das meiste aber ist in der Glut 
geblieben. Gott behütete das Dorf bei diesen beiden arianischen 
Feuern. 

1688 getauft Herrn Morsteins Tochter, zuvor war sie arianisch 
und trat zu unserm Glauben und erhielt den Namen Anna. Getr. 
Christoph von Sochpansky mit Jgfrau Constantia Mursteinin. 

1740 26. März f Jgfr. Dorothea Barbara von Widawski 6 ), eine 
Socinianerin, und auf ihrem auf dem Berge liegenden Begräbnis- 
acker beerdigt. 

1742 20. Juni f Frau Anna Sophie von Morstein geb. Widawski, 
59 Jahre alt, am 20. Nov. Jgfr. Eva Elisabeth von Schlichting eine 
Arianerin, 53 Jahre alt. 



J ) Jüngere Schwester des Kirchenhistorikers Stanislaus Lubiniecki ? 

2 ) Stano starb als Pfarrer von Rudowken in Ostpreussen. 

3 ) Ein Glied der bekannten Familie Wissowatius; etwa Benedikt, der Sohn des. 
in Amsterdam verstorbenen Herausgebers der bibliotheca fratrum Polonorum, der den 
14. Oktober 1684 auf der Synode zu Rudowken das Amt an der Gemeinde zu Andreas- 
walde erhielt? 

4 ) Taszycki? 

ß ) Die Domaradzki hatten in Ostpreussen Zuflucht gesucht. Vergl. Bock,, 
Historia Socinianismi Prussici S. 91, Sembrzycki S. 36. 

6) Ein Fräulein von Widawski begegnet uns noch 1745 in Griesel als Patin, da 
der Unitarier Gottlob Tobias von Morstein seinen Sohn Maximilian Ehrenreich Samuel 
evangelisch taufen Hess. 



Die unitarische Gemeinde in Meseritz-Bobelwitz. 223 

x 75^ 30. Nov. Jgfr. Katharina Elisabeth von Lachowski 1 ), 
73 Jahre alt. 

1762 5. Febr. ist H. Gottlob Benjamin von Schlichting, 72 Jahre 
alt gest. und nach alter arianischer Art oben auf ihrem Begräbnis 
begraben. 

1768 11. Mai t Fr. Juliane Sophie, Gattin des f Gottlob Ben- 
jamin von Schlichting, geb. von Morstein. 



*) Wohl eine Enkeltochter des ehemaligen Luclawicer Geistlichen Andreas 
Lachowski, der als Pfarrer der polnischen unitarischen Gemeinde in Klausenburg ge- 
storben ist. 





Das Posener Theater unter Franz Wallner. 

Von 
Hans Knudsen. 

auberts Arbeit zur Geschichte des Posener Theaters 
in den Jahren 1817 — 47 x ), die etwa als eine Fort- 
setzung zu Ehrenbergs Studien über die Posener 
Bühne besonders in südpreussischer Zeit anzusehen ist 2 ), 
bietet eine eingehende Darstellung der Ernst Vogtschen 
Direktionstätigkeit: Die Verhältnisse für Vogt lagen un- 
gemein schwierig, er ist ihrer aber sicherlich Herr geworden, 
ohne das künstlerische Gebot dabei ausser acht zu lassen, 
er war „der rechte Mann am rechten Platz". Laubert 
lässt zwar bis zum Abschluss der Vogtschen Direktions- 
tätigkeit noch fünf Jahre unbearbeitet; doch würde eine 
genauere Untersuchung dieser Zeit zwar Einzelheiten er- 
geben, aber an dem Gesamtbilde nichts ändern; denn die 
ganze Eigenart der Vogtschen Theaterleitung liegt wohl 
fest. Es lässt sich also, um vorwärts zu führen, nunmehr 
schon ein Schritt weiter tun und ein Bild von dem 
Posener Theater unter Vogts Nachfolger, Franz Wallner, 
geben. 

Franz Wallner war schon rühmlichst in deutschen 
Landen bekannt, bevor er die Direktion des Posener 
Theaters 1853 übernahm, besonders sein Viehhändler aus 
Oberösterreich und der Valentin im .Verschwender hatten 
allenthalben seinen Ruhm begründet, und so war er auch 
bei den Posnern von seinem Gastspiel 1845 her in gutem 
Andenken geblieben. Bevor nun Wallner nach Posen 



*) Sonderveröffentlichungen der Historischen Gesellschaft für 
die Provinz Posen, Posen 1908, Bd. V, 117 — 195. 

'-) Als Vortrag: Posen 1889 und erweitert in der Zeitschrift der 
Historischen Gesellschaft f. d. Prov. Posen IX. Jahrg. (1894) S. 27—90 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XKVI. 15 



22Ö Hans Knudsen. 

kam, leitete er in Freiburg i. Br. das Theater, wo er aber 
keine rechten pekuniären Erfolge erzielen konnte.' Da 
rief ihn, wie seine Frau Agnes in ihren von der Kritik 
stark angezweifelten „Lebenserinnerungen" x ) erzählt, ein 
Telegramm nach Posen zur Übernahme der Direktion des 
Theaters 2 ); Vogt war nämlich im Dezember 1852 gestorben. 
Wallner nahm das Anerbieten an, und etwas über zwei 
Jahre lang war ihm nun das Schicksal der Posener Bühne 
in die Hand gegeben. 

Am 13. März 1853 hatte sich die Vogtsche Gesell- 
schaft verabschiedet, und am 27. März konnte Wallner, 
nachdem allerhand Verzögerungen überwunden waren, 
(das zahlreiche Gepäck, mit den Requisiten u. dergl. 6000 
Pfund wiegend, lag, der Messgüter wegen, unterwegs in 
Karlsruhe, am ersten Osterf eiertag wollte die Polizei- 
behörde ein Schauspiel anfangs nicht gestatten usw.) sein 
Theater, für das er teilweise sein Freiburger Personal 
mitgebracht hatte, mit einer Festouvertüre, von Kapell- 
meister Rudolf Schöneck komponiert, Prolog, verfasst von 
Dr. A. Schröder, gesprochen von Direktor Wallner, und 
Jubelouvertüre von C. M. v. Weber eröffnen; darauf folgten 
zwei Lustspiele: „Die Schwäbin" von Castelli und „Doktor 
und Friseur", Posse mit Gesang in zwei Akten von Kaiser. 
Wallner hätte allerdings seine Bühne lieber mit einer 
Oper eröffnet, Meyerbeer: Struensee war geplant, doch 
mit dem neuen Orchester musste erst längere Zeit geprobt 
werden. Denn Wallner setzte mit besonderer Kraft 
gerade an dem Punkte ein, wo es das Theater unter 
Vogt hatte fehlen lassen; und wenn auch Vogt eine 
Spieloper hatte, so konnte er damit, namentlich in den 
letzten Jahren, doch nicht allzuviel anfangen, und seine 
Stärke lag jedenfalls hier nicht. Wallner dagegen hatte 
von Anfang an das Interesse des Publikums für sich, weil 
er ihm wieder eine Oper, eine auch grossen Aufgaben 

!) Bearbeitet von Hans Blum. Berlin 1900. 

2 ) Wallners Gesuch, ihm die Concession für das Theater zu 
übertragen, unter dem 21. Dezemb. 1852 siehe Oberpräsidialakten 
XXI. C. 16. vol. I. im Staatsarchiv zu Posen. 



Das Posener Theater unter Franz Wallner. 227 

durchaus gewachsene Oper brachte. Und da das Opern- 
personal tatsächlich „sehr schätzbar" war, so ist die Kritik 
natürlich des Lobes voll. „Das in musikalischer Hinsicht 
förmlich ausgehungerte Publikum", so heisst es, habe 
Jahrelang den Kunstgenuss einer Oper schmerzlich genug 
entbehrt und sei daher durch die „höchst gelungene Dar- 
stellung" von Bellinis Romeo und Julia angenehm über- 
rascht worden; ja, „Herr Direktor Wallner fährt fort, auf 
dem Gebiete der Oper uns Genüsse zu bereiten, wie wir 
sie nicht nur seit langer Zeit entbehrt, sondern wie sie 
uns überhaupt in dieser Gesamtvollendung noch nicht 
geboten wurden". So konnte denn Wallner im Mai schon 
den grossen Wurf wagen, Richard WagnersTann- 
h ä u s e r hier auf die Bühne zu bringen 1 ). Der Graf Thad. 
Tyszkiewicz meint zwar in seiner Besprechung der hiesigen 
Tannhäuser- Aufführung in der Neuen Zeitschrift für Musik 
1853 Nr. 24, die Aufführung sei von Wallner mit drei 
Orchesterproben etwas übereilt auf die Bühne gebracht 
worden, sieht aber die Erklärung darin, dass Wallner, um 
sich den Kassenerfolg, wie er ihn in Freiburg mit der 
Oper gehabt hatte, zu sichern, das Werk noch vor der 
Ankunft des Renzschen Zirkus herausbringen wollte, „da 
er wohl einsah, dass ihm die Pferde bei der Schauwut 
der Massen den Rang am Ende ablaufen . . . könnten." 
Er lobt die Aufführung in ihrer Gesamtwirkung und 
hebt besonders hervor; ,Herr Meffert hat die Rolle 
des Tannhäuser unter den Augen des Componisten ein- 
studiert; er zeigte sich darin als gewandter Sänger und 
denkender Tragöde ". „Die Perle des Abends aber war 
Frl. Babette Müller, eine ganz junge Dame, die zu- 
folge einer Unpässlichkeit des Frl. Herwegh die Rolle der 
Elisabeth übernommen hatte. Wir vermögen nicht den 
Eindruck zu schildern, welchen die Reinheit und Anmut 
ihres Gesanges in Allen hervorrief, welche dieser Auf- 
führung beiwohnten. Die Rolle kann wohl vielleicht noch 



x ) Vgl. meine ausführlichen Darlegungen darüber: Neue Zeit- 
schrift für Musik, 78. Jahrg. (1911) Heft 6. 

15* 



228 Hans Knudsen. 

besser gesungen, aber nie tiefer erfasst und besser dar- 
gestellt werden. Wir sind überzeugt, die junge Künstlerin 
sieht einer schönen Zukunft noch entgegen". „Madame 
Schröder sang die Rolle der Venus schulgerecht. Den 
grössten Dienst aber, welchen wir jenen Schauspielern 
erweisen können, denen die Rollen des Landgrafen [Joost] 
und Wolfram von Eschenbach [Wrede] anvertraut waren, 
dürfte wohl der sein, ihre Namen nicht der Öffentlichkeit 
Preis zu geben. Die Chöre, schwach besetzt, Hessen viel 
zu wünschen übrig". Im ganzen aber, meint auch er, sei 
es eine achtbare Leistung des hiesigen Theaters gewesen, 
die zum guten Teil auch auf die Rechnung des Dirigenten 
Rudolf Schöneck zu setzen sei. Schon nach der 
Freiburger Aufführung des Tannhäuser hatte Richard 
Wagner selbst an Wallner, Meffert und Schöneck ein 
anerkennendes Schreiben gerichtet und sich herzlich 
bedankt. So spricht sich auch die Posener Kritik lobend 
aus; einen „gewaltigen Totaleindruck" habe das Werk 
hinterlassen, Orchester, Ausstattung und Besetzung sei 
völlig auf der Höhe gewesen 1 ). 

War zwar schon im Januar und Februar 1853 in 
einem Konzerte die Tannhäuser-Ouvertüre hier zu Gehör 
gebracht worden, so war doch diese Aufführung des 
ganzen Werkes, die erste Posener Wagner-Aufführung 
überhaupt, am 22. Mai 1853 eine grosse Tat Wallners. 
Allerdings hatte Wallner in Rudolf Schöneck einen Diri- 
genten zur Seite, der in Zürich Wagners Schulung selbst 
durchgemacht hatte und an dem Wagner selbst „sein 
ungewöhnliches ganz spezifisches Dirigententalent" auf- 
gefallen war, wozu „sein nervöses rastloses und ungemein 
aktives Temperament, mit sehr starker Begabung für 
Enthusiasmus" 2 ) kam. So war es für Wagner, wie er in 
demselben Briefe vom 14. Juni 1853 an Liszt sich äussert, 



x ) Die Preise der Plätze waren für alle Aufführungen der 
Oper erhöht: Fremdenloge 1 Rtlr., 1. Rang und Sperrsitz 20 Sgr., 
Parterre 10 Sgr., 2. Rang 10 Sgr., Amphitheater 5 Sgr., Galerie 3 Sgr. 
Sonst Fremdenloge 26 Sgr. usw. 

2 ) Briefw. zwischen Wagner u. Liszt. Leipzig 1887. I, 247/48. 



Das Posener Theater unter Franz Wallner. 229 

*eine Genugtuung, dass, während einer Aufführung in Berlin 
damals gerade alle erdenklichen Hindernisse entgegen- 
gesetzt wurden, hier in Posen der Tannhäuser in sechs 
Tagen 4 mal gegeben wurde 1 ). Um so mehr musste es 
Wallner empören, wenn die Rheinische Musikzeitung 2 ) 
folgende Schmähbemerkung brachte: „In Posen ist zur 
Aufführung von Wagners Tannhäuser eine höchst erbau- 
liche Verarbeitung der Harfe beliebt worden; während 
des Sängerkampfes im zweiten Akte nämlich steht in der 
ehrwürdigen Halle vorn am Souffleurkasten eine grosse 
mächtige Harfe, an diese muss der jedesmalige Sänger- 
kämpfer herantreten und sich die nötigen Accorde per- 
sönlich herausreissen." Er wandte sich brieflich an den 
Herausgeber und nannte den Einsender einen „feigen 
lügenhaften Schuft" 3 ). Er weist eine solche Verballhornung 
weit von sich: „Ich würde eher mein Brod mit Steine- 
klopfen verdienen, als die Profanierung eines Meister- 
werkes in solcher Weise gestatten". Wallner hatte das 
Orchester wesentlich verstärkt für seine Wagnerauf- 
führungen: 12 Violinen, 2 Viola, 3 Celli, 3 Contrabässe 
usw., ja er muss, um alle diese Musiker unterbringen zu 
können, bauliche Veränderungen im Orchesterraum vor- 
nehmen und bittet unter dem 9. April 1853 den Posener 
Magistrat um die Erlaubnis, „die beiden Ofen im Orchester 
zur Aufführung der grossen Oper: Tannhäuser, welche 
eine namhafte Vergrösserung der Instrumentalkräfte nöthig 
macht, abreissen lassen zu dürfen". Die Erlaubnis erhält 
er, vorausgesetzt, er lässt es auf eigene Kosten machen, 
und die Öfen werden im Winter wieder aufgebaut 4 ). 

Da die Oper lange Zeit geschwiegen hatte, so mussten 
Neueinstudierungen zugkräftig und gar Neuheiten erst 
recht willkommen sein. So war Halevys Jüdin 10 Jahre 
nicht gegeben worden, Der Wasserträger, Die weisse 
Dame, hatten lange geruht. Der Figaro war neu für Posen, 



L ) Das ist ungenau: in neun Tagen. 

2 ) IV. Jahrgang Nr. 6, vom 11. Februar 1854. 

3 ) Brief Wallners vom 1. Mai 1854, in meinem Besitz. 

4 ) Posener Stadtakten C. XXI, E. 23. 



230 Hans Knudsen. 

dazu kam die Zauberflöte, Entführung aus dem Serail^ 
Don Juan; Flotow mit Martha, Stradella; Bellini mit Romeo 
und Julia, Norma; Auber, neben Mozart besonders oft ge- 
spielt, mit der Stummen von Portici, Fra Diavolo, Maurer 
und Schlosser; Lortzing (der Waffenschmied war neu für 
Posen), Weber, Meyerbeer, mit den Hugenotten und dem 
Propheten als Neuheiten sehr oft gegeben, Beethoven 
mit Fidelio; Donizetti mit Belizar, Marie, die Tochter 
des Regiments, Lucia von Lammermoor, u. a. 

So ist es nicht zu verwundern, dass die Oper in der 
Zahl der Aufführungen unverhältnismässig überwiegt, das 
Schauspiel tritt — in dieser ersten Spielzeit 1853/54 jeden- 
falls — zurück. Und die Oper bringt ihm auch die 
meisten Einnahmen, das Schauspiel, selbst Kabale und 
Liebe und die Räuber, ist schwach besucht, sodass nicht 
einmal die Tageskosten gedeckt wurden. Das bemängelt 
die Kritik; man könne vom Direktor nicht verlangen, dass 
er sich allein durch die kostspielige Oper halte, die er 
aufgeben müsse, wenn nicht das Schauspiel so besucht 
würde, dass es pekuniär mittragen könne. 

Wallner hatte im' April, also im Sommerhalbjahr, 
begonnen und konnte daher im Juni das Sommertheater 
eröffnen, wo leichtere Ware geboten wurde. Anfang Juli 
geht Wallner mit seiner Oper nach Bromberg, wo die 
Oper geradezu Tagesgespräch wird. Am 3. Juli hatte 
er sein Gastspiel mit der Jüdin eröffnet, die Kritiken im 
„Kreisblatt" und im „Wochenblatt" sind des Lobes voll 
Selbst den Tannhäuser bietet er den Brombergern bei 
einem Orchester von 8 Violinen, 3 Bratschen, 3 Contrabässen, 
u. s. w.; und der Andrang ist so stark, dass viele um- 
kehren müssen. Da aber Opern allein „auf die Dauer 
ermüden," muss Wallner auch das Schau- oder Lustspiel 
einschalten — auch hier ohne pekuniären Erfolg. 

Mitte August macht Wallner mit seinem Opern- 
ensemble auch einen Versuch in Thorn, wo er sich mit 
dem Fidelio gut einführt, und man kann dort hören: „Wir 
gratulieren Posen zu einer so tüchtigen Oper!" Auch 
Thorn bekam den Tannhäuser zu hören. Nach Beendigung 



Das Posener Theater unter Franz Wallner. 231 

«des Gastspiels wurde für Wallner und Schöneck im Gast- 
haus zu den drei Kronen ein Abschiedsfest veranstaltet, 
in beiden Städten hat also Wallner glänzende Erfolge 
erzielt und kehrt Anfang September nach Posen zurück. 

Am 7. September wird das Theater wieder eröffnet 
mit dem „Fidelio", woraus man ersehen könne, meint die 
Kritik, dass Wallner „wahren Kunstgenuss" bieten wolle, 
der eine Oper mit harmonischem Zusammenspiel habe, 
für Provinzbühnen eine Seltenheit. 

Aber wie im Sommer so auch jetzt: das Schauspiel 
ist nicht besucht genug, daher geht dieses Personal am 
14. Oktober nach Bromberg und kehrt am 1. Dezember 
zurück. Der Weg, auf dem Wallner weiter geht, bleibt 
dann auch für den Rest der Saison bis Ostern 1854 der 
gleiche; herauszuheben wäre nur die erste Aufführung des 
Propheten — die Kritik sagte: „Ohne Herrn Wallner als 
Direktor hätten wir den Propheten schwerlich vorgeführt 
•erhalten" — und das Gastspiel der spanischen Tänzerin 
Pepita de Oliva, die glänzend von der Posener Bevölke- 
rung empfangen wurde; man sprach ja damals in Deutsch- 
land von einem „Pepita-Paroxismus". 

Für diese erste Spielzeit unter Wallner, bis Ostern 
1854, stellen wir also fest: stärkstes Vorherrschen 
der Oper, mit durchaus künstlerischen Erfolgen. 
Und wie steht es um den pekuniären Erfolg? Die Ant- 
wort hierauf erhalten wir dadurch, dass Wallner im 
Sommer und auch im Winter 1854 eine Oper ihrer Kost- 
spieligkeit wegen nicht bieten kann. Jm April 1854 spricht 
Wallner zwar nur von zeitweiliger Auflösung der Oper; 
er verspricht dafür, „dem Vaudeville und der Gesangsposse, 
welche im Laufe der Wintersaison grösstenteils vom Re- 
pertoire verbannt gewesen ist, ganz besondere Aufmerk- 
samkeit zu widmen. Nebst den renommierten älteren 
Werken dieser Gattung sollen die besten neuen Produkte 
der komischen Muse zur Aufführung kommen." Er hat 
dann für 1854 ein Personal von 17 Herren und 14 Damen. 
Im April gibt G. Raeder aus Dresden einige Gastrollen, 
im Mai kann Wallner ein mehrtägiges Gastspiel Bogumil 



232 Hans Knudsen. 

Davisons bieten (Hamlet, Shylock, Carlos in Clavigo u. a.)~ 
Anfang Juni bis Mitte August spielt im Stadttheater die 
Krakauer polnische Theatergesellschaft unter Jul. Pfeiffer,, 
deren Darbietungen und „sehr braves Spiel" Beifall finden. 
Daneben geht Wallners Sommertheater, wo Agnes Wallner 
mit dem „angenehmen Klang ihres Organs, ihren unge- 
zwungenen Gebärden und Bewegungen und ihrer echten 
Naivität Triumphe" feiert, und wo Susanne Göthe, eigent- 
lich für die Oper bestimmt, da aber Wallner diese auf- 
gegeben hatte, als Possen- und Lustspielsoubrette auftrat 
und ihren späteren Ruhm hier begründete. Nach einem 
Gastspiel Aschers aus Berlin fand dann die Soubrette 
Marie Geistinger, die falsche Pepita, aus Wien unge- 
meinen Beifall. 

Die neue Spielzeit setzt am 12. September 1854 mit 
einem Gastspiel von C. A. Görner ein, der Shylock,, 
Franz Moor („zum Besten der durch die Wasserflut Ver- 
unglückten im Regierungsbezirk Posen"), Mephisto, Nathan,, 
aber auch feine Lustspielrollen gab. Nach all den vielen 
Wiener- und Gebirgspossen, die der Sommer reichlich ge- 
boten hatte, dürften, so meint die Kritik, klassische Stücke 
und solidere Lustspiele willkommen sein. Und auch jetzt 
hat Wallner wieder einen Plan, der sein künstlerisches 
Verständnis und Streben zeigt. Er macht folgende An- 
kündigung: „Nach dem Vorgange anderer grösserer Städte 
beabsichtigt der Unterzeichnete im Laufe dieses Winters 
[also 1854/55] ein Abonnement für die Aufführung von 
12 klassischen Stücken ins Leben treten zu lassen. Es 
sollen dieselben — jede Woche eine Aufführung — mit 
grösstem Fleisse und in würdiger Ausstattung in Szene 
gehen . . . Folgende Stücke sind von der Direktion für 
diesen Cyklus bestimmt worden: Don Carlos, Teil 1 ), Jung- 
frau von Orleans, Prinz von Homburg, Der Arzt seiner 
Ehre von Calderon, Donna Diana von Moreto, Minna von 
Barnhelm, Was ihr wollt, Phädra von Racine-Schiller, Das 

!) 19. Oktober. „Besonders erwarb sich Walther (Franz 
Wallners Sohn Alexander) durch sein dreistes und für sein Alter 
intelligentes Spiel grossen Beifall." 



Das Posener Theater unter Franz Wallner. 233 

öffentliche Geheimnis von Gozzi und Romeo und Julie". 
Und „um der studierenden Jugend die Aufführung klas- 
sischer Werke möglichst zugänglich zu machen, werden 
zu diesen Vorstellungen Gymnasiasten-Billets ä 6 Sgr. 
ausgegeben." 

Diese Stücke kommen auch tatsächlich im Laufe der 
Spielzeit auf die Bühne, und lobt auch die Kritik dieses 
„rühmliche Unternehmen" Wallners und der Darsteller 
„Lust und Liebe an der Sache'', so muss sie doch leider 
die geringe Teilnahme des Publikums rügen. „Wahrlich 
keine Aufmunterung für unsere strebsame Theater- 
<direktion. . . ." 

Im Juli war es offiziell bekannt geworden, dass 
Wallner für die Spielzeit 1854/55 keine Oper engagieren 
würde 1 ), da die Mittel einer Provinzbühne nicht aus- 
reichten, „ein gutes Schauspiel und eine zufriedenstellende 
Oper bei den masslos steigenden Gage-Forderungen der 
meisten Operisten" sich zu gestatten. So war denn das 
Operngastspiel, das die Krollsche Oper unter Direktor 
Engel vom 25. Oktober bis 26. November hier gab, und 
dem Wallner 1200 Rtlr. garantieren musste, natürlich 
stark besucht, um so mehr als sie auch Novitäten für 
Posen brachte (Der Schwur, Marco Spada u. a.). 

Während dessen ging das Schauspielpersonal nach 
Bromberg 2 ). Posen durch den Besuch von Bromberg 
oder Glogau des Theaters ganz zu berauben, damit scheint 
Wallner ab und an gedroht zu haben. Das war aber 
wohl notwendig, wenn man in den Besprechungen der 
Posener Zeitung, die ja für die Darstellung neben den 



*) Vgl. Allgemeine Theater- Chronik, Leipzig 1854. S. 334. 

2 ) Die Beziehungen Wallners zu Bromberg scheinen in letzter 
Zeit nicht die besten gewesen zu sein; darauf lässt neben manchem 
anderen folgende Äusserung in einem Oberpräsidialbericht schliessen: 
„Wallner wurde in Bromberg mit Ungunst aufgenommen, nicht 
weil seine Leistungen ungenügend waren, sondern weil die Stadt 
Bromberg missvergnügt war, dass die Verbindung mit dem Danziger 
Theater dadurch unterbrochen wurde." Oberpräsidialakten XXI. 
€. 16 vol. II. 



234 Hans Knudsen. 

Theaterzetteln und Oberpräsidialakten vor allem in 
Betracht kommt, immer wieder liest, wie wenig das 
Publikum dem hohen Streben Wallners, diese Provinzbühne 
wirklich auf ein höheres künstlerisches Niveau zu bringen^, 
entgegen kam, der sich ständig um Novitäten bemühte, 
aber sehen musste, wie der Fechter von Ravenna, das 
Neueste, was er bieten konnte, nicht besucht wurde, wie 
die Vorstellung des Wallenstein leer blieb, wie es ihm 
auch mit den meisten anderen klassischen Stücken, z. B. 
der Braut von Messina, erging, die er ausserhalb seines- 
Cyklus noch gab. Im März brachte er Gastspiele von 
Wilhelmine Birch, der Tochter von Charlotte Birch- 
Pfeiffer, die u. a. einige t}^pische Stücke in Auswahl zu- 
sammengestellt an einem Abend bot unter dem Titel: 
„300 Jahre der deutschen Schauspielkunst (!)", und dem 
Komiker Weirauch aus Berlin. 

Wir stellen für die zweite Spielzeit 1854/55 an 
künstlerischem Gewinn heraus: das Bestreben Wall- 
ners, das klassische Stück besonders zu pflegen. 
Der passive Widerstand des Publikums aber Hess den 
pekuniären Gewinn, den der Theaterdirektor brauchte,, 
ausbleiben. Dabei hatte Wallner ein sicherlich gutes 
Personal: ich erinnere nur an Agnes Wallner selbst, — 
Franz Wallner trat nicht sehr häufig auf und war in dem 
Personalbestand als „Aushülfskomiker" bezeichnet — r 
erinnere weiter an Frau Franke, die tüchtige Heroine 
(gross und bildschön nennt Agnes Wallner sie, allerdings- 
fälschlich „Frank" schreibend) vor allem aber Dr. August 
Förster als Heldendarsteller, den späteren Leiter des Burg- 
theaters; auch Keller und die Rennerts waren tüchtig,, 
und wenn wir die Reihe fortsetzen wollen, so kommen 
wir mit Meaubert und seiner späteren Frau geb. 
Scheller gleich hinüber in die Sommerspielzeit 1855, 
wo wir embryonal das spätere Wallnertheater finden. 
Nachdem vom 2. April bis 15. Mai das deutsche Theater 
geschlossen war, und die polnische Gesellschaft unter 
Pfeiffer indessen gespielt hatte, brachte auch dieser Sommer, 
wie die früheren, Kinder der leichtgeschürzten Muse; 



Das Posener Theater unter Franz Wallner. 235 

Nestroy, Benedix, Kaiisch, später Wallners Hausdichter, 
kamen hier zu Worte — kurz: die Posse, der Schwank. 
Die schauspielerischen Hauptstützen waren hier eben der 
erwähnte Meaubert „erster Bonvivant, Liebhaber, kurz überall 
am Platze, den Wallner in seinem herben Französisch 
„mein Mopperl" nannte" 1 ); er war schon in Freiburg bei 
Wallner gewesen, bevor er aber 1855 hierher kam, hatte 
er in Berlin ein Engagement angenommen, dazu seine Frau, 
die geborene Scheller, vor allem aber Karl Helmer ding 
und Th. Reusche, zwei Komiker des später mit Anna 
Schramm so berühmten Quartetts im Wallnertheater, zwei 
treffliche Vertreter ihres Faches, die hier schon den Grund 
zu ihrem späteren Ruhm und Ruf legten. Sein Heim 
hatte das Sommertheater damals aufgeschlagen im „Odeum" 
in der Bäckerstrasse (jetzt Apollotheater). Der damalige 
Pächter dieses Lokals, Friedrich Wilhelm Kretzer 
war der Vater des bekannten Romanschriftstellers Max 
Kretzer, der noch ein Aquarellbild besitzt, auf dem das 
mit einem grossen Leinwanddach überdeckte Gartentheater 
abgebildet ist 2 ). Als den „Glanzpunkt in den Annalen 
unseres Stadttheaters unter Herrn Wallners Direktion" 
bezeichnet die Zeitung den Besuch des Prinzen von 
Preussen, nachmaligen Kaisers Wilhelm I. 3 ), den er am 
3. Juli gelegentlich seines hiesigen Aufenthaltes dem 
Sommertheater abstattete, wo er sich ein paar Lustspiele 
ansah. Der alte Kretzer hielt den Stuhl, auf dem der Prinz 
gesessen hatte, noch lange in Ehren 4 ). Wie üblich brachte 
<ler Sommer einige Gastspiele: Ottilie Genee, Emil 
Devrient (Hamlet, Bolingbroke). 



1 ) Agnes Wallner a. a. O. S. 77. 

2 ) Eine Wiedergabe dieses Bildes findet sich 1911 im März- 
heft der Zeitschrift ,,Aus dem Posener Lande". 

3 ) Vergl. Erich Graber, Hohenzollernbesuche im Lande Posen. 
Aus dem Posener Lande 1910. Heft 8. 

4 ) Gelegentliche freundliche Mitteilung von Max Kretzer. — Das 
Gerücht, Kaiser Wilhelm I. habe sich in Posen in Agn. Wallner 
verliebt und besuchte deswegen so häufig das Berliner Wallner- 
theater, widerlegt sie a. a. O. S. in. 



236 Hans Knudsen. 

Ganz im Stillen hatte sich vorbereitet, was Ende 
August die Zeitung verkünden konnte, dass nämlich 
Wallner in Berlin die „Grüne Neune" übernommen hatte, 
aus dem sich in kurzem das Wallnertheater entwickelte. 
Damit ist ja eigentlich seine Tätigkeit für das Posener 
Theater zu Ende, obschon er anfangs mit Erlaubnis des 
Oberpräsidenten beide Unternehmungen zugleich leitete; 
sein ganzes Interesse aber warf er nun und musste es. 
auch bei den ungemein schwierigen Verhältnissen, auf das. 
neue Berliner Unternehmen. Offiziell war er ja hier noch 
Direktor und führte die Geschäfte, doch hatte er die Leitung 
an den ihm als tüchtig bekannten Ferdinand Roeder 
übergeben, der im September die neue Spielzeit wieder 
mit einer Oper eröffnete und das Theater leitete, aber 
nicht skandalös, wie Agnes Wallner schmähsüchtig es 
Roeder unterschieben möchte, bis J. Keller die Direktion 
übernahm. Am 11. September 1855 verabschiedete sich 
das Schauspielpersonal, das Wallner nach Berlin mitnahm ; 
es war diese Vorstellung gleichzeitig das Hochzeitsbenefiz 
für Meaubert und Frau, ein „dramatisch-musikalisch-dekla- 
matorisch-choreographisches Potpourri". 

Ein Nachspiel wäre noch zu erwähnen. Oktober 1855 
hatte die Posener Zeitung in Herrn Dr. Julius Schladebach 
einen neuen und scheinbar auch recht musikverständigen 
Redakteur erhalten. Am 27. Oktober 1855 hatte er eine 
Oper besprochen, dann aber waren die Theaterkritiken 
ausgeblieben, bis Ende November auf eine öffentliche 
Anfrage nach dem Grunde Herr Schladebach das Wort 
ergreift und erklärt, die Presse müsse an ihrem Grundsatze 
festhalten: sie bedürfe der Künstler nicht, wohl aber die 
Künstler der Presse, Herr Wallner aber habe ihm keinen 
Besuch gemacht u. dergl. mehr. Waliner erwidert öffentlich, 
Schladebach habe sein eifriges Bemühen nicht anerkannt 
und lege an sein Unternehmen Dresdener, nicht Posener 
Masstäbe an; in der Besuchsfrage sei er im Recht und 
zudem durch sein Hin- und Herreisen zwischen Posen 
und Berlin entschuldigt u. s. w. Bei solchen Streitigkeiten 
kommt ja nie etwas heraus, und nachdem Herr Schlade- 



Das Posener Theater unter Franz Wallner. 237 

bach noch erklärt hatte, er kenne keine „topographische 
Kritik" — ein famoses Wort! — sondern nur allgemein 
gültige Kunstästhetik, kritisierte er seit Dezember wieder 
munter weiter und sogar ganz freundlich und aner- 
kennend. 

Wir halten also für die letzte Spielzeit unter 
Wallners Führung — Sommer 1855 — fest: gewollt 
oder nicht gewollt ein Hinstreben nach dem Boden, auf 
dem Wallner in Berlin mit soviel Erfolg bauen sollte, 
ein Zusammendrängen der Kräfte, die nur dorthin ver- 
pflanzt zu werden brauchten, um für grössere ähnliche 
Arbeiten verwendbar zu sein, also: die Vorstufe des 
Wallnertheaters. 

Ich habe so versucht, für die einzelnen Etappen in 
Wallners Direktionsführung an der hiesigen Bühne das 
Charakteristikum und das theatergeschichtlich Wertvolle 
herauszustellen. Nun das Ergebnis: Hier stand ein Mann 
an der Spitze mit starkem künstlerischem Wollen, mit 
einem „auch von . . Provinz und Stadtbehörden rühmend 
anerkannten redlichen Streben für das Gedeihen drama- 
tischer Kunst, welche er . . ., ohne selbst bedeutende 
Opfer zu scheuen, zu einer für eine Provinzialbühne un- 
gewöhnlichen Höhe gehoben hat"; das weiss die Kritik 
sehr wohl anzuerkennen. „Alles zeugt davon, dass die 
Direktion offenbar bestrebt ist, die Bühne auf eine höhere 
Stufe als seither zu heben, und dies weist auch der 
Kritik einen veränderten Standpunkt an". Der „feste, 
gute Wille" Wallners wird betont, der immer bestrebt 
sei, dem Posener Publikum die literarischen Neuheiten 
schnell zu vermitteln. Freilich, dem künstlerischen 
Erfolg und dem Aufwand an Mühe und Kraft entsprach 
in keiner Weise der pecuniäre Gewinn; denn Ehrenberg 1 ) 
muss hierin berichtigt werden: nicht als reicher Mann 
verliess Wallner Posen, sondern — so erzählt Agnes — 
das Geld für die ersten Ausgaben in Berlin lieh ihm 
eine befreundete Posener Familie, und Heinrich Wallner, 



!) Geschichte des Theaters in Posen (1889) S. 27. 



238 Hans K n u d s e n. 

ein in Berlin lebender Sohn Franz Wallners, erinnert sich 
ebenfalls starker pecuniärer Verluste. Und wo sollten 
die Überschüsse herkommen: die grossen künstlerischen 
Aufgaben, die Wallner sich stellte, kosteten viel Geld, 
und das Publikum erkannte durch den geringen Besuch 
— wenigstens der Schauspiele — die Bestrebungen so 
wenig an, dass die Kritik sagen konnte, das spreche nicht 
gerade zu Gunsten des Kunstgeschmackes eines gebildeten 
Publikums. Also: Künstlerische, aber keine pecu- 
niären Erfolge 1 ), trotz Abonnements aller Art und 
häufiger Benefiz Vorstellungen für Agnes Wallner und — 
trotz der aufgehoben Freiabgabe der Zettel, für die nun 
6 Pfg. gezahlt werden mussten. 

Dass sich bei Wallners Direktionstätigkeit auch 
Schwächen zeigen, soll durchaus nicht verschwiegen 
werden. Einmal ganz abgesehen von den Tänzergesell- 
schaften, Zauberern, Violinvirtuosen und ähnlichen Stören- 
frieden — von dem damaligen Publikum durchaus als 
angenehme Beigabe angesehen — , sondern ich will nur 
als krassestes Beispiel erwähnen, dass im Juni 1853 in 
einer Auberschen Oper im 5. Akt Herr Renz mit zwei 
anderen Herren seines Zirkus Schulpferde vorführte! 
Doch das steht vereinzelt da und ist Zeitgeschmack. 
Das Publikum war zahlreich erschienen, die ernste Kritik 
will von solchen Experimenten nichts wissen, sie lehnte 
auch Görners „Immer ohne Frau" wegen seiner Schlüpf- 
rigkeit ab. „Bei dem anerkannten Streben der Direktion, 
das hiesige Theater zu heben, sind dergleichen Missgriffe 
zu beklagen". Wir wundern uns auch über so manchen 



*) Wallner musste gleich zu Beginn seiner Tätigkeit eine Dar- 
lehnsschuld seines Vorgängers Vogt an die Staatskasse von 500 Tlr. 
übernehmen, von denen allerdings Anfang 1855 der Rest von 
320 Tlr. niedergeschlagen wurde. Ausser einer einmaligen Beihülfe 
von 1000 Tlrn. aus dem polizeilichen Dispositionsfonds hat er keinerlei 
staatliche Subvention erhalten können, trotz einiger Versuche des 
Oberpräsidenten. Und die Stadt sträubte sich entschieden gegen 
Unterstützungen. Vergl. die genannten Oberpräsidialakten XXI. 
C. 16 vol. I. 



Das Posener Theater unter Franz Wallner. 239 

Schmarren und Eintagsfliegen in Wallners Spielplan, 
denen man mit einer Original-Posse von G. Starke: „Eine 
Vergnügungsreise oder Schulze und Müller in Posen" 
oder einem Stück: „Liebesneckereien in Posen oder das 
Schlittschuhläufer fest vor dem Wilda-Thore" wenigstens 
lokalen Charakter zu geben versuchte. Gewiss: das sind 
Niederungen; neben den unleugbaren Höhen aber ver- 
zeiht ihm der Einsichtige dergleichen gern und gönnt ihm 
den hierbei erworbenen Überschuss, wenn er sieht, wie 
Wallner an anderer Stelle zusetzte, um doch auch dem 
Geschmack ernster Denkender im Publikum etwas zu 
bringen. 

Man hat in Posen sein wackeres Bemühen sobald 
nicht vergessen; denn als er im November 1860 zu einem 
einmaligen, von seiner Frau länger ausgedehnten Gast- 
spiel hierher kam, wo man wohl unter Jos. Keller den 
Abstand gegen früher fühlen mochte, da spricht die Kritik 
von Franz Wallner als von dem, „der zuerst Bestrebungen 
gemacht hat, das hiesige Theater zu einer Kunstanstalt 
zu erheben, und dessen Andenken daher noch in dank- 
barer Erinnerung fortlebt 1 )." 

Einige statistische Nachrichten über das Posener 
Theater unter Wallners Leitung bringt das von dem ver- 
dienstvollen K. Th. von Küstner herausgegebene 
„Taschen- und Handbuch für Theaterstatistik" 
(Berlin 1855) S. 96 ff. Das Theater habe sich unter dem 
neuen Direktor „in vielfachen Hinsichten gehoben". Das 
Reportoir sei reich an Novitäten, die Einnahmen hätten 
sich verdoppelt, und die Gagen würden auf das pünkt- 

!) Wilh. Goldbaum spricht in einem hübschen Aufsatz : Posens 
Anteil an der deutschen Literatur (Posener Zeitung. 1. und 2. Juni 
1869) vom Posener Theater und meint: „Erst in den vierziger 
Jahren, da der bühnenkundige Wallner die Direktion des Posener 
Theaters übernahm, gelangte dieses zu einer gewissen Blüte" — 
freilich mit dem nicht zu unterstreichenden Zusatz: „die sich seit- 
dem fast immer erhalten hat, weil Walkiers Grundsätze in der 
Theaterverwaltung gedeihlich fortarbeiteten." Übrigens weilte 
Wallner noch im Juni 1864 in Posen, aber nicht in Theaterange- 
legenheiten. 



240 Hans Knudsen. 

lichste bezahlt Ich möchte den Abschnitt mit einigen 
Auslassungen als willkommene Ergänzung hier wieder- 
geben : „Das Stadttheater, obwohl klein und veraltet, 
ist neuerdings von der Stadt, der es jetzt angehört, reno- 
viert und zum Heizen 1 ) eingerichtet, sowie mit neuen 
und vorzüglichen Dekorationen vollständig versehen wor- 
den, während die früheren so alt als schlecht waren. 
Überhaupt lässt der Magistrat, in Anerkennung der An- 
strengungen des Unternehmers, demselben die möglichste 
Berücksichtigung zu Teil werden. Eine Befreiung von 
Pacht jedoch oder eine Unterstützung an Geld, wie es 
hat verlauten wollen, ist demselben nicht bewilligt worden, 
ja eine früher dem Posener Theater zu mehreren Malen 
gnädigst zugekommene Unterstützung an Geld hat schon 
seit geraumer Zeit cessiert." Die Oper sei für die Spiel- 
zeit 1854/1855 beseitigt worden. 

„Die jährliche Gesamteinnahme bestand im Theater- 
jahre 1853 bis 1854 bei Schauspiel und Oper gegen 
36000 Thlr., eine Höhe, die früher nicht zur Hälfte er- 
reicht worden war. Im laufenden Theaterjahre 1854 bis 
1855 dürfte die Einnahme bei Wegfall der Oper sich ge- 
ringer stellen. 

Für Pacht des Hauses und des damit verbundenen 
Dekorations-Inventars, dessen Vollständigkeit die Unter- 
nehmung jeder Ausgabe dafür enthebt, für teilweise ge- 
währte Beleuchtung des Hauses und an Armengeld wird 
für jede Vorstellung im Stadttheater 13V2 Thlr., sowie 
an Miete für das Sommertheater, das einem Privatmanne 
gehört, aber von Herrn Wallner für seine Rechnug neu 
decoriert worden ist, 335 Thlr. gezahlt. Die Tageskosten 
belaufen sich bei Opernvorstellungen auf 60 bis 70 Thlr., 
bei Schauspielvorstellungen auf 38 bis 42 Thlr. 

Die Gagen bestehen nach Wegfall der Oper für das 
gegenwärtige Theaterjahr monatlich ungefähr in 1500 Thlr., 
jährlich sonach in 18000 Thlr. 



!) Über das Tropfen des Kronleuchters wurde aber noch 
immer geklagt! 



Das Posener Theater unter Franz Wallner. 241 

Jährlich haben in Posen und zwar im Stadttheater 
120 bis 130, im Sommertheater 60 bis 70 Vorstellungen 
stattgefunden. 

Das Theater fasst im höchsten Betrage 800 Per- 
sonen und gewährt bei gewöhnlichen Preisen eine Ein- 
nahme von ungefähr 250 Thlr., welche bei höchsten 
Preisen nach Massgabe der Erhöhung bedeutend steigt; 
als einziges Beispiel steht bei der ersten Vorstellung der 
Sennora Pepita eine Einnahme von 700 Thlr. da." 

Im Ganzen: In der Geschichte des Posener Theaters 
hat Wallner eine ehrenvolle Stellung und kann sich 
durchaus würdig Männern wie Döbbelin und Vogt an- 
reihen; hat er doch gewiss das Posener Theater auf eine 
anzuerkennende künstlerische Höhe gebracht, die das 
Theater unter seinem Nachfolger rasch einbüsste, und es 
dauerte geraume Zeit, ehe einer kam, der ihm nach- 
strebte. Ich glaube, man darf dem Kritiker zustimmen, 
der einmal auf Wallners Art, das Posener Theater gross- 
zügig zu leiten, das Wort des Jägers aus dem Wallen- 
stein angewandt hat, das für Wallners hiesige Direktions- 
tätigkeit ein hübsches Motto gibt: „Hat alles 'nen 
grossen Schnitt." 



Anhang. 

Für die guten Beziehungen des Kapellmeisters Schöneck sowie 
des Tenoristen Meffert zu Richard Wagner mag der folgende Brie. 
Wagners an R. Schöneck in Freiburg ein Beispiel sein, der mir 
vom Haus Wahnfried gütigst zur Verfügung gestellt wurde. Er 
ist kurze Zeit vor ihrer Übersiedelung nach Posen geschrieben. 
Die durch Punkte angedeuteten Stellen sind im Original weg- 
gerissen. 

Liebster Freund! 

Der Palmsonntag passt ganz vortrefflich! Also schieben wir 
alles bis dahin auf! Sie schreiben mir noch einmal genau, ob die 
Vorstellung des Tannhäuser am Palmsonntag wirklich stattfindet, 

und i c h schreibe Ihnen genauer, wer und wieviel 

hier dazu kommen werden, Plätze hübsch bestellen 

können lieh wird auch meine Frau mitkommen). Erkun- 
digen Sie sich auch noch recht genau, ob man wirklich früh in 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahr?. XXVI. IG 



242 Hans Knudsen. 

Zürich abreisen kann und noch Zeitgenug zum Theater in Frei- 
burg anlangt? — Mit dem Rendezvous verschieben auch wir 
es dann bis dahin: hören Sie? Ich werde dann mit meinen Freunden 
Palmsonntag bis Basel reisen, dort warten, und Sie mit Meffert 
kommen dann Montag früh (mit meinen Freunden) zu mir nach 
Basel: dort wollen wir viel und mancherlei besprechen. — 

So wäre ja Alles vortrefflich! Recht sehr freue ich mich darauf, 
Sie wieder zu sehen und Ihnen mündlich meine Freude über Sie 
auszudrücken. — Können Sie mir nicht den Namen der Dame noch 
einmal schreiben: ich bekomme aus Ihrer Handschrift nicht recht 
deutlich heraus, wie er heisst! 

Adieu für heute ! Grüssen Sie Meffert! Ihr ergebener Richard 
Wagner. 

Zürich, 10. März 1853. 





Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815 

unter besonderer Berücksichtigung 
der Erziehungsanstalten für das weihliche Geschlecht. 

Von 
Otto Konopka. 

nsere junge Residenzstadt darf sich bezüglich der 
verhältnismässigen Anzahl, Mannigfaltigkeit und 
Zweckmässigkeit ihrer Schulen getrost mit jeder 
anderen Grosstadt unseres Vaterlandes messen. Auf dem 
Gebiete des Mittelschulwesens steht sie sogar in erster 
Reihe da; hier entstand 1858 die erste Mittelschule im 
preussischen Staate, und in der Festrede zum 50jährigen 
Jubiläum der Mittelschule 1 ) konnte unsere Provinzialhaupt- 
stadt ohne jede Einschränkung als „Hochburg der Mittel- 
schulen" bezeichnet werden. Gehen wir bis in die Zeit 
der endgültigen Einverleibung unserer Ostmark in das 
preussische Staatsgebiet (1815) zurück, so drängt sich uns 
bei Betrachtung des damaligen Schulwesens in unserer 
Stadt unwillkürlich die unbestrittene Vorherrschaft der 
Privatschulen und Privaterziehungsanstalten auf. Die Ur- 
sache ' für das üppige Emporwachsen solcher Institute 
dürfte in diesem Falle wohl weniger in dem Ausspruche 
eines namhaften Pädagogen (Stoy) zu suchen sein, dass 
„Zeiten geistiger Bewegung und idealer Anregung immer 
fruchtbar an derartigen Anstalten sind", als vielmehr in 
der Tatsache, dass die genannten Privatunternehmungen 
hier einem tiefgefühlten Bedürfnis abhelfen wollten, das 
Gemeinde und Staat in damaliger Zeit nur unvollkommen 
zu befriedigen imstande waren. Daraus ergibt sich für 
das Verständnis und die richtige Bewertung unseres 

*) Franke, Festrede zum 50jährigen Jubiläum der Mittelschule . . . 
in Posen. 

16* 



244 Otto Konopka. 

Privatschulwesens die Notwendigkeit, es zunächst aus dem 
organischen Zusammenhange der Jugenderziehung damaliger 
Zeit überhaupt herauszuschälen und diese Beziehung zum 
allgemeinen Schulwesen unserer Stadt, soweit als unbedingt 
erforderlich, auch während der weiteren Ausführungen 
im Auge zu behalten. 

Schon die eigenartigen Schicksale des Posener Landes 
lassen eine eigentümliche, gegenüber den alten Landes- 
teilen der preussischen Monarchie abweichende Entwicke- 
lung des hiesigen Schulwesens vermuten. Während dort 
bereits mit der Verordnung Friedrich Wilhelms I. vom 
28. September 1717 1 ) eine — wenn auch noch recht 
unvollkommene — Fürsorge des Staates zum Zwecke der 
Volksbildung einsetzte, beschritt Polen diesen Weg erst 
in den letzten Jahren vor dem Untergange. Die 1773 
gegründete polnische Edukationskommission, „dieser ewige 
Stolz der sich hebenden und bald hernach untergehenden 
Nation", hatte zwar nach einem weise durchdachten, gross- 
zügigen Plane 2 ) mit einer umfassenden Organisation des 
Schulwesens eingesetzt, aber die Teilungen Polens bereiteten 
ihrem Wirken bald ein Ende. Die preussische Regierung 
in südpreussischer Zeit (1793 — 1806) würdigte die vor- 
gefundene Vorarbeit besonders dadurch, dass sie im all- 
gemeinen im Geiste der Edukationskommission ihre Mass- 
nahmen für das Erziehungswesen in den neuerworbenen 
Landesteilen traf. Der Vorsitzende Rat des südpreussischen 
Departements, von Klewitz, sagt in seiner „Geschichte 
und Darstellung des südpreussischen Schulwesens" — 
Berlin 1805, — „Man fand aus der polnischen Regierung 



x ) von Bremen, Die preussische Volksschule. Berlin 1905. 

2 ) Theodor Wierzbowski, Die polnische Edukationskommission 
und ihre Schulen. (Polnisch geschrieben.) Warschau. 38 Bände. Für 
die Schulverhältnisse der Stadt Posen besonders wichtig die „Raporty" 
Bd. 25. — 1907 und Bd. 7. — 1905. 

Zu vergleichen ist auch Lukaszewicz, Geschichte der Schulen. 
(Polnisch geschrieben). 

Skladny, Über die polnische Schulreform 1783. Zeitschrift der 
Hist. Gesellsch. Bd. X Sitzungsbericht S. 454—458. 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen 1815. 245 

eine vortreffliche Gesetzgebung, der nur die Ausführung 
nicht entsprach!" In ähnlichem Sinne äussert sich aller- 
dings über diepreussischen Regierungsmassnahmen 
von 1793 — 1806 ein nicht genannter Verfasser 1 ) eines Auf- 
satzes: Betrachtung über den Verfall der Schulen und 
der Kultur in demjenigen Teile Polens, welcher das Gross- 
herzogtum Posen heisst und unmassgebliche Vorschläge 
zu einer zweckmässigeren Schuleinrichtung! — In diesem r 
wie es vorbeugend heisst, „nicht aus Vorwitz, nicht 
aus dem Hange zu kritisieren und zu tadeln, allein ledig- 
lich aus dem redlichsten und wohlmeinenden Patriotismus 
und wahren Anhänglichkeit für seine Landsleute" ge- 
schriebenen Berichte finden sich u. a. die Bemerkungen: 
„Es war damals kein guter Genius, der die preussische 
Administration leitete. Kurz, es war über das südpreussische 
Schulwesen unendlich viel geschrieben, ausführliche Vor- 
schläge getan, pompöse Berichte abgestattet, allein im 
allgemeinen wollte die Sache nicht fort!" Dass diese 
Abhandlung neben manchem Unzutreffenden auch brauch- 
bares Material lieferte, beweist ein Vermerk auf dem 
Aktenstück: ad acta, um von diesem Aufsatz bei der 
bevorstehenden Generalkonferenz über das Schulwesen 
Gebrauch zu machen. — Leider gestattet es der zur Be- 
sprechung stehende Stoff nicht, die angeführten kritischen 
Behauptungen aus dem vorliegenden Aktenmaterial heraus 
auf das richtige Mass zurückzuführen und die Fürsorge 
unserer Staatsbehörde für das Erziehungswesen Süd- 
preussens in das rechte Licht zu rücken. Erinnert sei 
nur an die Betätigung Meierottos und Gedikes in unserer 
Ostmark, an die „Intermistische Schulordnung vom 7. Fe- 
bruar 1797" und die „Vorläufige Ordnung vom 25. August 
1796", sowie an den durch Kabinetsordre vom 28. Mai 
1800 bestätigten Plan zur Einrichtung des Schulwesens 



x ) Dass Konsistorialassessor von Salkowski der Verfasser 
dieser Betrachtungen ist, wie Dr. Beck in der Abhandlung „Das 
Gymnasium zu Posen in südpreussischer Zeit" Ztschrft. d. Hist. Ges. 
Bd. II und III angibt, erscheint nach dem vorliegendem Akten- 
material durchaus nicht erwiesen. 



246 Otto Konopka. 

in Südpreussen 1 ). Während des Bestehens des Herzog- 
tums Warschau bildete bis zum 7. Januar 1812 die wieder- 
errichtete Edukationskommission zu Warschau und dann 
die Erziehungsdirektion diejenige Behörde, der die oberste 
Leitung des Schulwesens anfangs durch den Beschluss 
der damals regierenden Kommission vom 20. Januar 1807 
und später durch das Königlich-Sächsische Dekret vom 
17. Dezember 1810 anvertraut war 2 ). Die wohltätige Wirk- 
samkeit in der ersten Periode schildert Joseph Lipinski*) 
in seinem Bericht über die fünfjährige Tätigkeit der Er- 
ziehungskommission. In die Zeit des Herzogtums War- 
schau fallen auch die Verordnungen über das Schulwesen 
vom 12. Januar 1808, 16. Oktober 1808 und 16. Februar 
1812. Der letztere Zeitraum macht sich infolge der 
beständigen Kriegsunruhen als ein deutlicher Rückschritt 
inbezug auf Zahl und Organisation der Schulen bemerk- 
bar. Traurige Schulverhältnisse fand somit Preussen bei 
der endgültigen Einverleibung 181 5 in unserem Landes- 
teile vor. 

Es liegt auf der Hand, dass der durch seine Opfer- 
willigkeit in den Befreiungskriegen stark geschwächte 
Staat nicht sofort bedeutende Geldmittel für das Erziehungs- 
wesen Posens flüssig machen konnte. Auch Hessen mancherlei 



*) Zu vergleichen ist hierzu: 

Klewitz a. a. O. 

Prümers, Eine Simultan -Bürgerschule in südpreussischer Zeit. 
Ztschr. d. Hist. Gesellsch. Bd. XL 

J. Jeziorowski, Nachricht von der Einrichtung des Schullehrer- 
Seminars zu Posen, 1808. 

Prümers, Das Jahr 1793. (Kapitel XV: Skladny, Schulwesen). 
Sonderveröffentl. d. Hist. Gesellsch. 

Werner, Ein Beitrag zur Geschichte der Lehrerbildung unserer 
Provinz in südpreussischer Zeit. Ztschr. d. Hist. Gesellsch. Bd. III. 

K. A. Junge, Vor hundert Jahren. Posener Zeitung. Jahrgang 1893, 
Nr. 145. 

2 ) Laube, Gesetzsammlung des vormaligen Herzogtums War- 
schan. Posen 3816. Bd. HL 

3 ) Joseph Lipinski, Bericht über die 5jährige Tätigkeit der 
Edukationskommission. i8r2. (Polnisch geschrieben). 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen 1815. 247 

andere Umstände in der ersten Zeit einen frischen Zug 
in der Organisation des hiesigen Schulwesens nicht auf- 
kommen. Wohl war durch Patent vom 9. November 1816 
wegen Wiedereinführung der preussischen Gesetze im 
Grossherzogtum Posen 1 ) die Gültigkeit des Aligemeinen 
Landrechtes für diesen Bezirk vom 1. März 181 7 ab aus- 
gesprochen, aber deswegen ist nach Teil II Titel 12 §§ 43 
und 46 dieses Gesetzes an eine allgemeine Schulpflicht 
im heutigen Sinne nicht zu denken. Wurde doch bereits 
dem südpreussischen Departement durch Ministerialreskript 
vom 23. März 1805 eröffnet, „dass die Ausführung der 
Bestimmung des § 43" — jeder Einwohner, welcher den 
nötigen Unterricht für seine Kinder in seinem Hause nicht 
besorgen kann oder will, ist schuldig, dieselben nach zurück- 
gelegtem fünften Jahre zur Schule zu schicken — „wenn 
sie mit Strenge erfolgen wollte, für das Schulwesen nach- 
teilig sein dürfte, und dass gütliche Versuche, auch das 
Beispiel, nützlicher und zweckmässiger sein wird". Daraus 
geht hervor, dass die vorgeschriebene Schuleinrichtung 
keineswegs als Gesetz, dessen Ausführung durchaus und 
überall stattfinden musste, beobachtet wurde, vielmehr war 
es nur verbindlich für die Königlichen Domänen. Es 
bestand also kein allgemeiner Schul- oder Bildungszwang. 
Zum Beweise hierfür seien zwei Beispiele angeführt. Am 
8. Oktober 1822 erliess die hiesige Regierung folgendes 
Zirkular an die Landräte: „Es ist nunmehr die Zeit ein- 
getreten, wo der Landmann seine Kinder nicht mehr zur 
Feldarbeit braucht, und es muss jetzt mit aller Strenge 
darauf gehalten werden, dass der Schulbesuch regelmässig 
erfolgt". Noch deutlicher zeigt sich die schonende Hand- 
habung des Schulzwanges aus den Beratungen einer 
Konferenz, die der Oberpräsident Zerboni di Sposetti 
unter dem Präsidium des Statthalters Fürsten Radziwill 
am 31. Dezember 1817 über das Schul- und Kirchenwesen 
der Provinz zusammenrief. Als man hierbei die Frage 
des Schulzwanges erörterte, äusserte sich der Präsident 



l ) Preussische Gesetzsammlung 1816. 



248 Otto Konopka, 

der Bromberger Regierung, von Leipziger, dahin, dass „der 
gemeine Mann nicht Mittel genug habe, die Kinder im 
Winter zu kleiden und in die Schule zu schicken, und sie 
im Sommer notwendig zur Arbeit brauche; auch der 
Ackerbau würde leiden; zunächst müsste man den 
physischen Zustand der Leute heben". Der Oberpräsident 
erkannte zwar das Recht eines „massigen Schulzwanges" 
an, aber er hielt denselben für undurchführbar; denn 
„Geldstrafen könnten nicht eingeführt werden, da die 
Bauern nichts hätten, einsperren könnte man sie nicht, 
ohne die Wirtschaft zu schädigen, Prügel würden grausam 
und gegen die Ansichten der Regierung sein". Zieht man 
dazu noch den Mangel an Schulen in Betracht, so darf 
man sich über die grosse Anzahl der ohne jeden Unter- 
richt aufwachsenden Kinder nicht wundern. Im Jahre 
1805 besuchten nach den Angaben Jaffes 1 ) von 1267 schul- 
pflichtigen Kindern nur 500 eine Schule. Eine „genaue 
Ermittelung" vom 4. September 1835 macht über den 
Schulbesuch in der Stadt Posen folgende Angaben: 
An schulpflichtigen Kindern sind vorhanden: 

Knaben Mädchen 

a) christliche ... 2 097 1 986 

b) jüdische . . . 560 611 

Summe . . 2657 2 597 

5 2 54 
Schulpflichtige Kinder, die keine Schule besuchen: 

Knaben Mädchen 

a) christliche . . . 372 1 023 

b) jüdische . . 82 361 

Summe . . 454 1 384 

^838 
Trotz der erwähnten Zusicherung der „Genauigkeit" 
darf man diesen Angaben nicht den Wert einer Statistik 
der heutigen Zeit beimessen. Bis zum Jahre 1864 gelangte 



*) M. Jaffe, Die Stadt Posen unter preussischer Herrschaft. 
Leipzig 1909. 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 249 

man in Posen meist auf Grund von Schätzung und Be- 
rechnung zu dergleichen Resultaten. Heisst es doch in 
einer amtlichen Übersicht über das Posener Schulwesen 
vom Jahre 1843: „Erfahrungsgemäss verhält sich die 
Zahl der schulpflichtigen Kinder wie 1:8; danach sind 
die schulpflichtigen Kinder bestimmt." Bezeichnend ist 
auch das Verhalten der Regierung gegenüber einer vom 
Magistrate unter dem 17. Mai 1839 eingereichten dies- 
bezüglichen Zusammenstellung. In diesem Berichte zählte 
die Stadtverwaltung 3163 schulpflichtige Kinder, von denen 
2423 die öffentlichen und Privatschulen besuchten, 146 
Privatunterricht erhielten und 594 ohne jede Unterweisung 
aufwuchsen. Am 23. Mai äusserte sich die Regierung zu 
dieser Übersicht. Sie wies dem Magistrat auf Grund einer 
Statistik der Polizei-Direktion vom 11. Februar und 9. März 
nach, dass nicht einmal die Angabe der Anzahl der 
Klassen richtig wäre und die Zahl der schulpflichtigen 
Kinder nach jener Angabe um etwa 2000 differiere. 
Wenig schmeichelhaft für die Stadtbehörde klingt daher 
der Schlusssatz, der zugleich ein erhebendes Zeugnis der 
Fürsorge der Hohenzollern um das Schulwesen unserer 
Stadt enthält: „Der Magistrat wird sich selbst sagen, 
dass ein Bericht, wie der uns eingereichte, nicht einem 
Vortrage zu Grunde gelegt werden kann, welcher des 
Königs Majestät über die Verhältnisse des hiesigen 
städtischen Schulwesens gehalten werden soll." — Ein 
zweiter Bericht des Magistrates *) vom 15. Juni 1839 ver- 
anlasste die Regierung zu den anerkennenden Worten : 
Nach dem, wie es scheint, auf sorgfältigen Ermittelungen 
begründeten Berichte .... Hiernach gab es damals in 
der Stadt vier Königliche Schulen mit 21, 15 städtische 



!) Derselbe rechnet den Beginn des schulpflichtigen Alters 
nach dem Allgemeinen Landrecht bei christlichen Kindern vom 
vollendeten 5. Jahre, bei jüdischen Schülern nach der „Vorläufigen 
Verordnung wegen des Judenwesens im Grossherzogtum Posen 
vom 1. Juni 1833" vom 7. Lebensjahre ab. Die vorige Nachweisung 
legte durchweg das 7. Lebensjahr zu Grunde, woraus sich die Un- 
genauigkeit des Resultats einigermassen entschuldigen lässt. 



250 



Otto Konöpka. 



mit 22 und 21 Privatschulen mit 26 Klassen. Von diesen 
insgesamt 75 Klassen waren 27 als evangelische, 20 als 
katholische, 14 als simultane und 14 als jüdische Schüler- 
abteilungen zu bezeichnen. Über die Schülerzahl geben 
folgende Rubriken Auskunft: 



Evangel. 




Summe 



Anzahl der schulpflich- 
tigen Kinder .... 

Davon besuchten öffent- 
liche u. Privatschulen 

Es erhielten Privat- 
unterricht 

Ohne jeden Unterricht 
sind 



687 

53i 

28 

128 



629 

4o6 

46 

183 



892 

26 
285 



845 

437 

35 

373 



440 

393 
27 
20 



404 

275 

34 

95 



2019 

1505 
81 

433 



T878 

1118 

109 

651 



3897 

2623 

190 

1084 



Diese Zahlen sprechen deutlich genug dafür, dass 
die Behörde trotz fortgesetzter Anstrengungen nach fast 
25Jähriger Tätigkeit noch nicht imstande war, das Bildungs- 
bedürfnis auch nur annähernd zu befriedigen. Die Ele- 
mentarklassen waren, mit Ausnahme der jüdischen, mit 
durchschnittlich 90 — 100 Schülern besetzt, konnten also 
für eine weitere Einschulung nicht in Frage kommen. 
Die unhaltbaren Zustände bestanden trotz des Schul- 
zwanges noch über ein Jahrzehnt weiter. Das beweist 
folgende Äusserung der Regierung vom 26. Oktober 185 1 
an den Magistrat: Es hat bisher an aller und jeder Kon- 
trolle über den Schulbesuch gefehlt, und es daher ganz der 
Diskretion der Eltern anheim gegeben ist, ob sie ihre 
Kinder in die Schule schicken oder derselben entziehen 
wollen. Auf diese Weise hat sich die Stadt Posen auf 
einen widergesetzlichen Standpunkt gestellt. Die Folge 
davon ist die, dass notorisch eine Menge Kinder, ohne 
die Schule zu besuchen, herumlaufen und einem wüsten, 
unsittlichen Leben verfallen. Es muss die Durchführung 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 251 

der gesetzlichen Bestimmungen hier in. der Stadt Posen 
ebensogut möglich sein wie in jedem Dorfe. Die Stadt 
darf nicht länger eine Nachsicht in Anspruch nehmen, 
die jeder anderen Gemeinde versagt wird. — Es leuchtet 
ein, dass diese Verhältnisse einen überaus günstigen Nähr- 
boden für die Privatschulen bildeten, und zwar umso- 
mehr, je näher sie den Anfangsjahren der preussischen 
Verwaltung (1815) rückten. Auffallend ist bei der voran- 
gegangenen Statistik über den Schulbesuch der hohe 
Prozentsatz nichteingeschulter Mädchen. Offenbar huldigte 
man noch — besonders unter der jüdischen Bevölkerung 
— der 1805 zu Protokoll gegebenen Erklärung: „Schliesslich 
bemerken wir noch, wie wir auf die weiblichen Kinder 
deshalb noch nicht gerücksichtigt hätten, weil die Schul- 
einrichtung für diese doch nicht dringend sei" 1 ). Dass 
die Staatsbehörde unter diesen alten Vorurteilen eine 
gründliche Aufräumearbeit vornehmen würde, war voraus- 
zusehen. Stand doch an der Spitze unserer Provinz 
zunächst Zerboni di Sposetti, der 1798 im Staatsgefängnis 
der Zitadelle zu Magdeburg in seinen „Gedanken über 
das Bildungsgeschäft in Südpreussen" über die Be- 
deutung des weiblichen Geschlechts folgende Worte 
niedergeschrieben hatte: „Wo dieser feinere Teil der 
Schöpfung unter schimpflichem Drucke seufzt, wo er 
alle seine liebenswürdigen, anziehenden Schwächen 
verliert, sein angeborener zarter Sinn für Schönheit und 
Grazie erdrückt wird, da ist für Kultur und Sittlichkeit 
nichts mehr zu hoffen. Denn dasjenige Wesen, welches 
überall im Menschen die Menschheit hervorruft und den 
durch Knechtschaft und Brutalität seiner Bedürfnisse 
entadelten Menschen zu seiner Veredelung führt, ist — 
das Weib". In den unter dem Vorsitze des Ober- 
präsidenten stattfindenden Konferenzen zur Verbesserung 
des Schulwesens in der Stadt Posen wurde denn auch die 
Mädchenschulfrage aufgerollt und eingehend erörtert. Be- 

J ) Vergleiche ferner : Provinzialblätter des Grossherzogtums 
Posen, Teil II, S. 18: Von dem weiblichen Geschlechte im ehe- 
maligen Polen. 



252 Otto Konopka. 

sonders warm trat Gymnasialdirektor Kaulfuss bei der 
Konferenz für diese Angelegenheit ein. Er führte aus, 
„dass er es für unerlässlich halte, in Posen eine höhere 
Töchterschule zu organisieren, weil der Schaden unbe- 
rechenbar wäre, der daraus entstände, wenn die Töchter 
hier verbildet oder im Auslande gebildet würden." Ein 
anderes Mitglied dieser Kommission, der um das Schul- 
wesen damaliger Zeit hochverdiente Regierungsrat Reich- 
helm aus Bromberg, wies darauf hin, „dass er von der 
Notwendigkeit einer solchen Anstalt lebendig überzeugt 
sei, dass das Gesetz aber bestimme, dass höhere Töchter- 
schulen erst dann berücksichtigt und angelegt werden 
sollen, wenn das ganze Schulwesen vollkommen ein- 
gerichtet sein würde." Von anderer Seite wurde der Ge- 
danke angeregt, solche Schulanstalten mit Pensionaten zu 
verbinden, weil sie sonst keinen Zuspruch finden würden. 
Das Resultat der Beratung ist in folgendem Beschlüsse 
niedergelegt: „Wenngleich nicht zu verkennen ist, dass 
die Einrichtung einer solchen Schule vielleicht verhüten 
möchte, dass der Adel seine aufwachsenden Töchter aus- 
ländischen Anstalten dieser Art anvertraue, so ist doch zu 
erwägen, dass die Stadt nach vollständiger Einrichtung 
des Elementar- und Stadtschulwesens schwerlich die 
Kräfte, nicht einmal die Verpflichtung, zur Anlage einer 
höheren Töchterschule haben dürfte, sodann würde die 
Schule den oben angedeuteten Zweck auch nur durch die 
engste Verbindung mit einer umfassenden und kost- 
spieligen Pensionsanstalt erreichen können. Es erscheint 
daher weit besser, ein Institut dieser Art dem Privat- 
unternehmen zu überlassen, dieses jedoch von Seiten des 
Staates zu unterstützen, um die aufwachsende weibliche 
Jugend höherer Stände durchaus im Lande zu behalten." 
In diesem Sinne wurde denn auch, wie später dargelegt 
werden soll, die Mädchenerziehung gehandhabt, und zwar 
Hess unsere Regierung die von der Warschauer Er- 
ziehungsdirektion hierüber erlassenen Vorschriften in Kraft, 
ja, sie verpflichtete jede neue Schulvorsteherin in den 
ersten Jahren der neupreussischen Zeit ausdrücklich auf 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 253 

das „Warschauer Erziehungsreglement für Frauenzimmer" 
vom Jahre 1810 1 ). 

Eine zweite Schwierigkeit bei der Organisation der 
öffentlichen Schulen unserer Stadt und damit ein 
förderndes Moment für die Entwickelung des Privatschul- 
wesens bildeten die wenig erfolgreichen Bemühungen 
um die Ausmittelung der notwendigen Fonds zur Errichtung 
und Erhaltung von öffentlichen Schulanstalten. „An Schul- 
fonds stand der Stadt nur eine dem Anscheine nach 
überdies verjährte Forderung von 166 Talern zur Ver- 
fügung" sagt Jaffe a.a.O. Seite 122. — Die in südpreussischer 
Zeit für jede der drei Schulen zu St. Maria Magdalena, 
St. Adalbert und St. Martin aus dem Schulfonds aus- 
geworfenen 80 Taler wurden bei der endgültigen Einver- 
leibung Posens wieder in den Etat eingestellt, aber bis 
zum Jahre 1819, da die Schulen zu St. Martin und 
St. Adalbert noch nicht existierten, als erspart verrechnet. 
Im Jahre 18 18 hatte die Regierung die Bildung eines Orts- 
schuivorstandes verfügt, der sich aus zwei katholischen, 

x ) Leider sind die Bestimmungen desselben nicht bekannt; 
doch befindet sich unter den noch ungeordneten und daher auch 
noch unzugänglichen Schriften einer der Raczynski-Bibliothek in 
letzter Zeit überwiesenen umfangreichen Schenkung ein Exemplar 
dieses „Regulament pensyi usw." Jedenfalls darf vermutet werden, 
dass dieses Reglement seine Bestimmungen im Geiste der ersten 
Edukationskommission und der südpreussischen Regierung getroffen 
hatte, welche bereits die Errichtung von Industrieschulen forderten, 
in denen die Lehrerinnen „in allen Weiberarbeiten, als: Nähen, 
Flachsspinnen, Waschen, Butter- und Käsemachen Unterricht erteilen 
sollten." Auch hatte die Edukationsdirektion bereits 1808 (Ver- 
ordnung vom 16. Oktober) eine Inspektion für die Mädchenschulen 
festgesetzt, welche aus Damen bestehen sollte : Es waren auch zu 
dem Ende mehrere Personen von der Edukationsdirektion ernannt; 
sie versammelten sich aber nur einmal und unterliessen später die 
Erfüllung der ihnen auferlegten Pflichten, welche darin bestanden, 

1. die Schulanstalten öfters zu besuchen und über Schülerinnen und 
Lehrerinnen der Erziehungsdirektion Bemerkungen zu überreichen, 

2. den halbjährlichen Prüfungen beizuwohnen und über den Zustand 
zu berichten mit Beifügung von Verbesserungsvorschlägen, 3. über 
Personen, die neue Schulanstalten zu etablieren wünschten, zu be- 
richten und sich über ihre Fähigkeiten gutachtlich zu äussern. 



254 Otto Konopka. 

zwei evangelischen Geistlichen, dem Polizeidirektor (zu- 
gleich Bürgermeister) und zwei hierfür qualifizierten Bürgern 
zusammensetzen sollte. Aus demselben entwickelte sich 
die spätere Schulkommission, der vornehmlich die Aus- 
mittelung der etwaigen Schulfonds übertragen war. Als 
sich aus den Schulakten der Pfarrkirche herausstellte, 
dass ein Überschuss von 400 Talern als Bestand zur Schul- 
kasse geschlagen war, schrieb die Regierung unter dem 
12. Juli 1818: Ein weit heiligererer und nötigererer Zweck der 
Benutzung drängt sich auf : es ist die Benutzung der Fonds 
zur besseren Organisation der Stadtschulen. — Bei dem 
Mangel an nötigen Geldmitteln schritt man bei den vor- 
handenen öffentlichen Schulen zur Erhebung eines Schul- 
geldes, zumal bei den Beratungen hierüber die Ansicht laut 
wurde, dass die Schule bei dem gemeinen Manne nur 
dann etwas gelte, wenn sie ihm etwas koste. Diese Mass- 
nahme musste gleichfalls zur Förderung des Privatschul- 
wesens beitragen. Hier wurde zwar auch ein mehr oder 
minder hohes Schulgeld verlangt, dafür bot aber die 
geringe Klassenfrequenz auch den Vorteil einer indi- 
viduellen Behandlung der Zöglinge. So verlangsamten 
sogar, neben den dargelegten Hindernissen, die 
Privatschulen die Entfaltung der öffentlichen Elementar- 
schulen, auf deren Ausbau in den ersten Jahren allerdings 
auch weniger Energie verwandt wurde als auf die Organi- 
sation des Gymnasiums und der Bürgerschule, sodass der 
Finanzminister einige Jahre später bei Bewilligung des 
Schulfonds schrieb : „Ich vermag mein Bedauern darüber 
nicht zu unterdrücken, dass zunächst mit denjenigen 
Massnahmen der Anfang gemacht werden soll, welche die 
Gymnasien betreffen, während das Elementarschulwesen 
dort so sehr im argen liegt. Diese Schulen sind so unter 
aller Kritik erbärmlich, dass man schwerlich darin ein 
Land erkennen kann, welches einer Regierung angehört, 
die in den anderen Provinzen so vieles geleistet". Und 
doch mühte sich die Regierung redlich um die Förderung 
des Elementarschulwesens. Unter dem Vorsitze des Ober- 
präsidenten Zerboni di Sposetti fanden im Jahre 1819 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 255 

neben den Konferenzen über den Entwurf eines all- 
gemeinen Schulgesetzes auch solche über die Einrichtung 
des Schulwesens in der Stadt Posen statt. Aus den Be- 
richten über die 12. und 13. Konferenz könnte man zu der 
Annahme verleitet werden, dass bei der endgültigen Ein- 
verleibung Posens in unserer Stadt sieben Elementarschulen 
vorhanden waren. Diese Meinung vertritt auch Jaffe a. a. 
O. Seite 122. Von denselben sieben Schulen berichten 
ferner Beck und Lehmann in der „Kurzen Geschichte der 
Entwickelung des mittleren und niederen Schulwesens der 
Stadt Posen." (Aus der Festschrift zur 25 jährigen Jubel- 
feier des Bestehens des Posener Provinzial-Lehrervereins). 
Allerdings wird hier die vorsichtige Zeitbestimmung „zu 
Anfang des Jahrhunderts" angewandt. Die Quelle dieser 
Darlegungen bildet vielleicht die von Direktor Wolfram (vom 
späteren Mariengymnasium) der Einladung zur öffentlichen 
Prüfung 1808 beigegebene: Kurze Nachricht von einer be- 
absichtigten Verbesserung des Schulwesens in Posen 1 ). Da 
die Konkurrenzfrage für das Privatschulwesen von grosser 
Bedeutung ist, muss auf diesen Punkt kurz eingegangen 
werden. Die damals mit dem geistlichen Seminar ver- 
bundene Schule, welche Knaben zum geistlichen Berufe 
vorbereiten sollte, ist bei dieser Frage vollständig auszu- 
scheiden, desgleichen das Mariengymnasium. Dagegen 
bestand eine einklassige Normalschule am Hauptschul- 
lehrerseminar (Grundstück der heutigen Taubstummen- 
Anstalt), die zweiklassige Bürgerschule auf dem Graben, 
die mit dem Eintritte des Rektors Friedrich 1819 wieder 
die Rektorklasse aufsetzte, und die Elementarschule an 

l ) Vgl. ferner : 

G. D. Frost, jetzige neue Einrichtung der evangelischen Schule 
Augsburg. Konfession zu Posen. 1793 bei Presser. 

Czwalina, von den Schulen im ehemaligen Polen, namentlich im 
Posenschen. (Programm des Mariengymnasiums 1825). 

Schönborn, Zum 100 jährigen Jubiläum der evangelischen Kreuzkirche 
in Posen 1886. 

Provinzialblätter für das Grossherzogtum Posen 1846. Seite 39 bis 48. 

Wertvolles Material zur Posener Schulgeschichte findet sich ausserdem 
bei Kronthal, Beiträge zur Geschichte der Posener Denkmäler und 
des künstlerischen und geistigen Lebens in Posen. (Aus: Die 
Residenzstadt Posen und ihre Verwaltung. Posen 191 1). 






256 Otto Konopka. 

der Pfarrkirche. Das zu St. Martin und St. Adalbert 
keine Schulen existierten, ist bereits gelegentlich der 
Ausmittelung des Fonds erwähnt worden. Zur völligen 
Sicherstellung dieser mit dem angeführten 12. und 13. Kon- 
ferenzberichte anscheinend nicht übereinstimmenden Tat- 
sache seien einige weitere Beweise aus einem noch im 
Besitze der hiesigen Königlichen Regierung vorhandenen 
Aktenstücke beigefügt. In Nummer 27 des Amtsblattes 
1819 wurde eine Regierungsverfügung vom 12. Juni 1818 
wegen Einreichung des tabellarischen Berichtes über die 
städtischen Schulen zur Kenntnis gebracht. In der Be- 
antwortung vom 15. Oktober 1819 durch den Dekan 
Liskowski des Posener Kirchenkreises wird ausdrücklich 
hervorgehoben, dass „nach den vorliegenden Spezial- 
berichten nur eine, dazu noch unorganisierte, Elementar- 
schule *) im hiesigen Kirchenkreise, nämlich zu St. Mariam 
Magdalenam sich befindet, in welcher durch den Lehrer 
Johann Kaminski 120 Knaben und 60 Mädchen aus allen 
Stadtteilen unterrichtet werden." Wichtige Einzelheiten 
zu diesem Kapitel liefern auch die einem Gesamtberichte 
vom 23. Februar 1820 zugrunde liegenden in polnischer 
Sprache abgefassten Spezialberichte der hiesigen Geist- 
lichen der einzelnen Parochien. Nach denselben bestand 
in der Parochie St. Adalbert nur bis zum Jahre 1809 
eine Schule (die auch Rogalinski in dem Revisionsberichte 
von 1781 erwähnt) im Hause des Geistlichen Antonius 
Weiss; dann unterrichtete der Organist die Kinder in 
einem dem Kloster gehörigen Hause Karmeliterplatz 29, 
bis dieses vom Fiskus für jährlich 15 Taler an den Inva- 
liden Koster vermietet wurde. Der Propst Jan Koperski 
von St. Martin äusserte sich zwar dahin, dass in seiner 
Parochie „nach Befragen der ältesten Leute" niemals eine 
Schule bestanden hätte, aber dieser Behauptung steht der 
Revisionsbericht Rogalinskis vom Jahre 1779 2 ) gegenüber, 

x ) Die Organisation erfolgte im Sommer 1820. Im April 182 1 
wurde der Lehrer Thilisch mit der Einrichtung einer öffent- 
lichen Schule in einem auf St. Martin gemieteten Lokale beauftragt. 

2 ) Nach Rogalinskis Berichten vom Jahre 1779 gab es auch bei 
der bis zum Anfange des vorigen Jahrhunderts bestehenden Kirche 
St. Nicolaus und bei der Johanniterkirche (Kommenderie) eine Schule. 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 257 

nach welchem der Kantor der Kirche die Kinder lehrte. 
Über die Schule von St. Margareten (auf der Schrodka) 
macht der Spezialbericht die Angabe, dass sich zwei alte 
Männer der Schule entsinnen, die sich in einem massiven 
Hause gegenüber der Kirche befand. Ein von einem 
russischen Soldaten angelegter Brand äscherte sie ein. 
Rogalinski wusste von dieser Schule sogar von drei ver- 
liehenen Kapitalien zu berichten, von denen das höchste 
auf einer Heringsbude des Hieronymus Kryger lastete. 
Alle diese Parochialschulen waren — mit Ausnahme der 
Elementarschule an der Pfarrkirche — bis zum Jahre 1815 
eingegangen. Die bisherigen Erörterungen beweisen also, 
dass die öffentlichen Unterrichtsanstalten damaliger Zeit 
den Privatschulen gegenüber auch inbezug auf ihre An- 
zahl in keinen Wettbewerb eintreten konnten. 

Endlich sei noch auf ein grosses Hemmnis bei der 
Organisation der Schulen hingewiesen, das sich aber in 
gleichem Masse bei den öffentlichen und den privaten 
Anstalten geltend machte. Es ist der Mangel an geeig- 
neten Lehrkräften. Das schon erwähnte Posener Haupt- 
schullehrer-Seminar — später kam Bromberg (1819) und 
Paradies (1836) hinzu — bildete in der Anfangszeit alle 
drei Jahre nur zwölf Lehrer aus. Die weitaus grösste 
Zahl der Lehrpersonen rekrutierte sich also aus Be- 
werbern und Bewerberinnen, die sich nach privater Vor- 
bereitung einer Prüfung, anfangs bei den Geistlichen, 
später bei dem Hauptschullehrer - Seminar, zu unter- 
ziehen hatten x ). Dass bei dem Mangel an „geeigneten 
Subjekten" in diesen Prüfungen mehr als ein Auge zu- 



!) Regierungsäusserung aus dem Jahre 1821 : Übrigens dürfen 
diejenigen Personen männlichen und weiblichen Geschlechtes, welche 
sich mit dem Elementarunterrichte hierselbst seither befasst haben, 
bei der neueinzuführenden Ordnung der Dinge keineswegs un- 
berücksichtigt bleiben. Von den Individuen, welche sich prüfen zu 
lassen bereit gefunden werden und die zu diesem Zwecke dem 
Rektor des hiesigen Schullehrer-Seminars Gruszczynski und dessen 
Ehegattin (es wird also auch an eine Prüfung für die sogenannten 
„Industrie"- oder Handarbeitslehrerinnen gedacht, d. V.) zu über- 
weisen sind, wollen wir ein Verzeichnis erwarten. 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XXVI. 17 



258 Otto Konopka. 

gedrückt wurde, ist erklärlich. Bei dem Lesen mancher 
Examensprotokolle und Berichte kann man sich des trau- 
rigen Gedankens nicht erwehren, dass das Dargebotene 
ebensogut die Spalten eines Witzblattes der heutigen 
Zeit füllen könnte. Einige regellos aneinandergereihte 
Beispiele seien angeführt. Am 24. September 1824 
richtete eine seit 1804 hier amtierende „Schul Vorsteherin" 
Marianne B., deren Mann Privatlehrer bei Grätz war, an 
den hiesigen Magistrat folgende Bitte um Anstellung als 
Industrielehrerin bei einer Elementarschule: „Ich Maryanne 
B. biete ich recht sehr, sie werden die Güte auf mich 
haben, dah ich schon schuhle führe an 10 Jahre x ) und 
habe in mahn (soll heissen: einen Mann), der nicht im 
schtande ist, mir unterhalt zu geben . . ., und ich bin hier 
in Posen gebirtig und habe Unterricht gegeben in weib- 
licher Arbeit, dass ist im schticken, weisse neterei, lesen 
deutsch und polnisch . . und rechnen bis multiplikatio, 
und wenn sie wollten die gute haben, ihm (sie meint 
ihren Mann) annehm als Schullehrer in die lehre, aber bis 
jetzt kann er sich noch nicht geben, weil er noch hat 
grosse bedürfnisse". 

Einen ungleich höheren Bildungsgrad, aber auch zu- 
gleich einen komisch wirkenden Hang zur Phrasenhaftig- 
keit, beweist der Anfangssatz aus der Meldung einer 
„höheren" Lehrerin: „Ob ich gleich in Bentschen geboren 
bin, so war ich doch anderweitig beflissen, mich in der 
Kenntnis der englischen und französischen Sprache fort- 
zubilden". Einer anderen bereits tätigen Lehrerin stellte 
der damalige Stadtdirektor Czarnowski am 16. September 
1818 das Zeugnis aus, „dass sie sich ihrer Moralität und 
Bildung nach zur Elementars chül er in eignet." Der 
Ausdruck ist vielleicht ein Schreibfehler des Stadtober- 
hauptes, jedenfalls aber kein Fehler in der objektiven 
Beurteilung der damaligen tatsächlichen Verhältnisse. 
Ein Seminarist sollte im Jahre 1820 nach einem Berichte 



!) Sie erwähnt nur ihre Wirksamkeit unter preussischer 
Herrschaft. 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 259 

der städtischen Schulbehörde mit einem angestellten 
Lehrer im Unterrichten wechseln, damit „alle Kinder 
guten und schlechten Unterricht bekommen, da der Lehrer 
nicht eben mit grossen Vorzügen begäbet ist." Ein 
anderer Privatlehrer machte bei der Aufnahme seiner 
Personalien die sehr bezeichnende Angabe: „Das Jahr 
meiner Geburt weiss ich nicht genau anzugeben, schätze 
mich aber 54 Jahre alt" Als der Vorsteher einer 
Privatschule im Jahre 1834 Posen verliess, übernahm sein 
Institut sein bisheriger „Kollege" — ein Regenschirm- 
fabrikant. Ähnlich dachte der Absender einer Bittschrift 
vom 22. November 1839 über den Erzieherberuf. Er 
schrieb : „Nachdem ich mich bisher als Hilfsschreiber bei 
mehreren Personen hierselbst erhalten habe, jedoch jetzt 
die Unmöglichkeit einsehe, mein ferneres Fortkommen 
dadurch zu begründen, so habe ich den Entschluss ge- 
fasst, Unterricht zu erteilen". Gelehrter, aber kaum 
überzeugender, wirkt folgende Begründung für den Ein- 
tritt in den Lehrerberuf: „Bei herangenahtem männlichem 
Alter und bei meinen sich vermehrenden Bedürfnissen 
wünsche ich selbständig aufzutreten". Im Jahre 1854 
bat eine andere Lehrperson um einen Konsens zur Er- 
richtung einer Privatschule, „wenngleich auch das Prü- 
fungszeugnis nicht in Vollkommenheit geformet ist" Ent- 
schuldigend wurde bei dieser, übrigens erfolgreichen, Ein- 
gabe hinzugefügt: „Ich tue es auch nur, um einen kleinen 
Erwerb zu haben". Tragische Komik spricht aus einem 
Gesuche an den Oberpräsidenten Flottwell, in welchem 
der Bittsteller schon das Vorhandensein von Not und 
Elend als Befähigungsnachweis für den Lehrerberuf an- 
zusehen schien: „Viele, ach viele Jahre war ich jüdischer 
Religionslehrer; schon manche Jahre aber bin ich seitens 
der Behörde von diesem besagten Geschäfte gestört 
worden. Ich bin ein trauriger Vater und habe kein 
anderes Geschäft in Vorsatz, meine zahlreiche Familie 
ernähren zu können. Ich bitte, auch mir gnädigst den 
Strahl der Begünstigung aufglänzen lassen zu wollen". 
Ein anderer Schulvorsteher der neupreussischen Zeit hob 

17* 



2ÖO Otto Konopka. 

rühmend seine Fertigkeit im Rechnen bis „an die ge- 
brochenen Zahlen" hervor. Selbstbewußtsein spricht 
auch aus den Worten eines jüngeren Pädagogen: „Meine 
Hauptstärke ist die Mathematik. Meine Kenntnisse hierin 
reichen bis an die Parallelogramme. Von der deutschen 
Sprache habe ich die Etymologie inne. Soweit reichen 
meine Kenntnisse". Entgegengesetzte Gefühle verrät 
der Anfangssatz aus dem Lebenslaufe eines bereits lange 
Jahre im Amte befindlichen Bewerbers: „Ich werfe mich 
im Staube vor der Hohen Königlichen Regierung und 
bitte mit Zähren untertänigst um Gewährung meines 
heissesten Wunsches". In der Prüfung in Naturkunde 
teilte er die Naturerscheinungen in feurige, wässerige und 
glänzende ein, zeigte sich aber auch in diesem Fache als 
etwas ängstliche Natur; denn er gab als wichtigstes 
Gesetz über die feurigen Naturerscheinungen den Satz 
an: „Man öffne beim Donnerschlage die Tür, damit man 
nicht ersticke, wenn der Blitz in das Zimmer fährt". 
Über den Vorsteher einer Privatschule, die yon 25 Kindern 
besucht wurde, urteilte ein Revisionsbericht: „Er spricht 
weder deutsch noch polnisch und hat keine Kenntnisse". 
Auf die sonderbarste Weise suchte wohl der Inhaber 
einer kleinen Privatschule auf der Judengasse den Beweis 
seiner Brauchbarkeit als Schulvorsteher zu erbringen. 
Statt der Zeugnisse über seine Fähigkeiten legte er der 
Schulbehörde ein seiner Meinung nach viel zugkräftigeres 
Lockmittel vor, indem er berichtete: „Ich bin verlobt. 
Meine Braut versteht viel in der weiblichen Arbeit und 
auch die Kunst, sie zu erteilen". Endlich mögen hier 
noch einige Angaben aus den Berichten des Konsistorial- 
rates Jacob über den Verlauf einer Schulvorsteherinnen- 
prüfung jener Zeit einen Platz finden: „Ich fragte sie, wie 
sie die Kinder lesen zu lehren pflege, und sie sagte: nach 
der alten Art. Ich Hess sie darauf selbst lesen und fand 
mich ganz befriedigt. Sie sagte, dass sie das Rechnen 
nach der langen Art zu lehren pflege. Die Wahr- 
heit dieser Angabe ist durch das Beispiel zur Genüge 
bewiesen. (Zur Ausrechnung des Preises eines Schockes 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 2ÖT 

aus dem Preise eines Stückes brauchte sie 15 aus einander 
gefolgerte Rechenreihen)! Nur gestehe ich, erschienen 
mir ihre Aufsätze beinahe gelehrter als ihre Verfasserin. 
(Ein Satz aus ihrer schriftlichen Arbeit lautete z.B.: Im 
Süden lässt die Vorsehung saftreiche Citronen, Wein und 
Apfelsinen wachsen zur Equickung der Menschen und 
im Norden viel Holz und Tiere mit Pelzen, um sie zu 
wärmen.) Übrigens wurden ihre Kenntnisse als ausreichend 
erachtet." — Die bisherigen Beispiele, deren Zahl mit leichter 
Mühe zu vermehren ist, werfen ein grelles Streiflicht auf 
ein trübes Bild aus dem Erziehungswesen früherer Zeiten. 
Dabei muss noch hervorgehoben werden, dass keineswegs 
vorwiegend Ausnahmefälle herangezogen worden sind. 
Wohl traf die Behörde ihre Auswahl für die öffentlichen 
Schulen nur unter den besseren Elementen des Erzieher- 
standes, doch verblieb zum Glück manche bewährte Kraft 
auch im Privatschuldienste; denn die Anstellung im öffent- 
lichen Schuldienste bot in den Jahren von 1815 — 1823 
kaum einen anderen Vorteil, als die Hoffnung auf bessere 
Zeiten. Die von der Behörde angestellten Lehrer waren, 
wie die privaten, nur auf das Schulgeld angewiesen 1 ). 
Erst im Jahre 1821 berichtet die Regierung von einer 
Zuwendung von je 10 Talern für die zwei Lehrer und die 
Industrielehrerin der Pfarrschule. Am 6. April 1823 kamen 
dieselben Lehrer um Festsetzung ihres Gehaltes ein, da 
sie noch immer das Schulgeld als einzige Einnahmequelle 
hatten. Schliesslich wurde ihre Lage beklagenswerter als 
die der Privatschullehrer, weil Thilisch auf St. Martin vom 
1. Februar 1823, Graffstein, Kaminski und die Industrie- 
lehrerin Michalina Söllner vom i.Juli ab Freischule halten 
mussten, „da in der Bürgerschaft die Meinung verbreitet 



\) Bei dieser materiellen Lage der Lehrer hatte die Anstellung im 
öffentlichen Schuldienste bei den Seminaristen des hiesigen Haupt- 
lehrerseminars so wenig Zugkraft, dass die jungen Leute — nach 
einem Berichte der Behörde — ihre Ausbildungszeit möglichst lange 
hinauszuschieben suchten, da sie sich als Schüler „besser standen." 
Ausser freier Wohnung und Kost erhielten sie jährlich 5 Taler zu 
Schreibmaterialien und 30 Taler zu Kleidern. 



262 Otto Konopka. 

war, dass die fixierten Gehaltssätze wirklich gezahlt wurden.'* 
Diese letzte Massnahme bedeutete natürlich für die Privat- 
schulen einen harten Schlag. Die bisherigen Privatschüler 
aus den ärmeren christlichen Volksklassen strömten den 
Freischulen zu und die dadurch betroffenen Schulvorsteher 
und Schulvorsteherinnen baten um Anstellung im öffent- 
lichen Schuldienste, besonders, da durch Genehmigung 
des Mahl- und Schlachtsteuerzuschlages im Jahre 1822 und 
durch Ministerialreskript vom 7. Dezember 1823 die ver- 
mehrte Einrichtung und Unterhaltung von kommunalen 
Freischulen gesichert war. 

Mit der Vermehrung der öffentlichen Schulen ging 
natürlich eine verschärfte Überwachung der Privatschulen 
und eine grössere Strenge in der Erteilung des Befähi- 
gungsnachweises für den Erzieherberuf Hand in Hand. 
Leider kann wegen Platzmangels auf die gesetzlichen 
Grundlagen des Privatschulwesens nicht eingegangen 
werden 1 ). Aus lokalem Interresse sei es jedoch erlaubt,, 
nebenher auf einen ergötzlichen Zug gemütlicher Harm- 
losigkeit inbezug auf die Auswahl unserer städtischen 
Schulaufsichtsbeamten in früherer Zeit hinzuweisen. Die 
von Jaffe Seite 273 Anm. 1 in den Jahren 1858— 1867 
erwähnten besoldeten Stadtschulräte hatten bereits zwei 
Vorläufer. Als die städtische höhere Bürgerschule auf 
der heutigen Schulstrasse (die Reidsche), die ihrem Zwecke 
durchaus nicht entsprach, aufgelöst wurde, war man wegen 
des Unterbringens zweier Lehrer in grosser Verlegenheit. 



J ) Vergleiche' hierzu : 
v. Bremen, a. a. O. ; 
Franke, Verordnungen betreffend das Volksschulwesen im Reg.- 

Bezirk Posen. 2. Aufig. von Hassenpflug 1905.; 
Preussische Gesetzsammlung ; 
Warschauer, Die Erziehung der Juden in der Provinz Posen durch 

das Elementarschulwesen. (Aus: Zeitschrift für die Geschichte 

der Juden in Deutschland. Bd. III, 1889); 

Als Tendenzschrift sei ausserdem genannt: 
Gyssling, Die Regelung des Privatschulwesens in Preussen auf 

gesetzlicher Grundlage. (Zeitschrift „Frauenbildung" X. Jahrgang 

191 1. Heft 2). 






Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 263 

.„Für die zu gründende Realschule kamen sie nicht in 
Frage, an die Volksschulen konnte man sie nicht gut ver- 
netzen, der Pensionierung setzten sie Widerstand entgegen, 
da sie sich noch kräftig genug fühlten." Man musste 
ihnen also ohne jedes Amt das volle Gehalt belassen. 
Da kam der Referent einer Denkschrift vom 10. März 1848 
auf den wirtschaftlich praktischen Gedanken: Ein ange- 
messener Wirkungskreis dürfte sich für beide Männer 
darbieten, wenn sie unter den Auspizien des betreffenden 
Magistratsmitgliedes als städtische Schulinspektoren be- 
schäftigt würden. — Und so geschah es. Am 30. Juni 
1848 erhielten die Herren eine Instruktion über ihre Be- 
fugnisse, die den ihr neues Amt redlich verwaltenden 
Männern vornehmlich folgende recht zweckdienliche Be- 
stimmung einschärfte: „Überhaupt werden die Herren In- 
spektoren auf alles das besonders acht zu geben haben, 
was gesetzlich zur äusseren Ordnung jeder Anstalt wesentlich 
erfordert wird. Auf die Art und Weise, wie der Unter- 
richt erteilt wird, erstreckt sich der Auftrag nicht. Es 
wird dem Magistrat aber angenehm sein, pädagogische 
Mitteilungen in dieser Hinsicht zu erhalten". 

Die bisherigen allgemeinen Darlegungen suchten den 
Beweis zu erbringen, dass in den ersten Jahren der preussi- 
schen Herrschaft die Privatschulen Posens, trotz ihrer oft 
mehr als mangelhaften Organisation, bei dem fast gänzlichen 
Fehlen öffentlicher Unterrichtsanstalten einem tiefgefühlten 
Bedürfnis Rechnung zu tragen hatten. Die besonders seit 
dieser besprochenen Zeit einsetzende Erstarkung und 
Vermehrung der Kommunalschulen und die 1829/30 erfolgte 
Reorganisation des Judenschulwesens verschoben fortab 
den Schwerpunkt der Erziehungsarbeit in der Stadt Posen 
wesentlich zu gunsten der öffentlichen Unterrichtsanstalten, 
so dass die weitere Darstellung sich auf die spezielle 
Geschichte der einzelnen Privatinstitute beschränken darf. 
Dabei ist erklärlich, dass wegen der herrschenden Stellung 
des hiesigen Privatschulwesens im ersten Jahrzehnt nach 
1815 diese Periode auch eingehend besprochen werden 
muss, während die weiteren Schicksale der Privatanstalten 



264 Otto Konopka. 

umsomehr in Form einer Übersicht angedeutet werden 
dürfen, als sie seit jener Zeit einen ruhigen, auf gesetz- 
licher Grundlage 1 ) fussenden Entwickelungsgang zeigen. 
Dazu liegen über die Geschichte einer Anzahl einander 
ablösender und beeinflussender Institute bereits 2 ausführ- 
liche Arbeiten des Verfassers vor 2 ). Endlich sollen stark 
abweichende Sonderrichtungen und Bestrebungen im Privat- 
schulwesen (Judenschulen, Kongregationsschulen) in einem 
besonderen Abschnitte dieser Arbeit erörtert werden. 

Zunächst handelt es sich um die Feststellung der 
Zahl und Bedeutung der in den ersten Jahren der preussi- 
schen Herrschaft vorhandenen Privatschulen. Eine Ein- 
teilung in höhere und niedere, in Knaben- und Mädchen- 
schulen ist in dieser Zeit, in der nicht der Zweck, sondern 
die Rentabilität die jeweilige Organisation bestimmte, nicht 
durchweg durchführbar. Eine scharfe Grenze lässt sich 
nur zwischen christlichen und jüdischen Unterrichts- 
instituten ziehen. Dergewissenermassen führendenMädchen- 
schule jener Zeit stand der spätere Gymnasialdirektor 
Kaulfuss vor, der bereits in der Zeit des Herzogtums 
Warschau auf Anordnung der Erziehungsdirektion das 
Schulwesen in Bojanowo organisiert und dort zugleich eine 
Mädchenschule ins Leben gerufen hatte. Am 11. März 1813 
erschien in Nr. 22 der Posener Zeitung die Bekannt- 
machung: Posen hat bis jetzt noch keine Töchterschule. 
Künftige Ostern wird nach einem von mir ausgearbeiteten 
und von einer erlauchten Erziehungsdirektion in Warschau 
genehmigten und bestätigten Plane hier in Posen eine 
Töchterschule unter meiner Leitung eröffnet. — Dieses 
Institut umfasste drei Klassen und vermittelte eine viel- 
seitige Bildung. Als Unterrichtsfächer wurden aufgeführt: 
Polnisch, Deutsch, Französisch, Italienisch, Rechnen, Schön- 



!) Ministerialinstruktion vom 31. Dezember 1839. (Auf Grund 
der Kabinetsorder vom 10. Juni 3834.) 

2 ) Konopka, Geschichte der Königlichen Luisenstiftung zu 
Posen. Posen (Ebbecke) 1910. 

Konopka, Geschichte der Wegenerschen Höheren Mädchen- 
schule Posen- Wilda. Lissa (Eulitz) 191 1. 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit i8r5. 265 

schreiben, Geschichte, Geographie, Naturgeschichte, Moral, 
Geschmackslehre, Religion, Zeichnen, Malen, Stricken, 
Nähen, Putz- und Kleidermachen. Die Anstalt genoss 
einen guten Ruf. In Nr. 89 der Posener Zeitung vom 
4. November 1815 findet sich folgende Notiz: Heute vor- 
mittags fand in der hiesigen Töchterschule des Dr. Kaulfuss 
die öffentliche Prüfung statt; sie war um so feierlicher, 
da ausser einer grossen Zahl geehrter Zuschauer auch 
Ihre Königliche Hoheit, die Prinzessin Luise von Preussen, 
mit den beiden ältesten Prinzessinnen-Töchtern nebst 
Ihrem Durchlauchtigstem Gemahle derselben beizuwohnen 
geruhten. — Weiterhin wird von einer Anrede in Versen 
durch eins der „Fräuleins" berichtet, von Deklamationen, 
Aufführungen, von Besichtigung der Proben im Schreiben, 
Zeichnen, Handarbeiten u. dergl. Diese öffentlichen 
Prüfungen, die zu jener Zeit an allen Schulen gestattet, 
ja geboten, waren, arteten in manchen Privatanstalten 
geradezu zu öffentlichen Schaustellungen aus, durch welche 
die Veranstalter die öffentliche Meinung und die günstigsten 
Bedingungen im Daseins- und Konkurrenzkampfe für sich 
zu gewinnen suchten. Dabei heiligte oft der Zweck die 
Mittel und führte zu verderblichen Geschmacksverirrungen, 
wie denn z. B. ein Schulvorsteher in der Aufführung der 
Räuberhauptmannstaten Rinaldo Rinaldinis einen „Schlager" 
ersten Ranges für seinen Wettbewerb gefunden zu haben 
meinte, bis ihm die Behörde das Geschäft legte. Eine 
Verfügung vom März 1822 suchte die Angelegenheit der 
öffentlichen Prüfungen zu regeln; sie setzte fest: „Ob die 
Schulvorsteher von den Fortschritten ihrer Scholaren 
durch öffentliche oder bloss in Gegenwart der Eltern zu 
veranstaltende Schulprüfungen Rechenschaft ablegen wollen, 
hängt lediglich von ihnen ab; auch können die in einigen 
Privattöchterschulen üblichen jährlichen Ausstellungen der 
Beweise von der Kunstfertigkeit der Schülerinnen, in- 
sonderheit, wenn die Arbeiten zugleich auch den Stempel 
-der Nützlichkeit tragen, unbehindert stattfinden. Die in 
einigen Privattöchterschulen bei Gelegenheit der öffent- 
lichen Prüfungen üblichen Deklamierübungen der Schule- 



266 Otto Konopka. 

rinnen müssen dagegen gänzlich unterbleiben. Ebenso- 
wenig geziemt es sich, dass dieselben bei erwähnten 
Gelegenheiten ihre im Tanzen erlangte Fertigkeit zeigen, 
wie denn überhaupt Kinderbälle weder bei Gelegenheit der 
Schulfeierlichkeiten noch sonst in Privatschulen veranstaltet 
werden dürfen". Zu weiteren öffentlichen Prüfungen 
kam es in der Kaulfussschen Schule nicht, da sie wahr- 
scheinlich bald nach der Übernahme des Gymnasial- 
direktorates durch Kaulfuss einging. Es war dies um so 
bedauerlicher, als an der Schule fast durchweg namhafte 
Pädagogen des hiesigen Gymnasiums, neun an der Zahl,, 
die Lehrtätigkeit ausübten. Die Beaufsichtigung und An- 
leitung der 50 jungen Mädchen führten zwei Gouvernanten. 
Die Voraussetzung, dass eine im Sinne der Regierung 
geleitete weibliche Erziehungsanstalt, die das Vertrauen 
des inländischen Publikums in weitestem Masse besass, 
der Behörde nicht gleichgültig sein konnte, veranlasste 
Kaulfuss am 14. November 1815 zu einem Vorschlage an 
die hiesige Behörde. Er wollte das Zieglersche Haus auf 
der Fischerei 98 als eigenes Heim für seine Erziehungs- 
anstalt ankaufen. Zu diesem Zwecke bat er um ein zins- 
freies Darlehen von 8000 Talern auf 20 Jahre. Als Gegen- 
dienst schlug er die kostenfreie Ausbildung von je drei 
„Fräuleins" aus dem Adel und dem Bürgerstande vor. 
Die offenbar ablehnende Haltung der Regierung bildete 
dann jedenfalls die Ursache zur Auflösung des kostspieligen 
Instituts. Auf den Wunsch der Behörden schien es aber 
noch einmal zu neuem Leben erwachen zu wollen. Am 
12. Dezember 1818 richtete Kaulfuss an den Oberpräsidenten 
ein Schreiben, in welchem er, unter Berufung auf eine 
Anregung und Anfrage eines Konsistorialrates, sich bereit 
erklärte, die frühere „Töchteranstalt" wieder fortzusetzen^ 
wenn die Behörde ihm die passenden Räumlichkeiten 
schaffe. In dem Antwortschreiben vom 10. Januar 18 19 
begrüsste der Oberpräsident diese Erklärung freudig, 
sprach aber sogleich seine Besorgnis aus, ob Kaulfuss 
auch die nötige Zeit für dieses Unternehmen gewinnen 
würde. Auch wegen des Schullokales vermochte er kein 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 267 

Versprechen zu geben. Es ist also anzunehmen, dass 
auch dieser Plan sich nicht verwirklichte, denn eine 
Kaulfusssche Schule wird fortab in keinem Berichte er- 
wähnt. Auch die in dem Schreiben an den Oberpräsidenten 
betreffs der Schule angekündigte Bekanntmachung in der 
Zeitung unterblieb. Dazu trat noch in den folgenden 
Jahren ein etwas gespanntes Verhältnis zwischen Kaulfuss 
und seiner vorgesetzten Behörde ein. Somit ist die aus- 
gesprochene Annahme über die Auflösung des Institutes 
wohl als genügend begründet zu betrachten, obwohl die 
Akten über diese Angelegenheit mit dem erwähnten 
Antwortschreiben des Oberpräsidenten abbrechen. 

Ein ähnliches Schicksal war offenbar einer anderen 
Anstalt beschieden. Im August 1815 baten Henriette 
Schnekönig und Julie und Johanna Stremler 1 ) um die 
Erlaubnis, eine dreiklassige „Erziehungsanstalt für Frauen- 
zimmer" einzurichten. Die Regierung beauftragte zunächst 
den Munizipalpräsidenten, die Damen mit dem bereits 
erwähnten „Reglement der Erziehungsinstitute für Frauen- 
zimmer" aus der Warschauer Zeit bekannt zu machen 
und ihre Fähigkeiten, besonders betreffs der Handarbeiten, 
durch glaubwürdige Atteste nachweisen zu lassen. Der 
Stadtpräsident konnte den Auftrag zwar nicht vollständig 
erledigen, da er das Reglement weder besass noch kannte, 
aber die Damen schrieben, „dass sie die allgemeinen 
Regeln zur Bildung der weiblichen Jugend durch ihr 
«eigenes Gefühl kennen." Zum Nachweis der wissen- 
schaftlichen Tätigkeit konnte Henriette Schnekönig „ein 
Billet des Herrn Kaulfuss" vorzeigen, durch welches er 
diese Dame „für sein Institut zu gewinnen suchte und 
auch gewann". Auch Julianne Stremler „hatte am Kaul- 
fussschen Institute mit Lobe gearbeitet" und wurde später 
als Gouvernante am Institut des Fräulein Heloise von 
Wyke angestellt. Betreffs der weiblichen Arbeiten be- 
zeugten vier Damen der Gesellschaft, „dass hiesigen 
Ortes es keine anderen Damen diesen gleich, noch 



*) Später ist der Name stets „von" Stremler geschrieben. 



268 Otto Konopka. 

weniger zuvortun können". Der Konsens wurde nun an* 
22. August 1815 ausgestellt, aber das Unternehmen scheint 
mehr den Charakter einer Pensionsanstalt getragen zu 
haben und war von kurzer Lebensdauer; denn der Magi- 
stratsbericht von 1820 erwähnt diese Schule nicht. Auch 
wurde Julie von Stremler unter dem 18. Juli 1829 von 
Gnesen aus, „wo man wenig auf die höhere Bildung der 
weiblichen Jugend achtet", wegen Verlegung ihrer dortigen 
nur ein Jahr bestehenden Anstalt nach Posen bei der 
hiesigen Stadtbehörde vorstellig. In diesem Schreiben 
findet sich über ihre frühere Schule in Posen die Be- 
merkung: „Da mir die Gemeinschaft (hinzuzufügen: mit 
H. Schnekönig) nicht gefallen wollte, trennte ich mich 
von ihr und lebte als Gouvernante". Den Konsens erhielt 
sie zum zweiten Male, ihre Schule ist jedoch in den 
Akten nie genannt. — Vielleicht folgte sie auch dem 
Beispiel einer Schulvorsteherin Jeanette Fagard, von 
welcher die Polizeibehörde unter Bezugnahme auf den 
ihr erteilten Erlaubnisschein angab: „Sie ist, ohne die 
Lehranstalt zu errichten, verreiset". Zu einem ähnlichen 
Verhalten riet die Schulbehörde in den folgenden Jahren 
fast sämtlichen Bewerbern und Bewerberinnen unter der 
Begründung, „dass bereits genug dergleichen solcher An- 
stalten vorhanden sind." Ein Blick auf die vom Magi- 
strat im Sommer 1820 aufgestellte Übersicht über die 
Privatschulen der damals wenig über 20000 Einwohner 
zählenden Stadt Posen rechtfertigt dieses Urteil durchaus. 
Die Bedeutung der ehemaligen Kaulfussschen Anstalt 
war im Berichtsjahre 1820 auf die Töchterschule des 
späteren Rektors der höheren Bürgerschule, Friedrich 
David Reid, übergegangen. Diese Anstalt lag auf dem 
Alten Markt 91 (Hypothekennummer) und wurde in vier 
aufsteigenden Klassen von 100 Zöglingen (darunter auch 
10 Knaben) im Alter von 6 bis 17 Jahren besucht. Die 
Lehrfächer entsprachen denen des Institutes von Kaulfuss; 
die zwölf Gehilfen Reids, unter denen sich zum Beispiel 
Professor Motty, Propst Wroblewski und mehrere Gym- 
nasialprofessoren, die schon in der vorhin genannten 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 269 

Schulanstalt Unterricht erteilt hatten, befanden, wurden 
in den vorliegenden Berichten als „gehörig qualifiziert" 
bezeichnet. Unter Berücksichtigung aller dieser Umstände 
darf die Reidsche Töchterschule wohl als Ersatz des von 
Kaulfuss im Jahre 1818 geplanten Institutes anzusehen 
sein, was auch mit der Zeit der Entstehung im Einklang 
stehen würde. Am 14. April 1824 stellte Reid einer 
Mitarbeiterin nämlich ein Zeugnis aus, das mit folgenden 
Angaben beginnt: „Demoiselle Marie Moldenhauer ist in 
meiner Erziehungs- und Unterrichtsanstalt 4V2 Jahre als 
Gouvernante gewesen und hat sich bloss darum von mir 
entfernt, weil ich, meiner veränderten Verhältnisse wegen, 
die Anstalt jetzt aufgebe." Reid muss sein Unternehmen 
also im Herbst 1819 begründet und dann mit dem Zeit- 
punkte aufgelöst haben, als er die Leitung der vom Gym- 
nasium abgezweigten Vorbereitungsschule, der sogenannten 
höheren Bürgerschule, in der Hundegasse (heute Schul- 
strasse) übernahm. 

In dem Magistratsberichte von 1820 wird ferner 
die Schulanstalt der Demoiselle Susanne Warnik ge- 
nannt. Die Schulräume lagen in dem Eckhaus Breite- 
strasse - Judenstrasse, in das zehn Jahre später die 
Luisenschule einzog. Die Leiterin, die seit der süd- 
preussischen Zeit einer Mädchenschule in Kaiisch vor- 
stand, eröffnete ihr Unternehmen im Jahre 1818. In ihrem 
Erlaubnisscheine verpflichtete die Behörde eine Vor- 
steherin zum ersten Male, nicht nur auf das Reglement 
vom 9. März 18 10, sondern auch „auf die in den König- 
lich Preussischen Staaten noch zu erteilenden Vorschriften "• 
Der von Susanne Warnik zur Bestätigung vorgelegte Er- 
ziehungsplan enthält manche auch für die heutige Er- 
ziehung der weiblichen Jugend recht beherzigenswerte 
Winke. Sie sagt unter anderem: Das Mädchen soll einst 
als Anordnerin seiner Wirtschaft mit nützlicher geord- 
neter Tätigkeit diese selbst denkend erhalten. Ausserdem 
soll aber das Mädchen unterhaltende Freundin sein, die 
durch mannigfaltige Kenntnisse und prunklose Bildung 
sich selbst oder anderen in den Erholungsstunden an- 



270 Otto Konopka. 

genehm die Zeit zu vertreiben versteht und nicht bloss, 
wie oft die Erfahrung lehrt, in Romanen unverdauliche 
Nahrung sucht. — Wie Zukunftsmusik klingen ihre Vor- 
schläge für die naturkundlichen Unterweisungen, welche 
die Schülerinnen zur Selbstverfertigung von „Essig, Seife, 
Stärke und tausend anderen Sachen" befähigen sollten. 
Die heutigen Mädchenschullehrpläne in Mathematik würden 
ihre Zustimmung aber nicht gefunden haben; denn sie 
meint: „Die zusammengesetzte Regeldetri sowie die 
doppelte Buchführung ist dem Mädchen nicht nötig. Es 
soll nur fertig aus dem Kopfe rechnen." In der Schule 
war für jeden Tag eine der drei Sprachen — Deutsch, 
Polnisch, Französisch — als Umgangsprache vorgeschrieben. 
Den Ideen des Erziehungsplanes entsprach die tatsäch- 
liche Ausführung jedenfalls nicht; die Schule gelangte zu 
keiner grossen Bedeutung. Der Bericht nennt 26 Schüle- 
rinnen im Alter von 8 — 14 Jahren. 10 Jahre später zählte 
die simultane Anstalt 38 Schülerinnen, und im Jahre 1838 
wird sie zum letzten Male in den Übersichten der Privat- 
schulen aufgeführt mit zwanzig Schülerinnen. 

Zu den „höheren Töchterschulen" jener Zeit ist auch 
die im Jahre 1816 begründete Pensions- und Erziehungs- 
anstalt des Franzosen 1 ) Stephan Trimail und seiner Frau 
zu zählen. Die 26 im Alter von 5 — 16 Jahren stehenden 
Mädchen wurden von 7 Lehrern und 2 „Gehülferinnen" 
unterrichtet. Über die weiteren Schicksale dieser Privat- 
schule liegen leider nur kurze Bemerkungen vor. So bat 
eine gewisse Barbara Bibianna Malhaire am 1. Juni 1824 
um einen Schulkonsens, um in Gemeinschaft mit Frau 
Trimail, die damals in Fraustadt erzieherisch tätig war, 
eine Pensionsanstalt zu errichten. Der Plan muss auch 
zur Ausführung gelangt sein; denn die schon erwähnte 
Schulvorsteherin Marie Moldenhauer wollte nach ihrer 
Eingabe vom Jahre 1828 sich die ehemalige Reidsche und 

2 ) Leider existiert über die weitaus bedeutendere Anstalt 
seines Landsmannes Jean Hutier, dessen vornehmes Institut besonders 
von Ausländerinnen besucht wurde, kein statistisches Material. Die 
Pensionsanstalt blühte in den Jahren 182T — 1830. 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 27 1 

„auch die jetzige Trimailsche Anstalt" zum Muster nehmen. 
Trimail hatte das Mädchenpensionat jedenfalls mit dem 
Tode seiner Frau aufgegeben. 1834 bestand die Knaben- 
anstalt aber noch; denn ein diese Privatschule betreffs 
der Raumverhältnisse revidierender Kommissar beklagte 
sich in seinem Berichte über das unanständige und be- 
leidigende Benehmen des Unternehmers und des unter- 
richtenden polnischen Gymnasiasten. Trimail segelte 
offenbar vollständig im polnischen Fahrwasser. Mit dieser 
Bemerkung enden die Nachrichten über die Trimailsche 
Lehranstalt. 

Ein kaum nennenswertes Dasein kommt der Unter- 
nehmung des Joh. Christian Woltemas zu. In keinem 
zweiten Berichte wird dieser Schule Erwähnung getan, 
die im Jahre 1820 24 Knaben und 14 Mädchen zählte und 
als Lehrfächer auch Französisch und Latein aufwies. Die 
kurze Lebensdauer dieser Anstalt durfte wohl kaum als 
Verlust empfunden worden sein ; sagt doch der Magistrats- 
bericht von dem Unternehmer und seinen Gehülfen: Sie 
haben sich selbst, um sich zu ernähren, das Schulehalten 
erlaubt, da sie es bei ihren Eltern erlernet! 

Eine Anstalt, die ihrem Ziele und ihrer Einrichtung 
nach wahrscheinlich auf der Grenze zwischen höherer 
und niederer Schule stand, bildete das Institut der Vor- 
steherin Christine Bauern auf dem Alten Markt. 8 Knaben 
und 15 Mädchen im Alter von 6 — 13 Jahren erhielten hier 
von 3 Gehilfen und einer „Gehülferin" Unterricht in den 
Elementarfächern und in „naturalistischer Historie". Die 
Leiterin selbst war im Pressburger Nonnenkloster vorge- 
bildet und „durch den seligen Stechebahr (Senior der 
lutherischen Gemeinde) approbieret". Die Mitarbeiter 
galten allerdings nur „der allgemeinen Meinung nach als 
qualifizieret". Weitere Angaben über die Geschichte dieser 
Anstalt fehlen. 

Auf etwa gleicher Stufe, allerdings unter starker 
Betonung des Handarbeitsunterrichtes, stand die Privat- 
schule der Witwe des Regimentsarztes Huschbeck, geb. 
Nitsche. Unter Zuhilfenahme eines Kanzlisten unterwies 



272 Otto Konopka. 

sie in ihrer Wohnung auf der Martinstrasse die stattliche 
Zahl von 50 Zöglingen. Aus dem Gesuche einer Privat- 
lehrerin, Karoline von Manget, vom März 182 1 kann man 
auf eine frühe Auflösung dieser Anstalt schliessen; denn 
das Schriftstück besagt, „dass Madame Huschbeck, welche 
sich früher mit Unterricht beschäftigte, seit mehreren Mo- 
naten — ohne Hoffnung, gesund zu werden — krank sei". 
Die meisten Zöglinge wandten sich mit der Schliessung 
der Huschbeckschen Schule zwar dem von Mangetschen 
Institut zu, aber mit dem bereits besprochenen Aufkommen 
der städtischen Freischulen und der Anstellung von 
„Industrielehrerinnen" an denselben war dem Aufblühen 
derjenigen Privatschulen, die nur die Elementarbildung 
vermittelten, eine Grenze gesetzt; so bat denn auch 
Karoline von Manget mit anderen ihren Berufes im Jahre 
1822 um Anstellung im städtischen Schuldienste. Ihre 
Anstalt muss noch in demselben Jahre eingegangen sein. 
Von den weiteren Privatschulen, die vorwiegend an 
der Bildung der weiblichen Jugend arbeiteten, den Kindern 
neben der Fertigkeit in den weiblichen Handarbeiten 
allerdings kaum mehr als die Anfangsgründe des Lesens, 
Schreibens und Rechnens beibrachten, seien noch erwähnt: 
Die Schule der Witwe Anna Sinczewska, die von 15 
meist mosaischen Kindern, die Anstalt einer Susanne 
Dygasiewicz, die von 16 Mädchen und n Knaben im 
Alter von 7 — 13 Jahren und die kleine Schule von Jeanette 
Lewi, die von 8 Mädchen besucht wurde 1 ). In dem 
Magistratsberichte führt Jeanette Lewi übrigens den Namen 
„Lewkowa". Der Grund der Änderung lag jedoch keines- 
wegs in der Nationalitätszugehörigkeit der Umgetauften 
als vielmehr in derjenigen des Taufenden, nämlich — des 
zuständigen Polizeikommissars, der seine staatserhaltende 



*) Die geringe Zahl der ausgesprochen polnischen Charakter 
tragenden Privatmädchenschulen erklärt sich einmal aus dem damals 
noch nicht bestehenden Gegensatze zwischen Polentum und Deutsch- 
tum, zum anderen aber auch aus dem Vorhandensein der Posener 
Nonnenklöster, deren Insassen sich vielfach mit der Erziehung der 
polnischen weiblichen Jugend beschäftigten. 






Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 273 

Tätigkeit vornehmlich in der Abfassung seiner Berichte 
in polnischer Sprache und in dergleichen Taufakten bewies. 
Geradezu als Genie auf diesem Gebiete zeigte sich der 
tüchtige Beamte bei der „Verbesserung" des Namens des 
jüdischen Lehrers Abstein. Er schrieb ihn „Absztain". 
Doch schien dieser unfreiwillig „verlängerte" Schul Vor- 
steher, der einer sogenannten Judenschule von 22 Knaben 
im Alter von 10 — 15 Jahren vorstand, sich wenig um den 
sarmatischen Lautwandel zu kümmern. 

Mit der Erwähnung der Absteinschen Schule ist 
bereits das Gebiet der Knabenschulen gestreift. Besonders 
zahlreich waren unter diesen Privatschulen diejenigen 
mosaischen Bekenntnisses, namentlich die eigentlichen 
Juden- oder Talmudschulen. Hier erhielten die Knaben 
Unterricht im Hebräischen und in der Religion, seltener 
dazu noch in den Anfängen des Lesens, Schreibens und 
Rechnens. Im Volksmunde führten die Lehrer dieser 
Anstalten den bezeichnenden Namen „Kinderwärter". Über 
ihre Befähigung für den Beruf entschied auch nur der 
Rabbiner Posens. In der Wronkerstrasse unterhielten 
solche Judenschulen mit einer durchschnittlichen Schüler- 
zahl von 12 — 15 Kindern im Alter von 5 — 12 Jahren die 
alttestamentlichen Glaubensgenossen Samuel Peyser, Wolf 
Indyk, Jakob Fallek, Ephraim Kaul, Markus Zaitelbaum, 
Abraham Isaak und Lewin Marcus, mit dem Beinamen 
„Szkolnik". In der Judenstrasse lehrte Simon Lewi. Die 
Aufzählung der Namen dieser Schul Vorsteher ist allerdings 
mehr ein Spiel mit Worten; denn bis zur Durchführung 
der „Vorläufigen Verordnung wegen des Judenwesens im 
Herzogtume Posen vom 1. Juni 1833", welche die mit der 
Naturalisation der Juden verbundenen Segnungen nur 
denjenigen in Aussicht stellte, die einen bestimmten 
Familiennamen annahmen, legte sich die mosaische Be- 
völkerung je nach den Verhältnissen und der Zweck- 
mässigkeit wechselnde Namen bei. So hatte einer der 
Schulvorsteher die Erlaubnis zur Anlage einer Schule 
unter der Angabe von 4 Namen erbeten, unter denen 
2 sehr wohl als Familiennamen gelten konnten. Diese 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XXVI. 18 



274 Otto Konopka. 

Ausführlichkeit der Benennung rentierte sich bald, denn 
als die Regierung im Kampfe gegen die Winkelschulen 
die minderwertige Anstalt dieses von ihr nur mit 2 Namen 
benannten Mannes für geschlossen erklärte, benutzte der 
berechnende Vorsteher die beiden anderen Namen noch 
gegen 1 Jahr mit Erfolg als Aushängeschild für seine 
geschlossene und doch bestehende Schule. 

Anderen Charakter trugen die jüdischen Schulen 
der Vorsteher Moses Remak, Heimann oder Heumann 
ßreslauer und David Caro. Die Unterrichtsfächer ent- 
sprachen denjenigen in den christlichen Anstalten. Das 
Remaksche Institut in der Breitenstrasse war dreiklassig. 
Die Schule Heimann Breslauers in der Wronkerstrasse 
wurde von 30 Knaben besucht und wies in ihrem Lehr- 
plane auch Lateinisch auf. Gewissermassen als jüdische 
höhere Bürgerschule, ähnlich der Grabenschule, stand die 
Erziehungsanstalt David Caros in der Schulstrasse da. 
Sie war staatlich konzessioniert und bot den Zöglingen 
u. a. auch Gelegenheit, sich im Deutschen, Polnischen, 
Französchen, Lateinischen und in der Geometrie Kennt- 
nisse zu erwerben. 

Da die öffentlichen Schulen anfangs vorwiegend von 
Knaben, namentlich christlichen Bekenntnisses, besucht 
wurden, so erklärt sich daraus das fast vollständige Fehlen 
von Privatschulen für das männliche Geschlecht. In der 
Tabelle des Magistrates von 1820 wird nur die polnische 
Schule des Valentin Andrzejewski erwähnt, der in seiner 
Schulanstalt auf St. Adalbert unter den 45 Kindern auch 
15 Schülerinnen hatte. Das Bedürfnis nach höheren 
christlichen Privatvorbereitungsschulen lag im Berichts- 
jahre auch kaum vor. Die Heranbildung für den ge- 
lehrten Beruf galt damals noch als Ausnahme, und für 
dergleichen Fälle genügte die hiesige Grabenschule und 
das Gymnasium. Später kam noch die Reidsche höhere 
Bürgerschule auf der Schulstrasse hinzu. Vor dem Aus- 
bau der genannten Schulen durch Kaulfuss (Gymnasium) 
und Friedrich (Grabenschule) bestand daher auch noch 
ein höheres Privat-Knabeninstitut des „Direktors" August 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 275 

Leopold Schreiber. Es trug durchaus deutschen Charakter 
und war offenbar schon 181 1 gegründet worden, obgleich 
der Erlaubnisschein der Warschauer Erziehungsdirektion 
das Datum des 19. September 1812 trägt. In den ersten 
Jahren des Bestehens zählte das Institut durchschnittlich 
60 Scholaren in 3 aufsteigenden Klassen mit 2 katholi- 
schen, einem evangelischen und einem mosaischen Lehrer. 
Neben dem Vorsteher und den genannten Lehrern be- 
teiligte sich auch noch ein iöjähriger Verwandter des 
ersteren am Unterrichten. Aus eigenen Mitteln schien 
die Anstalt sich nicht erhalten zu können; denn Schreiber 
wandte sich im Jahre 1814 wegen Unterstützung an die 
Erziehungsdirektion, erhielt aber zur Nachricht, „dass die 
geringen Einkünfte für das Erziehungswesen in dieser 
bedrängten Zeit" eine Berücksichtigung der Bitte unmög- 
lich machen. Trotzdem die Schülerzahl bis zum Jahre 
181 5 auf 45 zurückgegangen war, erfreute sich die Anstalt 
— als Vorbereitungsschule des damaligen Lyceums — 
eines guten Rufes. Unter den Schülern befanden sich 
auch einige Knaben aus Schlesien, Potsdam, Warschau, 
ferner die Söhne des Stadtkommandanten von Posen, 
einiger Ärzte, Kriminalräte u. s. w. Ein Unterstützungs- 
gesuch des Vorstehers vom September 1815 wurde wegen 
Mangel an Fonds ebenfalls abschlägig beschieden. Als 
sich Schreiber im Jahre 1818 wegen Übernahme seiner 
Schule durch den Staat an den Minister wandte, äusserte 
sich der aus diesem Anlasse von der hiesigen Behörde 
eingeforderte Bericht dahin, „dass seine Qualifikation 
keineswegs von der Beschaffenheit sei, dass» sein Institut 
durch Unterstützungen erhalten zu werden verdiene." 
Im tabellarischen Berichte vom Jahre 1820 ist eine 
Schreibersche Schule nicht mehr genannt, wohl aber liegt 
vom ehemaligen Schulleiter ein Gesuch vom Jahre 1825 
vor, in welchem er um die Erlaubnis bittet, „eine Ele- 
mentarschule für Knaben gebildeten Standes" zu errichten. 
Im folgenden Jahre gliederte er dieser Anstalt auch ein 
gleiches Institut für Töchter an und stellte an demselben 
Mathilde Lüdecke als „Gouvernante" an. Wie lange die 



276 Otto Konopka. 

Unternehmung lebensfähig war, ist nicht festzustellen 
möglich, da jeder weitere Bericht fehlt. Margarete Lüdecke 
eröffnete im Jahre 1834 eine eigene Erziehungsanstalt; 
doch dürfte dieselbe kaum die unmittelbare Fortsetzung 
der Schreiberschen sein, da die Übersicht über die Privat- 
schulen des Jahres 1831 keine der beiden Schulen erwähnt. 

Hiermit wären die Darlegungen über die in den 
Anfangsjahren der preussischen Herrschaft in unserer 
Stadt vorhandenen Privatschulen erschöpft. Eine wichtige 
Frage ist dabei allerdings unerörtert geblieben : die Frage 
nach den äusseren Schuleinrichtungen, soweit sie auf die 
Gesundheitsverhältnisse der Zöglinge einwirkten. 

Leider weisen die Schulnachrichten der ersten Jahre 
ausser vereinzelten Bemerkungen über den „pestilenz- 
artigen Gestank" in der einen oder anderen Privatschule 
kein weiteres Material auf, aber vorsichtige Rückschlüsse 
auf Grund der Berichte späterer Jahre dürften wohl jedem 
Interessierten die Rekonstruktion eines richtigen Bildes 
der „schulhygienischen" Verhältnisse jener Periode er- 
möglichen. Als Voraussetzung hierfür seien einige An- 
gaben aus einem Revisionsberichte vom 17. Februar 1846 
über eine Schule in der Judenstrasse dargeboten: „Der 
62jährige Lehrer macht den Eindruck eines altersschwachen, 
geistig stumpfen Menschen. Die 32 Schüler der nie- 
drigsten Volksklasse werden in dem einzigen kleinen 
Zimmer, in dem nur zwei Betten und ein einziger Tisch 
stehen, unterrichtet. An diesem Tische kann höchstens 
7.3 der Schüler sitzen, die übrigen stehen oder sitzen auf 
der Erde herum. Es sind nur ein paar ganz zerfetzter 
Exemplare des Kinderfreundes von Preuss und Vetter 
vorhanden, sonst aber keine Wandtafel oder Karte. Nur 
3 Kinder besitzen ein Schreibeheft und alle „mauscheln" 
beim Lesen so, dass es schwer ist, sie zu verstehen. Das 
Lokal ist viel zu eng; doch darum scheint der Magistrat 
sich nicht zu kümmern." Dieser letzte Vorwurf war 
wohl teilweise berechtigt. Stand es doch in dieser Be- 
ziehung selbst um manche Kommunalschulen nicht viel 
besser. Im Jahre 1841 schrieb der Lehrer Graffstein: „In 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815 277 

dem Schulgebäude hat sich eine wesentliche Versetzung 
der Balkenlage des ganzen Fussbodens ereignet, so dass 
dieselbe einem abschüssigen Terrain gleicht." Ein anderer 
Bericht eines städtischen Lehrers besagt: „Durch die 
Länge der Zeit ist die Hoftür am finsteren Tor total 
ruiniert. Die Tür kann nicht verschlossen werden, weshalb 
dieser Ort ein öffentlicher geworden ist. Wie Augen- 
zeugen bekunden, steigen aus dem Tag und Nacht offen- 
stehenden Hofraume unbefugte Menschen in die Schulstube 
und übernachten daselbst. In der Nacht vom 17. zum 18. 
(August) hat man sogar ein Katheder erbrochen. Sämt- 
liche Schulbücher, einige Bücher des Lehrers und sein 
Rock wurden entwendet." 

Wenn dergleichen Verhältnisse bei den öffentlichen 
Schulen vorzufinden waren, um wievielmehr mussten 
sie dann bei den Privatanstalten zutreffen! Das vorhin 
entrollte traurige Bild aus der Judengasse ist in ge- 
mildertem Lichte jedenfalls typisch für die damaligen 
äusseren Verhältnisse vieler Privatschulen, ein Bild, 
dessen Schatten um so tiefer hervortreten, je befriedigen- 
der unser Auge sich hinwendet zu den schmucken,, 
aber soliden und mit allen technischen Errungenschaften 
der Neuzeit ausgestatteten Privatschulpalästen am Karme- 
literplatz, am Königsring und in der Neuen Gartenstrasse. 
Allerdings liegt auch ein fast hundertjähriger Entwickelungs- 
gang dazwischen, auf den nun in aller Kürze eingegangen 
werden soll, und zwar zunächst unter Berücksichtigung 
des jüdischen Privatschulwesens; denn die eigentümliche 
Stellung, welche dem Judentum vor Einführung der Ver- 
fassung, innerhalb des preussischen Staates, angewiesen 
war, bedingte auch eine eigenartige Entwicklung der 
Schulen dieser Nation in unserem Landesteile. 

Jede gesetzliche Regelung auf diesem Gebiete fehlte. 
Die voraufgegangene Herzoglich Warschauer Zeit hatte 
der mosaischen Bevölkerung die erhoffte staatsbürgerliche 
Gleichstellung nicht gebracht, sondern dieselbe durch 
Dekret vom 17. Oktober 1808 zunächst auf 10 Jahre sus- 
pendiert. Auch mit der Einverleibung in das preussische 



278 Otto Konopka. 

Staatsgebiet war nicht etwa zugleich die Gesetzeskraft 
des Ediktes über das Judenwesen vom 11. März 1812 
für die neue Provinz ausgesprochen, vielmehr verfügte 
die Kabinetsorder vom 30. August 1816 die Nichtanwend- 
barkeit der genannten Festsetzungen für unseren Landes- 
teil. So galt neben den zuweilen herangezogenen Be- 
stimmungen des General- Juden-Reglements für Süd- und 
Neuostpreussen vom 17. April 1797 als einzige Norm für 
das jüdische Schulwesen unserer Stadt, in Übereinstim- 
mung mit dem Allgemeinen Landrechte, die Entschei- 
dung der Posener Kammer vom 29. Februar 1805: „Den- 
jenigen, welche die christlichen Elementarschulen besuchen 
wollen, wird der Eintritt nicht verweigert, insofern sie 
anständig gekleidet in die Schule kommen und dasjenige 
Schulgeld entrichten, welches bei der Organisation wird 
festgesetzt werden". Von diesem Vorrechte machten 
nur die Kinder der bessergestellten jüdischen Eltern Ge- 
brauch, wie denn die Magistratsnachweisung über den 
Schulbesuch vom Jahre 1831 unter etwa 1000 schul- 
pflichtigen jüdischen Kindern nur 133 mosaische Schüler 
zählte, die christliche Schulen besuchten» Die Haupt- 
arbeit fiel also den geradezu trostlos organisierten jüdi- 
schen Privatschulen zu, um die sich die Behörde anfangs 
wenig kümmerte. Heisst es doch in einem Berichte der 
Posener Regierung an das Ministerium vom 20. Oktober 
1834 : „Weder die Königliche Regierung noch die städtische 
Schulkommission nahm von der äusseren und inneren 
Einrichtung der jüdischen Schulen Notiz!" Dasselbe geht 
auch aus einem Antwortschreiben der Regierung vom 
1. April 1817 an den schon genannten Schulvorsteher 
Abstein hervor, in welchem u. a. gesagt wird: „Insonder- 
heit hat sich der Staat darüber noch nicht ausgesprochen, 
inwiefern er zur Erziehung der (mosaischen) Jugend mit- 
wirken und welchen Einfluss er sich auf dieselbe vor- 
behalten will. Es ist aber umsoweniger zu erwarten, dass 
«er diesem Zwecke besondere Fonds widmen werde, da 
•die Judenschaft selbst für denselben aufzukommen ver- 
mögend und verbunden ist, auch überdies es ihr freisteht, 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 279 

die durch die Sorge des Staates bereits vorhandenen 
öffentlichen Unterrichtsanstalten zu benutzen, ohne fürchten 
zu dürfen, dass ihr Religionsbekenntnis dadurch irgendwie 
gefährdet werden möge". In ähnlichem Sinne äusserte sich 
ein Ministerial-Reskript vom 21. Juni 1823: „Die Regierung 
hat sich in die Gemeindeangelegenheiten der Juden nur 
insofern einzumischen, als solches in Ansehung der An- 
gelegenheiten erlaubter Privatgesellschaften nach den 
Bestimmungen des Allgemeinen Landrechtes zulässig, oder 
aber auch aus polizeilichen Rücksichten notwendig er- 
scheint". Der Ansporn der Behörde fehlte also zunächst. 
Dafür nahm sich aber eine Anzahl fortschrittlich ge- 
sinnter jüdischer Bürger dieser wichtigen Angelegenheit 
an. Am 9. August 1816 überreichten Jeremias Zadecksohn, 
Gedalia Maimon und Konsorten dem Königlichen Kon- 
sistorium des Posener Departements folgenden umfang- 
reichen Vorschlag: „Die jüdische Jugend unbemittelter 
Eltern wurde bisher und wird noch jetzt der Leitung einer 
Gesellschaft 1 ) überlassen, die milde Beiträge sammelt 
und Privatlehrer anstellt, um in den Elementargegenständen, 
in der hebräischen Sprache und im Talmud Unterricht 
zu erteilen. Dieser Unterricht war solange als allein nütz- 
lich und zweckmässig richtig berechnet, solange mönchi- 
scher Fanatismus, glühender Religionshass und verjährte 
Vorurteile die israelitische Nation zu einer politischen 
Enterbung verdammten und sie der Rechte der Mensch- 
heit für verlustig erklärten. Aber Preussens weise Staats- 
verfassung, ganz das Symbol der Natur, kennt keinen 
Unterschied der Rechte und Gesetze zwischen seinen 
gesamten Kindern. . . . Der Zweck jener Gesellschaft 
ist also dem heutigen Zeitgeiste nicht mehr angemessen. 
Damit die jüdische Jugend dem himmlischen Vater bessere 
Kinder, dem Könige bessere Untertanen und der Welt 
nutzbarere Menschen schaffe, wünschen wir eine National- 
schule nach dem Muster der Wilhelmschule zu Breslau 



x ) 1802 konstituierte sich ein israelitischer Verein gegen 
Bettelei der Glaubensgenossen zur Ausbildung „nützlicher, nahrungs- 
fähiger Menschen". 



280 Otto Konopka. 

oder der Franzschule zu Dessau!" Ein Ephorat von 
12 tüchtigen, sachkundigen Männern sollte zur Beauf- 
sichtigung und Leitung gewählt werden. Zum Direktor 
des Institutes wurde R. J. Fürstenthal aus Posen, ehemals 
Lehrer an der Dessauer Franzschule, zu Lehrern G. 
Salomon aus Dessau, David Caro, Heimann Breslauer, 
Schirik (später Baurat in Darmstadt), Louis Hirschdorf und 
R. P. Dessauer vorgeschlagen. Jedes jüdische Kind männ- 
lichen Geschlechtes vom 4. bis 15. Jahre sollte diese 
Schule besuchen und in den Elementarfächern, im He- 
bräischen, Lateinischen, Polnischen und Französischen 
unterwiesen werden. Als wichtige Bestimmung nahm 
man auch die Berufswahl der Schulentlassenen seitens 
des Ephorats in die Schulbestimmungen mit auf. Zwecks 
Fundierung des Unternehmens rechnete man mit frei- 
willigen Leistungen der hiesigen Gemeinde, mit den Er- 
trägen aus einer Hauskollekte innerhalb des preussischen 
Staates, mit dem Schulgelde der Reichen, mit monat- 
lichen, nach dem Vermögen abgestuften Beiträgen jedes 
hiesigen Individuums und mit Zuschüssen aus dem König- 
lichen Schulfonds. Dass die Regierung angesichts des 
noch vollständig unorganisierten öffentlichen Schulwesens 
diese weitgehenden Spezialwünsche nicht unterstützen 
konnte, war eigentlich vorauszusehen. Dazu kam als 
vorläufig unüberwindbares Hindernis die starke Gegen- 
strömung der talmudistischen Kreise innerhalb des Juden- 
tums. Die Seele dieser Bestrebungen gegen das Ein- 
dringen moderner Bildung war der 1815 unter heftigem 
Widerstände der jüdischen fortschrittlichen Kreise *) ge- 
wählte hiesige Oberrabbiner Jakob Moses Eiger aus 
Märkisch-Friedland. Zwar sagt Dr. Bloch in seinen „Ersten 

l ) Erst nach der Zusicherung, dass betreffs der Jugendbildung 
kein reaktionärer Kurs eingeschlagen werden soll, willigte die 
Minorität in die Wahl Eigers. Zugleich wurde die Forderung durch- 
gesetzt, dass die Vorsteher der Gemeinde es sich auf mindestens 
8 Jahre zur Pflicht machen sollten, unter der Aufsicht von 12 gebildeten 
rechtschaffenen Männern einen Fonds von wöchentlich 150 Florin 
polnisch zur Erziehung armer israelitischer Kinder für praktische 
Berufe aufzubringen. 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 281 

Kulturbestrebungen der jüdischen Gemeinde Posen unter 
preussischer Herrschaft 1 )" (1887) über Eigen „Modernes 
Wissen ist von ihm nicht gefördert, aber auch nicht ge- 
stört worden" ; doch dieses Urteil muss als sehr schonend 
bezeichnet werden. Zum mindesten war der hier in hohem 
Ansehen stehende Oberrabbiner, der u. a. auch den Titel 
eines „Fürsten von Jerusalem" führte, ein starker Rück- 
halt für die talmudistischen Winkellehrer, gegen welche 
die Behörde aus Rücksichten für eine zweckmässige Er- 
ziehung der jüdischen Bevölkerung einen jahrzehntelangen 
schwierigen Kampf führte. Aus dem Berichte des zu- 
ständigen Referenten vom 25. Mai 1826 geht hervor, dass 
die Regierung die wahre Triebfeder gegen ihre wohl- 
gemeinten Anordnungen in Erziehungsfragen auch an 
rechtem Orte suchte. Er schreibt: „Die Verhandlungen 
über das Schulwesen wurden nicht mit dem hiesigen 
Rabbiner geführt, da er einerseits hinlänglich als ein 
eigensinniger entschiedener Gegner jeder absichtlichen Ver- 
besserung des Schulwesens bekannt ist, und anderseits 
auch darüber entschieden ist, dass Rabbiner nur Ausleger 
des jüdischen Zeremonialgesetzes und nicht Aufseher des 
Jugendunterrichtes sind." Als Beweis für die letztere 
Behauptung werden die Ministerialerlasse vom 24. April 
1821 und 14. März 1823 angeführt. Endlich sei auch 
noch an ein Mahnschreiben der Regierung an Eiger vom 
9. August 1826 anlässlich der Ankündigung der Instruk- 
tion für das jüdische Elementarschulwesen erinnert. Darin 
heisst es: „Wir erwarten, dass auch Sie sich in diese 
unsere Anordnungen fügen und es nicht wagen werden, 
öffentlich oder insgeheim gegen dieselben zu reden oder 
zu handeln." Die bisherigen Ausführungen lassen deut- 
lich erkennen, dass an eine Verwirklichung der Pläne 
über die Nationalschule nicht zu denken war. An deren 
Stelle traten die teils bereits bestehenden, teils aus diesem 
Anlass neugegründeten schon genannten Privatinstitute 



J ) Vergl. auch Perl es, Geschichte der Juden in Posen. 
Breslau 1865. 



282 Otto Konopka. 

von Caro (in Verbindung mit L. Fürstenthal *), Heimann 
Breslauer, A. M. Abstein 2 ) und Remak als gehobene jüdi- 
sche Schulen. Daneben trieben einige 20 andere Privat- 
lehrer in Posen ihr Unwesen; öffentliche jüdische Schulen 
gab es überhaupt nicht. Erst in den Jahren 1822 — 23, 
als das städtische Schulwesen eine neue Organisation 
erhalten sollte, rief „zufällig" die Beratung, wie man den 
grösseren Kostenaufwand bestreiten wollte, auch die An- 
legung der öffentlichen jüdischen Elementarschulen her- 
vor. Weil die Mahl- und Schlachtsteuer zur Einrichtung 
und zum Ausbau des Schulwesens ohne Unterschied der 
Konfession erhoben wurde, so erschien es in den Augen 
des jüdischen Vorstandes und des Magistrates auch 
billig, jüdische Elementarschulen aus dem Kommunalfonds 
zu unterhalten. Mit Erlaubnis des Ministeriums vom 
7. Dezember 1823 wurden seitens der Stadt vom 1. April 
1824 ab die Privatlehrer Caro, Heimann und Abstein, 
denen man Rosenberg und Hirschdorf als Gehilfen bei- 
gab, als „etatisierte" Lehrer übernommen, d. h. diese 
Lehrer erhielten ihre Besoldung aus Kommunalfonds und 
mussten dafür ihre Privatanstalten, die übrigens nur 
Knaben aufnahmen, als Freischulen zur Verfügung stellen 
Deswegen war ihre Stellung aber nicht derjenigen 
der städtischen Elementarlehrer gleichzuachten. Vielmehr 
-erhielten sie bis zum Erlasse der „Vorläufigen Verord- 
nung wegen des Judenwesens im Grossherzogtum Posen 
vom t. Juni 1833" keine Bestallung; es bestand zwischen 
der Stadt und ihnen nur ein mündliches, jederzeit künd- 
bares Kontraktverhältnis. Offenbar stand die Behörde 
bis 1833 in dieser Beziehung noch auf dem Standpunkt 
des „Revidierten General- Juden-Privilegs vom 17. April 



1 ) Fürstenthal war, wie Caro, vielfach literarisch tätig, z. B. 
als Herausgeber der Zeitschrift „Polyhistor". Der mit dem 13. Ok- 
tober 1817 konzessionierten Schule gehörte er bis 1820 an. 

2 ) Direktor Przybylski stellte Abstein schon am 30. Juli 1815 
das Zeugnis aus, dass er einer besonderen Empfehlung sich würdig 
mache, „weil derselbe seine Zöglinge auf eine sehr zärtliche und 
höfliche Art unterrichtet." 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 283 

1750", nach welchem die jüdischen Lehrer innerhalb der 
Gemeinde ein „durchaus fluktuierendes Element" bilden 
sollten. Als Abstein nach sechsjähriger Tätigkeit im 
öffentlichen Schuldienste schlechthin in sein früheres Ver- 
hältnis als Privatlehrer zurückverwiesen wurde, musste 
das Ministerium dieses Vorgehen seitens der städtischen 
Schulbehörde auch als gesetzmässig anerkennen. Erst 
seit dem Jahre 1833 kann daher von städtischen jüdischen 
Schulen gesprochen werden, deren Schicksale bei diesem 
Thema aber keine Berücksichtigung finden dürfen 1 ). Mit 

!) Am 15. Dezember 1839 wandte sich Minutoli wegen Bildung 
einer Kommission für das jüdische Schulwesen an die Regierung. 
Am 19. Februar T841 trat diese Korporation zusammen. Ihre Be- 
ratungen wurden aber durch die plötzliche Entfernung Eigers unter- 
brochen, der das Protokoll nicht unterschreiben, sondern ein be- 
sonderes Gutachten beifügen wollte. Er schlug eine sechsklassige 
Knabenschule unter Anstellung eines Talmudisten und eine sechs- 
klassige jüdische Mädchenschule vor. Die Uneinigkeit führte zu 
Fortdauer der alten Zustände. Seit 1845 wurden die gesonderten 
jüdischen Klassen zu einer 3 klassigen Schule im ehemaligen There- 
sienkloster vereinigt. Im Jahre 1846 zählte die Klasse I (Lehrer 
Rosenberg) 40 Knaben, die Klasse II (Lehrer Hermann Merzbach) 
100 Knaben und 20 Mädchen, die Klasse III (Lehrer Jacobsohn) 
90 Knaben und 60 Mädchen. Die Lehrer erteilten Fachunterricht. 
Der Sonntag war Schultag, da der Sonnabend eben als Feiertag 
galt. Im Jahre 1860 wurde die 3. Klasse geteilt und für sie 
der Lehrer Igel neuangestellt; Frequenz 312 Schüler, überwiegend 
Mädchen, sodass 2 Industrielehrerinnen angestellt waren. Seit 1847 
teilte die Schule ihre Räumlichkeiten mit denen einer evangelischen 
und katholischen Anstalt in der Kleinen Gerberstr. 34. 1865 war 
die Frequenz auf 253, 1869 auf 171 herabgegangen. Dazu lauteten 
die Revisionsberichte der Regierung immer sehr abfällig. Als nun 
1869 der jüdische Lehrer Hoffstaedt seine Entlassung forderte, um 
nach Amerika überzusiedeln, reduzierte die Stadt die Schule zu 
einer dreiklassigen. Im Jahre 1871 siedelten die beiden obersten 
Klassen nach dem alten Realschulgebäude in der Breslauerstrasse 
über, die Mädchen der obersten Klasse wurden zugleich der 
1. Mädchenschule auf der Gerberstrasse überwiesen. Ostern 1872 
folgte auch die gleiche Abzweigung der Mädchen der zweiten 
Klasse; gleichzeitig wurde die 1. und 2. Knabenklasse zu einer Ab- 
teilung vereinigt. Schon jetzt sprach der Magistrat in seinen Be- 
richten nur noch von der „sogenannten jüdischen Elementarschule". 
Der Versetzung des Lehrers Igel an die 1. Mädchenschule (christ- 



284 Otto Konopka. 

der 1824 begonnenen Organisation dieser Bildungsstätten für 
die mosaische Bevölkerung verschärfte die Behörde durch 
mannigfache Erlasse, besonders durch die Verordnung 
vom 10. September 1824 ihre Anforderungen an die 
jüdischen Privatlehrer; kurz, der Kampf gegen die Winkel- 
schulen begann. Von jetzt ab durfte die Errichtung der 
Privatanstalten nur noch auf Grund einer erfolgreichen 
Prüfung und eines behördlichen Erlaubnisscheines er- 
folgen. Gleich zu Anfang des folgenden Jahres wurden 
19 jüdische Schulvorsteher beauftragt, sich von dem 
Rektor des Hauptschullehrerseminars, Gruszczynski, prüfen 
zu lassen. Auch 6 jüdische Schulvorsteherinnen verfielen 
demselben Schicksal. Es waren dies nach der Magistrats- 
nachweisung: 1) die 18jährige Lisette Scherk, die einer 
kleinen Schule auf der Wronkerstrasse vorstand und als 
„ziemlich gebildet" bezeichnet wurde, 2) die 20jährige 
Hannchen Schott, die 20 Schülerinnen vornehmlich in 
weiblichen Handarbeiten unterwies, 3) die 40jährige 
Nanette Philipp, welche in der Wasserstrasse unterrichtete, 
4) die 39jährige Jeannette Löwek in der Gerberstrasse, 
von welcher der Magistratsbericht sagt: Jeanette ist fast 
die gebildetste unter allen jüdischen Lehrerinnen, 5) die 
22jährige Hannchen Laske in der Judenstrasse und 6) die 
18jährige Dorchen Lewi, die mit Hilfe ihrer Schwester 
und eines 21jährigen polnischen Jünglings ihre 26 Schüle- 
rinnen mit Eifer zu fördern suchte. Über Blümel Sobern- 
heim, die an ihrer Anstalt 3 Gymnasiasten und einen 
Applikanten des Landgerichtes als Lehrende beschäftigte, 
sagt der Nachweis: Blümel S. ist aus der mit ihren 
Schülerinnen öffentlich gehaltenen Prüfung zu bekannt, 
als dass sie noch zur Probe vorgerufen werden dürfte. — 
Am 28. März 1825 verfügte die Regierung die Schliessung 



liehe) setzte die Regierung aber Widerstand entgegen und gestattete 
hier nur seine Beschäftigung als Religionslehrer. Als der eigent- 
liche Schöpfer des Posener Schulwesens, Bürgermeister Kohleis, 
durch seine unermüdlichen Bemühungen im Frühjahr 1873 der 
Simultanschule zum Siege verholten hatte, schwand der letzte Rest 
der ehemaligen jüdischen Kommunalschule. 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 285 

der Schulen aller 19 ungeprüften Schulvorsteher. Ober- 
bürgermeister Tatzler schob diese Massnahme aber vor- 
läufig hinaus, da gleichzeitig eine Eingabe Eigers wegen 
eines unmittelbar bei der Regierung erhobenen Protestes 
eingelaufen war. In einer weiteren Anordnung vom 
19. Mai erneuerte die Regierung ihre Forderung wegen 
Aufhebung der Schulen bei der Polizeidirektion unter 
gleichzeitiger ablehnender Antwort an Eiger. Noch ein- 
mal wandte sich der Ober-Rabbiner am 19. Juni an die 
hiesige Aufsichtsbehörde, wobei er hervorhob, dass die 5 
angestellten Lehrer ihre Befähigung zur Erteilung des 
Religionsunterrichtes noch nicht bei ihm nachgewiesen 
hätten; auch sandte er in dieser Angelegenheit eine Be- 
schwerde an das Ministerium. Die Regierung entkräftete 
den gegen ihre Lehrer erhobenen Vorwurf durch den 
Hinweis, dass z. B. Caro ein recht zweckmässiges und 
vielfach eingeführtes Lehr- und Lesebuch der hebräischen 
Sprache herausgegeben hätte, aber anderseits gab sie 
auch zu, „dass die Religion, welche von diesen Lehrern 
gelehrt wird, kaum einen leisen Anstrich von Abrahamis- 
mus hat, sonst ist sie weder jüdisch, noch christlich, noch 
heidnisch; es ist die reine Vernunftreligion. Daher sind 
hier christliche Eltern sehr geneigt gewesen, ihre Kinder 
in jüdische Schulen zu schicken; für die Mehrzahl der 
Juden aber erscheinen sie als ein Greuel" x ). Trotzdem 
auch das Ministerium sich Eigers Vorstellungen gegen- 
über ablehnend verhielt und in dem Antwortschreiben 
vom 30. November klar und unzweideutig hervorhob: „Es 
zeigt sich leider im Grossherzogtum Posen eine besondere 
Abneigung gegen die Bestimmungen der gedachten Ver- 
ordnung auch bei solchen Personen, von denen zu er- 
warten gestanden, dass sie die wohlwollende Absicht zu 
würdigen wussten", willigte die Regierung endlich, nach- 



*) Die freien religiösen Auffassungen der öffentlichen jüdischen 
Lehrer bildeten in der Tat die Hauptursache für die geringe 
Frequenz ihrer Schulen; duldeten diese „Neuerer" doch z. B. nicht, 
dass ihre Schüler während der Religionsstunden den Kopf bedeckt 
behielten. 



286 Otto Konopka. 

dem sich auch der Vorstand der israelitischen öffentlichen 
Schulen in der gleichen Angelegenheit verwandt hatte, 
in die vorläufige Beibehaltung der brauchbarsten Indi- 
viduen. Es gab eben vorläufig keinen vollgültigen Ersatz 
an jüdischen Lehrkräften. Die Bemühungen der Behörde 
und des aufgeklärten Judentums wegen Errichtung eines 
jüdischen Lehrerseminars in Posen, nach dem Vorbilde 
der Berliner Anstalt, verliefen ergebnislos, da im Laufe 
der Verhandlungen über diese Angelegenheit der zum 
Leiter ausersehene jüdische Lehrer A. Bock aus Magde- 
burg sich als wenig qualifiziert für das ihm zu über- 
tragende Amt erwies. Auch die Kostendeckungsfrage 
bot unüberwindliche Schwierigkeiten 1 ). So endeten die 
Erörterungen über diesen Plan mit dem Bescheid an Bock 
vom 6. Dezember 1827, „dass von der Errichtung eines 
Seminars in der hiesigen Provinz vor der Hand abgestanden 
worden ist". Ebensowenig befriedigte der Versuch, die 
jüdischen Schulamtsbewerber am hiesigen Hauptschullehrer- 
seminar ausbilden zu lassen. In einem Berichte vom 21. Fe- 
bruar 1835 äusserte sich Seminardirektor Nepilly darüber 
folgendermassen : „Verstattet man den jüdischen Kandidaten 
die Teilnahme am Seminarunterrichte nach Gutbefinden, 
so kommen sie höchstens 8 Tage und gehen mit der 



x ) Die Regierung hatte sich zwecks Aufbringung der nötigen 
Fonds an die jüdischen Korporationen der Provinz gewandt. Von 
114 befragten Judengemeinden waren insgesamt 193 Taler 5 Silber- 
groschen gezeichnet worden, dazu meistens nur als einmalige Ab- 
findung. Unter den Juden zu Rynarszewo, Kreis Schubin, ergab 
die Subskription 10 Silbergroschen, während die Gemeinden von 
Bromberg, Gnesen und Inowrazlaw sich vollständig ablehnend ver- 
hielten. Am opferwilligsten zeigte sich Kempen durch eine Be- 
willigung von 50 Talern. Die Gemeindeältesten hatten diesen Bei- 
trag aber vorsichtshalber mit der Erklärung zugestanden, „dass zur 
Einziehung von den Gemeindegliedern exekutivische Gewalt zu- 
gestanden werden muss". Dergleichen Massnahmen waren in früherer 
Zeit bei ähnlichen „freiwilligen" Leistungen durchaus üblich. So 
berichtete Oberbürgermeister Tatzler am 12. September 1826 an die 
Regierung: „Dass übrigens die Gemeindeältesten seit undenklichen 
Zeiten diese Zwangsmittel und auf Erfordern auch militärische Hilfe 
erhalten haben, ist wahr." 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 287 

Überzeugung hinweg, dass sie nun alles vollkommen 
wissen. Die Lehrversuche dieser Leute sind so unter 
aller Vorstellung miserabel, dass ich es fast für sündhaft 
halte, zu solchen Experimenten unsere Schulkinder hin- 
zugeben, auf welche ein jüdischer Kandidat immer einen 
possierlichen Eindruck macht" Über besondere Abend- 
kurse für jüdische Schulamtsbewerber am Posener Seminar 
konnte man sich auch nicht einigen, sodass im allgemeinen 
unser Landesteil betreffs der mosaischen Lehrer auf die 
Berliner jüdische Lehrerbildungsanstalt angewiesen blieb. 
Die Vertreibung der jüdischen Winkellehrer hätte sich 
aber auch durch möglichst ausgiebige Ausnutzung der 
vorhandenen „etatisierten" Judenschulen ermöglichen 
lassen; denn während die christlichen städtischen Lehrer 
nur durch eine etwa 30 % ausmachende Schulversäumnis 
ihrer Zöglinge in den Stand gesetzt wurden, ihren an- 
wesenden Schülern bei den stark besetzten Klassen Plätze 
bieten zu können, wiesen die kommunalen Judenschulen 
eine Durchschnittsfrequenz von 30 Knaben auf. Die 
Regierung verzichtete jedoch darauf, die Kinder der durch 
den reaktionären Rabbinismus aufgestachelten unteren 
jüdischen Volksklassen in die verhassten städtischen Juden- 
schulen oder auch in die christlichen Anstalten zu ver- 
weisen, sondern arbeitete mit Unterstützung wohlmeinender 
mosaischer Bürger, besonders des um das jüdische Schul- 
wesen verdienten Kaufmanns Guhrauer, an einer Re- 
organisation im Sinne des Regierungs- und Schulrates 
Jacob. Dieser schrieb in einem Berichte vom 25. Mai 1826 : 
„Es ist die Aufgabe, diese so tief gesunkene Nation in 
eigenen Schulen zu einer menschlichen Bildung zu er- 
heben, so wichtig, dass ihre Lösung die Anstrengung 
aller Kräfte verdient. Man muss das Vertrauen dieser 
durch lange Bedrückung und so viele Bekehrungsversuche 
(vgl Missionsschule ! D. V.) argwöhnisch* gemachten Nation 
zu gewinnen suchen und Zwang nur für die äussersten 
Fälle aufsparen." Als Ausfluss dieser Bemühungen ist 
zunächst die „Instruktion für die jüdischen Elementar- 
schulen" vom 9. August 1826 anzusehen, die das gegen- 



288 Otto Konopka. 

seitige Verhältnis der oft im heftigen Rangstreit stehenden 
„etatisierten" Lehrkräfte regelte und Prüfungen, Ver- 
setzungen, Ferien, Schulversäumnislisten, Lehrstunden und 
Lehrpläne auch bei den Privatschulen genau vorschrieb. 
Auf Betreiben Guhrauers, Caros und der Stadtbehörde 
wurde im September 1826 auch ein Fonds von jährlich 
250 Talern zur Bekleidung und Beschulung armer jüdischer 
Kinder 1) geschaffen. Ausserdem wählten die mosaischen 
Gemeindevorsteher sechs der besten Winkellehrer aus, 
denen die Regierung die vorläufige Unterrichtserlaubnis 
mit der Beschränkung erteilte, „dass sie sich weiter aus- 
bilden oder künftig fähigeren Lehrern ihre Stellen ab- 
treten müssten. u Von dieser Zeit ab hatten die unbefugten 
Winkellehrer keine ruhige Stunde mehr. Wo der Spür- 
sinn der Polizei versagte, half die Angeberei der Kon- 
kurrenten nach, die als Grund ihrer Betätigung bald die 
ungerechte Schmälerung ihres ohnehin recht dürftigen 
Einkommens, bald „das Interesse für die heilige Sache 
der Jugenderziehung" in das Feld führten. Ja, einer dieser 
„Kollegen" Hess sich sogar von einem Winkellehrer als 
Hilfskraft anwerben, um den Vertrauensseligen um so 
sicherer zur Verantwortung ziehen zu können. Trotzdem 
ist es in Anbetracht der Findigkeit und der Verbindungen 
der „Kinderwärter" erklärlich, dass die Regierung nur 
sehr langsam mit der Aufräumearbeit vorwärts kam. 
Nach mehr als einjähriger Tätigkeit in dieser Angelegen- 
heit ging dem Magistrat noch der Klagebrief eines ge- 
prüften Lehrers zu: „Ich weiss nicht, ob ich es einem 
unglückseligen Verhängnis zuschreiben soll, dass die 
Winkellehrer jedesmal vorher ganz genau wussten, dass 
ein Besuch der Anstalt von irgend einem Polizeibediensteten 
stattfinden würde und also natürlicherweise weder Schüler 
noch Lehrer zu sehen waren." Dabei traten die Behörden 
mit der grössten Strenge auf. Man erwog sogar den Gedanken, 
ob es gesetzlich angängig wäre, die Haustüren solcher 
Privatschulen „zum Öffnen unbrauchbar zu machen" und 

!) Seit 1845 wirkte in demselben Sinne bei erweitertem 
Arbeitsfelde der „jüdische Töchterverein". 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 289 

die Hausbesitzer, welche ihre Räume an Winkellehrer 
vermieteten, mit hohen Geldstrafen zu belegen. Die 
überführten Schulhalter machten aus Angst vor Strafe 
zuweilen die sonderbarsten Ausflüchte. Im Februar 1835 
gab z. B. einer derselben zu Protokoll: „Bisher habe ich 
eine Schule eigentlich noch gar nicht eröffnet; es sind 
eben nur Kinder zu mir gekommen, denen ich Unter- 
richt erteilte!" Ein anderer Glaubensgenosse entschul- 
digte seine unbefugte Tätigkeit mit der Angabe, 
dass die Eltern seiner Zöglinge ihn wegen Eröffnung 
einer Schule „gar zu sehr gequält" hätten. Zur 
Ablegung der erforderlichen Prüfung war den ein- 
zelnen Schulvorstehern eine bestimmte Frist gesetzt. Ein 
hierbei vergessener Bewerber bat die Behörde „aller- 
ergebenst und hochgeneigtest, zum bemerkten Examen 
das Höhere zu veranlassen." Zur Erlangung eines 
weiteren Aufschubs in der Prüfungsangelegenheit mussten 
oft recht sonderbare Momente mitwirken. Einen der 
Herren verfolgte das Unglück so hilfsbereit, dass er wegen 
„eines eben verrenkten Beines" den nächstspäteren Ter- 
min erbitten konnte. Der „Spätherbst der Jünglingsjahre" 
war ebenfalls ein Hemmnis für schnelle Arbeit. Ausführ- 
licher berichtete ein Bewerber am 16. Juni 1840 über ähn- 
liche Hinderungsgründe: „Ich wollte mich zu diesem Behufe 
(Prüfung) ein Vierteljahr früher hierzu präparieren, allein 
als ich hierzu den Geist ein wenig anspannen wollte, 
stieg mir das Blut in den Kopf. Ich musste sofort die 
Präparation wieder einstellen und mir Blutigeln (!) ansetzen 
lassen, und noch bis jetzt muss ich dreimal wöchentlich 
Fussbäder nehmen." Auch durch flehentliche Bitten 
suchte man das scharfe Vorgehen der Behörden zu be- 
einflussen. „Mir bleibt weiter nichts übrig", schrieb 
ein alttestamentlicher Glaubensgenosse, „als in Hunger 
mein bisschen zersplittertes Lebensgeist zu opfern." 
Zweckmässiger und ausführbar war der Antrag eines 
Bewerbers, sich „nur für Pudewitz" prüfen zu lassen. 
Endlich hatten es viele, aus Mangel an wirksamen 
Gegenmitteln, vorgezogen, „in die Welt zu gehen". 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XXVI. 19 



290 Otto Konopka. 

Endgültige Resultate zeitigte der Kleinkrieg erst seit der 
Regelung des Judenschulwesens im Jahre 1829/30. Auf 
Vorschlag Guhrauers vom Juni 1829 erklärte sich die 
Regierung am 14. August desselben Jahres mit einer dies- 
bezüglichen Einrichtung einverstanden, die der Ober- 
bürgermeister Tatzler dann am 28. Februar 1830 durch 
eine Bekanntmachung, sowie die Rabbiner in der Syna- 
goge durch Verlesen und öffentlichen Anschlag zur all- 
gemeinen Kenntnis brachten. Nach dieser Bestimmung 
gab es fortan in der Stadt 5 jüdische Vorschulen, in denen 
die Kinder bis zum 7. Lebensjahre nur im Hebräischen 
unterrichtet wurden. Dann traten sie nach freier Wahl 
in eine der 8 „Vorbereitungsschulen für die oberen Ele- 
mentarklassen" ein. Beide zuerst genannten Schul- 
gattungen standen übrigens zu den öffentlichen Fonds in 
keiner Beziehung und waren demnach nichts weiter als 
konzessionierte Privatschulen. Erst die erfolgreichen Ab- 
solvierungen einer „Vorbereitungsschule" berechtigten zum 
Eintritte in eine der 4 öffentlichen jüdischen Freischulen, die 
„oberen Elementarklassen" von Breslauer, Caro, Rosen- 
berg und Abstein. Ausser den genannten 17 Lehrern 
mussten alle übrigen, ohne Rücksicht auf irgend einen 
bereits erlangten Konsens, ihre Schulen binnen 3 Monaten 
schliessen. Die Ausnutzung der nun dargebotenen Bil- 
dungsmöglichkeit durch die jüdische Bevölkerung wurde 
durch heilsame Vorschriften der „Vorläufigen Verordnung 
wegen des Judenwesens" gewährleistet, indem beispiels- 
weise erst ein vollgültiges Abgangszeugnis einer der vier 
letzten Schulen zum Eintritte in bürgerliche Berufsarten 
berechtigte 1 ). Mit der preussischen Verfassung fielen 
endlich sämtliche beschränkende Verordnungen über die 
Judenschulen fort, so dass seit jener Zeit eine Absonde- 
rung zu eigenen Schulverbänden nur auf besonderen An- 
trag des Vorstandes der Synagogengemeinde erfolgen 
durfte, und somit von einer weiteren gesonderten Dar- 
stellung des Judenschulwesens abgesehen werden kann. 



J) Warschauer, a. a. O. Teil IV. 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 291 

Bei Erörterung der Sonderbestrebungen innerhalb 
des jüdischen Privatschulwesens können die sogenannten 
Religionsschulen, deren erste durch Dr. Joseph Perles 
1862/63 gegründet wurde, unberücksichtigt bleiben. Die 
Schüler dieses Institutes besuchten nämlich ausnahmslos 
höhere Lehranstalten, in denen jüdische Religion nicht 
als Lehrfach galt. Damit musste diese Schule inbezug 
auf Bestrebungen und Rechte den christlichen Konfir- 
mandenanstalten gleichgeachtet werden, was auch durch 
Regierungsverfügung vom 25. November 1869 zum Aus- 
drucke kam. Mit der dadurch ausgesprochenen Aufhebung 
des Aufsichtsrechtes der Ortsschulbehörde verlor die Ein- 
richtung auch ihren Charakter als Privatschule. Um so 
schärfer trat dagegen eine Sonderbestrebung von anti- 
mosaischer Seite hervor. Am 16. November 1826 kam 
das „Komitee der Gesellschaft zur Beförderung des 
Christentumes unter den Israeliten" bei der Regierung 
um einen Erlaubnisschein zur Errichtung einer Elementar- 
schule für jüdische Kinder ein. Die Antwort vom 
4. Dezember 1826 knüpfte die Genehmigung an die Be- 
dingung der Anstellung geprüfter Lehrer. Zunächst leitete 
Prediger Wermelskirch die Unterweisung der Zöglinge 
beiderlei Geschlechtes, deren Zahl im Jahre 1827 bereits auf 
70 stieg, was unter Berücksichtigung der anfänglich recht 
mangelhaft organisierten Judenschulen und in Anbetracht 
des unentgeltlichen sachgemässen Unterrichtes erklärlich 
ist. In der Folge wechselten die Lehrer der mit Aus- 
nahme des Jahres 185 1 stets einklassigen Schule recht 
häufig. Von längerer- Dauer und nachhaltigem Einflüsse 
war eigentlich nur die Wirksamkeit des Lehrers Bandtke 
aus Fraustadt (1838 — 52) und seines Nachfolgers Wagner. 
Betreffs der Lehrfächer und der Organisation zeigte die 
Missionsschule eine fast völlige Übereinstimmung mit den 
Posener Elementarschulen. Aber schon der Gedanke, 
welcher der Errichtung dieser Anstalt zu Grunde lag, 
lässt vermuten, dass das Institut sich nicht der besonderen 
Gunst aller Volkskreise erfreute. So schrieb im Jahre 
1829 ein besorgter Vater: „Alles Wissenschaftliche, das 



292 Otto Konopka. 

jugendliche Herz wahrhaft Bildende hat in der Schule 
aufgehört, und es wird darin nur die Bibel gelesen, ja 
studiert. Mögen die Kinder bei reiferem Alter selbst 
prüfen und wählen, nicht aber durch die dem kindlichen 
Sinne eingeflössten Dogmen zu aller ferneren Selbst- 
beurteilung unfähig und den Wünschen ihrer Eltern ab- 
trünnig gemacht werden." Auch der Magistrat lag mit dem 
Komitee in häufiger Fehde, allerdings handelte es sich 
dabei ausnahmslos um Kompetenzkonflikte. Im Berichts- 
jahr 1861/62 zählte die Missionsschule nur noch 12 Zög- 
linge; seit 1863 wird sie in keiner Übersicht erwähnt. 

Bis auf den heutigen Tag besteht dagegen ein 
anderes ausgesprochen konfessionelles Erziehungsinstitut 
aus früherer Zeit, das, nachdem es mancherlei Wande- 
lungen durchlaufen hat, manchem Posener als katholische 
Waisenanstalt im ehemaligen Philippinerkloster (unter der 
langjährigen Leitung der Oberin Alexandra Heese vom 
Culmer Vinzentinerinnenorden) bekannt sein dürfte. Im 
Oktober 1848 trat diese private Anstalt zur Pflege der 
Waisenkinder ins Leben, deren Eltern der Choleraepidemie 
des Jahres zum Opfer gefallen waren 1 ). Die Fortsetzung 
und das verstärkte Wiedereinsetzen der Krankheit in 
den nächsten Jahren bewog den Magistrat, wegen 
Unterbringung der an Zahl zunehmenden städtischen 
Waisen mit dem Kuratorium (Mielczynski, Prusinowski, 
Brzezinski, Cegielski u. a.) in Verbindung zu treten. 
Gegen eine Vergütung von jährlich je 20 Talern für 
Verpflegung und 4 Talern für Kleidung übernahm das 
Philippinerwaisenhaus, wahrscheinlich seit 1851/52, die 
der Stadt zufallende Unterhaltungspflicht aller hinter- 
bliebenen Kinder, so dass die Frequenzliste der Anstalt 
im Jahre 1852 102 Zöglinge nachwies, während das auf 
Anregung des Landgerichtsrates Boy gegründete Mädchen- 
Waisenstift im ehemaligen Franziskanerkloster 185 1 nur 
30 Waisen Unterkunft bot. Da die für das Philippiner- 
Waisenhaus geltenden Satzungen den Aufenthalt der 

l ) Joseph Samter, Geschichte der Choleraepidemieen in der 
Stadt Posen. Ztschrft. d. Hist. Ges. Bd. II. 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 293 

Kinder ausserhalb der Klosterräume verboten, hatte das 
Komitee unter dem 21. August 1850 die behördliche Er- 
laubnis erwirkt, eine eigene Schule unter der Mitarbeit 
der Schwestern und einiger Kleriker des Priesterseminars 
zu begründen. Die um das Wohl ihrer Waisenkinder 
eifrig bemühte Stadtarmendeputation beauftragte eine 
Kommission von 4 Mitgliedern unter Leitung des Stadt- 
rates Au mit einer Visitation der Anstalt (25. Oktober 
1851). „Die Kommission war über die überall herrschende 
Sauberkeit, Reinlichkeit und Ordnung überrascht; dagegen 
konnte sie sich mit dem Unterrichte nicht einverstanden 
erklären, indem derselbe nur in polnischer Sprache erteilt 
wird". Noch im November desselben Jahres empfahl 
daher der Magistrat der städtischen Schuldeputation die 
Prüfung und Besserung der Unterrichtsverhältnisse im 
Philippinerwaisenhause und veranlasste die Beaufsichti- 
gung der Schule durch einen Lokalschulinspektor. Nach 
Ablehnung dieses Amtes durch Seminardirektor Nitsche 
wurde es dem städtischen Schulinspektor Liszkowski 
übertragen, der in einem Berichte vom 27. Februar 1853 
ein klares Bild der Schule lieferte: In einem ungewöhn- 
lich grossen Räume sassen an Tischen einander gegen- 
über an der einen Wandseite 3 Abteilungen Knaben, an 
der anderen 3 Mädchen-Unterrichtsgruppen. Der unter- 
richtende Kleriker unterwies die unterste der 6 Abteilungen 
im Polnischen, während die 5 anderen Gruppen durch 
ein „wenn auch nicht ganz lautes, so doch ziemlich 
dumpfes Gemurmel" grosse Störung verursachten. Der 
Lektionsplan bezeichnete 8 Kleriker als Lehrer und wies 
dem Religionsunterrichte ein Drittel aller Schulstunden zu. 
Zum Schlüsse gab der Revisionsbericht dem Gedanken 
Ausdruck, „dass ein tüchtiger Elementarlehrer oder Schul- 
amtskandidat mehr leisten dürfte als alle Clerici zu- 
sammen, die keine Schulmänner sind, auch kernen Unter- 
richt erteilen, wenn sie in der Kirche Beschäftigung 
haben". Der Magistrat schloss sich diesem Urteil offen- 
bar an; denn er forderte am 4. März 1853 das Komitee 
des Waisenhauses zu zweckmässigen A band erungs vor- 



294 Otto Konopka. 

schlagen betreffs des Unterrichtes auf, da er „verpflichtet 
sei, den Waisenkindern der Kommune mindestens die 
Bildung zu geben, welche die städtischen Elementarschulen 
zu gewähren imstande sind". „Nach den Hundstagsferien" 
wurde denn auch ein geprüfter Lehrer, Jakob Stankiewicz r 
an die Anstalt berufen. Als eine weitere segensreiche 
Neuerung erwies sich der 1861 erfolgte Ankauf des noch 
heute zum Institute gehörigen Gartens, auf dessen Not- 
wendigkeit schon ein Bericht des Stadtrates Daehne vom 
13. April 1854 hinwies: „Nach dem Aussehen der Kinder 
zu schliessen, sitzen dieselben zu viel in den klösterlichen 
Räumen; es fehlt ihnen frische Luft und die alles belebende 
Sonne, Spiele und körperliche Bewegung". Während 
die Stadt in den Jahren 1865 — 1867 noch 18, bezw. 23 
und 29 Zöglinge in dem Waisenhause untergebracht 
hatte, ging sie nach dieser Zeit inbezug auf die Waisen- 
pflege offenbar noch mehr zur Erziehung der Kinder 
innerhalb bestimmter Familen über, wofür das „Regulativ 
für die Stadt-Waisendeputation" vom Jahre 1870 ein deut- 
licher Beweis ist. Seit 1870 sah das Kuratorium daher 
auch von der Anstellung eines besonderen Waisenlehrers 
ab und übertrug das Lehramt der Schwester Josepha 
Klingenberg, die ein Lehrerinnenzeugnis aus Culm auf- 
weisen konnte. Im Jahre 1874 wurde die Schule zugleich 
mit der Armenschule der Ursulinerinnen und der Seminar- 
übungsschule (Verlegung des Seminars nach Rawitsch) 
aufgelöst. Noch heute besuchen die schulpflichtigen Kinder 
unter den 55 Waisenhaus-Zöglingen die städtische Elemen- 
tarschule. 

Als Privaterziehungsanstalten bestimmter Sonder- 
richtung kommen ferner die Kongregationsschulen der 
Ursulinerinnen und der „Damen vom heiligen Herzen 
Jesu" im Betracht. Über das erstere Institut ist das Not- 
wendigste bereits in der „Geschichte der Königl. Luisen- 
stiftung zu Posen" Seite 55 und 56 Anm. erwähnt worden. 
Während diese Anstalt, unterstützt von der besonderen 
Gunst der Czarneckis und Sulkowskis, sich die Erziehung 
der weiblichen Jugend des niederen polnischen Adels und 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 295 

<ies besseren polnischen Bürgerstandes zum Ziele setzte, 
verfolgte der „Orden vom heiligen Herzen Jesu", gefördert 
durch die Familie Chlapowski, dieselben Bestrebungen 
betreffs der Töchter der vornehmsten polnischen Magnaten- 
geschlechter. Beide Institute dürfen wohl in eine gewisse 
Beziehung zu einer an den König gerichteten Bitte der 
zum siebenten Provinziallandtag versammelten Stände des 
Grossherzogtums Posen (am 14. März 1845) g esetzt werden. 
Wies doch damals bereits Fürst Radziwill auf die Tätigkeit 
der Ursulinerinnen in Breslau hin und veranlasste das 
Kultusministerium zu Erwägungen über die Einrichtung 
einer ähnlichen Anstalt im aufgehobenen Nonnenkloster 
zu Olobok! „Wenngleich die inzwischen (1848) einge- 
tretenen Verhältnisse in der Provinz Posen es nicht rätlich 
erscheinen Hessen, auf die Gründung einer solchen Schule 
einzugehen", so war dieser Gedanke von dem führenden 
Polentum offenbar doch nicht ganz aufgegeben worden. 
Nachdem auf Empfehlung des hiesigen Erzbischofs die 
Oberin Bernarda v. Morawska durch den Konsens vom 
26. November 1857 dem Ursulinerinnenkonvent eine Heim- 
stätte in unserer Stadt verschafft hatte, bemühte sich seit 
dem Januar 1858 Anna Marie von Lommeßen, die bis- 
herige Vorsteherin eines Erziehungsinstitutes der „Damen 
vom heiligen Herzen Jesu" in Warendorf, unter Berufung 
auf ein sehr günstiges Urteil des Bischofs von Münster 
um gleiche Zugeständnisse für ihren Orden. Da sie 
aber kein Zeugnis für ihre Lehrbefähigung besass, wurde 
<ier Erlaubnisschein für die Anlegung der Schule am 
17. September 1858 an die Schwester Klara Bender erteilt. 
Der Konvent gewann für seine Niederlassung das Grund- 
stück Mühlenstrasse 11, welches als Besitz des früheren 
Präfekten v. Poninski auf den Grafen Radolinski und 
dann auf den Kaufmann Th. v. Kaczkowski übergegangen 
war. Heute führt dieses Haus die Bezeichnung Viktoria- 
strasse 17 (Besitzer: Leitgeber) und ist um viele Par- 
zellen verkleinert, die früher als Garten der Ordens- 
schwestern sich bis zur Pauli-Kirch- und Oberwall- 
strasse hinzogen. Über die Erziehungsanstalten des 



296 Otto Konopka. 

Konvents gibt ein Magistratsbericht an die Regierung- 
vom 8. Januar 1863 Aufschluss. Danach zählte das Pensio- 
nat 42 auswärtige Schülerinnen. Ein Externat als höhere 
Mädchenschule für die Töchter der einheimischen polni- 
schen Bevölkerung, wie es die Ursulinerinnen unterhielten 
bestand nicht. Auch wusste der Orden durch ein recht 
hohes Pensionsgeld die weniger vornehmen Kreise von 
seinem Unternehmen fernzuhalten. Von den 20 Ordens- 
schwestern wirkten 12 als Lehrerinnen, obgleich nur 4 
sich erfolgreich einer Prüfung unterzogen hatten. „Überall 
herrschte die grösste Ordnung, und die Disziplin wurde 
mit unbedingtem Erfolge" gehandhabt. Die Schülerinnen 
bildeten sechs Klassen, einschliesslich einer Vorbereitungs- 
abteilung, in der die Zöglinge die elementarsten Kennt- 
nisse als Vorbedingung für den Eintritt in die eigentliche 
Erziehungsanstalt erwerben sollten. Als Unterrichtssprache 
galt das Polnische bezw. Französische. Den Religions- 
unterricht erteilte der damals vielgenannte Domherr v. Koz- 
mian, der wohl auch als Seele des ganzen Unternehmens 
angesehen werden darf. In den technischen Fächern, 
natürlich mit Ausnahme der weiblichen Handarbeiten, 
unterrichteten männliche Lehrkräfte. Die Schülerinnen 
durften das Ordenshaus nur zu den Ferien verlassen; zur 
Erholung und körperlichen Bewegung bot der grosse 
Garten ausreichend Gelegenheit. Diesem Erziehungs- 
institut war eine zweiklassige Armenschule angegliedert, 
die im Berichtsjahre von 100 Mädchen besucht wurde. 
Ausser unentgeltlichem Unterrichte erhielten viele dieser 
Schülerinnen von den Schwestern auch warmes Mittag- 
brot, ja vielfach sogar Bekleidung. Das Schulinspektorat 
über die ganze Anstalt hatte Domdechant Brzezinski 
übernommen. Eine grosse Abweichung in der bisherigen 
Organisation beweist der Bericht vom Jahre 1869. Die 
Zahl der als Lehrerinnen geprüften Ordensschwestern, 
die der französischen, polnischen und deutschen Natio- 
nalität angehörten, betrug 12, trotzdem die Armenschule 
nur 56, das Pensionat allerdings 53 Schülerinnen zählte. 
Die Klasseneinteilung trug jetzt den einzelnen Lehrfächern 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 297 

in weitestem Masse Rechnung. Es bestanden 5 Klassen 
für Deutsch, 5 für Polnisch, 5 für Französisch, 5 für 
Rechnen und 3 für Religion. „Die Zöglinge treten in die 
verschiedenen Klassen ein, je nachdem es dem Grade ihrer 
Kenntnisse entspricht". So konnte also beispielweise eine 
Schülerin zugleich der „Prima" der polnischen und der 
„Quinta" der deutschen Abteilung angehören. Im Jahre 
187 1 war die Armenschule bereits einklassig geworden, 
während das Pensionat noch 57 Zöglinge umfasste. Seit 
dieser Zeit verschwinden die Anstalten des Ordens aus 
den Nachweisungen des Magistrates über die Privat- 
schulen. In dem Adressbuch für Posen von 1872 findet 
sich der Herz- Jesuorden aber noch unter Mühlenstrasse 11 
verzeichnet. Dagegen wandte sich der Magistrat am 
26. August 1872 wegen einer Ermittelung in Schulsachen 
bereits an die Oberin in Wilda. Von hier aus erfolgte 
auch am 1. September 1872 die Antwort der Vorsteherin 
Klara Bender. Nach diesem Schreiben ist es sicher, dass 
die Schule noch in dem neuen Heim (dem heutigen 
Garczynski-Stift) weiterbestand. Die erwähnte Auskunft 
spricht von 130 Schülerinnen und 10 Lehrerinnen. Als 
sich der Kulturkampf verschärfte, und Kohleis sein für 
unsere Provinzialhauptstadt so wirkungsvolles Prinzip 
der Simultanschule durchführte, suchten sich die Ordens- 
schwestern ein günstigeres Arbeitsfeld. Damit löste sich 
die Schule der „Ordensfrauen vom heiligen Herzen Jesu", 
wahrscheinlich im Jahre 1873, auf. 

Was die hiesigen Kongregationsschulen bei der Er- 
ziehung der polnischen weiblichen Jugend bezweckten, 
erstrebte mit grösserer Energie für den heranwachsenden 
männlichen Teil der slawischen Bevölkerung Posens 
die Erziehungsanstalt des Geistlichen Johann v. Kozmian. 
Schon die Persönlichkeit des Domherrn sowie seine Be- 
tätigung vor dem Eintritt in den geistlichen Stand lassen 
vermuten, dass die Gründung seines Institutes jedenfalls 
weniger aus pädagogischen als aus politischen Er- 
wägungen heraus erfolgte. Als er sich weder durch 
die Beteiligung an dem polnischen Aufstande 1830/31 



298 Otto Konopka. 

noch durch seine nahe verwandschaftliche Verbindung mit 
dem gräflich Chtapowskischen Hause der Verwirklichung 
seiner nationalpolnischen Bestrebungen näher gerückt sah, 
suchte er offenbar durch schriftliche und persönliche 
Einwirkung auf das kommende Geschlecht die nationale 
Selbständigkeit Polens anzubahnen. Ersterem Zwecke 
diente seine schriftstellerische Tätigkeit als Herausgeber 
der Monatsschrift „Przeglad Poznanski" und als Verfasser 
verschiedener Abhandlungen, z. B. der „Vorlesungen aus 
der polnischen Geschichte". (Posen 1862, poln.) Letztere 
Absicht wies ihn, nach dem Übertritt zum geistlichen 
Berufe, auf die Jugenderziehung hin. Sein Vorhaben wurde 
durch den Erzbischof Przyhiski unterstützt, der mit der 
Gründung eines gutorganisierten polnischen Pensionates in 
Posen die Erziehung der Adelssöhne Polens im Auslande, 
namentlich in der Jesuitenschule zu Tarnopol in Galizien, 
hintertreiben wollte. In Nr. 14 des (polnischen) „Katho- 
lischen Wochenblattes" des Jahres 1860 erschien daher 
eine Bekanntmachung Kozmians: „Mit dem 1. Oktober 
eröffne ich ein Pensionat für die katholische Jugend, 
welche Posener Schulen besucht . . Geistliche Aufsicht 
und die nötige Hilfe in den Wissenschaften wird zuge- 
sichert." Zwei tüchtige Geistliche stellte ihm der Erz- 
bischof hierfür zur Verfügung. Mit materieller Hilfe der 
gräflich Zoltkowskischen Familie und ungenannter Spen- 
der erwarb der bereits am Institute der „Damen vom 
Herzen Jesu" erzieherisch tätige Kapellan das Grundstück 
Fischerei 28 und zeigte in einem polnischen Anschreiben 
vom 5. November 1860 dem Magistrat die Eröffnung 
seiner Anstalt unter der gleichzeitigen Ankündigung an, 
dass er nebenher mit den beiden Geistlichen armen 
Kindern Privatunterricht erteilen, aber keine Privatschule 
einrichten wolle. Trotzdem baute Joh. v. Kozmian dieses 
letztere Unternehmen bald zu einer vollständigen Schule 
mit 2 Klassen und 60 Schülern aus, wenngleich er in 
seinem Verantwortungsschreiben gegenüber Magistrat und 
Polizeidirektion diese Tatsache durch sonderbare Einwände 
zu entkräften suchte — nämlich durch den Hinweis auf die 



Das Privatschalwesen der Stadt Posen seit 1815. 299 

Unentgeltlichkeit des Unterrichts, die Auswahl der Schüler 
nach seinem eigenem Ermessen und die Altergrenze von 
13 Jahren für den Verbleib in der Anstalt. Trotz des Ver- 
stosses gegen die Ministerialinstruktion von 1839 sah die 
Regierung in ihrem Bescheide vom 31. März 1862 von 
der Aufhebung dieser nicht zu Recht bestehenden Grün- 
dung ab und forderte nur die Beibringung des Befähi- 
gungsnachweises für das Lehramt seitens des Leiters 
und seiner Gehülfen, da die Behörde „das ehrenwerte, ge- 
meinnützige Unternehmen des p. Kozmian nicht verkenne". 
Aber von verschiedener Seite auf die politische Betäti- 
gung des erst 1849 naturalisierten Geistlichen aufmerksam 
gemacht, und in Erwägung der Tatsache, dass die 
Lehrenden von der Forderung des Qualifikationsnach- 
weises keine Notiz nahmen, verfügte die Behörde am 
25. April 1862 die Schliessung der Freischule, die sich 
im Hause des Tischlermeisters Sobczinski, Langestrasse 8, 
befand. Der Gründer hoffte durch eine Eingabe an das 
Ministerium, unterstützt durch ein Bittgesuch von 41 El- 
tern seiner ehemaligen Schüler, die Zurücknahme der 
Regierungsverfügung zu erzwingen, wagte aber bis zum 
endgültigen Entscheide doch nicht, die Schule wieder zu 
eröffnen, sondern beschränkte sich nur auf einen gemein- 
samen Maigang der Knaben und der 5 Geistlichen nach 
Urbanowo. Am 14. Juli 1862 schrieb das Ministerium 
an Kozmian, dass es dem Beschlüsse der Regierung zu- 
stimme und er bei einiger Selbstprüfung wohl ohne 
weiteres einsehen werde, „dass ausreichend Gründe vor- 
liegen, ihm das für die Erteilung einer solchen Kon- 
zession erforderliche Vertrauen zu versagen", zumal die 
Stadt für die Erziehungsbedürftigen in ausreichender 
Weise sorge. Um so grössere Sorgfalt verwandte Joh. 
v. Kozmian nun auf den Ausbau des Pensionates. Wäh- 
rend es zur Zeit der Auflösung der Freischule nur 31 In- 
länder und 12 Ausländer des vornehmen polnischen Adels 
{Czarlinski, Chlapowski, Poninski, Potulicki u. a.) in dem 
gemeinsamen Pensionshause auf der Fischerei und in 
einigen Mietszimmern des Hauses Schützenstrasse 4 Unter- 



300 Otto Konopka. 

kunft bot, gliederte es sich, jedenfalls schon seit Michaelis 
1862, in zwei gesonderte wohlorganisierte Zweiginstitute. 
Im „Elenchus universi cleri . ." des Posener Erzbistums 
vom Jahre 1864 wurde das Kozmiansche Unternehmen 
als ein Erziehungsinstitut mit einem Direktor und 7 Leh- 
rern aufgezählt. Diese Angabe machte es der Schulauf- 
sichtsbehörde zur Pflicht, sich über die offenbar doch 
nicht mehr den Charakter eines Pensionates tragende 
Anstalt zu informieren. Aus dem Revisionsberichte 
der beiden zu diesem Zwecke zu Joh. v. Kozmian 
entsandten Regierungsvertreter, Dr. Milewski und Mar- 
cinowski, ergibt sich folgendes Bild über die Organi- 
sation der Unternehmung. Alle Zöglinge besuchten 
die höheren Schulen der Stadt, vorwiegend das 
Marien-Gymnasium, einige auch die Realschule und die 
Privatschule des Dr. Rymarkiewicz. Die Söhne der vor- 
nehmeren und wohlhabenderen Adelsgeschlechter bevor- 
zugten die Zweiganstalt des Pensionates im ehemaligen 
Hotel de Vienne, Ecke St. Martin und Petriplatz 1 ). Das 
jährliche Verpflegungsgeld betrug hier 220 Taler. Unter 
den 33 Zöglingen waren auch 12 Ausländer. Die Schul- 
arbeiten wurden in einem gemeinsamen Arbeitssaale unter 
Beihülfe und Aufsicht von 6 Geistlichen angefertigt. Die 
zurückgebliebenen Schüler arbeiteten, unterstützt von 
einem als „Correpetitor" tätigen Primaner des Friedrich- 
Wilhelm-Gymnasiums in 2 gesonderten Räumen. Eine 
besondere Hausordnung regelte den Tageslauf der Zög- 
linge bis ins kleinste. Der Arbeitstag begann früh 572 
Uhr nach vorangegangenem Messgottesdienste in der 
eigenen Hauskapelle, die dem Schutzpatron der polnischen 
studierenden Jugend, Joh. Cantius, geweiht war. Die 
Schüler und die 6 Geistlichen hatten einen gemeinsamen 
Arbeits-, einen Speise- und einen Schlafsaal. Die Zucht 



!) Jedenfalls war diese Wirkungsstätte an die Stelle des ge- 
planten polnischen Konvikthauses auf der Langenstrasse getreten. 
Die zu diesem Zwecke seitens der polnischen Edelleute und der 
Geistlichkeit gezeichneten Aktienbeiträge sollen 1862 bereits 50000 
Taler betragen haben. 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 301 

war straff aber nicht rücksichtslos. Spaziergänge durften 
nur gemeinsam unter der Leitung der Geistlichen vor- 
genommen werden. Die für Musik, Malen u. dergl. be- 
gabten Zöglinge erhielten im Institut durch besondere 
Lehrer ihre Ausbildung. Dieselben Bestimmungen galten 
auch für die 43 Zöglinge der weniger vornehmen Anstalt 
auf der Fischerei, der nur 2 Geistliche vorstanden. Hier 
wurden an Pensionsgeld auch nur 60 Taler jährlich er- 
hoben. — Unter Berücksichtigung aller dieser Umstände 
berichteten die Revisoren am 26. März 1864, „dass sich 
das Pensionat zu einer vollständig organisierten Privat- 
erziehungsanstalt ausgebildet hat, in welcher Kozmian mit 
Hilfe von 6 (8) seitens des Herrn Erzbischofs designierten 
Geistlichen die ganze Erziehung bis ins kleinste Detail 
leitet". Da dies Institut betreffs der Konzession und der 
Qualifikation der Lehrkräfte die Bestimmungen der überall 
mit grösster Schärfe durchgeführten Ministerialinstruktion 
über das Privatschulwesen nicht erfüllte, ordnete die Re- 
gierung am 3. August 1864 die Schliessung der Anstalt 
mit dem 1. Oktober an. Unter Hinweis auf die Kürze 
der bewilligten Frist, die Passschwierigkeiten der aus- 
wärtigen Zöglinge und die Kontraktabschlüsse mit den 
Interessenten wandte sich Joh. v. Kozmian am 31. August 
mit einem Bittgesuch an das Ministerium, nachdem bereits 
am 23. August Domherr Grandke und Cajetan v. Morawski 
aus Jurkowo, Kreis Kosten, beim Minister dieserhalb eine 
Audienz erbeten hatten. Das Ministerium verschob infolge- 
dessen im Einverständnisse mit der Regierung zu Posen 
die Auflösungsfrist des Institutes, dessen Zweiganstalt von 
der Fischerei bald darauf nach dem ehemaligen Marien- 
gymnasium auf der Taubenstrasse übersiedelte, auf den 
1. April 1865. Aber „aus Anlass mehrseitiger Aller- 
höchsten Ortes zu Gunsten dieser Anstalt eingetretenen 
Verwendungen" bestimmte die Behörde am 24. April 1865, 
„dass das Pensionat vorbehaltlich jederzeitigen Wider- 
rufes vorläufig unter der Bedingung noch zu dulden sei, 
dass keine dem Auslande angehörenden Zöglinge in das 
Institut aufgenommen werden dürfen und die fernere Be- 



3°2 Otto Konopka. 

aufsichtigung der Erziehungsanstalt ihre feste Regelung 
finde". Und diese angeordnete strenge Aufsicht tat zu- 
weilen not, da der Anstaltsleiter beispielsweise nicht hin- 
dernd in den Weg trat, als ein fanatischer Geistlicher 
seines Institutes gelegentlich der Frühmesse in der Pfarr- 
kirche das Absingen polnischer Nationallieder seitens der 
Kozmianschen Zöglinge nicht nur duldete, sondern offenbar 
begünstigte. Noch unliebsamere Vorkommnisse spielten 
sich in dem Siegesjahr 1870 ab. Als am Abende des 
19. August aus Anlass der eingegangenen Siegesnach- 
richten eine Schar junger Leute jubelnd und singend die 
Strassen unserer Provinzialhauptstadt durchzog, wurde 
sie aus den Fenstern des Kozmianschen Instituts mit 
Steinwürfen empfangen. Der Anstaltsleiter bestritt auf 
Grund seiner Untersuchung zwar alle Tatsachen, ja er 
suchte sie sogar durch Zeitungserklärungen zu widerlegen, 
aber die polizeilichen und gerichtlichen Nachforschungen 
„lassen keinen Zweifel darüber zu, dass die Sachunter- 
suchung des Herrn v. Kozmian eine unrichtige ist". Wenig 
streng verfuhr die oberste Behörde dagegen bei der Aus- 
weisung der Ausländer aus der Anstalt. Schon im 
Jahre 1866 ordnete sie sogar die Neuaufnahme nicht- 
preussischer Untertanen, der Neffen des Erzbischofs Ledo- 
chowski, an. So konnte die Erziehungsanstalt sich un- 
gehindert ausbauen und zählte nach dem polnisch ge- 
schriebenen Berichte aus dem Jahre 1869 im Hauptinstitut 
45 Zöglinge, 5 Geistliche und 12 Hilfslehrer für den Pri- 
vatunterricht, in der billigen Zweiganstalt 79 Schüler und 
3 Geistliche. Im Jahre 187 1 war dagegen die Frequenz 
auf 31+54 Zöglinge gesunken, und im nächsten Jahre 
ging die Erziehungsanstalt durch die Schuld ihres Leiters 
der Auflösung entgegen. In einem Schreiben vom 29. Fe- 
bruar 1872 regte nämlich Oberpräsident Graf von Königs- 
marck die Aufhebung des Kozmianschen Institutes an, 
„wegen der nachteiligen Gerüchte, die über den Dom- 
herrn im Umlaufe waren", bereits zu Haussuchungen in 
der hiesigen Wohnung des Verdächtigten und in den 
von ihm bewohnten Räumen im Jesuitenkloster zu Schrimm 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 303 

Anlass gegeben und sogar den Erzbischof zur Enthebung 
Joh. v. Kozmians vom Amte eines Ordiniatsrates bewogen 
hatten. Die Aufhebung wurde daraufhin am 1. März von 
dem Minister Falk, dem das preussische Schulwesen 
überaus viel verdankt, ausgesprochen, durch Regierungs- 
verfügung vom 2. März dem Vertreter des abwesenden 
Domherrn, Kaplan Adalbert Wroblewski, bekanntgegeben 
und am 23. März 1872 durchgeführt. Noch heute aber 
hat das Grabmal Joh. v. Kozmians seinen Platz im Posener 
Dom und liefert damit den Beweis, welche bedeutende 
Rolle diese Persönlichkeit einst in dem politisch -kirch- 
lichen Leben Posens spielen wollte und zum Teil auch 
gespielt hat. 

Da der enge Rahmen der Arbeit betreffs der wei- 
teren Schicksale der Posener Privatschulen nur noch die 
Anfügung von 3 Übersichtstabellen der Privatinstitute seit 
1830 gestattet, muss, eben wegen dieser weiteren Be- 
handlungsweise, leider auch davon abgesehen werden, in 
einem umfassenden Rückblicke zu zeigen, was der un- 
ermüdliche Eifer der städtischen Behörden, die stets wohl- 
wollende Hilfsbereitschaft der Staatsregierung und die 
Arbeitsfreudigkeit und der Wagemut mancher Schulvor- 
steher und Leiterinnen für das Erziehungswesen unseres 
blühenden Gemeinwesens seit 1815 geleistet haben 1 ). 
Die Durchführung der nachfolgenden Übersicht nach drei 
gesonderten Zeiträumen dürfte ein klareres Bild von dem 
allgemeinen Stande des jeweiligen Privatschulwesens 
unserer Stadt ergeben, als sich dieses bei einer lücken- 
losen Weiterführung des Materials der einzelnen Schulen 
nach einander bieten würde. Ausserdem weist die erste 
Spalte in Ziffern und Buchstaben auf die Zusammen- 
gehörigkeit und Reihenfolge der einander ablösenden 
Institute hin. 



1 Vgl. hierzu: Übersicht über das städtische und private 
Schulwesen Posens seit 1820 und die graphische Darstellung des 
Kämmereizuschusses der Stadt zum Schulwesen 1855 — 1890. (Aus 
des Verfassers: Geschichte der Wegenerschen Höheren Mädchen- 
schule. S. 34 und 35.) 



3°4 



Otto Konopka. 



Uebersichtstabelle I. (1830— 1854) 1 ). 







, 


Anzahl 


Davon 


V 










Name des Schul- 


in 

■2 h 


der 

Schüler 


waren 


[fl 


< 


Charakter 




Nr. 


vorstehers, bezw. der 


0,3 

'u rt 




_; 




5 


u 


der 


Bemerkungen 




Schulvorsteherin 


tu" - ' 

CQ 


'S 
ö 
« 
S 


'S 

* 


Ol 

je 


VI 

O 

6 


cd 
N 




Schule 




la 


Müs Marie Moldenhauer 


1830 
1838 
1840 




50 
56 
60 






3 
3 
4 


9 

8 

11 


H. M. S. 


Konz. 11. VII. 1828. 
1850 auf Bronisl. 
von Zagrodzka 






1845 


1 


20 






1 


3 




übergegangen. 




Georg Friedrich Meyer 


1830 
1838 
1840 


24 
22 

8 


3 








1 


V.S.f.Gym. 


Konz. 11. IV. 1828. 
Aufg. 1841. 





Luisenschule 


1830 
1836 




83 
189 


83 




3 
4 


11 


H. M. S. 


Konz. 25. VIII. 1829. 
Seit 1836/37 Kö- 
nigl. Schule. 




Frau Inspekt. Wetterling 


1830 




30 








7 


H. M. S. 


Konz. 8. VI. 1820. 


* 


Ludwig Adlerstein 


1830 


7 






7 


1 




Talmud S. 




* 


Joseph Königsberger 


1830 


30 






30 


2 


1 


• ! 




* 


Wolf Graetz 


1830 


14 






14 




1 






* 


Hirsch Süssmann 


1830 


49 


45 




94 


2 


1 






* 


Adolf Asch 


1830 


10 






10 










2a* 


Aron Alexander und 
Meyer Wilczynski 


1830 


36 






36 






» 




2b :;: 


Meyer u. Kalmann 
Wilczynski 


1838 
1840 
1S45 
1850 
1853 


36 
34 
45 
46 
11 






36 
34 
45 
46 
11 


1 
1 




E. S. 


Konz. 18. IX. 1835. 


:■: 


Markus Dattelbaum 


1830 
1838 


41 
30 






41 
30 


2 

1 


1 


Talmud S. 


Aufg. 1839. 




Graunem Kuczynski 


1830 
1838 
1840 
1845 
1850 
1853 


33 
34 
36 
32 
36 
40 






33 
34 
36 
32 
36 
40 


1 




E. S. 


Konz. 19. IV. 1828. 
Aufg. 1856. 


* 


Simon Lewi 


1830 


8 






8 


1 




Talmud S. 




* 


Jakob Falk Misch 


1830 
1838 


50 

48 






50 

48 


2 


1 
1 


E.S. 






Misch u. Moritz Prager 


1840 


52 






52 




1 


E.S. 


Aufg. 1841. 




Kaskel Rosenthal 


1830 


6 






6 






Talmud S. 




* 


Moritz Remak 
Israel Fraustädter 


1830 
1838 
1840 
1830 


15 
14 
18 
40 






15 
14 

18 
40 


2 
1 
1 
1 


1 


E.S. 
Talmud S. 


Aufg. 1845. 




Stephan Trimail 


1830 


8 










1 


„Presse" 
f. Gym. 


zugl. Pensionat. 


* 


Bertha Sobernheim 


1830 




18 








2 


E.S. 


Handarbeitsschule 



x ) H. M. S. = Höhere Mädchenschule ; V. S. = Vorbereitungsschule ; V. S. f. Gym. = Vorbereitungs- 
schule für Gymnasium; Mt. S. = Mittelschule; E. S. = Elementarschule; Talmud S. = Talmudschule; 
Konz. = konzessioniert; Aufg. = aufgelöst; * bezeichnet jüdische Schulen; geh. E. S. = gehobene 
Elementarschule. Die Zeichen Q und f weisen auf die bereits angeführte ausführliche Geschichte der 
betreffenden Schulen hin. 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit i8r5. 



305 



Nr. 


Name des Schul- 
vorstehers, bezw. der 


T 1 oJ 


Anzahl 

der 
Schüler 


Da-v 
wai 


c 
on i 
en « 


V 


Charakter 
der 


Bemerkungen 




Schulvorsteherin 




"3 

e 


3 

'S 


CO 


W T. 

I i 

ts 


i 'S 

! 1 


Schule 




■j( 


Moritz Peyser 


1838 
1840 
1845 


40 
50 

58 






40 
50 

58 


2 
2 

2 


E. S. 


Konz. 6. V. 1834. 






1850 


52 






52 


2 




Aufg. 1853. 


3a* 


Moritz Jablonski 


1838 


32 


21 




53 


2 


E.S. 


Konz. 25. V. 1834. 






1840 


24 


28 




52 


2 










1845 


22 


24 




46 


2 










1850 


42 




42 


2 










1853 


46 




46 


2 






fh 


Heimann Lewisohn 


1838 




18 




18 


2 1 


E. S. 


Aufg. 1839. 




Beata Pauli 


1838 


6 


25 






3 


V. S. f. 








1840 


9 


31 






1 3 


H. M. S. 


Aufg. 1840. 




Rosine Birkner 


1838 
1840 
1845 


2 

4 


42 
46 
38 






3 4 

3 2 
1 


V. S. f. 
H. M. S. 


Konz. 29. XI. 1835. 






1850 




35 


9 


26 


1 










1853 




54 


10 


44 


1 




Aufg. 1855. 


4a * 


Jeanette Feilchenfeld 


1838 
1840 
1845 
1850 
1853 




30 
35 
54 
92 
102 




30 
35 
54 
92 
102 


2 1 
3 

4 


geh. E. S. 


Konz. 18. X. 1835. 




Mathilde Lüdecke 


1838 
1840 
1845 
1850 


2 

1 


11 
12 
13 






1 
1 


V. S. 


Konz. 17. VII. 1834. 
Aufg. 1851. 




Friederike Seidel 


1838 
1840 


12 
3 


4 
13 






1 
1 


E.S. 


Konz. 10. IX. 1831. 






1845 


5 


9 






1 




Aufg. 1849. 




Susanna Warnik 


1838 
1840 




20 
25 






3 3 
3 


H. M. S. 


Konz. 28. V. 1818. 
Aufg. 1840. 


5a 


Heinrich Below 


1838 
1840 


49 
110 


14 
30 






2 
3 1 


E.S. 


Konz. 26. IX. 1833. 






1845 


113 


92 






3 2 


V. S. 








1850 


32 


7 




19 


15 


sp. H. M. S, 








1853 


340 




38 








6a f 


Elise Hebenstreit 


1838 
1840 




68 

77 


68 

77 




412 
412 


H. M. S. 


Konz. 11. 111. 1835. 


6b t 


Agnes Hebenstreit 


1845 
1850 
1853 




103 

70 

128 






817 
14 
18 




Seit 1843 Agnes 

Hebenstreit. 
Seit 1855 Hermine 

v. d. Lippe. 
Seit 1859 O. Piper. 


* 


Lewin Cassel 


1840 


32 






32 


1 1 


E.S. 


Aufg. 1843. 


* 


Hermann Merzbach 


1840 


4C 






40 


3 1 


E.S. 


Mit Unterbrech. 
von 1837 bis 1860. 


7a* 


Boas Bermas 


1840 
1845 
1850 
1853 


4C 
21 
24 
4£ 






40 
27 
24 
43 


1 
2 


E.S. 


Konz. 18. X. 1835. 



Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XXVI. 



306 



Otto Konopka. 



Nr. 



Name des Schul- 
vorstehers, bezw. der 
Schulvorsteherin 



'S .«5, 
<u ^ 

PQ 



Anzahl 
der 

Schüler 



Davon 
waren 



Charakter 

der 

Schule 



Bemerkungen 



8a 



9a 

16a 

lb 

10a 

IIa* 

12a* 



Frau de Routa 



Martin Siebert 



Ferdinand Emrich 



Philipp Hirsch 
Kand. d. höh. Seh. Reuss 

Frau v. Osinska 



August Post 

Aron Meyer 

Eicke 

Markus Budwig 

Charlotte Berger 

Bronislawav. Zagrodzka 

Adele v. Karczewska 

Julius Lewek 

Jacobsohn 

Schul am tskand. Naumann 

Adolf Wiener 



1845 
1848 
1849 
1845 
1850 
1853 
1845 
1849 
1853 
1845 
1847 
1848 
1848 
1849 
1850 
1851 
1849 
1850 
1853 
1849 

1850 
1853 
1850 
1853 
1851 
1853 
1850 
1853 
1853 
1853 
1853 
1842 

1842 



72 



57 
20 
18 
14 



64 

51 
24| 26 

63 

64 
31| 

38 

24 
90 
90 



105105 



67 



51 
50 
41 
33 

25 
55 

20 
57 



15 



20 



13 
50 
24 
26 

42 

24 

28 



33 

19 
31 

20 
57 



15 

24 
24 

20 



H. M. S. 



V.S.f.Gym 



V.S.f.Gym 



geh. E. S. 
V.S.f.Gym 

H. M. S. 



V.S. 



E.S. 



Fröb.Spielsch. 

V.S.f.Gym 

V.S. 

H. M. S. 



H. M. S. 
V.S. 
3E.S.f.Mäd 
6H.M.S.(jüd.) 

geh. E. S. 



Konz. 2. IV. 1843. 

Aufg. Ende 1849. 
Konz. 16. I. 1841. 

Aufg. 1857. 

Konz. 14. 1. 1842. 
seit 1858 an 
Wentzel übergeg 

6. VIII. 1844—1846. 

Konz. 11. VIII. 1844 

Aufg. 1849. 

Konz. 13. IX. 1848. 



Aufg. 1854. 



Aufg. 1855. 
Konz. 18. III. 1848, 
aufgehob. 1851. 
Konz. 3. V. 1850. 
Aufg. 1858. 
Konz. 22. V. 1850. 
Aufg. 1855. 
Konz. 6. VIII. 1851. 

Konz. 28. XI. 1850. 

Konz. 14. VI. 1853. 

Konz. 17. VIII. 1853 

J.war städt. Lehrer 

Konz. 14. VI. 1842. 

aufg. 1844. 

Konz. 28. XI. 1840, 

aufgeh. 1 843. Febr 

bis Sept. 1843 zugl 

Leiter der Remak- 

Cassel- und Merz 

bachschen Schule 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 1815. 



307 



Uebersichtstabelle II. (1860—1885). 







, I Anzahl 


Davon J 


. 








Name des Schul- 


« der 

J~ U 1 SrhfiW 


waren £ 


< 


Charakter 




Nr. 


vorstehers, bezw. der 


•—< er! 




^ 


x 


s 


der 


Bemerkungen 




Schulvorsteherin 


V 

PQ 


§ 

«Cd 

s 


'53 

* 


cfl 


tri TT 

i 2 

ö cd 

N 




Schule 




6c f 


Fräulein Ottilie Piper 


1860 




174 


85 


89 l 


322 


H. M. S. 


Konz. 16. III. 1860. 






1865 




192 


100 


92 l 


322 






6df 


Frau O. Haupt, geb. Piper 


1870 




201 


96 


105 i 


d20 


H. M. S. 




lc 


Frl. v. Zagrodzka 


1860 




30 


30 




1 5 


H. M. S. 


Aufg. 1861. 


L3a 


Frau Estkowska (Antonie) 


1865 




80 


80 




3 8 


H. M. S. 


Konz. 7. XII. 1862. 






1870 




92 


90 


2 


311 










1875 




100 


100 




313 










1880 




130 


129 


1 


3 14 










1884 




122 


122 




314 






5b 


Heinrich Below 


1860 




262 


208 


54 


6 20 


H. M. S. 








1865 




257 


198 


59 


616 










1870 




243 


163 


80 


617 










1875 




213 


157 


56 


617 










1880 




236 


146 


90 


718 




Seit 1886 an M. 






1884 




240 


142 


98 


719 




Knothe übergeg. 


8b 


Oberpred. a. D. Wentzel 


1860 


10 


22 


19 


13 


3 


V.S. f.Gym. 


21. IV. 1858—1864. 




Missionsschule, Wagner 


1860 


2 


7 




9 


1 


E.S. 


Konz. 4. XII. 1826. 


10b 


Frl. Adele v. Karczewska 


1860 




48 


48 




4 8 


H. M. S. 


Aufg. 1861. 


14a 


Notzke | 
Ferdinand Ziehlke/ 


1860 


72 


8 


73 


7 


2 3 


V.S. f.Gym. 


Konz. 15. VIII. 1854. 


14b 


1865 


119 


21 


136 


4 


3 5 




Konz. 14. XII. 1866. 






1870 


86 


12 


98 




3 2 




Seit 1878 Vorpahl. 


14c 


(später Vorpahl) 


1875 


71 


10 


76 


5 


3 3 




Aufgel. 1879. 


4b* 


Jeanette Feilchenfeld 


1860 




85 




85 


3 7 


E. M. S. 


Seit 1868 auf Jul. 






1865 




57 




57 


3 6 




Gohn übergeg. 


3b* 


Jablonski 


1860 


16 


12 




28 


1 


E.S. 


Aufg. 1864. 


7b* 


Boas Bermas 


1860 
1865 
1870 


44 
51 
36 






44 
51 
36 


2 2 
2 1 

2 1 


gehob. E.S. 








1875 


45 






45 


2 1 




Aufg. 1878. 


IIb* 


Lewek 


1860 


40 






40 


3 2 


V.S. 








1865 


36 






36 


2 1 




Aufg. 1867. 


12b* 


Jacob söhn 


1860 
1865 


28 
30 






28 
30 


1 
1 2 


E. M. S. 


Aufg. 1869. 


2c* 


Kallmann Wilczynski 


1860 


53 






53 


2 2 


V.S. 








1865 


50 






50 


2 2 




Aufg. 1880. 






1875 


38 






38 


2 2 






15a 


Prof. Dr. Motty 


1860 




30 


30 




3 7 


H. M. S. 


Konz. 21. I. 1857. 






1865 




80 


80 




414 




(Hervorgeg. aus 






1870 




61 


61 




415 




Pensionat d. Frau 






1875 




133 


133 




616 




Herwig.) 






1880 




158 


158 




617 










1884 




194 


194 




6 18 








Direktor Dr. Brennecke 


1860 


108 




86 


22 


4 5 


V.S. f.Gym. 


Konz. 26. III. 1855. 






1865 


134 




113 


21 


4 4 










1870 


127 




105 


22 


4 4 




Aufg. 1872. 


16b 


Charlotte Berger 


1860 




58 


58 




3 3 


V.S. 








1865 




62 


32 


30 


3 








1 


1870 




64 


30 


34 


3 







20* 



3°8 



Otto Konopka. 



Nr. 



Name des Schul- 
vorstehers, bezw. der 
Schulvorsteherin 



16b 



4c 



9b 



19a 



6ef 

17a 

18a 



19b 
20a 
20b 



Charlotte Berger 

Bernardav. Morawska u. 

der Convent 

der Ursulinerinnen. 

Clara Bender u. Convent 

der Ordensfrauen vom 

Herzen Jesu. 

Julius Cohn 

Dr. Löwenberg 
Wanda Schwetzke 



Ziemkiewicz 

Aug. Eicke, (2. Konzess.) 

Goldschmidt 

Emma Pupke 



Heimann Hamburger 

Therese Valentin u. 
Ida Glaubitz 

Anastasia Warnka 

Friederike Aarons 

Dr. Menzel 



Marie Zuckertort 

Dr. Mierczynski 

Prof. Rymarkiewicz 



'CS, 



Waisenschule 
im Philippinerkloster 



1875 

1880 
1885 
1860 
1865 
1870 
1860 
1865 
1870 
1865 

1865 

1870 

1865 

1870 

1875 

1880 

1884 

1865 

1870 

1865 

1870 

1875 

1880 

1870 

1875 

1880 

1884 

1875 

1880 

1884 

1875 

1880 

1884 

1875 

1880 

1875 
1880 
1884 
1884 
1861 
1863 



Anzahl 

der 
Schüler 



1855 
1860 
1865 
1870 



38 



51 

47 

50 

350 



52 

72 

137 



65 

102 

20 

25 
20 
20 
10 



Davon 
waren 



350 



364364 

298298 



100 
203112 



157 



52 

72 

137 



157 



106 



38 

65 
102 

14 
10 
15 



6 

6 

6 

6 

8.10 

2 



262 
260149 
239 
69 

G2 
84 
46 
26 



124 



50 
40 



132 
69 

62 

84 

6 

17 

13 
18 
27 

89 
18 
38 



20 

40 

39 

36 

156 

111 

107 



1 
1 

8116 

817 

18 

412 



4 2 



1 

o 

2 

815 



Charakter 

der 

Schule 



Bemerkungen 



V.S. 



S.u. 
M.S. 



E. S. u. 
H. M. S. 

V.S. 

H. M. S. 



V.S. 

V.S. 

V.S. 

H. M. S. 



V.S. 



H. M. S. 



H. M. S. 



13 
513 

4 Kindergart 
u.H.M.S 



V.S. 



H. M. S. 
V.S.f.Gym 



E.S. 



Konz. 26. XL 1857 
Aufg.Sommer 1875 

Konz. 17. IX. 1858 

Aufg. 1873 (?) 
Konz. 28. X. 1868 
Aufg. 1870. 
Konz. 14. VII. 1861 
Aufg. 1873. 
Konz. 30. I. 1857. 



Aufg. 1889. 
Konz. 10. VIII. 1863. 
7. I. 1865—1870. 

Konz. 25. X. 1867. 
1883 auf M.Zucker- 
tort übergeg. 
Konz. 7. VIII. 1868. 



Aufg. 1890 bezw.92. 
Konz 9. XI. 1872. 



Konz. 26. VIII. 1871. 



Konz. 6. I. 1872. 
Seit 1882— 1883 nur 
noch Kindergart. 
Konz. 5. X. 1875. 



Konz. 24. III. 1883. 
Konz. X. 1861. 
Seit 7. VI. 1863 auf 

Rymark. übergeg. 

Aufg. 1864. 
Gegründ. 1848. Ali 

Schule aufgelöst 

1874. 



Das Privatschulwesen der Stadt Posen seit 



3°9 



Uebersichtstabelle III. (1890—1910). 







■ 


Anzahl 


Davon 


a 
u 








Nr. 


Name des Schul- 
vorstehers, bezw. der 


73 

o X 
'u rt 


der 

Schüler 


X 

bo 


raren 


7J 

cd 

5 


< 
■~ 

o 


Charakter 
der 


Bemerkungen 




Schulvorsteherin 


CQ 


ä 


5 
'5 


q 

i 




o 

B 


TS 
N 1 


JE; 


Schule 




5c 


Marie Knothe (Below) 


1890 




207 


119 


7 


81 


9 


20 


H.M.S. 


Konz. 22. VIII. 1886. 






1895 




250 


164 


13 


73 


10 


18 




Bis Sommer 1911 






1900 




283 


195 


19 


69 


10 


18 




Friedrichstr. Seit- 






1905 




351 


226 


27 


98 


11 


23 




dem: Neubau am 






1909/10 




379 


210 


67 


102 


12 


29 




Königsring.Simul- 
tane Anstalt. 


6e 1 1 Therese Valentin 


1890 




170 


99 


1 


70 


8 


15 


H.M.S. 


Im April 1902 über- 


1 


1895 




147 


70 


8 


69 


9 


16 




gegangen aufElise 


1 


1900 




144 


69 


10 


65 


8 


15 




v. Hartmann. 


6ff 


Elise v. Hartmann 


1905 




140 


57 


18 


65 


9 


14 


H.M.S. 


Seit IX. 1909 an 
Math. Wegener. 


19b 


Marie Zuckertort 


1890 




104 


78 


8 


18 


9 


16 


H.M.S. 


28. IX. 1893 an 
Laura Hoffmann. 


19c 


Laura Hoffmann 


1894/95 




63 


37 


7 


19 


5 


11 


H. M. S. 


Geschl. 25. III. 1896. 


15b 


Prof. Dr. Motty 


1890 




199 




199 


— 


7 


19 


H. M. S. 


6. V. 1892 an Anna 
Danysz. 


15c 


Anna Danysz 


1895 




225 


— 


222 


3 


7 


20 


H.M.S. 


Geschl. März 1909. 






1900 




215 


— 


212 


3 


5 


15 




Kathol. Schule. 






1905 




303 


— 


303 


— 


8 


18 






13b 


Antonie Estkowska 


1890 




131 


— 


131 


— 


9 


14 


H. M. S. 








1895 




119 




118 


1 


9 


13 




Kathol. Schule. 






1900 




185 


— 


185 


— 


5 


14 




Geschl. Osternl 905. 


17b 


Anastasia Warnka 


1890 




73 


— 


73 


— 


5 


15 


H. M. S. 


Kathol. Schule. 






1895 




96 


— 


96 




ö 


IG 










1900 




146 


— 


146 




5 


16 










1905 




228 


— 


228 


— 


6 


17 










1909/10 




365 


— 


365 


— 


10 


8 


gehob.M.S. 




18b 


Agnes Menzel 


1890 


33 




20 


5 


8 


3 


3 


V.S.f.Gym. 


Simultane Anstalt. 






1895 


80 




45 


17 


18 


3 


4 




Luisenstr. 






1900 


100 




38 


44 


18 


3 


6 










1905 


103 




43 


54 


6 


3 


4 










1909/10 


124 




26 


93 


5 


3 


4 






16c 


Charlotte Berger 


1890 


1 


9 


2 




8 


1 


1 


V.S. 


Geschl. 1. IV. 1891. 




Friedrich Illgen 


1900 


151 


85 


137 


99 




7 


8 


Mt.S. 


Konz.l6.Aprill892. 






1905 


124 


87 


97 


111 


3 


7 


8 




Simultane Anstalt. 






1909/10 


130 


107 


89 


144 


4 


7 


7 




Jersitz. 




Martha Knechtel 


1900 




81 


64 


14 


3 


7 


8 


H.M.S. 


Konz. 24. X. 1894. 
Geschl. März 1911. 


6g t 


Mathilde Wegener 


1900 


10 


59 


45 


21 


3 


3 


5 


H. M. S. 


Konz. 23. IV. 1898. 






1905 


22 


155 


124 


53 


. — 


G 


10 


(Pos. Wilda) 


Seit Frühjahr 1911 






1909/10<! ™ 


186 


233 


136 


59 


10 


19 




im Neubau: Am 






242 


10 


21 




Karmeliterwall 1. 




Anna Sachse 


1900 




98 


89 


9 


— 


4 


7 


H. M. S. 


Konz. 20. XL 1897. 






1905 


31 


176 


164 


39 


4 


9 


11 


(Pos. West) 


Eröffn. Frühj. 1898. 






1909/10 




425 


344 


63 


18 


12 


21 




Neue Gartenstr. 




Graf Titus Dziatyriskis politisches Debüt 1 ). 

Von 
M. Laubert. 

enige politische Vorfälle haben in unserer Pro- 
vinz während der dem Warschauer Aufstand 
von 1830 vorangehenden, schon unter der Vor- 
ahnung baldiger grosser Ereignisse stehenden Jahre ein 
solches Aufsehen erregt wie die Leichenrede des Grafen 
Titus Dzialynski für den Erzbischof von Wolicki am 
27. Dezember 1829; mit ihr begann der damals 33- 
jährige Sohn des verstorbenen Senatorwoiwoden seine 
Laufbahn als Wortführer des Polentums im Grossherzog- 
tum Posen. 

Er feierte den Verblichenen als Kirchenfürsten, der, 
schon ein Jahr nach Empfang der priesterlichen Weihen 
1793 als Domherr und Archidiakonus in die Posener 
Diözese berufen, bald zum Dompropst in Gnesen empor- 
stieg und schliesslich die höchste klerikale Würde errang, 
wiewohl der Hirtenstab nur ein Schmuck seines Grabes 
wurde. Er feierte ihn als Gelehrten, der die Schulen 
zu Pultusk und Plock und die Universität zu Wilna be- 
sucht, seine Bildung auf einer Romfahrt vertieft und unter 
Albertrandis Leitung in den Bücherschätzen des Stanis- 
laus August geschürft hatte, in der Zurückgezogenheit 
seiner Duszniker Pfarre den Musen huldigte, die Schuld 
an Polens Verfall nicht der inneren Zwietracht, sondern 
dem Mangel an fortschreitender Bildung zuschob, an dessen 
Beseitigung sein Leben lang arbeitete, populäre Büchlein 
schrieb, auf seine Kosten drucken und verteilen Hess, als 



*) Nach den unregistrierten Akten des Provinzialschulkollegiums. 
Nr. 14 im Staatsarchiv zu Posen. (Bestimmt für Oberpräsidialaktei* 
XXIV D.). 



312 



M. Lauber t. 



Generalvisitator der Schulen und Mitglied der obersten 
Erziehungsdirektion im Herzogtum Warschau und als 
Oberschulrat beim Posener Konsistorium in neupreussischer 
Zeit wirkte. Er feierte ihn als Mann des öffentlichen 
Lebens, der die Schicksale seines Vaterlandes aufmerksam 
betrachtet und nach 1806 als geistliches Mitglied der Ver- 
waltungsbehörde des Posener Departements, dann als 
Abgeordneter der Stadt- und Dorfgemeinden der Kreise 
Posen-Schrimm auf dem Warschauer Reichstag in sie ein- 
zugreifen versucht hatte. Er feierte ihn als Menschen- 
freund, der als Deputierter für eine gerechte Steuerver- 
teilung eintrat und vom Geist echter Toleranz beseelt in 
die sozialen Scheidewände seiner Nation Bresche zu legen 
versuchte und in Preussen als erster die glückbringenden 
Folgen des bäuerlichen Regulierungsgesetzes in Wort 
und Tat anerkannte, der, selbst gastfrei und wohltätig, 
dem polnischen Nationalfehler der Verschwendungssucht 
entgegentrat und der, ein Helfer der Armen und ein auf- 
opfernder Freund, durch schmerzliche Enttäuschungen er- 
nüchtert, sich den Äusserungen der Dankbarkeit entzog, 
um die ihm Verpflichteten vor den Gefahren der Wort- 
brüchigkeit zu bewahren. Er feierte ihn vor allem aber 
als Patrioten, der in den königlichen Zusicherungen eine 
Bürgschaft für die Erhaltung der polnischen Nationalität, 
in dieser aber die Grundlage für die Liebe und das Ver- 
trauen des Volkes zu seinem Monarchen sah und deshalb 
seine Stimme erhob gegen jeden offenen oder versteckten 
Angriff auf sie, der aus Polens ruhmreicher Vergangenheit 
die belehrende Weisheit schöpfte, dass nichts die Leiden- 
schaften eines Volkes so sicher versöhnt wie die Achtung 
vor seinen Rechten, Sitten und Mutterlauten. Dzialynski 
schloss mit der Apostrophe: Edler Wolicki! Du hast 
unsere Schicksale geteilt und unsere Hoffnungen genährt. 
Vertritt uns vor Gottes Thron, sei der Fürsprecher des 
Landes der von dir verehrten Boleslawe! 

Diese Worte erweckten nicht nur ein Echo in der 
Provinz, sondern ihrer wurde auch in der deutschen 
Presse gedacht, und durch eine Notiz in der Allgemeinen 



Graf Titus Dziaiynskis politisches Debüt. 3*3 

Preussischen Staatszeitung (1830 Beilage zu Nr. 4) gelangte 
die Kunde davon zu den Ohren des Kultusministers Frei- 
herrn von Altenstein. Er ersah zugleich, dass die Rede nach 
abgehaltener Totenmesse und stattgefundenem castrum 
doloris an einer vor dem Trauergerüst angebrachten Pyra- 
mide gesprochen war, um im Namen der Einwohner des 
Grossherzogtums Posen den Gefühlen der Liebe und 
Verehrung für den Toten Ausdruck zu verleihen, während 
erst hinterher der Sarg in feierlicher Prozession nach der 
zur Aufbewahrung des Leichnams bestimmten Kapelle 
gebracht und beigesetzt wurde. Hiernach schien es, als 
sei dem Toten nicht, wie es sich geziemt hätte, von seinem 
Klerus, sondern aller kirchlichen Ordnung und Sitte zu- 
wider von einem Laien, noch dazu in der Kirche am 
Katafalk mit Unterbrechung der Begräbnisliturgie, die 
Gedächtnisrede gehalten worden. Deshalb wünschte der 
Minister durch den Oberpräsidenten von Baumann authen- 
tische Auskunft darüber zu erlangen, inwieweit diese das 
Posener Metropolitankapitel und den Curator funeris in 
hohem Mass blossstellende Nachricht der Wahrheit ent- 
sprach, und wie es sich mit einer ganzen Reihe von Einzel- 
heiten bei dem Vorgang verhielt 1 ). 

Auf Baumanns Nachfrage vom 18. Januar versuchte 
das Posener Domkapitel unter Einsendung der gedruckten 
Begräbnisordnung durch seine Antwort vom 30. den Vor- 
fall jeder Anstössigkeit zu entkleiden. Es bestritt eine 
Unterbrechung der Begräbnisliturgie, da deren Vor- 
schriften erfüllt waren und zwei Geistliche Ansprachen 
von der Kanzel herab gehalten hatten, Dzialynski aber 
erst das Wort ergriff, als die mit dem castrum doloris 
schliessende Andacht beendet war. Er hatte ohne fremden 
Auftrag als treuer Freund und Verehrer Wolickis, als 
Wächter an dessen Krankenlager die Testamentsvollstrecker 
und gleichzeitigen Curatores funeris — Generalvikar von 
Przyluski 2 ), Regierungsrat a. D. Schumann und Domvikar 
Kinosowicz — um die Erlaubnis gebeten, im Namen seiner 

x ) Altenstein an Baumann 4. Januar 1830. 
2 ) Der spätere Erzbischof. 



3 I 4 M. L a u b e r t. 

Mitbürger das Andenken des Erzbischofs inbezug auf sein 
öffentliches Leben und Wirken mit ein paar Worten 
feiern zu dürfen. Die Erfüllung dieses Wunsches konnte 
ihm nicht versagt werden, weil das gegen Brauch und 
Sitte des Landes Verstössen hätte. Die russischen Be- 
hörden hatten die in ganz Polen verbreitete Gewohnheit 
1829 in Warschau beim Tode des Reichsgerichtspräsi- 
denten Grafen Bialiriski, die Krakauer im selben Jahre 
bei dem des Primas von Polen und Erzbischofs von War- 
schau, Woronicz, respektiert. In der Provinz Posen aber 
waren, von älteren Beispielen zu schweigen, für Ponia- 
towski und Kosciuszko, für zwei geistliche Professoren 
des Posener Gymnasiums in der Metropolitankirche, für 
Dabrowski etc. am Grabe oder beim Trauergottesdienst 
von Laien, im letzten Falle von dem preussischen General- 
Leutnant von Kosinski im Beisein aller Landesbehörden 
Reden gehalten worden. 

Przyluski als erster Testamentsvollstrecker hatte das 
Anliegen des Grafen dem Domkapitel vorgetragen, dessen 
Genehmigung aus dem den interessierten Behörden zu- 
gestellten Programm klar ersichtlich war. Die Worte 
waren vom Blatt abgelesen worden. Dzialynski hatte das 
zu seiner Umsicht und Bildung gehegte Vertrauen gerecht- 
fertigt, dass er das ihm erteilte Vorrecht nicht miss- 
brauchen werde, denn sowohl die Curatores funeris, die 
sich zum Überfluss die Rede hatten vorlesen lassen — 
eine später als unzutreffend erwiesene Behauptung, — als 
auch die des Polnischen kundigen Hörer fanden in seinen 
Wendungen nichts, was nicht zum Lob der öffentlichen 
Wirksamkeit ihres Oberhirten der Wahrheit gemäss aller 
Orten hätte gesagt werden können. 

Baumann fügte nur hinzu, seine Genehmigung sei 
nicht eingeholt worden und erübrige sich auch, da nach 
den bestehenden Gesetzen (Kamptz: Annalen der preussi- 
schen inneren Staatsverwaltung — 1824 Heft 10 S. 170) 
die Entscheidung der vorgesetzten weltlichen Behörde 
nur anzurufen war, wenn die geistliche die Zulässigkeit 
der beabsichtigten Ansprache anfocht. Persönlich war 



Graf Titus Dzialynskis politisches Debüt. 315 

Baumann der Feier auf ärztliches Anraten fern geblieben, 
würde aber auch den Worten Dzialynskis nicht haben 
folgen können, da diese wegen ihrer Schwülstigkeit selbst 
von vielen mit dem Polnischen wohl vertrauten Leuten 
wie auch dem Statthalter Fürsten Radziwill teils gar 
nicht, teils falsch verstanden worden waren. In Folge 
davon kamen mehreren angesehenen Deutschen in der 
Stadt Mitteilungen über den Inhalt zu, wonach sie diesen 
für durchaus aufrührerisch erklärten. Darum hatte der 
Oberpräsident gemeinsam mit Radziwill den Grafen um 
Einsendung des Textes gebeten, und dieser ihnen bereit- 
willig das polnische Original nebst Übersetzung zugestellt 1 ). 
Daraus Hess sich trotz mancher schiefer Wendungen kein 
Anlass zum Einschreiten gegen den Verfasser gewinnen, 
der durch die ihm und seiner Familie nach dem Tode 
seines Vaters erwiesenen Dienste Wolicki zu hoher Dank- 
barkeit und Verehrung verpflichtet war 2 ). 

Die Hoffnung des Domkapitels, dass seine Auf- 
klärungen den Minister befriedigen würden, erwies sich 
aber als trügerisch. Altenstein, erforderte vielmehr eine 
protokollarische Vernehmung des inzwischen zum Dom- 
dechanten beförderten Przyluski, um die zwischen der 
erwähnten Zeitungsnotiz und der Erzählung des Kapitels 
bestehenden Widersprüche restlos aufzuhellen, und einen 
näheren Nachweis, ob wirklich in Polen zum Unterschied 
von den Gebräuchen der übrigen katholischen Welt als 
Landessitte, d. h. als lange eingebürgerte und schon vor 
1815 übliche Gewohnheit, die Beteiligung von Laien an 
Begräbnishandlungen von den Dienern Gottes zugelassen 
wurden; denn der Minister war geneigt, die angeführten 
Präzedenzfälle eher als vereinzelte Missbräuche denn als 
Beweise für das Bestehen jener Sitte anzusehen. Über 
diesen Punkt sollte das ganze Kapitel gehört und seine 
Darlegung von Baumann und der Regierung begutachtet 
werden. Endlich wurde die Beisetzung der Leiche in 



i) Dzialynski an Baumann 2. Jan.; Antw. 6. Jan. 
2 ) Baumann an Altenstein 7. Febr. 



316 M. Laubert. 

einer Kapelle der D.omkirche, also über der Erde, für 
polizeilich unzulässig erklärt, und dieser Missstand sollte 
durch heimliche Überführung des Sarges in die Domgruft 
beseitigt werden 1 ). 

Mit der heikelen Aufgabe einer Vernehmung Przy- 
luskis und des Kanonikus Ulatowski als derzeitigem Vor- 
sitzenden des Domkapitels wurde von Baumann der 
Justitiar des Posener Konsistoriums. Oberappellations- 
gerichtsrat Fromholz, betraut 2 ), doch versuchten beide 
Männer dessen Einschreiten dadurch vorzubeugen, dass 
sie ihm am 9. Mai eine nochmalige Darstellung des Sach- 
verhalts einreichten. Nach ihr war es den Testaments- 
exekutoren nicht in den Sinn gekommen, Dzialynski eine 
Vorlesung seiner Rede zuzumuten, da sie sich durch seine 
Persönlichkeit gegen jede Indiskretion geschützt wähnten. 
Er hatte aber freiwillig zweien von ihnen am Tage des 
Begräbnisses seine Ansprache vorgetragen, ohne damit 
Bedenken zu erregen oder gar Przyluski zur Zurück- 
nahme der erteilten Genehmigung zu veranlassen. Beide 
Männer erboten sich auch, binnen 6 Wochen durch Bei- 
bringung von älteren Beispielen die in Polen herrschende 
Sitte derartiger Laienreden als eine alt eingewurzelte zu 
belegen. Hinsichtlich des kirchlichen Zeremoniells be- 
tonten sie, dass nach dem Gebrauch der katholischen 
Kirchensprache das castrum doloris der Inbegriff aller 
Feierlichkeiten war, die nach Abhaltung des heiligen 
Messopfers der Versenkung des Leichnams vorangehen, 
gl eich giltig, ob das Schmerzenslager in der Kirche oder 
auf dem Friedhof gehalten, ob der Tote in einer Kapelle 
oder auf dem Gottesacker beigesetzt wird. Mit Beendi- 
gung des castri doloris hatte die Kirche jedenfalls ihre 
Pflicht getan, der Körper gehörte der Erde an, und alle, 
die ihm noch das Geleit gaben, wenn auch in Form 
einer Prozession, taten dies nur als Verwandte, Freunde 
und Verehrer des Verstorbenen, nicht in amtlicher 
Eigenschaft. 

x ) Altenstein an Baumann 3T. März. 

2 ) Baumann an Fromholz, an das Domkapitel 22. Apr. 



Graf Titus Dziatynskis politisches Debüt. 317 

Baumann, dem die Wissbegierde des Ministers offen- 
bar peinlich war, genügten diese Äusserungen, um zu 
einem Beschluss in der Angelegenheit zu kommen. Er 
versicherte, dass Wolickis Leiche nicht in einer Kapelle, 
sondern in einer durch eine solche zugänglichen, seit 
jeher zur Aufnahme der sterblichen Überreste der Posener 
Bischöfe dienenden Gruft beigesetzt war. Von einer 
Rückfrage an die Regierung über die dem Minister auf- 
fällige Landessitte hatte er abgesehen, denn er bezweifelte 
nicht, dass das Domkapitel mühelos zur Bestätigung seiner 
Angabe ältere Beispiele würde anführen können, wie 
denn in den „Reden und Abhandlungen" des Warschauer 
Unterrichtsministers Grafen Stanislaus Potocki mehrere 
von Laien am Grab seiner Vorfahren gehaltenen An- 
sprachen abgedruckt waren 1 ). 

Doch Altensteins Misstrauen war auch jetzt noch 
nicht beschwichtigt. Nach einem Reskript an Baumann 
vom 22. Juli fühlte er sich durch die Erklärung vom 
9. Mai nicht zur Zurücknahme der früheren Verfügung 
vom 31. März bewogen, sondern bestand auf deren 
schleuniger Durchführung, wobei er genaue Richtlinien 
für die einzuleitende Vernehmung gab und darüber Auf- 
klärung verlangte, ob das Begräbnisprogramm mit Zensur- 
oder Oberpräsidialgenehmigung zum Druck gegeben war. 
Ferner sollte die Untersuchung darauf gerichtet werden, 
ob Dziatynski wirklich von den Ständen mit seiner Trauer- 
rede beauftragt war, ob nach dem Programm einer der 
Stände in deren Namen von den Oberresten des Toten 
Abschied nehmen sollte, und ob dies je vorher bei der 
Beerdigung eines Gnesener oder Posener Bischofs ge- 
schehen war? Da das Untersuchungsergebnis für die 
bevorstehende Organisation der erzbischöflichen Behörden 
ein praktisches Interesse hatte, wurde möglichste Be- 
schleunigung empfohlen. 

Über die wegen Erkrankung Ulatowskis erst am 
17. September aufgenommene Verhandlung erstattete 



L ) Baumann an Altenstein 12. Mai. 



318 M. Laubert. 

Fromholz dem Oberpräsidenten am 18. Bericht. Das 
Resultat war allerdings überraschend und zeigte, dass die 
durch die Langsamkeit des Verwaltungsmechanismus in 
ihrer Wirkung freilich gehemmte Festigkeit Altensteins 
den juristischen Sophismen des Posener Klerus gegenüber 
namentlich bei der Schwäche des friedseligen Ober- 
präsidenten ihre volle Berechtigung hatte. Es stellte sich 
nämlich heraus: i. dass Przyluski als testamentarisch 
berufener Curator funeris die Begräbnisordnung verfasst 
und zum Druck gegeben hatte, ohne sich um die Zensur zu 
bekümmern oder Baumanns Erlaubnis einzuholen. 2. Dass 
er die Genehmigung zu des Grafen Rede erteilt hatte, noch 
ehe diese aufgesetzt war, und er keineswegs von ihrem 
Inhalt durch Vorlesung oder Einsicht Kenntnis erhalten, 
sondern sich nur hatte berichten lassen, was Dzialynski 
etwa zu sagen beabsichtigte. 3. Dass das Domkapitel 
nicht vermochte, die behauptete Landessitte, Ansprachen 
von Laien bei kirchlichen Begräbnissen, darzutun, insonder- 
heit keinen Präzedenzfall beim Tode eines Posener 
Bischofs oder Gnesener Erzbischofs anzuführen wusste; 
denn die angeblich durch das Zeugnis alter, nicht einmal 
namhaft gemachter Einwohner Posens belegte Rede des 
Palatinats von Kqszycki am Sarg des Posener Bischofs 
von Czartoryski am 1. März 1768 lag soweit zurück, dass 
sie nicht in Betracht kam. Auch die Worte für Woronicz 
waren nicht bei dem kirchlichen Begräbnis gesprochen 
worden. 4. Dagegen musste anerkannt werden, dass nach 
dem Wortlaut des Programms Dzialynski nicht als Ver- 
treter der Stände aufgeführt war, da die Bezeichnung 
„obywatel" ganz allgemein Bürger und insbesondere den 
ansässigen Adel bezeichnete. Desgleichen ergaben sich 
keine Anhaltspunkte zur Widerlegung von Przymskis Be- 
hauptung, dass der vom Tode Wolickis sehr ergriffene 
Graf den Wunsch ausgesprochen hatte, zur Linderung 
seines Schmerzes dem Abgeschiedenen ein paar ehrende 
Worte widmen zu dürfen. 

Trotz einer mahnenden Ministerialverfügung vom 
25. September, zu der namentlich die von Seiten des er- 



Graf Titus Dzialyriskis politisches Debüt. 319 

wählten Erzbischofs von Dunin auf Przytuski gefallene Wahl 
zum Generalvikar Veranlassung gab, erstattete infolge 
von Baumanns tötlicher Erkrankung dessen Stellvertreter, 
Regierungspräsident Zencker, erst am 24. Oktober nach 
Berlin Bericht. Der Ausbruch der Warschauer Insurrektion 
liess die Angelegenheit dann in Vergessenheit geraten. 
Am 30. April 1831 richtete endlich Altenstein, nachdem 
er inzwischen den Minister des Innern und der Polizei, 
Brenn, von dem Vorgang in Kenntnis gesetzt und dieser 
dem Oberpräsidenten Flottwell in dem einen sein Ressort 
betreffenden Punkt, der begangenen Zensurkontravention, 
wegen der eingetretenen Verspätung lediglich eine zweck- 
entsprechende Eröffnung anheim gestellt hatte 1 ), seinerseits 
an den nunmehrigen Oberpräsidenten das Ersuchen, dem 
Metropolitankapitel zu eröffnen „dass ich dasjenige, was 
von seiner Seite zur Entschuldigung dieses, in jedem Be- 
tracht unangemessenen Vorgangs vorgestellt worden ist, 
ungenügend finde. Je ungewöhnlicher es war und je 
mehr es dem Geiste der katholischen Gottesverehrung 
widerstrebte: dass ein Laie am Sarge eines Erzbischofs, 
in der Domkirche unmittelbar nach dem Totenamt und 
der Einsegnung des Leichnams, eine Rede halten sollte, 
die, wenn die Domprediger ihre Schuldigkeit getan, 
überflüssig — wenn sie geistlichen Inhalts, nicht für die 
Person des Redenden passend, — entgegengesetzten 
Falles aber dem Orte nicht angemessen war, desto mehr 
Sorgfalt hätte das Domkapitel anwenden sollen, von dem 
Inhalt der Rede selbst und der Absicht des Redenden 
vorher Kenntniss zu nehmen. Offenbar sei die Rede 
des Grafen Dziafynski von der Art, dass sie die 
Gemüther zu Mismuth über den gegenwärtigen poli- 
tischen Zustand aufrege. Ein solches Unternehmen zu 
begünstigen, sei der Stellung und beschworenen Pflicht 
der Geistlichkeit schlechtweg zuwider. Insonderheit treffe 
dieser Vorwurf den Domdechant von Przyluski, der als 
Curator funeris sich mindestens eine grobe, in ihren 



l ) Brenn an Flottwell 31. März 183T. 



320 M. Laubert. 

Folgen verderbliche Fahrlässigkeit habe zu Schulden 
kommen lassen, und ich könne nicht umhin, sowohl dem 
Metropolitankapitel in Gesammtheit, als dem p. von Przy- 
luski im besondern für die Zukunft ein umsichtigeres 
und ihrer amtlichen Stellung mehr entsprechendes Ver- 
fahren zu empfehlen." Dieses Auftrags entledigte sich 
Flottwell am 10. Mai. 

Der an sich betrachtet nicht allzu gewichtige Vorfall 
gewinnt an Bedeutung durch das Milieu, in dem er sich 
abspielt, als eines unter vielen gleichzeitigen Symptomen 
für die in der Provinz herrschende Erregung, deren 
Äusserungen von dem polnischen Klerus bereitwilligst 
geschützt wurden. Er ist bezeichnend für seinen Ur- 
heber, dessen später sich häufig offenbarende schwülstig 
unklare Redeweise schon hier zum Ausdruck gelangt, 
wie für die Unfähigkeit Baumanns, die Zeichen der Zeit 
zu deuten und nach ihrer wirklichen Natur zu würdigen, so 
dass unter seinen Augen die polnische Propaganda heran- 
reifen konnte, die wenige Monate später zum bewaffneten 
Aufruhr führte; er ist endlich charakteristisch für die 
damalige preussische Bureaukratie, die in pedantischer 
Gründlichkeit den günstigen Moment verpasste und die 
Entscheidung verschleppte, bis die Schuldigen in der Ver- 
zögerung Schutz vor den Folgen ihrer Vergehen zu 
finden pflegten. 




Zeitschrift 



der 



Historischen Gesellschaft 

für die Provinz Posen 

zugleich Zeitschrift der Historischen Gesellschaft 
:: für den Netzebezirk zu Bromberg :: 



Herausgegeben von 
Dr. Rodgero Prümers 




Siebenundzwanzigster Jahrgang 



Posen 1912 

Eigentum der Gesellschaft 
Vertrieb durch Joseph Jolowicz 



Inhalts- Verzeichnis. 



Seite 
i. Grundherrschaft und Bürgerschaft in den südpreussischen 
Mediatstädten. Von Dr. Fritz Grützmacher zu 
Rawitsch i 

2. Die geschichtliche Entwickelung des Posener Distrikts- 

kommissariats. Von Privatdozent Dr. ManfredLaubert 

zu Breslau 125 

3. Die plastischen Brakteaten als Quelle der Kunst- und 

Kulturgeschichte Polens im 12. Jahrhundert. Von 
Geh. Regierungsrat Dr. Ferdinand Friedensburg 
zu Breslau 211 

4. Friedrich der Grosse und König Stanislaus Leszczynski. 

Von Prof. Dr. Georg Peiser zu Posen 231 

5. Die ältesten Vasallenlisten über den Netzebezirk. Von 

Geh. Archivrat Dr. Max Bär zu Coblenz 261 

<>. Die Stadt Posen in südpreussischer Zeit. IV. Die Volksschule. 
Von Geh. Archivrat Prof. Dr. Rodgero Prümers zu 
Posen 333 



►**<- 



Grundherrschaft und Bürgerschaft in den süd- 
preussischen Mediatstädten. 

Von 
Fritz Grützmacher. 

Vorwort. 

Trotz mehrerer Einzeluntersuchungen ist die Ge- 
schichte Südpreussens verhältnismässig unerforscht. Die 
Grundlage für alle Untersuchungen auf diesem Gebiete 
ist in dem Sammelwerk „Das Jahr 1793" (Posen 1895) 
gelegt worden. Es wurde von der Historischen Gesell- 
schaft für die Provinz Posen unter der Redaktion von 
Rodgero Prümers herausgegeben. Dem Titel gemäss 
behandelt es aber nur die Massnahmen, welche die 
preussischen Behörden in dem ersten Jahre nach der 
Besitznahme auf den verschiedensten Verwaltungsgebieten 
trafen. In der vorliegenden Arbeit soll nun der Versuch 
gemacht werden, die im X. Kapitel dieses Werkes von 
A. Warschauer angestellten Untersuchungen über das 
„Städtewesen" fortzusetzen. Hierbei sollen aber nur die 
Mediatstädte behandelt werden, die allerdings den grössten 
Teil der südpreussischen Städte ausmachten. Es soll 
gezeigt werden, inwieweit die zu polnischer Zeit höchst 
unglückliche Lage der Mediatstädte gegenüber ihren Grund- 
herrschaften durch die preussische Verwaltung gebessert 
worden ist. Damit ist die Beschränkung auf die tatsächlich 
durchgeführten Massnahmen gegeben. Nur soweit es zu 
ihrem besseren Verständnis nötig ist, werden die Reform- 
bestrebungen berücksichtigt, die das Verhältnis zwischen 
Grundherrschaft und Bürgerschaft zum Gegenstand haben. 
Zu ihrer Durchführung, welche die Ablösung der grund- 
herrschaftlichen Lasten bringen sollte, kam es nicht wegen 
der Abtretung der polnischen Provinzen im Tilsiter Frieden. 
Eine eingehende Behandlung dieses Gegenstandes findet 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Pos?n. Jahrg. XXVH. 1 



sich bei : Robert Schmidt, Städtevvesen und Bürgertum in 
Neuostpreussen (Altpreussische Monatsschrift Bd. 48, 49). 
Der Verfasser hat mir in dankenswerter Weise bereits vor 
der Drucklegung seiner Arbeit Einsicht in diese gestattet. 
Das Material zu vorliegender Arbeit entstammt der 
Literatur, die auf jene Zeit Bezug hat, und dem Studium 
der Akten, die hauptsächlich den Staatsarchiven zu Berlin, 
Posen und Breslau entnommen sind. Diese Akten sind 
freilich nur Trümmer von denen, die 1806 tatsächlich vor- 
handen gewesen sein müssen. 



Erstes Kapitel 1 ). 

Die Provinz Südpreussen erhielt ihre endgültige Ab- 
grenzung im Frühjahr 1796 2 ). Sie umfasste den grösseren 
Teil der heutigen Provinz Posen und weite Gebiete des 
heutigen Russisch-Polen. Die Ostgrenze bildeten ungefähr 
die Weichsel und ihre Nebenflüsse Bug und Pilica. 
Grösstenteils war diese Provinz in der zweiten Teilung 
Polens (1793) erworben worden. In der dritten Teilung 
(1795) kam hauptsächlich das Warschauer Kammer- 
departement hinzu. Die Angaben' über die Grösse und 
Einwohnerzahl der Provinz sind recht verschieden. Nach 
einer Planimetermessung aus „Vogels Karte des Deutschen 
Reiches (1 : 1500000; Gotha 1905)" betrug der Flächen- 
inhalt 54000 qkm (= rund 960 preuss. Quadratmeilen) 3 ). 
Die zuverlässigsten Nachrichten über die Einwohnerzahl 
Südpreussens — nämlich 1 348071 Seelen im Jahre 1800 
— gibt der Bialystoker Regierungsdirektor Holsche, da 
ihm amtliches Material zur Verfügung stand. Vier Jahre 
später waren es nach einer Notiz des Ministers v. Voss 
in dem Rechenschaftsbericht für das Jahr 1804 4 ) ; 
1 436621 Einwohner. Daraus folgt, dass Südpreussen ein 
dünn bevölkertes Gebiet war. 

Die Massnahmen der preussischen Verwaltung in 
diesem Lande finden ihre Erklärung in den gesellschaft- 



i) Dieses beruht, wenn nicht besonders vermerkt, auf den 
Ausführungen Warschauers im Sammelwerk „D. J. 1793". Cap. X. 

2) Vgl. Schmidt, Bd. 48. S. 415. Anm. 2. 

3 ) Fast die gleichen Zahlen haben Holsche, Bd. [, S. 156 u. 
die Etats der Jahre 1802/03 u - I 8°4/°5 (Geh. St.-A. Berlin, Rep. 
89. 120 A.) mit 958 '/ 2 » bezw. 959 preuss. Quadratmeilen. Holsche, 
Bd. III, S. 227 übernimmt mit 897 Quadratmeilen die entschieden 
au niedrigen Berechnungen des Geh. Kriegssekretärs Sotzmann, 
(vgl. Holsche, Bd. 1, S. 154). 

4 ) Geh. St.-A. Berlin, Rep. 89. 120 A. d. d. Berlin, 27. Juli 1805. 

1* 



4 Fritz Grützmacher. 

liehen und kulturellen Zuständen des untergegangenen 
polnischen Reiches. Es mag ihnen daher eine nähere 
Betrachtung gewidmet werden. Es gab vier Stände: 
den Adel, die Geistlichkeit, den Bürger- und den Bauern- 
stand. Die Lage dieser beiden letzteren war höchst 
traurig. Im 12. und 13. Jahrhundert war das Königtum 
bahnbrechend auf dem Gebiete der Städtegründung vor- 
gegangen. Erst später folgten Adel und Geistlichkeit dem 
gegebenen Beispiele. Die Städteverfassungen Polens ver- 
danken ihre Entstehung nicht einer Weiterentwicklung 
polnischer Rechtsverhältnisse. Denn mit der deutschen 
Einwanderung 1 ), die in diesen Jahrhunderten grösstenteils 
den neugegründeten Städten zu gute kam, fand das 
deutsche Stadtrecht, und zwar das Magdeburger Stadtrecht, 
in Polen Eingang. Neben dem zweifellos obwaltenden 
idealen Interesse, Kultur in ein noch wenig erschlossenes 
Land zu bringen, war auch der finanzielle Gesichtspunkt 
bei der Gründung einer Stadt nach deutschem Recht 
massgebend. Diese brachte nämlich für den Gründer 
nicht nur bei der Anlage der Stadt ein gut Stück Geld 
ein, sondern auch in der Folgezeit. 

Ein neuer Strom deutscher Einwanderung ergoss 
sich zur Zeit des dreissigjährigen Krieges in die pol- 
nischen Lande. Unweit der schlesischen Grenze ent- 
standen zu dieser Zeit die Städte Rawitsch, Bojanowo, 
Kahme, Schlichtingsheim, Unruhstadt, Kempen und Rakwitz. 
Sie wurden von Schlesiern gegründet, die durch religiöse 
Unduldsamkeit zur Auswanderung gezwungen waren. 
Ihre deutsche Nationalität war ihnen erhalten geblieben. 

Der Prozess der Städtegründung ist auch im 18. Jahr- 
hundert nicht ins Stocken geraten. Freilich hatte schon 
lange eine Überproduktion Platz gegriffen. Sie hinderte 
oft eine gedeihliche Entwicklung der eng beieinander 
liegenden Städte. Denn oft wurden Dörfer in Städte 



*) Über diesen Gegenstand vgl. das Werk von Erich Schmidt, 
Geschichte des Deutschtums im Lande Posen unter polnischer 
Herrschaft (Bromberg 1904). 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 5 

verwandelt, deren schlechte geographische Lage einen 
Aufschwung dieses Gemeinwesens völlig ausschloss 1 ). 

Polens Städte hatten im 15. und 16. Jahrhundert 
eine Blütezeit gehabt Verschiedene Momente bewirkten 
einen raschen Verfall. Verheerende Kriege, fortdauernde 
innere Unruhen, die aus dem Mangel einer gefestigten 
Staatsverfassung entsprangen, schlugen ihrem Wohlstande 
tiefe Wunden. Ihre Teilnahme an der Staatsverwaltung 
wurde im Laufe der Jahrhunderte stark beschränkt und 
schliesslich gänzlich beseitigt. Der Adel übte eine stetig 
wachsende Macht in den inneren und äusseren An- 
gelegenheiten des Staates aus. Die Könige waren also 
nicht imstande, dem bedrängten Bürgerstand zu helfen. 

Der unheilvolle Einfluss des Adels erstreckte sich 
nicht nur auf die Mediatstädte (d. h. auf die von der 
Geistlichkeit und dem Adel gegründeten), sondern auch 
auf die königlichen Städte, die Immediatstädte. Denn 
letztere waren seit der Mitte des 15. Jahrhunderts einer 
gewissen Oberaufsicht durch die Starosten unterworfen. 
Die Star osten waren Verwalter der königlichen Kron- 
güter und gehörten dem Adel an. Das Einmischungsrecht 
dieser Beamten machte sich nicht nur bei den städtischen 
W T ahlen bemerkbar, sondern auch in finanzieller Hinsicht 
gerieten die Immediatstädte in ihre Abhängigkeit. Der 
Starost hatte die Staatssteuern einzuziehen und belastete 
die Städte zu seinen Gunsten oft höher, als das Gesetz 
es zuliess. Eine Unzahl von Prozessen wegen Übergriffe 
der Starosten wurde bei dem Assessorialgericht in 
Warschau geführt. Dass sich die Immediatstädte oft ohne 
Erfolg gegen den p]igennutz der Starosten wehrten, ist 
erklärlich, wenn man die ausserordentliche Verworrenheit 
der polnischen Rechtsverwaltung und Rechtsverhältnisse 
in Betracht zieht 2 ). Häufige Klagen von Immediatstädten 
über ihnen zu Unrecht auferlegte Lasten, über entrissene 
Grundstücke zu Beginn der südpreussischen Zeit, z. B. in 

1 ) Otto Dalchow, Die Städte des Warthelandes (Leipziger 
Diss. 1910). S. 27. 

2) vgl. D. J. 1793, Kap. VI. 



6 F ritz G r ü t z m a c h e r. 

Moschin und Fraustadt liefern einen Beweis für diese 
Behauptung. In der richtigen Erkenntnis, dass eine der 
Ursachen zu dem Verfall des Reiches in dem Niedergang 
der Städte zu suchen sei, unternahm man nach der ersten 
Teilung Polens (1772) einige Reformen in den Immediat- 
städten. Wenn sie auch in einigen Orten der Unordnung 
steuerten, die Keime für einen neuen Aufschwung der 
Städte wurden nicht gelegt. Denn sämtliche Mediatstädte, 
die drei Viertel der Gesamtzahl der polnischen Städte aus- 
machten, waren von der Reform so gut wie ausgeschlossen. 

Die Lage dieser Städte war noch weit ungünstiger 
als die der Immediatstädte. Nur zu rasch wurden die 
grossen Vorrechte, welche die Adelsgeschlechter den 
Städten bei ihrer Gründung verbrieft hatten, beschränkt 
Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. So nahm 
der Grundherr Christoph von Unruh (1731—63) lebhaften 
Anteil an dem Wohl und Wehe seiner Stadt Birnbaum 1 ). 
Das hier obwaltende patriarchalische Verhältnis war in 
anderen Städten nicht mehr zu finden. Unmittelbar vor 
der zweiten Teilung Polens wies der Marschall des vier- 
jährigen Reichstages, Stanislaus Malachowski, mit seltener 
Offenheit auf seine und seiner Standesgenossen Lotter- 
wirtschaft hin, die mehr zu dem Veröden der Städte bei- 
getragen habe als die „schwedischen Mordbrennereien". 

Vor allen Dingen hatten sie ihren Städten im Laufe 
der Zeit dauernde Lasten auferlegt, die in keinem Ver- 
hältnis zu ihrer geringen wirtschaftlichen Leistungsfähig- 
keit standen. Sie hatten zu zahlen: „Grundzins von den 
Häusern, Acker- und Wiesenzins, Abgaben vom Hand- 
werks- und Handelsbetrieb", Hofetagegelder z. B.in Samter 2 ), 
Kurnik, Bnin 3 ), Rotenburg 4 ,) Schwersenz 5 ), Kröben 6 ) (500 ü.) f 



1 ) Warschauer, Stadt. Arch., S. 11. 

2 ) Lopinski, Materialien z. Geschichte v. Samter, Jahresberichte 
der Landwirtschaftsschule zu Samter II. 1887 S. 16 ff. 

*) St.-A. Breslau, Rep. 199. M. R. III. 12 vol. II. Bl. 57 ff. 

4 ) St.-A. Posen, Dep. Rotenburg, B. 5. 

5 ) Ortschaften Nr. 1425. 

•) St.-A. Posen, Kröben C 1. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 7 

Rakwitz 1 ) (365 Rtl). Eine Einnahmequelle der Grund- 
herren bildeten ferner „Viehsteuern, Getreidezinse, Ab- 
gaben vom Schlachten 2 ) und Backen und vom König- 
schiessen; vielfach wurden auch Geschenke gegeben, wie 
z. B. in Schmiegel und Reisen. Die Handwerker mussten 
oft mehrere Meilen weit für die Grundherrschaft Briefe 
tragen 3 ). Auch Hand- und Spanndienste waren in den 
meisten Städten üblich 4 ). 



J ) Ebenda Rakwitz C 1. 

2 ) In einigen Fällen artete diese Abgabe nach den Worten 
des Kalischer Accise- und Zollrats Köhler in s. Denkschrift: „Be- 
trachtungen über die Kultur und die Abgaben der Provinz Süd- 
preussen" [nach 1803] (St.-A. Breslau, Herrsch.-Arch. Poln. Nettkow 
Nr. 488) zu einer „ordentlichen Dominialaccise" aus. Es mussten in 
einer leider nicht mit Namen genannten Stadt beim Schlachten eines 
Schweines 5 fl. 20 Gr. poln., eines Ochsen und Stieres je 5 fl. poln., 
eines Kalbes und einer Ziege je 1 fl. poln. bei Vermeidung einer 
Strafe bezahlt werden. Vgl. auch Schmidt Bd. 48, S. 437 Anm. 1. 

3 ) Gleichfalls aus der Denkschrift Köhlers entnommen. 

4 ) Dieselbe Quelle wie in Anm. 1 u. 2. Nachweisbar sind sie 
bei dem mangelhaften Material nur in Baranowo, Borek, Charob (in 
der Sieradzer steuerrätl. Inspektion gelegen), Friedheim, Jarotschin, 
Kiebel, in der 1773 gegründeten Neustadt Koschmin, Kostschin (Ge- 
samtzahl aller von der Bürgerschaft in der Ernte zu leistenden 
Handtage: 339), Krotoschin (ebenso: isSi/g), Lekno (36 Tage im 
Jahre jede Wirtschaft), Neustadt b. Pinne, Opalenica, Pogorzela, Rit- 
schenwalde (2, ja 4 Handtage in der Woche der Ackerbürger in 
der Erntezeit!), Schmiegel (nach einem endgültigen gerichtlichen 
Urteil aus d. J. 1830 betrug die Anzahl aller Handtage 1030), 
Schocken (5 Tage das Gehöft). Übrigens waren auch die unter 
Starosten stehenden Städte oft zum Scharwerksdienst verpflichtet, 
z. B. Bomst, Schildberg, Adelnau (Zahl der Handtage: 294), Pude- 
witz. In Schildberg musste die ganze Stadtgemeinde 2 Tage in der 
Ernte roboten und nach Erfordernis den Schlossgraben reinigen. 
Ortschaften Nr. 34, 1159, 3382. • St.-A. Posen S. P. Z. A. IV. 3, 
Bl. 113 ff. Adelnau C 4. Kiebel C 1. Kostschin C 9. Ritschen- 
walde B 1. St.-A. Breslau Rep. 199. M. R. III. 12 vol. II Bl. 57 ff. 
Herrsch. Arch. Poln. Nettkow Nr. 347 a. H. C. Duzynski, Z dziejöw Opa- 
lenicy 1401 — 1901 (Poznan 1902), S. 30 f., 133 ff. Eggeling, A.: Mitt. 
betr. d. Gesch. v. Krotoschin, Beil. z. Jub.-Progr. d. Gym. z. Krotoschin 
1886, S. 9. (L. Krug.) Beitr. z. Beschr. von Süd- und Neuostpreussen 
(Berlin T833), S. 232. (Warschauer, A.), Neustadt bei P., Familien- 
blätter 1896, Nr. 45 (Sonntagsbeilage d. Pos. Ztg.). Warschauer, 
Stadt. Arch. S. 58 f., sp. Zeitung 1795, Nr. 48. 



8 Fritz Grützmacher. 

Als ein Beispiel für die hohen Beträge, welche die 
einzelnen Handwerker an die Grundherrschaft entrichten 
mussten, mag die Stadt Unruhstadt 1 ) angeführt werden, 
und diese stand noch verhältnismässig gut da. Hier 
zahlte jeder Müller- und Bäckermeister jährlich 4 1/. 2 Rtl. r 
jeder Schuhmachermeister und Schneidermeister 1 1 / 2 Rtl. 
in Gold, jeder Tischler-, Böttschermeister und Stellmacher,, 
jeder Schmiede- und Schlossermstr. 1 Rtl. 3V2 Gr., jeder 
Fleischhauermeister 10 Rhtl, jeder Tuchmachermeister 
von dem Stück Tuch 6 Gr. Zettelgeld für die Benutzung 
der herrschaftlichen Walke. Oft mussten die Unruhstädter 
Tuchmacher wegen Wassermangels in der herrschaftlichen 
Walke nach fremden Orten ihre Tuche schaffen. Die 
Erlaubnis dazu musste beim Grundherrn durch Entrichtung 
eines Ausfuhrgeldes im Betrage von 4 Gr. für das Stück 
Tuch eingeholt werden, „welches einem armen Meister 
sehr schwer fällt, solches Geld vor nichts zu geben". 
Ausserdem war jeder Unruhstädter Hausbesitzer zu einem 
Grundzins von 22 Gr. verpflichtet. 

Auch aus den folgenden zahlenmässigen Angaben 
leuchtet die hohe finanzielle Belastung der Bürger durch 
die Grundherrschaften hervor. In Lissa 2 ) betrugen die 
Abgaben im Rechnungsjahr 1789/90 133872 fl. oder 
22313 Rtl. Infolge des grossen Brandes im Jahre 1790 
wurden sie auf etwa 11 000 Rtl. herabgemindert, unge- 
rechnet die „noch vielen unbestimmten Abgaben, die 
steigend und fallend gewesen". Aus Rawitsch 3 ) zog der 
Grundherr nach Angaben des Magistrats eine Einnahme 
von 12 186 Rtln. In dem kleinen Tuchmacherstädtchen 
Zaborowo 4 ) zahlte die Bürgerschaft vor dem Brande in* 
Jahre 1793 nach 6-jährigem Durchschnitt 1 052 Rtl. Die 
Bürgerschaft der bereits erwähnten Stadt Jarotschin 4 ) (im 



*) Geh. St.-A. Berlin, Gen. Dir. Sp. Tit. LXXI, Nr. 8. 

2 ) Ortschaften Nr. 670. Nach Angaben der fürstl. Vormundschaft 
an den Steuerrat v. Hirschfeld. 

3 ) Ortschaften Nr. 1177. 

4 ) St.-A. Posen, Zaborowo C 7. 

5 ) Ortschaften Nr. 397. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 9 

Jahre 1793: 965 Einw.) musste der Grundherrschaft 2057 fl. 
zahlen und „überdies 272 Viertel poln. Hafer geben, und 
sind ihnen auch alle gehabten Gerechtigkeiten genommen." 
Besonders drückend war es, dass die Grundherrschaften 
bei einzelnen Gebrauchsartikeln, z. B. Salz, Likör, Hering, 
eine Monopolwirtschaft einrichteten. So war das Salz- 
monopol in Sarne, Grätz, Reisen, Punitz, Schmiegel, Zduny, 
Tirschtiegel, Wollstein; in Jarotschin kaufte die Grund- 
herrschaft eine Tonne Heringe für 54 fl. ein, die Bürger 
mussten sie ihr für 120 fl. abkaufen. 

In einigen Städten lässt sich der von „Jahrhundert 
zu Jahrhundert steigende Druck der Grundherrschaften 
auf ihre bürgerlichen Hintersassen *)" genau verfolgen. 
Dafür einige Beispiele 2 ). In Görchen 3 ) betrug die Summe 
der Abgaben an die Grundherrschaft im Jahre 1750 
2038 fl., im Jahre 1763 bereits über das doppelte: 5441 fl.; 
obwohl die armen Bürger an der Grenze ihrer Leistungs- 
fähigkeit standen, verlangte die Grundherrschaft im Jahre 
1778 neben der erhöhten Pauschalsumme von 8000 fl. ein 
„Don gratuit" von 720 fl. und für die Befreiung von der 
Soldateneinquartierung 900 fl. jährlich. Nach dem Statut 
vom 16. März 1750 betrugen die Abgaben der Stadt Reisen 4 ) 
4469 fl. Bald darauf eignete sich die Grundherrschaft die 
Brennereigerechtigkeit an. Im Jahre 1778 wurde der 
Stadt der Verlust des Brauurbars angedroht, wenn sie 
sich nicht zu einer jährlichen Gesamtabgabe von 12000 fl. 
verstehen würde. Die Bürger hielten das letztere für das 
kleinere Übel. 

Höchst lehrreich ist ein Vorfall in der Stadt Grätz 5 ), 
weil er uns zeigt, welche Mittel der Grundherr anwandte, 
um die Bürger seinen Wünschen gefügig zu machen. Um 
1750 herrschte dort Streit wegen der Abgaben des Schuh- 

!) Warschauer, Stadt. Arch. S. XIII. 

2 ) Vgl. auch R. Prümers, Grundherrl. Abgaben in der Stadt 
Wollstein. Z. 12 (Posen 1897), S. 222—226. 

3 ) Ortschaften Nr. 322. 

4 ) Ortschaften Nr. 1227, 1234. 

*) Geh. St. A. Berlin, Rep. 7, C. 46, G. t. 



io Fritz Grützmacher. 

machergewerks. Nach einem Privileg aus dem Jahre 1661 
mussten an die Grundherrschaft jährlich 6 fl. für jede 
Schuhbank bezahlt und eine bestimmte Anzahl Schuhe 
gegen ein festgesetztes Entgelt geliefert werden. Der 
Grundherr Adam Opalinski wollte nun eine Erhöhung 
der Abgabe auf 20 Tympfe 1 ) und erneute Festsetzung 
der Preise erlangen. Das Gewerk ging auf seine 
Forderungen nicht ein; der Grundherr beseitigte aber 
jeden Widerstand durch Drohungen, Auspfändung und 
Gefangensetzung von 28 Meistern. Die Haft einiger Schuh- 
macher dauerte 1V2 Tage; die hartnäckigeren wurden 
länger zurückbehalten. Ihre Freilassung wurde durch die 
besorgten Weiber der Schuhmacher erwirkt, die dem 
Grundherrn die unbedingte Erfüllung seiner Wünsche zu- 
sagten. Es kam noch besser. Das Schuh macherge werk 
musste zu seinem Schaden bemerken, dass der Grundherr 
seine Forderungen noch steigerte. Er Hess sich die Schuhe 
einfach unentgeltlich liefern. 

Äusserst traurige Folgen hatte die grundherrschaft- 
liche Willkür für die Mediatstädte Lissa, Zduny und Ra witsch. 
Sie wurden von ihren Erbherren gezwungen, Bürgschaft 
für deren Schulden zu übernehmen. Bei einer Weigerung 
drohte den Bürgern der Stadt Rawitsch 2 ) die Pfändung 
durch die Gläubiger ihres Erbherrn. Sie verstanden sich 
daher zu einer Bürgschaft von 83000 Randdukaten 4 ) 
(== 249000 Rtl.) in dem Vertrage vom 18. Mai 1792. 
Dieser war freilich alles andere als eine Sicherung ihrer 
Interessen. 

Eine Folge der Miss Wirtschaft des Adels waren die 
grossen Schulden einzelner Mediatstädte. Als die Bürger- 
schaft der Stadt Görchen 3 ) die bereits erwähnten hohen 

!) Eine Münze, die zum ersten Mal 1663 geprägt wurde. Zur 
Zeit des Königs Stanislaus August (1764—95) wurden die letzten 
noch im Umlauf befindlichen Geldstücke für 27 Kupfergroschen ein- 
gelöst, also für etwa 1 fl. M. Kirmis, Einl. in die poln. Münzkunde. 
Z. 5 Posen 1890), S. 151. 

2 ) Ortschaften Nr. 1194. Merschel, 200 Jahre Gesch. d. Stadt 
Rawitsch. (Rawitsch 191 1) im sp. Teil. 

3 ) Ortschaften Nr. 322. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. If 

Abgaben besonders nach dem Brande im Jahre 1784 nicht 
aufbringen konnte, machte die Kämmerei zur Deckung der 
grundherrschaftlichten Abgaben Schulden. Sie erreichten 
im Jahre 1796 die Höhe von 5 800 Rtl., für ein Städtchen 
von 1 377 Einwohnern, immerhin eine recht ansehnliche 
Summe. Ähnliche Verhältnisse waren in Schmiegel l ). 
Die Bürger bezahlten die grundherrschaftlichen Abgaben 
an die Kämmerei in den niederen Geldsorten. Die Grund- 
herrschaft verlangte die Ablieferung in Randdukaten. Das 
dadurch entstehende Agio musste die Kämmerei tragen. 
Hierdurch kam es, dass schliesslich im Jahre 1793 100 Rtl. 
Activa 5205 Rtl. Passiva gegenüber standen. In Schwersenz 
hatte die jüdische Gemeinde 15 000 Rtl. Schulden, die 
Stadt 2 000 Rtl. Zduny drückte die ansehnliche Schulden- 
last von 130 245 fl. Die beiden kleinen Städte Schwetzkau 
und Wielichowo hatten 14 122 bezw. 1 783 Rtl. Schulden. 
Schlimm war es auch für die Bürgerschaften, dass 
die Einziehung der Staatssteuern durch die Grundherr- 
schaften weitgehende Bedrückungen verursachte. Die 
Geistlichkeit hatte sich dem Staate gegenüber im Jahre 
1775 zu einer grösseren Abgabe verpflichtet. Es war dies 
das schon in früheren Jahrhunderten gezahlte subsidium 
charitativum, d. i. eine Steuer für die Befreiung der geist- 
lichen Güter von der Einquartierung 2 ). Vom Reichstag war 
ihr gestattet worden, diese Abgabe auf ihre Untertanen, 
d. h. auch auf die geistlichen Mediatstädte, zu verteilen. 
Sie erhob aber einen grösseren Betrag, als sie an den 
Staat abzuliefern hatte 3 ). Ungesetzlich war ferner die 
Verteilung der von der Geistlichkeit zu zahlenden Ohara 
auf die ihr gehörigen Mediatstädte. Es war das eine von 
den geistlichen Gütern zu entrichtende Grundsteuer. Eine 
ähnliche Mehrbelastung erfuhren auch die adligen Mediat- 
städte durch ihre Grundherren. In Schwarzenau 4 ) z. B. 



!) Ortschaften Nr. 1366. 1368. 

2 ) Jasinski L, Beitr. z. Finanzgesch. Polens im XVIII Jahrh. 
<Posen 19 10) S. 168; D. J. t 793, S. 244 Anm. 5. 
l ') Lehmann, S. 339 f. 
4 ) Ortschaften Nr. t8o. 



12 Fritz Grützmache r. 

wurden so viel Rauchfanggelder (die staatliche Grund- 
steuer) eingezogen, dass der Grundherr von Lipski einen 
Überschuss von 21 Rtl. hatte. 

Der ungehindert schaltende Egoismus des polnischen 
Adels findet einen treffenden Beleg in der Handhabung 
des Tranksteuergesetzes aus dem Jahre 1775 *). Schon 
vorher hatten einige Grundherrschaften, z. ß. von Lissa 
und Reisen, ihren Bürgern das Recht entzogen, Branntwein 
zu brennen. Jetzt glaubte man ein völliges Recht zu 
diesem Vorgehen zu haben. So berichtet der Rawitscher 
Steuerrat v. Below am 20. Oktober 1794 der Posener 
Kriegs- und Domänenkammer 2 ), dass ausser der Königl. 
Stadt Peisern, den adligen Städten Rawitsch, Zduny, 
Görchen und Sarne, sämtlichen Städten seiner Inspektion 
das Recht entzogen worden sei, Bier und Branntwein zu 
brennen. Selbst diese Angaben stellten die Sache zu 
günstig dar. Zduny 3 ) hatte allerdings das Brauurbar, aber 
gegen fast unerschwingliche Abgaben, ebenso Rawitsch 4 ). 
Die Bierabgaben betrugen hier für jedes Gebäude 7 fl 
18 Gr., „wodurch gegenwärtig statt Vorteil Schaden beim 
Brauen ist". Das Branntweinbrennen war nur gegen die 
ungewöhnlich hohe jährliche Abgabe von 25000 fl. gestattet. 
Anderwärts stand es nicht besser. 

Die angeführten Beispiele werden genügen, um ein 
Bild zu geben von der äusserst bedrängten Lage der 
Bügerschaft gegenüber ihren Grundherrschaften. Den 
Schlüssel für das Verständnis der herangezogenen Tat- 
sachen gewinnt man, wenn man bedenkt, dass die adeligen 
Mediatstädte von den polnischen Gerichten kein Urteil 
gegen ihre Grundherren erlangen konnten. Nur eine Be- 
schwerde bei dem Assessorialgericht in Warschau, dem 
höchsten polnischen Gerichtshofe, stand ihnen offen. Diese 
fruchtete aber wenig, da eine gerichtliche Entscheidung 
nicht erging. Bei den geistlichen Städten fällte der 



*) v gl- Jasihski, S. 154 f. 

2) St.-A. Posen SPZ. Gen. A. IV, 3 Bl. 42. 

3 ) St.-A. Posen Zduny C. 1. 

4 ) Ortschaften Nr. 1 177. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 13 

Bischof des betreffenden Ortes auf die Klagen der Bürger- 
schaften hin ein Urteil 1 ). 

Ein Blick in die alten Privilegien einzelner Städte 
zeigt, dass besonders den Städten Magdeburgischen Rechts 
ursprünglich eine hohe Selbständigkeit eigen war. Sie 
erstreckte sich auf Verwaltung und Rechtsprechung. 
Auffällig ist die hohe Anzahl der Magistratsmitglieder. 
Die städtischen Beamtenstellen wurden nämlich von den 
Bürgern meist unentgeltlich verwaltet; deren Zeit durfte 
nicht allzusehr in Anspruch genommen werden. Darum 
war eine Arbeitsteitung nötig. Bei der Verwaltung der 
Stadt Koschmin 2 ) (1513 E. im Jahre 1793) waren nicht 
weniger als 37 Personen beschäftigt. Der Verwaltungs- 
apparat der kleinen Stadt Tirschtiegel verlangte 22, der 
von Wielichowo 10 Personen. Neben dem eigentlichen 
Polizeimagistrat, an dessen Spitze der Bürgermeister stand, 
gab es in den meisten Städten noch das Stadtgericht; 
dessen Vorsitz führte der Stadtrichter. 

Die preussischen Behörden fanden das Gerichtswesen, 
ebenso wie in Westpreussen und im Netzedistrikt im 
Jahre 1772, in trauriger Verfassung vor. Gab sich eine 
der Parteien mit dem Urteil des Stadtgerichts nicht zu- 
frieden, so fällte der Grundherr das Urteil der zweiten 
Instanz. Die höchste Instanz bildete das Assessorialgericht 
in Warschau. Es gab aber auch Städte, die in rechtlicher 
Beziehung allein vom Grundherren abhängig waren 3 ). 

Das den polnischen Städten ursprünglich gewähr- 
leistete Recht der Beamtenwahl bestand noch in vielen 
Städten. In den Mediatstädten übte der Grundherr aller- 
dings auch hier oft einen unheilvollen Einfluss aus 4 ). Zu- 
weilen traf er die Wahl unter einer Anzahl von der 



*) Dieser Abschnitt beruht auf dankenswerten Mitteilungen 
von Herrn Geheimrat Warschauer-Posen, vgl. auch Schmidt Bd. 48. 

a 434. 

2) St.-A. Breslau, Rep. 199, M.-R. III, t 2 , vol. II, Bl. 76. 

3) D. J. i 79 3, S. 324. 

4 ) Einen Beleg dafür bietet Fr. Stäsche, Kleinstadtbilder aus 
Rakwitz und Grätz in den letzten Jahrzehnten des polnischen 
Reiches. Z. 14 (Posen 1899), S. 203. 



14 Fritz Grützmacher. 

Bürgerschaft vorgeschlagener Persönlichkeiten, z. B. in 
Tirschtiegel und Rawitsch, oder übte nur ein Bestätigungs- 
recht aus. In manchen Fällen ernannte er auch den 
Bügermeister und Stadtrichter selbständig. 

Einen weiteren Einfluss übten die Bügerschaften in 
Versammlungen aus, in denen über städtische Angelegen- 
heiten beraten wurde. Dass trotzdem mannigfache Un- 
ordnung in der Verwaltung herrschte, lag an dem geistigen 
Tiefstand der Bevölkerung. Die Magistratsbeamten konnten 
vielfach nicht schreiben; denn in manchen Städten gab 
es überhaupt keinen Schulunterricht, in vielen anderen 
Städten wurde er nur äusserst mangelhaft gehandhabt 1 ). 
Kein Wunder also, wenn in Kiebel 2 ) 1798 bei der Unter- 
zeichnung eines Protokolls von 50 Personen nur 9, in 
Jaratschewo 1793 von 36 Personen nur 5 ihren Namen 
schreiben konnten. Es liegt klar auf der Hand, dass bei 
solchen Verhältnissen in den meisten Städten von einer 
geordneten Verwaltung keine Spur zu finden war. Un- 
ordnung griff leicht um sich. Diese machte es den Grund- 
herren leicht, die Städter auszubeuten. 

Wie sah es nun in den Städten aus? Die Schilde- 
rungen der preussischen Beamten konnten nicht oft genug 
die Kläglichkeit derselben hervorheben; dass sehr viele 
eher den Dörfern zuzurechnen seien, war fast zu einer 
stehenden Wendung geworden 3 ). Das Aussehen der 
Städte war, von einigen Ausnahmen abgesehen, recht 
unansehnlich. Massive Häuser waren selten zu finden. 
Die mangelhafte Bauart bot Anlass zu häufigen Bränden. 
Dass man in Polen immer wieder zu der Bauweise der 
Holz- und Lehmhäuser griff, scheint daran zu liegen, dass 
Kalk- und Feldsteine schwer erreichbar waren 4 ). 



!) Vgl. D. J. 1793, Cap. XV. P. Schwartz, Die preuss. Schul- 
politik in der Prov. Sp. u. Neuostpreussen. Zeitschrift für Gesch. 
der Erziehung und des Unterrichts, I. Jahrg. (Berlin 1911), S. 135—195. 

2 ) St.-A. Posen, Kiebel C. 1. 

3 ) vgl. d. J. 1793 S. 67, 499 Urk. 4 und anderwärts. 

4 ) Vgl. J. Ziekursch's Kritik von: Bär, Westpreussen unter 
Friedrich dem Grossen, erschienen in den Göttingischen gelehrten 
Anzeigen. T73. Jahrg. (Berlin 1911.) S. 301 f. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 15 

Es ist eine allbekannte Tatsache, dass der Unter- 
gang Polens in der Schwächlichkeit seines Bürgertums 
mitbegründet ist. Ziekursch hat nun neuerdings einen 
interessanten Vergleich von südpreussischen und schle- 
sischen Städten angestellt. Daraus erhellt, dass Süd- 
preussen rein zahlenmässig über keinen schwächeren 
Bürgerstand verfügte als Schlesien. Das Ergebnis ist 
einigermassen überraschend. Die Richtigkeit der Beweis- 
führung zugegeben, welch ein Unterschied zwischen schle- 
sischen und polnischen Städten! Polens Städten fehlte im 
Gegensatz zu den schlesischen durchaus die Rechts- 
sicherheit und die Aufsicht einer starken monarchischen 
Gewalt. 

Die Darstellung der Schäden in den Mediatstädten 
birgt den Hinweis auf die Aufgaben in sich, die der 
preussischen Verwaltung harrten. Die Grösse und Wichtig- 
keit derselben tritt besonders zutage, wenn man die hohe 
Zahl der südpreussischen Mediatstädte, das Verhältnis der 
Gesamteinwohnerzahl der Mediatstädte im Vergleich zu 
der der Immediatstädte, den Prozentsatz der Einwohner- 
zahl sämtlicher Mediatstädte zur Gesamtbevölkerung Süd- 
preussens ins Auge fasst. Diese Provinz zählte nach der 
Abgrenzung von 1793 nicht weniger als 251, nach der von 
1796 242 Städte 1 ), Holsche 2 ) führt im Jahre 1800 235 an; 
in den Etats der Jahre 1802/03 und 1804/05 3 ) wird die 
Zahl 237 angegeben. Es handelt sich also um ein sehr 
städtereiches Gebiet. Von den bei Holsche angeführten 
235 Städten standen i. J. 1793 unter einer Grundherrschaft 
164, (darunter 35 unter einer geistlichen), nur 71 waren 



i) Geh. St.-A. Berlin, Rep, 92. Nachl. Friedr. Willi. III. 
B. VII b. 1. Ber. Hoyms „Über den Zustand Südpreussens am 
Ende d. J. 1797". Breslau, 19. Jan. 1798. 

2) Holsche Bd. II S. 425 f. 

3 ) Geh. St.-A. Berlin Rep. 89. 120 A. Es sei hier bemerkt, 
dass 1805 der Marktflecken Schermeisel (jetzt zur Provinz Branden- 
burg gehörig) zur Stadt erhoben wurde. Geh. St.-A. Berlin, Rep. 89 
37 C. (Immediatbericht d. Ministers v. Voss v. 9. Mai 1805). 



i6 Fritz Grützmacher. 

immediat 1 ). Das Verhältnis zwischen beiden ist also 7 : 3. 
Vergleicht man unter Zugrundelegung der Zahlen bei 
Holsche 2 ) — Angaben aus dem Jahre 1793 stehen nicht 
zur Verfügung — die Einwohnerzahlen von Mediat- und 
Immediatstädten 3 ), so lebten in den ersteren Städten 
1 69231, in letzteren 167504 Einwohner 4 ). Beide hielten 
sich also etwa die Wage. Schliesslich ergibt sich noch 
bei einem Vergleich der Zahl 1310031, der Einwohner- 
zahl Südpreussens, mit 169231, der Zahl der Mediat- 
städtebürger, dass ungefähr jeder 8. Südpreusse in einer 
Mediatstadt wohnte. 

Das nächste Kapitel soll zeigen, welche Massregeln 
die preussische Verwaltung zunächst traf, um eine Ände- 
rung der geschilderten misslichen Zustände herbeizuführen. 

Zweites Kapitel. 
Mit überraschender Schnelligkeit wurden die obersten 
Verwaltungsbehörden organisiert 5 ). Es waren 3 Kriegs- 
und Domänenkammern zu Posen, Petrikau und Ptock. 
Ihr Gebiet erhielt im Jahre 1796 eine andere Abgrenzung. 
Das der Plocker Kammer wurde zum grössten Teile der neu 
eingerichteten Provinz Neuostpreussen überwiesen. Eine 
dritte Kammer erhielt ihren Sitz in Warschau. Die Petrikauer 
Kammer wurde im Herbst 1798 nach Kaiisch verlegt 6 ). 



*) Für die einzelnen Kammerdepartements (vgl. Kap. II S. 16) 
lauten die Zahlen für Mediat- u. Immediatstädte : Posener Departe- 
ment 108 (darunter geistlich 14) : 26, Kalischer Departement 52 
(darunter geistlich ti) : 23, Warschauer Departement 39 (darunter 
geistlich 10) : 22. Die Feststellung dieser Zahlen erfolgte, da die 
Akten besonders über das Kalischer und Warschauer Departement 
versagten, aus: Sirisa, Polens Ende, historisch, statistisch und 
geographisch beschrieben (Leipzig 1797). 

2 ) Holsche, Bd. II, S. 436—481. 

3) Hier, wie bei der Einwohnerzahl Südpreussens wurden die 
Garnisonen mit ihren Familien unberücksichtigt gelassen. 

4 ) Hier fallen besonders Posen mit 17628 und Warschau mit 
63358 Einw. für die Immediatstädte ins Gewicht. Schaltet man sie 
aus der Rechnung aus, so ist das Verhältnis 2:1. 

5 ) Näheres s. D. J. 1793 Cap. III u. S. 791. 
ö ) Schles. Ztg. Jahrg. 1798 Nr. 99 S. 1588. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 17 

Im Anschluss daran soll auch das Wesentliche über 
die obersten Gerichtsbehörden der Provinz gesagt werden 1 ). 
Es bestanden nach den endgiltigen Festsetzungen 3 Regie- 
rungen zu Posen, Kaiisch 2 ) und Warschau. Ihnen waren 
18 Kreisjustizkommissionen untergeordnet, welche den Re- 
gierungen hauptsächlich bei der Vorbereitung der Zivil- 
prozesse an die Hand gehen sollten. Ebenfalls zur Ent- 
lastung der Regierungen waren die Inquisitoriate einge- 
richtet, welche Kriminal- und fiskalische Untersuchungen 
zu führen hatten 3 ). Die Kompetenzen zwischen Kammern 
und Regierungen wurden in dem „Reglement über die 
Verteilung der Geschäfte zwischen den südpreussischen 
Landes-Collegiis", d. d. Berlin 15. Dez. 1795 4 ) abgegrenzt. 
In ihm wurde die scharfe Trennung zwischen Justiz und 
Verwaltung noch nicht durchgeführt. Das geschah erst 
2 Jahre später bei dem neuostpreussischen Reglement 
vom 3. März 1797. 

Der Minister v. Voss, der schlesische Minister Graf 
Hoym und der Minister von Ost- und Westpreussen, 
Freiherr v. Schroetter 5 ), erhielten vom Könige den Auf- 
trag, „die neue Acquisition auf den preussischen Fuss zu 
setzen", v. Voss wurde mit der speziellen Verwaltung 
betraut. Südpreussen unterstand dem General-Direktorium, 
der höchsten Verwaltungsbehörde des friderizianischen 
Preussens. Doch waren die Befugnisse der Spezialdeparte- 
ments dieser Behörde zu Gunsten von Voss stark beschränkt. 

Einige Worte zu der Persönlichkeit dieses Mannes. 
1755 geboren, ist er der Bruder der von Friedrich 



*) Näheres s. D. J. 1793 S. 332 ff. 

-) Die ursprünglich in Petrikau gewesene Regierung wurde 
erst im Herbst 1798 nach Kaiisch verlegt, nicht im Jahre 1796, wie 
„D. J. 1793" S. 333, Anm. 1, irrig angibt. Schles. Ztg. Jahrg. 1798 
Nr. 109 S. 1756. 

3) Holsche, Bd. II, S. 535-38. 

4 ) N. C. C. IX, S. 2703 — 2738. Über die Entstehung der sp 
Hnd neuostpreussischen Reglements vgl. Cl. Mayer, Studien z. Ver- 
waltungsgesch. der 1793 u, 95 von Preussen erworbenen poln. Prov 
(Berlin, Diss. 1902). 

5 ) Vgl. über ihn Schmidt, Bd. 48 S. 416 ff. 

Zeitschrift der Hist. Ges. fQr die Prov. Posen. Jahr». XXVH. 2 



18 Fritz Grütz m a c li e r. 

Wilhelm IL ausserordentlich bevorzugten Hofdame Julie 
v. Voss. Er machte schnelle Karriere. Nach vorüber- 
gehendem Fernbleiben aus dem Staatsdienst wurde er 
1786 Präsident der kurmärkischen Kriegs- und Domänen- 
kammer. Im Jahre 1793 rückte er, wie bereits erwähnt, 
zum Minister von Südpreussen empor. H. v. Petersdorf f *) 
charakterisiert ihn völlig richtig, wenn er sagt: „Pflicht- 
getreu, sparsam, voll praktischen Blickes und Tatkraft, 
auch einer schrittweisen Veränderung der Dinge durchaus 
nicht abgeneigt und in gewisser Hinsicht nicht ohne Ver- 
ständnis für die Erfordernisse der Zeit, ist er jedoch ein 
abgesagter Feind radikaler Veränderungen gewesen, vor 
allem, wo sie die feudalen Interessen beeinträchtigten,, 
deren Wahrnehmung ihm von Jugend an am Herzen lag, 
während das Wohl des Landes Preisgabe dieser Interessen 
verlangte." Die ersten Eigenschaften befähigten ihn völlig 
zu der Verwaltung Südpreussens, die an die Arbeitskraft 
eines Mannes ausserordentlich hohe Anforderungen stellte. 
Dagegen hat seine Adelsvorliebe ihn oft Entscheidungen 
fallen lassen, die merkwürdig mit den Interessen des 
Bürger- und Bauernstandes in Südpreussen im Wider- 
spruch standen. Und diesen Ständen zu helfen, musste 
eine der Hauptaufgaben der preussischen Verwaltung sein. 
So bedürfen doch die anerkennenden Worte, die v. Peters- 
dorf f 2 ) über die Verwaltung Südpreussens durch v. Voss 
fällt, einer gewissen Einschränkung. Was speziell seine 
Stellung zu den Polen betrifft, so hoffte er, wie die meisten 
anderen südpreussischen Beamten, in einer Zeit, wo 
religiöse und vor allem nationale Gesichtspunkte nicht 
schwer ins Gewicht fielen, dass die völlige Verschmelzung 
Südpreussens mit dem preussischen Staat in nicht allzu- 
fernen Tagen gelingen werde 3 ). 



2 ) In dem von ihm verfassten Art. über v. Voss in der allgem. 
deutschen Biogr. 40. Bd. (Leipzig 1896) S. 360. 

2) Ebenda: S. 354 f. 

3 ) E. Hörn, Die katholisch-poln. Universitätspolitik Preussens 
Z. 23. (Posen 1908) S. 5/6, Warschauer, Deutsche Geschichtsschi\ 
S. 249. 



Grunclherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 19 

Wir hatten in Polen eine Aufsicht des Staates bei 
den Immediatstädten in höchst ungenügender Weise bei den 
Mediatstädten gar nicht gefunden. Dagegen waren die 
Städte Preussens seit den Tagen Friedrich Wilhelms I. 
einer scharfen staatlichen Kontrolle unterworfen. Speziell 
diesem Zwecke diente das Amt des Steuerrates 1 ). Er 
hatte die Aufsicht über mehrere Städte zu führen, die zu 
einer Inspektion zusammengefasst wurden. Es war Pflicht 
eines jeden Steuerrats, sich mehrmals im Laufe eines Jahres 
von den Zuständen und Wünschen der ihm unterstellten 
Gemeinwesen zu überzeugen. Seine wichtigsten Dienst- 
obliegenheiten waren: scharfe Aufsicht auf die Magistrate 
in ihren sämtlichen Geschäften, Aufstellung der Etats, 
Fürsorge für die angemessene Unterkunft des Militärs in 
den Städten, welche dem Staate als Kasernen dienten, 
Revision der Feuerlöschgeräte, Leitung der Sicherheits- 
und Wohlfahrtspolizei. Diese hatte in Preussen wie in 
jedem nach merkantilistischen Grundsätzen geleiteten 
Staate einen weit ausgedehnteren Umfang als heute. Das 
gesamte Wirtschaftsleben, Zünfte, Industrie waren dem 
Steuerrat nicht nur unterstellt, er hatte auch Vorschläge 
zur Abschaffung von Misständen zu machen. Es schien 
einen Augenblick, als sollten zum ersten Male in Süd- 
preussen die beiden Beamtenkategorien des Landrats, 
welcher nur das platte Land verwaltete, und des Steuer- 
rats in einer Person vereinigt werden. Voss schreibt am 
3. März 1793 an v. Schroetter: 2 ) „Ob es übrigens ratsam 
oder aus mir nicht bekannten, vielleicht auf die preussische 
Verfassung Bezug habenden Gründen notwendig sein wird, 
besondere Räte für die Städte und andere für das platte 
Land unter dem Namen von Land- und Steuerräten an- 



1 ) Wenn nichts besonderes vermerkt, das Folgende nach : 
^ J- x 793> S. 473 f, Ziekursch, S. 81 — 84. Ziekursch, Zur Charakteristik 
der schlesischen Steuerräte (1742 — 1809). Zeitschrift des Vereins für 
Geschichte Schlesiens 43. Bd. (Breslau 1909) S. 131 — 135, wo eine 
kritische Beurteilung der älteren und neueren Literatur über die 
Steuerräte gegeben wird. 

2) St.-A. Bresl. Rep. 199, M. R. III Nr. 12 vol. I, Bl. 57. 



20 Fritz Grützmacher. 

zustellen, oder ob nicht auch die Städte besser dem Land- 
rate beigelegt werden könnten, darüber erbitte ich mir 
Euer pp. Sentiment. Mit dem Grundsatz, dass Städte 
und Land nur einerlei Interesse erhalten und nach einerlei 
Regeln verwaltet werden sollen, ist die vorgedachte 
Trennung des Amts ihrer Polizeivorgesetzten nicht ver- 
einbarlich; sowie auch letztere in mehreren Betracht das 
Land und die Collegia belästigt. In der Kurmark habe 
ich oft auf die Aufhebung der letzteren gedacht: Mir ist 
aber hier das ständische Verhältnis, welches die Beibe- 
haltung der Landräte in ihrem gegenwärtigen Stande not- 
wendig macht, hinderlich gewesen, und eben dieses wird 
in allen alten Provinzen der Fall sein." Leider ist eine 
Antwort v. Schroetters nicht erhalten i ). Sie wäre besonders 
deswegen interessant, weil dieser als Provinzialminister 
von Neuostpreussen einige Jahre später die Anstellung 
von Steuerräten unterliess. Hoym war entschieden gegen 
die Vereinigung 2 ). Er scheint v. Voss bei der am 
18. März 1793 in Breslau gehaltenen Besprechung von 
seinem Plane abgebracht zu haben; denn bereits unter 
den schlesischen Beamten, welche Voss von Hoym am 
1. April 1793 3 ) erbittet, werden zwei Steuerräte genannt. 
Schon in südpreussischer Zeit schwankte das Urteil, 
ob die Einsetzung des Steuerrats zweckmässig war oder 
nicht. Der Minister von der Schulenburg-Kehnert empfahl 
im Jahre 1800 die Verschmelzung der Steuerrats- mit den 
Landratsstellen *). Der bereits erwähnte Regierungsdirektor 
Holsche 5 ) aus Bialystok erachtet den Steuerrat aus theo- 
retischen und praktischen Gesichtspunkten heraus gerade 
für die polnischen Provinzen für notwendig. 



*) Nach D. J. 1793, S. VI, sind die Organisationsakten Schroetters 
verloren. 

2 ) St.-A. Breslau, Rep. J99, M. R. III. Nr. 12 vol. I. BI. 81. 
„Promemoria" Hoyms. 

3 ) D. J. 1793, S. 142. Urkunde 10. 

4 ) Warschauer, Eine Denkschrift des Ministers Friedrich Wil- 
helm von der Schulenburg-Kehnert. Z. 9. (Posen 1894) S. 143—145. 

5) Holsche, Bd. I, S. 379 ff. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 21 

Das Posener Departement hatte 6 Steuerräte, die 
beiden anderen zählten deren je 3 1 ). Einzelne Inspek- 
tionen enthielten anscheinend aus Sparsamkeitsrücksichten 
mehr Städte, als es sich mit dem Interesse einer straffen 
Verwaltung in Einklang bringen liess 2 ). Die Zahl der 
Städte, welche von einem südpreussischen Steuerrat zu 
verwalten waren, ragte in den weitaus grössten Fällen 
über die Zahl in den alten Provinzen hinaus. In Süd- 
preussen unterstanden durchschnittlich 20 Städte einem 
Steuerrat. In Westpreussen und im Netzedistrikt, wo 
1772 gleiche kulturelle Verhältnisse wie in Südpreussen 
1793 vorwalteten, waren es nur 13 3 ). Die gleiche Durch- 
schnittszahl hatte Schlesien. 

Zur Richtschnur für ihre Tätigkeit hatten die Steuer- 
räte der alten preussischen Provinzen Instruktionen er- 
halten. Sie wichen im Wortlaut von einander ab, aber 
dem Sinne nach stimmten sie alle überein 4). Auch für 
die südpreussischen Steuerräte wurde eine besondere 
Instruktion ausgearbeitet 5 ). Sie erschien am 1. Januar 
1794 6 ). Als Vorbild dürfte die sich auch bei den Organi- 
sationsakten 7 ) findende Instruktion für die schlesischen 
rate vom 29. Juni 1792 gedient habend). Ein Exemplar 
der südpreussischen Instruktion ist nicht erhalten. Das 
ist kein allzu grosser Verlust. Es wäre nämlich falsch, 
ein Urteil über die Erfolge der Steuerräte allein nach den 



i) Warschau war ganz, Posen teilweise von der Zwischen- 
instanz des Sleuerrats befreit. Holsche, Bd. II, S. 357; Jaffe, S. 44. 

2 ) Vgl. Berichtigung einer Schmähschrift „Das gepriesene 
Preussen" genannt mit Bezug auf das Schwarze Buch, 1803, S. 68. 

3 ) Bär, Bd. I, S. 101; Handbuch über den Kgl. preussischen 
Hof und Staat für d. Jahr 1796 S. 90. 

4 ) Ernst Meier, Die Reform der Verwaltungsorganisation unter 
Stein und Hardenberg (Leipzig 188 1) S. 96, Anm. 

») D. J. 1793. S. 501. Urk. 5. 

«) St.-A. Posen, SPZ, D. 25, vol. VI, Bl. 90; das Schreiben 
enthält nur das Datum. 

7) St.-A. Bresl. Rep. 199, M. R. III, Nr. 12 vol. I Bl. in— 127. 

8 ) Auch O. Hintze hat in der Histor. Zeitschr. Bd. 86 (N. F 
Bd. 50, 1901), S. 153 dieser Vermutung Ausdruck gegeben. 



22 F r i t z Grütz in acher. 

Instruktionen zu fällen. Man wird letztere mit Recht als 
eine der „üppigsten Blüten der Vielregiererei und Schreib- 
seligkeit der absoluten Bureaukratie" bezeichnen dürfen. 
Ein solches muss sich vielmehr auf Grund ihrer Leistungen 
aufbauen. Im allgemeinen darf die Tätigkeit auch der 
südpreussischen Steuerräte 1 ) nicht idealisiert werden. Es 
muss aber auch anerkannt werden, dass sich einzelne um 
das Wohl der ihnen unterstellten Städte grosse Verdienste 
erworben haben. Im Posener Kammerdepartement Hess 
die Wirksamkeit der Steuerräte mit Ausnahme des Wtocla- 
wekers nichts zu wünschen übrig. Im Kalischer und 
Warschauer Kammerdepartement dagegen überwogen die 
tüchtigeren Steuerräte nur in verhältnismässig geringem 
Masse; die untauglicheren bildeten eine starke Minder- 
heit. Der weite Abstand zum Posener Kammerdeparte- 
ment zeigte sich darin, dass nur in der Sieradzer Inspek- 
tion durchweg Steuerräte waren, die ihren Posten zur 
Zufriedenheit der Kammer ausfüllten. Revisionen ergaben 
bei einzelnen Inspektionen eine recht böse Unordnung 
der Geschäfte; bei zwei Steuerräten machte man so trübe 
Erfahrungen, dass man sie aus ihren Stellen entfernen 
musste. 

Die preussischen Behörden suchten sich zunächst 
im allgemeinen durch Aufstellen von „Indaganda oder 
Topographisch-Statistische Fragen über den Zustand und 
die Beschaffenheit der Städte" zu informieren 2 ). Sie sahen 
bald ein, dass sich mit den polnischen Magistraten eine 
geordnete Verwaltung nicht durchführen lassen würde. 
Neue Magistrate mussten eingesetzt werden. Man war 
sich darüber einig, dass die Zahl der Magistratsmitglieder 
stark zu vermindern sei, dass Besoldungen zu zahlen seien, 
<3ass die Anstellung der Beamten nicht mehr auf ein Jahr, 

*) Über diese werde ich genauere Mitteilungen in einem dem- 
nächst in den „Historischen Monatsbl. f. d. Prov. Posen" erschei- 
nenden Aufsatze: „Zur Charakteristik der südpreussischen Steuer- 
räte" geben. 

2) Das Folgende nach: D. J. 1793, S. 460 f. 478 f. 506 f. (Ur- 
kunde ti). 508 f. (Urk. 13). 770 (Urk. 1). Ortschaften Nr. 1170. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 23 

sondern auf Lebenszeit zu erfolgen habe. Mit dieser Einsicht 
war freilich noch wenig erreicht. Bei der Umsetzung in die 
Tat türmten sich häufig recht grosse Hindernisse auf. Es 
war oft schwierig, die Rücksicht auf die Grundherrschaften in 
Einklang zu bringen mit den Wünschen der Bügerschaf ten. 
Deren Vertrauen zur preussischen Verwaltung musste 
einen harten Stoss erleiden, wenn letztere den Grund- 
herren genehme oder gar von ihm abhängige Personen 
in die Aemter einsetzte. Denn gerade die Bürgerschaften 
der Mediatstädte erhofften von der neuen Regierung 
Hülfe und Schutz gegen ihre bisherigen Bedränger. 
Andererseits musste man die Wünsche der Grundherren 
in betracht ziehen, weil man sie zu Beiträgen für die 
Beamtengehälter heranzuziehen hoffte. Den Grundherren 
war selbst bei diesem vorsichtigen Verfahren der preussi- 
schen Verwaltung recht unbehaglich zu Mute. Ohne viel 
darnach zu fragen, wählte sich der Grundherr von Rawitsch, 
der Starost v. Mycielski, einen ihm völlig ergebenen Mann 
zum Bürgermeister. Die sich kreuzenden Interessen er- 
heischten eine einheitliche Regelung: Im August 1793 
befahl v. Voss, dass die erste Bestallung der Magistrats- 
beamten allein von den Kammern vorgenommen werden 
sollte. Der südpreusische Adel gab seiner Missstimmung 
darüber unverhohlen Ausdruck. Die Posener Kammer blieb 
fest, nicht so der Minister v. Voss. Ihm mochte vielleicht 
die tiefere Einsicht in die frühere Lage der Städte 
zu ihren Grundherrschaften abgehen, oder seine adels- 
freundliche Natur Hess ihn die Dinge nicht so trübe sehen, 
wie sie eigentlich waren. So schlagen seine Entscheidungen 
bei der Magistratsbesetzung in Ostrowo und Lissa im 
Dezember 1793 und Januar 1794 obiger Bestimmung 
direkt ins Gesicht. Als sich nämlich die Grundherr- 
schaften dieser Städte bei ihm beschwerten, dass ihren 
Wünschen bei der Ämterbesetzung nicht Gehör geschenkt 
worden sei, wurde ihnen die Erfüllung ihrer Anträge zu- 
gesichert. 

Eine endgültige Regelung der Frage der Ämter- 
besetzung in den Städten erfolgte am 18. April 1794 durch 



24 Fritz Grützmacher. 

-die „Deklaration wegen Organisation und Besetzung der 
Magistrate in Südpreussen" 1 ). Es war ein grosser Fort- 
schritt, dass die erste Besetzung der Beamtenstellen in 
den Städten dem Staate vorbehalten wurde. Für die 
Zukunft wurde folgendes festgesetzt: Alle Rechte, welche 
von den Bürgerschaften oder Grundherrschaften in Be- 
ziehung auf die Ämterbesetzung in polnischer Zeit aus- 
geübt worden waren, wurden insoweit bestätigt, als sie 
„Unserer wohlgeordneten Staatsverwaltung nicht" wider- 
sprachen, „sondern derselben angemessen und unter- 
geordnet" sein müssten. Nach dem Allgemeinen Landrecht 
war ein Wählen der Magistrate durch die Bürgerschaften 
ein Ding der Unmöglichkeit 2 ). So verurteilte man die Wahl 
des neuen Rawitscher Bürgermeisters Böckler als „wider alle 
Verfassung" geschehen 3 ). An die Stelle der in polnischer 
Zeit wählenden Bürgerschaft traten daher die Magistrate, 
welche nach dem Tode eines Magistratsmitgliedes ein 
neues zu kooptieren hatten. Die Bestätigungsrechte der 
Grundherrn wurden diesen belassen. „Bei Selbstbe- 
setzungen" der Grundherren war das neue Magistrats- 
mitglied den „Landeskollegien zur Konfirmation" zu 
„präsentieren." Das musste auch im Falle der Wahl 
durch die Magistrate geschehen. Der Staat hatte damit 
ein Mittel in der Hand, die Anstellung ungeeigneter 
Beamten zu verhindern. 

Auch jetzt bewies v. Voss noch grosse Nachgiebigkeit 
gegen die Grundherrschaften, wie ein Fall in der Stadt 
Rawitsch 4 ) zeigt. Anscheinend hatte er keine Ahnung von 
der schlimmen Lage dieser Stadt gegenüber ihrer Grund- 
herrschaft. Nur so kann man es verstehen, dass er den 
Angaben des Grundherrn von Rawitsch völlig Glauben 
schenkte. Dieser gibt in dem Schreiben an den Minister 
eine ganz verdrehte Darstellung seiner früheren und 
jetzigen Stellung zur Stadt Rawitsch. Wirklich wollte 

i) D. J. 1793. S. 514 f. ürk. 16. 

2) Lehmann, Stein, Bd.II, S.26. Allg. Landrecht II.Teil 8.Tit. §. 122. 

b ) Ortschaften Nr. T170. 

4 ) Ebenda. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 25 

Voss den. Kandidaten des Grundherrn, Schülke mit Namen, 
als Bürgermeister bestätigen. Erst die beweglichen Klagen 
der Repräsentanten der Bürgerschaft, die von einer solchen 
Wahl mit vollem Recht das Schlimmste für ihre Zukunft 
besorgen mussten, stimmten ihn um. Dazu mag der 
Bericht der Posener Kammer wesentlich beigetragen haben, 
welche sich hier, wie bei den zur prinzipiellen Entscheidung 
vom 18. April 1794 führenden Verhandlungen, der Bürger- 
schaften kräftig annahm. 

Die Einsetzung der Magistrate zog sich ziemlich lange 
hin; beim Ausbruch der Insurrektion im Herbst 1794 war 
sie nur in einigen Städten vollendet. Verzögert wurde sie 
vor allem dadurch, dass für die neu einzusetzenden 
Magistrate die Besoldung erst zu schaffen war. In -vielen 
Städten galt es, eine Kämmereiverwaltung überhaupt erst 
einzurichten, in anderen war gründliche Ordnung herzu- 
stellen. Übergriffe der Grundherren bei der Verwaltung 
des städtischen Eigentums wurden fernerhin nicht mehr 
geduldet. Ihr unheilvoller Einfluss, der bei den Ver- 
pachtungen der städtischen Grundstücke in polnischer 
Zeit oft zutage getreten war, wurde durch scharfe Auf- 
sicht der Behörden beseitigt. Neue Einnahmequellen 
mussten geschaffen werden. So wurde in Schmiegel 1 ) 
die Hälfte des Pflasterzolls, die der Magistrat 1780 der 
Grundherrschaft abgetreten hatte, zur Kämmereikasse ge- 
zogen. Das gleiche geschah in Grätz 2 ). Verschiedene 
Präsente an die Grundherrschaft und „sonstige unnötige 
Ausgaben im Betrage von 86 Rtl." wurden in Schmiegel 
in den Etat nicht mehr eingestellt. Hier sollten fernerhin 
die Abgaben an die Grundherrschaft in den Geldsorten 
bezahlt werden, welche die Kämmerei von den Bürgern 
erhielt. Dadurch wurde das Agio erspart. Blieben die 
Bürger mit den grundherrschaftlichen Gefällen rückständig, 
so brauchte die Kämmerei ferner nicht mehr die Ausfälle 
2u decken. Einer Fortsetzung der alten Schuldenwirtschaft 



*) Ortschaften Nr. 1366. 
2 ) Ortschaften Nr. 366. 



20 Fritz Grützmacher. 

war so ein Damm entgegengesetzt. Auch die Überschüsse 
der Rauchfanggelder, welche sich die Grundherren bisher 
oft angeeignet hatten, kamen wohl ferner der Kämmerei- 
verwaltung zugute 1 ). 

Es gelang in vielen Fällen nicht, die Ausgaben und 
Einnahmen in Einklang zu bringen. Die Königl. Kassen 
sollten daher mit ioooo Rtl. aushelfen. Im Etatsjahre 
1793/4 kam diese Summe nicht zur Verwendung, da sie 
„als Ersparung an die Kgl. extraordinäre Kasse zu Berlin 
abgesandt werden musste" 2 ). Das verzögerte natürlich 
die Einsetzung der Magistrate; bei Ausbruch der Insurrektion 
im Herbst 1794 war sie nur in einigen Städten, wie bereits 
bemerkt, vollendet. 

Der langsame Fortgang der Organisationsarbeit findet 
findet z. T. seine Erklärung darin, dass man nicht wusste, 
in welchen Städten neue Magistrate einzusetzen seien. 
Die preussischen Behörden hofften nämlich, viele kleine 
Städte in Dörfer verwandeln zu können 3 ). Eine Über- 
eilung bei der Magistratsbesetzung erschien in diesen 
nicht geboten, da sie doch rückgängig gemacht werden 
musste, wenn die Verwandlung in ein Dorf erfolgte. Zu 
dem Gedanken, die Zahl der Städte zu vermindern, 



1 ) Nachweisbar bei der Aufstellung des Etats der Stadt 
Schwarzenau im Oktober 1794. Dass die Grundherren fernerhin 
nicht mehr Überschüsse in ihre Tasche steckten, ergibt sich aus 
einem Schreiben des Ministers v. Voss an Schroetter vom 30. August 
1805, und daraus, dass die Bürgerschaftsrepräsentanten die Rauch- 
fanggelder einzogen, Geh. St.-A. Berlin, Gen. Dir. Sp. Tit. LXVT. 
Nr. 4. Ortschaften Nr. 180. Schmidt, Bd. 49, 6. Abschnitt. 

2) St.-A. Posen S. P. Z. A. IV, 1 a, Bl. 52. 

3 ) Dem folgenden liegt zu Grunde: St.-A. Posen S. P. Z. Gen. 
A. IV, Nr. 3, A. IV, ib Bl. 25, Kiebel C. 1. C. 2; Geh. St.-A. Berlin 
Rep. 89, 37 C. Immediatbericht v. 20. Januar 1802. Gen. Dir. Sp. 
Tit. L. XVI, Nr. 4, 5, 6, 8. Holsche, Bd II, S. 214, 219, 220, 436—63. 
Sirisa, Polens Ende, hist, Statist, u. geograph. beschrieben, Bd. II 
(Leipzig 1797) S. 188 f. 192; L. Krug, Betrachtungen über den Natio- 
nalreichtum des preuss. Staats. II. Teil (Berlin 1805) S. 4—60. (L. 
Krug) Beitr. z. Beschreibung von Süd- u. Neuostpreussen (Berlin 
i8o3) S. 46. Handbuch über den Kgl. preussischen Hof und Staat 
für die Jahre 1796 — 1806. 



Grundherrsehaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 27 

wurden die preussischen Behörden vor allem durch die 
preussische Steuerverfassung geführt. Diese wies „den 
Dörfern die Produktion, den Städten aber die Fabrikation 
und den Handel an; ganz dem entgegen bestand der 
grössere Teil der südpreussischen Städte aus Dörfern, die 
sich ein städtisches Privilegium erschlichen hatten, ohne 
je städtisches Gewerbe treiben zu können" 1 ). Von 122- 
Städten des Petrikauer Kammerdepartements wollte man 
84, im Posenschen Departement 21 aus der Liste der 
Städte streichen. Bei den Grundherrschaften fiel dieser 
Plan fast überall auf günstigen Boden. Man hoffte, so 
von den Zuschüssen zu den Gehältern der Magistrate 
Joszukommen. Energischen Widerstand leisteten dagegen 
die Bürgerschaften. Die Behörden predigten tauben 
Ohren, wenn sie immer und immer wieder versicherten,, 
dass die Bürgerschaften bei einer Verwandlung ihres 
Gemeinwesens in ein Dorf nicht mehr Abgaben an die 
Grundherrschaften zu zahlen hätten, als früher. Es fruch- 
tete auch wenig, als man ihnen vorstellte, dass sie als 
Städter bedeutende Kosten für die Besoldung der Magi- 
strate zu tragen hätten. Vereinzelt glaubten die Bürger 
den Verzicht auf das Stadtrecht nicht mit dem hohen 
Alter ihrer Städte vereinen zu können. Für uns Nach- 
geborene ist das eine fast komisch wirkende Tatsache^ 
wenn wir diese „Städter" betrachten, denn in Wirklich- 
keit waren sie ja Bauern. So ist zumeist an dem Wider- 
stand der Städte ein grösseres Herabsinken ihrer Zahl 
gescheitert. Denn Voss und sein Nachfolger Hoym, die 
hier, wie sonst selten, einer Meinung sind, machten die 
Verwandlung einer Stadt in ein Dorf von der Zustimmung 
einer */a Mehrheit der Bürgerschaft abhängig. Priment 
in der Fraustädtischen steuerrätlichen Inspektion, Trembeck 
in der Gostininschen, Przeremb, Gidlie, Osiakow, Zytno, 
Konary, Zablocie in der Petrikauischen, Kobyla Gora in 
der Sieradzschen, Charob, Grzymiszew in der Kalischer 

*) Aus einer offiziellen Denkschrift d. J. T794. Sie hat sicher- 
lich Voss zum Verfasser. (D. J. 1793, S. 245 Anm. 5.) Meyer,. 
Christian, Geschichte d. Prov. Posen (Gotha, 1891), S. 327. 



2o Fritz Grützmache r. 

Inspektion, wurden der Aufsicht des Steuerrats entzogen 
und dem Landrat unterstellt. Bei Przeremb und Priment 
ist die Verwandlung in ein Dorf sicher bezeugt 1 ). Sie 
erfolgte in beiden Fällen im Jahre 1797, KobylaGora, Zytno, 
Grzymiszew führen bei Holsche den Titel Stadt. Welche 
Bezeichnung die anderen Orte fernerhin führten, ob Dorf 
oder Marktflecken, war nicht festzustellen. Dagegen ist 
es sicher, dass sie alle fernerhin die Konsumtionssteuern, 
das sind Schlacht- und Tranksteuer (ausgesprochen städti- 
sche Steuern), nicht mehr zu zahlen hatten. In den an- 
geführten Fällen müssen die Wünsche der Konsumtions- 
steuerbehörden berücksichtigt worden sein. Sie ver- 
langten vor allem in den von Städten zu Dörfern degra- 
dierten Orten die Abschaffung der Jahrmärkte. Dieses 
Verlangen hat schliesslich die Verwandlung der Stadt 
Kiebel in ein Dorf scheitern lassen. 1797 hatte sie Hoym 
bereits durchgeführt. Das hatte eine kleine Revolte der 
Kiebler zur Folge, die erst mit der Hilfe von Militär 
unterdrückt wurde. Die Widerspenstigkeit der Kiebler 
nötigte Hoym bereits ein Jahr darauf zur Zurücknahme 
seines Befehls. Als dann 1801 der Erbprinz von Oranien, 
welcher die Stadt mit anderen umfangreichen Gütern im 
Jahre 1798 erworben hatte 2 ), im Einverständnis mit der 
nun vernünftiger denkenden Bürgerschaft die Verwand- 
lung in einen Marktflecken plante, machte ihm die Steuer- 
behörde einen Strich durch die Rechnung. Sie stellte die 
oben bereits erwähnte Bedingung Diese wollte und 
mochte der Erbprinz nicht erfüllen. So ist Kiebel bis 
zum Jahre 1883 Stadt geblieben. Vergleichen wir nun 
die angeführten Tatsachen mit den Plänen der Behörden 



*) Die Angabe in dem Aktenstück des Geh. St.-A. Berlin Gen. 
Dir. Sp. Tit. LXVI, Nr. 10, dass Grabow (Lentschitzer Inspektion) 
1797 in ein Dorf verwandelt wurde, ist wohl irrtümlich; wenn sie 
richtig ist, ist die Verwandlung jedenfalls wie bei Kiebel nicht von 
langer Dauer gewesen. 

2 ) Hofmann, W., Die Ansiedlung nassauischer Kolonisten auf 
<len sp. Gütern des Erbprinzen Wilhelm v. Oranien im Jahre 1799. 
Wissenschaftl. Beilage zum Jahresber. des Realprogym. zu Ems 
<Ems 1898) S. 8. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr, Mcdiatstädten. 29 

in den ersten Jahren der südpreussischen Zeit, so ergibt 
sich, dass letztere nur zum kleinsten Teil ausgeführt 
worden sind. So hat Südpreussen seinen Ruhm, die 
städtereichste Provinz Preussens zu sein, behalten. Das 
war freilich sehr zum Unsegen der Verwaltung. Ihr 
haben besonders die kleinen Städte viele Ungelegenheiten 
bereitet. 

Ebenso wie bei der Organisation der Ma- 
gistrate begegnen wir bei der Regelung der Justizver- 
waltung in den Städten nur vorbereitenden Massnahmen 1 ) 
Das Notificationspatent vom 8. Mai 1793 2 ) hob alle bis- 
herigen polnischen Gerichte, also auch die bisherigen 
Stadtgerichte, auf. Neue Einrichtungen waren an deren 
Stelle zu setzen. Voss war ebenso wie die Posener 
Kammer der Ansicht, dass in adligen Städten die Grund- 
herrschaften für die Justiz zu sorgen hätten. Sie sollten 
zu diesem Zwecke Justitiarien anstellen, die der Be- 
stätigung durch die Behörden bedurften 3 ). Das war bis 
zum Ausbruch der Insurrektion nur in wenigen Städten 
geschehen, so in Rakwitz und Rotenburg 4 ). In einigen 
grösseren Städten, z. B. Lissa 5 ), nahm man die Anstellung 
von eigenen Justizbürgermeistern in Aussicht. In den 
kleineren Städten fehlte es dazu an Geld. Dauernde 
und prinzipiell geltende Anordnungen wurden unter der 
ersten Verwaltung des Ministers v. Voss nicht geschaffen. 

Welche Wirkung übte nun der Wechsel der Re- 
gierung auf die Bürger in den Mediatstädten aus? Die 
Bürger wagten gegen ihre Grundherren aufzutreten. Man 
war sich der Unrechtmässigkeit vieler Abgaben wohl be- 
wusst. Man schoss aber weit über das Ziel hinaus, wenn 
man glaubte, der Grundherrschaft überhaupt keine Ab- 
gaben mehr schuldig zu sein. Die Bürgerschaften wurden 



*) D. J. 1793, S. 350. Meyer C, Geschichte der Prov. Posen 
(Gotha 1891) S. 324. 

2 ) Lehmann, S. 31 — 33. 

3 ) Geh. St.-A. Berlin, Gen.-Dir. S. P. Tit. LXXIII, Bd. I, Bl. 68 

4 ) St.-A. Posen, Rotenburg, C. 2. 

5 ) Ebenda, Lissa C. 2. 



30 Fritz Grützmacher. 

daher durch eine Bekanntmachung der Posener Regierung 
vom 12. Juli 1703 T ) aufgefordert, die Abgaben und Dienste 
nach dem Status quo auch fernerhin zu leisten. Wichtig 
war es, dass alle Erhöhungen von Abgaben und Diensten 
untersagt wurden. Eventuelle Klagen darüber sollten bei 
den Behörden angebracht werden. Dass die Grundherren 
ohne weiteres unrechtmässige Abgaben erliessen, gehörte 
zu den Seltenheiten. So überliess der um seine Stadt 
Schwersenz sehr verdiente Grundherr Johann von Klug 
der Kämmerei 148 Rtl. Grundzinsen (sie waren ihm 
durch Privilegien verbürgt) und Fuhrgelder, Soldaten- 
gelder, Marktgelder im Betrage von 76 Rtln. Letztere 
waren Abgaben, die den Bürgern in polnischer Zeit zwangs- 
weise auferlegt waren. Ferner verzichtete er zugunsten 
der evangelischen Schule auch auf 83 Rtl. Brauabgaben. 
Durch diese Schenkung aus den Jahren 1794 und 1795 
wurden die grundherrschaftlichen Einkünfte, die im Jahre 
1793 einschliesslich der Walknutzung 1605 Rtl. betragen 
hatten, um ein Fünftel vermindert 2 ). 

Die anderen Städte waren nicht in dieser glücklichen 
Lage. Wollten sie also von den unrechtmüssigen, ihnen 
in polnischer Zeit durch Zwang auferlegten Lasten be- 
freit werden, so konnte es nur dadurch geschehen, dass 
sie gegen ihre Grundherren gerichtliche Klage erhoben. 
Diese fassten denn auch viele Mediatstädte bereits in den 
ersten Monaten nach der preussischen Besitznahme ins 
Auge. In Zduny 3 ) verlangte man eine Änderung der 
Bierabgaben, die Wiedergabe der Branntweinbrennerei- 
gerechtigkeit, die der Stadt 1760 entzogen worden war. 
Man wollte einen freien Salzhandel haben ; zur Zeit hatte 
die Grundherrschaft den Salzverkauf an einen Juden für 
1200 fl. verpachtet. Wie früher wollte jeder mit Heringen 

i) D. J. 1793, S. 384 f. Urkunde 7; auch Clemens Branden- 
burger, Das Hauländerdorf Goldau b. Posen, Z. 18 (Posen 1903). 

S. 33 «. 

2) St.-A. Posen, S. P. Z. C. I, 20, 21. Schwersenz C. 7; 
Geh. St.-A. Berlin, Ortschaften Nr. 1425. 

8) St.-A. Posen, Zduny C. I. Ortschaften Nr. 1628. 



Gnmdherrschat't u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 3 1 

gegen eine Abgabe von 10 fl. handeln können. Zur Zeit 
hatte die Grundherrschaft den Heringsverkauf mono- 
polisiert. Auch die 1763 von der Grundherrschaft ein- 
geführte Holzaccise empfand man als drückend und be- 
antragte die Abschaffung. Um die Stadt von der schweren 
Schuldenlast zu befreien, erstrebte man von dem früheren 
Grundherren Fürsten August v. Sulkowski die Rückzahlung 
der zuviel bezahlten Abgaben im Betrage von 133096 fl. 
Das ist in südpreussischer Zeit nie gelungen. Der Ver- 
mögensverfall der Sulkowskis, welche auch die Grund- 
herrschaft der Stadt Lissa waren, machte das zu einem 
Ding der Unmöglichkeit. Wegen der anderen Punkte 
ist es späterhin zur Klage gekommen. Der Ausgang war 
leider nicht zu ermitteln. 

Es war oft schwierig, die nötigen Unterlagen für die 
Klagen zu schaffen. Wichtig war es vor allem, dass man 
die alten Privilegien mit dem jetzigen Zustande vergleichen 
konnte. In Schmiegel 1 ) hatten die Bürger das dunkle 
Empfinden, dass die jetzigen Abgaben nicht mit den ur- 
sprünglichen übereinstimmten. Die älteren Privilegien, 
welche ihnen die Klage ermöglicht hätten, waren nicht 
aufzufinden. Ähnlich mögen die Dinge bei der mangel- 
haften Aufbewahrung der Urkunden und Privilegien in 
polnischer Zeit auch in manchen anderen Städten gelegen 
haben. Zuweilen befanden sie sich auch, wie z. B. in 
Betsche 2 ), in den Händen der Grundherrschaft. Sie waren 
daher für die Bürgerschaften schwer erreichbar. Hier 
griffen die Behörden helfend ein. Schon Anfang 1794 
nahm man in Aussicht, sich Abschriften der in den 
Städten nicht mehr vorhandenen Privilegien zu beschaffen. 
Erleichtert wurde dieses Bestreben nach der Erwerbung 
Warschaus (1795) durch die Einsetzung der Hauptlandes- 
Archivkommission 3 ). 

Mir ist nicht bekannt geworden, ob in den beiden 
ersten Jahren die südpreussischen Regierungen, die 

*) Ortschaften Nr. 1373. 

2 ) Warschauer, Stadt. Arch. S. 9. 

3) Ebenda, S. XVII. 



32 Fritz Grützmacher, 

höchsten Gerichtsbehörden der Provinz, Urteile gefällt 
haben, welche das Abgabenverhältnis von Bürgerschaften 
an ihre Grundherrschaften zum Gegenstande haben. Sind 
solche wirklich ergangen, so dürfte man mit der Annahme 
nicht fehlgehen, dass sie alles beim alten Hessen. Wenn 
sich auch Gegenströmungen geltend machten, so hielt 
man im allgemeinen doch an der Ansicht fest, dass auch 
diejenigen Lasten weitergetragen werden sollten, die einer 
widerrechtlichen Erhöhung in polnischer Zeit ihr Entstehen 
verdankten. Einzelne Korrrspondenzen und Verhand- 
lungen sollen einen Einblick in die darüber herrschenden 
Auffassungen geben. Voss hat seine Ansicht in einem 
Rescript an die Posener Kammer vom 24. Dezember 1793 v ) 
ausgedrückt. Er meinte, dass nur die „Qualität eines 
adligen Gutes" nachzuweisen wäre, um die jetzt bestehen- 
den Abgaben an die Grundherrschaften als rechtmässige 
anerkennen zu können. Er machte dabei die Ein- 
schränkung, dass die in den Privilegien erteilten Rechte 
„nicht mit allgemeinen Reichsgesetzen und Constitutionen 
oder mit bereits anderen Einsassen der Stadt verliehenen 
Rechten im Widerspruch" stehen dürften. „Die eminenten 
Praerogative und Freiheit des polnischen Adels werden 
indessen die Kraft und Ausführung hiesiger allgemeiner 
Landesökonomie und Polizeigesetze nicht hindern dürfen; 
denn solche treten in die Stelle der polnischen Gesetze 
und Constitutionen, welchen die Privatrechte, soweit sie 
damit in Collision kommen, weichen müssen". Nach west- 
preussischem Vorbilde befahl Voss, das „in jedem einzelnen 
vorkommenden Falle nach diesem Grundsatze verfahren 
werde". Er fand es nicht „für gut und nötig", selbst 
dieses so vorsichtig wie möglich abgefasste Rescript der 
Oeffentlichkeit kund zu tun. Die Absichten der preussi- 
schen Behörden blieben so weiteren Kreisen, vor allen 
den Bürgern in den Mediatstädten, unbekannt. Die Praxis 
zeigt, wie wenig mit dem obigen Rescript erreicht wurde. 
Schon nach polnischen Gesetzen war der Salzhandel für 



J ) Ortschaften Nr. 1204. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 33 

jeden Bürger freigestellt. Nach dem Rescript vom 24. De- 
zember 1793 hätte also jede Beschränkung des Salz- 
handels, welche die Grundherrschaften durch eine Monopol- 
wirtschaft oder Erteilung von Konzessionen zum Salzver- 
kauf ausübten, aufhören müssen. Tatsächlich ist das nur 
in einer Stadt, nämlich Tirschtiegel *), durchgeführt worden. 
Anders waren die Anschauungen der Posener 
Kammer. In einem mit dem erwähnten Schreiben des 
Ministers sich kreuzenden Bericht regte sie eine allgemeine 
Untersuchung über die grundherrschaftlichen Abgaben 
an. Die Kammer hielt sie aus mancherlei Gründen für 
notwendig. Sie wollte feststellen, inwieweit der Staat 
das Recht habe, in das Verhältnis zwischen Grundherrschaft 
und Bürgerschaft einzugreifen. Dazu musste man sich 
eine genaue Kenntnis dieser Verhältnisse verschaffen. 
Noch andere Gesichtspunkte machte sie geltend. In 
polnischer Zeit hatten nur die Grundherren Konzessionen 
zum Gewerbebetrieb erteilt. Die Kammer beabsichtigte 
nun, auch ihrerseits dasselbe zu tun. Sie wollte damit 
erstens eine Bresche in die Monopol Wirtschaft der Grund- 
herrschaften schlagen. In der Stadt Grätz hatte sie ihre 
Absicht bereits verwirklicht. Hier hatte der Grundherr, 
Generalmajor v. Radomski, den Handel mit Licht und 
Seife monopolisiert. Dadurch, dass sich hier ein neuer 
Seifensieder, der nur die Genehmigung der Kammer hatte, 
niederliess, wurde der Grundherr natürlich geschädigt 2 ). 
Zweitens sollten diejenigen Handwerker, welche von der 
Kammer Konzessionen erhalten hatten, in die Zünfte nicht 
eintreten. Die damalige Zeit war diesen nicht günstig 
gesinnt. Das zeigen die darüber handelnden Abschnitte 
des allgemeinen Landrechts 3 ). Ähnliche Stimmungen 
herrschten auch in der Posener Kammer. Gerade die 
südpreussischen Zünfte mit ihren aus dem Mittelalter über- 
kommenen, nicht mehr zeitgemässen Einrichtungen waren 



r ) Ortschaften Nr. 1504. 

2) D. J. 1793 S. 486 f. 

3) Lehmann, Stein, II. Bd. S. 34 f. 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XXVII. 



34 Fritz Grützmache r. 

einer Schonung nicht würdig 1 ). Die Kammer fürchtete 
nun, dass für den Fiskus leicht Verluste entstehen könnten, 
wenn die Grundherren wegen der von der Kammer er- 
teilten Gewerbekonzessionen gerichtliche Klagen erhöben. 
Der Fiskus musste den Prozess verlieren. Denn nach 
dem geltenden polnischen Rechte — das allgemeine Land- 
recht fand erst mit dem i. Juli 1794 als subsidiäres Recht 
in Südpreussen Geltung 2 ) — hatten nur die Grundherren 
das Recht, Gewerbekonzessionen zu erteilen. Wenn man 
sich an das Rescript vom 24. Dezember 1793 erinnert, so 
ist die Antwort, die Voss auf die Anregungen der Posener 
Kammer gab, vorauszusehen: er lehnte schroff ab. Ent- 
ständen Streitigkeiten zwischen Grundherrschaften und 
Bürgerschaften, so sollte sie der Steuerrat aus der Welt 
schaffen. 

Wie tiefgehende Differenzen zwischen dem zagen 
Vorgehen des Ministers v. Voss und der Posener Kammer 
bestanden, tritt auch bei einer Angelegenheit der Brauer- 
und Branntweinbrennergilde zu Birnbaum 3 ) in die Er- 
scheinung. Sie will Privilegien, welche von den Grund- 
herren in polnischer Zeit erteilt worden waren, aber die 
Bestätigung durch die Republik nicht erhalten hatten, nur 
als Erbzinskontrakte ansehen. Die Abgaben sollten also 
weiter bestehen bleiben. Aber die in ihnen enthaltenen 
Polizeiverordnungen wollte sie ganz aufheben und sich 
die Regelung über diese Verhältnisse allein vorbehalten. 
Die Kammer zeigte damit, dass sie Rücksicht auf die 
Grundherrschaften nicht zu nehmen gedachte, wenn es 
galt, alte, überlebte Einrichtungen durch bessere zu er- 
setzen. Des Ministers Antwort vom 14. Februar 1794 
traf den Kern der Sache überhaupt nicht. Er witterte 
eine Schmälerung der grundherrschaftlichen Einnahmen, 
die durchaus weiter bestehen bleiben sollten. 

Nach einiger Zeit muss auch Voss zu der Einsicht 
gekommen sein, dass der Weg, den er bisher in Be- 

i)D. J. 1793 S. 542 ff. 

2) Vgl. N. C. C. IX, S. 2097—2105. D. J. 1793, S. 372 f. 

3 ) Ortschaften Nr. 14. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 35 

ziehung auf das Verhältnis zwischen Staat einerseits und 
Grundherrschaft und Bürgerschaft andererseits beschritten 
hatte, fürderhin nicht gangbar sei. Dahin wird man wohl 
die Tatsache deuten können, dass er von der Posener 
Kammer die Übersendung von Nachweisungen über die 
Abgaben verlangte, mit welchen „die Grundherrschaften 
das Gewerbe der Mediatstädte beschwert hatten" 1 ). 

Wie wenig sich indessen v. Voss von seinem Stand- 
punkt aus dem Dezember 1793 entfernt hatte, zeigte sich 
bei einer speziellen Untersuchung über die bereits er- 
wähnten hohen Abgaben vom Bier und Branntwein in 
Rawitsch 2 ). Die Königliche südpreussische Haupt- Accise- 
und Zolleinrichtungskommission hielt mit v. Voss dafür, 
dass man an den bestehenden Abgaben nicht rütteln 
dürfe. Der Minister v. Struensee 3 ), der Accise- und Zoll- 
rat Albrecht, der Posener Kriegs- und Domänenrat Neu- 
mann sprachen dem Staate ohne weiteres das Recht zu 
einer Ermässigung der Abgaben zu. Also auch in anderen 
südpreussischen Beamtenkreisen findet man, dass einzelne 
Persönlichkeiten ein Fortbestehen der für die Bürger- 
schaften ausserordentlich drückenden Abgaben Verhältnisse 
wünschten. Andere empfahlen ein ziemlich scharfes Vor- 
gehen gegen die Grundherrschaften. Am Ende der Ver- 
waltungszeit des Ministers v. Voss standen sich also die 
eben dargelegten Anschauungen noch unvermittelt gegen- 
über. Trotzdem waren die Auseinandersetzungen für die 
Mediatstädte nicht nutzlos. Das zeigte sich deutlich in 
der Hoymschen Verwaltungszeit. 

Es ist nachgewiesen, welche Bedeutung die Ver- 
waltungszeit des Ministers v. Voss für das hier behandelte 
Thema hat. Sie hat im wesentlichen den Beamten Ge- 



*) Ortschaften Nr. 1588. Das Aktenstück enthält leider keine 
näheren Angaben über diesen Gegenstand. 

2 ) Ortschaften Nr. 1204. Vgl. Cap. I, S. 12 D. J. 1793 S. 540 f. 

3 ) v. Struensee war seit 179 1 Minister des Accise-, Zoll-, Kom- 
merzien- und Fabrikendepartements. Über ihn vgl. den Artikel v. H. 
v. Petersdorff, in der Allgem. deutsch. Biogr. Bd. 36. (Leipzig 1893). 
S. 661—65. 

3* 



36 Fritz Grützmacher. 

legenheit gegeben, zu den einzelnen, der Lösung harrenden 
Fragen Stellung zu nehmen. Feststehende Grundsätze 
waren nur bei der Frage der Ämterbesetzung in den 
Mediatstädten gewonnen worden. Im übrigen waren ja, 
wie bereits bemerkt, zu Beginn der Insurrektion noch in 
den wenigsten Städten neue Beamte angesetzt. Das hat 
erheblich zu den schnellen Fortschritten dieser Bewegung 
beigetragen 1 ). 

Die Gründe für den Rücktritt des Ministers v. Voss 
hängen eng mit diesen Ereignissen im Herbst 1794 zu- 
sammen. Man machte den Minister für die Insurrektion 
verantwortlich. Diese war hauptsächlich ein Werk des 
unzufriedenen südpreussischen Adels. Nach seinem Willen 
und Wünschen allein wurde nicht mehr regiert. Auch 
war er besonders erbittert über die in Aussicht genommene 
Steuerklassifikation. Nach ihr sollte der Adel 145 °/o 
mehr Steuern zahlen als bisher 2 ). Mit Voss musste auch 
der Oberpräsident v. Buggenhagen seinen Posten ver- 
lassen. Am 27. September 1794 3 ) erfolgte die Ernennung 
des Grafen Hoym zum dirigierenden Minister von Süd- 
preussen und des Gesandten am Warschauer Hofe v. Buch- 
holtz zum Oberpräsidenten von Südpreussen. 

Drittes Kapitel. 
Hoym 4 ), seit 1770 dirigierender Minister von 
Schlesien war eine wesentlich andere Natur als Voss. 
Gewinnende Liebenswürdigkeit, Prachtliebe, das waren 
die Eigenschaften, die ihm seine Zeitgenossen einstimmig 
beilegten. Es klingen diese Charakterzüge merkwürdig 
an die Naturanlagen an, die man nach allgemeiner Ansicht 
den reichen polnischen Magnaten zuschreibt. Bei seiner 



i) St.-A. Posen, S. P. Z. A. IV, I a, Bl. 51. Lehmann, S. 153. 

2 ) D. J. 1793, S. 242 ff, S. 764 ff. 

3 ) Ebenda, S. 773 f. Urkunde 3. 

4 ) Vgl. den von Fechner verfassten Art. über Hoym in der 
allgem. deutschen Biographie Bd. 13, (Leipzig 1881) S. 219—225. 
Eine günstigere Auffassung über Hoym gibt Grünhagen, Zerboni 
und Held, S. 284 — 308 wieder. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 37 

ausserordentlich hohen Meinung von seiner Person fühlte 
Hoym wohl, dass diese Eigenschaften ein Bindeglied sein 
mochten, die Polen an den preussischen Staat zu 
ketten. Er verkannte jedoch nicht, dass „Ernst und Be- 
stimmtheit" 1 ) Hand in Hand damit gehen müssten. Aber 
gerade diese Eigenschaften fehlten seinem Charakterbilde 
so gut wie ganz. Durchgreifende, zielbewusste Energie 
war nicht seine Sache. Gerade dieser Mangel ist es 
gewesen, welcher das Urteil über seine Persönlichkeit bei 
der Nachwelt zu seinen Ungunsten beeinflusst hat. So 
spricht Lehmann 2 ) von einer „langjährigen Misswirtschaft 
des Grafen Hoym, der als dirigierender Minister" von 
Schlesien „über drei und ein halbes Decennium in der 
Provinz gewaltet" habe. 

In der Kabinettsorder vom 24. September 1794 erhielt 
Hoym den Befehl, die Provinz Südpreussen „auf den Fuss 
wie Schlesien zu setzen" 3 ). Ebenso wie diese Provinz 
wurde auch Südpreussen vom Generaldirektorium exi- 
miert 4 ). In den Breslauer Beamtenkreisen stand es von 
vornherein fest, dass wesentliche verwaltungstechnische 
Massnahmen dieser Provinz auch auf Südpreussen aus- 
gedehnt werden würden. Das zeigt uns der grosse Im- 
mediatbericht vom 24. September 1794, der von dem 
früher in Posen amtierenden Kriegs- und Domänenrat 
Neumann verfasst worden ist. Zunächst gibt er Aus- 
kunft über die Anstellung der Magistrate. Es sollte 
sofort in jeder Stadt ein Polizeibürgermeister mit 100 Rtl. 
Gehalt angestellt werden. Die vollständige Einrichtung 
der Kämmereietats sollte nicht abgewartet werden. Fehlte 
es in den Mediatstädten an den nötigen Mitteln für die 
Besoldung dieses Beamten, so sollte „der Grundherr we- 
nigstens drei Viertel zu dem, was an 100 Rtlrn. fehlt, 
hergeben. Das übrige könnte aus Königlichen Fonds 



2 ) Lehmann, S. 519. 

2 ) Lehmann, Stein, Bd. II, S. 251; vgl. auch das Urteil bei 
Philippson, Bd. II, S. 137 ff. 

3 ) Lehmann, S. 159 f. 

4 ) D. J. 1793; S. 773 f. Urk. 3. 



38 Fritz Grützmacher. 

hergegeben und, insofern es die Umstände der Kämmerei 
ertragen, von selbiger wieder an den königlichen Fond 
vergütet werden". Wenn dann auch für die Mediatstädte 
die Anstellung des Polizeibürgermeisters als ein alleiniges 
Recht des Staates in Anspruch genommen wird, so wird 
dabei direkt auf das schlesische Vorbild angespielt. Diese 
Einrichtung reichte hier bis in das Jahr 1751 zurück. Der 
schlesische Polizeibürgermeister schaltete fast unumschränkt 
im Magistratskollegium. Durch sein verneinendes Votum 
konnte er die Ausführung einer von den übrigen Ma- 
gistratsmitgliedern gebilligten Massregel verhindern. Neben 
dem Steuerrat war es die Hauptaufgabe des Polizei- 
bürgermeisters, für die „alles bevormundende Wohlfahrts- 
fürsorge des absoluten Staates" zu sorgen 1 ). 

Die im Immediatbericht vom 24. September 1794 
ausgesprochene Absicht, die Anstellung des Polizei- 
bürgermeisters dem Staate vorzubehalten, wurde öffentlich 
bekannt gemacht durch das Publicandum vom 25. Sep- 
tember 1795 2 ). Der König hatte diese Massnahme durch 
Kabinettsorder vom 23. August 1795 3 ) genehmigt, nachdem 
Hoym im Immediatbericht vom 17. August 1795 4 ) die 
Gründe für dieses Vorgehen unterbreitet hatte. Es waren 
ihrer zwei. Einmal machte er geltend, dass die „innere 
und äussere Landessicherheit" erhöht würde, wenn in 
„jeder Stadt ein an das landesherrliche Interesse unmittel- 
bar gebundener" Beamter sich befände. Sodann sollte 
der Polizeibürgermeister eine „Mittelsperson zwischen 
Bürgern und Grundherren sein", der „die Bedrückung 
der Bürger zu verhindern" habe. Dem schlesischen Vor- 
bilde dürften auch die oben geschilderten Befugnisse des 
Polizeibürgermeisters in Südpreussen nachgebildet sein. 
Und so üble Seiten die Bevormundung der Bürger in den 
alten Provinzen hatte, so wenig wird man sie in Süd- 



!) Ziekursch, S. 89—91. ior. 

2 ) St.-A. Posen, S. P. Z., A. IV, ib Bl. 33, ebendass. S. P. Z. A. 
IV, 3, Bl. 6. 

3 ) Geh. St.-A. Minuten 1795. 

4) Geh. St.-A. Rep. 96. 242 A, Vol. III, Bl. 98. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 39 

preussen schelten dürfen, wo viel primitivere Kulturver- 
hältnisse herrschten, und die Bürger erst allmählich an 
Zucht und Ordnung gewöhnt werden mussten. Man wird 
aber auch hier scharf scheiden müssen zwischen den 
guten Absichten der preussischen Regierung und dem 
tatsächlich Durchgeführten. Wenn man einen Blick auf 
das vielfach schlechte Beamtenmaterial der Polizeibürger- 
meister wirft, wird man billig bezweifeln müssen, ob die 
Verwaltung immer so gut gewesen ist. Man wird nicht 
nach den Worten messen dürfen, die der Oberpräsident 
Buchholtz — er war mit der Anstellung der Polizei- 
bürgermeister beauftragt 1 ) — am 23. November 1794 an die 
Steuerräte schreibt 2 ): „Es versteht sich von selbst", dass 
die Polizeibürgermeister „besondere Rechtschaffenheit des 
Charakters und anständige Sitten haben, die polnische 
Sprache verstehen, zugleich sich aber auch im Deutschen 
ausdrücken können." Denn mit diesen Worten lässt es 
sich durchaus nicht vereinigen, wenn in den nächsten 
Jahren Klagen über „Erpressungen und Vergehungen" 
der Polizeibürgermeister laut wurden. Besonders unan- 
genehm für die Verwaltung war das Verhalten vieler 
Polizeibürgermeister zu ihren Grundherren. Für das 
überaus scharfe Urteil des Regierungsrats Frank 3 ) aus 
Posen lassen sich aus den Akten 4 ) mehrere Beispiele an- 

*) Vgl. die Instruktion für den Etatsminister v. Buchholtz, 
vom 23. Okt. 1794. Lehmann, S. 765. 

2 ) St.-A. Posen, S. P. Z. A. IV, ia Bl. 51. 

3 ) „Frank war von 1796 bis i8ioArzt in Gnesen, später Kreis- 
physikus und Rat bei dem Medizinalkollegium in Posen und hatte 
Gelegenheit, alle gesellschaftlichen Kreise, besonders auch der pol- 
nischen Bevölkerung, genau kennen zu lernen und den Einfluss der 
preussischen Regierungsmassregeln auf dieselben zu studieren". 
A. Warschauer, die Handschriftensammlung d. Kgl. Bibl. zu Berlin, 
Z. 8. (Posen 1893) S. 106. 

4 ) So lebten in argen Misshelligkeiten mit den Grundherr- 
schaften die Polizeibürgermeister zu Jarotschin, Kobylin, Mieschkow, 
Samter, Schwarzenau, Storcbnest und Wollstein. St.-A. Posen S. P. 
Z. A. X, 3. Geh. St.-A., Ortschaften Nr. 1475, 1503; St. v. Karwowski, 
Geschichte des Hauses Leszczyc von Radolinski (Posen 1908) 
S. 181; vgl. auch Spalte 123. Anm. 1. 



4 Fritz Grützmacher, 

führen. Er schreibt: (§ 34). „Die Bürgermeister traten 
in offene Opposition gegen die Grundherren und strebten, 
seinen Einfluss auf die Stadt zu vernichten, Hessen ihn 
auch bei jeder Gelegenheit, selbst da, wo es auf blosse 
Gefälligkeiten ankam, ihre Autorität fühlen. Dadurch 
wurde der Adel verbittert, der hier nicht allein einen 
gewaltsamen Eingriff in seine Gerechtsame wahrzunehmen 
glaubte, sondern sich auch von Menschen, die sich überall 
Blossen gaben, Schach bieten sah. Hätte man verständige, 
ernstliche, der Landessprache kundige Leute als Bürger- 
meister angestellt, so würde durch ein kluges und ge- 
mässigtes Benehmen der letzteren das Gehässige der 
Massregel, seitens des Staats direkt auf die Verwaltung 
des städtischen Wesens einzuwirken, gemildert und nach 
und nach vermisst worden sein." Hoym übersah diese 
Tatsache nicht. Anlässlich von Beschwerden des Grafen 
v. Lipski, des Grundherrn von Schwarzenau, befahl er, 
Polizeibürgermeister, welche die Bürger gegen ihre Grund- 
herren aufwiegelten und es an der „gebührenden Achtung" 
vor diesen fehlen Hessen, ab officio zu suspendieren 1 ). 
Er verliess damit seinen Standpunkt aus den Jahren 1794 
und 1795. Damals hatte er gegen fehlerhafte Beamte 
Milde walten lassen. Er vermied es, „auf Remotion an- 
zutragen". Er war der Meinung, „durch Anleitung, 
Beispiel, Ermahnung und Versetzung aus schädlichen 
Connexionen" mancherlei bessern zu können" 2 ). 

Die Tatsache des schlechten Beamtenmaterials hatte 
mancherlei betrübende Folgen. Bei solchen Zuständen 
wird man es den Grundherren schwerlich zum Vorwurf 
machen können, wenn sie die Zuschüsse zu den Gehältern 
der Polizeibürgermeister oft verweigerten. Man darf auch 
eins nicht vergessen. Die menschliche Natur gewöhnt 
sich schwer daran, zu geben, wo sie bisher nur zu emp- 
fangen gewöhnt war. Letzteres war bei den Grundherren 
in polnischer Zeit durchaus der Fall gewesen. Es war 
daher wohl nur die Konsequenz eines bestehenden Zu- 

*) Ortschaften Nr. 179. St.-A. Posen, S. P. Z. D. 25, vol. VII. Bi. 103. 
2 ) Lehmann, S. 154, 211. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 41 

Standes, wenn Hoym im Januar 1797 befahl, Zuschüsse 
von den Grundherren nur dann anzunehmen, wenn sie 
sich freiwillig dazu verstanden 1). 

So erfreulich also die Anstellung des Polizeibürger- 
meisters allein durch den Staat war, mit der zweifelsohne 
der Grundstein für eine Emanzipation der Mediatstädte 
von ihren Grundherren gelegt wurde, sie hatte mancherlei 
unangenehme Nebenerscheinungen. Wie geschah es nun, 
dass die guten Absichten der preussischen Verwaltung, 
wie sie in dem oben erwähnten Schreiben des Etats- 
ministers von Buchholtz zum Ausdruck kamen, vielfach 
zu nichte wurden? Die Warschauer 2 ) und Posener 3 ) 
Kammer geben dafür ziemlich übereinstimmende Gründe 
an 4 ). Trotz der verhältnismässig grossen Zuschüsse er- 
hielten die Polizeibürgermeister ungenügende Gehälter. 
Bei einer Aufstellung der vom Staate zu übernehmenden 
Summe ergab es sich, dass allein für das Posener Kammer- 
departement im Jahre 1795 93^5 R& nötig waren. Bei 
der schlechten Finanzlage des Staates musste Hoym die 
Zuschüsse auf 5000 Rtl. herabmindern. Es wurde eine 
neue Reparation entworfen. Die Kämmereien wurden 
schärfer herangezogen; die Bürger mussten nach Mass- 
gabe ihres Vermögens höhere Beiträge als bisher leisten. 
Nach dem neuen Anschlage hatten 44 Städte des Posener 
Kammerdepartements die Gehälter für den Polizeibürger- 
meister allein zu tragen, das Gehalt für diese betrug 
7040 Rtl. 5 ), alle anderen 81 Städte erhielten mehr oder 



!) St.-A. Posen S. P.Z. A. IV, ic, Bl. 15; auch hervorgehend aus 
einem Schreiben des Kammerassessors v. Tschirschky an Hoym. 
Pilica, d. 20. März 1797; St.-A. Bresl. Rep. 199 M. R. III, Nr. 15a, vol. 1. 

2) St-A. Posen S. P. Z. A. IV, ic, Bl. 14 ff. Warschauer 
Kammer an Hoym, 18. April 1797. 

3 j St.-A. Posen S. P.Z. A. IV, 1. c, Bl. 30 ff. Posener Kammer 
an Hoym, 18. Februar 1798. 

4 ) Dem folgenden liegt, wenn nicht besonders vermerkt, zu 
Grunde St.-A. Posen, S. P. Z. A. IV, ia Bl. 66—175, lb Bl. 1— 71, 
ic Bl. 48 ff. Jaffe S. 41 Anm. 2. 

5 ) Die Summe dürfte sich etwas erhöhen, weil die Gehälter der 
Polizeibürgermeister zu Kaiisch, Konin, Kolo nicht zu ermitteln waren. 



42 Fritz Grützmacher. 

minder grosse Zuschüsse. Diese betrugen hier zusammen 
4635 Rd- Die Kämmereien und Bürgerschaften brachten 
hier 2935 Rtl. auf. Die Zuschüsse des Staates hatten sich 
also um 365 Rtl. vermindert. Das rührte daher, dass der 
Posener Steuerrat Timroth die Bürgerschaften und Käm- 
mereien schärfer heranzog. Auch das Plocker und Petri- 
kauer Kammerdepartement erhielten je 2500 Rtl. Zuschüsse 
(Etat 1795/96). In dem folgenden Etat stiegen die Zu- 
schüsse einschliesslich der für die Justizbürgermeister auf 
28000 Rtl. 1 ). 

Doch durch diese Zahlen darf man sich nicht blenden 
lassen. Man muss immer die grosse Menge der süd- 
preussischen Städte im Auge behalten. Zum Belege für 
die ungenügenden Gehälter der Polizeibürgermeister mögen 
folgende Angaben dienen. Von 123 Polizeibürgermeistern 
des Posener Kammerdepartements hatten 84 nur je 100 Rtl. 
Gehalt. Einer hatte 80, 5 je 60, einer 30 Rtl. Gehalt. 
Grössere Gehälter hatten nur mit 1000 Rtl. der Bürger- 
meister zu Posen, 500 Rtl. der zu Fraustadt, 450 Rtl. 
der zu Rawitsch. Je 300 Rtl. hatten die Polizeibürger- 
meister zu Kosten, Lissa und Bomst, 240 Rtl. der zu 
Bojanowo, 210 Rtl. der zu Sarne. 12 Polizeibürgermeister 
hatten Gehälter zwischen 120 und 200 Rtl. „Bei dem 
Tagelöhnergehalt von 100 Rtl.," schreibt die Posener 
Kammer, „hatten sich weder erfahrene und tüchtige Sub- 
jekte zu dergleichen Stellen gemeldet, noch finden sich 
dergleichen bei entstehenden Vakanzen; denn die Er- 
fahrung bestätigt es, dass nur die äusserste Verlegenheit 
und Bedrängnis, eine dergleichen Stelle zu ambieren 
motivieret." 

Ferner waren die Beamten, welche aus den alten 
Provinzen nach Südpreussen kamen, oft gerade nicht die 
besten Elemente. Von den Konduiten über die Polizei- 
bürgermeister, welche Ende 1797 von den Steuerräten 
des Posener Kammerdepartements abgegeben wurden, sind 
54 als gut, 39 als mittelmässig, 23 als schlecht zu be- 

J ) Geh. St.-A. Berlin, Rep. 96, 242 ß; über die Justizbürger- 
meister siehe Kap. 3 S. 44 ff. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d südpr. Mediatstädten. 43 

zeichnen 1 ). Die Warschauer Kammer schreibt: „Unter 
der Menge von Leuten, welche sich um Polizeibürger- 
meisterstellen bemühten, waren mehrere, die sich im 
grössten Gedränge befanden, dahin die so sehr getäuschten 
Offizianten der Klassifikationskommission 2 ) v. ao. 1793 ge- 
hören, oder solche, deren übler moralischer Ruf sie von 
allen Hoffnungen zu einem Emploi in ihrem Vaterlande 
ausschloss. Die Gesinnung der letzteren tritt jetzt an 
den Tag. Die ersteren nötigt Hunger und Elend zu üblen 
Handlungen." 

Ferner gab die Warschauer Kammer als Ursache für 
das Hervortreten der Missstände an, dass die Polizei- 
bürgermeister an Ort und Stelle einer Aufsicht ermangelten, 
da der alte polnische Magistrat hier völlig entlassen worden 
war. In dem Posener Kammerdepartement stand es besser. 
Hier waren in der Regel dem Poiizeibürgermeister 2 Rat- 
männer, die zumeist dem alten polnischen Magistrate ent- 
nommen waren, zur Seite gesetzt worden. Recht fühlbar 
machte sich auch das Fehlen einer Instruktion für die 
Polizeibürgermeister 3 ). Beide Kammern machten Vor- 
schläge zur Beseitigung dieser misslichen Zustände. In- 
wieweit dies gelungen ist, soll später gezeigt werden. 

Wir sahen, dass unter der ersten Verwaltung des 
Ministers v. Voss die Regelung der Justizverwaltung in den 

!) St.-A. Posen S. P. Z. Kammer A. X, 3. Bei der Einteilung 
in „gut, mittelmässig und schlecht" folge ich dem Beispiele des 
Warschauer Kriegs- und Domänenrats Dietrich. Unter „mittelmässig" 
fasst er gelegentlich einer Revision der Lentschitzer steuerrätlichen 
Inspektion im Jahre 1802 diejenigen Polizeibürgermeister zusammen, 
bei denen entweder „mittelmässige Fähigkeiten" oder „schlechte 
Führung" zu rügen waren, (in der Lenschitzer Inspektion zählte 
Dietrich 7 gute, 6 mittelmässige, 2 schlechte Polizeibürgermeister). 
Geh. St.-A. Berlin, Gen.-Dir. Sp. Tit. LXVi, Nr. 10. 

2 ) Vgl. oben S. 36. September 1794 wurde die Klassifikation 
aufgegeben. Man begnügte sich mit Erhöhungen nach dem un- 
gerechten polnischen System. D. J. 1793 S. 243 ff. 

3 ) Im Jahre 1798 reichten die Steuerräte des Posener Departe- 
ments auf Befehl der Kammer ein „Projekt zum Unterricht für die 
Magistrate" ein. Zum Erlass einer Instruktion sind sie nicht benutzt 
worden. St. A. Posen, S. P. Z. A. X. 5. 



44 Fritz Grützmacher. 

Städten sehr in den Anfängen stecken geblieben war. 
Auch in der folgenden Zeit hatte die Errichtung der 
städtischen Untergerichte „in einigen Gegenden nur einen 
sehr langsamen, in anderen gar keinen Fortgang" ge- 
nommen. Ende 1795 spricht Hoym 1 ) von der Einrichtung 
von Kreisgerichten. Mehrere städtische Untergerichte und 
andere Patrimonialgerichte sollten zu diesen vereinigt 
werden. Auch das Zirkular vom 20. Februar 1796, das 
der Grosskanzler v. Goldbeck 2 ) an die südpreussischen 
Regierungen erliess, hielt im Prinzip an der Einrichtung 
der Kreisgerichte fest. Hoym und Goldbeck müssen aber 
wenig Hoffnung auf die Durchführung dieser Idee gehabt 
haben, wenn sich in beiden Schriftstücken detaillierte An- 
gaben für die Anstellung von Justizbürgermeistern in den 
Städten finden, welche „eigene Jurisdiktion" hatten. In 
der Praxis ist denn auch die Errichtung von Kreis- 
gerichten gescheitert, besonders deswegen, weil der Adel 
eine „vorgefasste Meinung" gegen diesen Plan hatte. So 
hat man ihn Anfang 1798 fast ganz aufgegeben 3 ). 

Der Justizbürgermeister sollte in einer grösseren 
Stadt seinen Wohnsitz haben. In den in der Nähe 
gelegenen Städten sollte er bestimmte Gerichtstage ab- 
halten. Die Städte, die einen gemeinsamen Justizbürger- 
meister hatten, sollten sämtlich zu dessen Gehalt beitragen. 
Die Königlichen Kassen gewährten auch hier Zuschüsse 
von 2000 Rtl. (Etat 1 796/97) 4 ). Die armen Bürger bedankten 
sich oft dafür, zu den Zuschüssen für den Polizeibürger- 



r ) St.-A. Posen S. P. Z. A. IV, ib, Bl. 45—47, Hoym an die 
Posener Kammer 24. November 3795. 

2 ) v. Goldbeck gehörte zu dem Kreise der Bischoffwerder 
und Wöllner. Febr. 1795 war er zum Grosskanzler ernannt worden. 
Im März 1798 erhielt er ausser anderem zu seinem Ressort alle 
Privatjustizsachen aus Sp. Philippson Bd. 11, S. 51 ff. A. Stölzel, 
C. G. Svarez (Berlin 1885) S. 417. A. Stölzel, Brandenb.-Preuss. 
Rechtsverwaltung und Rechtsverfassung, II. Bd. (Berlin 1888). 

S. 3*5 f - 330. 

3 ) Eisenberg und Stengel, Bd. VII, (Halle 1799) S. 351—362. 

*) Geh. St.-A. Berlin, Gen. Dir. Sp. Tit. I Nr. 11: Taschenb. 
f. Sp., verfasst vom Hofrat Lengnich. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 45 

meister noch solche für den Justizbürgermeister zu bezahlen 1 ). 
Die Kammern wollten in solchen Städten die Verwaltung 
der Gerichtsbarkeit der Grundherrschaft überlassen. Der 
herrschaftliche Justitiarius, den die meisten Grund- 
herrschaften ohnedies für ihre ländlichen Untertanen an- 
stellen mussten, sollte die Gerichtspflege auch in den 
betreffenden Mediatstädten übernehmen. Hoym fürchtete 
durch diese Übertragung der städtischen Gerichtsbarkeit 
auf die Grundherrschaft eine dauernde Entziehung dieser 
Gerechtigkeit für die Bürgerschaft, „welches doch in mehr 
als einem Betracht die Aufnahme der Stadt verhindern 
und also selbst für den Staat nicht zuträglich sein würde". 
Es ist dies immerhin ein beachtenswertes Zeugnis dafür, 
dass in dem preussischen Staate vor 1806 die Patrimonial- 
gerichtsbarkeit der Grundherren in den Mediatstädten 
keineswegs als ideale angesehen wurde. Hoym befahl, 
den Erklärungen der Bürgerschaften kein grosses Gewicht 
beizulegen. Nur der Zustand der Kämmereien sollte als 
Richtschnur bei Anstellung der Justizbürgermeister dienen. 
Soweit es sich ermitteln Hess 2 ), hatten unter den 
Mediatstädten einen eigenen Justizbürgermeister die Städte 
Birnbaum, Gostin, Kurnik, Kempen, Lissa, Rawitsch, 
Schmiegel, Wreschen. Einen ' gemeinsamen Justizbürger- 
meister hatten Brätz, Bentschen, Born st und Kopnitz, 
Samter und Obersitzko, Kobylin, Zduny, Jutroschin und 
Dupin, Grätz und Opalenica, Reisen und Zaborowo, Pinne, 
Neustadt bei P., Tirschtiegel und Neutomischel. In der 
grössten Zahl der südpreussischen Mediatstädte verwaltete 
der herrschaftliche Justitiarius die niedere Gerichtsbarkeit. 
Eine Kabinettsorder vom 28. Januar 1797 an den Gross- 
kanzler Goldbeck 3 ) beseitigte das Wahlrecht der Magistrate 

i) Geh. St-A. Berlin, Gen. Dir. Sp. Tit LXXIII. vol. V. Bl. 89. 
Hoym an d. sp. Kammern, 15. Mai 1796, daraus auch das folg. Zitat. 

2) St.-A. Posen, S. P. Z. A. IV, 5. A. IV, 14. A. X, 3. Lissa C. 1. 
Ortschaften Nr. 361, n7o, 1229, 1506. Jahrbücher. Jahrg. 1798, 
III. Bd. S. 87. 

3) St-A. Posen, S. P. Z. D. 25, vol. VI. Bl, 144. Den 
Kammern wurde die Königliche Entscheidung bekannt gemacht 
durch Rescr. Hoyms v. 16. April 1797. 



46 Fritz Grützmacher. 

für die Stellen der Justizbürgermeister. Man ging also 
auch hier über die Bestimmungen der Deklaration vom 
18. April 1794 hinaus. Denn „es fehlt den Magistraten 
mehrenteils an Gelegenheit, die zu solchen Posten tauglichen, 
nur noch in geringer Anzahl vorhandenen Subjekte kennen 
zu lernen. Auch könnten dabei Familienkonnexionen und 
andere Nebenrücksichten einen dem ganzen schädlichen 
Einfluss nur zu leicht äussern". So hatte der Staat über 
die beiden Beamtenstellen des Polizei- und Justizbürger- 
meisters unbedingtes Verfügungsrecht 

Was ist nun in der Hoymschen Verwaltungszeit ge- 
schehen, um die Abgaben der Bürger an ihre Grund- 
herrschaft zu erleichtern? Da ist das Rescript vom 
8. Januar 1795 *) zu erwähnen. In ihm wurde festgesetzt, 
dass „der von den Grundherrschaften der Mediatstädte 
sich angemasste ausschliessliche Handel mit Salz, der zur 
äussersten Bedrückung der geringeren Volksklasse an 
mehreren Orten so sehr gern issbraucht worden, als ein 
selbst nach der vorherigen Verfassung, wie das Universale 
vom 7. September 1775 klar besagt, offenbarer Miss- 
brauch nicht ferner geduldet werden soll". Es sollte ein 
„freier Detailhandel mit Salz" eingerichtet werden. Die 
Ausführung der Verordnung steht wie so oft im preussischen 
Staate vor 1806 auf einem anderen Blatte. Der bereits 
erwähnte Accise- und Zollrat Köhler berichtet uns, dass 
das Salzmonopol in manchen Städten ruhig weiter bestand 2 ). 

Die gleiche Absicht, eine Erleichterung der grund- 
herrschaftlichen Lasten der Bürger in die Wege zu leiten, 
verfolgte die Einsetzung der Kommissionen „zur Unter- 
suchung des Zustandes und der Verfassung der süd- 
preussischen adeligen und geistlichen Mediatstädte." Sie 
wurden in der „Deklaration die Verfassung der Mediatstädte 

!) St.-A. Posen, S. P. Z. D. 25 vol. VI. Bl. 82; bekanntgegeben 
durch „Avertissement d. Po.^ener Kammer, den Salzhandel betreff.'' 
d. d. 25. Apr. 1795: Druck im Diözesanarch. z. Bresl., Verordn. wegen 
d. z. Diözese Breslau gehörigen in Sp. geleg. Distrikte. (1793—96), 
Nr. 44. 

2 ) St.-A. Bresl. Herrschaftsar eh. Poln. Nettkow Nr. 488. Vgl. 
auch Kap. IV, Spalte 158 f. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 47 

in Südpreussen betreffend 1 )" d. d. 10. August 1796 in 
Aussicht gestellt. Diese beansprucht unter den Schrift- 
stücken der Hoymschen Vervvaltungszeit eine besonders 
hohe Beachtung. Nach einem Hinweis auf die Willkür- 
herrschaft der Grundherrschaften in polnischer Zeit, 
welcher an Schärfe nichts zu wünschen übrig lässt, wird 
in ihr die Absicht kund getan, „dergleichen Bedrückungen 
fernerhin nicht zu dulden", um so mehr, „als dadurch 
zugleich Allerhöchst dero landesherrlichen Gerechtsamen 
offenbar Eintrag geschieht." Den Bürgerschaften wird 
verliehen: 

1) Gleiche Rechte wie den anderen preussischen 
Mediatstädten. 

2) Das Recht gegen jedermann, also auch gegen die 
Grundherrschaften, klagbar zu werden. 

3) Wird den Grundherren verboten, „ihre Bürger 
mit neuen Abgaben zu belegen, oder die in den Locations- 
Privilegiis gegründeten Lasten und Abgaben derselben 
nach Willkür zu erhöhen und zu beschweren." 

4) Wird „der Gewerbe- und Nahrungstrieb sowie 
durchgehends, also auch in den Mediatstädten der Ober- 
aufsicht und Direktion der Kriegs- und Domänenkammer 
unterworfen. Es soll daher kein Erbherr sich ferner 
anmassen, durch Erteilung, Aufhebung oder Erklärung, 
Erweiterung und Einschränkung von Zunftprivilegiis, 
Konzessionen oder auf andere Art in der Verfassung des 
Gewerbes und der bürgerlichen Nahrung seiner Stadt 
ohne Vorwissen und Genehmigung der vorgesetzten 
Krieges- und Domänenkammer irgend eine Veränderung 
vorzunehmen/' Bis auf erfolgende nähere Bestimmung 
sollten die Bürger die Abgaben nach dem Status von 
1793 an ihre Grundherrschaften weiter entrichten, „auch 
ein ruhiges, ordentliches und gehorsames Verhalten gegen 
ihre Erbherren" beobachten. 



*) Druck in der Bibliothek d. Staatsarch. zu Posen: Akta 
Generaüa d. Königl. Friedensger. zu Lissa, enthaltend die Königl. 
Verordn. v. 1766— t8o6; Inhaltsangabe b. Eisenberg u. Stengel, III. 
Bd. (Berlin 1797) S. 149— 151. 



48 Fritz Grützmachcr. 

Zunächst einige Worte zur Erläuterung und Aus- 
führung der einzelnen Bestimmungen der Deklaration. 
Die Grundherren versuchten analog den Verhältnissen in 
der polnischen Zeit „Konzessionen gegen Zeit- oder Erb- 
zins zum Handel mit Wein, feinen Likören, die von 
ausserhalb eingingen, und überhaupt bloss zum Kommerz 
bestimmten Artikeln zu erteilen oder gar einen Allein- 
handel damit zu treiben." Hoym untersagte das als 
„ungebührliche, in die Landeshoheitsrechte eingreifende 
Anmassungen." Die Erteilung von derartigen Konzessionen 
wurde der höchsten Landespolizeibehörde vorbehalten. 
Die Konzessionsinhaber sollten einen „massigen Kanon" 
an die Kämmerei entrichten 1 ). Als der Grundherr von 
Unruh Stadt v. Unruh im Jahre 1798 die Metfabrikation und 
das Branntweinbrennen untersagte, wurde er zur Zurück- 
nahme seines Verbots genötigt, „da er nach der Deklaration 
vom 10. August 1796 die landesherrlichen Gewerbe- 
leitungsverfügungen durch Concessiones oder Inhibitoria 
nicht einschränken könne 2 )." Bei der Abneigung der süd- 
preussischen Beamtenkreise gegen die Zünfte wird man es 
begreiflich finden, dass der Sulkowskischen Vormundschaft 
die Verleihung eines Privilegs an die Görchener Bäckerinnung 
untersagt wurde 3 ). Aus den angelührten Tatsachen ergibt 
sich, dass die Deklaration vom 10. August 1796 sehr scharf 
gehandhabt wurde, dass man vielfach über sie hinausge- 
gangen war. Fest steht, dass die Rechte der Grundherren 
im Vergleiche zur polnischen Zeit stark beschränkt waren. 

Die in der Deklaration vom 10. August 1796 er- 
wähnten Kommissionen erhielten als Richtschnur für ihre 
Tätigkeit eine Instruktion 4 ). Sie trägt gleichfalls das 

i) St.-A. Posen S. P. Z. D. 25. vol. VII, Bl. 63. Hoym an die 
prei sp. Kammern, Bresl. 21. Juni 1797. 

2) St.-A. Posen S. P. Z. D. 25. vol. VIII. Bl. 109. Hoym an 
die Pos. Kammer, 16. Apr, 1798. 

3 ) Schottmüller, Handel u. Gewerbe, S. 31, fussend auf St.-A. 
Posen S. P. Z. D. 25. vol. IX, Bl. 157. 

*) N. C. C. Bd. X. S. 607—620. Völlig genaue Ausführungen 
über die Gesch. der Instruktion zu geben, war bei dem gänzlichen 
Versagen der Akten nicht möglich. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 49 

Datum des 10. August 1796. Die Aufgabe der Kom- 
missionen war es, die Einlösung des in dem Publikandum 
vom 24. April 1795 *) gegebenen Versprechens zu er- 
möglichen, nach welchem „in den Mediatstädten die Ab- 
gaben und Prästationen der Bürger an die Grundherr- 
schaft bestimmt ein für alle Male" festgesetzt werden 
sollten. In jeder Departementshauptstadt sollte je eine 
Hauptstädtekommission zusammentreten. Ihr waren Kreis- 
kommissionen untergeordnet. Ihre Mitglieder waren der 
Kreisjustizrat des Bezirks und der Steuerrat. Eventuell 
war auch der Landrat hinzuzuziehen, „wenn er ein der 
polnischen Rechte und Verfassungen kundiger Mann" 
war. Die Kreiskommissionen hatten die Aufgabe, den 
Hauptstädtekommissionen für ihre Tätigkeit die nötigen 
Unterlagen zu schaffen. Alle irgendwie erreichbaren 
Privilegien sollte sie aufzustöbern suchen. Die Magistrate 
und Grundherrschaften wurden angewiesen, den Kreis- 
kommissionen bei diesem Zwecke behülflich zu sein. Mit 
diesen Privilegien sollten die zur Zeit bestehenden Ver- 
hältnisse verglichen und Nachricht gegeben werden, ob 
die Bürger letztere anerkannten oder nicht. Ein über 
diesen Gegenstand vom Kreisjustizrat entworfenes Tableau 
sollte nach dessen Prüfung durch den Steuerrat an die 
Hauptstädtekommission eingesandt werden. Diese sollte 
natürlich ihr Hauptaugenmerk auf die zwischen den 
Bürgerschaften und Grundherrschaften strittigen Rechte 
richten. Diese Streitigkeiten waren aus dem Wege zu 
räumen. Bestimmte Differenzen 2 ) sollten durch einen 
Vergleich und, falls dieser scheiterte, durch die Gerichte 
aus der Welt geschafft werden. Die Beseitigung aller 
übrigen Streitigkeiten wurde der Hauptstädtekommission 
vorbehalten. Es war der Wille der beiden Unterzeichner 
der Instruktion, v. Goldbeck und ,v. Hoym, dass bei der 
Auseinandersetzung zwischen Grundherrschaft und Bürger- 
schaft nach einheitlichen Gesichtspunkten verfahren werde. 
Dazu war die Aufstellung gewisser Normen erforderlich. 

*) Abdruck in der südpreuss. Zeitung 1795. Nr. 37. 
2 ) Näheres s. § 14 a der Instruktion. 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XXVII. 4 



50 Fritz Grützmacher. 

Diese sollte die Hauptstädtekommission aus dem reich- 
haltigen Material, das ihr die Kreiskommissionen zu- 
schickten, ausfindig machen. Diese Normen sollten die- 
jenigen allgemeinen Gesichtspunkte aufweisen, welche 
bei der Beurteilung über die Unrechtmässigkeit und 
damit Kassierung von grundherrschaftlichen Abgaben 
zu gelten hätten. Sie sollten in einer „allgemeinen 
Konstitution über die Verfassung der südpreussischen 
Mediatstädte" niedergelegt werden. Nach dieser bot 
dann die Schlichtung der Differenzen zwischen Grund- 
herrschaft und Bürgerschaft keine Schwierigkeiten mehr. 
„Ein neues oder renoviertes Stadtprivilegium" sollte dazu 
dienen, künftigen Streitigkeiten vorzubeugen. Diese 
Normen standen also noch nicht fest; dagegen bekamen 
die Hauptstädtekommissionen gewisse Richtlinien an die 
Hand, damit ihnen die endgültige Festsetzung dieser 
Normen leichter fiele. Die vorläufigen Normen finden 
sich in den §§ 19 — 22 der Instruktion. Sie können teil- 
weise direkt als die bisherigen Verhältnisse umstürzende 
bezeichnet werden. Das tat z. B. die Bialystoker Kammer- 
kommission in Beziehung auf den § 20 und 21 x ). Ihr In- 
halt ist folgender: 

Nach dem § 19 dürfen die Grundherren nicht auf 
das Recht der Verjährung pochen, wenn die Bürger gegen 
Abgaben Einspruch erhoben.. Denn „den Bürgern der 
Mediatstädte wurde gegen ihre Erbherrn kein ius agendi 
oder doch keine Appellation verstattet". So kam hier 
den Bürgern der im Allgemeinen Landrechte Teil I Tit. 9 
§ 528 zum Ausdruck kommende Rechtssatz: „non valenti 
agere non currit praescriptio" zugute. 

Der § 20 wendet sich deutlich gegen die Gesetzes- 
macherei der polnischen Republik. Die gesetzgebenden 
Körper waren hier, wie wir gesehen haben, nur Adel 
und Geistlichkeit gewesen. Das war sehr oft zum Schaden 
der Städte ausgeschlagen. In manchen Gesetzen waren 
den Bürgern „wirklich schon erworbene Rechte ohne 



!) Schmidt, Bd. 48 S. 587. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 51 

dringende Erfordernis des gemeinen Besten und ohne 
verhältnismässige Entschädigung genommen" worden. 
Diese Gesetze, heisst es in § 20, „führen das Siegel der 
Nichtigkeit und Verwerflichkeit an sich". Diese Norm 
hatte bereits zu einer gesetzgeberischen Massnahme der 
preussischen Behörden geführt. Am 7. Juni 1796 war die 
„Deklaration wegen der Brau- und Branntweinbrennerei- 
gerechtigkeit in den südpreussischen adligen Mediatstädten" 
erschienen. Ihre näheren Bestimmungen und ihre Aus- 
führung werden wir später kennen lernen. 

Der nächst folgende § 21 gibt Richtlinien über die 
„Gültigkeit der Verträge". „Zwang oder Gewalt" hatten 
oft beim Zustandekommen der Privilegien mitgewirkt. 
Auf den ersten Blick konnte man das ihnen freilich nicht 
ansehen. Durch Betrachtung verschiedener Fälle sollte 
die Hauptstädtekommission „gewisse allgemeine Kenn- 
zeichen" festsetzen, die eine schnelle Kenntnis darüber 
boten, ob die Privilegien dem „Zwange oder der Gewalt" 
der Grundherren ihr Entstehen verdankten. Dass solche 
Verträge keine Gültigkeit besassen, ist klar. Denn das 
Allgemeine Landrecht Teil 1, Tit. 7 § 96 besagt, „dass 
durch Handlungen unerlaubter Privatgewalt der Besitz 
einer Sache niemals erlangt werden" könne. 

Der letzte Paragraph, der über diese vorläufigen 
Normen handelt, stellt den Wegfall von Abgaben in Aus- 
sicht, die auf an sich „rechtsgültigen Verträgen" beruhen, 
„aber wegen veränderter Umstände oder wegen nicht 
mehr stattfindender Erreichung des Zwecks" keinen Sinn 
mehr hatten (Allgem. Landrecht Teil I, Tit 4 § 153 ff r 
Tit. 5 § 377 ff.). In Zukunft sollten z. B. Abgaben „zur 
Unterhaltung von Haustruppen der Grundherrschaft", Bei- 
träge, welche die Bürger den Grundherrschaften für ihre 
„Vertretung vor den Gerichtshöfen oder auf den Reichs- 
tagsversammlungen" entrichtet hatten, nicht mehr geleistet 
werden. 

Woher stammen nun die Bestimmungen der §§ 19 
bis 22? Wir finden, dass in ihnen einzelne Paragraphen 
des Allgem. Landrechts erwähnt oder wenigstens ange- 



52 Fritz Grützmacher. 

deutet sind. Die südpreussischen Regierungen hatten 
diese den Urteilssprüchen, die über streitige Abgaben 
zwischen Grundherrschaften und Bürgerschaften gefällt 
worden waren, zu Grunde gelegt, v. Goldbeck dürften 
als Grosskanzler solche Urteilssprüche sicherlich bekannt 
geworden sein. Sie mögen ihm bei der Aufstellung der 
vorläufigen Normen wohl als Hülfsmittel gedient haben. 
So ist z. B. in den Urteilssprüchen der Posener Regierung 
in Sachen des Schuhmachergewerks zu Grätz wider seine 
Grundherrschaft 1 ), die am 30. Dezember 1795 und 
15. Oktober 1796 ergingen, der im § 19 erwähnte „Rechts- 
satz" angewandt worden. Im ersten Kapitel ist bereits 
erwähnt, mit welchen Mitteln hier ein früherer Grätzer 
Grundherr die Erhöhung der Abgaben von seinen 
Bürgern erpresst hatte. In den angeführten Urteilen 
wurde das Grätzer Schuhmachergewerk von den erhöhten 
Abgaben befreit. Fernerhin brauchte es nur die Abgaben 
gemäss den Privilegien entrichten. Der Grundherr wurde 
überdies verurteilt, die seit 1775 zu viel verlangten Ab- 
gaben zurückzuzahlen. 

Für den „Zwang oder Gewalt" in polnischer Zeit 
dürften ausser den Grätzer Urteilssprüchen noch manche 
andere treffliche Belege gegeben haben. 

Was den Wegfall von grundherrschaftlichen Abgaben 
gemäss § 22 der Instruktion betrifft, so hatte die Posener 
Regierung auch hier bereits im Jahre 1795 ein Vorbild 
geschaffen. Der Grundherr von Ostrowo, Fürst Radzi- 
will, durfte fernerhin nicht mehr die Zahlung von 100 Rtl. 
jährlich dafür fordern, dass er der Stadt durch Haltung 
einiger Husaren „militärischen Schutz" zu geben suchte 2 ). 

Die beiden angeführten Fälle besagen, dass die süd- 
preussischen Regierungen durchaus das Interesse und die 
Wohlfahrt der Bürger in den Mediatstädten wahrnahmen. 
Sowohl in Grätz als Ostrowo war eine Ermässigung der 
grundherrschaftlichen Abgaben erfolgt. Obwohl nun die 

i) Geh. St.-A. Berlin, Rep. 7, C. 46, G. 1. 
2 ) Festschrift zur Feier d. 50jährigen Bestehens d. Kgl. Gym- 
nasiums zu Ostrowo. 1895. S. 44 f. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 53 

Zahl ähnlicher Urteilssprüche weit zahlreicher sein dürfte, 
als sie der Nachwelt überliefert sind, so blieben doch 
diejenigen Städte, die aus irgend welchen Ursachen zu- 
fällig nicht klagbar geworden waren, von einer Erleichterung 
der Lasten ausgeschlossen. Die Städtekommission schloss 
dieses Manko nicht in sich. Bei einer energischen Durch- 
führung stand eine allgemeine Verminderung der Lasten 
in den meisten südpreussischen Städten in Aussicht. Das 
war allerdings durchaus notwendig. Der zuletzt erwähnte 
Gesichtspunkt bot auch den eigentlichen Anstoss zur 
Städtekommission. Mit einigem Recht hebt Hoym diese 
Untersuchungskommission in seinem Immediatbericht von? 
15. Dezember 1796 l ) als eine der Massnahmen zur „Wie- 
deraufhelfung der Städte und der städtischen Gewerbe" 
hervor. Die Belastung der Bürger durch staatliche 
Steuern war im Vergleich zu der polnischen Zeit dadurch 
höher geworden, dass „nach der Besitznahme Ordnung in 
die Finanzverwaltung kam, und hauptsächlich die Zölle 
und Konsumtionssteuern nach den Tarifs richtig erhoben 
wurden". Die Entrichtung so hoher Abgaben, sowohl an 
die Grundherrschaft, als auch an den Staat, brachte die 
Städte immer tiefer in Verfall, und man musste schnelle 
Vorkehrungen treffen, um sie vor dem gänzlichen Ruin zu 
retten". Dasselbe Problem, an dessen Lösung man sich 
besonders in Schlesien 2 ) immer wieder vergeblich ver- 
geblich versuchte, tauchte auch in Südpreussen auf: Die 
Höhe der staatlichen Abgaben der Städte, die der Staat 



*) Ch. Meyer, Geschichte d. Provinz Posen (Gotha 1891) 
S. 34of. Hoym verschweigt also hier nicht, wie Lehmann, Stein 
ßd. I, S. 352 Anm. 1 angibt, die grundherrschaftlichen Abgaben ; die 
irrige Angabe rührt offenbar aus dem nur teilweisen Abdruck des 
oben angeführten Immediatber. in Lehmann S. 503 ff. her. Das 
Konzept oder richtiger gesagt das Original befindet sich in Duplo im 
Geh. St.-A. Rep. 7. C. ia., vol. II, Bl. 1 — 24. 25 — 42. Verf. ist der 
gleich zu erwähnende Kriegs- und Domänenrat Mente in Breslau; 
vgl. auch D. J. 1793. S. 255ff. 

2 ) Ziekursch, S. 35, 37, 42. Ziekursch weist S. X darauf hin, 
dass „wahrscheinl. alle preuss. Bürger unter schwerem wirtschaftl. 
Druck" standen. Das trifft für Sp. durchaus zu. 



54 Fritz Grützraacher. 

zur Bestreitung der Verwaltungskosten und im Interesse 
seiner Grossmachtpolitik erheben musste, in Einklang zu 
bringen mit der geringen Leistungsfähigkeit der Städte. 
In Südpreussen erschien die Lösung des Problems leichter 
zu sein als in Schlesien. Sie sollte auf Kosten der Grund- 
herrschaften geschehen. Das besagt die Instruktion 
unzweideutig. Warum ergriff man nun nicht in Schlesien 
ähnliche Massregeln? In Schlesien lagen andere Ver- 
hältnisse wie in Südpreussen vor. In Schlesien hatte 
Friedrich d. Grosse den Adel auf alle mögliche Weise 
begünstigt. Deswegen hatte er hier sämtliche Abgaben 
der Mediatstädte, so wie sie in österreichischer Zeit ent- 
richtet worden waren, bestehen lassen. Es war aus Rück- 
sicht auf die adligen Grundherrschaften nicht möglich, „die 
Bürger von den Dominialprästationen" zu befreien 1 ). 
Dieses weitgehende Entgegenkommen hatte der schlesische 
Adel mit Treue und Anhänglichkeit an das Herrscher- 
haus belohnt. In Südpreussen lagen, wie gesagt, die 
Dinge wesentlich anders. Hier war der südpreussische 
Adel neben der Geistlichkeit der eigentliche Urheber der 
Insurrektion von 1794. Hoym empfahl eine harte Be- 
strafung der Insurrektionsteilnehmer durch hohe Geld- 
strafen. Der Adel sollte „in seiner gegen die anderen 
Stände zu hohen Geldmasse vermindert und dadurch zu 
Konföderationen unfähiger gemacht werden" 2 ). Zweifellos 
stand auch ein Sinken der Preise derjenigen adligen 
Güter, zu denen eine Stadt gehörte, bei der Durch- 
führung der Städtekommission in Aussicht. Im Juni 1796 
befahl Friedrich Wilhelm IL, durch die Treulosigkeit 
des südpreussischen Adels erbittert, die Einziehung 
der starosteilichen und geistlichen Güter 3 ). Ebenso wie 
diese Massregel wesentlich den Adel treffen sollte, 
richtete sich die schroffe Form der Instruktion gegen 
diesen Stand. 



!) J. Ziekursch, Zur Gesch. d. schles. Mediatstädte i. 18. Jahrru 
Zeitschr. d. Vereins f. Gesch. Schlesiens. 44. Bd. (Bresl. 1910). S. 173. 
2 ) Lehmann, S. 215. Immediatbericht Hoyms 13. März 1795. 
s ) Lehmann S. 418. Kabinettsbefehl vom 12. Juni 1796. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 55 

Verschiedene Momente wirkten also bei dem Zu- 
standekommen der Städtekommission ein. Wir wissen 
nicht genau, von welchen Beamten die Initiative dazu 
ausgegangen ist. Wenn wir im folgenden darüber Mut- 
massungen aufstellen, so ist das nur dadurch zu recht- 
fertigen, dass sie einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit 
haben. Eine Städtekommission war ja bereits um die 
Wende 1793/94 von der Posener Kammer bei dem Minister 
v. Voss in Anregung gebracht worden. Nun war der 
Kriegs- und Domänenrat Neumann 1 ), welcher 1793/94 viel 
in städtischen Angelegenheiten gearbeitet hatte, im Oktober 
1794 nach Breslau versetzt worden. Dieser energische 
Beamte, der bei der Verwaltung Südpreussens eine nicht 
unwichtige Rolle spielte, dürfte den Gedanken einer 
Städtekommission weiter vertreten haben. Auch der 
Kriegs- und Domänenrat Mente 2 ), welcher früher Steuerrat 
in Kaiisch gewesen war und seit Mai 1795 ausschliesslich 
im südpreussischen Generaldepartement in Breslau arbeitete, 
dürfte bei seiner Kenntnis der südpreussischen Städte- 
verhältnisse ein gewichtiges Wort bei der Einrichtung der 
Städtekommission mitgesprochen haben. 

In der Deklaration vom 30. April 1797 § 9 3 ) wurde 
erneut die „Konstitution über die Verfassung der süd- 
preussischen Mediatstädte" verheissen, deren Aufstellung 
ja die Hauptaufgabe der Städtekommission war. In ihr 
wurde das Allgemeine Landrecht, das bisher in Süd- 
preussen nur als subsidiäres Recht galt, als allgemein 
gültiges Recht eingeführt. Man traf aber gewisse Ein- 
schränkungen. Bei den Verhandlungen, die zur Dekla- 
ration vom 30. April 1797 führten, waren Struensee, der 
Minister des vereinigten Fabriken- und Accisedeparte- 



*) Siehe über ihn J. Ziekursch, Beiträge zur Charakteristik der 
Verwaltungsbeamten in Schlesien bis zum Untergange des frideri- 
zianischen Staates. Darstellungen und Quellen zur schles. Geschichte, 
herausgegeb. vom Verein für Geschichte Schlesiens IV. Bd. (Breslau 
1907) S. 28, 55, 57, 87, 91. Vgl. auch S. 35 und S. 37. 

2 ) Siehe über ihn Ziekursch, ebenda S. 56, 58, 83 f., 88, 98. 

3) N. C. C. Bd. X S. 1175/76. 



56 Fritz Grützmacher. 

ments, und der Grosskanzler v. Goldbeck entschieden 
dafür eingetreten, dass diejenigen Bestim mungen des All 
gemeinen Landrechts, welche über „die Verfassung der 
Bürger in den Mediatstädten" handelten, auch auf Süd- 
preussen ausgedehnt werden sollten. Die darüber in Be- 
tracht kommenden Paragraphen des Allgemeinen Land- 
rechts handeln vor allem über die Rechte der Grundherren 
in Beziehung auf Bürgeraufnahmen, Ämterbesetzung und 
Kämmereiverwaltung. Struensee und Goldbeck waren 
unterlegen 1 ). Auch über diese Punkte sollte die Kon- 
stitution näheres enthalten. 

Vergegenwärtigen wir uns die Aufgaben der Städte- 
kommission, so müssen wir sagen, dass sie äusserst 
schwierig waren. Freilich ihre Durchführung erweckte 
weitgehende Perspektiven. Stabilere Verhältnisse zwischen 
Grundherrschaften und Bürgerschaften mussten aus ihr 
erwachsen. Der Staat musste Städte erhalten, deren 
Leistungsfähigkeit für staatliche Steuern grösser war als 
bisher. Den ersteren Gesichtspunkt machte die War- 
schauer Kammer 2 ) geltend, wenn sie die Städtekommission 
für eine „gute Gelegenheit" hielt, auf die Abschaffung 
der viele Streitigkeiten herbeiführenden Naturalprästa- 
tionen hinzuwirken. Sie sollten in ein Dienstgeld ver- 
wandelt werden. Die Warschauer Kammer vertrat den 
Standpunkt, dass Scharwerk „für städtische Einwohner 
ganz unschicklich" wäre. „Auf jeden Fall können die 
Naturalprästationen nur in ganz kleinen Ackerstädten ge- 
duldet werden". Das ist gewiss ein Gesichtspunkt, der 
hohe Achtung verdient; um so mehr muss die Lauheit 
befremden, mit der die ganze Angelegenheit betrieben 
wurde. Denn die Hindernisse, die nach der Angabe 
Hoyms die Verschleppung bewirkten, waren bei einer 
zielbewussten Verwaltung wirklich nicht so schwer aus- 
dem Wege zu räumen. Das Genie eines Friedrich des 
Grossen hatte sämtliche verwaltungstechnischen Mass- 

i) Philippson, Bd. II, S. 204 f. 

2) St.-A. Posen S. P. Z. A. IV, 3 Bl. 52 ff. Schreiben an die 
Steuerräte 2. Dez. 1796. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 57 

nahmen des Staates in fester Hand gehabt. Seinen beiden 
Nachfolgern fehlten die Eigenschaften zu einer solchen 
Regierungsweise durchaus. So findet der Mangel an 
Energie und einheitlicher Verwaltung, der in dem preus- 
sischen Staate vor seinem Zusammenbruch im Jahre 1806 
oft zu Tage tritt, in dieser Verschleppung eine Bestätigung. 
Im April 1798 beklagten sich die Fleischer der Stadt 
Kostschin bei der Posener Kammer über allzuhohe Ab- 
gaben an die Grundherrschaft; ausser 30 fl. musste jeder 
Fleischer Talg, Fett und Fleisch an dieselbe ab- 
liefern l ). Erst diese Beschwerden mahnten Hoym 
wieder an die Städtekommission, deren Instruktion 
i 3 / 4 Jahre vorher erschienen war. In seinem Schreiben 
an Goldbeck vom 12. Mai 1798 musste er zu seinem Be- 
dauern angeben, dass mit der Untersuchung noch gar 
nicht begonnen worden wäre. Man hatte behauptet, dass 
zur Unterstützung der Kreiskommissionen „besondere 
delegierte Kommissarien erforderlich" wären. Für diese 
war „noch kein Fonds zur Bezahlung der Diäten" (pro 
Tag ein 1 Rtl. 12 Gr.) da. Diesem Übelstande wurde 
abgeholfen. Zur Hälfte sollten die Diäten von der Grund- 
herrschaft (!), zur anderen Hälfte von der Kämmerei, bei Un- 
vermögenheit beider aus dem „Polizeizuschussgelderfonds" 
getragen werden. Der Posener Kammer wurde der 
sofortige Beginn „der zur höchsten Ungebühr solange 
verschleppten Operationen der Städtekommission" zur 
Pflicht gemacht. Mit Rawitsch und Lissa sollte der 
Anfang gemacht werden. 

Hoym irrt mit seiner Angabe über diese Städte. In 
Lissa hatten nämlich vom 3. bis 1 2. Januar 1 798 und vom 1 . bis 6. 
März 1798 höchst dramatische Verhandlungen der Städte- 
kommission stattgefunden 2 ). Immerhin wirft auch dieser 
Termin kein günstiges Schlaglicht auf das Tempo, mit dem 
die Städtekommission in die Tat umgesetzt wurde. In 



i) Das Folgende nach Geh. St.-A. Berlin, Gen. Dir. Sp. Titel 
L1X, Nr. 13. 

2 ) Die folgenden Ausführungen beruhen auf dem leider unvoll- 
ständigen Aktenfasc. im St.-A. Posen Dep. Lissa C. XVII. F. 1. 



58 Fritz Grützraacher, 

Lissa war allerdings eine Regulierung des Verhältnisses 
zwischen Grundherrschaft und Bürgerschaft unumgänglich 
notwendig. Der grosse Brand dieser Stadt im Jahre 1790 
veranlasste den Grundherrn Anton v. Sulkowski zum 
Verzicht auf usurpierte Abgaben. Es sollten nur die- 
jenigen geleistet werden, die im Jahre 1738 festgesetzt 
und im Jahre 1762 bestätigt worden waren. Die zu 'diesem 
Zwecke abgeschlossene Konvention vom 11. Oktober 1790 
erhielt auch einen weitgehenden Abgabenerlass für die 
unglücklichen Einwohner Lissas, nämlich für die Christen 
auf 5, für die Juden auf 3 Jahre. Im Hinblick darauf 
wird man wohl der Behauptung der Lissaer Bürgerschaft, 
dass die sich oft geradezu widersprechende Fassung der 
einzelnen Paragraphen böse Absicht ihres Erbherrn 
gewesen sei, nicht so ohne weiteres Glauben schenken 
dürfen. Streitigkeiten ohne Ende, ein Rattenkönig von 
Prozessen zu Beginn der südpreussischen Zeit, waren die 
Folge. Der Fürst Anton v. Sulkowski starb am 17. Januar 
1796. Seine Rechte vertrat die fürstliche Vormundschaft, 
vor allem die Fürstin Sulkowska. Die Parteien wollten 
sich einigen. Um die Wende des Jahres 1795/96 fanden 
Verhandlungen deswegen statt. Als Vertreter der Posener 
Kammer war der Kriegs- und Domänenrat Butzer nach 
Lissa gesandt worden. Man war noch zu keinem definitiven 
Ergebnis gelangt, da erschien die Instruktion vom 
10. August 1796. Nach ihr sollte fernerhin verfahren 
werden 1 ). Die bisherigen Vergleichsverhandlungen waren 
also fast nutzlos geblieben. Ein Hofrescript vom 20. April 
1797 verlangte nochmals die Regulierung der Abgaben 
zwischen Grundherrschaft und Bürgerschaft. Am 19. Sep- 
tember 1797 erhielten der Kreisjustizrat Fischer und der 
Steuerrat v. Hirschfeld den Auftrag zur Untersuchung. 
Diese fand denn auch, wie bereits erwähnt, Anfang 1798 
statt. Die Bürgerschaft erkannte die Konvention aus dem 
Jahre 1790 überhaupt nicht an. Jede der beteiligten 
Parteien wollte möglichst viel Vorteile für sich heraus- 

x ) Ortschaften Nr. 655. Hoym an die Posener Kammer am 
4. August 1796. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 59 

schlagen. Die Fürstin Sulkowska verteidigte im Verein 
mit dem Vormund des jungen Fürsten, von Lestwitz, 
hartnäckig und geschickt das durch „die alle Grenzen 
überschreitende Verschwendung ihres Gemahls und dessen 
Ahnherren" 1 ) ohnehin "nicht grosse Erbe ihres Sohnes. 
Die Bürgerschaft der Stadt Lissa, die durch den Brand 
von 1790 in ihrem Nahrungsstande sehr heruntergekommen 
war, kämpfte um eine bessere wirtschaftliche Lage und 
weniger Abgaben an die Grundherrschaft. Die Vormund- 
schaft wollte 1762 als Normaljahr ansehen, die Bürger- 
schaft dagegen 1738, ein für sie viel günstigeres Jahr. 
In einigen Fällen wollte sie sogar auf die ursprünglichen 
Privilegien zurückgehen. Die Verschiedenheit der Höhe 
der Abgaben erhellt aus einigen Beispielen, die sich leicht 
vermehren Hessen. Die Abgaben von einer Mühle be- 
trugen 1738 20 fl. 20 Gr., 1764 und die folgenden Jahre 
36 fl. Die Abgaben in der Höhe des Jahres 1738 wollte 
das Müllergewerk bezahlen. Trotz eingehender Vor- 
stellungen war es nicht dazu zu bewegen, von dem bisher 
entrichteten Jagdkorn- und Hofekorngeld im Betrage 
von zusammen 31 fl. 20 Gr. auch nur einen Pfennig zu 
entrichten. Ähnlich lagen die Dinge bei der Fleischer- 
zunft. Zur Zeit bezahlte sie für die 24 Fleischbänke je 
59 fl. 9% Gr., 3 Ratsfleischbänke je 42 fl 6 2 / 3 Gr. 
jährlich. Jetzt wollte sie nur die in den Privilegien ent- 
haltenen Abgaben von 8 fl. entrichten ! Als die Verhand- 
lungen am 5. März 1798 ihr Ende erreichten, standen sich 
die Forderungen der Parteien in fast sämtlichen Punkten 
völlig unvermittelt gegenüber. Sei es, dass es sich hier 
um den Fall 14 a. der Instruktion handelte, nach welchem 
der Vergleichs-, eventuell der Prozessweg zu beschreiten 
war, oder dass man die Regulierung gemäss der „Konsti- 
tution über die Verfassung der südpreussischen Mediat- 
städte" nicht abwarten wollte, weil sie erklärlicher Weise 
noch in weiter Ferne stand, genug die fürstliche Vormund- 
schaft behielt sich am 6. März 1798 vor, einen Vergleich 
vorzuschlagen. Das geschah denn auch am 17. September 
!) Monumenta Germaniae Paedagogica Bd. 46. (Berlin 1910) S. 400. 



60 Fritz Grützmacher. 

1798. Seine wesentlichsten Punkte waren folgende : 
Garantie und Abzahlung der von der Stadt für ihre 
Grundherrschaft übernommenen Schulden, Überlassung 
der Branntweinbrennereigerechtigkeit an die Bürgerschaft 
gegen bestimmte Abgaben, Ermässigung und Erlass von 
drückenden Lasten, so z. B. der 8 Millegelder. Die Posener 
Kammer, der Prozessvertreter der Stadt, Justizkommissarius 
Wolff in Posen, der Steuerrat v. Hirschfeld bezeichneten 
den Vergleichsvorschlag als äusserst günstig für die Stadt. 
Sie rieten entschieden und dringend zur Annahme. 
Weniger erbaut war der Lissaer Magistrat. Er bemängelte 
die in Aussicht genommenen hohen Branntweinabgaben 
und noch zwei andere Punkte. Im grossen und ganzen 
stimmte aber auch er dem Vergleichsvorschlag zu. Er 
bearbeitete auch in diesem Sinne im März und April 1799 
die Bürgerschaft. Dort schwankten die Meinungen für 
und wider den Vergleich. Es kam zu einer Abstimmung. 
510 Bürger waren bedingungslos für den Vergleich, in 
bedingter Weise 66 Müller und 10 Schmiede ; wider den 
Vergleich waren nur 8 Personen. Das war nach Ausweis 
der Bürgerrollen eine Mehrheit. Zu diesem Abstimmungs- 
ergebnis hatte wesentlich der Umstand beigetragen, dass 
bei einem Scheitern des Vergleichs sich die Fortsetzung 
der Prozesse drohend im Hintergrunde zeigte. Diese 
waren mit grossen Kosten verbunden. Sie aufzubringen 
fiel den Lissaer Bürgern „wegen ihrer wahrhaftig grossen 
Armut, aligemeiner Nahrungslosigkeit und offenbarem 
Unvermögen" ausserordentlich schwer. Ein grosser Teil 
der Bürgerschaft hatte sich der Abstimmung enthalten. 
Er brachte im Verein mit den Gegnern und nur bedingten 
Anhängern des Vergleichs diesen zu Falle. Seine An- 
nahme, zu der eine zwei Drittel Mehrheit erforderlich 
war, muss an wenigen Stimmen gehangen haben. Denn 
der Steuerrat v. Hirschfeld schreibt am 16» Januar 1803 
an die Posener Kammer 1 ), dass der Vergleich „durch das 

3 ) St.-A. Posen, Lissa C. 5. Ganz vergeblich waren die 
Verhandlungen zwar nicht. Es kam eine Einigung zustande bei den 
Abgaben der Bäcker, Schuhmacher, Fleischer (Vergleichssumme 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 6l 

Aufreden einiger weniger unruhiger und unkundiger Mit- 
glieder von der Bürgerschaft nicht angenommen" worden sei. 
Wesentlich kürzer können wir uns über die Tätig- 
keit der Städtekommission in den anderen Städten fassen. 
Hoym hatte Mai 1798 befohlen, dass das Verhältnis 
zwischen Grundherrschaft und Bürgerschaft der Stadt 
Rawitsch untersucht werden sollte. Er hoffte umsomehr 
auf die schnelle Durchführung seines Auftrages, als Anfang 
1798 eine Taxe der Stadt Rawitsch aufgenommen worden 
war 1 ). Dadurch war für die Städtekommission eine günstige 
Unterlage geschaffen worden. Bei Aufstellung der Taxe 
war der Rawitscher Magistrat den damit beauftragten 
Beamten hilfreich an die Hand gegangen. Es fällt auf, 
dass er sich der Kreisjustizkommission zu Fraustadt gegen- 
über weigerte, näher den Ursprung sämtlicher grundherr- 
schaftlichen Abgaben zu erforschen. Das wäre für ihn 
verhältnismässig leicht gewesen. Er gab zumeist nur die 
tatsächliche Höhe der Abgaben an. Man erinnere sich, 
dass gerade den Magistraten in der Instruktion vom 
10. August 1796 die Aufhellung der grundherrschaftlichen 
Abgaben zur Pflicht gemacht worden war! Der Rawitscher 
Magistrat glaubte, es mit seiner Stellung zur Grundherr- 
schaft nicht vereinen zu können, „dass von dem in der 
Mitte stehenden Magistrat Aufforderungen der Bürgerschaft 
gegen die Grundherrschaft entstehen". Gewissermassen 
als Entschuldigung für sein Verhalten führte er an, „dass 
die Magistrate bei jeder Gelegenheit ermahnt würden, in 
gutem Vernehmen mit den Grundherren zu leben" 2 ). Zu 
einer strikten Ausführung des erwähnten Hoymschen Befehls 
ist es in Rawitsch nicht gekommen. Überhaupt scheint 

40 fl. für die Fleischbank) und beim Färbegeld, im August 1800 mit 
der Judenschaft. (Vergl. -Summe 4000 Rtl. pro Jahr vgl. Louis Lewin, 
Gesch. d. Juden in Lissa. Pinne 1904. S. 102). St.-A. Posen 
Lissa C. 134. 

!) Geh. St.-A. Berlin, Gen. Dir. Sp. Tit. LIX. Nr. 13. 

2 ) Akten auf dem Boden des Amtsgerichts zu Rawitsch : Acta 
Comm., die Taxe von der Stadt Rawitsch betr. 1798. Schreiben des 
Rawitscher Magistrats an die Kreisjustizkomm. zu Fraustadt vom 
17. März 1798. Merschel, 200 Jahre Geschichte d. Stadt Rawitsch, 
S. 280—84. 



62 Fritz Grützmacher. 

die Zahl derjenigen Städte, wo eine Untersuchung der 
Städtekommissionen stattgefunden hat, eine recht geringe 
zu sein. Nur in Adelnau, Baranowo, Kempen, Reisen, 
Lekno 1 ) und Bojanowo 2 ), sind Spuren von ihr nachweisbar. 
Inzwischen war Hoym der Leitung Südpreussens 
enthoben worden. Die Veranlassung zum Rücktritt dieses 
Ministers haben wahrscheinlich die Angriffe des Geheimen 
Kabinettsrats Mencken gegeben, der in der Verwaltung 
Südpreussens durch Hoym „ weder Grundsätze noch 
Ordnung, noch Zusammenhang der Geschäfte finden 
konnte. Sein Nachfolger wurde wiederum Voss, der sein 
Amt Trinitatis 1798 antrat 3 ). Dieser Ministerwechsel hat 
sehr zu einem Wendepunkt der südpreussischen Städte- 
politik beigetragen. Durch das Rescript vom 22. Juni 1799 4 ), 
welches „auf Seiner Königlichen Majestät allergnädigsten 
Spezialbefehl" 5 ) die Minister v. Voss und v. Goldbeck 
erliessen, wurde die Städtekommission beinahe vollständig 
aufgehoben. Sie hat zu „Missdeutungen Gelegenheit ge- 
geben und den erwarteten Nutzen nicht ganz verschafft". 
Die „Operationen der Städtekommission" sollten „ferner- 

*) St.-A. Posen, Adelnau C. 4, 7, Baranowo C. 2, Kempen C. 3. 
Reisen, F. S. A., C. 25. I. Dep. Reisen C. 38. SPZ, A. IV, 3. Bl. noff, 

2 ) Ortschaften Nr. 130. 

a ) H. Granier, Preussen und die katholische Kirche VIII. Publi- 
kationen aus den Kgl. preuss. Staatsarch. Bd. 76, (Leipzig 1902) 
S. 14. Kabinettsorder vom 26. April 1798 an Hoym. Original im 
Staatsarch. Bresl. Rep. 199 M. R. III, Nr. 13a Bl. 3. 

4 ) Eisenberg u. Stengel, Bd. IX, (Halle 1799) S. 361—64. 

5 ) Diese Wendung deutet nicht, wie man anzunehmen geneigt 
wäre, auf eine Kgl. Entscheidung hin. Die darüber handelnde Ka- 
binettsorder wäre sonst in den Minuten des Geh. St.-A. Berlin vor- 
handen. Die beiden Minister haben die Entscheidung allein gefällt 
nach einer ihnen zustehenden „generellen" Befugnis. In der hier 
behandelten Zeit scheinen allerdings Entscheidungen an die Kammern 
mit der Bezeichnung „auf Sr. Kgl. Maj. Allergnädigsten Spezial- 
befehl" ergangen zu sein, wo vorher das Kgl. Kabinett das Wort 
gesprochen hatte, so z. B. auch bei dem Publikandum vom 25. Sep- 
tember 1795 (siehe S. 38). Vgl. auch Kap. IV, Seite 84 Anm. 
1, 110, Anm. 2. Martin Hass, Über das Aktenwesen u. den Kanzlei- 
stil im alten Preussen. Forschungen z. Brand.- u. Preuss. Gesch. 
XXII. Bd. (Leipzig 1909) S. 531 ff. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 63 

hin nicht von Amtswegen, sondern nur auf den Antrag 
der Interessenten, die auch die Kosten tragen sollten, 
erfolgen". Es besagte wenig, dass die Kammer eine 
Kommission beantragen konnte, wenn sie eine „solche 
zum Besten der Stadt für nötig" fände. Findet eine Unter- 
suchung statt, so sollte sie dazu dienen, die streitenden 
Parteien „in Güte auseinanderzusetzen", Misslingt ein 
Vergleich, so sind die Parteien auf den Weg des Pro- 
zesses zu verweisen; „nach erfolgter rechtskräftiger Ent- 
scheidung aller streitigen Punkte" sollte „über die Ver- 
hältnisse der Stadt und des Dominii ein vollständiger und 
deutlicher Rezess in Gefolge der ergangenen Erkenntnisse 
entworfen und von den beiden Kollegien bestätigt werden". 
Bei der Untersuchang sollte folgender Gesichtspunkt 
massgebend sein: „Es müssen die wohl erworbenen 
Rechte der Grundherren, insofern sie nicht der Staats- 
Verfassung zuwiderlaufen oder angemasst sind, überall 
gehörig respektiert werden". Inhaltlich stimmt diese Vor- 
schrift mit den §§ 19, 21 und 22 der Instruktion vom 
10. August 1796 überein. Die Fassung ist jedoch nicht so 
präcise; die Ausdrucksweise ist auf einen milderen Ton 
den Grundherren gegenüber gestimmt. Keine Erwähnung 
findet dagegen der § 20. Dass dieses Fortbleiben eine 
grosse Bedeutung für die Mediatstädte hatte, werden wir 
später sehen. Der Schlusssatz des Rescripts hat gewisser- 
massen programmatische Bedeutung für die südpreussische 
Städtepolitik unter dem Minister v. Voss: Es soll „keinen 
Einfluss haben, dass in dortiger Provinz manche sonst 
bloss dem Landesherrn gebührende Abgaben noch dem 
Dominio zustehen"; es kommt „vielmehr nur darauf an, 
dass grund- und landesherrliche Abgaben erträglich 
genug seien, damit der Belastete dabei subsistieren könne, 
worauf daher sowohl bei den Vergleichsversuchen als in 
judicando gehörige Rücksicht genommen werden muss". 
Wenn man sich vergegenwärtigt, dass eine der vor- 
nehmsten Veranlassungen zur Städteuntersuchung die 
Rücksicht auf die staatlichen Steuern gewesen war, so 
springt der Unterschied deutlich in die Augen. Ferner 



64 Fritz Grützmacher. 

wird in dem Rescript vom 22. Juni 1799 eine auch nur 
einigermassen erträgliche wirtschaftliche Lage der Bürger 
in den Mediatstädten verlangt. Die Städjekommission 
sollte ganz etwas anders bringen: Sie sollte und konnte 
eine starke Erhöhung der wirtschaftlichen Leistungsfähig- 
keit der Bürger herbeiführen. Auch in den Jahren des 
Ministers v. Voss ist in manchen Städten eine wesent- 
liche Ermässigung der grundherrschaftlichen Abgaben 
erreicht worden. Sie war den Urteilen zu danken, welche 
auf Klagen der Mediatstädte gegen ihre Grundherren von 
den südpreussischen Regierungen ergingen. Welche üblen 
Folgen trotzdem das Rescript vom 22. Juni 1799 für die 
Bürgerschaften hatte, wird am besten das Beispiel der 
Stadt Rawitsch zeigen. Eine zielbewusste Handhabung 
der Städtekommission hätte hier den fast völligen Weg- 
fall der Bier- und Branntweinabgaben im Betrage von 
4166 Rtl. 1 ), des von den Ra witscher Tuchmachern und 
Kaufleuten zu bezahlenden Tuchstempelgeldes von 
21 11 Rtl., des gleichfalls vom Tuchmachergewerk zu ent- 
richtenden Woll- und Baudengeldes und der Sieben- 
kreuzerkasseneinnahme im Betrage von 260, bezw. 1128 Rtl. 
zur Folge haben müssen 2). In den 20er und 30er Jahren 
des 19. Jahrhunderts erhob nämlich die Rawitscher Tuch- 
macherinnung, die durch schlechte Absatzverhältnisse ver- 
armt war 3 ), Klagen wegen zu hoher grundherrschaftlicher 
Abgaben. Die gerichtlichen Urteile, welche daraufhin 
ergingen, fussen auf dem „Rechtssatz" des § 19 der 
Instruktion vom 10. August 1796. Dieser war 1800 von 
der Gesetzkommission ausdrücklich als bindend anerkannt 
worden 4 ). Schon in südpreussischer Zeit wären also bei 

i) Vgl. Cap. IV, S. 102. 

2 ) Akten auf dem Boden des Amtsger. zu Rawitsch: Acta d. 
Königl. Amtsger. zu Fraustadt betr. die Administration der zum J. N. 
von Mycielskischen Konkurse gehörigen Güter Rawitsch. R. 220. vol. 
I, III, VI; Plan z. Vert. d. Hebung der Stadtkommunität zu Rawitsch 
aus der Immob.-Masse v. R. u. Skaradowo 1835. 

3) Schottmüller, Handel und Gewerbe S. 45 ff. 

4 ) Neues Archiv d. preuss. Gesetzgeb. u. Rechtsgelehrsamkeit 
. Bd. (Berlin 1800) S. 213—215. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten, 65 

einer Durchführung der Städtekommission nicht nur 
3996 Rtl, sondern 7665 Rtl. fortgefallen. Das sind zwei 
Drittel aller Rawitscher grundherrschaftlichen Abgaben, 
die im Jahre 1798 laut gerichtlicher Taxe n 958 Rtl. be- 
trugen. Dass andererseits schon damals eine grosse 
Preisentwertung der Rawitscher Herrschaft eingetreten 
wäre, leuchtet ohne weiteres ein. Ihr Taxwert, der sich 
im Jahre 1798 auf 357051 Rtl. belief 1 ), wäre auf etwa 
200000 Rtl. zurückgegangen. Ähnliche Folgen hätte eine 
Wirksamkeit der Städtekommission sowohl für die Grund- 
herrschaften als auch für die Bürgerschaften in den anderen 
Städten gehabt 2 ). 

Fragen wir nach den Gründen für die Aufhebung 
der Städtekommission 3 )? Ein Grund für die Aufhebung 4 ) 
der Städtekommission mag in dem Scheitern des Ver- 
gleichs in Lissa gelegen haben. Diese Tatsache wirkte 
gewiss nicht ermutigend auf eine Fortführung der Ver- 
handlungen. Hier war die Auseinandersetzung zwischen 
Grundherrschaft und Bürgerschaft wesentlich durch die 
Schuld der letzteren gescheitert Lissa war eine Stadt 
mit einer verhältnismässig intelligenten deutschen Bürger- 
schaft. Die Behörden sagten sich wohl mit Recht, dass 
ähnliche Situationen auch bei anderen Städten vorkommen 
würden, wo noch eine geistig tiefstehende Bevölkerung 
als erschwerendes Moment hinzukam. Sodann war 3 Jahre 
nach dem Erlass der Instruktion, freilich nicht ohne Schuld 
der Behörden, nur eine kleine Anzahl von Städten unter- 
sucht worden. Mit diesem wenigen Material liess sich 



!) St.-A. Posen, Rawitsch C. 6. 

2 ) Würde das landschaftl. System auch unserm Südpreussen 
frommen? Jahrbücher 1801, III. Bd. S. 370. 

3 ) Auch hier ist leider eine umfassende Durchsicht aller in 
Frage kommenden Akten, vor allem der des Berl. Geh. Staatsarchivs, 
erfolglos geblieben. Beim Suchen war mir bes. Herr Archivar 
Dr. Martiny-Posen behilflich. Auch ohne dies dürften die folg. Aus- 
führungen das Richtige treffen. 

4 ) Dass man von einer Aufheb. der Städtekommission sprechen 
kann, ergibt sich ausser anderen Stellen aus einem Schreiben der 
Posener Kammer vom 9. November 1799. Ortschaften Nr. 650. 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XXVII. 5 



66 Fritz Grützmacher. 

natürlich nicht die „Konstitution über die Verfassung der 
südpreussischen Mediatstädte" aufstellen. Für das lang- 
same Fortschreiten der Städtekommission gibt Goldbeck 
an, dass sie mit „weitläufigen Rechtserörterungen" zu viel 
Zeit verbrauchte. ,,Unübersteigliche Hindernisse" stellten 
sich dann ein 1 ). 

Das mögen wohl die äusseren Gründe für die Auf- 
hebung der Städtekommission gewesen sein. Die inneren 
Gründe dürften, wie bereits erwähnt, in dem Wechsel der 
Leitung Südpreussens zu suchen sein. Wir kennen die 
Stellung des Ministers v. Voss aus den Jahren 1793 und 
1794. Dort war er einer Städtekommission, die ihm an- 
scheinend zu viel „Sensation" machte, sehr abhold gewesen. 
Er befolgte — das soll auch im folgenden Kapitel gezeigt 
werden — die Politik der Schonung der Grundherren 2 ). 
Das tritt besonders zutage, als er zu den Verhandlungen 
über den Wegfall und die Ablösbarkeit der grundherr- 
schaftlichen Lasten, welche der neuostpreussische Minister 
von Schroetter eifrigst betrieb, herangezogen wurde. Er 
verteidigte hier hartnäckig das Interesse der Grundherren 3 ). 
Mit einer solchen Auffassung Hessen sich die radikalen 
Bestimmungen der Instruktion vom 10. August 1796 nicht 
vereinigen. Ferner mag Voss die Städtekommission um 
so leichter über Bord geworfen haben, als es eine unter 
seinem Vorgänger Hoym inaugurierte Massnahme war. 
Sein Verhältnis zu diesem war kein gutes. Auch auf 
anderen Gebieten zeigen sich zwischen den beiden Ver- 
waltungszeiten der Minister v. Hoym und v. Voss Ver- 



i) Schmidt, Bd. 49, 6. Abschnitt. Goldbeck an Voss 11. Juni 1803. 

2 ) Phiiippson, Bd. II, S. 141 f. meint, dass Voss nach seinem 
Rücktritt im September 1794 in einer Denkschrift die Politik des 
Bürgers und Bauers empfohlen habe. Jch kann das aus den in 
Frage kommenden Schriftstücken vom September 1794 oder Mai 
1796 (Ch. Meyer, Geschichte d. Prov. Posen (Gotha 1891) S. 317—334; 
D- J- 1 793> S. 778—812), von denen Phiiippson eins offenbar vor Augen 
hat, nicht herauslesen. Die Stimmung dem Adel gegenüber ist 
allerdings resigniert, Voss war eine höchst ehrgeizige Persönlichkeit, 
und gerade der Adel hatte ihn zu Falle gebracht. 

3) Schmidt Bd. 49, 6. Abschnitt. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 67 

schiedenheiten 1 ). Ein deutliches Zeichen für ihre Gegen- 
sätzlichkeit ist ihre Stellung zu einzelnen südpreussischen 
Beamten. So hatte der Kriegs- und Domänenrat 
v. Zerboni, der sich zu dieser Zeit durch seine Angriffe 
auf die südpreussischen Zustände sehr bemerklich machte, 
in Voss einen Gönner. Hoym stand ihm gerade nicht 
freundlich gegenüber 2 ). Letzterer hatte an dem später 
als Verfasser der „Vertrauten Briefe über die inneren 
Verhältnisse am preussischen Hofe" bekannt gewordenen 
Kriegs- und Domänenrat Friedrich v. Colin nichts zu tadeln; 
mit Voss stand dieser auf dem Kriegsfusse 3 ). 

Mit dem Rescript vom 22. Juni 1799 fiel auch die 
weitere Durchführung der anderen wichtigen in der 
Hoymschen Verwaltungszeit ergangenen „Deklaration 
wegen der Brau- und Branntweinbrennereigerechtigkeit 
in den südpreussischen adligen Mediatstädten" ins Wasser. 
Sie war am 7. Juni 1796 erlassen worden 4 ). Auch sie 
sollte gleich der Städtekommission dazu dienen, den 
Mediatstädten emporzuhelfen 5 ). Die Deklaration baut 
sich geradezu auf dem § 20 der Instruktion vom 
10. August 1796 auf, wie bereits erwähnt worden ist. 
Dieser hatte die Annullierung von polnischen Gesetzen, 

2 ) Grünhagen, Zerboni und Held S. 238 ff. Auch in der 
Denkschr. des Ministers v. Voss vomMaili^gö (D. J. 3793 S. 778 — 812) 
merkt man zuweilen eine versteckte Polemik gegen Hoym ; vgl. auch 
Die ehem. Beamten des abgetr. preuss. Anteils v. Polen. (Gleiwitz, 
Ratibor, Hamburg, 1809) S. 23. Verf. des Buches ist nach einer hand- 
schriftlichen, wohl richtigen Notiz im Exemplar d. Kgl. u. Univ.- 
Bibl. zu Bresl. der frühere Ptocker (Warschauer) Kriegs- u. Domänen- 
rat Baron Georg Leopold v. Reisewitz. Über diesen vgl. Ziekursch, 
Zur Charakteristik der schles. Steuerräte, S. 173 f. D. J. 1793. 
S. 116, 240, 304. 

2 ) Grünhagen, Zerboni und Held, S. 38. 

3 ) J. Ziekursch, Friedr. v. Colin u. d. Tugendbund. Hist. 
Vierteljahrs ehr. 12. Jahrg. (Leipzig 1909) S. 45. 

4 ) Eisenberg u. Stengel, Bd. VII, (Halle 1799) S. 340—342. 
Ähnliche Bestimmungen hatte Friedrich der Grosse im Jahre 1780 
für Westpreussen und den Netzedistrikt getroffen. Bär, Bd. II. 
Quellen Nr. 482. Leider ergibt dieses Werk nichts über ihre Durch- 
führung. 

5 ) Ch. Meyer, Geschichte d. Prov. Posen (Gotha 1891). S. 341. 



68 Fritz Grützmacher. 

welche dem Bürgerstande schädlich waren, statuiert. Als 
ein solches stellte sich das Tranksteuergesetz aus dem 
Jahre 1775 heraus. Dieses hatten die Grundherrschaften 
dazu benutzt, Bier- und Branntweinbrennen in starkem 
Umfange zu beschränken. Die Deklaration vom 7. Juni 1796 
schuf hier Wandel. Im Rescript vom 22. Juni 1799 war be- 
kanntlich der § 20 der Instruktion weggeblieben. Ersterer 
war damit der Boden entzogen. Sie hatte folgende Be- 
stimmungen getroffen: Alle Städte, welchen die Grund- 
herrschaften auf Grund der Konstitution von 1775 die Bier- 
und Branntweinbrennereigerechtigkeit entzogen hatten, 
sollten diese wieder erhalten. Die Grundherr Schäften er- 
hielten ein Mitbestimmungsrecht bei der Neueinrichtung 
der Bier- und Branntweinbrennereiverfassung. Auf ver- 
schiedene Weise konnte nämlich Bier gebraut und Brannt- 
wein gebrannt werden, in geschlossenen Innungen, reihen- 
weise 1 ) oder von bestimmten Personen. Einer Übervor- 
teilung der Bürgerschaften war durch strenge Aufsicht 
der Kammern ein Riegel vorgeschoben. Um der De- 
klaration eine schnellere Wirksamkeit zu geben, sollten 
die Bürger durch blosse Resolution der Regierungen in 
ihre ehemaligen Rechte wieder eingesetzt werden. Das 
Gleiche sollte auch bei denjenigen Städten geschehen, 
denen bereits vor 1775 von den Grundherrschaften das 
Recht entzogen worden war, Bier zu brauen und Brannt- 
wein zu brennen. In diesem Falle sollte „dem Erbherrn 
aber gestattet werden, seine vermeinten Befugnisse gegen 
die Stadt im Wege des ordentlichen Prozesses geltend 
zu machen." 

In der ersten Zeit hat man der Deklaration Folge 
geleistet. Durch Beschluss der Posener Regierung vom 



*) Sofern überhaupt gebraut und gebrannt wurde, geschah es 
zumeist in dieser, viele Mängel enthaltenden Form, d. h. jedes Mitglied 
der oft zahlreichen Braukommune od. Bierzunft durfte nicht eher 
brauen und brennen, als bis das vorangehende sein Getränk aus- 
geschenkt hatte. Vgl. F. Grützmacher, sp. Unterhaltungen. M. 12. 
(Posen 191 1) S. 89. Kap. III, S. 69 Anm. 5. Kap. IV. S. 96. Anm. 4. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 69 

26. März 1798 erhielt die Bürgerschaft von Punitz 1 ) gegen 
die massige Abgabe von 50 Rtl. an die Grundherrschaft 
das seit 1775 entbehrte Recht des Branntweinbrennens 
zurück. Wie aus einem Schreiben der Obersitzkoer 2 ) 
Bürgerschaft an Hoym vom 2. November 1797 hervor- 
geht, arbeiteten zwar einige Grundherren an der Auf- 
hebung der Deklaration, Hoym blieb aber fest. Durch 
Resolution vom 8. Juni 1798 erhielten die Obersitzkoer 
ihr Recht zurück. Dasselbe geschah in Bnin 3 ) und 
Görchen 4 ). Auch das Domänenamt Krotoschin 5 ) musste 
in einen sauren Apfel beissen, als der Bürgerschaft durch 
Resolution vom 30. Dezember 1797 die Bier- und Brannt- 
weinbrennereigerechtigkeit zugesprochen wurde. Diese 
Tatsache bedeutete den fast gänzlichen Ausfall einer Ein- 
nahme, die im Jahre 1797 5079 Rtl. betrug. Nicht so glücklich 
war die Stadt Ra witsch 6 ). Ihr Magistrat bewies in der 
Benutzung der Deklaration vom 7. Juni 1796 recht wenig 
Tatkraft. Erst als er den „Revolutionsgeist" der Bürger- 
schaft Ende 1798 in heftiger Weise zu fühlen bekam, 
tat er die vorbereitenden Schritte. Er hatte den richtigen 
Anschluss, die günstige Strömung unter Hoym, verpasst. 
Am 30. September 1799, also bereits unter dem Minister 
v. Voss, erhielt die Bürgerschaft von der Posener Re- 
gierung ein Erkenntnis, in dem auch nicht eine Spur von 
dem Geist der Deklaration vom 7. Juni 1796 vorhanden 
war. Hier wie an wenigen anderen Stellen 7 ) könnte 

!) Ortschaften Nr. 1160. 

2) Geh. St.-A. Berlin. Rep. 89. 37 C. Ortschaften Nr. 841. 

3 ) Ortschaften Nr. 99. 

4 ) Ortschaften Nr. 322. 

5 ) Ortschaften Nr. 567. Holsche, Bd. II. S. 294. Als einen 
grossen Fortschritt muss man es hier bezeichnen, dass Hoym 
energisch mit dem Reihebrauen brach. Das Brauen und Brennen 
durfte nur als Gewerbe betrieben werden. Alle anderen Brau- 
berechtigten sollten durch einen massigen Kanon entschädigt werden. 

6 ) Stadtarch. Rawitsch, Bier und Branntwein vol. I — IV. 
Ortschaften Nr. 1204. 

7 ) So in der Denkschr. des Landrats des ßomster Kreises, Graf 
v. Unruh (Grundherr d. Stadt Unruhstadt), d. d. 4. Febr. 1804. Ihre 
Ausführ, über die Deklaration v. 7. Juni 1796 fallen als hist. Beweismittel 



70 Fritz Grützmacher. 

man zu der Annahme verführt werden, dass die Deklaration 
noch weiter fortbestanden hätte. Sie werden aber wider- 
legt durch die tatsächlich geübte Praxis und durch die 
gewichtigen Zeugnisse Köhlers und Nicolais, Es sind 
das Persönlichkeiten, denen man unbedingt Glauben 
schenken darf. Köhler hatte in seiner Eigenschaft als 
Accise- und Zollrat viel mit diesen Sachen zu tun. 
Nicolai, der nachweisbar 1 ) 1800/01 im südpreussischen 
Departement beschäftigt und dann bis zu seinem Tode 
im Jahre 1804 Kalischer Kammerdirektor war, baut seine 
Urteile auf einem sorgsamen Studium der Akten auf. 
Köhler, der zwischen 1804 und 1806 schreibt, fasst seine 
Meinung dahin zusammen 2 ): „Wäre die Deklaration vom 
7. Juni 1796 damals vollstreckt worden, so wäre die 
Ordnung bereits hergestellt, die Kassen sichergestellt und 
eine grosse Menge von Prozessen 3 ) vermieden worden. 
Ob sie gleich suspendiert wurde, so wird ihre Wieder- 
herstellung über kurz oder lang doch notwendig werden." 
Nicolai schreibt 4 ): „In Südpreussen, wo selbst man sowohl 
die Fabrikation als den Ausschank mit der allgemeinen 
Benennung Propination belegt, wird diese ohne besondere 
gesetzliche Bestimmung, jedoch nur nach der bisherigen 
polnischen Observanz für ein uneingeschränktes den 
Grundherrschaften zustehendes Recht erachtet." So ist 
durch Voss die Wirksamkeit einer Verordnung unterbunden 
worden, die nach dem Wunsche des Ministers v. Hoym 
segensreich für die Städte gewirkt hat. 

Kehren wir zu den Massnahmen der Hoymschen 
Verwaltung zurück! In ihr erfolgte noch die Regelung 

gar nicht ins Gewicht, da die Denkschr. ihrer ganzen Tendenz nach 
(vgl. Cap. V. Seite 116) die Lage der Grundherrschaften in recht 
trübem Lichte darstellen will. Geh. St.-A. Berlin, Gen.-Dir. Sp. 
Tit. XVII. Nr. 3. 

!) Geh. St.-A. Berlin, Gen.-Dir. Sp. Tit. LXVI, Nr. 4 Bl. 130, 
Nr. 7 Bl. 155. Ortschaften Nr. 1168, Bl. in. 

2 ) St.-A. Bresl., Herrsch.-Arch. Poln. Nettkow, Nr. 488. 

3) Vgl. Cap. IV. Seite toi f. 

4 ) J. D. Nicolai, Ökonomisch-jurist. Grundsätze v. d. Verw. d. 
Domänenwesens in den preuss. Staaten. Mit Bezug auf die kur- 
märkischen u. sp. Verf. dargestellt I. Teil (Berlin 1802) S. 162. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 71 

eines anderen wichtigen Gegenstandes, welcher das Ver- 
hältnis zwischen Grundherrschaft und Bürgerschaft betrifft. 
Die Magistrate und Grundherrschaften hatten in polnischer 
Zeit die Auswanderung der Bürger durch Erhebung von 
willkürlichen Abgaben beschwert. Es war dies eine ähn- 
liche Steuer, wie sie in Preussen vom Staate unter dem 
Namen Abschoss — gabella emigrationis — bei Ver- 
legung des Wohnsitzes in andere Länder erhoben wurde. 
Fiel das Vermögen eines preussischen Untertans bei 
seinem Tode einem Ausländer zu, so musste die gabella 
hereditaria an den Fiskus bezahlt werden. In Polen hatten 
Magistrate und Grundherrschaften diese Abgaben einge- 
zogen. In einigen Städten waren letztere dazu allerdings 
durch Privilegien berechtigt. Andere beriefen sich auf 
die „Observanz*', wieder andere glaubten sich bei ihrer 
Erhebung auf das ius herile stützen zu können, „welches 
nach vormaliger Verfassung einem Erbherrn über das 
gesamte Vermögen und den Nachlass seiner Untertanen" 
zustand. Durch das Edikt vom 30. Dezember 1797 „wegen 
der Abschoss- und Abzugssachen in den Provinzen 
Süd-undNeuostpreussen" 1 ) trat eine grosse Einschränkung 
der grundherrschaftlichen Befugnisse ein. Es unterschied 
gemäss den Verhältnissen in der polnischen Zeit zwei 
Fälle. Die Magistrate und Grundherrschaften hatten 
nämlich gabella emigrationis und gabella hereditaria er- 
hoben, gleichgültig, ob der Bürger bezw. das Vermögen 
im Staate verblieb oder ausser Landes ging. Für den 
zweiten Fall sei kurz bemerkt, dass in Zukunft die Er- 
hebung erschwerenden Bedingungen unterworfen wurde. 
Das Gleiche war mit der Erhebung der gabella heredi- 
taria der Fall, wenn das Vermögen innerhalb des 
preussischen Staates verblieb. Völlig aufgehoben dagegen 
wurde der Abschoss, wenn der Bürger nur innerhalb der 
„preussischen Staaten" verzog. Bereits Friedrich Wil- 
helm I. hatte dahin gehende Bestimmungen erlassen, die 
später auch in den von Friedrich dem Grossen er- 



!) N. C. C. Bd. X. S. 1941—60. Siehe bes. § 10—14. 



72 Fritz Grützmacher. 

worbenen Gebietsteilen angewandt wurden. Nachdem sie 
auch im Allg. Landrecht Aufnahme gefunden hatten, 
wurden sie also auch auf Südpreussen ausgedehnt 1 ). Der 
darüber handelnde § 14a lautet: „Es ist unser Wille, dass 
keinem unserer Untertanen das natürliche Recht, seinen 
Wohnsitz von einem Orte an den anderen innerhalb der 
Grenzen unseres Staats seiner Konvenienz gemäss zu 
verlegen, bloss um dieser Abgaben willen beschränkt 
sein" soll. Die Worte von dem „natürlichen Recht" 
fallen besonders ins Auge. Man spürt dabei deutlich den 
Einfluss von Adam Smith und seines Königsberger 
Schülers, Prof. C. J. Kraus. Ihren Lehren von der „natür- 
lichen Freiheit" konnte sich besonders v. Schroetter, ein 
Mitunterzeichner des Edikts, nicht entziehen' 2 ). Die Ein- 
fügung der Worte: „bloss um dieser Abgaben willen" 
hatte das General-Direktorium beantragt. Es wollte damit 
„Missdeutungen" vermeiden, „damit nicht durch die inner- 
halb Landes nachgelassene Auswanderungsfreiheit be- 
sondere Dienst-, Kanton-, Untertänigkeits- und andere 
persönliche Pflichten leiden" 3 ). Von einer völligen Frei- 
zügigkeit ist hier also nicht die Rede, wie man bei einem 
schnellen Lesen des § 14a anzunehmen geneigt wäre. 
„Persönliche Pflichten" waren die „Abgaben, welche die 
Erbherren von dem Vermögen und den Erbschaften ihrer 
Untertanen ex iure herili zu fordern" hatten. Das Edikt 
vom 30. Dezember 1797 verhiess die Regelung dieser Ange- 
legenheit in einer besonderen Konstitution. Sie ist in 
südpreussischer Zeit nicht erschienen. Zu den letztge- 
nannten Abgaben gehörte nach Stengers 4 ) Meinung das 

2 ) Vgl. H. W. Rockstroh, Die Entwicklung der Freizügigkeit in 
Deutschland unter bes. Berücksichtigung der preuss. Verhältnisse. 
(Jenaer Diss. 1910) S. 19, 27 — 31, 44 — 46. 

2 ) Vgl. Lehmann, Stein, Bd. II. S. 39 f. R. Schmidt, Handel 
und Handwerk in Neuostpreussen (Göttinger Diss. 1910). S. 6, 8, 
24 f. 27 f. 

3 ) Geh. St.-A. Berlin, Gen. Depart. Tit. XX. Nr. (n), 13. 

4 ) St/en/ger, Über das Privatabzugsrecht in Sp. ; sp. Monats- 
schrift I. Bd. 4. Stück, (Posen 1802) S, 427 — 434. Kriminalrat Stenger 
ist der Verfasser mehrerer unser Thema behandelnden Aufsätze 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 73 

Konsensgeld. Der Grundherr erhob dieses für seine 
Einwilligung in den Verkauf eines Grundstückes. Der 
Mangel an Bestimmungen über diese Angelegenheit gab 
zu Rechtsstreitigkeiten Anlass. Die Prozesse fielen vielfach 
zuungunsten der Grundherrschaften aus. Die preussischen 
Behörden hielten nämlich Konsensgeld und Abschoss für 
identisch. Sie verboten in den Urteilen die Erhebung 
des Konsensgeldes, weil Abschoss nach dem Edikt vom 
30. Dezember 1797 nicht mehr genommen werden durfte. 
Dadurch entging den Grundherrschaften eine Einnahme- 
quelle. Stenger polemisiert heftig gegen diese Urteile. 
Einen Beweis für die Richtigkeit seiner Behauptungen geben 
zwei Sprüche der Regierung zu Posen. In Xions 1 ) verlor 
der Fiskus einen Prozess gegen den Grundherren Joseph 
v. Herstopski, weil diesem nicht die Erhebung von Ab- 
schossgeldern, sondern nur die des 10. Groschens (gleich 
Konsensgeld) nachgewiesen worden war. In Grätz 2 ) da- 
gegen wurde durch Urteil der Posener Regierung vom 
9. September 1805 der Grund herrschaft bei 100 Dukaten 
Strafe untersagt, bei den in ihrem „Jurisdiktionsbezirk 
vorkommenden Veräusserungen und Erbschaftsfällen einen 
Abzug oder Abschoss zu erheben"; denn sie hätte es 
bisher unberechtigter Weise getan. Gegen Urteile letz- 
terer Art scheinen Stengers Angriffe gerichtet zu sein. 
In Storchnest 3 ) „erpresste" der Justitiarius 10% Abschoss- 

die in den „Jahrbüchern", sp. Monatsschrift und sp. Unterhaltungen 
erschienen sind. Er war Justizkommissarius und stand ausserdem 
in den Diensten des Erbprinzen Wilhelm v. Oranien. Soweit es 
sich wie hier um rein juristische Urteile dieses Mannes handelt, 
wird man sich auf sie verlassen können. Seine allgemein gehaltenen 
Aufsätze sind nur mit grosser Vorsicht zu benutzen, weil er seiner 
Stellung gemäss für die Grundherrschaften zu sehr Partei ergreift. 
Auch sie sind aber wertvoll, weil Stenger sich dabei auf eine genaue 
Kenntnis aller Bevölkerungsschichten stützen konnte. Das folgt aus 
einer Denkschr. d. J. 1813, die Ratschläge für die künftige Polen- 
politik erteilt. (Veröffentl. v. M. Laubert. M. 9. Posen 1908. S. 1 ff)r 
!) Ortschaften Nr. 609. Urteil d. Posener Reg. v. 7. Febr. 1800. 

2 ) Ortschaften Nr. 374. 

3 ) Hervorgehend aus einem Briefe des Polizeibürgermeisters 
ßoehnke an den Minister v. Voss d.d. 10. Oktober 1801. Das inter- 



74 Fritz Grützmache r. 

gelder von Bürgern, welche nach benachbarten Orten 
verzogen waren. Auf eine Beschwerde des dortigen Po- 
lizeibürgermeisters Soehnke konnten die Bürger die Be- 
träge zurückfordern, „weil solche Erpressungen obser- 
vanzmässig, mithin dem allerhöchsten Edikt d. d. Berlin 
30. Dezember 1797 zuwider waren.* 4 

Die Hoymsche Verwaltungszeit brachte auch die 
Stellungnahme der Behörden zu den Verwicklungen, die 
dadurch entstanden, dass in polnischer Zeit einige Städte 
gezwungen worden waren, Bürgschaft für die Schulden 
ihrer Grundherren zu übernehmen. Es gelang der süd- 
preussischen Verwaltung in der Stadt Rawitsch 1 ) nicht, 
das Unheil abzuwenden. Diese wurde durch die Urteile 
der Posener Regierung vom 11. November 1794 und 
11, Januar 1796 zur Zahlung von 8310 Randdukaten ausschl. 
Zinsen verurteilt. Zahlte die Stadt nicht, so stand den 
Bürgern die Pfändung ihres mobilen oder immobilen Ver- 
mögens bevor. Noch mehrere ähnliche Sprüche ergingen 
in diesen Jahren. Die begreifliche Erregung der Bürger 
drohte sich in einem Aufstande Luft zu machen. In 
dieser Lage kam der Grosskanzler v. Goldbeck den 
Bürgern zu Hilfe. Er stellte fest, dass Haftung der 
einzelnen Bürger für Schulden ihres Erbherren nur dann 
stattfände, „wenn singula membra communitatis sich dazu 
ausdrücklich verpflichtet" hätten 2 ). Das war in Rawitsch 
glücklicherweise nicht der Fall. Noch weiter gedachte 
Hoym in seinem Schutze für die Stadt zu gehen. Er 
wollte sie von der unglückseligen Komplanation aus dem 
Jahre 1792 völlig entbinden. Nach seiner Meinung sollten 
die Gläubiger sich nur an den Grundherren v. Mycielski 

essante Schreiben ist ein typisches Beispiel für die feindselige 
Stimmung, die zwischen Grundherrschaft und Justitiarius einerseits, 
dem Polizeibürgermeister andererseits obwaltete. Ortschaften Nr. 1475. 

*) Wenn nicht bes. bemerkt, das Folgende nach: Ortschaften 
Nr. 1194; Merschel, 200 Jahre Gesch. d. Stadt Rawitsch. (Rawitsch 
1911); im sp. Teil. 

2) Eisenberg u. Stengel, Bd. X, (Halle 1800) S. 156—60 
Rescript d. Justizdepartements an die Reg. zu Warschau d. d. 
Berlin a. Juni 1797. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 75 

halten können, weil die Gelder nur in seinem Interesse 
und nicht „in der Stadtgemeinde[Bestem verwandt" worden 
wären. Das schloss eine ausserordentliche Zurücksetzung 
der Gläubiger in sich. Die meisten hätten bei der schlechten 
Vermögenslage v. Mycielskis ihr Geld verloren. Hoyms 
hier skizzierte Ansichten, die er in einem Schreiben an 
Goldbeck vom 17. April 1797 niedergelegt hat, stimmen 
mit denen der Instruktion vom 10. August 1796 (§ 21) 
völlig überein. Auch hier war ja die Ungültigkeitser- 
klärung von Verträgen in Aussicht genommen worden, 
welche dem Zwang der Grundherren ihr Entstehen ver- 
dankten. Goldbeck wollte von diesem schroffen Vorgehen 
nichts wissen. Er schreibt am 6. Mai 1797 an Hoym: 
„Es geht in keinem Fall den Kreditorem etwas an, wozu 
das von ihm geliehene Geld verwendet ist. Er hat auf 
den Debitorem" d. i. in diesem Falle die kreditfähige 
Stadt Rawitsch „gesehen, und ihm kann statt desselben 
kein anderer Schuldner wider seinen Willen aufgedrungen 
werden." Hoym gab nach. Allerdings blieb die Korre- 
spondenz zwischen beiden nicht ganz erfolglos. Ihr ver- 
dankt die „Deklaration wegen der den südpreussischen 
Städten verliehenen Rechtswohltat der Kompetenz" d. d. 
Berlin, den 6. September 1797 *) ihr Dasein. Durch sie 
sollten die Kämmereien und Bürgerschaften vor dem 
„gänzlichen Ruin" geschützt werden, der dann drohte, 
wenn die gerichtlichen Urteile wie die eben genannten 
ergingen. In Anwendung gekommen ist die Deklaration 
bei der Aufstellung des Kämmereietats in Zduny 2 ) in den 
Jahren 1798 bis 1806. Im August 1806 war ihre Benutzung 
zugunsten der Stadt Rawitsch 3 ) vom General-Direktorium 
genehmigt worden. Eine Ausführung dieser Verfügung 
wurde durch den Verlust Südpreussens vereitelt. 

Trotz der Deklaration vom 6. September 1797 blieben 
der Stadt Rawitsch mannigfache Schädigungen infolge 
der Komplanation vom Jahre 1792 nicht erspart. Sie 

!) Eisenberg u. Stengel, Bd. V. (Berlin 1798) S. 35—38. 

2 ) Ortschaften Nr. 1631. 

3 ) Ortschaften Nr. 1195. 



76 Fritz Grützmacher. 

hätten bei energischerer Wahrnehmung der Interessen der 
Stadt seitens der Aufsichtsbehörden vermieden werden 
können. In den Zeiten der Insurrektion, aber auch in 
den darauffolgenden Jahren benachteiligte der Grundherr 
die Stadt Rawitsch auf unerhörte Weise durch Ein- 
behaltung von Revenuen, die ihr zur Deckung von Zinsen 
für die Gläubiger zukamen, ferner durch widerrechtlichen 
Verkauf von Holz im Betrage von 60000 Rtl. Die Be- 
hörden sahen diesem Treiben mit verschränkten Armen 
zu. Ihr Mangel an entschiedenem Vorgehen hat zum 
Teil dazu beigetragen, dass die Finanzen der Stadt bis 
in die 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts völlig im 
argen lagen. Denn Mycielski war bei seiner „notorischen 
Unvermögenheit" nicht imstande, die widerrechtlich 
genommenen Gelder zurückzuerstatten, obwohl er in drei 
Instanzen dazu verurteilt wurde. 

Inzwischen war mit einem Teil der Mediatstädte 
eine grosse Veränderung vor sich gegangen. Infolge der 
Insurrektion von 1794/95 zog man neben den starostei- 
lichen auch die geistlichen Städte ein 1 ;. Von den 
Verleihungen und Verkäufen 2 ), die damals die Ge- 
müter tief aufregten, wurden auch einige Städte betroffen 3 ). 
So ging die Stadt Betsche in den Besitz des Fürsten 
v. Hohenlohe über. Wielichowo wurde aus einer geist- 
lichen Mediatstadt eine adlige. Der Generaladjutant des 
Königs v. Zastrow war ihr neuer Grundherr. Die Stadt 
Klobucko(Petrikauer Inspektion) erhielt der Graf v.Haugwitz. 
Die starosteiliche Stadt Bolimow (Lowitzscher Inspektion) 
wurde dem Fürsten Radziwill verliehen, der sie bereits 
vorher besessen hatte. Von weiteren starosteilichen 
Städten wurde Bomst an den Ritterschaftsrat v. Unruh, 



*) Philippson, Bd. II, S. 140 ff. Lehmann, S. 323 f. 

2 ) Vgl. darüber C. Grünhagen, Die sp. Güterverleihungen 1796/97. 
Z. 10. (Posen 1895). S. 239 — 302. 

*) Die Angaben bei H. Wuttke, Städteb. d. Landes Posen 
(Leipzig 1864), S. 229, 375, sind irrtümlich und ungenau, das Folgende 
beruht auf: St.-A. Posen, S. P. Z. C. III, 4. Schildberg C. 4, 5. St.-A. 
Breslau P. A. I. Anh. I. 8 d. Holsche, Bd. II, S. 350 f. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 77 

die Stadt Schwerin an den Geheimen Staats- und Kriegs- 
minister Marquis von Lucchesini, die Städte Kowal (Wloc- 
laweker Inspektion) und Kopnitz an den Grafen v. Lüt- 
tichau, die Stadt Wyskitti (Warschauer Inspektion) an den 
Minister Grafen v. Hoym gegeben. Die Verleihung 
Schildbergs an den General v. Rüchel konnte Hoym nicht 
mehr rückgängig machen, wie er beabsichtigte. Die 
letzteren Städte nahmen eine Mittelstellung zwischen 
Immediat- und Mediatstädten ein. Rechtlich als Immediat- 
städte betrachtet mussten sie die in polnischer Zeit be- 
zahlten Abgaben dem Besitzer der betreffenden Güter 
entrichten. Als der Kammerherr v. Wildegans, der die 
Stadt Kopnitz von dem Grafen v. Lüttichau erworben 
hatte, sie als eine Mediatstadt behandeln wollte — er be- 
absichtigte einen Grundzins von den in Kopnitz neu 
errichteten Häusern zu fordern — wurde das von dem 
Minister v. Voss untersagt. Er war übrigens höchst un- 
gehalten darüber, dass der Steuerrat Thiele und ein Teil 
des Posener Kammerkollegiums dem Verlangen Lüttich aus 
Rechnung tragen wollte. So hat es Voss hier verhindert 
dass Kopnitz die Reihe der zahlreichen südpreussischen 
Mediatstädte um eine vermehrte 1 ). In Südpreussen gab 
es also nach Einziehung der geistlichen Güter und den 
Verleihungen 131 adelige Mediat-, 33 Amts- 2 ) und 71 Imme- 
diatstädte (einschl. solcher Städte wie Kopnitz etc.) mit 
137233, 31998 und 167504 Einwohnern 3 ). 

Vergegenwärtigen wir uns zum Schluss noch einmal 
kurz die Veränderungen, welche die preussische Verwal- 
tung in der Zeit Hoyms in Bezug auf die Mediatstädte her- 
beiführte oder deren Verwirklichung sie anbahnte. Erneut 
und scharf kommt in der Deklaration vom 10. August 1796 
zum Ausdruck, dass die Zeit des Willkürregiments der 
Grundherrschaften vorbei ist. In diesen Zusammenhang 
gehört auch die Anstellung des Polizeibürgermeisters allein 

!) St.-A. Posen, S. P. Z. C. III, 2; D. 25 vol. XV. Bl. 53. 

2 ) Darunter Krotoschin, das, ursprünglich adelige Mediatstadt, 
im März 1795 Amtsstadt wurde. Z. 14 (Posen 1899). S. 336. 

3 ) Vgl. die Angaben a. d. Jahre 1793. S. 15 f. dieser Arbeit, 



78 Fritz Grützmacher. 

durch den Staat, die befohlene, leider nur teilweise durch- 
geführte Abschaffung des Salzmonopols, das Abschoss- 
edikt vom 30. Dezember 1797. Wichtig ist die Zeit vor 
allem durch das Zustandekommen der Städtekommission. 
Sie soll die grundherrschaftlichen Abgaben der Bürger 
wesentlich erleichtern. Ihre nachlässige Durchführung 
wird man als ein typisches Anzeichen für den Zer- 
setzungsprozess buchen dürfen, welchen die preussische 
Verwaltung vor dem Zusammenbruch im Jahre 1806 durch- 
machte. Voss übernahm die Städtekommission von seinem 
Vorgänger. Am 22. Juni 1799 hob man sie auf. Damit 
verzichtete man auf eine allgemeine Herabsetzung der 
grundherrschaftlichen Abgaben. Ein wenig erfreuliches 
Erbstück, das Voss übernahm, war das schlechte Be- 
amtenmaterial der Polizeibürgermeister. Ebenfalls eine 
Lösung erheischte die Verwaltung der geistlichen Mediat- 
städte, die durch die Einziehung der geistlichen Güter 
dem Staate zugefallen waren. Was Voss hier wie auf 
anderen unser Thema berührenden Gebieten geleistet 
hat, soll im folgenden Kapitel gezeigt werden. 

Viertes Kapitel. 

Voss verwaltete Südpreussen zunächst ebenso wie 
Hoym unabhängig vom General-Direktorium. Erst durch 
die Kabinettsorder vom 12. März 1799 wurde Südpreussen 
dieser Behörde unterstellt 1 ). Voss blieb Minister dieser 
Provinz bis zum Jahre 1806. Sein Verhalten bei der 
Städtekommission ist bereits erörtert worden. 

Ihm müssen die beiden Immediatberichte der 
Warschauer und Posener Kammer vom April 1797 und 
Februar 1798 mit ihren Klagen über die Polizeibürger- 
meister recht bald bekannt geworden sein. Beide Kammern 
hatten zur Heilung der Schäden höhere Gehälter vor- 
geschlagen. Darauf ging Voss nicht ein. Seine Pläne 
bewegten sich in einer anderen Richtung. Am 14. Juli 1798 
schreibt er an die Posener Kammer 2 ): „Um den Wünschen 

!) D. J. 1793. S. 202 Anm. 1. 

2) St.-A. Posen, S. P. Z. A. IV, 1 c Bl. 35. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 79 

unserer dortigen Vasallen zu entsprechen, halten wir es 
für geraten, in solchen Städten, welche Privatpersonen 
gehören, diesen als Grundherren selbst die Verwaltung 
der Polizei und die Bestallung des dazu erforderlichen 
Personals zu überlassen, uns aber die Oberaufsicht darüber 
vorzubehalten, dass für mehrere dergleichen benachbarte 
Städte ein einziger Polizeivorgesetzter oder Bürgermeister 
von uns bestellt werde, welcher sie bereise, die Haupt- 
geschäfte leite und besorge, auch ein auskömmliches 
Gehalt dafür bekomme. Selbst in unseren Städten kann 
bei den kleineren, insofern sie einander nahe liegen, ein 
solcher gemeinschaftlicher Bürgermeister stattfinden, und 
nach der Lokalität kann hierzu auch allenfalls der Bürger- 
meister einer grösseren Stadt, insofern er dadurch nichts 
versäumt, genommen werden." Eine sofortige Ausführung 
dieses Planes erwies sich bald als unmöglich. Viele 
Polizeibürgermeister wären dann um ihr Brot gekommen; 
es war schwierig, sie anderweitig unterzubringen. Es 
wurde daher nach langen Schreibereien 1 ) ein „Kom- 
binationsplan" entworfen. In ihm waren diejenigen Städte 
verzeichnet, die bei dem Ausscheiden eines Polizeibürger- 
meisters einer kleineren Stadt von dem der grösseren 
mitverwaltet werden sollten. Der Kombinationspian ist 
in der Tat nur in wenigen Fällen verwirklicht worden, so 
bei Neustadt b. P.-Neutomischel 2 ), Schwersenz-Kostschin3) ) 
Schildberg-Mixstadt-Grabow 4 ), Czenstochau-Mstow-Przy- 
row und Sulejowo-Wolborz 5 ). 

Inzwischen hatte Schroetter 1798 6 ) in Neuostpreussen 
durch die Bialystoker Kammer ein Edikt über die Be- 
setzung der Magistrate in den neuostpreussischen Städten 
ausarbeiten lassen. Er hegte dabei die geheime Hoffnung, 
Voss auch zur Ausdehnung des Edikts auf die Provinz 



i) St.-A. Posen, S. P. Z. A. IV, 1 c, Bl. 67—130, 146—159, 169. 

2 ) Ortschaften Nr. 809. 

3 ) Ortschaften Nr. T426. 

4 ) St.-A. Posen, Schildberg C. 2. 

5 ) Geh. St.-A. Berlin, Gen.-Dir. Sp. Tit. LXVI. Nr. 4. 

6 ) Schmidt, Bd. 49. S. 194, 196. 



80 Fritz Grülzmacher. 

Südpreussen veranlassen zu können. Der Entwurf ging 
wieder auf die Deklaration vom 18. April 1794 zurück, 
die den Grundherrschaften bezw. den Bürgerschaften die 
Wahl des Bürgermeisters überliess 1 ). Als er zum ersten 
Male Mai 1799 und dann wieder im Februar 1800 
in Vossens Hände gelangte, fand er keine Gnade vor 
seinen Augen. Voss stellte sich im Jahre 1800 auf den 
Boden des Publikandums vom 25. September 1795 2 ). 
Allerdings machte er es auf einer Reise nach Südpreussen 
im Juni 1800 den Kammern zur Pflicht, „dass stets nach 
Möglichkeit bei Besetzung der Bürgermeisterstellen die 
Vorschläge der Grundherren genehmigt werden müssen." 
Er wollte „Erbitterungen zwischen den Grundherr- 
schaften und ihren Bürgermeistern vermeiden, wodurch 
die grössten Unzufriedenheiten und endlose Zänkereien 
und Schreibereien, auch die unangenehmsten Unordnungen 
erzeugt werden 3 )." 

Im August 1800 bemerkt man bei Voss eine völlige 
Schwenkung seiner Ansichten. Der Erbprinz Wilhelm 
v. Oranien hatte 1798 die beiden Städtchen Kiebel und 
Stenschewo erworben 4 ). Er sprach den Wunsch aus, 
„dass die Direktion der Polizei, mithin auch die Ernennung 
des Polizeibürgermeisters der Grundherrschaft überlassen 
werde" 5 ). Die Beschwerden der Grundherren über das 
Publikandum vom 25. September 1795 hatten Voss mürbe 
gemacht. Er hatte den Wunsch, an staatlichen Zuschüssen 
für die Gehälter der Polizeibürgermeister zu sparen. 
Diese beiden Tatsachen riefen in ihm den Gedanken 
wach, die Wahl der Polizeibürgermeister wie in West- 
preussen „den Grundherren selbst oder denjenigen, welche 

i) Vgl. S. 23 f. 

2) St.-A. Posen, S. P. Z. A. IV, 1 c. Bl. 331 #5 vgl. Cap. III, S. 38. 

3) St.-A. Posen, S. P. Z. A. IV, 1 c Bl. 144. 

4 ) Vgl. S. 28 Anm. 2. 

5 ) Die folgenden Ausführungen beruhen auf: Geh. St.-A. 
Berlin Rep. 89, 37 C. Minuten 1802, Gen. Dir. Neuostpr. Tit. XXX. 
Nr. 5 vol. III, Bl. 52/54 (mir in dankenswerter Weise von Herrn 
Dr. Schmidt-Flensburg zur Verfügung gestellt) St.-A. Posen, S. P. 
Z. A. IV, Id, Bl. 1— 21. Kiebel C. 1. 2. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 8l 

nach ehemaliger polnischer Verfassung das Recht dazu 
gehabt hatten, zu überlassen". Er knüpfte daran die Be- 
dingung, dass die Grundherrschaften „die Gewählten jedes- 
mal der betreffenden Kammer zur Genehmigung präsen- 
tieren und für deren auskömmliche Besoldung ohne 
Konkurrenz Kgl. Fonds sorgen müssen". Voss wollte 
diese Bestimmungen in einer Verordnung kund tun. Der 
König genehmigte das Gesuch des Erbprinzen von Ura- 
nien. Wegen der allgemeinen Regelung der Angelegenheit 
befahl er dem Minister v. Voss, sich ins Einvernehmen 
mit Schroetter zu setzen, „weil S. Maj. in Süd- und Neu- 
ostpreussen soviel als möglich gleiche Regierungsgrund- 
sätze befolgen lassen möchten." Wohl oder übel erkun- 
digte sich Voss bei Schroetter am 8. September 1801 nach 
den in Neuostpreussen geltenden Bestimmungen. Er er- 
fuhr von ihm am 2. Oktober 1801, dass in Neuostpreussen 
das „Edikt wegen Besetzung der Magistrate in Neuost- 
preussen" d. d. Berlin, 20. März 1800 1 ) ergangen sei. Das 
Edikt gründete sich auf die Deklaration vom 18. April 1794. 
Voss schickte am 27. Oktober 1801 den ihm von Schroetter 
gesandten Druck der Posener Kammer. Gleichzeitig teilte 
er die Kgl. Entscheidung mit. Er befahl die Umarbeitung 
des Edikts durch die Kriegs- und Domänenräte Butzer 
und Buchholz unter Berücksichtigung „der bisher in Süd- 
preussen stattgefundenen Vorschriften". Dieser Entwurf 
sollte schleunigst an Voss übermittelt werden, nachdem 
auch die beiden anderen südpreussischen Kammern ihr 
Gutachten abgegeben hatten. Die Posener Kammer hielt in 
ihrer Antwort vom 10. November 180 1 denErlass eines Edikts 
für „überflüssig", da die meisten im neuostpreussischen 
Edikt enthaltenen Punkte bereits geregelt wären. Auch 
fürchtete sie nicht mit Unrecht Verwicklungen, weil noch 
der Plan bestand, mehrere Städte unter einen Bürger- 
meister zu stellen. Voss blieb in seinem Antwortschreiben 
an die Posener Kammer vom 27. November 1801 fest. 
Er weist unter anderem nochmals auf die beabsichtigte 



i) N. C. C. Bd. X, S. 2817—22. 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XXVII. 



82 Fritz Grützmacher. 

Abschaffung des Publikandums vom 25. September 1795 
hin, ferner auf den wichtigen Punkt der Ersparung der 
Zuschussgelder. Er gab das Vorhaben, mehrere Polizei- 
bürgermeisterstellen zu vereinigen, bei adeligen Städten auf. 
Die Posener Kammer liess den Entwurf ausarbeiten. 
Sie willfahrte den Wünschen des Ministers durchaus nicht. 
Das geht aus folgenden Worten hervor: „Die Ernennung 
der Bürgermeister und Kämmerer in den Städten wollen 
wir uns vorbehalten, wiewohl wir den Besitzern der 
Mediatstädte verstatten, uns geschickte Subjekte dazu zu 
präsentieren". Die anderen Abweichungen gegenüber dem 
Edikt vom 20. März 1800 waren unwesentlich. Man beeilte 
sich mit der Erledigung der Sache keineswegs, obwohl 
Voss Beschleunigung empfohlen hatte. Denn erst am 6. 
August 1802 gab die Posener Kammer der Warschauer 
Kenntnis von dem Plane des Ministers und schickte ihr 
den Entwurf mit der Bitte um ihr „Sentiment" zu. Gleich- 
zeitig ist auch wohl der Entwurf an die Kalischer Kammer 
abgegangen. Als nun Voss etwas unsanft am 28. August 
1802 an den Entwurf erinnerte, schob die Posener Kammer 
den beiden anderen Kammern die Verzögerung in die 
Schuhe und sandte im übrigen dem Minister den 
Entwurf zu. Das „Sentiment" der Kalischer Kammer 
datiert vom 3. September 1802. Es übt scharfe Kritik 
an dem neuostpreussischen Edikt: „Generaliter halten wir 
das Wählen der Magistrate für nachteilig, sie haben nicht 
Kenntnisse genug, um über die Qualifikation zu Magistrats- 
stellen richtig urteilen zu können. Sie sind zu genau mit 
mit den Bürgern liieret und selbst zu kärglich besoldet, 
als dass ihre Wahl von fremden Einflüssen frei bleiben 
sollte". Ferner machte die Kalischer Kammer auf Wider- 
sprüche im neuostpreussischen Edikt aufmerksam: „Da 
in mehreren Städten Repräsentanten 1 ) sind, die Wahl 



*) Die Mitte 1794 erwähnten Rawitscher Repräsentanten waren 
wohl ein Überbleibsel aus der polnischen Zeit. Jedenfalls wurden 
ihnen aber die Befugnisse beigelegt, welche Bürgerschaftsvertreter 
nach dem Allgemeinen Landrecht 2. T. 6. Tit. § 22 ff., 8. Tit. § 108 ff. 
hatten. (St. -A.Posen, S. P. Z. D. 25 vol. IV, Bl. 242. Rescr. Hoyms an d. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 83 

aber nicht durch diese, sondern durch den Magistrat er- 
folgt, so ist zu besorgen, dass der gebrauchte Ausdruck 
die Prätention eines Stimmrechtes von Seiten der Bürger- 
repräsentanten zur Folge haben dürfte". Sie fürchtete 
besonders, dass der Staat bei einem Wahlrecht der Grund- 
herren und Magistrate in seinem Bestreben, invalide Soldaten 
in den städtischen Ämtern zu versorgen, behindert werden 
würde. Auch war ihr noch nicht bekannt geworden, dass 
Voss bereits vor 9 Monaten den Plan der Kombinierung 
der Polizeibürgermeisterstellen aufgegeben hatte. Man 
gewinnt bei dem Schreiben den Eindruck, dass die Kalischer 
Kammer an den bestehenden Verhältnissen festzuhalten 
wünschte. Sie wollte also den Polizeibürgermeister ferner- 
hin vom Staate anstellen lassen. Dieses Sentiment und 
das der Warschauer Kammer gelangte in Abschriften in 
die Hände des Ministers v. Voss. Aus dem Schreiben 
des letzteren an die Posener Kammer vom 16. November 
1802 geht hervor, dass auch sie Gegnerin eines Edikts 



Pos. Kammer v. 7. Dez. 1795, teilweiser Abdruck bei Jaffe S. 38 f.) 
In Lissa begegnen zum 1. Male unabhängig von der früheren poln. 
Verfassung „Repräsentanten oder Stadtverordnete" im Jahre 1799. Auch 
in anderen Städten gab es Repräsentanten, 3 an d. Zahl (in Posen 
8). In den ersten Jahren scheinen sie die Behörden ernannt zu 
haben, späterhin wählten sie die Bürgerschaften. (Die Wahl bezeugt 
1799 in Obersitzko, 1803 in Pudewitz). Eine „Konfirmation" hielt der 
Vorsitzende Rat im sp. Depart. v. Klewitz 1801 „nicht für notwendig, 
da in der Regel anzunehmen ist, dass die Bürgersch. sich taugliche 
Repräsentanten wählen werden". Von den Vertretern der Bürgersch. 
der Petrikauischen Insp. berichtet der Steuerrat Dieterich 1805, dass 
sie die „landesherrl. Gefälle" einzogen : „Dies gibt Anlass zu Über- 
vorteilungen, Unterschleifen, auch Anschwellung der Reste". Eine 
wesentliche Bedeutung kommt den Repräsentanten ebenso wie in den 
alten Provinzen nicht zu. Als einer von den Pudewitzern 1803 um 
eine Instruktion bat, wurde ihm erklärt, dass diese Einrichtung 
„weiter nichts zu bedeuten" habe. Von den Adelnauer Repräsen- 
tanten konnten übrigens zwei ihren Namen nicht unterschreiben. 
Vgl. Ernst Meier, Die Reform der Verwaltungsorganisation 
unter Stein und Hardenberg (Leipzig 1881), S. 79 — 90; Lehmann, 
Stein, IL Bd. S. 28 f. Jaffe, S. 3811.: St.-A. Posen, S. P. Z. A. IV, 7. 
Lissa C. 2, Adelnau C. 7. Geh. St.-A. Berlin, Gen. Dir. Sp. Tit. LXVI, 
Nr. 4, Ortschaften Nr. 819, 1T59, 1170. Vgl. auch Kap. IV, S. 88. 



84 Fritz Grützmacher. 

war: „In unserem Departement ist in keiner einzigen 
Stadt die Rede von einer Magistratswahl". Sie verlangt 
eine Zirkular Verordnung, in der die „Beiträge der Domi- 
nien zur Polizeiverwaltung und ihre Konkurrenz bei der 
Rechnungsabnahme" festgesetzt werden. Alle drei süd- 
preussischen Kammern hatten also gegen eine Änderung 
des Publikandums vom 25. September 1795 Bedenken 
geltend gemacht. Minister v. Voss legte ihnen kein Ge- 
wicht bei, wie sein Immediatbericht an den König vom 
9. Dezember 1802 zeigt. Für ein Edikt war er allerdings 
nicht mehr zu haben. Er war ja schon im August 1800 
dafür gewesen, die Angelegenheit durch eine Verordnung 
zu regeln. Er wies darauf hin, dass die Ämterbesetzung 
auch durch diese „mit Neuostpreussen auf den gleichen 
Fuss" komme. Der König genehmigte durch Kabinetts- 
order vom 13. Dezember 1802 Vossens Antrag, der dahin- 
ging, „dass bei Besetzung der Magistrate in den Mediat- 
städten in Südpreussen sowie in Neuostpreussen den 
Grundherrschaften und Kommunen gestattet werden darf, 
nach ihren vormaligen Rechten und Befugnissen zu ver- 
fahren, doch unter dem Beding der Bestätigung der 
Wahlen durch die vorgesetzte Polizeibehörde". Die König- 
liche Entscheidung wurde unter dem 17. Dezember 1802 1 ) 
der Posener Kammer zugesandt. Sie wurde übrigens be- 
nachrichtigt, „dass es deshalb keines besonderen Publi- 
kandi bedarf". 

Das eine Ziel, das Voss beim Erlass dieses Re- 
scripts vor Augen hatte, an staatlichen Zuschüssen durch 
schärfere Heranziehung der Grundherren zu sparen, wurde 
nur zum Teil erreicht. Die Zuschüsse hatten im Etat 
1798/99 mit 32085 Rtl. ihren Höhepunkt erlangt. Für 
1799/1800, 1801/02, lauten die Zahlen 27 000 Rtl., um in 
den übrigen vorhandenen Etats von 1802/03 und 1804/05 
auf 24000 Rtl. zu fallen 2 ). Nach einer vom Posener 
Kammerkalkulator Priesterhaus im Januar 1805 an- 

x ) Das Rescript trägt die Unterrschrif t : „Auf Sr. Maj. Alier- 
gnädigsten Spezialbefehl". Vgl. Kap. 111, S. 62, Anm. 5. 
2 ) Geh. St.-A. Berlin, Rep. 89. 120 A. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 85 

gefertigten Tabelle 1 ), die sich nur auf das Posener 
Kammerdepartement erstreckt, erhielten dort die meisten 
Mediatstädte noch recht ansehnliche Zuschüsse. 

Der Gesichtspunkt der Sparsamkeit tritt in einer 
weiteren Massregel des Ministers v. Voss zu Tage 2 ). Im 
Jahre 1800 Hess er die Justizbürgermeisterstellen eingehen, 
die unter Hoym in Mediatstädten entweder kombiniert 
oder vereinzelt bestanden hatten, und für weiche Zuschüsse 
aus den Kgl. Kassen gegeben werden mussten. In Zukunft 
hatten von adeligen Mediatstädten nachweisbar nur Boj ano wo, 
Lissa, Kempen, Reisen-Zaborowo, Rawitsch, Wreschen 
und Zduny eigene Justizbürgermeister, von den geist- 
lichen Städten, die nach der Einziehung durch den Staat 
den Titel Amtsstädte führten, nur Czenstochau. In allen 
übrigen adeligen Mediatstädten verwaltete der Justitiarius 
des Grundherrn die niedere Gerichtsbarkeit. In den 
Amtsstädten wurde die Justizpflege den Domänenjustiz- 
ämtern zugelegt. „Die städtischen Untertanen hatten bei 
den Gerichtstagen zu erscheinen." 

Die Behörden waren eifrigst bestrebt, den süd- 
preussischen Beamtenstand zu reinigen. Als Friedrich 
Wilhelm III. die Huldigungsreise durch die Provinz unter- 
nahm, gewann «er aus Klagen über die „Unterbedienten" 
höchst unerfreuliche Einblicke in ihre Tätigkeit 3 ). Voss 
beklagte sich im Jahre 1800 beim Könige bitter über das 
schlechte südpreussische Beamtenmaterial, besonders in 
der Kategorie der Polizeibürgermeister. Er erhoffte eine 
allmähliche Besserung dadurch, dass man die untauglichen 
ab officio suspendierte und ihnen den Prozess machte 4 ). 
Das ist denn auch geschehen. So war 1802 von etwa 
20 Polizeibürgermeistern der Petrikauischen Inspektion 



i) St.-A. Posen, S. P. Z. A IV, 1 d, am Ende d. Fascikels. 

2) St.-A. Posen, S. P. Z. A. IV. 5. D. 25. vol. XIII. Bl. 108; vgl. 
Cap. III, S. 43 — 46. 

3 ) R. Stadelmann, Preussens Könige in ihrer Tätigkeit f. d. 
Landeskultur. IV. Publik, aus d. Kgl. preuss. Staatsarch. 30. Bd. 
(Leipzig 1887) S. 211 f. Kabinettsorder v. 10. Juli 1798. 

4 ) Geh. St -A. Berlin, Rep. 89, 120 A. Immediatber. v. 10. Apr. 1800. 



86 Fritz Grützmacher. 

über 7 die Untersuchung verhängt 1 ). Trotzdem war den 
Bemühungen der Behörden ein durchschlagender Erfolg 
nicht beschieden. Der Minister von der Schulenburg- 
Kehnert 2 ), der Vorsitzende Rat im südpreussischen De- 
partement von Klewitz 3 ) und der Posener Kammerdirektor 
Grüner 4) entwerfen gerade nicht erbauliche Bilder von 
dem Wirken der Polizeibürgermeister. Auch der Re- 
gierungsrat Frank schlägt in dieselbe Kerbe. Die Tätig- 
keit einzelner vorzüglicher Bürgermeister verkennt er 
durchaus nicht. Er gibt uns einen Anhaltspunkt dafür, 
dass die Behörden bei der Ausmerzung von unredlichen 
Beamten wenig Erfolg hatten. Er schreibt (§ 33): „Kamen 
auch Bedrückungen, Betrügereien, Veruntreuungen und 
Vernachlässigungen aller Art zuweilen zur Sprache,, 
so schleppte sich die Untersuchung lange durch allerlei 
Formen, und am Ende war dann eine absolutio ab 
instantia das Resultat, weil die Angeklagten sich geschickt 
herauszudrehen wussten." Dabei kam ihnen „die Ver- 
schiedenheit der deutschen und polnischen Sprache und 
die Unkunde der ersteren seitens der Polen trefflich zu 
statten." Sodann darf man auch eins nicht übersehen. 
In Südpreussen setzte nach den Berichten der Posener 5 ) 
und Kalischer 6 ) Kammer, ebenso wie in Schlesien 7 ), zu 
Beginn des 19. Jahrhunderts ein allgemeines Steigen der 
Lebensmittelpreise ein. Nach der Notiz der Posener 
Kammer waren die „pretia rerum" um das Doppelte 
gestiegen, weil die Produktion mit dem vergrösserten 
Bedarf nicht Schritt gehalten hatte. Die an und für sich 



i) Geh. St.-A. Berlin, Gen.-Dir. Sp. Tit. LXVI Nr. 4 Bl. 138. 

2 ) Warschauer, Eine Denkschrift des Ministers Friedr. Wilh. 
von der Schulenburg-Kehnert. Z. 9 (Posen 1894) S. 144 f. 

3 ) W. A. v. Klewitz, Über d. preuss. Verwaltung in dem 
ehem. Süd- u. Neuostpreussen (Berlin 1812) S. 25. 

4 ) Schottmüller, Polenaufstand S. 144, 147. 

5) Geh. St.-A. Berlin, Gen.-Dir. Sp. Tit. LXVI, Nr. 3. Posener 
Kammer an Voss, 23. Apr. 1804. 

6 ) Ebenda Nr. 4. Kalischer Kammer an Voss 8. Juni 1805. 

7 ) J. Ziekursch, Beiträge zur Charakteristik der Verwaltungs- 
beamten in Schlesien S. 25. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 87 

sehr knappen Gehälter der Bürgermeister reichten jetzt 
erst recht nicht zum Lebensunterhalt aus. Auch dieser 
Umstand ermöglichte es, dass sich hier ein Krebsschaden 
von Jahr zu Jahr fortschleppte. 

Mit dem Rescript vom 17. Dezember 1803 war ein 
weiterer Schritt zu einer grösseren Abhängigkeit der Ma- 
gistrate und damit der Städte von den Grundherrschaften 
gelegt, als sie in der Hoymschen Zeit vorhanden war. 
Dieser Wandel in der südpreussischen Städtepolitik hatte 
bereits früher eingesetzt. Wir können ihn in einzelnen 
Rescripten genau verfolgen. Eins verweist zwar immer 
auf das andere; der Ton, in dem das nächstfolgende ge- 
halten ist, tritt den Grundherren gegenüber immer zahmer 
auf. Das erste darüber handelnde datiert vom 24. De- 
zember 1798 1 ). Die Posener Kammer sieht es als geeignet 
an, für das „Beste der Grundherren zu sorgen" 2 ). In ihm 
heisst es: „Wir interessieren bei den adeligen Mediat- 
städten vorzüglich nur insoferne, dass die öffentlichen 
Abgaben entrichtet, die Gewerbe der Staats- und Landes- 
verfassung gemäss geleitet, Justiz und Polizei gehörig 
verwaltet und mit dem Kämmerei- und Stadtvermögen 
gut ge wirtschaftet werde. In Absicht der Polizei ist es 
daher nun unser Wille, dass dabei nicht den Grundsätzen 
unserer Landespolizei entgegengehandelt werde". Bei der 
Verwaltung der Kämmerei sollte der Grundherr insoweit 
beteiligt sein, als er es bereits zu polnischer Zeit gewesen 
war. Da er sich nun in dieser Zeit in alle Stadt- 
angelegenheiten gemischt hatte, so war damit seine 
Teilnahme dabei gegeben. Bei dem Verkauf von Käm- 
mereigrundstücken hatte er mitzureden, sofern es bisher 
„Observanz" gewesen war 3 ). Es war daher nur eine 
präzisere Fassung, wenn es in dem Rescript vom 2. Juli 1803 4 ) 

J) St-A. Posen, S.P.Z. D. 25, vol. IX, Bl. 157 ff, dieselbe Verf. 
ebenda S. P. Z. A. IV, 14, Bl. 11 ff. 

2 ) St.-A. Posen, S. P. Z. A. IV, 14, Bl. 8 Posener Kammer an 
Steuerrat Thiele, 3. Mai 1800. 

3) St.-A. Posen, S. P. Z. D. 25, vol. XIV, Bl. 54, Voss an die 
Posener Kammer, 12. März 1803. 

4 ) Ebenda, vol. XIV, Bl. 141. 



88 Fritz Grützmacher. 

heisst: „Bei der Regulierung der Kämmereietats, bei allen 
Angelegenheiten, welche den Vermögenszustand der 
Kämmereien betreffen, also auch bei Anträgen auf Ge- 
haltsvermehrung der Offizianten und dergl. ist der Grund- 
herr zuzuziehen." 

Diese Verhältnisse für die Zukunft durch eine Ver- 
ordnung ganz eindeutig zu fassen, sah sich Voss veran- 
lasst durch Beschwerden des Grundherren von Unruhstadt» 
Grafen v. Unruh, und des von Birnbaum, Baron v. Troschke. 
Letzterer teilte sich mit dem Freiherrn v. Stein in den 
Besitz der Herrschaft Birnbaum x ). Troschke und Unruh 
machten mit ihren Klageschriften über ihre Ausschliessung 
von der Polizeiverwaltung den Behörden das Leben recht 
sauer. Man hatte es 1803 unterlassen, bei Einziehung 
einer der vier Nachtwächterstellen, bei der Anstellung 
eines Ratskanzlisten mit 24 Rtl. Gehalt die Meinung der 
Grundherrschaft einzuholen. Ohne diese zu fragen, wollte 
man das Gehalt des Kantors Weichlau erhöhen. Um 
Beschwerden ähnlicher Natur handelte es sich bei dem 
Freiherrn v. Troschke 2 ). Erneute Klagen dieser beiden 
Edelleute erfolgten im Jahre 1804 3 ). Es soll nur ein Punkt 
aus der Beschwerde des Grafen v. Unruh herausgegriffen 
werden. Er hatte der Posener Kammer den Kaufmann 
Beckmann an Stelle des verstorbenen Senators Hellwig 
präsentiert. Der Meseritzer Steuerrat v. Glasenapp hatte 
von dem Unruhstädter Magistrat einen Bericht über diesen 
erfordert. Durch diese Tatsache hielt Voss „die Autorität 
der Grundherrschaft für kompromitiert!" Besonders scharf 
rügte er es, dass der Unruhstädter Magistrat die Meinungen 
der Stadtrepräsentanten zur Abgebung seines Gutachtens 
einholte. 

Man wird zugeben müssen, dass die Ausstellungen 
der genannten Grundherrschaften einer gewissen Berech- 
tigung nicht entbehrten. Denn man hatte den er- 

i) Lehmann, Stein, I. Bd. S. 236—38. 

2 ) Siehe S. 87, Anm. 4. 

3) St.-Posen, S. P. Z. D. 25, vol. XVI, Bl. 153 ff. ebendass. 
S. P. Z. A. IV, 14 Bl. 22 ff. Rescr. an die Kammern v. 13. Juli 1804 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 89 

gangenen Verfügungen zuwidergehandelt. Für das Ver- 
hältnis der Mediatstädte zum Staat und zur Grundherr- 
schaft sollten diese Beschwerden von grösster Bedeutung 
werden. Es zeigt den seit dem Rücktritt Hoyms einge- 
tretenen Wandel, wenn es im Rescript vom 24. De- 
zember 1798 heisst: „Das innere Detail" der Verwaltung 
der Mediatstädte „wollen wir gern den Grundherrn oder, 
wem es sonst zustand, überlassen". Fast das Gleiche 
steht im Rescript vom 2. Juli 1803. Darüber hinaus er- 
hielten die Grundherrschaften jetzt die Befugnis, „in Ab- 
sicht solcher Polizeigegenstände, über welche schon Fest- 
setzungen vorhanden waren, diesen gemäss unmittelbare 
Anweisungen an den Magistrat zu erlassen". Ein weiterer 
Schritt auf der Bahn der konzilianten Richtung den Grund- 
herren gegenüber war das Rescript vom 21. August 1804: 
„Die Magistrate sind gehalten, den Anweisungen der Grund- 
herrschaften, die solche alsdann auch allein vertreten 
müssen, Folge zu leisten. Sie sind aber auch befugt und 
verbunden, ihre etwaigen Bedenken dagegen, jedoch 
immer zuerst dem Kriegs- und Steuerrat als ihrem unmittel- 
baren Vorgesetzten, vorzutragen; nur dann, wenn dieser 
eine Verfügung erlassen sollte, der sie ihrer Pflicht gemäss 
nicht nachkommen zu können glauben, steht es ihnen frei, 
sich an die p. Kammer zu wenden". Damit war eine hohe 
Abhängigkeit des Magistrats 1 ) und folglich der Mediat- 
städte von ihren Grundherrschaften festgesetzt. Äusserlich 
kam dies dadurch zum Ausdruck, dass fortan „die Aus- 
fertigungen der Magistrate unter der Firma Adelig N. N. scher 
Magistrat der Mediatstadt N. N. geschehen" mussten. 

Es soll nun untersucht werden, welche Folgen diese 
Anordnungen hatten. Man kann rein apodiktisch behaupten, 
dass das Schreibewerk der Behörden noch grösser wurde, 
als es bisher war. „Denn*die Dominia", heisst es in einer 
Denkschrift des Petrikauer Steuerrats Dieterich aus dem 
Jahre 1805 2 ), „sind mit der Dienstverfassung und der 

*) Ein Beispiel dafür veröffentlicht R. Prümers, Zur Theater- 
frage in sp. Zeit M. 12. (Posen 191 1) S. 40 f. 

2 ) Geh. St.-A. Berlin, Gen. Dir. Sp. Tit. LXVI. Nr. 4. 



90 Fritz Grützmacher. 

städtischen Verfassung nicht bekannt und ordnen oft 
etwas an, oder machen Forderungen, welche den Vor- 
schriften entgegen und vom Steuerrat nicht genehmigt 
werden können". Das wahrhaftig nicht geringe Arbeits- 
quantum dieses Beamten wurde noch vermehrt Er hatte 
jetzt noch die pflichtwidrigen Massnahmen der Grund- 
herrschaften zu beseitigen. Vielfach musste er das selbst 
tun, da auf die Magistrate kein Verlass war. Die Stellung 
des Steuerrates wurde durch diese Verordnungen eine 
wenig beneidenswerte. „In den Mediatstädten", schreibt 
Dieterich, „weiss der Steuerrat eigentlich nicht, was 
er dort vorstellt." Man wird rein verwaltungstechnisch 
nicht behaupten können, dass diese Verfügungen besonders 
segensreich waren 1 ). 

Ein gleiches Urteil wird man wohl fällen müssen, 
wenn man die Angelegenheit von einer höheren Warte 
aus betrachtet. War es politisch zu rechtfertigen, dass 
die Bürgerschaften in eine grössere Abhängigkeit von den 
Grundherrschaften gesetzt wurden? Vergegenwärtigen 
wir uns, wie die Verordnungen darüber zustande 
gekommen waren! Anlass dazu waren Beschwerden der 
Grundherrschaften zu Birnbaum und Unruhstadt gewesen. 
Diese fassten das Verhältnis zu ihren Bürgerschaften 
als ein patriarchalisches auf. In Unruhstadt mochte der 
Graf v. Unruh wirklich für das Wohl seiner Stadt Auf- 
opferungen getan haben, wenn auch Voss diese Tatsache 
in allzu rosigem Lichte gesehen hat. Das hat ihm 
Stein 1806 in scharfsinniger Weise nachgewiesen 2 ). Auch 
in Bentschen 3 ) und Kuttno 4 ) bemühten sich die Grund- 
herrschaften um das Gedeihen ihrer Städte. In letzterer 
Stadt unterstützte sie die dortigen Juden „zur Zeit der 
Leipziger und Frankfurter Messe mit ansehnlichen An- 

*) Damit stimmt vollkommen, wenn Grüner in seiner 3.Denkschr. 
auch die „landesherrlichen Behörden" als ein Glied in der „unauf- 
hörlichen Kette von Streitigkeiten zwischen Bürgern, Magistraten 
und Grundherren" anführt. Schottmüller, Polenaufstand, S. 144. 

2 ) Schmidt, Bd. 49, 6. Abschnitt. 

3 ) Ebenda. 

4 ) Geh. St.-A. Berlin, Gen. Dir. Sp. Tit. LXVI. Nr. 10. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 91 

leihen". Solche Tatsachen mochten den Erlass von den 
in Rede stehenden Verfügungen für diese Städte recht- 
fertigen. Zudem handelte es sich noch bei Troschke 1 ) 
und v. Unruh 2 ) um königstreue Männer. Sie mochten 
keinen Schaden tun, da sie mit der preussischen Polizei- 
verwaltung bekannt waren. 

Lagen nun bei den vielen anderen südpreussischen 
Mediatstädten gleiche Verhältnisse vor, dass auch für sie 
eine Gewährung so hoher Machtbefugnisse zugunsten der 
Grundherren geboten war? Voss gab 1806 zu, dass diese 
sich um einen Aufschwung der Mediatstädte bisher wenig 
verdient gemacht hätten 3 ). Als man sie zu Beiträgen zur 
Hebung der Schulverhältnisse heranziehen wollte, machte 
man manchmal ungünstige Erfahrungen 4 ). Dass das Ver- 
hältnis zwischen Grundherrschaften und Bürgerschaften 
der meisten Städte alles andere als ein patriarchalisches 
war, soll eine gleich zu zitierende Stelle aus der Denk- 
schrift des Accise- und Zollrats Köhler zeigen. Die An- 
ordnungen des Ministers v. Voss lassen sich rechtfertigen, 
wenn durch das Medium der Grundherren eine festere Ver- 
knüpfung der südpreussischen Bürger mit dem preussischen 

*) v. Troschke hat sich in den Jahren 1813 und 14 im Gross- 
herzogtum Warschau in preussenfreundlichem Sinne betätigt. M. 
Laubert, Studien z. Gesch. d. Prov. Posen in der 1. Hälfte d. 19. Jahrh. 
(Sonderveröffentl. d. Hist. Ges. f. d. Prov. Posen. V. Posen 1908). 
S. 15. 24 ff. 31 ff. 

2 ) v. Unruh war Landrat d. Bomster Kreises, vgl. Schottmüller, 
Polenaufstand, S. 149. 

3 ) Lehmann, Stein, I. Bd. S. 347 Anm. 1. 

4 ) So verweigerten irgend welche Zuschüsse die Grundherr- 
schaften zu Neustadt b. P. u. Punitz. Der Schmiegeier glaubte mit 
•einem Beitrage, dessen Gesamtwert auf 1 Rhtl. geschätzt wurde, 
seiner Pflicht Genüge getan zu haben! Der Schokkener Grundherr 
v. Swiniarski konnte erst nach langen Bemühungen zur Änderung 
seines Standpunktes: „Was habe ich" von einer Schule! — „Ich 
gebe nichts" gebracht werden. Einigen Erfolg hatten nachweislich 
Gesuche um „Accedentien" für die Schulen und Schullehrer bei 
den Grundherrschaften von Bentschen, Dobrzyca, Neustadt a. W. u. 
Stenschewo. Geh. St.-A. Berlin, Rep. 76. I. 11 13. Ortschaften Nr. 
46, 195, 807, 810, 1378, 1467. R. Prümers, Eine Simultan-Bürger- 
schule in sp. Zeit. Z. 11. (Posen 1896) S. 410. 



9 2 Fritz Grützmacher. 

Staat erreicht worden wäre. Über die Zweckmässigkeit der 
Vossischen Massnahmen gibt die bereits erwähnte Denk- 
schrift Köhlers Auskunft. Seit 1798 nachweisbar 1 ) in Süd- 
preussen als Beamter tätig, hat er seine Denkschrift nach 
1803 Struensee oder Stein 2 ) eingereicht. Er verwahrt 
sich im Schlusswort ausdrücklich gegen den Vorwurf der 
Nörgelei, wenn er den südpreussischen Zuständen scharf 
zu Leibe geht. Seine Denkschrift ist von den besten 
patriotischen Absichten diktiert. Er schreibt 2 ): „Bei aller 
Schonung und guten Behandlung zeigt der polnische Adel 
immer noch sehr wenig Anhänglichkeit an die hiesige 
Regierung. Die Ursachen davon liegen in der verlorenen 
Macht und den ihnen vorher zugestandenen willkürlichen 
Handlungen. Ich zweifle, dass er die Liebe und Gross- 
mut agnosziert, mit welcher er von Seiten des Staates 
behandelt wird. Dagegen ist der Bürger und Bauer viel 
erkenntlicher und zeigt viel Anhänglichkeit für die preus- 
sische Regierung. Warum? Weswegen? Die Frage be- 
antwortet sich von selbst, wenn die vorige Behandlungs- 
art der jetzigen opponiert wird. Man räume dem Bürger 
denjenigen Verkehr ganz ein, worauf er angewiesen, sich 
davon zu ernähren; man sorge dafür, den Bürgerstand in 
den adligen Städten soviel als möglich von den Dominus 
independent zu machen; solche Massregeln werden den 
polnischen Edelmann, der noch Insurrektionsgedanken 
hegt, auf ewig damit vergessen machen; er hat durch- 
gängig das Prinzip, dass er zwar für seine Person dem 
Landesherrn huldigt, hingegen die Bürger, die er als 
Leibeigene betrachtet, nur erst durch ihn die Huldigung 
leisten können. Obgleich dieser Grundsatz nicht in Aus- 
übung kommt, so spricht doch der Edelmann davon und, will 
dadurch zwischen sich und den Bürgern ein engeres Band 



x ) Jahrbücher, Jahrg. 1798, III. Bd. S. 331. 

2 ) v. Struensee, der Minister der vereinigten Fabriken- und 
Accisedepartements, starb 1804. Durch die Kabinettsorder vom 27. 
Oktober 1804 wurde Stein zu seinem Nachfolger ernannt. Lehmann, 
Stein, Bd. I S. 311, 316. 

3 ) St.-A. Breslau, Herrschaftsar eh. Poln. Nettkow Nr. 488. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d, südpr. Mediatstädten. 93 

knüpfen; es kann aber dadurch zerrissen werden, wenn 
der Bürger unabhängig wird und bloss ratione des bürger- 
lichen Verkehrs von der Landesbehörde abhängt. Diese 
Politik ist in dieser Provinz, in welcher so viele Reformen 
vorgenommen werden sollen, durchaus notwendig". 

Diese Worte bilden eine scharfe Kritik der Vossischen 
Massnahmen. Köhler redet hier einer Politik das Wort, 
die in den Jahren 1806/07 der Posener Kammerdirektor 
Grüner in seinen drei berühmten Denkschriften 1 ) em- 
pfohlen hat. Die Tatsache, dass in den letzten Jahren 
der südpreussischen Zeit die Bürger in eine grössere Ab- 
hängigkeit von der Grundherrschaft gesetzt wurden, 
erscheint auf den ersten Blick verwunderlich, wenn man 
sich vergegenwärtigt, dass gerade in diesen Jahren über 
die Aufhebung und Ablösbarkeit der grundherrschaftlichen 
Lasten in Südpreussen verhandelt wurde. Die „De- 
klaration über das Verhältnis der Grundherrschaften und 
Bürgergemeinden in den süd- und neuostpreussischen 
Städten", wie sie 1806 vorlag, hätte zweifellos eine grössere 
Emanzipation der Bürger erreicht. Und doch herrscht 
hier kein Widerspruch. Das Hauptverdienst an ihrem 
Zustandekommen haben sicherlich Schroetter und die neu- 
ostpreussischen Beamtenkreise. Voss hat sich bei den 
wegen dieser Deklaration geführten Korrespondenzen, 
die eine der wichtigsten Reformbestrebungen des preus- 
sischen Staates vor 1806 darstellen, fast immer auf die 
Seite des Adels gestellt 2 ). 

Auch unter Voss behielten sich die Kammern in den 
Mediatstädten die Aufsicht über das „Gewerbe- und 
bürgerliche Nahrungswesen" vor. Unter dieser Ein- 
schränkung hatten die Grundherrschaften die Möglichkeit 
„zur Erteilung, Aufhebung oder Erweiterung von Zunft- 



*) Schottmüller, Polenaufstand, S. 35 — 51, 121 — 150. Urkunden 
Nr. 28. 59. 60. 

2 ) Schmidt, Bd. 49, 6. Abschnitt. Ein Abdruck der obengenannten 
Deklaration erfolgt in einem der nächsten Hefte der Altpreussischen 
Monatsschrift als Anhang der R. Schmidtschen Arbeit, die dem- 
nächst auch als besonderes Werk im Buchhandel erscheinen wird. 



94 Fritz Grützmacher. 

Privilegien und Handelskonzessionen, wenn ihnen dergl. 
Rechte schon vorher zugestanden hatten 1 )." Das war in 
polnischer Zeit durchaus der Fall gewesen. In betreff der 
Zunftprivilegien ist wenig zu sagen. Bei der Abneigung 
der südpreussischen Beamtenkreise gegen die Zünfte 2 ) 
dürften die Grundherrschaften wenig Gelegenheit gehabt 
haben, dies Recht auszuüben. In der Tat ist auch nur 
ein Beispiel davon bekannt geworden: Der Grundherr der 
Stadt Dobrzyca, Augustin Gorzenski, erteilte der Müller- 
innung im Jahre 1804 ein Privilegium 3 ). Wichtiger waren 
die Handelskonzessionen. Besonders Juden suchten darum 
nach. Das Generaljudenreglement vom 18. April 1797 4 ) 
behielt „bei Neuansetzung und Bestimmung der Abgaben 
die Konkurrenz und Gerechtsame ausdrücklich vor." 
Erneut wurde diese Anordnung 1800 eingeschärft 5 ). Die 
Behörden verschafften den Juden die Möglichkeit, sich 
in sämtlichen Städten Südpreussens niederzulassen. Ein 
prinzipieller Ausschluss der Juden aus einigen Städten 
des Landes, wie er in polnischer Zeit bestanden hatte, 
wurde nach der Deklaration vom 6. Februar 1802 6 ) nicht 
mehr gestattet. Vielfach glaubten die Grundherren bei 
Neuansetzungen und neuen Etablissements von Bürgern 
und Juden „nach Gutbefinden Steuern und bei deren 
Verweigerung ihren Konsens vorenthalten zu können 7 )." 
So versagte im Jahre 1801 die Grundherrschaft von 
Kempen dem Gastwirt Giese die Konzession zur Auf- 
stellung eines Billards, im Jahre 1802 die Grundherr schaft 
der Stadt Brzeszin (in der Lowitzscher Insp. gelegen), 
dem Schutzjuden Kaiisch die Anlage einer Lohgerberei. 



*) Rescr. v. 24. Dez. 1798 vgl. S. 87 Anm. I. 

2 ) So wurde z. B. in Punitz die Errichtung einer Branntwein- 
brennerzunft nicht genehmigt. Ortschaften Nr. 1160. 

3 ) Warschauer, Stadt. Arch. S. 34. 

4 ) N. C. C. Bd. X. 1031—92. 

5 ) St.-A. Posen, S. P. Z. D. 25, vol. XII, Bl. 99. Rescr. v. 
3. April 1800. 

6) N. C. C. Bd. XI. S. 753~765 

7) Das Folgende nach: St. A. Posen, S. P. Z. A. IV. 14 Bl. 17 f. 
S. P. Z. D. 25. vol. XIII, Bl. 244. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 95 

Von ihnen und in jedem anderen Falle sollte über die 
Gründe ihrer Weigerung Rechenschaft gefordert werden. 
Solche, die auf „Willkür oder gar Eigennutz" beruhten, 
wurden nicht anerkannt. „Am wenigsten können", heisst 
es im Rescript vom 10. August 1802, „die Grundherr- 
schaften den Konsens zu Gewerben darum verweigern, 
um sich von diesen ein Monopol beizulegen. Selbst 
wenn sie dergleichen bisher ausgeübt hätten, ist der Staat 
berechtigt, ein solches Monopol zu kassieren, wenn es 
den Grundsätzen einer guten Staatsverwaltung zuwider 
ist." Die Kammern wurden angewiesen, sich „die Gerecht- 
same der Grundherren zur Forderung in jedem einzelnen 
Falle nachweisen zu lassen, sowie etwaige ungebührliche 
Forderungen in Schranken zu setzen." Die Posener 
Kammer hatte 1801 die Anfertigung von Urbarien in 
Vorschlag gebracht. Mit ihrer Hilfe wäre es dann leicht 
gewesen, die Abgaben, welche die Grundherrschaften bei 
Niederlassungen von Bürgern und Juden in jeder Mediat- 
stadt zu verlangen berechtigt waren, zu bestimmen. 
Voss lehnte das ab. Das schmeckte ihm anscheinend zu 
sehr nach einer Städtekommission. „Nur in jedem 
speziellen Falle" durfte „recherchiert werden." 

Auf die grundherrschaftlichen Monopole sollte also 
keine Rücksicht genommen werden, wenn ihre Durch- 
brechung durch Niederlassung eines Gewerbetreibenden 
in einer Mediatstadt in Aussicht stand. Freilich war damit 
noch nicht ihre gänzliche Abschaffung erreicht. Nach 
den Ausführungen Köhlers bestanden sie noch in manchen 
Städten 1 ). Auch hier ist Voss äusserst vorsichtig und 
unter grösster Schonung gegen die südpreussischen Grund- 
herrschaften vorgegangen, wenn man die Verhältnisse in 
Neuschlesien zum Vergleiche heranzieht. Die Verwaltung 
dieses in der 3. Teilung Polens erworbenen Gebietes er- 
folgte von Breslau aus. Es unterstand also dem Grafen 
v. Hoym. Er hob hier im Jahre 1802 die bisherigen 



*) St.-A. Bresl., Herrschaftsarch. Poln. Nettkow, Nr. 488. vgl. 
auch Kap. III. S. 46. 



g6 Fritz Grützmacher. 

Pachtungen, welche die Grundherrschaften „für Wein, 
Licht, Hering oder dergl." erteilt hatten, auf. Diese 
„Handlungszweige" wurden hier ein „freies Gewerbe 1 )." 

Auch ihrerseits nahmen die Kammern das Recht in 
Anspruch, Konzessionen zu erteilen 2 ). Das geschah auch 
in Birnbaum 3 ) im Jahre 1798 und 1803, wo 2 Personen 
die Ermächtigung zum Bierbrauen, bezw. zum Bierschank 
gegeben wurde. In dieser Stadt wurde, wie zumeist 
in Südpreussen, reihenweise 4 ) gebraut. Die beiden 
Konzessionsinhaber sollten bessere Bierverhältnisse 
schaffen. Beide bezahlten an die Grundherrschaft keine 
Abgaben. Das lief der in polnischer Zeit üblichen Praxis 
schnurstracks entgegen. Wollte in Birnbaum jemand 
Branntwein brennen, so musste er sich das Recht dazu 
bei der Grundherrschaft gegen eine Abgabe lösen. Bei 
dem Zutritt einer Person in die dortige Braukommune, 
die 1805 von nicht weniger als 53 Personen gebildet 
wurde, war es Regel gewesen, dass an die Grundherr- 
schaft 500 Tympfe 5 ), an die Braugilde 100 Tympfe ge- 

x ) Neue Kornsche Edifctensamml. VIII. Bd. (Breslau 1805). 

5. 239 — 242. 

2 ) Welche Gesichtspunkte dabei massgebend waren, ergibt 
sich aus dem Folgenden und dem S. 33 Gesagten. Seit 1802 führten 
diejenigen, welche von der Kammer eine Konzession erhalten 
hatten, den Titel ,.Meister." Schottmüller, Handel u. Gewerbe S. 32. 

3 ) Das Folgende nach: St.-A. Posen, Birnbaum C. 6. 8. Geh. 
St.-A. Berlin, Rep. 89, 37 C. Ortschaften 14. 30a. Schmidt. Bd. 49, 

6. Abschnitt. 

4 ) „Immoralität, schlechte Beschaffenheit des auf solche Weise 
verfertigten Getränkes" waren die unausbleibliche Folge dieser Ein- 
richtung. Eine Kabinettsorder vom 16. Januar 1801 befahl die 
Übertragung der Propination auf einzelne Bürger, die eine gewisse 
Pachtsumme (ein Drittel an die Kämmerei, zwei Drittel an die bis- 
her Brauberechtigten) zahlen sollten. Diese Massnahme wurde im 
Herbst 1803 auf gewisse Fälle beschränkt, besonders dort, wo eine 
geringe Konsumtion herrschte. Es sei übrigens bemerkt, dass ein 
Publikandum der Kalischer Kammer vom 29. Dez. 1802 die Zahl 
der Schenken zu vermindern suchte. Geh. St.-A. Berlin, Gen. -Dir. 
Sp. Tit. I. Nr. 12a. St.-A. Posen, S. P. Z. D. 25, vol. XIV, Bl. 80. Neue 
Kornsche Ediktensammlung, VIII. Bd. (Breslau 1805) S. 460 f. 

5 ) Vgl. S. 10 Anm. 1 ; daraus ergibt sich, dass es sich um eine 
ziemlich bedeutende Summe handelte. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 97 

zahlt wurden. Ausserdem waren jährlich bedeutende Ab- 
gaben an die Grundherrschaft zu leisten. 

Diese Angelegenheit führte zu einer wichtigen Ent- 
scheidung) deren Ausführung sicher nicht zum Vorteil der 
südpreussischen Mediatstädte ausgeschlagen wäre. Voss 
gab 1805 v. Troschke gegenüber einen Fehler der 
Posener Kammer zu, den diese dadurch begangen habe, 
dass sie ihn 1803 „wegen seiner etwaigen Widersprüche" 
nicht gehört habe. Der Minister wusste wohl, dass nach 
dem Allgemeinen Landrecht die Aufnahme eines Bürgers 
nur mit Bewilligung der Grundherrschaft geschehen 
könne. Er glaubte aber, dass bei einer Weigerung der 
letzteren die Entscheidung über Auf- oder Nichtaufnahme 
eines Bürgers der oberen Landesbehörde gebühre J ). Voss 
hielt 1805 die Konzessionen der Posener Kammer auf- 
recht. 

Troschke entgingen dadurch bedeutende Ab- 
gaben. Da seine Klagen bei Voss keinen Erfolg hatten, 
reichte er Anfang 1806 die Klage gegen den Fiskus ein. 
Er beantragte Entscheidung vor allem darüber, ob einer 
Grundherrschaft „das unbedingte Widerspruchsrecht bei 
Einsetzung neuer Bürger und Juden und Erteilung von 
Konzessionen zu städtischen und bürgerlichen Gewerben 
zustehe." Er verlangte die Ungültigkeitserklärung der 
ohne seine Zustimmung erteilten Vergünstigungen dieser 
Art, sowie Ersatz für den ihm dadurch verursachten 
Schaden. Nach dem Gesetz und ähnlichen Fällen in 
früherer Zeit war ein „rechtliches Verfahren über staats- 
rechtliche Verhältnisse und über die Grenzen der landes- 
herrlichen Polizeigewalt unzulässig." Die Angelegenheit 
verquickte sich noch mit dem in dieser Zeit der Vollen- 
dung entgegengehenden Gesetzesentwurf: „Deklaration 
über das Verhältnis der Grundherrschaften und Bürger- 
gemeinden in den süd- und neuostpreussischen Städten." 
v. Goldbeck hatte es entgegen den Wünschen des 



*) Rescr. v. 2. Juli 1803 und 13. Juli 1804; vgl. Cap. IV, 
S. 87 Anm. 4 und S. 88 Anm. 3. 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XXVII. 



98 Fritz Grützmachcr. 

Ministers v. Voss und des neuostpreussischen Departements 
durchgesetzt, dass erst die Kgl. Entscheidung über die 
Klagen des Barons v. Troschke erfolgte. In zwei Immediat- 
berichten, die beide das Datum: Berlin, den 15. September 1806 
tragen, kommen nun die Meinungen der Minister v. Voss 
und v. Goldbeck zum Ausdruck. In dem ersten fasst 
Voss in längerer, Goldbeck in kürzerer Weise die Gründe 
für ihre Stellungnahme zusammen. Letzterem muss an- 
scheinend sehr an einem für ihn positiven Ausgang 
gelegen haben. Er Hess daher einen zweiten Immediat- 
bericht abfassen, worin er die Gründe des Ministers 
v. Voss zu entkräften suchte. 

Dieser bestreitet nicht, dass nach dem Allgemeinen 
Landrecht II. Teil VIII. Tit. § 171 „ohne Vorwissen und 
Genehmigung der Herrschaft niemandem das Bürgerrecht 
in einer Mediatstadt verliehen werden" könne. Nach 
„staatsrechtlichen Befugnissen" dürfe aber „jede Befugnis 
nur insoweit ausgeübt werden, als solche mit dem all- 
gemeinen Wohl bestehen" könne. Das allgemeine Recht 
des Staates gäbe ein Mittel zur Beschränkung dieser Be- 
fugnisse in die Hand. Auch die Grundherrschaften, d. h. 
der Adel, habe sich den , »allgemeinen Anordnungen zum 
Besten der Gesellschaft unter das landesherrliche In- 
spektionsrecht zu fügen." Voss ging hier über das frideri- 
zianische System hinaus. Der preussische Staat vor 1806 
bevormundete vor allem Bürger und Bauern in ausser- 
ordentlicher Weise, während er den Adel im allgemeinen 
damit verschonte. Der Standpunkt des Ministers v. Voss 
führte konsequent zu der Behauptung, „dass ein jeder 
der Untertanen" des preussischen Staates „sich dort nieder- 
lassen könne, wo er sich nach seinen Kräften und Fähig- 
keiten nähren" könne. Bei diesen Worten wird man an 
eine der Grundideen der Stein-Hardenbergischen Reform 
erinnert! Gerade die südpreussischen Verhältnisse drängten 
Voss dazu, das Aufsichtsrecht des Staates in weitestgehendem 
Masse in den Vordergrund zu rücken. Es gab eine Be- 
stimmung, nach welcher die Juden zur Hebung der Städte 
vom platten Lande in diese verwiesen werden sollten. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 99 

Schwierigkeiten ohne Ende mussten entstehen, wenn 
sämtliche Grundherrschaften der zahlreichen südpreussischen 
Städte die Aufnahme von Juden einfach verweigern 
konnten. So rückschrittliche Tendenzen Voss auch sonst 
zeigt, man wird über die Fülle seiner Gesichtspunkte, 
die hier nur in ganz gedrängter Kürze wieder gegeben 
wurden, erstaunt sein und ihm unbedenklich beistimmen 
können. 

Hören wir die Gründe v. Goldbecks! Er stand auf 
einem ganz anderen Boden wie sein Ministerkollege. 
Auch er führte das Allgemeine Landrecht Teil II, Tit. VIII 
§ 171 ins Feld. Er hatte aber eine gänzlich andere Auf- 
fassung über das staatliche Recht der obersten Aufsicht. 
Es hört sich beinahe wie eine Kriegserklärung gegen das 
bevormundende friderizianische System an, wenn er 
schreibt: „Nach unbestrittenen Prinzipien des Staatsrechts 
äussert sich das Recht der obersten Aufsicht vorzüglich 
verneinend." Wenn man die Grundherrschaften ver- 
anlassen wolle, Bürger gegen ihren Willen in ihre Mediat- 
städte aufzunehmen, so werde dabei ein Zwang ausgeübt. 
Dieser lasse sich „mit der beständigen Rücksicht auf das 
allgemeine Wohl und möglichste Schonung der natürlichen 
Freiheit" nicht vereinbaren. Man möchte meinen, dass 
sich in diesen Worten Anklänge an Adam Smiths Lehren 
von „der natürlichen Freiheit" finden. Allerdings will Gold- 
beck diese These nur den Grundherrschaften zugute 
kommen lassen. Wendet man sie auf die Bürger an, 
welche Aufnahme in eine Mediatstadt verlangen, so ergibt 
sich, dass diese ihnen dann nicht verweigert werden 
dürfte. Goldbecks Bericht ist insofern sehr diplomatisch 
abgefasst, als er auf die neuerdings zu Ungunsten der 
Juden eingesetzte Politik in geschickter Weise anspielt 1 ). 

x ) In der Kabinettsorder v. 13. September 1803 heisst es: 
„Übrigens haben Se. Maj. bei dem ungünstigen Erfolg aller dazu 
gemachten Versuche, die Juden durch Übernahme aller Pflichten 
christlicher Bürger auch aller Rechte derselben empfänglich zu 
machen, die Ideen einer bürgerlichen Verbesserung der Juden im 
allgemeinen längst aufgegeben." St.-A. Posen, S. P. Z. D. 25, vol. 
XIV, Bl. 79. 

7* 



ioo Fritz Grütz mache r. 

Er interpretiert dann in seinen Ausführungen die in Be- 
tracht kommenden Stellen derjenigen Gesetze und Ver- 
ordnungen 1 ), welche über die hier vorliegenden Verhält- 
nisse erlassen worden waren. Er bittet zum Schluss den 
König, seine Entscheidung dahin zu fällen, dass „nach 
der angeführten Stelle des Allgemeinen Landrechts ohne 
Vorwissen und Genehmigung der Herrschaften niemandem 
das Bürgerrecht in einer Mediatstadt verliehen werden 
könne, der Landespolizeibehörde keine Konkurrenz dabei 
oder derselben gestattet werden könne, die Verweigerung 
dieser Genehmigung und des Rezeptionskonsenses gegen 
den Willen der Herrschaft zu ergänzen." Durch Kabinetts- 
order vom 20. September 1806 gab der König in wört- 
licher Anlehnung an die Bitte Goldbecks seinen Willen 
kund. 

Die Königliche Entscheidung wurde kurz vor Aus- 
bruch des unglücklichen Krieges 1806/07 gefällt, der den 
Verlust Südpreussens zur Folge hatte. Man wird daher 
die Frage offen lassen müssen, ob sie einen neuen 
Hemmstein für den Erlass des oben erwähnten Gesetz- 
entwurfes gebildet hätte. Auch in einer anderen Be- 
ziehung scheint der Zwist zwischen den beiden Ministern 
recht lehrreich zu sein. Die Immediatberichte mit ihrer 
verschiedenen Auslegung des Allgemeinen Landrechts 
spiegein deutlich die „Stärke und Schwäche*' 2 ) dieses 
Rechtsbuches wieder. Der hier dem Fortschritt huldigende 
Voss konnte sich seiner ebensogut bedienen wie Goldbeck, 
der hier sein Festhalten an den Formen des friderizi- 
anischen Staates mit seiner starken Beschränkung aller 
nicht dem Adel angehörigen Stände bekundet. 

Wie steht es nun mit dem Abgabenverhältnis der 
Bürgerschaften an die adligen Grundherrschaften? Eine 

J ) Südpreuss. Ressortreglement v. 15. Dez. 1795 § 13, (N. C. 
C. Bd. IX, S. 2714), sp. Judenreglement v. 18. April 1797) (N. C. C. 
Bd. X, S. 1031—92), Deklar. v. 6. Febr. 1802 (N. C. C. Bd. XI, 
S. 763—65; vgh Cap. IV, S. 94) Deklar. v. 10. Aug. 1796 § 4, (vgl. 
Cap. III, S. 47). 

2 ) Lehmann, Stein Bd. II, S. 34. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 101 

wahre Flut von Prästationsprozessen war die Folge der 
Aufhebung der Städtekommission. Es war geradezu eine 
Ausnahme, wenn eine Bürgerschaft gegen ihre Grund- 
herrschaft nicht einen Prozess wegen usurpierter Ab- 
gaben, entrissener Grundstücke u. dgl. führte 1 ). Die grosse 
Zahl dieser Prozesse, die meist nicht in der ersten Instanz 
erledigt wurden, sondern auch in den höheren Instanzen 
ihre Fortsetzung fanden, war mitbestimmend dafür, dass 
Goldbeck in der Verordnung vom 13. März 1803 2 ) Schritte 
zu einer Entlastung des Obertribunals tat. Die Rechts- 
bedingungen, unter denen die Bürger klagten, waren ja 
recht günstig 3 ). So war der Ausgang der Prozesse meist 
zum Vorteil für die Bürgerschaften. Um welche Objekte 
es sich dabei handelte, mögen die aus den Akten ver- 
fügbaren Beispiele lehren. Die Bürgerschaft von Kempen 4 ) 
focht mit ihrer Grundherrschaft einen für letztere höchst 
verlustreichen Prozess aus. Da er nicht weniger als 
39 Punkte enthält, würde es hier zu weit führen, ihn bis 
in alle Einzelheiten zu verfolgen. Die Stadt war ur- 
sprünglich im Besitz der Brennerei- und Braugerechtig- 
keit gewesen. Erstere war ihr völlig, letztere in starkem 
Masse genommen worden. Jetzt erhielt die Bürgerschaft 
beide zurück. Legen wir die uns allein aus dem Jahre 1793 
zur Verfügung stehenden Zahlen zu Grunde, so bedeutete 
das für den Grundherrn einen Verlust von 20000 fl! 
Dieser verlor völlig das Marktstandgeld, ferner durfte er 
nicht eine ausschliessliche Konzession zum Weinschank 
erteilen, die ihm 1793 tausend fl. eingetragen hatte. Sodann 
wurden geregelt die Grundzinsen, die Handelsabgaben 



*) Sp. Monatsschrift Jahrg. 1802. S. 320. Auszug aus dem 
Schreiben eines Reisenden von der Neumark nach Südpreussen. 

2 ) Annalen der Gesetzgeb. u. Rechtsgelehrsamkeit in den 
preuss. Staaten. Herausgegeb. v. E. F. Klein, Bd. 22. (Berlin u. 
Stettin 1803) S. 183—193. Vgl. auch die scharfe Kritik dieser Ver- 
ordnung bei F. Holtze, Gesch. d. Kammerger. in Brandenburg- 
Preuss. IV. Teil, (Berlin 1904) S. 29. 30. 

3) Vgl. Cap. 111, S. 64. 

4 ) St.-A. Posen, Kempen C. 1. 2. 3. Urt. v. 27. Febr. 1801, 
20. März 1803, 12. Febr. 1805. 



102 F r i t z Grützmacher. 

und verschiedene bisher schwankend gewesene Lasten 
der Judenschaft. Man kann die grosse Gereiztheit des 
Grundherrn Adalbert v. Zeromski verstehen. Wir können 
begreifen, dass er auf alle mögliche Art und Weise zu 
retten suchte, was zu retten war. Er hatte erst in süd- 
preussischer Zeit die Stadt Kempen durch Kauf erworben 
zu einer Zeit, wo sämtliche Abgaben noch bestanden. 
Sicherlich wird ihre Höhe bei dem Kaufpreise mitgesprochen 
haben. Der Verlust der grundherrschaftlichen Abgaben 
hatte natürlich auch ein Sinken des Kaufwertes seines 
Gutes zur Folge. Die Kalischer Kammer nahm sich, 
ebenso wie der Steuerrat Velhagen, der Bürgerschaft 
tatkräftig an: Die Zeit der polnischen Willkürherrschaft 
war eben dahin! Auch die Rawitscher 1 ) kamen endlich 
im Jahre 1803 nach langem Kampfe in den Besitz der 
Propinationsgerechtigkeit. Dieses Urteil ermässigte die 
Abgaben an die Grundherrschaft von 4166 Rtl. auf 470 Rtl. 
Ebenso erstritten Schmiegel 2 ) und Rakwitz 3 ) 1803, sowie 
verschiedene andere Städte die Propinationsgerechtigkeit 
im Prozesswege 4 ) wieder. 

In anderen Städten kamen Vergleiche zustande. So 
einigte man sich in Reisen 5 ) in dem Vergleich vom 
14. April 1803. Er brachte der Stadt zwar nicht die 
sehnsüchtig erwartete Brennereigerechtigkeit, wohl aber 
verschiedene andere Vorteile, so z. B. den Verzicht der 
Grundherrschaft auf ein Nadelgeld von 150 Rtl. und auf 
einige Handwerkerabgaben. Die Kämmerei hatte ferner- 
hin nichts mehr mit der Erhebung der grundherrschaft- 
lichen Gefälle zu tun, daher keinen Zuschuss zu leisten, 
wenn der volle, bisher verlangte Betrag von 2000 Rtl. 
nicht einkam. Im ganzen ermässigten sich die Abgaben 

x ) Stadtarch. Rawitsch, Bier und Branntwein vol. III u. IV. 
Urt. v. 30. Januar 1802 u. 28. April 1803. 

2 ) St.-A. Posen, Schmiegel C. 13. 

3 ) St.-A. Posen, Lissa C XVII. F. i, erwähnt in einem un- 
datierten in den Anfang 1803 zu setzenden Schreiben des Magistrats 
zu Lissa an seinen Prozessvertreter Künzel in Posen. 

4 ) Vgl. ob. Cap. III, S. 70. 

*) St.-A. Posen, Reisen F. S. A.C. 25, 1, Bl. 229 ff. Ortschaften Nr. 1234. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 103 

um etwa ein Viertel. Auch in Görchen 1 ) kam eine be- 
trächtliche Ermässigung der Lasten von 8900 fl. auf 6900 fl. 
zustande durch den Vergleich vom 6. Mai 1801. Der 
Magistrat erwarb sich hier das Verdienst, eine gleichmässige 
Verteilung der grundherrschaftlichen Abgaben auf die 
Bürger vorzunehmen. Der Vergleich zwischen Grund- 
herrschaft und Bürgerschaft zu Jarotschin 2 ) vom 19. Mai 
1799 brachte den Bürgern zwar die ersehnte Freilassung 
von dem bisher geleisteten Scharwerk, den Bau 
eines Rathauses durch die Grundherrschaft, der auch 
sofort erfolgte, und eine genaue Fixierung der Grund- 
und^Handwerkszinsen. Als Manko ist aber hier der völlige 
Verzicht auf die Brau- und Brennereigerechtigkeit zu ver- 
zeichnen. Der Vergleich, den die Ritschenwalder 3 ) am 
27. September 1804 schlössen, brachte diesen die Brenherei- 
gerechtigkeit und den Tuchmachern die Befreiung von den 
Bittdiensttagen. Im übrigen zeigen aber hier die Fron- 
dienste die oben 4 ) bereits erwähnte Höhe. Die Santo- 
mischler 5 ) räumten durch Vergleich vom 29. Mai 1801 
sämtliche Streitigkeiten mit ihrer Grundherrschaft aus dem 
Wege. Er trägt in mehreren Punkten einen patriarcha- 
lischen Anstrich. Hier waltete — das war eine Seltenheit, 
da zumeist zwischen den Bürgern und ihren Grundherren 
eine „ewige Spannung 6 )" herrschte — ein gutes Ver- 
hältnis zwischen beiden ob 7 ). Auch Bojanowo 8 ) schloss 

J ) Ortschaften Nr. 322. 

2 ) Abdruck in: St. von Karwowski, Geschichte des Hauses 
Leszczyc v. Radolinski (Posen 1908) S. 186 — 189, das Original im 
St.-A. Posen, Jarotschin, Dep. A. 1. 

3) St.-A. Posen, Ritschenwalde B. 1. 

4 ) Vgl. S. 7. Anm. 4. 

5 ) St.-A. Posen, Santomischel C. 1. 

6 ) Noch ein Wort über Justiz- und Polizeiverwaltung in den 
sp. Mediatstädten. Sp. Monatsschrift, Januarstück 1802, S. 213. Darin 
wurde einem Artikel Stengers, der in dem Dez. Stück 1801 und 
Januarstück 1802 erschien, betit: Polizei- und Justizverwaltung etc., 
die verdiente Abfuhr zuteil. 

7 ) Vgl. P. Pietsch, Aus dem Tagebuch eines sächs. Offiziers. 
M. 7. (Posen 1908) S. 120. 

8 ) St.-A. Posen, Bojanowo C. 2. 



ic*4 Fritz Grützmacher. 

am 21. Februar 1805 mit der Grundherrschaft einen Ver- 
gleich, der nach einer Angabe des Steuerrats Hoffmann 
für die Stadt „unleugbar vorteilhaft" war. Weitere Ver- 
gleiche sind in Birnbaum 1 ), Bomst 2 ) und Schwarzenau 3 ) 
nachweisbar. 

Es wäre freilich verkehrt, aus diesen Ausführungen 
den Rückschluss zu machen, dass nun in sämtlichen 
Mediatstädten in südpreussischer Zeit ein einigermassen 
erträgliches Abgabenverhältnis zur Grundherrschaft her- 
gestellt worden wäre. Besonders lehrreich dafür ist das Bei- 
spiel der Stadt Lissa. Der Vergleich war in dieser Stadt be- 
kanntlich im grossen und ganzen gescheitert. Um hier Ordnung 
in die Abgaben der Bürgerschaft an die Grundherrschaft zu 
bekommen, setzte die Posener Regierung am 22. August 1799 
ein Interimistikum 4 ) fest, das nach Lage der Dinge nur den 
für die Bürgerschaft ungünstigen Status quo berücksich- 
tigen konnte. Es kam zum Prozess wegen der Achtmille- 
gelder im Betrage von 1448 RtL, des Tuchmacherstempel- 
geldes, der Grundzinsen, der Branntweinbrennereigerech- 
tigkeit, der Abgaben des Müllergewerks und noch 4 anderer 
Punkte 5 ). Nach Angaben der Vormundschaft betrugen 
sämtliche Abgaben 1803 13708 RtL, nach denen des 
Magistrats n 302 Rtl. 6 ). Da nach einem Immediatbericht 
des Ministers v. Voss vom 26. August 1803 7 ) sich „ausser 
Streit nur 6000 Rtl. befanden", so ergibt sich, dass ungefähr 
über die Hälfte aller Abgaben Prozess geführt wurde. In 



J ) St.-A. Posen, Birnbaum C. 6. Vergl. vom 26. März 1805. 

2 ) St.-A. Posen, Bomst C. 2. Vergl. vom 2. Febr. 1798. 

3 ) Warschauer, Stadt. Arch. S. 248. Vergl. v. 26. Mai 1801. 

4 ) Das 45 Punkte enthaltende Interimistikum ist nur durch 
Zufall zum kleinsten Teile erhalten. Zugänglich gemacht wurde mir 
dieser durch Herrn Pastor prim. W. Bickerich zu Lissa aus dem 
Arch. der dortigen Johanneskirchengem. (Signatur D. II, Bl. 168). Die 
in diesem verzeichneten Abgaben des Müllergewerks, über die ja 
prozessiert wurde, werden von dem Steuerrat v. Hirschfeld als 
äusserst drückend bezeichnet. (St.-A. Posen, Lissa, C. 5.) 

5 ) St.-A. Posen, Dep. Lissa, C. XVII. F. 1. 

6 ) St.-A. Posen, Lissa, C. 134. 

7) Geh. St.-A. Berlin, Rep. 89, 37 C. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 105 

südpreussischer Zeit ergingen im November 1803 und 
Oktober 1806 gerichtliche Erkenntnisse, die zum Teil ver- 
lustreich für die Stadt waren. Keine der Parteien be- 
ruhigte sich. So zogen sich die Streitigkeiten bis in die 
20er Jahre des 19. Jahrhunderts hin 1 ). Die fernere Ent- 
wickelung hat also den Anhängern der mittleren Linie, 
der Posener Kammer, des Steuerrats v. Hirschfeld und 
des Lissaer Magistrats, welche zur Annahme des Ver- 
gleichs vom 17. September 1798 geraten hatten, Recht 
gegeben. Ferner beweist das Beispiel von Kempen, wie 
lange sich ein solcher Prozess hinzog. Die nach der Vor- 
schrift der Prozessordnung anzustellenden Vergleichs- 
verhandlungen, die Beschaffung der Urkunden bildeten 
natürliche Verzögerungen, „so dass dann leichtlich 6 Jahre 
vergehen, ehe der Bürger vor seinem Richter steht 2 )". 
Während des Prozesses waren die legalen und illegalen 
Abgaben weiter zu entrichten. Sodann waren Ungeschick- 
lichkeiten, Fehler während des Ganges des Prozesses viel 
weniger auf Seiten der Grundherrschaften als auf denen 
der vielköpfigen Bürgerschaft zu erwarten. Oft mag auch 
den Bürgerschaften das Nötigste beim Prozessieren, das 
Geld, gefehlt haben oder ausgegangen sein. Nur selten 
waren sie so kapitalkräftig, wie die der Stadt Rawitsch, 
die 2600 Rtl. für ihren Propinationsprozess ausgab. In 
Neustadt b. P. 3 ) war im Jahre 1805 die dortige Brauer- 
innung wegen Geldmangels ausserstande, den Prozess 
fortzusetzen. Ihr blieb nur der in dieser Lage wenig 
aussichtsreiche Weg des Vergleichs übrig. Diese Tat- 
sachen, sowie die kurze Zeit der Zugehörigkeit Süd- 
preussens zum preussischen Staate machen es erklärlich, 

*) Bekannt geworden sind mir nur 2 Urteile in Sachen der 
Judensynagoge wider die Grundherrschaft von Lissa v. 21. März 1819 
(Fraustädter Amtsgericht) u. 3. Mai 1821. (Meseritzer Landgericht). 
Darin wurde der Vertrag aus dem Jahre 1790 als rechtsgiltig an- 
gesehen (vgl. Cap. III, S. 58), dagegen als Normaljahr das für 
die Bewohner von Lissa günstige Jahr 1738. 

2 ) Würde das landschaftl. System auch unserm Sp. frommen ? 
Jahrbücher, Bd. III (Berlin 1801) S. 370—74. 

3 ) Ortschaften Nr. 801. 



lo6 Fritz Grützmacher. 

dass die an und für sich mögliche Erleichterung der 
Lasten oft nicht zur Tat wurde. Der oft erfolglose Kampf 
der Bürgerschaften gegen den Druck der seit Jahrhunderten 
aufgehäuften Lasten erinnert uns an das Goethesche Wort: 

„Es erben sich Gesetz' und Rechte 

Wie eine ew'ge Krankheit fort, 

Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte 

Und rücken sacht von Ort zu Ort". 

Den Grundherren aber vergällten die Prästations- 
prozesse oder die Aussicht auf einen solchen die Freude 
an dem Besitz einer Mediatstadt. Der südpreussische 
Accise- und Zollrat J. F. Struensee trifft wohl das 
Richtige, wenn er sagt 1 ): „So sehr ehemals dem Adel 
daran gelegen war, eine Stadt zu besitzen, so wenig ist 
dies jetzt der Fall, indem sich das Verhältnis zwischen 
Städten und Gutsbesitzern ausserordentlich geändert hat". 
In einer Denkschrift des Kgl. Generaladjutanten v. Zastrow 
vom 3. August 1803 heisst es 2 ): „Wie wenig Vorteil die" 
südpreussischen „kleinen Städte den Grundherren bringen 
und wieviel Unannehmlichkeiten sie ihnen dagegen ver- 
ursachen, glaubt wohl niemand!" Hinsichtlich des letzteren 
Punktes wird man ihm wohl Glauben schenken können. 
Eine nicht unwesentliche Verminderung der grund- 
herrschaftlichen Einnahmen hatte in einigen Fällen eine 
im Jahre 1804 begonnene Untersuchung über die in den 
Städten vorhandenen Brücken- und Dammzollgerechtig- 
keiten 3 ) zur Folge. Anscheinend hatte das Publikandum 
vom 29. Juni 1794 4 ) seinen Zweck nicht erreicht. Nach 
ihm sollte „jeder Gutsbesitzer seine Befugnisse zu der- 



*) J. F. Struensee, Blicke auf Sp. vor u. nach dem Jahre 1793. 
(Posen 1802) S. 98. 

2) Geh. St.-A. Berlin, Rep. 89. 4 J. 

3 ) Das Folgende nach Geh. St.-A. Berlin, Gen. Dir. Sp. Tit. 
XXI. Univ. Litt. Z. Nr. t. (Die drei ersten Volumina über diesen 
Gegenstand fehlen). Das Aktenstück enthält Nachrichten über 
35 Städte des Posener u. Warschauer Kammerdepartements und 
umfasst die Jahre 1805/06. 

*) Druck in der Raczynski-BibL zu Posen, Signatur II, F. 12/48. 
Vgl. D. J. 1793, S. 544 f. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 107 

gleichen Erhebung" den Behörden mitteilen. Nach den 
Festsetzungen aus dem Jahre 1804 wurden alle bei der 
Okkupation der Provinz vorgefundenen und zur Zeit der 
Untersuchung noch ausgeübten Zollgerechtigkeiten be- 
stätigt. Es war dabei Bedingung, dass der Nachweis 
einer rechtsgültigen Erwerbung geführt werden konnte r 
sei es nun durch ein Privileg oder durch Festsetzung bei 
der von der Kronschatzkommission in den 60er Jahren 
angestellten Lustration. In Kiebel, Neustadt b. P. und 
Samter hatten willkürliche Erhöhungen gegenüber den 
von dieser Kommission festgesetzten Sätzen stattgefunden. 
In Scharfenort erhob der Grundherr Kastellan v. Kwilecki 
den Pflasterzoll nach Gutdünken. Das sollte fernerhin 
nicht geduldet werden. In Neustadt b. P. wurden mit 
einem Federstrich die bisher zwischen 1 fl. 6 Gr. und 
3 Gr. poln. schwankenden, enorm hohen Sätze auf 3 Gr., 
1V2 Gr. und 1 Gr. poln. herabgesetzt! Den Juden wurde 
übrigens erneut die Pachtung von Zollgerechtigkeiten 
„wegen des allgemeinen Misstrauens, welches das Publikum 
gegen diese hegt, und wegen ihrer Neigung zu Plackereien^ 
untersagt. Die Untersuchung hatte auch den Zweck, die 
Zollgerechtigkeitsinhaber auf ihre Pflicht, für das Pflaster 
und die Brücken in angemessener Weise zu sorgen, auf- 
merksam zu machen. Bisher hatten es einige Grund- 
herrschaften wie die zu Unruhstadt, Kiebel, Neustadt b. P. 
damit nicht sehr genau genommen. Auch in Wollstein l ) 
bot infolge der Nachlässigkeit der Grundherrschaft das 
Pflaster einen aller Beschreibung spottenden Anblick. In 
Zukunft sollten hier die Kammern eine scharfe Aufsicht 
führen. Dazu ist es nun wegen der bald darauf aus- 
brechenden Kriegswirren nicht gekommen, ebenso nicht 
zu dem Erlass eines diese Verhältnisse regelnden Publi- 
kandums. In dem darüber handelnden Entwurf der 
Posener Kammer aus dem Jahre 1806 ist eine ausser- 
ordentliche Rücksichtnahme auf den polnischen Adel 
genommen. Auch fernerhin sollten wie in polnischer und 

*) F. Grützmacher, sp. Unterhaltungen. M. 12. (Posen 191 1). 



IOO Fritz Grützmacher. 

auch in südpreussischer Zeit von der Entrichtung der 
Brücken- und Dammzölle befreit sein „die Kutschen und 
Equipagen des südpreussischen Adels und anderer kein 
kaufmännisches Gewerbe treibenden Personen." Einer 
Besteuerung sollten auch nicht unterliegen „die mit 
Landesprodukten, als Holz, Salz usw. beladenen Fuhren 
des Adels, wenn diese Artikel zum eigenen Gebrauch" 
herangeschafft wurden. Bereits in den Jahren 1793 und 
1794 waren Anträge verschiedener Steuerräte, die auf 
Aufhebung dieser Steuerfreiheit des Adels hinzielten, 
abgelehnt worden 1 ). So ist man sich hier dem Prinzip 
der Schonung dieses Standes getreu geblieben. 

Wie ist nun die Weiterentwickelung der Amtsstädte? 
Schon 1798 stellte sich die Notwendigkeit heraus, die 
ursprüngliche Absicht aufzugeben, nach welcher sämtliche 
an den Staat gefallenen Güter auch in dessen Verwaltung 
genommen werden sollten: Die Domänen mussten sämtlich 
verpachtet werden 2 ). Ebenso wie in den adligen Mediat- 
städten^) unterblieb in den Amtsstädten eine Verwandlung 
der Dienste in eine Geldabgabe. Die Kabinettsorder vom 
18. März 1799 4 ), die diese auf den Kgl. Domänen anbahnte, 
galt auch für Süd- und Neuostpreussen. Sie fand bei 



i) Vgl. D. J. 1793, S. 483. 

2 ) Hoffmann W., Die Ansiedelung nassauischer Kolonisten 
auf den sp. Gütern des Erbprinzen Wilhelm v. Oranien im Jahre 1799. 
Wissenschaftl. Beil. zum Jahresber. des Realprogymnasiums zu Ems 
(Ems 1898) S. 5. 

3 ) Nur in Kiebel wurden nachweisbar die bisherigen Dienste in 
eine Geldabgabe verwandelt. In Bomst fielen infolge des Vergleichs 
vom 2. Februar 1798: 100 Sicheldienste fort. Jahrbücher, Jahrg. 1898, 
III. Bd. S. 446. St.-A. Posen, Bomst C 2. Vgl. Kap. IV. S. 104. 

4 ) Notwendige Beilagen zu dem 5. Teile der: Vertrauten Briefe 
über die inneren Verhältnisse am preuss. Hofe seit dem Tode 
Friedrichs II, V. Bd. (Amsterdam u. Köln 1808): Domänenwesen in 
Neuostpreuss. S. 22 — 29. Die Verfasser des Aufsatzes, Friedr. v. Colin 
und Sekretär Böhm, fussen dabei auf Mitteilungen Schroetters. (Akten- 
mäss. Rechtfertigung d. Kriegsrats v. Colin. (Leipzig 181 1). S. 1 10 ff. 117). 
Unrichtig ist in dem Aufsatze S. 22: Kabinettsorder v. 1. März 1799. Vgl. 
G. F. Knapp, Die Bauernbefreiung u. d. Ursprung der Landarbeiter 
in den älteren Teilen Preussens. (Leipzig 1887). II. T. S. 126 f. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 109 

den beiden Ministern der polnischen Provinzen, v. Voss 
und v. Schroetter, keinen Anklang. Bedenken verschiedener 
Art nötigten sie, eine Umgestaltung des Kgl. Befehls zu 
beantragen. Der König billigte ihre Anschauungen durch 
Kabinettsorder vom 18. Mai 1799. Statt einer allgemeinen 
Aufhebung der Dienste sollte den Bauern auf einem 
anderen Wege „Erleichterung" verschafft werden. Das 
war freilich ein recht dehnbarer Begriff. Während 
Schroetter bereits Ende 1800 eine allgemeine Auf- 
hebung der Dienste wenigstens in den Amtsstädten 
Neuostpreussens plante, vertrat Voss unter Berufung auf 
ähnliche Verhältnisse in der Kurmark die Auffassung, 
dass Städter ebensogut wie Dorfbewohner Dienste leisten 
könnten x ). 

Die früher geleisteten Abgaben mussten jetzt an 
den Pächter des betreffenden Gutes entrichtet werden. 
Bei der „Erleichterung" der Lasten befolgte Voss das 
Prinzip, Städte, die durch ihre Lage und ihren Gewerbe- 
fleiss ausgezeichnet waren, bei passender Gelegenheit zu 
berücksichtigen 2 ). Er fürchtete von einer allgemeinen 
Ermässigung der Lasten allerdings mit Recht einen 
grossen Verlust für die Kassen des Staates. So wurden 
1802 die Abgaben der Judenschaft von Krotoschin 3 ) von 
914 Rtl. auf 637 Rtl. herabgesetzt. In der früher staro- 
steilichen Stadt Rogasen 4 ) erfolgte im Jahre 1799 ein 
Erlass der bisher bezahlten Kopfgelder im Betrage von 
56 Rtl.; das Gleiche geschah mit einem Nahrungsgeld 
von 75 Rtl. 



*) Als in Sp. die Pudewitzer u. Adelnauer Bürgerschaft die 
Verwandelung ihrer Dienste in eine Geldabgabe wünschten, legte 
man ihnen grosse Schwierigkeiten in den Weg. Sie misslang daher. 
St.-A. Posen, Adelnau C. 4. 7. Ortschaften Nr. 1159. Schmidt, 
Bd. 49 S. 208 ff. 

2) St.-A. Posen, S. P. Z. D. 25 vol. XIV. Bl. 28 ff. Voss an 
die sp. Kammern. 12. März 1802. 

3 ) E. Täubler, Zur Gesch. d. Dominialabgaben in Krotoschin. 
Mitteilungen d. Gesamtarch. d. deutsch. Juden, herausgegeb. v. E. 
Täubler. II. Bd. (Leipzig 1910). S. 42 — 48. 

4 ) St.-A. Posen, Rogasen C. 11. 



HO Fritz Grützmacher. 

Dagegen blieben im Jahre 1803 die Bitten der 
Kostschiner *) Bürgerschaft um eine Ermässigung ihrer 
drückenden Abgaben ohne Erfolg, obwohl sich die Posener 
Kammer ihrer bedrängten Lage warm annahm. Unter 
Berücksichtigung von Untersuchungen und Vorschlägen 
des Kriegs- und Domänenrats v. Tolkemit und des 
Steuerrats v. Timroth trug sie bei Voss darauf an, dass 
in dieser Gemeinde statt 432 Rtl. künftig 256 Rtl. bezahlt 
werden sollten. Sie nahm hierbei Rücksicht auf die er- 
zwungene Erhöhung der Abgaben im Jahre 1746 und 
legte mit Recht das Privileg von 1615 zu Grunde. Da 
es sich um eine verhältnismässig kleine Stadt handelte, 
lehnte Voss seinem eben erwähnten Gesichtspunkt gemäss 
den Antrag ab. Er begründete sein Votum eigentümlicher- 
weise damit, dass die Bürgerschaft zu Kostschin sich 
58 Jahre lang bei den gegenwärtigen Abgaben beruhigt 
habe, ohne gegen das ehemalige Dominium Klage zu er- 
heben (!). Es steht das völlig im Gegensatz zu den recht- 
lichen Bestimmungen. 

Dagegen dürfte die staatliche Hilfe wohl sämtlichen 
Amtsstädten bei der Finanzierung von Schulen zugute 
gekommen sein. Hier stand ein gewisserer Beitrag in 
Aussicht als bei den adligen Mediatstädten. Das Re- 
gulativrescript vom 29, November 1800 2 ) befahl, dass die 
Domänen durch Naturalien, Holz u. s. w. die Amtsbürger 
hinsichtlich der Schulverhältnisse unterstützen sollten. 
Das ist denn auch nachweislich 3 ) geschehen. 



!) Ortschaften Nr. 609. Vgl. Kap. III. S. 57. 

2 ) Diözesanarch. Bresl.: Acta gen. betreff, die Verbesserung 
des Schulwesens in Sp. u. Neuschlesien. P. Schwartz, Die preuss» 
Schulpolitik i, d. Prov. Sp. und Neuostp. (Zeitschr. f. Gesch. der 
Erziehung u. des Unterrichts. I. Jahrg. (Berlin 191 1). S. 163. vgl. 
Kap. IV. S. 84 Anm. 1. 

3 ) In Czenstochau gab die Domäne 12 Scheffel (Berl. Mass) an 
Roggen, 3 an Weizen, 3 an Gerste. Der Krotoschiner Schullehrer 
erhielt 75 Rtl. aus der Kasse des Domänenamts. Vgl. das in der 
Anm. 2 angeführte Aktenstück u. A. Eggeling Mitteil. betr. die Gesch. 
von Krotoschin. Beil. zum Jubiläums-Programm des dortigen 
Gymnasiums 1886. S. 16. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. II I 

Es dürfte das Urteil gerechtfertigt erscheinen, dass 
die Amtsstädte sich doch besser standen als die adligen 
Mediatstädte 1 ). Zu einer freiwilligen Ermässigung der 
Abgaben konnte der adelige Grundherr sich gar nicht 
oder doch nur höchst selten verstehen. Dass die Amts- 
städte besser daran waren, tritt auch bei den Bestrebungen 
zu Tage, die darauf hinzielten, mehreren südpreussischen 
Mediatstädten durch den Ankauf seitens des Staates oder 
auch seitens der betreffenden Bürgerschaft selbst die 
Immedietät zu verschaffen. Sind auch sämtliche Pläne 
gescheitert, so mögen sie doch hier behandelt werden; 
werfen sie ja ausserdem noch interessante Schlaglichter 
auf das Verhältnis der adligen Grundherren zu ihren 
Städten! 

Anfang 1794 bat die Bürgerschaft von Kempen 2 ) 
zu einer Immediatstadt erhoben zu werden. Sie ver- 
sprach sich davon ein Aufblühen ihres Gemeinwesens. 
v. Voss war dem Antrage nicht abgeneigt. Er verlangte 
von der Petrikauer Kammer Auskunft, ob bei der Herr- 
schaft Kempen zu Meliorationen geeignete Ländereien 
vorhanden wären. Seine Absicht ging dahin, den pol- 
nischen Adel durch eine Musterwirtschaft zu einer 
rationelleren Kultur seiner Güter anzuregen. Die bald 
darauf ausbrechende Insurrektion machte diesen Plan 
zunichte. 

Die Einziehung der geistlichen und starosteilichen 
Güter brachte dem Staat einen Überfluss von Domänen. 
Es ist daher verständlich, wenn die preussische Ver- 
waltung sich Ankäufen von Gütern und Güteraustausch 
gegenüber ablehnend verhielt, so z. B. bei der Herrschaft 
Schwersenz 3 ) im Jahre 1796. Den Ankauf der Stadt Lissa 4 ) 

*) Vgl. auch das Kap. V, S. 119 f. Gesagte. Krotoschin und 
Czenstochau waren Amtsstädte. Andere wie Fraustadt und Kolo 
waren in polnischer Zeit starosteilich gewesen. Jetzt unterstanden 
sie ebenfalls einem Domänenamt. 

2 ) St.-A. Posen, Kempen C. 2. 

*) St.-A. Posen, S. P. Z. Schwersenz C, I. 20. St.-A. Breslau, 
K. O. Bd. VI, Kabinettsorder v. 19. Mai 1796. 

4 ) St.-A. Posen, Lissa C. 5. 



112 Fritz Grützmacher. 

durch den Staat hinderten 1802 die ungeklärten Zustände, 
die vornehmlich in den oben erörterten recht unsicheren 
grundherrschaftlichen Abgaben und in den rechtlichen 
Verhältnissen der zu einem Fideikommiss gehörigen Stadt 
bestanden. 

Ebenso wurde trotz eifriger Befürwortung des Steuer- 
rats v. Hirschfeld und des Generaladjutanten des Königs 
v. Zastrow nichts aus dem Ankauf der Herrschaft 
Schmiegel 1 ). „Die Stadt ruiniert meine Gesundheit und 
meinen Beutel", schreibt der Grundherr v. Chlapowski 1800 
an Voss. Seine Worte, dass „der Staat durch den An- 
kauf der Stadt diese blühend und dadurch die ganze 
Provinz glücklich machen kann", dürfte mit Recht als ein 
Zeugnis für die vorteilhaftere Lage der Amtsstädte im 
Vergleich zu der der adligen Mediatstädte gelten. 

Höchst interessant sind auch die Versuche bei der 
Stadt Rawitsch 2 ). 1799 empfiehlt der Oberstleutnant 
v. Frankenberg aus Rawitsch den Ankauf. Mangel an 
Geldern Hess hier vor der Hand aus diesem Plane 
nichts werden. Einen Tausch mit Domänengütern lehnte 
Voss ab. In ein neues Stadium trat die Angelegenheit, 
als im Jahre 180 1 die Herrschaft Rawitsch zum ersten 
Male unter den Hammer kam. Unter Berufung auf das Bei- 
spiel der Stadt Schmiedeberg 3 ), die Friedrich der Grosse 
zu einer Immediatstadt erhoben hatte, bat die Bürgerschaft 
im April 1801 den König, ihr ein Kapital von 250 000 bis 
300000 Rtl. zum Ankauf der Herrschaft Rawitsch gegen 
die gewöhnlichen Bankozinsen zu leihen. Deutlich er- 
kennt man hier das Streben der Bürgerschaft, loszu- 



!) Geh. St.-A. Berlin, Rep. 89, 4 I. Denkschrift Zastrows 
v. 3. August 1803. Ortschaften Nr. 1374. 

2 ) Geh. St.-A. Berlin, Ortschaften Nr. 1168, 1186. St.-A. Posen, 
Rawitsch C. 6. Stadtarch. Rawitsch, Acta d. Rawitscher Magistrats, 
die Schuldforderung der Gebr. Molinari betr. 

3) Vgl. Th. Eisenmänger, Schmiedeberg in der ersten Zeit der 
preuss. Herrschaft. Erhebung zur freien Berg- und Handelsstadt. 
Zeitschr. f. Gesch. u. Altert. Schlesiens, 15 Bd. (Breslau 1880). 
S. 152—62. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 113 

kommen von der Grundherrschaft, die eine gedeihliche 
Entwickelung der Stadt insbesondere durch die hohen 
Abgaben des Tuchmachergewerks hinderte. Voss ging 
zwar auf die Wünsche der Bürgerschaft nicht in vollem 
Umfange ein; dass er aber der Posener Kammer in dem 
Schreiben vom 14. September 1801 erklärte, die schleunigste 
Einleitung der vorbereitenden Schritte würde er „mit be- 
sonderem Wohlwollen, die Verzögerung nicht anders als 
mit dem äussersten Missfallen bemerken", zeigt doch das 
hohe Interesse, das er an der Sache nahm. Der Grund- 
herr v. Mycielski hintertrieb mit allen Mitteln diesen 
Plan. Er schloss mit seinem Hauptgläubiger, den Gebr. 
Molinari in Breslau, im Mai 1801 einen Vergleich und 
wandte so die drohende Subhastation ab. Denn, bei 
dieser wäre natürlich ein geringerer Preis erzielt worden, 
als bei dem von ihm beabsichtigten freihändigen Verkauf. 
Die Bürgerschaft, die zu diesem wegen der Höhe des Kauf- 
preises nicht fähig war, hatte also das Nachsehen. Zu 
einem freiwilligen Ankauf der Stadt konnte sich Voss 
auch späterhin auf Anträge des Grundherrn in den 
Jahren 1803 und 1805 nicht verstehen. Er wollte einen 
Ankauf bei vorkommender Subhastation. Ganz anders 
verhielt sich Stein; Voss abwartend, zaudernd, Rücksicht 
nehmend auf einen nach Hilfe suchenden Vasallen, Stein 
mit dem Feuereifer seiner Persönlichkeit für den sofortigen 
Kauf eintretend. Es gilt hier ein für den Staat nützliches 
Werk, eine Reform im kleinen, durchzusetzen. Beide 
Minister in dieser Beziehung einig, ergibt sich der grosse 
Unterschied zwischen beiden: Stein will sofort auf dem 
kürzesten und schnellsten Wege eine Besserung eintreten 
lassen. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Stein 
und Voss, die in einem beiderseits mit grosser Konsequenz 
geführten Federkrieg ihren Ausdruck fanden, bezeichnen — 
mit einem vielleicht etwas kühnen Vergleich — den Gegen- 
satz zwischen dem alten, durch Voss verkörperten Preussen 
und dem in dem Zusammenbruch des Staates erstehenden 
neuen Preussen. Nur langsam brechen sich vor 1806 die 
Reformen Bahn. Mit einer Schnelligkeit ohnegleichen 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XXVII. 8 



114 Fritz Grützmacher. 

treten sie nach diesem Unglücksjahre in die Erscheinung. 
Die Entscheidung des Kgl. Kabinetts vom 15. März 1805 
zugunsten v. Voss trug den Plan zu Grabe. 

Einen Blick in die Polenpolitik dieser Zeit gewinnt 
man bei den Bestrebungen der Bürgerschaften zu Tirschtiegel 
und Betsche, die sich durch den Ankauf der Güter ihrer 
Grundherrschaften die Immedietät verschaffen wollten 1 ). 
Für sie mag freilich der Hauptgrund der gewesen sein, 
ihre Besitzungen durch Zerstückelung des grundherrschaft- 
lichen Gutes zu vergrössern. Die Bürgerschaft zu Tirsch- 
tiegel fasste sogar die Heranziehung von Ansiedlern aus 
dem Kernlande Preussens ins Auge. Die Anträge wurden 
abgelehnt. Das wurde im wesentlichen mit der Rücksicht 
auf den kleinen polnischen Adel begründet, dem durch 
den Verkauf der Herrschaften an die Bürgerschaften eine 
Gelegenheit zum Erwerbe durch Landwirtschaft genommen 
worden wäre 2 ). 

Fünftes Kapitel. 

Es bleibt noch übrig, das Verhältnis zwischen Grund- 
herrschaft und Bürgerschaft unter dem Gesichtswinkel des 
Steuer- 3 ) und Bauwesens zu betrachten. Erklärlicher Weise 
spielt hier das Verhältnis zum Staat eine besonders grosse 
Rolle. Es ist in südpreussischer Zeit nicht gelungen, die 
recht erheblichen Ungerechtigkeiten des polnischen Steuer- 
systems auszugleichen. Die in Aussicht genommene 
Klassifikation wurde ja bereits im September 1794 auf- 
gegeben. Man begnügte sich mit Erhöhungen nach 
dem alten polnischen System. Einige Härten wurden aller- 
dings beseitigt. So durften sich die Grundherren ferner- 
hin nicht mehr die Überschüsse der Rauchfanggelder 



i) Geh. St.-A. Berlin, Rep. 89, 37 C. Ortschaften Nr. 1511. 

2 ) In Grossherzoglich- Warschauischer Zeit kam der Kauf durch 
die Betscher Bürgerschaft zustande. Vgl. Familiengesch. der Frei- 
herrn Hiller v. Gaertringen. Bearbeitet v. Friedr. Fr. v. G. u. W. 
Fr. v. G. (Berlin 1910) S. 216 f. 

3 ) Eingehendere Nachrichten darüber s. D. J. 1793, Cap. V. 
Schmidt, Bd. 48. S. 562—581. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 115 

aneignen 1 ). Durch die Neuregulierung des Steuerwesens 
in den Jahren 1795 und 1797 wurden die geistlichen 
(späteren Amts-) Städte nicht nur von den Mehrbeträgen 
des subsidii charitativi, sondern überhaupt von der Ent- 
richtung dieser Abgaben befreit 2 ). 

Nur in beschränktem Masse ist es der preussischen 
Verwaltung gelungen, die städtische Propination gegen 
die Konkurrenz des platten Landes zu schützen. Diese 
Angelegenheit berührt das Verhältnis zwischen Grundherr- 
schaft und Bürgerschaft insofern, als die wohl meistenteils 
ganz in der Nähe der Städte gelegenen Brauereien und 
Brennereien der Grundherrschaften die Tranksteuer nach 
polnischer Verfassung nicht bezahlten und durch die da- 
durch bedingten billigeren Verkaufspreise ein Aufkommen 
der Propination in ihren Städten hinderten. Ein unter Hoym 
am 28. März 1797 3 ) erlassenes Edikt, das alle bis zu 1 /± 
Meile von der Stadt entfernten Schankstätten der Trank- 
steuer unterwarf, wurde am 5. September 1797 auf Ver- 
anlassung seines Urhebers Hoym suspendiert. Auch über 
den folgenden Unternehmungen waltete kein günstiger 
Stern. Eine Untersuchung über die Schädlichkeit der in 
der Nähe der Städte gelegenen Fabrikations- und Schank- 
stätten, die Voss und Struensee im Oktober 1800 ein- 
leiteten, wurde im Laufe des Jahres 1801 aufgehoben 4 ). Zum 
dritten Male veranlasste eine Kabinettsorder vom 11. Sep- 
tember 1802 eine neue Untersuchung für Süd- und Neuost- 
preussen. Auch diesmal scheint ein durchschlagender 
Erfolg nicht erreicht worden zu sein. Freilich waren auch 
einzelne Bestimmungen des „Publikandum wegen der 
allerhöchst genehmigten Prinzipien zur Vermeidung weiterer 
Zweifel über die Grenze der städtischen Steuerpflichtig- 



1 ) Vgl. S. 26 dieser Arbeit. 

2 ) Vgl. D. J. 1793, S. 244 f. Lehmann, S. 339 f. Urkunde 
Nr. 314. St. v. Zoltowski, Die Finanzen d. Herzogstums Warschau 
(1806 bis [815) (Posen 1890) S. 66/67. 

3) Eisenberg u. Stengel, Bd. X (Halle 1800), S. 139 ff. 

*) Geh. St.-A. Berlin, Rep. 89, 4 I. Bl. 67. Gen. Dir. Sp. Tit. I 
Nr. 12a. Tit. LXXIII, vol. XII, Bl. 223. 



Il6 Fritz Grützmacher. 

keit in Südpreussen" d. d. 2. März 1802 x ) höchst unklar. 
Der im § 8 enthaltene Begriff „Nähe" Hess einen recht 
weiten Spielraum offen 2 ). In dem Publikandum wurde 
fernerhin verboten, innerhalb i/ 4 Meile neue Fabrikations- 
und Schankstätten anzulegen. 

Auch die mit der Vollziehung betrauten Behörden 
waren mit demselben keineswegs einverstanden. Das 
Posener Kammerpräsidium beantragte sogar am 22. Sep- 
tember 1803 seine Suspension 3 ). Dass der südpreussische 
Adel von dem Publikandum nicht gerade erbaut 
war, liegt auf der Hand 4 ). Durch Denkschriften, die 
er durch die Landräte , so z. B. durch den Landrat 
v. Unruh 5 ) und v. Thein, an den König gelangen Hess, 
gab er seiner Missstimmung rückhaltlos Ausdruck. Im 
Laufe des Jahres 1804 fanden nachweisbar in Neubrück, 
Xions, Neustadt b. P., Wollstein, Kriewen, Kosten, Miloslaw 
und Gnesen Verhandlungen statt. Die Berichte zeigen, 
dass die Meinungen der untersuchenden Beamten meist 
in der Auslegung des § 8 weit auseinander gingen. Die 
Accise-und Zoll -und die Steuerräte suchten zugunsten 
der Städte zu wirken. Die Landräte strebten danach, eine 
Ausdehnung der Tranksteuern auf das platte Land nach 
Möglichkeit zu verhindern. Einige dieser Schankstätten 
mussten fernerhin nachweisbar die Tranksteuern bezahlen 6 ). 



!) Geh. St.-A. Berlin, Gen. Dir. Sp. Tit. LXXIII, vol. XV, ßl. i4. 
Publiziert am 1. Mai 1803. Druck in: Ortschaften Nr. 617. Abdruck 
in: Neue Kornsche Ediktensamml. VIII. Bd. (Bresl. 1805) S. 340—43, 
vgl. auch das Rescr. an die Land-, Steuer- und Acciseräte d. Kalischer 
Kammer, v. 17. April 1804, ebenda Bd. IX (Bresl. 1806), S. 173—75. 

2 ) Vgl. die Kritik Stengers, in dem Oktober-Stück d. sp. Monats- 
schrift Jahrg. 1803. 

3) Geh. St.-A. Berlin, Gen. Dir. Sp. Tit. I, Nr. 23. 

4 ) Das Folgende, wenn nichts bes. vermerkt, nach Geh. St.-A. 
Berlin, Gen. Dir. Sp. Tit. XVII, Nr. 3, Ortschaften Nr. 617, 802. 

5) Vgl. Cap. III, S. 69 Anm. 7. 

6) So bei der Stadt Gnesen. Auch der Accise- und Zollrat 
Köhler berichtet, dass „schon einige Dominia herangezogen sind; aber 
es finden darinnen solche Widersprüche u. Ausnahmen statt, welche 
zu vielen Streitigkeiten Veranlassung gegeben haben." St.-A. Breslau, 
Herrschaftsarch. Poln. Nettkow Nr. 488. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 117 

Auf der Reise des Ministers v. Voss im Jahre 1804 wurde 
ihm darüber „sehr laut und dringend geklagt" 1 ). Späterhin 
scheint eine Stockung eingetreten zu sein. Der Ertrag 
der Brauereien und Brennereien wurde bereits bei der 
240/0 Abgabe des platten Landes versteuert. Als daher 
die Posener Kammer im Falle der Stadt Neustadt b. P. auf 
die dann stattfindende Doppelbesteuerung aufmerksam 
machte, beschloss Voss, den König entscheiden zu lassen. 
Eine Kabinettsorder darüber ist mir nicht bekannt ge- 
worden. Voss unterhandelte mit Stein 2 ), dem Nachfolger 
Struensees, wegen Aufhebung des § 8. Es steht das 
wohl mit der damals beabsichtigten Einführung der Accise 
in Südpreussen in Zusammenhang 3 ). 

Was das Bauwesen betrifft, so ergibt sich, dass der 
Staat doch ziemlich scharf zwischen Mediatstädten und 
Immediatstädten 'schied, so grosse Differenzen auch hier 
die Verwaltungszeiten von Voss und Hoym zeigen. Seine 
ursprünglich recht hoch fliegenden Pläne musste der erst- 
genannte Minister sehr bald zurückdämmen. Er begnügte 
sich damit, den Aufbau der grösseren Städte, so beson- 
ders von Kaiisch, durch recht hohe Bauhilfsgelder zu 
fördern 4 ). Für alle übrigen Städte hat Voss, wie Hoym 
ihm 1796 zum Vorwurf machte, nichts getan als geschrieben 5 ). 
Auch Hoym musste zuerst Bauhilfsgeldergesuche von 
Mediatstädten, z. B. von Zaborowo im Jahre 1795, ablehnen. 
Für die kleineren Städte des Plocker Kammerdeparte- 
ments bewilligte er durch Publikandum vom 26. April 
1795 6 ) bei Bauten mit massiven Schornsteinen und Ziegel- 
dächern 30 °/ Bauhilfsgelder. Er musste aber bereits im 

!) Geh. St.-A. Berlin, Rep. 89, 120 A. Immediatbericht v. Voss 
v. 18. Juni 1804. 

2 ) Auf seine Veranlassung wurde durch Rescr. v. 27. April 
1805 eine Erhöhung der Tranksteuersätze durchgeführt. Geh. St.-A. 
Berlin, Gen. Dir. Sp. Tit. LXXUI, vol. XVII, Bl. 54, Abdruck auch 
Neue Kornsche Ediktensamml. Bd. IX (Bresl. 1806), S. 366 f. 

3) Vgl. Lehmann, Stein, Bd. I, S. 348—352. 

4) Vgl. D. J. 1793, S. 484-86. 

5 ) Ch. Meyer, Geschichte d. Prov. Posen (Gotha 1891), S. 340. 

6 ) Lengnich, S. 63. 



Il8 Fritz Grützmacher. 

Jahre 1796 von dieser Verfügung abgehen. Auch ein 
zelnen Mediatstädten des Posener Kammerdepartements, 
wie Lissa 1 ), welches 1793 481 wüste Baustellen aufwies, 
wandte Hoym seine Gunst zu. Jährlich sollten hier 
4000 Rtl. derart verteilt werden, dass jeder mit Ziegeldach 
Bauende 120 Rtl. erhielt. Diejenigen, die nicht vorschrifts- 
mässig zu bauen imstande waren, mussten sich damit be- 
gnügen, dass sie für ihre Bauten die Schlacht- und Kamin- 
gelder (jährlich 5278 Rtl.) angewiesen erhielten. In Boja- 
nowo 2 ), das von der polnischen Regierung ebenfalls einen 
zwölfjährigen Abgabenerlass erhalten hatte, wurden die 
Abgaben fernerhin eingezogen, und den Neubauenden 
nach und nach bei Errichtung der Häuser der zwölfjährige 
Betrag zurückgezahlt. Ein Antrag Hoyms und Struensees, 
die noch fälligen Gelder im Betrage von 13866 Rtl. den 
Neubauenden vorschussweise zu bewilligen, wurde vom 
Könige 1797 abgelehnt. 

Durch die Generalverfügung vom 26. April 1796 3 ) 
brach Hoym mit den Bauhilfsgeldern. Jeder Neu- 
bauende sollte unter anderem unentgeltlich eine wüste Bau- 
stelle, Holz aus den Kämmereiforsten, fünfjährige Vergütung 
der Konsumtionssteuern für sich und seine Familie (nach 
bestimmten Sätzen abgestuft) erhalten. Die Ausländer 
suchte man noch durch besondere Vergünstigungen, wie 
Meilengelder, Befreiung vom Militärdienste, Zuschüsse zu 
den Einrichtungskosten der Werkstätten heranzuziehen 4 ). 
Das Publikandum hatte die Baulust in den Städten ausser- 



!) St.-A. Posen, Lissa C. 8. 

2 ) Geh. St.A. Berlin, Minuten 1797. Kabinettsorder vom 
5. August 1797. Meissner, C. J. E., Rückblicke am Feste des 200- 
jährigen Bestehens der evang. Kirche in Bojanowo den 2, Advents- 
sonntag 1841. (Rawitsch) S. 36 f. 

3 ) Lengnich, S. 42 ff. Geh. St.-Arch. Berlin, Rep. 89, 37. C. 
Immediatbericht vom 29. Juni 1802 (Verfasser Minister v. Voss). 

4 ) Publicandum der Kalischer Kriegs- und Domänenkammer vom 
13. November 1798. Berlinische Nachrichten v. 27. Dez. 1798, Nr. 115. 
Zur Unterstützung städtischer Kolonisten waren, wie aus den vor- 
handenen Etats der Jahre 1798 — 1806 ersichtlich ist, jährlich 12000 Rth 
ausgeworfen. Geh. St.-Arch. Berlin, Rep. 89, 120 A. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstäd ten. 119 

ordentlich erregt; bis zum 1. Juni 1799 waren 78090 Rtl. 
verausgabt. Voss sah sich daher genötigt, es in dem- 
selben Jahre aufzuheben, zumal nach seiner Ansicht „durch 
die im gedachten Publikandum verheissenen Baubeneficien 
die Interessenten keineswegs in den Stand gesetzt wurden, 
den Bau in den Städten zweckmässig zu befördern". Er 
kehrte zu seinem System aus dem Jahre 1793 zurück. 
Am 3. April 1799 1 ) bewilligte er zur Aufnahme der Städte 
Posen 2 ), Gnesen, Meseritz, Schwerin, Fraustadt, Wloclawek, 
Peisern, Kolo, Kosten, Krotoschin, Kaiisch, Petrikau, Konin, 
Sieradz, Czenstochau, Warschau, Lowitz, Lentschütz und 
Sochaczew 3o0/ Bauhilfsgelder für massive, 15% für 
Fachwerkbauten 3 ). Die Auswahl der Städte, unter denen 
sich keine einzige Mediatstadt befindet, beweist die Be- 
nachteiligung dieser Städte, die auch als solche empfunden 
wurde 4 ). Voss scheute sich zu einer Unterstützung zu 
greifen, „weil die grundherrschaflichen Rechte bei Mediat- 
städten vielfach hinderlich" 5 ) waren. Die Folge einer 
solchen Anschauung war es, dass er ernstlich den Plan 
erwägen konnte, die Bürger der im Jahre 1801 abge- 
brannten Mediatstadt Rawitsch, nächst Posen der grössten 
Stadt des Posener Kammerdepartements, zu einem 



i) Geh. St.-A. Berlin, Gen.-Dir. Sp. Tit. LXXIII, vol. X, Bl. 129. 

2 ) Vgl. auch R. Prümers, Der grosse Brand von Posen am 
15. April 1803. Z. 19 (Posen 1904) S. 119—174. Jaffe, S. 56—58. 

3 ) In dem Immediatbericht v. Voss vom 16. Juni 1799 heisst es : 
„Auch in den Städten lassen sich mehrere auswärtige Handwerker 
nieder, und die von mir wieder eingeführten Bauprozentgelder 
zeigen hierbei schon ihre wohltätige Wirkung." Geh. St.-A. Berlin, 
Rep. 89, 149 A. 

4 ) „Einige Vorschläge, den kleinen Städten zu Hilfe zu kommen, 
v. Gnotiseauton Kosmophilos (Bürger einer Mediatstadt) sp. Monats- 
schrift Februarstück (Posen 1804) S. 240 — 51. Ausnahmsweise wurden 
einem Schmiegler im Jahre 1804: 1481 Rtl. zum Retablissement 
eines Gasthauses gewährt. Ortschaften Nr. 1375. Vgl. auch Kap. IV, 
S. in Anm. 1. 

5 ) Das Folgende nach: Geh. St.-A. Berlin, Rep. 89, 37. 
C. Immediatbericht v. Voss u. Struensee vom 10. Juni 1801. Ort- 
schaften Nr. 1168. St.-A. Posen, Rawitsch C. 11, 12, 13. J. F. Struensee 
Blicke auf Sp. vor und nach dem Jahre 1793 (Posen 1802) S. 102! 



120 Fritz Grützmacher. 

Verziehen nach Immediatstädten zu bewegen! Voss ver- 
hielt sich zu den Anträgen der Rawitscher Bürgerschaft, die 
auf 4o0/ Bauhilsgelder und ioo ooo Rtl. Bauvorschussgelder 
hinzielten, ziemlich kühl. Der König sah über die eng- 
herzigen Ansichten des Ministers v. Voss hinweg. Er be- 
willigte der Bürgerschaft, welcher auch nicht im entfern- 
testen der Gedanke an eine Auswanderung gekommen 
war, iooooo Rtl. zum Retablissement. Diese wirksame 
Hilfe hat die Stadt in der überraschend kurzen Zeit von 
4 Jahren auf die alte Höhe gebracht. So ist hier zu der 
unermüdlichen Bautätigkeit Friedrichs des Grossen im 
Netzedistrikt und Westpreussen ein Analogon geschaffen 
worden. 

Hatten die Besitzer abgebrannter Bürgerhäuser — 
Brände kamen trotz Feuerlöschordnungen, Anschaffung 
von Spritzen und Polizeiverfügungen recht häufig vor — 
nicht die Mittel zum Wiederaufbau, so wurde ihnen ein 
dreijähriger Abgabenerlass bewilligt. Die Grundherr- 
schaften wurden nach Vorschrift des Allgemeinen Land- 
rechts veranlasst, abgebrannten Bürgern die grundherr- 
schaftlichen Abgaben für die Hälfte der von den Behörden 
gewährten Zeit zu erlassen 1 ). Nach der „Usance" scheinen 
übrigens nach Ablauf mehrerer Jahre die wüsten Baustellen 
an die Grundherrschaften gefallen zu sein, wie aus einem 
Falle in der Stadt Schokken 2 ) hervorzugehen scheint. Durch 
die Einrichtung der Feuersozietät im Jahre 1803 wurde 
ein Werk von bleibendem Wert geschaffen 3 ). 



*) Lengnich, S. 63, Rescr. v. 18. Februar 1795, 14. Sept. 1795. 
Geh. St.-A. Berlin, Gen. Dir. Sp. Tit. LXXIII. vol. X, Bl. 138. Rescr. 
v. 30. Okt. 1799. 

2 ) Der Grundherr wollte den Bürgern dieser Stadt nach dem 
grossen Brande im Jahre 1795 40000 fl. leihweise 3 Jahre zinsenfrei 
vorstrecken. Als Bedingung stellte er die Verzichtleistung der 
Bürger auf verschiedene Gerechtigkeiten, über die Prozess geführt 
wurde. „Da diese Unterstützung überhaupt mehr die Gewinnsucht 
des Grundherren als Menschenpflicht zum Grunde hatte", wurde sie 
abgelehnt. Ortschaften Nr. 1382. 

3 ) Abdruck des „Reglement für die sp. Städtefeuersozietät" 
d. d. Potsdam, 21. April 1803 in Z. 22 (Posen 1907) S. 224 — 36. 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 12 L 

Mit nicht unbeträchtlichen Summen 1 ) hat der preussi- 
sche Staat den Bauzustand der südpreussischen Städte zu 
heben gesucht. Selbst der im Punkte der preussischen Ver- 
waltung von Südpreussen so kritisch denkende Friedrich 
v. Colin erkennt hier die Verdienste der preussischen 
Verwaltung an 2 ). Auch der Freiherr v. Stein hat diesem 
Gedanken in der Nassauer Denkschrift Ausdruck gegeben 3 ). 

Schlusswort. 

Unter zwei Gesichtspunkten soll auf Grund der vor- 
angehenden Ausführungen die Frage beantwortet werden, 
welche Bedeutung die südpreussische Zeit für das Ver- 
hältnis zwischen Grundherrschaft und Bürgerschaft hat- 
Betrachtet man sie im Zusammenhang einer grossen Ent- 
wicklungsreihe, so wird das Urteil für die preussische 
Verwaltung wohl günstig lauten dürfen: Die südpreussische 
Zeit bildet in der Geschichte der hier behandelten Städte 
insofern einen Markstein, als dem willkürlichen Regiment 
der Grundherren ein für allemal ein Ziel gesetzt wurde. 
Denn der Fall der Stadt Rawitsch mit seinen eigenmächtigen 
Handlungen der Grundherren ist wohl als Ausnahme an- 
zusehen. 

Ungünstiger wird die Antwort lauten müssen, wenn 
man die Frage im Rahmen der preussischen Polenpolitik 
in der Provinz Südpreussen und der Verwaltungsgeschichte 



!) Die Gesamtsumme aller für das Retablissement der Städte 
verwandten Gelder Hess sich genau leider nicht ermitteln, da die 
Zahlen für die Etatsjahre 1794/95, 1797/98 fehlen. Für diese Jahre 
die Angaben aus dem vorhergehenden Jahre gerechnet, ergibt sich 
rund 870000 Rtl. D. J. 1793 S. 116, 499—501. Geh. St.-A. Berlin, 
Rep. 96, 242 B. Rep. 89. 120 A. Die Angaben bei: W. A. v. Klewitz, 
Über die preuss. Verwalt. in dem ehemaligen Süd- u. Neuostpreussen 
(Berlin 1812), beruhen auf Konstruktion. Die hier gegebenen Zahlen 
dürften sich beträchtlich erhöhen, da die Retablissementsgelder für 
Posen und Rawitsch offensichtlich nicht in die Etats eingestellt sind. 

2 ) Vertraute Briefe über die inneren Verhältnisse am preuss. 
Hofe seit dem Tode Friedrichs IL I. Bd. (Amsterdam und Köln T807) S. 87. 

3 ) G. H. Pertz, Das Leben des Ministers Freiherrn v. Stein. 
1. Bd. (Berlin 1849) S. 434. 



122 Fritz Grützmacher. 

des friderizianischen Staates vor 1806 zu beantworten sucht. 
Im Gegensatz zu Westpreussen, wo ein Friedrich der 
Grosse für die Einheitlichkeit sorgte, entbehrte die Ver- 
waltung Südpreussens durchaus einer durchgreifenden, nie 
ermüdenden, zielbewussten Leitung. Seine beiden Nach- 
folger hatten die grossen Eigenschaften nicht, um mit 
eigenen Ideen den neuen Erwerbungen ihren Stempel 
aufdrücken zu können und durch ein wachsames Auge 
alle Massnahmen zu beaufsichtigen. Vielmehr blieben sich 
die Minister v. Voss und Graf v. Hoym meist selbst über- 
lassen. Aus der Gegensätzlichkeit beider und dadurch, 
dass sie entgegengesetzte Grundsätze bei der Organisation 
zum Ausdruck brachten, ergaben sich vielfach grosse Ver- 
schiedenheiten. Zweifellos ist man in der Hoymschen 
Verwaltungszeit — es ist hier nur von den Massregeln die 
Rede, die wirklich durchgeführt wurden oder für deren 
Durchführung etwas getan worden ist — in der Emanzipation 
des Bürgerstandes von den Grundherren am weitesten 
gegangen. Vor allem ist da die Anstellung des Polizeibür- 
germeisters durch den Staat zu erwähnen, fernerhin die 
Deklaration vom 10. August 1796. Sie räumt dem Staat 
einen recht grossen Einfluss auf die Verwaltung der Me- 
diatstädte ein. Aus der Städtekommission, die in dieser 
Zeit eingesetzt wurde und die ausserordentlich günstige 
Rechtsunterlagen für die Bürger enthält, soll die „Kon- 
stitution über die Verfassung der südpreussischen Mediat- 
städte" erwachsen. Eine Erhöhung der wirtschaftlichen 
Leistungsfähigkeit der Städte, die durch die Erhöhung der 
staatlichen Steuern noch übler daran waren als in pol- 
nischer Zeit, war ihr Endzweck. In der Tonart, in welcher 
die Instruktion gehalten ist, klingen recht vernehmlich bür- 
gerfreundliche Tendenzen an. Aus den geistlichen Mediat- 
Städten werden in dieser Zeit infolge der Einziehung der 
geistlichen Güter Kgl. Domänenstädte. 

Die schlaffe Durchführung der Städtekommission 
dürfte man als ein charakteristisches Merkmal der preussi- 
schen Verwaltung vor 1806 ansehen. In den polnischen 
Provinzen war das Beamtenmaterial leider keineswegs so 



Grundherrschaft u. Bürgerschaft i. d. südpr. Mediatstädten. 123 

gut, wie es wünschenswert gewesen wäre; das zeigt das 
Wirken vieler Polizeibürgenneister und einzelner Steuer- 
räte. Es traten hier Schäden zu Tage, die während der 
ganzen südpreussischen Zeit nicht wieder gut gemacht 
werden konnten. 

Im Vergleich zu der Politik des Ministers v. Hoym ist 
die des Ministers v. Voss recht adelsfreundlich zu nennen. 
Er verzichtet mit der Aufhebung der Städtekommission 
auf eine allgemeine Erleichterung der Lasten. Den Grund- 
herren wird die Ernennung des Polizeibürgermeisters über- 
lassen und ein viel weitergehender Einfluss auf die Poli- 
zeiverwaltung ihrer Städte gestattet, als er in der voran- 
gehenden Zeit vorhanden war. Die Politik, die v. Voss be- 
folgte, war die, durch das Mittel der Grundherren die 
Bürger fester an den Staat zu knüpfen. Das war im 
Hinblick auf den stets zum Abfall geneigten polnischen 
Adel ein recht gefährliches Experiment. 

Diese grosse Abhängigkeit der Bürger schliesst nicht 
aus, dass sich das Verhältnis zwischen ihnen und ihrer 
Grundherrschaft im Vergleich zu der polnischen Zeit ausser- 
ordentlich geändert hatte. Wenn sie sich auch vielfach 
weigerten, die Zuschüsse für die Polizeibürgermeister und 
Schulen zu zahlen, so wird doch schon die reine Tatsache, 
dass die Behörden sie verlangten, die Grundherren daran 
gemahnt haben, dass die Zeit vorbei war, wo sie allein 
der empfangende Teil gewesen waren. Die Prästations- 
prozesse brachten in manchen Städten eine wesentliche 
Verminderung der grundherrschaftlichen Einnahmen. Der 
Grundherr verlor dabei oft einen Teil seines Wohlstandes. 
Er spürte jetzt am eigenen Leibe, was er oder seine Vor- 
fahren getan hatten, als sie durch Aufbürdung immer neuer 
Abgaben die wirtschafliche Lage ihrer Bürger verschlech- 
terten. Die strafende Gerechtigkeit machte sich geltend. 
Wenn auch in vielen Städten das alte drückende Abgaben- 
verhältnis bestehen blieb, der Prästationsprozess konnte 
jeden Augenblick über die Grundherren hereinbrechen. 
Dieser bildete ein beunruhigendes Element in dem Ver- 
hältnis zwischen Bürgerschaft und Grundherrschaft. Die 



124 Fritz Grützmacher. 

Durchführung der Städtekommission hätte einen einmaligen, 
schmerzhaften Eingriff in die Lage der Grundherren mit 
sich gebracht. Sie hätte den Vorzug der Gerechtigkeit 
gehabt, da nicht nur der eine oder der andere Grundherr, 
sondern alle gleichmässig davon betroffen worden wären. 
Der Tilsiter Frieden befreite den preussischen Staat 
von Landen, die ihm wohl eine gute geographische Grenze 
boten, aber doch einen Hemmschuh in seiner Gesamt- 
entwicklung als eines protestantisch -deutschen Staates 
bildeten. Die Verwaltung der Mediatstädte lenkte damit in 
andere Bahnen ein. Der Gesetzentwurf der „Deklaration 
über das Verhältnis der Grundherrschaften und Bürgerge- 
meinden in den süd - und neuostpreussischen Städten", wie 
er 1806 vorlag, nahm die Aufhebung und Ablösbarkeit der 
grundherrschaftlichen Lasten in Aussicht. In Grossherzog- 
lich - Warschauischer Zeit wurden die Rechte der Grund- 
herren auf die Besetzung der Magistrate und die Polizei- 
und Vermögensverwaltung der Städte völlig beseitigt 1 ). 
Das war ein Fortschritt gegenüber der Verwaltungszeit 
des Ministers v. Voss in den Jahren 1798 — 1806. Es mag 
immerhin als ein Zeichen für den gesunden Kern an- 
gesehen werden, der in dem friderizianischen Staat steckte, 
dass er ein Gesetz, wie das eben erwähnte, plante. Das 
tritt besonders deutlich zu Tage, wenn man bedenkt, dass 
der preussische Staat des 19. Jahrhunderts erst 15 Jahre 
nach der Besitznahme der Provinz Posen in Flottwellscher 
Zeit (1830 — 41) die Auseinandersetzung zwischen Grund- 
herrschaft und Bürgerschaft hinsichtlich der Abgaben in 
Angriff genommen hat. 



x ) Hervorgehend aus einem Schreiben des Oberpräsidenten der 
Prov. Posen v. Baumann an die adl. Dominien vom 28. November 1827, 
enthalten in dem Kap. III, S. 64 Anm. 2, näher zit. Aktenfascikel 
auf dem Boden d. Amtsger. zu Rawitsch: R. 220 vol. IV, Bl. 451. 
St. v. Karwowski, Geschichte d. Hauses Leszczyc v. Radolin 
Radolinski (Posen 1908). S. 189. 



In Abkürzungen anyeführte Literatur. 

Bär, Max: Westpreussen unter Friedrich Abkürzung: 
dem Grossen. Publikationen aus den Kgl. 
preussischen Staatsarchiven. 83. 84. Bd. 

(Leipzig 1909) Bär, Bd. I. II. 

Eisenberg u